Mein Leben würde sich also gravierend verändern. Zunächst einmal gab es keine Jane mehr. Die schlimmste Veränderung überhaupt. Sie war mit Charles in die Flitterwochen ans Meer gefahren und würde danach mit ihm auf Netherfield leben. Natürlich würde ich sie weiterhin sehen, aber sie war jetzt verheiratet und wir würden uns keine Nächte mehr mit Plaudern und Kakaotrinken um die Ohren schlagen.
Früher oder später würden sie Netherfield aufgeben und sich ein anderes Anwesen suchen – weit weg von Longbourn – da die aufdringliche Hilfsbereitschaft und Präsenz meiner Stiefmutter selbst dem gutmütigen Charles bald auf die Nerven ging. Es war ein Wunder, daß sie überhaupt alleine in die Flitterwochen hatten fahren dürfen!
Tja, und ich sollte Nicholas Hamilton heiraten. Ich redete mir ein, daß dies das beste für mich sei. Nicholas war überaus aufmerksam. Jeden Tag kam er zu Besuch, brachte mir kleine Geschenke mit und trug mich fast auf Händen. Er war ganz reizend, und ich nahm mir vor, ihm eine gute Ehefrau zu sein. Das Thema mit den ehrbaren Frauen und den Einladungen zum Tee verdrängte ich zunächst einmal. Auch gestattete ich mir nicht, an Fitzwilliam zu denken. Ich tat es natürlich trotzdem. Aber jedesmal kamen mir die Tränen und ich tat mir keinen Gefallen damit. Ja, ich sollte Nicholas eigentlich lieben. Ich mochte ihn ja auch. Ich würde immerhin mein künftiges Leben mit ihm verbringen, da sollte ein wenig Sympathie schon vorhanden sein. Ich verschob den Hochzeitstermin immer wieder mit den kühnsten Ausreden, aber irgendwann wäre wohl seine Geduld auch erschöpft. Und unfair war es auch von mir. Aber ich konnte nichts dagegen tun.
Meine liebe Tante Gardiner rettete mich zunächst einmal. Ich hatte ihr zwar nicht gesagt, daß ich in einen anderen Mann verliebt war, der mir dann so übel mitgespielt hatte (das wußte noch nicht einmal Jane), aber sie spürte anhand meiner etwas wirren Briefe offenbar instinktiv, daß es mir nicht gut ging. Sie schrieb mir einen lieben Brief und lud mich ein, mit ihr und meinem Onkel ein paar Tage wegzufahren, damit ich auf andere Gedanken käme. Nur zu gern sagte ich zu.
Zwischenzeitlich war es Ende Mai geworden und unsere Reise sollte starten. Hoch in den Norden wollten wir fahren, zu den Seen. Aber als meine Verwandten mich schließlich abholten, hatten sie eine Änderung anzukündigen. Aus Zeitgründen würden wir es nicht schaffen, die Seen zu besuchen, da mein Onkel wegen unvorhersehbarer Geschäfte früher wieder in London erwartet wurde. Also fuhren wir zwar immer noch nach Norden, aber ‚nur' nach Derbyshire. Zuerst schluckte ich heftig. Derbyshire – Fitzwilliams Heimat. Aber das County war groß und Fitzwilliam hielt sich bei seiner Schwester in London auf zu dieser Jahreszeit, bevor sie im Sommer nach Pemberley zurückkehrten, also war die Gefahr relativ gering, ihn anzutreffen.
Zuversichtlich, nach ein paar Tagen der Erholung die richtige Entscheidung für mein zukünftiges Leben zu treffen, fuhren wir los. Das heißt, eine Entscheidung hatte ich ja bereits getroffen: ich würde Nicholas Hamilton heiraten. Ich würde mich nach meiner Rückkehr mit voller Kraft in die Vorbereitungen stürzen, würde endlich einen Termin für die Trauung festlegen und mich damit abfinden, die Pflichten einer verheirateten Frau zu übernehmen. Keine wilden Ausritte, keine Freiheiten…und kein Fitzwilliam Darcy.
Am besten kam ich damit zurecht, wenn ich bei diesen Gedanken wütend wurde. Richtig wütend. Fitzwilliam hatte mich schließlich hintergangen. Mich im Garten zu küssen und zur gleichen Zeit schon verlobt zu sein – wie konnte er nur? Seine arme Verlobte! Und die arme Lizzy erst…
Ein böser Gedanke war mir nach einiger Zeit des Überlegens gekommen. Anne DeBourgh war ein eher kränkliches, schwaches Mädchen, noch dazu seine Cousine! Er würde sie nur aufgrund des Drucks heiraten, der von seiner Familie auf ihn ausgeübt wurde. In adligen Kreisen nannte man das früher wohl „ aus Gründen der Staatsräson!" Eine Vernunftehe, eine arrangierte Ehe ohne gegenseitige Liebe. Hauptsache, das Geld blieb zusammen.
Und ich glaubte verstanden zu haben, was meine Rolle in diesem bösen Spiel sein sollte: Erst verführte er mich unter dem Apfelbaum, lud mich dann ganz scheinheilig in Georgies Namen nach Pemberley ein, wo er sich offenbar vorstellte, daß ich dort als seine Mätresse bleiben würde! Fitzwilliam Darcy tat nichts ohne Grund, und dieses ‚Arrangement' erschien mir denkbar und aus seiner Sicht logisch. Der Gedanke alleine machte mich jedesmal so wütend, daß alle meine bisherige Zuneigung, die ich diesem Mann gegenüber vielleicht empfunden hatte, wie weggeblasen war. Ja, ich wollte wütend sein und nicht weiter darüber nachdenken. Alles andere hätte mich nur zum Weinen gebracht.
So fuhren wir fröhlich dahin und ich konzentrierte mich voll und ganz auf die Reise. Ich konnte nicht genug bekommen von den Besichtigungen der großen Landsitze, den Spaziergängen, den ganzen aufregenden, neuen Dingen, die während dieser Tage auf mich einstürmten. Meine Verwandten waren reizende Reisepartner und wir hatten viel Spaß zusammen. Andere Menschen kennenlernen, in fremden Betten schlafen, neues zu lernen… es war einfach wundervoll.
Nach etwas über einer Woche machten wir Station in Lambton. In diesem kleinen Ort war meine Tante geboren worden und aufgewachsen. Wir wohnten in einem gemütlichen Inn und während meine Tante alte Freunde besuchte, stromerte ich durch das Dorf oder schrieb Briefe an Jane.
Eines morgens beim Frühstück fragte die Dame des Hauses, ob wir uns schon Pemberley angeschaut hätten und ich fiel fast vom Stuhl vor Schreck. „Nein," sagte meine Tante. „aber ich bin sicher, wir werden uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Nicht wahr, Lizzy?"
Ich sah sie mit großen Augen an. „Pemberley?" murmelte ich fassungslos. „Ja, Liebes, wir sind nicht weit entfernt davon und es ist ein wunderschönes Anwesen. Du wirst begeistert sein." „Ich…ich weiß nicht recht. Die Familie ist doch sicherlich dort und wenn wir da einfach so einfallen…" „Oh nein, Miss," sagte die Dame. „Die Familie ist bis zum Sommer in London. Das Haus steht momentan interessierten Besuchern offen. Sie sollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sobald die Darcys wieder da sind, kann Pemberley nicht mehr öffentlich besichtigt werden. Und es ist wirklich wundervoll dort draußen. Alleine der Park ist sehr sehenswert."
Meine Tante nickte zustimmend und somit war es entschieden. Wir würden am nächsten Morgen nach Pemberley fahren.
Auch wenn ich wußte, daß Fitzwilliam nicht anwesend sein würde, konnte ich vor Aufregung in dieser Nacht nicht schlafen. Ich würde seine Heimat sehen, sein Haus. Ich würde durch Gänge laufen, durch die er sonst ging. Sehen, was er sonst sah. Wo er zuhause war. Und wo bald Anne DeBourgh regieren würde. Und nicht Elizabeth Bennet. Sehr gut, Lizzy, er hat dich einmal geküßt und du hast dich schon als Herrin von Pemberley gesehen! Argh!
Schließlich beruhigte ich mich und schalt mich eine dumme Närrin. Er war nicht da. Keiner der Darcys würde dort sein. Da es unmöglich für mich sein würde, im Sommer wie ursprünglich vereinbart zu Besuch zu kommen, könnte ich mir wohl auch problemlos das Haus anschauen. Anschauen tat nicht weh. Was konnte das Haus dafür, daß es einen so hinterhältigen Bewohner hatte!
Nach dem Frühstück fuhren wir los und ich staunte zunächst, welche Ausmaße das Grundstück hatte. Es war riesig. Es war gigantisch. Und es war wunderschön. Das Haus lag malerisch am Rand eines Sees, oder war es gar ein Fluß? – umgeben von viel Grün, von Bäumen, Rasen, Büschen, Blumen… es gab so viel zu sehen und meine Tante und ich wechselten uns ab im Ausstoßen kleiner Ausrufe der Bewunderung. Es war alles mustergültig gepflegt, und doch sah die Landschaft natürlich aus und alles andere als künstlich. Kein Wunder, daß Fitzwilliam seine Heimat so sehr liebte. Ich konnte es nachvollziehen. Es war ein Traum.
Wir stoppten die Kutsche kurz vor dem Haus und stiegen aus. Während meine Tante und mein Onkel auf das Haus zugingen, wollte ich noch ein paar Minuten draußen bleiben. Etwas abseits vom Haus hatte eine ganz reizende Stelle meine Aufmerksamkeit geweckt, ein kleiner Teich mit wunderschönen Seerosen. Den wollte ich mir gerne ansehen.
Wäre ich mit meinen Verwandten gleich ins Haus gegangen, hätte ich wie sie die Ehre gehabt, vom Hausherrn, Mr. Fitzwilliam Darcy, persönlich begrüßt zu werden.
