Als Rokko am nächsten Morgen nach unten kam, erwartete ihn eine Überraschung an der Tür zum Esszimmer. Ein großer Zettel prangte dort:

Bürostunden:

Montag – Freitag:

8 Uhr – 12 Uhr

Mittagspause bis 16 Uhr (zur freien Verfügung, vorzugsweiße an der frischen Luft! Bei schlechtem Wetter auch gerne im Haus, sofern nicht weiter von der Arbeit gesprochen wird!)

16 Uhr – 21 Uhr (wobei ein früherer Feierabend von der Schlüsselwächterin bevorzugt wird!)

Strenge Überwachung der Bürozeiten durch die Schlüsselwächterin!!! Übertretungen werden mit Bürofreien Tagen bestraft!!!

Die Schlüsselwächterin Melitta

Er riss den Zettel ab und ging in die Küche, wo seine Oma gerade die Kaffeemaschine in Gang brachte. „Guten Morgen! Na, hattet ihr einen schönen Abend?" sie lachte ihn an. Rokko hielt ihr grußlos den Zettel unter die Nase. „Was soll das?" er versuchte ernst zu schauen, doch Melitta erkannte, dass er sich mühsam das Grinsen verkneifen musste.
„Ist der Zettel so undeutlich geschrieben?" sie biss sich auf die Zunge, um nicht laut los zu lachen. „Nein!" Rokko konnte sich jetzt nicht mehr beherrschen und ein breites Grinsen war auf seinem Gesicht zu sehen. „Was bezweckst Du damit? Ich verbringe jetzt schon mehr Zeit mit Lisa, als ich je wieder wollte. Und das freiwillig. Und um auf Deine Frage von vorhin zurück zu kommen: ja, wir hatten einen schönen Abend." Er setzte sich an den Küchentisch.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in ihrer Gegenwart je wieder so wohl fühlen würde." fügte er leise hinzu. Sein Grinsen war einem schmalen Lächeln gewichen. Er sah auf die Tischdecke und fuhr gedankenverloren ihr Blumenmuster mit dem Finger nach. Melitta war an ihn herangetreten und strich ihm durch die Haare. „Ist das so schlecht?" Rokko seufzte. „Ich weiß es nicht. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es herausfinden will." Er sah Melitta traurig an. „Was hast Du zu verlieren?" ihr Blick war ernst. Rokko sah wieder auf den Tisch. „Mein Herz. Zum dritten Mal. Davor hab ich Angst." Melitta setze sich. Sie überlegte lange, bevor sie weiter sprach. „Das weiß ich. Aber willst Du Dir von der Angst den Weg weißen lassen, wie Lisa es damals getan hat? Das Schicksal hat Euch eine zweite Chance geschenkt. Wirf sie nicht weg!" sie stand auf, holte Geschirr aus dem Schrank und deckte den Tisch fürs Frühstück. „Ich hab keinen Hunger!" mit diesen Worten stand er auf, griff nach dem Zettel mit den Bürozeiten und verließ das Zimmer. Sekunden später hörte Melitta die Haustür ins Schloss fallen. Sie schenkte sich Kaffee ein und setzte sich, leicht lächelnd, an den Tisch.

Lisa war an diesem morgen ungewöhnlich früh aufgewacht, hatte gefrühstückt und dann einen kleinen Spaziergang am Strand gemacht. In Gedanken war sie noch immer beim vergangenen Abend. Sie war lange nicht mehr so glücklich gewesen, sie konnte sich schon gar nicht mehr erinnern, wie lange nicht mehr. Es musste Jahre her sein.

Als sie wieder zuhause war, beschloss sie mal wieder ein wenig im Garten zu werkeln. Das Wetter war gut und wer wusste schon, wann sie wieder dazu kommen würde, bevor es Winter wurde. So begann sie, eifrig, Hecken zurück zu schneiden und verwelkte Blumen zu entsorgen.
Sie riss gerade eine Reihe von verblühten Stiefmütterchen heraus, als plötzlich ein Schatten auf sie fiel. Sie fuhr herum und sah in Rokkos Gesicht. Langsam wich der Schreck in ihren Zügen einem Lächeln. „Musst du Dich so anschleichen?" sie sah ihn leicht vorwurfsvoll an. „Hallo, Lisa! Ich hab vorne geklingelt, aber da hat niemand aufgemacht. Dein Auto stand aber vor der Tür und dann bin ich halt ums Haus rum. Ich wollte Dich nicht erschrecken." Er blickte leicht zerknirrscht. Lisa stand auf und lächelte ihn an. „Schon ok! Ich lebe ja noch!" mit einem Zwinkern wischte sie sich die erdigen Hände an der Jeans ab. „Was machst Du hier?" Rokko sah ein wenig verlegen zu Boden und begann in seiner Jackentasche zu kramen. Er holte den Zettel hervor und reichte ihn Lisa. Sie begann zu lesen und ihr Lächeln wurde breiter, bis sie schließlich erheitert auflachte. „Deine Oma ist wirklich immer für eine Überraschung gut!" sie gab ihm den Zettel zurück. „Oh ja. Du hättest mal mein Gesicht sehen sollen, als ich das heute Morgen gelesen hab! Sie verblüfft mich immer wieder." Er schmunzelte. „Na, dann bekommen wir ja sicher auch bald noch einen Stundenplan für die Mittagspause. Liegestützen, Kniebeugen und was weiß ich, was Deiner Oma noch so alles einfällt. Kreativ ist sie ja! Jetzt weiß ich auch endlich, wo Du das her hast!" Rokko nickte. „Vielleicht!" er lächelte. Eine Weile sagten beide gar nichts. „Willst Du was trinken?" Lisa brach als erste das Schweigen. „Gern!" Rokko lächelte sie dankbar an. Gemeinsam gingen sie ins Haus und einigten sich auf Kaffe. Lisa setzte ihn auf und holte noch eine Packung Kekse aus dem Schrank. „Bedien Dich! Ich zieh mich mal schnell um." Sie deutete auf ihre verdreckte Jeans und Rokko lachte. Er setzte sich an den Tresen und nahm sich einen Keks. Als der Kaffe durchgelaufen war, suchte er nach einer Tasse und schenkte sich ein. Mit der Tasse in der Hand, ging er zurück in den Flur und von dort ins Wohnzimmer. Er sah sich um. Das Zimmer war in warmen Erdtönen eingerichtet und vermittelte einen gemütlichen Eindruck. Auf dem Kaminsims waren einige Photos aufgestellt. Rokko trat näher um sie anzusehen. Bekannte Gesichter blickten ihm entgegen: Lisas Eltern, Jürgen, Yvonne und Max. Auf einem Bild war die gesamte Belegschaft von Kerima zu sehen. Er musste lächeln. Ganz außen entdeckte er das Hochzeitsbild von Lisa und Alexander. Er nahm es in die Hand. Lisas Mann strahlte in die Kamera. Rokko sah ihm an, dass es für ihn der schönste Tag in seinem Leben gewesen sein musste. Doch Lisa sah fast teilnahmslos aus. Schon damals lag der Schleier der Traurigkeit über ihren Augen. Er schloss seufzend die Augen. Vor seinem inneren Auge stand immer noch das Photo, nur diesmal hatte er Alexanders Platz eingenommen und die Lisa, die neben ihm zu sehen war, strahlte und ihre Augen reflektierten das Sonnenlicht. So hatte er sich, damals, sein und Lisas Hochzeitsbild vorgestellt. Er wischte die Vorstellung weg, öffnete die Augen und sah zur Tür. Dort stand Lisa. Sie war umgezogen und musste auch geduscht haben. Ihre feuchten Haare waren mit einer Klammer am Hinterkopf festgesteckt. Sie kam langsam auf ihn zu. Ihr Blick fiel auf das Photo in seiner Hand. „Noch einer, dem ich das Herz gebrochen habe." Ihre Stimme klang resignierend. „Ich bringe den Männern in meinem Leben kein Glück. Dich habe ich vorm Altar stehen lassen und Alex habe ich jahrelang angelogen." Sie seufzte und schlang ihre Arme um ihren Oberkörper. „Dabei wollte ich doch nichts anderes, als wieder einen Menschen finden, mit dem ich mir vorstellen kann alt zu werden und dann immer noch so liebe, wie am ersten Tag." Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel. Rokko musste den Drang, sie ihr wegzuwischen, unterdrücken. Stattdessen stellte er das Bild zurück und holte tief Luft. „Nicht jeder ist dazu bestimmt, diesen einen Menschen zu finden. Ich auch nicht!"

Langsam und leise begann er, Lisa von seiner Ehe zu erzählen. Wie sehr er gehofft hatte, mit Dana endlich die Frau gefunden zu haben, die ihn wirklich liebte und mit der er seine Träume teilen konnte. Und wie tief ihn die Enttäuschung getroffen hatte, dass seine und ihre Wünsche nicht die gleichen waren. Lisa hatte ihm ruhig zugehört. Sie merkte, dass er das so noch nie jemandem erzählt hatte. Als er geendet hatte, glitzerten zwar Tränen in seinen Augen, doch er wirkte erleichtert. „Am Tag der Scheidung habe ich sie zum letzten Mal gesehen." Lisa sah ihn mitfühlend an. „Das muss schlimm für Dich gewesen sein und mir steht es noch bevor." Sie seufzte. „Es ist schwer zuzugeben, dass es nicht funktioniert. Den Teil hast Du bereits geschafft. Den letzten Schritt schaffst Du auch noch." Er lächelte leicht.

Irgendwann, während Rokko erzählt hatte, hatten sie sich auf die Couch gesetzt. Jetzt saßen sie nebeneinander und schwiegen, doch diesmal war es keine unangenehme Stille. Rokko brach das Schweigen als erster. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich bin wirklich froh, Dich wieder getroffen zu haben. Das war gestern Abend nicht nur so dahin gesagt. Ich habe die letzten Wochen mit Dir sehr genossen." Er sah sie direkt an und für einen winzigen Augenblick leuchteten Lisas Augen ihn an, doch nach ihrem nächsten Wimpernschlag, war das Strahlen wieder verschwunden. „Danke! Das bedeutet mir sehr viel, Rokko." sie sah zu Boden. „Du hast mich bei unserer ersten Begegnung gefragt, was jetzt ist, nachdem ich Dir alles erzählt habe. Ich war damals erstaunt über Deine Frage und ich war nicht ganz ehrlich. Als ich Dich gesucht habe, über ein Jahr lang, da habe ich mir gewünscht und gehofft, dass Du mir vergeben könntest und wir vielleicht noch einmal von vorne anfangen können. Mit den Jahren ging diese Hoffnung verloren und ich habe aufgehört zu träumen. Oder zumindest habe ich mir das immer eingeredet. Doch der Wunsch, Dich wieder in meinem Leben zu haben, blieb. Kannst Du Dir wieder eine Freundschaft mit mir vorstellen?" ihre Stimme war immer leiser geworden und sie sah Rokko weiterhin nicht an. Die Frage schwebte durch den Raum und Lisa hatte Angst vor der Antwort, die Rokko ihr geben würde. Langsam hob sie ihren Kopf und sah ihn an. Nichts in seinem Gesichtsausdruck verriet, was er dachte. „Ich habe mir in den letzten Wochen immer wieder überlegt, was wohl passiert wäre, wenn Du mich damals gefunden hättest. Ich habe darauf immer noch keine Antwort, Lisa." Er seufzte. „Vielleicht wäre das passiert, was Du Dir erhofft hast, vielleicht aber auch nicht. Ich weiß es nicht und wir werden es nie erfahren. Und selbst wenn, wir können nicht mehr ändern, was passiert ist und vielleicht ist das auch gut so." Er lächelte jetzt wieder leicht. Lisa sah ihn immer noch gespannt an. „Ich hab Dir vergeben, Lisa. Ob ich jemals vergessen kann, wird die Zukunft zeigen." Er sah die Erleichterung in Lisas Gesicht. „Damals dachte ich, dass ich es nie könnte, doch mit der Zeit wurde der Schmerz weniger." er konnte ihr nicht sagen, dass der Schmerz, mit dem Wiedersehen, zurückgekommen war. Schwächer zwar, doch immer noch fühlbar. Doch das wollte er ihr und auch sich nicht antun. „Und mir ist eines bewusst geworden: Meine Freundschaft zu Dir, hat den Schmerz überlebt, sie war nie weg." Lisa sah ihn ungläubig an. Sie konnte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte. Er hat mir verziehen! Immer wieder hörte sie in Gedanken seinen Satz: Ich hab Dir vergeben, Lisa. Es war, als hätte sie die letzten 12 Jahre nur darauf gewartet, das zu hören. Sie fühlte sich unheimlich erleichtert, als ob jemand die Last, die ihre Schuld für sie gewesen war, von ihr genommen hätte. „Danke!" flüsterte sie und strahlte ihn an. Rokko lächelte zurück und sah mit Freude, dass ihre Augen leuchteten. Es war keine Spur der Traurigkeit mehr darin zu sehen.

Rokko stand auf. „Ich geh dann mal. Wir sehen uns morgen!" Lisa nickte. Er lief in den Flur und Lisa folgte ihm zur Tür. Lisa blieb in der Haustür stehen. „Bis morgen! Ich freu mich!" er wand sich zu ihr um. Eine Haarsträhne hatte sich aus der Klammer gelöst. Er schmunzelte und strich sie ihr sacht aus dem Gesicht. „Ich mich auch!" er zwinkerte ihr zu und lief den Weg zur Strasse entlang. Lisa lehnte sich gegen den Türrahmen und sah ihm nach. Am Gartentor sah er sich noch mal nach ihr um. Er konnte das Strahlen ihrer Augen bis hierher sehen. Rokko wusste, dass er diesen Anblick nie vergessen würde.