Remorse between the worlds
Kapitel 12
Pray for the light
Asche und Rauch. Die Luft ist erfüllt davon. Mir kommt es vor, als würde mir Voldemort persönlich die Kehle zudrücken, als ich Hagrid vor mir sehe, der mit Harry auf den Armen vor dem Portal des Schlosses steht, wo wir alle uns langsam versammeln. Ron ist neben mir, ebenso wie McGonagall.
Die Wut, die Trauer in uns ist unbeschreiblich. Ich selbst kann es nicht glauben; will es nicht glauben. Und trotzdem ist Harry so still, wie er da liegt...
Die Todesser haben uns umringt. Ich sehe Voldemort vor mir, wie zuvor in der Heulenden Hütte. Seine Unmenschlichkeit lässt mich schaudern, sodass ich in Gedanken ein stilles Stoßgebet zum Himmel schicke. Was er mit Harry und Snape getan hat, lähmt mich beinahe. Vor allem jetzt, wo ich endlich die Wahrheit über unseren Professor kenne, wird mir bewusst, was er für uns geopfert hat, was er auf sich genommen hat, um uns weiterzubringen.
Während Voldemort eine kleine Rede hält, um uns zum Aufgeben zu bewegen, vielleicht auch, um uns einzuschüchtern, wird das Schluchzen um mich herum immer lauter, als würden auch die anderen endlich realisieren, dass wir kurz vor dem Ende stehen.
Doch ich höre kaum hin, denn ich will nicht, dass es auf diese Art endet. Ich will nicht, dass Voldemort uns unterdrückt. Ich will nicht wahrhaben, dass so viele von uns umsonst gestorben sein sollen. Ich kann es nicht hinnehmen. Ich will Licht, keine Dunkelheit.
Weder die Menschen um mich, noch Voldemorts kalte Stimme kann etwas anderes in mir auslösen, als unbändigen Hass.
Ohne so recht zu wissen, was ich tue, trete ich aus der Menge hervor und stelle mich zwischen die Reihen, so dass er mich ungebrochen sehen kann. Plötzlich wird es totenstill.
„Sieh an", zischelt Voldemort mit geblähten Nasenschlitzen. „Das Granger-Mädchen."
Ich reiße mich zusammen, versuche mit aller Kraft, die todbringende Schlange zu ignorieren, die sich um ihren Herrn windet, als würde sie nur darauf warten, mir ebenso wie zuvor Snape die Zähne in den Hals zu schlagen. Und so starre ich ihm direkt zwischen die Augen; dem fleischgewordenen Übel, das meinen besten Freund getötet hat. Ja, sogar Snape schießt mir dabei in den Kopf, denn ohne ihn wären wir nicht soweit gekommen.
„Was auch immer Sie über mich denken, Riddle, es ist mir egal."
Ein Raunen geht auf meine Worte hin durch die Menge seiner Anhänger. Doch Voldemort erhebt gebieterisch den Zauberstab und augenblicklich wird es wieder still.
Es war riskant von mir, ihn zu provozieren, indem ich ihn mit dem Namen seines verhassten Vaters anrede. Aber vielleicht wollte ich das tief in mir, um ihn auf seine Herkunft hinzuweisen.
Postwendend bekomme ich Verstärkung aus meinen eigenen Reihen: Neville tritt neben mich. Er reckt die Faust gen Himmel und ruft: „Dumbledores Armee!"
Er hat noch nicht einmal ausgesprochen, da gackert Bellatrix Lestrange los: „Da! Das ist der Aufwiegler, Herr! Longbottom."
„Ah, ich erinnere mich", entgegnet Voldemort gelassen. „Waren es nicht seine Eltern, die du in den Wahnsinn getrieben hast?"
Bella senkt ehrfürchtig den Kopf, als er zu ihr spricht. „Ja."
„Und? Wen habt ihr noch zur Verfügung?"
„Mehr als Sie denken!", platzt es aus mir heraus.
Meine Atmung geht schneller, doch der Wunsch in mir, ihm eine kleine Lektion zu erteilen, ist stärker als meine Angst. Außerdem bin ich es jenen, die für uns gekämpft haben und gefallen sind, schuldig.
„Sie haben es immer noch nicht begriffen, nicht wahr?", frage ich hart. „Harry hat sich für uns geopfert, wie es damals seine Mutter für ihn getan hat. Sie sind am Ende, Tom. Ihre Rechnung ist nicht aufgegangen. Selbst Ihr treuester Diener hat sich als loyaler Mann Dumbledores erwiesen."
Das erregt seine Aufmerksamkeit. Er reckt den Hals und macht einen Schritt auf mich zu. „Und wer sollte das sein?", fragt er in einem bedrohlichen Flüstern.
„Snape", sage ich mit fester Stimme. „Severus Snape."
Voldemort rollt die Mundwinkel zurück. Dann ertönt sein kaltes Lachen. „Das ist komisch, weißt du? Denn er ist tot."
„Selbst wenn dem so ist, hat er dennoch über Sie triumphiert. Er hat Sie all die Jahre über im Auftrag Dumbledores ausspioniert und hinters Licht geführt, weil Sie zu sehr von sich eingenommen waren, um die Wahrheit zu erkennen."
Zum ersten Mal überhaupt sehe ich, dass er verunsichert ist, denn er zögert.
„Die Wahrheit?"
„Ja. Es gab einen Schlüssel zu allem, Tom, den weder Sie, noch Harry kannten. Einzig und allein Dumbledore wusste davon."
„Einen Schlüssel sagst du?"
„Lily. Na, klingelt es jetzt, Tom?"
„Aber sie ist tot", sagt er unbeeindruckt. „Ich selbst habe sie damals getötet."
„Und damit haben Sie Ihr eigenes Todesurteil gefällt, denn Snape hat sich gegen Sie gewendet, als Sie anfingen, Harrys Mutter zu jagen."
„Wieso hätte er das tun sollen?", fragt er leise, mehr zu sich selbst, als an uns gewandt.
„Er hat sie geliebt."
Voldemorts Kopf zuckt zur Seite. „Geliebt sagst du? Er hat sie nur begehrt. Nichts weiter."
„Das ist der Unterschied zwischen uns, Tom. Sie wissen nicht, was Liebe bedeutet. Er hat sie von Anfang an geliebt und Ihnen nur etwas vorgetäuscht. Ich selbst konnte mich davon überzeugen. Er hat auch Dumbledore nicht für Sie ermordet. Er hat einem sterbenskranken Mann nur einen Gefallen getan. Deshalb hat der Zauberstab nicht funktioniert. Er gehörte niemals Snape."
„Das ist eine Lüge", zischt er aufgebracht.
So langsam glaube ich, habe ich ihn da, wo ich ihn im Stillen die ganze Zeit über haben wollte, nämlich am Ende seiner Philosophie.
„Glauben Sie das wirklich? Denken Sie nach, Tom. Snape hat Sie gebeten, Lily zu verschonen. Und Bella, was ist mit dem Schwert in Ihrem Verlies? Sie dachten, es ist echt, nicht wahr? Doch es war nur eine billige Kopie. Snape hat uns heimlich das Original zukommen lassen, damit wir die Aufgabe fortführen konnten, die Dumbledore uns aufgetragen hat."
„Das heißt, du stehst trotz deiner Übermacht so ziemlich allein da", wirft Neville plötzlich ein.
Ich sehe ihn verblüfft an. Beinahe habe ich alles um mich herum vergessen, wo ich so in Fahrt war. Doch plötzlich kehrt die Aufregung in mich zurück.
Voldemort streckt seinen Zauberstab in die Höhe und dann dauert es nicht lange und durch die Luft kommt der sprechende Hut geflogen, direkt auf ihn zu.
„Nun, Longbottom, wir werden ja sehen, ob du es ein weiteres Mal wagst, dich gegen mich zu erheben, so wie du es in den letzten Monaten getan hast."
Es geht alles so schnell, dass ich kaum realisiere, was zuerst passiert. Jedenfalls stülpt Voldemort Neville den Hut über den Kopf, der sofort in Flammen aufgeht. Im selben Moment sehe ich nicht weit von mir eine dunkle Gestalt, die sich aus den Trümmern einer umgestürzten Mauer am Rande des Schauplatzes abhebt. Ich traue meinen Augen kaum. Es scheint unmöglich, dass es sich um Snape handelt, denn schließlich war ich bei ihm, als er seinen letzten Atemzug aushauchte. Doch ich bin nicht die Einzige, die ihn sieht. McGonagall schlägt vor Schreck die Hand vor den Mund. Der Ausdruck auf ihrem faltigen Gesicht besagt deutlich, dass sie sich genau wie wir alle in ihm getäuscht hat. Und dass sie am liebsten ihre letzten Worte an ihn zurücknehmen würde, als sie ihn aus dem Schloss gejagt hat. Aber nicht nur sie ist überwältigt von ihren Gefühlen. Auch alle anderen dachten, er sei tot, nachdem Voldemort davon berichtet hatte.
Inzwischen hat Neville sich befreit und zieht das Schwert Gryffindors aus dem Hut hervor. Triumphal erhebt er es, woraufhin ein aufgeregtes Stimmengewirr die Luft erfüllt.
Ungläubig blicke ich zu Neville, dann zurück zu der Gestalt meines einstigen Professors, die jetzt in unseren Reihen steht.
Auch Bellatrix hat ihn erkannt, denn schon ertönt ein spitzer Schrei: „Severus! Dass du es wagst ..."
Wutentbrannt will sie auf ihn zu stürmen, doch Voldemort hält sie zurück.
„Sei still, Bella! Ich kann allein mit ihm verfahren!"
Ungläubig aufgrund der ungebetenen Unterbrechung dreht er sich im Kreis. Er scheint erstaunt zu sein, dass sein Plan, sich des Professors zu entledigen, nicht aufgegangen ist.
Auf einmal regen sich meine Lebensgeister. Ich fühle mich in dem, was auch immer ich hier tue, bestätigt, denn die Erleichterung, die mich durchströmt, Snape nach all der Zeit als Verbündeten zu wissen, ist so groß, dass ich sämtliche Scheu vor ihm verliere. Selbst wenn ich es riskiere, von ihm dafür gerügt zu werden, ist es mir gleich. Auch wenn ich heute sterben sollte, werde ich es mit dem Gefühl tun, das Richtige getan zu haben. Für ihn ebenso wie für alle anderen, die auf unserer Seite gekämpft haben.
„Willkommen zurück, Professor!", rufe ich lauthals zu ihm hinüber.
Snape funkelt mich postwendend mit seinen schwarzen Augen an, ohne darauf einzugehen. Doch fast ist mir, als läge etwas Rebellisches in seinem Ausdruck.
Die Geräusche auf dem Platz werden mit jeder Sekunde lauter. Dann richten sich aller Augen auf Hagrid, der einen entgeisterten Schrei loslässt.
„Harry! HARRY! Wo willst du hin?"
In dem wechselnden Chaos hat selbst Voldemort den Überblick verloren, sodass niemand bemerkt hat, wie Harry aus Hagrids Obhut verschwunden ist.
Auf einmal ertönt ein Knall in der Luft, dann stürzt ein gewaltiger Mauervorsprung auf die Seite der Todesser nieder. Aufgeschreckt weichen sie zurück. Einzig und allein Bella und Voldemort bleiben auf ihren Plätzen.
„Ihr Feiglinge!", dröhnt ihre Stimme in meine Ohren.
Da sehe ich den leibhaftigen Harry im Sprint auf Voldemort zueilen, den Zauberstab bereit zum Kampf.
„Lust auf ein Spiel, Tom?", fragt er herausfordernd. „Wie du siehst, bin ich noch immer hier."
Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich ihn nach diesem Schreck so quicklebendig erlebe. Einige der Todesser jedoch machen sich bei seinem Anblick an Ort und Stelle aus dem Staub, unter ihnen auch die Malfoys mitsamt Draco.
Aber auch hinter mir kommt Bewegung in die Reihen. Während Harry sich Voldemort widmet und sich ein heißes Duell zwischen ihnen anbahnt, wirft sich Molly Weasley vor Ginny, um sie davor zu bewahren, sich mit Bellatrix zu messen. Ein noch größeres Durcheinander bricht aus. Auroren und Schlossbewohner mobilisieren ihre Kräfte, um die übriggebliebenen Todesser zurückzudrängen. Da passiert es: Neville ergreift die Gelegenheit und schlägt Nagini mit einem gezielten Schwung des Schwerts den Kopf ab. Fast zeitgleich erhasche ich irgendwo im Zentrum des Tumults einen Blick auf Snape. Er atmet schwer und sieht deutlich angeschlagen aus. Doch er lebt. Seine wachen Augen sprechen Bände, als er sieht, wie Naginis sterbliche Hülle zu Boden fällt. Die Faust fest um den Zauberstab zusammengezogen lässt er den Arm sinken.
Ich muss schaudern. Auch ich fühle es: es ist vorbei. Voldemort wird sterben, denn jetzt ist es nur noch ein Streich, der uns zum Sieg über ihn fehlt. Selbst seine Unsterblichkeit ist vorüber.
Auch die anderen Kämpfe gehen nach und nach zu Ende, bis am Schluss nur noch Harry und Voldemort über den Platz toben.
„Gib es zu, Tom", ruft Harry laut. „Du hast verloren."
Im nächsten Moment versagt der Elderstab endgültig den Dienst und Voldemort wird von Harrys Fluch niedergestreckt.
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Ron und ich liegen uns in den Armen. Das Gefühl, am Ende unserer Reise endlich wieder im Kreis unserer Freunde und Professoren zu stehen, ist unbeschreiblich.
Nach und nach kehrt Ruhe ein. Die Jubelschreie verstummen, es gibt noch jede Menge Arbeit. Die Verwundeten müssen versorgt werden, die Toten identifiziert. Es fällt uns schwer, uns voneinander loszulösen. Auch Harry und Ginny klammern ungläubig aneinander. Dass wir uns wieder haben, dass wir überlebt haben, ist keine Selbstverständlichkeit.
Aus den Augenwinkeln werfe ich einen Blick zum Büro des Schulleiters hoch. Ein Fenster steht offen, fast so, als würde selbst Snape dort oben das Sonnenlicht begrüßen.
Wie wird die Welt auf ihn reagieren, jetzt, wo sie die Wahrheit weiß? Hätte ich dasselbe getan, wenn ich gewusst hätte, dass er noch lebt? Was hat mich überhaupt dazu bewogen, für ihn Partei zu ergreifen, wo ich ihn doch nie leiden konnte?
Ich kann mir denken, dass er nicht gerade begeistert davon ist, dass die Welt seine Geschichte erfährt. Und doch war es mir wichtig, Voldemort zu zeigen, dass er sich geirrt hat.
Fast schäme ich mich dafür, die Wahrheit über Snapes Motive ausgeplaudert zu haben, es waren schließlich seine wohlbehüteten Geheimnisse. Andererseits denke ich, dass es an der Zeit für ihn ist, nach vorne zu blicken, dem Licht entgegen.
Voldemort ist tot. Wir leben.
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Harry, Ron und ich, wir sind erst mal wieder im Schloss eingezogen, um irgendetwas Nützliches zu tun. Arbeit gibt es hier genug. Außerdem sind wir so froh, wieder hier zu sein, dass wir gar nicht woanders sein wollen.
Als ich einige Tage später mit einem frischen Blumenstrauß im Krankenflügel bin, um den Bewohnern des Schlosses einen Besuch abzustatten, die nicht im St. Mungo's sind, sehe ich Snape auf einem der Betten.
Mit verschränkten Armen und überkreuzten Beinen hockt er in voller Montur auf dem Bettzeug; anders hätte ich es von ihm auch gar nicht erwartet. Er kam mir schon immer kauzig und stur vor.
Als er mich sieht, rollt er mit den Augen.
Warum er das tut, kann ich nur erahnen. Unzählige Fragen schießen mir in den Kopf. Wird er mir das, was ich vor versammelter Menge gesagt habe, je verzeihen? Wie geht es jetzt weiter? Was soll ich zu ihm sagen? Kann ich es überhaupt wagen, mich ihm zu nähern?
Ich hole tief Luft und setze mich in Bewegung – schließlich ist der Krieg vorbei.
An seinem Bett angekommen stelle ich kurzerhand den Blumenstrauß in die Vase, die auf seinem Nachttisch steht.
Er zieht die Brauen zusammen und starrt mich an.
„Was tun Sie hier, Granger?"
„Ähm, ich bringe Ihnen frische Blumen."
Postwendend legt er die Stirn in Falten. „Wozu?"
Ich senke verlegen den Blick auf die Vase und zupfte das Grünzeug zurecht. „Weil man das so macht, wenn jemand im Krankenhaus liegt."
Snape schnaubte leise vor sich hin. „Ich liege nicht. Ich sitze hier und warte darauf, dass Poppy endlich aufhört, mich zu bemuttern."
In Anbetracht der Umstände, dass ich so freizügig über seine Gefühle zu Harrys Mutter gesprochen habe, ist es vielleicht besser, wenn ich nicht erwähne, dass er wirklich ziemlich übel aussieht, obwohl er wie immer korrekt gekleidet ist. Außerdem wurde er von Nagini angefallen, weshalb es an ein Wunder grenzt, dass er überhaupt hier ist, wo wir ihn doch bereits für tot hielten.
Erst jetzt sehe ich wieder auf. Meine Wangen sind deutlich gerötet. „Wie – wie geht es Ihnen?", frage ich vorsichtig.
Einen Moment lang sieht er mich an, als würde er abwägen, welche Gemeinheiten er mir zuerst an den Kopf werfen soll. Doch dann besinnt er sich offenbar eines Besseren und schiebt von einem tiefen Seufzer begleitet seine Hände durch die Haare.
„Ich lebe noch. Wer hätte das gedacht?"
Mit zwischen meine Zähne geklemmter Lippe nicke ich. „Schön, Sie zu sehen, Professor."
Noch ehe er etwas darauf erwidern kann, drehe ich mich um und mache kehrt.
Vielleicht ist es besser, ihn nicht unbedingt jetzt wissen zu lassen, dass ich mich dazu entschieden habe, wieder vollständig in Hogwarts einzuziehen. Vorausgesetzt, McGonagall lässt mich meinen Abschluss machen. Doch eigentlich habe ich daran keine Zweifel, denn das war es, was ich immer wollte. Jetzt ist es zum Greifen nah.
