Miss
Munroe versprach mir dafür, nicht mit meinem Vater zu sprechen
und ich fand, es war wirklich besser so.
Er hatte durch mich
sowieso schon so viele Schwierigkeiten. Außerdem ahnte ich,
dass er, wahrscheinlich ohne auch nur eine Sekunde darüber
nachzudenken, in den nächsten Flieger gestiegen wäre.
Das
wollte ich auf gar keinen Fall.
Ich musste irgendwas mit meinem
Arm machen, damit nicht sofort jeder sah, was ich vorgehabt
hatte.
Annie machte mir einen Verband darum, obwohl ich ja nicht
wirklich verletzt war, sondern nur kahl.
Verstohlen
beobachtete ich Annie, während sie den Verband um meinen Arm
wickelte.
Was sie wohl dachte, wann immer sie mich sah...
Kein
Wunder das sie mich nicht mochte.
Wenn mich irgendjemand darauf
ansprach, sagte ich, das ich gefallen sei.
Nur
Rahne erzählte ich die ganze Wahrheit.
Sie saß
schweigend auf ihrem Bett und hörte sich an, was ich
erzählte.
"Oh Jeannie, weißt du, ich denke
manchmal auch, dass ich ein Monster bin..."
Ich sah sie von
oben bis unten vollkommen überrascht an.
"Du?",
fragte ich erstaunt. Ausgerechnet Rahne--
Sie zog die Knie
an.
"Weißt du wenn ich mich verändere...ich bin ja
auch nicht blind- ich sehe dann den Ausdruck in den Augen von den
Leuten", sie starrte auf die Bettdecke, "ich muss dann immer an
Schottland denken..."
"Was ist denn da passiert?",
fragte ich erschrocken.
"Naja, weißt du, die Leute die
ich mein Leben lang gekannt habe-" sie stockte und sah sehr
traurig und hilflos aus.
"...als sie sahen, was mit mir
geschah...dachten sie auch, dass ich ...ein Monster
wäre"
"Wirklich?", sagte ich ungläubig
und schüttelte den Kopf.
Gerade Rahne, die liebe, gute
Rahne.
Ich setzte mich neben sie und legte ihr den Arm um die
Schulter.
Sie sah mich verloren an.
"Sie haben versucht,
mich zu töten, weißt du-"
Sie hatten versucht
Rahne umzubringen?
Das war wirklich abartig...warum? Nur weil sie
anders als sie war?
Gerade Rahne.
Weder als Mensch noch als
Wolf würde sie nie jemanden ernsthaft verletzen, es sei denn es
gäbe einen triftigen Grund. Ich konnte nicht verstehen, was
ausgerechnet an Rahne nun so schrecklich sein sollte.
Außer
man war so blöd wie ich -am Anfang- und dachte auch...das sie
ein Werwolf.sei.
Doch umbringen? Diese Leute waren echt
bescheuert.Was hatte Rahne da nur aushalten müssen...
"Aber
Rahne, das ist ja entsetzlich", sagte ich leise und umschlang
sie fester.
Sie kuschelte sich gegen mich.
Lange sagte sie gar
nichts.
"Ich fühle mich gar nicht so...böse-aber
manchmal denke ich, tief in meiner Seele...vielleicht bin ich ja doch
schlecht-"
Ich nickte.
Manchmal fühlte ich genauso.
Das erschreckende daran war, das ich das alles vor meiner Verwandlung
gefühlt hatte...
"Rahne, ich glaube...ich glaube tief in
uns drin, wohnt in jeden von uns eine Bestie, aber das hat nichts mit
deinem Wolf sein zu tun. Ehrlich nicht-und du bist so lieb, so
verständnisvoll. Nein du bist nicht halb so böse, wie jeder
andere, den ich kenne...mich eingeschlossen"
Ich knuddelte
sie zärtlich.
"Weißt du was? ich glaub ich fahre
mal mit dir nach Schottland und dann zeigst du mir diese Banausen,
die dir das angetan haben. Ich werde ihnen tüchtig in den
Hintern treten."
Schelmisch grinste ich sie an.
Rahne
schmunzelte.
"Oh Jeanna, ich glaube, die würden sich vor
Angst in die Hose machen!" sie grinste.
"Ja, den
Verdacht habe ich auch", antwortete ich grimmig. Wenn sie sich
schon vor Rahne fürchteten, war ich bestimmt ihr schlimmster
Alptraum.
Natürlich stand ich nun unter ziemlich genauer
Beobachtung.
Ich hatte fast damit gerechnet, das Professor Xavier
mich in sein Büro rufen würde, um mir den Marsch zu Blasen.
Er hätte ja auch allen Grund dazu gehabt.
Allerdings
blieb das zu meiner großen Verwunderung aus.
Ich konnte mir
kaum vorstellen, dass er es nicht mitbekommen hatte.
Aber
vielleicht achtete er auch Miss Munroes und meine Abmachung, um mir
zu zeigen, dass ich ihnen vertrauen konnte.
Mein Haar wuchs
schneller, als ich erwartet hatte.
Es dauerte nicht einmal zwei
Tage, bis man absolut keinen Unterschied feststellen konnte.
Ich
war mir nicht sicher, ob ich froh darüber war.
Für
diesen Moment war es natürlich praktisch, weil keiner
fragte-andererseits bedeutete es aber auch, dass ich mich nicht mal
einfach vollständig rasieren konnte.
Es wäre sowieso
sinnlos...denn ich würde immer noch blau bleiben und freakisch
aussehen.
Am Mittwochnachmittag rief ich tatsächlich
Mike an und er war überrascht und glücklich, dass ich mich
wirklich bei ihm meldete.
"Jeanna mein Schatz, was hast du
eigentlich Leah erzählt?", fragte er plötzlich
Ich
war wie vor den Kopf gestoßen.
"Wieso?", fragte
ich vorsichtig.
"Leah stand am Montag total verwirrt bei mir
an der Tür. Ich glaube sie hat überhaupt nicht verstanden,
was los ist-"
"Hast du es ihr gesagt?", fragte ich
atemlos.
"Naja, ich habe ihr halt erzählt, das du
wirklich auf diese Mutantenschule gehst...", hörte sich
plötzlich etwas unsicher an.
"Mike, wie hat sie
reagiert?"
Mike schwieg verdächtig lange.
Endlich
antwortete er:
"Ich bin mir nicht sicher- danach hat sie sich
umgedreht und ist einfach gegangen."
Ich versuchte danach
noch ein bisschen Smalltalk zu halten aber so richtig wollte es mir
nicht gelingen.
Rahne erlöste mich.
Sie war gerade aus
Salem zurück gekommen und hatte zwei riesige Tüten auf dem
Arm.
Eine stellte sie auf mein Bett.
"Für dich,
Krümel!"
"Ich muss mal Schluss machen, Mike, meine
Zimmergenossin ist gerade wiedergekommen."
"In Ordnung
Jeannie,..ich habe dich lieb!" dann legte er auf.
Schwungvoll
klappte ich mein Mobiltelefon zusammen.
"WOOT"
Ich
ließ mich auf mein Bett, direkt neben der Tüte
fallen.
"Habe ich schon erwähnt, das du ein Schatz bist,
Sinclair?"
Rahne grinste.
Ich packte die Tüte
aus.
Eigentlich würde ich den ganzen Kram zu gern jetzt schon
aufessen", gestand ich, nachdem ich den Einkauf um mich
herumdrapiert hatte.
"Du bist echt das verfressenste Geschöpf
was ich kenne!", lachte Rahne und ließ sich ebenfalls auf
ihr Bett fallen, "aber es gibt ja gleich Abendessen!"
Unsicher
besah ich mir meine beiden Schafanzüge.
Ich hatte sie bis zu
diesem Abend nicht einmal aus der Verpackung genommen und in die
hinterste Ecke meines Schrankes verbannt.
"Bist du dir
sicher, das es unbedingt ein Schlafanzug sein muss?", fragte ich
Rahne und hielt verlegen meine Schlafanzüge in die Höhe.
Der eine war gelb mit bordauxfarbenden Sonnen, Monden und Sternchen.
Der andere war orange-gelb- rot- grün quergestreift.
"Klar,
das gehört sich nun mal so. Außer natürlich, du hast
ein Nachthemd. Das geht auch."
Ich seufzte.
"Na dann,
welcher darf es sein?"fragte ich und hielt die beiden
Schlafanzüge vor mir in die Höhe.
"Also, ich würde
den gelben nehmen..."
Sie hatte recht. Und in diesem seidenen
Teil, würde ich zumindest halbwegs meine Würde
bewahren.
"Und nun?", fragte ich.
"Nun ziehst du
deinen Schlafanzug an, steigst ins Bett. Wir warten bis die
Nachtwache durch ist- logisch oder?"
"Vollkommen"
Wir
warteten also brav in unseren Betten, bis die Aufsicht die Runde
gemacht hatte und schlichen uns samt unseren beiden Tüten aus
dem Raum.
Der Flur war nur spärlich beleuchtet.
Leise,
wie es eben möglich war, schlichen wir an den andern
Schlafzimmern vorbei.
Plötzlich hörten wir ein Geräusch
hinter uns.
Es war das leise Klappen einer Tür im
Hauptflur.
Ich war so nervös, dass ich, ohne es ich es
richtig begriffen zu haben, unter der Decke klebte.
Leises
Kichern.
Zwei Paar Schritte kamen direkt auf uns zu.
Kurzerhand
zog ich Rahne zu mir herauf und klemmte sie mir unter den Arm.
"Wenn
wir Glück hatten schaute die Person vielleicht nicht an die
Decke...
Wir wagten nicht zu atmen.
Es waren Bobby und
Rogue.
Mein Herz blieb fast stehen.
Die Tür zu Maries
Zimmer war doch fast genau unter uns.
Na, das konnte doch nur schiefgehen...
Die beiden verabschiedeten sich so
ausführlich und innig wie es nur irgend ging.
Und natürlich
auch ziemlich lange.
Zu lange für meinen Geschmack. Rahne und
die Tüten zu halten und sich gleichzeitig irgendwie
festzuhalten, war schon ein kleines bisschen unangenehm auf die
Dauer.
Ich merkte außerdem, wie Rahne in meinem Arm langsam
unwohl wurde.
Marie verabschiedete sich von ihm schließlich
mit einem hauchzarten Kuss auf die Nasenspitze und verschwand in
ihrem Zimmer.
"Geh Bobby, bitte geh endlich", dachte ich
so intensiv wie nur irgend möglich, in der Hoffnung er würde
endlich verschwinden.
Da ich ja leider kein Telepath bin, zeigte
es leider nicht annähernd irgendeine Wirkung.
Bobby stand
vor der verschlossenen Tür und starrt ihr verträumt
hinterher.
Konnte er seinen bezaubernden Hintern nicht endlich in
Richtung Jungentrakt bewegen?
Meine Tüte begann zu
rutschen.
Als er sich endlich umdrehte, um zu verschwinden, stand
er plötzlich in einem unerwarteten TwinkieRegen.
Im letzten Moment war es mir gelungen zu verhindern, dass meine beiden Colaflaschen rutschten, dann wäre vermutlich alles aus gewesen und die ganze Party-zumindest für uns- ruiniert.
Das roch ja fast nach einer Bugle Schlagzeile. Westchester:Junge von Colaflasche erschlagen
So starrte er nur entsetzt zur Decke
und lag nicht mit einer Gehirnerschütterung auf dem Fußboden.
Da
ich nun wirklich keine Hand und keinen Fuß mehr frei hatte,
konnte ich nicht einmal mehr einen Finger auf den Mund legen, sondern
grinste nur verlegen.
Ich hoffte inständig, er würde
nicht vergessen, dass er hier ebenso wenig -eigentlich noch viel
weniger als wir- um diese Uhrzeit zu suchen hatte.
Er verstand
aber schon.
Amüsiert und so leise wie irgend möglich,
hob er die heruntergefallenen Twinkies auf und legte sie zurück
in meine Tüte.
"Ich danke Dir", formte ich mit
meinen Lippen.
"Schon gut", sagte er ebenfalls ohne Ton
und hob die Hände.
Rahne berstete fast vor Aufregung.
Nahezu
geräuschlos setzte ich sie ab, so dass ich meine Tüten
endlich ordentlich mit dem Rechten Fuß halten konnte.
Rahne
rannte zum Zimmer der beiden anderen Mädchen.
Bobby drehte
sich gerade um und wollte gehen. Ich tippte ihm auf die Schulter.
Er
sah zu mir hoch und sah mich fragend an.
Also packte ich ihn mit
sanfter Gewalt bei seinen Schultern und hob ihn ein Stück hoch
"Ich verzeihe dir übrigens, noch dieses eine Mal"
flüsterte ich und lächelte ihn an.
Ziemlich überrumpelt
und einigermassen verlegen sah er mich an.
Ich küsste ihn auf
die Wange.
Einfach so.
Dann setzte ich ihn ab, und drehte mich
so schnell es ging um zu Rahne, die vollkommen blass geworden war, zu
hangeln.
Als die Tür hinter uns ins Schloss fiel, starrte
mich Rahne an, als sei ich von allen guten Geistern verlassen.
"Bist
du total verrückt geworden?", fragte sie mich entsetzt und
ungläubig.
Kitty, Weezie und Theresa wechselten
verwunderte Blicke.
"Die da !" Rahne zeigte mit dem
Daumen auf mich,"hat gerade Bobby Drake geküsst!"
"Du
hast was, bitte?", fragte Kitty perplex.
Rahne erzählte
von unsermAbenteuer auf dem Flur und ich merkte wie mir das Blut in
die Ohren lief.
"Es war ein Unfall, in Ordnung?",
antwortete ich und machte eine Rolle von der Decke.
"Sag mal,
du stehst doch nicht etwa auf Bobby Drake, oder?", kicherte
Weezie und hielt sich schützend ein Kissen vor das Gesicht.
