Es war nicht so, dass er zum ersten Mal in House' Apartment war, ohne dessen ausdrückliche Erlaubnis eingeholt zu haben.

Er besaß einen Schlüssel dafür, lange schon.

Trotzdem kam es ihm komisch vor, ihn zu benutzen, und er betätigte vorsichtshalber die Klingel.

Wenn Chase da war und sich nicht gerade im Schrank eingeschlossen hatte, würde er öffnen.

Cuddy hatte ihn darum gebeten, nach ihm zu sehen, nachdem sie ihm berichtet hatte, dass House ihn allein in seiner Wohnung gelassen hatte.

„Er wird kaum die Bücher aus den Regalen zerren und ein Freudenfeuer anzünden", hatte er gesagt.

„Sie haben nicht gesehen, was gestern passiert ist. Er war vollkommen starr vor lauter Panik. Ich möchte nur sicher gehen, dass er in Ordnung ist."

„Besorgen Sie ihm einen Babysitter", schlug er vor.

„Eigentlich ist es genau das, was ich hier versuche."

Er hatte nach seinem Mantel gegriffen und war in die Baker Street gefahren, widerspruchslos.

Es würde sowieso nicht viel nützen.

Je eher er das hinter sich brachte, desto schneller konnte er sich wieder seinen eigentlichen Patienten widmen.

Chase war tatsächlich da. Verwunderlich genug, dass House ihn offenbar für eine Nacht aufgenommen hatte; noch erstaunlicher fand er, dass Chase nicht bereits wieder weg war.

Er öffnete ihm die Tür, barfuss und in Jeans.

Anstelle seiner üblichen förmlichen Pullunder trug er ein T-Shirt mit einer aufgedruckten Bulldogge, das er als eines von House erkannte.

Sein Haar war verstrubbelt, und er fuhr sich verlegen mit der Hand darüber, als er Wilsons Blick bemerkte.

„Ich muss eingeschlafen sein", sagte er.

„Was nach der aufregenden Nacht kein Wunder sein dürfte."

Er kam ihm so jung vor.

In Hemd und Krawatte sah er zumindest ein wenig nach einem Arzt aus.

Jetzt wirkte er kaum älter als ein Teenager.

„Darf ich reinkommen?"

Chase trat von der Tür weg. „Hat House Sie geschickt?"

„Nicht direkt. Ich hatte eine Minute Zeit und dachte, ich schaue bei Ihnen vorbei."

Ein wenig unschlüssig ging Chase zurück ins Wohnzimmer, offenbar unsicher, was er davon halten sollte. Schließlich fragte er: „Kaffee?"

„Warum nicht?"

Er hörte ihn einen Moment lang in der Küche rumoren.

„Die Tassen stehen links in dem kleinen Wandschrank", rief er.

Es war ein bisschen seltsam, Chase in House' Küche zu sehen. Er hätte nicht geglaubt, dass er so etwas jemals erleben würde.

Mit einer Kanne und zwei Bechern kam Chase zurück.

Er bewegte sich mit der Vorsicht eines Fremden in einer ihm unbekannten Wohnung, ein wenig schüchtern fast.

Wilson fand es sehr einnehmend.

„Wie geht es Ihnen?" fragte er ihn, nachdem er auf der Couch Platz genommen hatte.

„Besser."

Wilson wusste nicht so recht, was er erwartet hatte. Dass Chase ihm sein Herz ausschüttete? Er schien noch schwerer zu durchschauen als House.

„Was Sie durchmachen, ist ganz normal und kein Grund, sich deswegen zu schämen", fing er vorsichtig an. „Solange die Erinnerung frisch ist, sollten Sie das mit psychologischer Unterstützung verarbeiten. Es ist leichter, wenn man nicht zu lange wartet."

„Ich komme zurecht."

„Ich weiß, dass es mich im Grunde nichts angeht", fuhr er mutiger werdend fort, „aber wenn Sie jemals das Bedürfnis haben sollten, zu reden-… Ich kann zuhören. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, allein zu sein. Nach einer Scheidung ist es besonders hart. Plötzlich fehlt der wichtigste Mensch, den man geglaubt hat, zu haben. Und gerade jetzt bräuchten Sie jemanden wie Cameron. Jemand, der bei Ihnen ist."

Chase' Miene verschloss sich.

Er fragte sich, ob er zu forsch gewesen war.

Trotzdem konnte er es nicht lassen. „Auf mich geschossen hat noch niemand, da könnte House Ihnen eventuell eine größere Hilfe sein. Wenn man so etwas von ihm überhaupt voraussetzen darf. Aber wenn Sie über Ihre Scheidung reden wollen-… Um die Erfahrung bin ich ihm immerhin voraus. Und es könnte Sie ein wenig erleichtern. Ich weiß genau, was Sie hinter sich haben. Reden hilft manchmal."

„Cameron hat damit nichts zu tun", sagte Chase unvermittelt.

„Sie vermissen sie immer noch, nicht wahr?"

„Würden Sie jemanden vermissen, der Sie dann verlässt, wenn Sie ihn brauchen?"

Es klang nicht einmal bitter.

Ernüchtert, vielleicht.

Desillusioniert.

Auf einmal merkte Wilson, dass keiner wirklich wusste, weshalb die beiden sich getrennt hatten.

Weshalb Cameron gegangen und Chase geblieben war.

Es gab keinen schlüssigen Grund dafür.

Sie glaubt, ich vergifte ihn, hatte House leichthin gesagt, als er ihn einmal danach gefragt hatte.

Mehr hatte er nicht aus ihm herausgebracht.

Aber wollte Chase wirklich lieber vergiftet werden, als mit seiner Ehefrau ein neues Leben zu beginnen – ein Leben außer Reichweite von House' Einfluss?

Denn das war das, was er machte mit seinen Untergebenen – er beeinflusste sie.

Er zeigte ihnen Mittel und Wege, die nicht immer mit dem Hippokratischen Eid oder menschlicher Vernunft zu vereinbaren waren, aber sie sahen, dass er gut damit durchkam.

Sogar Leben dabei rettete.

Am Ende zählte das Ergebnis, nicht der Weg dorthin.

Entweder sie bewunderten es, oder es stieß sie ab – aber die wenigstens ließen sich nicht von seinem Charisma einfangen.

„Weshalb sind Sie geblieben?" fragte er. „Sie wollten mit Cameron die Klinik und House' Abteilung verlassen. Warum haben Sie es nicht getan?"

Hatte es Meinungsverschiedenheiten gegeben? Was hatte ihn dazu gebracht, den Job bei House seiner Ehe vorzuziehen?

Und war sie gegangen, weil er House vor ihr wählte?

Das passte weder zu Cameron noch zu Chase.

Sie war entschlossen gewesen, zu gehen.

Chase nicht.

Und er hatte eine Entscheidung getroffen, die völlig unerklärlich war.

Er konnte sehen, wie Chase die metaphorischen Schranken herunter ließ. Sein Gesicht wurde ausdruckslos und leer.

Schließlich sah er zu ihm auf. „Ich habe einen Fehler gemacht. Es hätte mich überall hin verfolgt. Ich konnte nicht weg, ohne mich dabei wie ein Feigling zu fühlen."

Das kam unerwartet. Trotzdem fragte er: „Wollen Sie darüber sprechen?"

Verwirrt zog er die Brauen zusammen. „Hat House nicht mit Ihnen geredet?"

„Er spricht nicht mit mir über Sie."

Chase sank in das Polster zurück. „Er hat Ihnen nichts gesagt?"

Es klang, als wollte er sich vergewissern.

Als ob es etwas zu bereden gab.

Wilson kam sich vor wie ein dummer Schuljunge. „Nein. Sollte er?"

Jetzt zeigte sich deutliche Erleichterung auf seinem Gesicht.

Wilson fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Gab es etwas, das er wissen sollte?

Chase stand auf. „Danke für den Besuch", sagte er.

Eine deutliche Aufforderung an ihn, zu verschwinden.

Wilson zögerte. „Ihre Trennung hat nichts mit ihm zu tun, oder? Mit House. Ich weiß, dass Cameron sich zu ihm hingezogen gefühlt hat…"

„Jetzt nicht mehr", erwiderte er knapp. „Es war nett, dass Sie vorbeigekommen sind. Sagen Sie House, dass ich ihm dankbar bin für die Übernachtung."

„Sie wollen gehen?"

„Es macht keinen Sinn, wenn ich hier bleibe."

„House sagte, Sie würden vorübergehend bei ihm wohnen."

Eigentlich hatte Cuddy es ihm gesagt, doch es gab keinen Grund, daran zu zweifeln.

Tief im Inneren besaß House tatsächlich ein Herz. Er zeigte es nur ungern.

Chase schnaubte. „Er hat Sie veralbert."

„Ich glaube, diesmal nicht", entgegnete Wilson trocken.

Und er fragte sich, was Chase falsch gemacht hatte, um sein Leben dafür auf den Kopf zu stellen.

Aufgewühlt und vollkommen ratlos fuhr er zurück in die Klinik.

oOo

Erst in der Cafeteria erwischte er ihn.

Es kam ihm so vor, als würde House ihm absichtlich aus dem Weg gehen, doch vielleicht war das nur eine Folge seiner überreizten Nerven.

Das kurze Gespräch mit Chase hatte ihn den ganzen Tag über von seiner Arbeit abgelenkt.

Dafür war House ihm eine Erklärung schuldig. Mindestens.

Bedeutungsschwer setzte er sich zu ihm an den Tisch. „Ich hatte eine Unterredung mit Chase."

House verzog keine Miene. „Ist er brav?"

„Er verhält sich seltsam."

„Hm."

Seine Einsilbigkeit ärgerte Wilson. „Du willst nicht wissen, warum?"

Lässig pickte House eine Cherrytomate von seinem Salatteller. „Wenn ich jedes Mal wissen wollte, warum sich jemand seltsam verhält, hätte ich einen Fulltime-Job."

„Ich wollte mit ihm reden. Ein bisschen Konversation betreiben. Er war nicht gerade begeistert."

House lehnte sich zurück und sah ihn leicht amüsiert an. „Nur Cuddy weiß, dass er bei mir ist. Sie hat dich als Aufpasser geschickt, stimmt's?"

„Den er vielleicht nötiger hat, als er glaubt."

Wachsamkeit schlich sich in seinen Blick. „Hat er mit dir gesprochen?"

„Da liegt das Problem." Wilson beugte sich über den Tisch und senkte die Stimme. „Ich will gar nicht ins Detail gehen, weil es mich wahrscheinlich in Teufels Küche bringen würde, aber eines möchte ich zu gern herausfinden. Kannst du mir hoch und heilig schwören, dass du nichts mit Chase' Entscheidung, hier zu bleiben, zu tun hattest?"

Er zuckte die Achseln und nahm sich eine weitere Tomate. „Ich habe ihn nicht dazu gezwungen."

„Natürlich nicht. Du hast andere Wege, dir deine Leute gefügig zu machen."

Mit einem humorlosen kurzen Lachen schüttelte er den Kopf. „Kann ich es ändern, wenn Cameron mich plötzlich für einen schlechten Einfluss auf ihren manipulierbaren Ehemann hält? Sie war nicht mehr einverstanden mit meiner Art, zu arbeiten. Er war weniger voreingenommen."

„Und das hat sie aus seinen Armen getrieben. House, wenn diese Geschichte einen Sinn machen soll, müsste sie jetzt hier sein und nicht er. Cameron war diejenige, die dich angehimmelt hat."

„Weil ich ein Krüppel bin." Er hob den Stock, um seine Bemerkung zu unterstreichen. „Nicht, weil ich gut und edelmütig und die Reinkarnation von Albert Schweitzer bin."

„Was hast du getan?" fragte er unbeirrt. „Bevor sie ging, sagte sie, du würdest alle vergiften. Auch Chase. Du steckst tiefer in dieser Sache drin, als du zugibst."

House seufzte und sah sich kurz um, als wollte er sich vor unliebsamen Lauschern absichern. „Cameron ist ein naives, entzückendes Ding. Zu schade für Chase. Sie sollte einen Onkologen heiraten oder Martin Luther King oder einen Ritter in glänzender Rüstung. Er war nie der richtige für sie."

„Aber du bist es", sagte Wilson spitz. „Du bist richtig für ihn."

„Chase ist da, wo er sein will."

„Er sollte bei seiner Frau sein."

„Seiner Exfrau. Und bevor du mir dein nächstes Argument um die Ohren schlägst, nein, sie war keine große Hilfe. Sie wäre es jetzt, vielleicht. Sie wäre es vielleicht gewesen, wenn sie nicht davongerannt wäre."

Wenn er darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass Chase tatsächlich schon vor der Trennung nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen war.

Es passte gar nicht zu Cameron, ihn in einer schlechten Phase – was immer sie verursacht hatte – im Stich zu lassen.

„Wovor ist sie davongerannt?" fragte er. „Du weißt etwas darüber, nicht wahr?"

„Fällt unter das Beichtgeheimnis", sagte er in gespieltem Bedauern. „Isst du das hier noch?"

Wilson schob ihm die Schale mit der Creme Brulée zu.

Irgendwie war ihm der Appetit vergangen. „Ich soll dich von ihm grüßen. Er fährt nach hause."

Alarmiert ließ House den Löffel sinken. „Was?"

„Er sagte, ich sollte dir danken für die Übernachtung. Mehr nicht."

Plötzlich schien er es eilig zu haben.

Wilson hasste diese Geheimniskrämerei.

Irgendetwas entging ihm.

„Wo gehst du hin?" rief er ihm nach.

„Ich fange einen Wombat ein, bevor er unter die Räder kommt", rief House über die Schulter zurück, ehe er im Laufschritt die Cafeteria verließ.

Seufzend stocherte Wilson in seinem Salat. Er schmeckte wässrig und nach Mayonnaise.

Alles in allem ein äußerst frustrierender Tag.

Wenigstens war ihm heute noch keiner seiner Patienten gestorben.