Linger

Kapitel 12

Beim Aufwachen brauche ich einen Moment, ehe ich weiß, wo ich mich befinde; ich war tatsächlich eingeschlafen. Gefühle der Losgelöstheit und Zufriedenheit rauschen durch mein Blut, so dass ich mir auf die Zunge beißen muss, um nicht laut zu glucksen. Er ist eng an mich geschmiegt und hat den Arm um meine Hüfte gelegt. Ich bin nicht sicher, ob er überhaupt wach ist. Vielleicht ist er es ja, der die ganze Nacht kein Auge zu tun konnte.

Langsam drehe ich mich um und sehe in sein Gesicht, das Gesicht meines Professors, wie mir auf einmal schmerzhaft bewusst wird.

Er blinzelt und reißt mich aus meinen Gedanken. „Hi."

„Hi."

Unsere Blicke treffen sich und halten einander. Eine gewisse Sehnsucht liegt darin. Sie folgen ihren eigenen Regeln, zwar ihrer Schuld bewusst, aber nicht reumütig. Um nichts auf der Welt möchte ich seine Lippen von mir bannen, seine Hände von meinem Körper, seine Augen von meinen.

„Wie spät ist es? Ich meine … konntest du schlafen?" Da ist sie wieder, diese idiotische Verlegenheit, die einen haufenweise Unsinn reden lässt, obwohl man eigentlich etwas ganz anderes sagen will.

Seine Mundwinkel zucken. „Ich bin erleichtert, dass du dich an unsere Pflichten erinnerst", sagt er trocken, stemmt sich hoch und beugt sich mit seiner Nase tief über mich. „Und ja, ich konnte schlafen."

Ich spüre, wie er seine Lippen auf meine drückt und schlinge automatisch die Arme um seinen Nacken, um ihn fest zu mir heranzuziehen. Nach nur wenigen Sekunden jedoch löst er sich von mir los. Er setzt sich auf und fährt sich mit den Händen durch die Haare. Vage kann ich ahnen, dass ich nicht mehr bekommen werde.

„Es tut mir leid, dich zu enttäuschen, aber uns bleibt nicht mehr viel Zeit", sagt er mit rauer Stimme. Eindringlich sieht er mich an und setzt nach: „Du musst gehen, Hermine."

Zu meinem eigenen Erstaunen bin ich darüber nicht ganz so enttäuscht, wie ich es vielleicht sein sollte. Nirgends ist mir so behaglich, so sicher zumute, wie mit ihm. Ich muss jede Sekunde genießen, die ich davon haben kann. Aber das heißt auch, hin und wieder das Hirn einzuschalten und nicht zu viel zu riskieren, was uns am Ende nur schaden könnte. Sanft lege ich meine Hand auf seine Wange. Sie ist ganz rau, von unzählig vielen Bartstoppeln.

„Sehe ich dich später?" Ich komme mir selbst fremd vor, als ich das sage. Hoffentlich hält er mich nicht für aufdringlich.

„Ich kann es nicht versprechen." Seine Stimme ist ruhig und tief und lässt mich schaudern. Ich klemme meine Lippe zwischen die Zähne und versuche tapfer zu sein. Alles in mir ist in Aufruhr. Ich bin bereit, mich auf ihn einzulassen, weiß aber immer noch nicht, wohin uns das führen wird.

„Dann werde ich eben warten", ist alles, was ich darauf sagen kann.

Fast gleichzeitig nähern wir uns für einen Kuss. Ein letztes Mal grabe ich meine Finger in seine Haare und ziehe seinen charakteristischen Duft in meine Nase, der mich wie ein Rauschmittel betört, ehe ich gehen muss.

Eine halbe Stunde später kommt mir alles nur noch vor wie ein wunderschöner Traum. Ich sitze gerade mal beim Frühstück und vermisse ihn schon, als hätte ich ihn Stunden nicht gesehen. Abwesend sehe ich zu seinem Platz am Lehrertisch hoch, darauf hoffend, dass ich einen Blick auf ihn erhasche, bevor ich zum Unterricht muss. Als er dann durch den Seiteneingang der Lehrer die Große Halle betritt, wird mir ganz warm. Harry, der bislang stumm neben mir saß und irgendwie schlechter Laune zu sein scheint, verliert keine Zeit, seine Ankunft zu kommentieren. Er beugt sich zu mir und flüstert mir was ins Ohr.

„Ich hab euch zusammen gesehen. Du warst die ganze Nacht bei ihm."

Eine Sekunde bin ich wie erstarrt, eiskalt läuft es mir den Rücken hinunter. Doch was er sagt, ist nur die halbe Wahrheit. Er hat uns nicht wirklich gesehen, sondern lediglich unsere Namen auf der Karte des Rumtreibers.

„Du solltest dich schämen, mir hinterher zu spionieren", knurre ich zurück. Da ich aber weiß, dass er uns nichts tun kann, zwinge ich mich zur Gelassenheit. Ich will ihm die Wahrheit sagen, weil er der Einzige ist, dem ich sie sagen kann. Und auch, um ein für alle Mal klarzustellen, dass er sich vollkommen in uns irrt.

„Was auch immer du denkst, ist falsch. Es ist nichts passiert. Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden?"

„Dann seid ihr nur in seinem Schlafzimmer gewesen, um zu reden", sagt er mit gerunzelter Stirn.

„Wir haben uns geküsst. Aber das geht dich ja wohl nichts an, oder? Selbst wenn ich mit ihm schlafen würde …"

Abwehrend hebt er die Hände, den Blick unheildrohend auf die Tischplatte gesenkt. „Ich glaube, ich will es eigentlich gar nicht wissen, sonst wird mir noch schlecht."

„Gut", sage ich zufrieden in mich hinein grinsend. Es ist mit Abstand die beste Antwort, die er mir seit langem gegeben hat. Er wird sich daran gewöhnen müssen.

Den ganzen Vormittag bringe ich damit zu, an ihn zu denken. Ich spüre ihn in meinen Knochen, als gäbe es eine magische Verbindung zwischen uns, die mich sämtliche Antennen nach ihm ausrichten lässt. Aber das ist natürlich Blödsinn, denn in Wahrheit kann ich es einfach nur nicht erwarten, ihn wiederzusehen. Umso schwerer fällt es mir, mich auf den Unterricht, das Zaubern oder meine Freunde zu konzentrieren, die mit ihren belanglosen Gesprächen meine Nerven strapazieren. Harry ist der Einzige, der nicht ständig versucht, mich in irgendeine Form der Konversation zu zwingen. In seine eigenen Gedanken versunken, düster und still, beobachtet er mich. Die Umstände sind für ihn nicht nachvollziehbar, genauso wenig wären sie es für jeden anderen hier. Das Groteske daran ist, dass es mich nicht einmal stört. Mir ist gleich, was sie sagen oder denken, solange ich glücklich bin. Und das bin ich. Definitiv.

Am Abend in der Großen Halle haben wir kaum Blickkontakt und er beendet das Essen vorzeitig. Mich hält nichts mehr auf meinem Platz zurück. Ich springe auf, renne hinunter in die Kerker und lande direkt in seinem Büro. Wie alarmiert schnell er von seinem Stuhl hoch.

„Was machst du hier?"

Ich öffne den Mund, bringe aber kein Wort hervor. Seine Frage kommt ebenso unerwartet wie ein Schlag ins Gesicht und ich weiß instinktiv, dass etwas nicht stimmt. Er atmet schwer, sein Gesicht ist eine einzige verzerrte Maske. Dieser Mann ist ein anderer als der von heute Morgen.

Im gleichen Augenblick höre ich, wie er tief Luft holt und sie durch die Nase ausbläst. „Tut mir leid. War ein harter Tag."

Wie angewurzelt stehe ich da und schaue ihn an. Seine Entschuldigung bringt mich mindestens genauso aus der Fassung wie alles andere. Ist er vielleicht einfach nur überarbeitet?

„Was ist los?", will ich wissen.

Er ringt die Hände und ich zögere nicht, zu ihm zu gehen und sie in meine zu nehmen.

„Ich möchte, dass wir ehrlich zueinander sind. Also, was ist los?" Beharrlich halte ich ihn fest, obwohl er versucht, sich mir zu entziehen. „Ich meine es ernst, Severus. Glaubst du, ich bringe Harry zum Spaß dazu, einen Unbrechbaren Schwur abzulegen, damit er uns nicht in die Quere kommt? Ich will sofort wissen, was geschehen ist."

Sein Mundwinkel zuckt und seine Lippen verziehen sich zu einer schmalen Linie. „Du hast was?"

„Ich ... na ja, es schien die einzig vernünftige Lösung zu sein, um zu verhindern, dass er Ärger macht. Ich wollte dir ja davon erzählen, aber –"

„Wie konntest du das tun?", zischt er plötzlich. Wie von Sinnen reißt er sich von mir los und ballt die Hände an den Seiten zu Fäusten. „Ist dir klar, was das bedeutet?"

Ich bin zu benommen, um zu antworten. Instinktiv weiche ich einen Schritt zurück und bin erleichtert, als er sich langsam wieder fängt. Der Schrecken muss mir ins Gesicht geschrieben sein, denn er bemüht sich sichtlich, seine wilde Atmung unter Kontrolle zu bringen.

„Was genau hast du ihn schwören lassen?" Er klingt, als wäre das Was genauso von Bedeutung wie das Warum, was mich stutzig werden lässt.

„Ist das so wichtig?"

„Beantworte einfach nur meine Frage", sagt er kurz angebunden. Es fehlt nicht fiel und es könnte ein Knurren sein.

Meine Gedanken überschlagen sich. Ich kann es förmlich in meinem Schädel rattern hören. Wieso ist das überhaupt so wichtig für ihn? Hat er vielleicht vor, das mit uns zu beenden? Bis vor nicht allzu langer Zeit wäre mir egal gewesen, was sich dahinter verbirgt. Jetzt ist das anders. Mein Herz fühlt sich auf einmal ganz kalt an und so sage ich ihm nur, was er wissen muss. Die Details verschweige ich bis auf Weiteres.

„Er musste schwören, sich dir nicht in den Weg zu stellen, solange ich lebe."

Wie auf Kommando fallen seine Gesichtszüge in sich zusammen und er schüttelt ungläubig den Kopf. Die langen Haare rutschen ihm vor die Augen und machen es mir unmöglich, zu erkennen, was in ihm vorgeht. Lediglich das rasche Heben und Senken seines Brustkorbs verrät mir etwas darüber, wie aufgebracht er innerlich sein muss. Offenbar arbeitet es in ihm nicht weniger als in mir.

„Du – du hättest das nicht tun dürfen, Hermine", sagt er angestrengt.

„Dafür ist es zu spät. Ich bitte dich, Severus, sag mir sofort, was hier gespielt wird", fordere ich mit zittriger Stimme. Meine Geduld ist aufgebraucht. Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht.

Er ist hin und hergerissen. Nach einer Weile fordert er mich auf, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Wie von einer Maschine gesteuert tue ich es, doch der kurze Weg dorthin zieht sich ins Endlose – ich fühle mich unwohl und meine Beine wollen mir nicht recht gehorchen.

Die Stille im Raum ist auf ein fast unerträgliches Maß gestiegen, genau wie die Ungewissheit, was das alles soll. Erst als wir uns beide gegenüber sitzen, merke ich, wie verzweifelt er nach Worten sucht.

„Dein Freund Potter hat eine Aufgabe vor sich, die er unbedingt erfüllen muss", erfahre ich ungeschminkt. Ein weiterer Schlag in die Magengrube. Ist Harry bewusst, was auf ihn zukommen wird?

„Was für eine Aufgabe?" Ich sitze wie auf Kohlen, doch seine funkelnden Augen bringen mich dazu, nicht weiter nachzubohren.

„Ich kenne nicht die Einzelheiten", sagt er scharf, was ihm keineswegs zu gefallen scheint. „Ich weiß bloß, dass sich hier bald einiges ändern wird. Unser Schulleiter befindet sich in einem Zustand schlechter gesundheitlicher Verfassung, wie dir bestimmt nicht entgangen ist."

„Deshalb die schwarze Hand", höre ich mich flüstern.

Er schluckt hart. „Ja."

„Was ist es? Ein Fluch?" Natürlich. Es ist nicht nötig, es von ihm zu hören. Ich dachte mir schon seit geraumer Zeit, dass Dumbledore nicht gerade rosig aussieht. Aber das trifft mich trotzdem unerwartet. Wenn Harry davon erfährt, wird er am Boden zerstört sein.

„Es ist sehr wichtig, dass du niemandem davon erzählst", ermahnt er mich auch schon mit unverkennbarem Ernst. „Auch Potter und Weasley nicht. Alles hängt davon ab. Die Zukunft unserer gesamten magischen Welt."

„Wenn er sowieso bald sterben wird, warum macht ihr dann so ein Geheimnis daraus? Wollt ihr vielleicht vorgeben, dass er weiterhin am Leben ist?"

Sein Blick nimmt meinem bitteren Sarkasmus jegliche Schärfe. Sofort bereue ich, was ich gesagt habe.

„Was hat das denn jetzt mit Harry zu tun? Und mit dir und mir?"

„Du hast den Jungen an dich gebunden, Hermine, und ihn damit dazu gezwungen, sich mir widerstandslos auszuliefern. Sag mir, was hast du dir dabei nur gedacht?"

„Um ehrlich zu sein, verstehe ich dich nicht. Du sprichst in Rätseln, Severus."

„Er hat Aufgaben vor sich. Albus hat alles geplant …"

„Mir ist scheißegal, was Dumbledore tut. Er ist ein alter Mann, der sein Leben gelebt hat. Außerdem wird er sowieso bald sterben, oder nicht? Was kümmern mich da noch seine Pläne!"

Plötzlich bin ich es, die hektisch Luft in ihre Lungen pumpt. Er sieht mich derweil mit hochgezogenen Brauen an.

„Ich – ich meine das nicht so, wie es vielleicht klingt", sage ich bedröppelt. „Ich habe nur einfach Angst davor."

„Das will ich dir auch geraten haben. Der Dunkle Lord wünscht sich schon lange sehnsüchtig seinen Tod. Aber ist dir klar, was das für uns alle bedeutet?"

Ich muss schlucken. Mein Mund fühlt sich staubtrocken an. „N-nein?"

In Wahrheit habe ich eine gewisse Ahnung, dass Dumbledores Tod alles andere als Vorteilhaft für uns ist. Aber wie die Auswirkungen genau aussehen, weiß ich nicht.

„Gibt es denn nichts, das du für ihn tun kannst?"

Er blinzelt, wie um damit Zeit zu gewinnen. „Ich habe mein Möglichstes versucht", sagt er langsam, „das versichere ich dir. Der Fluch ist nicht aufzuhalten."

Schmerzhaft zieht sich meine Brust zusammen. Ich kann nicht behaupten, dass ich Dumbledore besonders nahe stehe; nicht so wie Harry jedenfalls. Trotzdem mag ich ihn gut leiden und wir alle sind wohl oder übel auf ihn angewiesen, weil er der Einzige ist, der Voldemort in seine Schranken weist.

„Er wird also sterben", murmle ich fassungslos. Diesmal ist mir das tonnenschwere Gewicht, das auf meine Eingeweide drückt, in vollem Ausmaß bewusst. Ohne Dumbledore ist Hogwarts geschwächt. Voldemort hätte leichtes Spiel mit uns.

„Ja", sagt er nur und nickt abgeschlagen.

„Und weiter? Ich meine, was wird dann passieren? Hogwarts braucht einen Schulleiter, eine starke Hand, die es führt."

Etwas in seinen Augen scheint zu flackern. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es bloß wieder meine Einbildung ist, doch meine Lippen formen meinen Gedanken, bevor er richtig zu Ende gereift ist: „Du?"

Er wirkt unsicher, doch das kann ihn nicht davon abhalten, seinen Blick düster werden zu lassen. „Uns beiden ist klar, dass ich das nicht bin. Ich werde niemals Schulleiter sein, sondern nur die ausführende Kraft." Seine Stimme bricht und der sorgenvolle Unterton darin lässt mich frösteln.

„Nein, das bist du nicht", stelle ich entsetzt fest. Er ist Vieles, vom perfekten, heimlichen Liebhaber über den Zaubertrankmeister, bis hin zum kaltblütigen Todessser, aber gewiss kein Schulleiter. „Du sagtest was von Veränderungen, aber du – du willst doch damit nicht andeuten, dass Voldemort plant, Hogwarts zu übernehmen … Wann, Severus? Wie viel Zeit haben wir noch, bis Dumbledore stirbt?"

„Es wird bald geschehen. Aber egal was passiert, du musst Potter auf Kurs halten, komme was wolle. Hast du mich verstanden? Er muss um jeden Preis die Aufgabe erfüllen, die ihm vorbestimmt ist."

Perplex nicke ich, obwohl ich eigentlich keine Ahnung habe, warum ich das tue. Zum ersten Mal seit dem schrecklichen Vorfall zieht es mir komplett den Boden unter den Füßen weg. Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen schießen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. In meiner Vorstellung sehe ich kalte und dunkle Zeiten auf uns zukommen. Voldemorts Vorstellung von Hogwarts hat mit Bestimmtheit nichts mit der Dumbledores gemein.

„Was glaubst du, wird passieren?", frage ich erneut. Es sind Worte der Verzweiflung, die ich mir getrost sparen könnte. Er weiß es nicht, auch wenn er vielleicht mehr ahnt als ich. Ich sehe es nur zu deutlich in seinen leeren, ausdruckslosen Augen.

Meine Hände, die in meinem Schoß liegen, beginnen zu zittern. Ich senke den Blick auf sie, denn im Moment kann nicht mal er mir weiterhelfen. Dabei war er es doch, der mich nach dem Vorfall aufgebaut und mir neuen Mut gemacht hat.

„Du hattest gar nicht vor, mir das zu sagen, oder?" Wie vom Blitz getroffen sehe ich auf und warte auf eine Antwort von ihm. „Severus?"

„Es stand mir nicht zu, darüber zu reden. Alles war bis ins Detail durchdacht." Es kommt gepresst über seine Lippen, wie bei einem Kampf, den er gegen sein Gewissen führt. Fast ist es ein Wunder, dass er mir überhaupt antwortet, doch zugleich fürchte ich, dass das, was er mir verraten hat, nur ein Bruchteil dessen war, was er noch vor mir verschweigt.

„Dann wolltet ihr, du und Dumbledore, Harry auf Abstand bringen?" Ich mache eine Pause und gebe ihm Zeit, eine Erklärung zu finden, doch er hält den Blick starr auf einen Punkt an der Wand hinter mir gerichtet. Als ich genug vom Warten habe, hole ich tief Luft. „Tut mir leid, dass ich euch dazwischengefunkt habe. Es lässt sich nicht ändern, ich bin schuldig. Daher fürchte ich fast, wenn du willst, dass euer Plan aufgeht, musst du mich aus dem Weg räumen. Anders ist der Schwur nicht zu brechen."

Kaum habe ich ausgesprochen, ertönt ein Knirschen, das von seinen Zähnen stammt, die hart aufeinander schlagen. „Du solltest aufhören, so etwas auch nur zu denken. Das alles hat nichts mit uns zu tun."

Die Wirkung, die seine Worte auf mich haben, ist befremdlich. Irgendwie glaube ich ihm das sogar. Er arbeitet schon jahrelang für Dumbledore, ich hingegen bin im Vergleich dazu mehr oder weniger nur ein flüchtiger Wimpernschlag in seinem Leben.

„Du hast also nicht vor, mich zu töten?"

„Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich es längst hinter mich bringen können."

Wie Recht er damit hat. Ich unterdrücke ein Seufzen und beiße mir nachdenklich auf die Lippe. Vielleicht sollte ich aufhören, ihm Vorwürfe zu machen. Immerhin hat er mir nicht alles verschwiegen.

„Tust du mir einen Gefallen?"

Seine Augen bohren sich in meine. Er hebt die Achseln, scheint abzuwägen, ob es ein Risiko ist. „Ich werde sehen, was ich tun kann."

„Lass mich heute Nacht bei dir bleiben. Wenn du mich jetzt wegschickst –"

„Wer sagt, dass ich das tue", fährt er mir dazwischen. Der Einwand kommt unerwartet schnell, doch er schafft es, seine Worte so rüber zu bringen, als wären sie eine Selbstverständlichkeit, womit er mich total überrumpelt.

„Nicht?"

Wie im Zeitlupentempo schüttelt er den Kopf und ich bilde mir ein, seine verhärmten Züge werden weicher. „Du weißt es vielleicht noch nicht, aber auch ich bin fähig, Gefühle zu empfinden. Sie sind womöglich nicht wie deine, aber es sind Gefühle. Und tief in mir drinnen verstehe ich, dass es nicht deine Schuld ist, dass alles so gekommen ist. Die Geschichte hat einen viel tieferen Ursprung."

Wäre ich nicht schon so durcheinander, würde ich mir darüber den Kopf zerbrechen. Den Mann, der so kalt wie die Kerkerwand sein kann, über Gefühle sprechen zu hören, ist sonderbar. Doch in meiner derzeitigen Verfassung kann ich getrost dazu übergehen, ihm einfach zu glauben. Es gibt jetzt Wichtigeres, um das ich mich kümmern muss. Und damit bin ich wohl nicht allein, denn er steht auf und kommt auf mich zu. Ungeduldig verfolge ich jede seiner Bewegungen, bis er neben mir steht und mich sanft auf die Füße zieht. Mit dem Finger schiebt er mein Kinn in die Höhe und bringt mich dazu, ihm in die Augen zu sehen. Lange, bis ich schließlich lächeln muss. Jedes Mal, wenn er mich so ansieht, werden meine Knie ganz wabbelig und ich komme mir vor wie ein kleines Mädchen, das dazu verdammt ist, ihn anzuhimmeln.

Verlegen streiche ich mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Normalerweise kommt jetzt der Punkt, an dem du mich küssen solltest …"

Ein übertriebenes Augenrollen von ihm bringt mich zum Schweigen. „Neunmalklug."

Ich lege den Kopf schief und will ihn genauer ins Verhör nehmen, wobei ich mir die größte Mühe gebe, einen ziemlich sarkastischen Ton aufzulegen. „Dir gefällt nicht, dass du dich verplappert hast, richtig? Wenn die Welt erfährt, dass Severus Snape ein Tratschmaul ist, dürfte Voldemort sein Interesse an dir verlieren."

Warum ich das gesagt habe, ist schwer zu erklären. Genauso gut könnte ich den Zauberstab ziehen, ihn auf seine Brust richten und abwarten, was er daraus macht. Vermutlich ist es sogar etwas lebensmüde. Aber ich will einfach testen, wie weit ich gehen kann, denn wenn ich es jetzt nicht tue, wann dann? Wie viel Zeit bleibt uns noch, um so eng miteinander zu verwachsen, dass wir das, was immer da kommen mag, überstehen werden?

Ein kaum erkennbares Lächeln liegt auf seinem Mund. Er zuckt mit den Schultern. „Du lebst gefährlich, Granger." Genau wie ich befürchtet habe.

„Du scheinst einen schlechten Einfluss auf mich zu haben", sage ich grinsend. „Wer weiß, vielleicht finde ich ja langsam Gefallen daran."

Endlich beugt er sich zu mir hinab, um mich zu küssen. Unsere Lippen treffen sanft aufeinander, doch sofort entbrennt ein Feuer in mir. Ohne zu überlegen versenken sich meine Finger in seinen langen Haaren, während meine Zunge wie wild die seine sucht. Leise stöhnt er auf. In diesem Moment vergesse ich alles. Unsere Auseinandersetzung, Dumbledore, Harry … sogar Voldemort.

Seine Hände gleiten meinen Rücken hinab bis zu meinem Po. Dann hebt er mich hoch und ich schlinge fest die Beine um seine Hüften. Ich bin so berauscht von ihm, dass ich kaum merke, wie er mit mir auf den Armen durch die kleine Seitentür klettert, die in seine Privatwohnung führt. Irgendwie gelingt es ihm, ohne dass ich mir den Kopf anschlage.

Erst als er mich auf sein Bett legt, wird mir bewusst, wie unglaublich alles ist. Eine kurze Zeit habe ich ernsthaft gedacht, meine ganze Welt liegt in Trümmern. Die Vorstellung, dass Dumbledore bald nicht mehr hier sein wird, hat mir verdammte Angst eingejagt. Aber jetzt, in seinen Armen, verschwimmt sie einfach. Die Illusion, dass uns ein paar schöne Stunden bis zum Morgen bleiben, gibt mir Kraft. Ich bin heilfroh, bei ihm zu sein, denn hier fühle ich mich so sicher wie sonst nirgendwo.