Kapitel 12 – Portschlüssel
Hermine erschien im Wohnzimmer der Lovegoods und blickte einen Augenblick lang in die Maske eines Todessers. Der Todesser hastete zur Küche, wo er beinahe mit zwei Menschen zusammenkrachte, die ins Zimmer rasten. Hermine feuerte einen Fluch auf sie ab, doch alle disapparierten auf der Stelle.
Ein Lichtblitz schoss an ihr vorbei. Sie wirbelte herum, um eine weitere schwarzgewandte Person im Korridor stehen zu sehen, der seinen Zauberstab auf Harry richtete.
„Pass auf!", brüllte sie und verschoss einen Fluch auf die Person. Der Todesser duckte sich und ihr Zauberspruch ließ Splitter vom Türrahmen bersten.
„Achtung!", rief Harry ihr zu und schickte einen Blitz über ihre Schulter, während er brüllte: „Protego!"
Was es auch immer für ein Fluch gewesen war, er prallte ab, doch der Todesser in der Küche hielt nicht inne.
„Stupefy!", gellte Ron, während ein grüner Lichtstrahl seine Haare streifte. Rons Fluch traf den Todesser zur selben Zeit wie der von McGonagall. Der Todesser schrie auf und fiel zurück in die Küche.
Der Todesser draußen lugte wieder um die Ecke, als Hermine ihn mit Expelliarmus entwaffnete. Sein Zauberstab schoss davon und ein wütendes Gebrüll ertönte.
Sie hörten ein seltsames Aufschlaggeräusch aus der Küche, worauf eine bedrohliche Stille folgte. Harry näherte sich vorsichtig dem Durchgang zur Küche und streckte seinen Kopf um die Ecke.
„Sie sind weg!", rief er und rannte los. Hermine knurrte und raste ihm hinterher, gerade rechtzeitig, um ihn aus der Hintertür hasten zu sehen. Wann würde er es endlich lernen, nicht so verdammt waghalsig zu sein?
Sie stoppte an der Veranda, nachdem sie beinahe Harry umgerannt hatte.
„Wo sind sie hingegangen?", fragte er.
„In den Keller!", rief sie. Sie eilten zurück in die Küche und rissen die Tür zum Keller auf, wo sie gedämpfte Geräusche des Disapparierens vernahmen. Harry hastete die Treppe hinunter, Hermine jedoch blieb stehen, da sie spürte, dass es zu spät war.
Harrys Stimme bestätigte es. „Leer. Verfluchte Feiglinge! Nie bleiben sie und kämpfen, es sei denn, sie sind sechs zu eins in Überzahl!"
McGonagall und Ron betraten die Küche, gerade als Harry wieder am Treppenaufgang auftauchte.
„Der da draußen ist geflohen", berichtete McGonagall.
„Aber wo ist Luna?", fragte Ron.
Hermine zog ihre Galleone heraus. Die Zeit der Geheimhaltung war offensichtlich vorbei.
Devlin? Wo bist du?
Sie war erleichtert festzustellen, dass Luna und Devlin beide in Sicherheit waren.
„Luna ist bei Devlin", sagte sie zu den anderen nach einer kurzen Unterhaltung über die Münzen. „Anscheinend hatten sie einen Portschlüssel und sind jetzt irgendwo in einer Höhle."
„Wer zur Hölle ist Devlin?", verlangte Ron zu wissen.
„Devlin Whitehorn. Er ist derjenige, der mich über den Anschlag auf meine Eltern gewarnt hat. Das hat er auch bei Luna getan."
„Devlin Whitehorn?", wiederholte Harry ungläubig.
„Ja. Warum?"
„Devlin Whitehorn ist der Gründer der Nimbus Rennbesen Company", erklärte Harry. „Hast du nicht eins der Quidditch- Bücher gelesen, die du uns geschenkt hast?"
Hermine errötete. „Naja, nein. Du weißt doch, dass langweilig ich Quidditch finde. Aber das tut nichts zur Sache. Er kann nicht der echte Devlin Whitehorn sein, oder?"
„Ich bezweifle es", sagte Ron und zuckte die Achseln. „Aber man kann nie wissen, wer alles den Todessern beitritt, nicht wahr? Vielleicht glaubt er an die ganze Reinblüter- Sache. Oder besser hat geglaubt, wenn er die Seiten gewechselt hat. Wie lange bist du eigentlich schon in Kontakt mit ihm?"
Hermine konzentrierte sich. „Naja, wir werden schon noch herausfinden, wer er wirklich ist. Ich habe ihm gesagt, dass es sicher genug ist zurückzukehren."
Sie seufzte, enttäuscht, dass Devlin ebenso gut ein Businessmann mittleren Alters sein könnte. Sie hatte sich ihn als einen jungen, witzigen, ein wenig gequälten Mann vorgestellt, der darum kämpfte, den Banden des Bösen, die ihn umgaben, zu entkommen. Ihr Blick verfinsterte sich. Sie schüttelte ihre alberne Schwärmerei ab. Er hatte wahrscheinlich wirklich das Gesicht eines Goblins.
Die Münze in ihrer Hand erwärmte sich und sie senkte ihren Blick.
Kleines Problem. Miss-aus-Versehen-nach-Ravenclaw-gesteckt sagt mir, es ist ein Portschlüssel, der nur in eine Richtung geht. Wir scheinen in dem Loch hier festzustecken, bis wir befreit werden.
Es gab einen Aufruhr im Nebenzimmer. Sie eilten zurück, wo sie Sturgis Podmore und Lunas Vater im Kamin erscheinen sahen.
„Wo ist meine Tochter?", verlangte Mr. Lovegood zu wissen.
„Sie ist in Sicherheit, aber sie steckt in einer Höhle fest. Offensichtlich hat sie einen Portschlüssel benutzt. Hoffentlich können Sie uns sagen, wo sie gelandet sind."
„Wo sie gelandet sind?"
„Sie ist bei einem... Freund."
Mr. Lovegood zog betroffen seine Brauen zusammen.
„Nun, das hängt davon ab, welchen Portschlüssel sie benutzt hat, natürlich. Viele von ihnen führen zu Höhlen. Hoffentlich hat sie nicht den benutzt, der sie nach Nepal bringt... bei meinem letzten Besuch ist dort eine Gruppe von Trollen eingezogen..." Er kratzte sich am Kopf. „Nun gut, lasst mich nachsehen. Ich finde schon heraus, welchen sie benutzt hat." Er eilte nach unten.
Hermine schaute hilflos zu den anderen.
McGonagall ging für einen Augenblick nach draußen und kehrte dann wieder zurück.
„Ich habe eine Nachricht an Lupin geschickt. Ich sagte ihm, dass die Gefahr abgewendet worden ist. Nun muss ich wirklich nach Hogwarts. Diese Abstecher lassen mich gehörig hinter meinem Zeitplan herhinken."
„Ich will nicht gehen, bevor ich weiß, dass Luna in Sicherheit ist", sagte Hermine. Und Devlin, fügte sie im Herzen hinzu. Sie hatte nicht die Absicht, ihn zu verlassen, so dass er entdeckt und für einen Todesser gehalten wird, selbst wenn er mittleren Alters war und aussah wie ein Goblin. Harry warf ihr einen skeptischen Blick zu, wohl wissend, dass Luna nicht unbedingt Hermines Lieblingsperson war. „Harry, du und Ron, ihr geht mit Professor McGonagall. Ich komme nach. Es sollte nicht allzu lange dauern, jetzt, da Mr. Lovegood hier ist."
Harry wollte gerade protestieren, als Sturgis Podmore sich zu Wort meldete: „Ich bleibe bei Hermine."
Nach einer weiteren Diskussion disapparierten McGonagall, Harry und Ron nach Hogsmeade.
Mr. Lovegood kehrte aus dem Obergeschoss zurück und trug einen purpurnen Kelch mit goldener Aufschrift auf der Seite.
„Ich habe überall danach gesucht!", stieß er aus. „Das ist ein Souvenir aus – "
„Mr. Lovegood, können wir uns bitte darauf konzentrieren, Luna zu finden? Vielleicht können wir zu allen Höhlen apparieren, die Ihnen einfallen –"
Mr. Lovegood schüttelte heftig den Kopf.
„Oh nein. Wir apparieren niemals. Schrecklich riskant, diese Art des Reisens. Luna und ich reisen nur mit Portschlüssel oder über das Flohnetzwerk."
Hermine hätte sich beinahe eine Scheibe von Harry abgeschnitten und sich in ihrem Frust an den Haaren gerissen.
„Können Sie sich dann wenigstens daran erinnern, zu welcher Höhle Luna gebracht worden sein könnte? Mit einem Portschlüssel ohne Ausgang vielleicht?"
Mr. Lovegood gab einen summenden Laut von sich und schüttelte den Kopf.
„Ohne Ausgang? Das wäre außerordentlich dumm. Sie haben alle Ausgänge. Nimm diesen hier zum Beispiel – " Er trat einen Schritt vor und hob etwas auf, das aussah wie eine ausgestopfte Wachtel – und verschwand. Hermine starrte die leere Stelle für einen Augenblick an. Dann riss sie sich wirklich an den Haaren, hart.
„Wenn das wieder ein Portschlüssel ist, der nur in eine Richtung geht, schreie ich!"
„Wir sollten lieber hoffen, dass es so einer war", kommentierte Sturgis vom Fenster aus. „Die Todesser sind zurück."
Hermine rannte gerade zur rechten Zeit zu ihm, um mindestens sechs maskierte Todesser im Garten Gestalt annehmen zu sehen. Einer von ihnen erhob seinen Zauberstab zum Haus. Hermine griff nach Sturgis und disapparierte.
Sie fiel auf die Knie, als sie ihr Ziel erreichten. Seit- an- Seit- Apparieren war schwierig und sie hatte es bereits zweimal an einem Morgen getan. Sturgis half ihr auf die Füße, sagte jedoch nichts. Sein Blick war auf einen Fleck über ihrer Schulter gerichtet. Er trug einen grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht.
Sie drehte sich widerwillig um, sah aber keinen Todesser. Stattdessen erblickte sie eine träge Rauchspirale, die sich von einem Wirrwarr von geschwärzten Balken empor wand.
„Warum hast du uns hierher gebracht?", fragte Sturgis mit heiserer Stimme.
„Es ist in der Nähe von den Lovegoods. Ich habe nicht weiter gedacht als zu entkommen", flüsterte sie. Ihr wurde schlecht, als sie sah, was dem Fuchsbau zugefügt worden war, dem Ort, der so viele schöne Erinnerungen barg. „Oh Gott, ich kann nicht glauben, dass sie das getan haben. Zu welchem Zweck nur?"
Sturgis schwieg, doch Hermine kannte die Antwort. Sie wandte sich um, bevor die Tränen zu fließen begannen, und hielt sich an ihrer wachsenden Wut fest.
„Kommen Sie", sagte sie brüsk. „Wir müssen sichergehen, dass Mr. Lovegood nicht zurückkommt. Es ist nicht allzu weit zu laufen."
Sie gingen los. Die Wolken begannen sich zu lichten und die Temperatur war mild. Ein schöner Sommertag kündigte sich an. Hermine war jedoch nicht in der Stimmung, es zu genießen. Sie wollte nur zu den Lovegoods zurückkehren und es selbst mit allen Todessern aufnehmen. Zu Fuß brauchten sie lediglich fünfzehn Minuten zu Lunas Haus, was der Grund für Hermines Ziel gewesen war. Sie fürchtete, dass die Todesser einen Anti- Apparier- Zauber auf das Haus gelegt hätten. Sie und Sturgis wären eingeschlossen gewesen – abgesehen von einem Sortiment von Portschlüsseln, von denen einer zu einem Lager von Höhlentrollen führte.
Auf dem Weg spürte sie, wie sich die Münze auf ihrer Brust erhitzte.
Du hast doch vor, uns zu finden, richtig? fragte Devlin.
Ja, aber es gab Komplikationen. Die Todesser sind zurückgekommen.
Um nach mir zu suchen? Wie rührend.
Eigentlich glaube ich eher, dass sie gehofft haben, Harry Potter zu erwischen.
Ich weiß, war nur ein Witz. Wenn ich Feuer fangen würde, würden sie Brennholz dazu werfen.
Ich komme, sobald ich kann, versprach sie.
Als sie sich dem Haus der Lovegoods näherten, gingen sie außen herum, um einen Blick auf die Vorderseite zu werfen. Glücklicherweise gab es eine große Menge von Gestrüpp, das sie verbarg. Die Todesser liefen im Vordergarten umher. Hermine konnte nirgends ein Zeichen von Mr. Lovegood entdecken. Hoffentlich lag er nicht bereits tot im Haus... Sie schauten zu, wie mehrere von ihnen Lunas Haus in Brand setzten, so wie sie es beim Fuchsbau getan hatten. Sturgis hätte in seinem Zorn beinahe die Deckung aufgegeben, doch Hermine hielt ihn mit einem Zischen zurück.
„Es sind zu viele!"
Die Todesser verschwanden plötzlich. Sie warteten einige Minuten, um sicherzugehen, dass keiner zurückgeblieben war. Dann hasteten sie zum Haus. Schnell ließen sie Wasserfontänen aus ihren Zauberstäben herabregnen und schafften es, die Flammen zu bezähmen, bevor dem Haus zu viel Schaden zugefügt worden war.
Hermine stand Wache, während Sturgis das Haus betrat.
„Keine Spur von ihm. Er kann nicht zurückgekommen sein, sonst hätten wir ihn schon gesehen."
„Das ist eine Erleichterung. Aber wie sollen wir Luna finden?"
