Kapitel 08 - "Was wollte ihr alle von mir?"
Shinji kehrte nicht in den Klassenraum zurück, um seine Sachen zu holen, die Klassensprecherin erschien fähig und vertrauenswürdig, daß sie ihr Versprechen erfüllt. Und er hatte auch kein Interesse, dem wütenden Suzuhara vielleicht noch einmal über den Weg zu laufen. In dessen Augen hatte er etwas gesehen, das ihn stark an die Eindrücke erinnerte, die er während des Kampfes mit dem Engel gehabt hatte, die gleiche finstere Wut, denselben selbstzerstörerischen mörderischen Zorn...
Nachdem er die mit einem Taschentuch das Gesicht gesäubert und vorsichtig festgestellt hatte, daß weder seine Nase gebrochen, noch die Lippe aufgeplatzt war, machte er sich auf den Heimweg.
Sein Magen schmerzte von Suzuharas zweitem Hieb, er verspürte eine leichte Übelkeit und den Drang, sich irgendwo zusammenzurollen, bis die Schmerzen entweder verschwunden waren, oder er einfach starb...
In diesem Augenblick war es ihm tatsächlich egal, ob er lebte oder tot umfiel, es kümmerte doch ohnehin niemanden... außer vielleicht...
Misato? - wollte sie ihn nicht nur als Piloten, genau wie sein Vater oder Doktor Akagi? Und Ayanami? Warum hatte sie eingegriffen? Suzuhara hätte ihr möglicherweise ebenfalls einen Schlag versetzt, trotz ihrer Verletzungen. Weshalb war sie dieses Risiko eingegangen? Und warum war sie im Anschluß einfach gegangen?
Mit hängenden Schultern und schlurfenden Schrittes bewegte er sich die Straße hinunter, eine Hand gegen den Magen, die andere mit dem Taschentuch gegen die Nase gedrückt.
In dieser Lage überfiel ihn regelrecht das Piepen seines Handys.
Er fingerte es aus seiner Hosentasche und las auf dem Display, daß er sich im Hauptquartier melden sollte.
Und das gerade, als er gedacht hatte, der Tag könnte nicht mehr schlimmer werden...
Zu seinem Glück befand sich eine U-Bahnhaltestelle ganz in der Nähe, so daß er nicht weit gehen mußte. Nach zweimaligem Umsteigen fand er sich in einer Station wieder, die über einen Aufzug mit der Geofront verbunden war.
Die Schlüsselkarte seines Handys funktionierte als ID-Card, welche ihm die Benutzung des Aufzuges erlaubte. In der Aufzugskabine, welche groß genug für wenigstens zwanzig Personen war, gab es nur zwei Knöpfe, aufwärts und abwärts. Und nur der Abwärts-Knopf war freigeschaltet.
Shinji drückte auf Abwärts und lehnte sich, sich immer noch den Bauch haltend, wegen die Metallwand des Aufzuges, während die Lifttüren zuglitten und die Kabine sich in Bewegung setzte.
Es war unangenehm still und die Fahrt dauerte insgesamt fünf Minuten.
Shinji wünschte sich, seinen SDAT-Player dabeizuhaben, dann hätte er wenigstens Musik hören können, doch der aufgepeppte Diskman befand sich in dem Reisekoffer mit seinen anderen Sachen, der bisher noch nicht mit der Bahn eingetroffen war.
Schließlich hielt der Aufzug und die Türen öffneten sich. Hinter ihnen lag eine ähnliche Bahnstation wie an der Oberfläche, wo ein Zug bereits auf ihn zu warten schien, denn dieser fuhr sofort an, kaum daß Shinji ihn betreten hatte.
Eine weitere Minute später erreichte der Zug die zentrale Haltestelle beim NERV-HQ.
Wieder benutzte Shinji die ID-Karte, um das wuchtige Stahltor passieren zu können, welches den Haupteingang versperrte.
Misato Katsuragi erwartete ihn schon.
"Das ging aber schnell."
Shinji sah sie nur müde an.
"War ´was in der Schule?"
"Nein, nichts."
Er log, ohne mit der Wimper zu zucken, schließlich ging es sie wirklich nichts an, wahrscheinlich hätte sie nicht einmal verstanden, weshalb Suzuhara seine Wut an ihm hatte auslassen wollen. NERV wollte ihn schließlich nur als Piloten, der für sie die Engel bekämpfte - und Misato gehörte wiederum zu NERV...
"Was gibt es?"
Sie blickte ihn entschuldigend an.
"Ritsuko wartet im Testcenter. Ich habe ihr eigentlich gesagt, daß wir dir noch ein, zwei Tage zum Eingewöhnen geben sollten, bevor wir mit deinem Training beginnen, aber sie meinte, die Zeit drängte... Komm, ich bringe dich hin, präge dir die Strecke gut ein. NERV sollte wirklich Pläne dieser Anlage an alle verteilen, damit wir uns besser zurechtfinden. Aber nein, alles Top Secret..."
Sie seufzte.
"Und das mir mit meinem schlechten Orientierungssinn..."
Shinji verdrehte hinter ihr die Augen.
Er wünschte sich, er hätte ihre Probleme, sie mußte ja nicht in einen Riesenroboter steigen und in dieser verdammten LCL-Flüssigkeit baden. Und sie wurde sicher auch nicht von irgendwelchen Leuten zusammengeschlagen...
Zwei Etagen tiefer und etwa vier Sektionen weiter deutete Misato auf eine Tür am Gangende.
"Dahinter befindet sich das Testcenter, dort warte ich auch dich. Und hier rechts ist der Umkleideraum, zieh die für dich bereitliegende PlugSuit an und komm dann nach."
Als er nicht reagierte, zog sie die Augenbrauen hoch.
"Na los! Oder soll ich dir beim Umziehen helfen?"
"N-nein."
Er betrat die Umkleidekabine.
Der Raum hatte zu beiden Seiten jeweils zehn Spinde und eine Bank, eine offenstehende Tür auf der anderen Seite führte in einen Wasch- und Duschraum.
Auf der Bank zur rechten lag zusammengefaltet ein overallartiges dunkelblaues Kleidungsstück mit weißen Absätzen. Er nahm es hoch, faltete es auseinander. Es hatte seine Größe, schien ihm aber viel zu weit.
Seufzend zog er Schuhe, Strümpfe, Hemd und Hose aus und nahm den Anzug wieder in die Hand. Wahrscheinlich sah er darin aus wie ein Clown...
Es klopfte laut an der Tür.
"Shinji?" drang Misatos Stimme hinein. "Ritsuko sagt, die PlugSuit wird auf der nackten Haut getragen."
"Äh, ja."
Shinji verzog das Gesicht.
Nicht nur wie ein Clown, sondern wie ein nackter Clown...
"Und wenn du sie anhast, dann betätige den Dekompressionschalter am Handgelenk."
Er bestätigte, stieg nun auch aus seiner Unterwäsche und in die PlugSuit.
Tatsächlich hing sie an ihm wie ein nasser Sack, war weit genug, daß er zweimal hineingepaßt hätte. Dann betrachtete er den Druckkontakt am Handgelenk und betätigte ihn schließlich.
Mit einem leisen Zischen wurde die Luft aus dem Anzug gepreßt und er legte sich eng auf wie eine zweite Haut.
So sollte er rausgehen?
Ein Blick nach unten zeigte ihm, daß der Anzug an den dortigen Körperregionen nichts abzeichnete, trotzdem fühlte er sich nicht ganz wohl.
Zur Ablenkung räumte er seine Sachen in einen der Spinde. Zu seiner Verärgerung mußte er feststellen, daß der Spind sich nicht abschließen ließ.
Also verließ er die Kabine wieder und wandte sich der breiten Tür des Testcenters zu.
*** NGE ***
Kurz darauf saß er wieder im EntryPlug von EVA-01 und kämpfte gegen den Würgereflex an, als das LCL über ihm zusammenschlug.
Diesesmal schmeckte es nicht nach feuchte Pappe, sondern nach altem Käse.
"Wir machen jetzt ein paar Tests. Entspann dich." meldete sie Akagi über InterKom.
"Ja, ja. Entspannen..." , murmelte Shinji.
Wie sollte er sich entspannen? Er atmete eine Flüssigkeit, die er am liebsten auswürgen würde, er saß in einer engen Kapsel, die wahrscheinlich sogar bei einem Bergarbeiter Platzangst hervorgerufen hätte, und als Krönung kam hinzu, daß er sich nicht erinnern konnte, sich jemals freiwillig zu dem ganzen Unfug gemeldet zu haben...
"Shinji, was ist los? Meinen Anzeigen nach bist du ziemlich unruhig."
"Keine Ahnung." antwortete er unwillig.
"Na gut, machen wir weiter. Der taktische Computer zeigt dir jetzt die Pläne des Geländes - Zugangsschächte zur Geofront, Aufzugsschächte der EVAs, Waffenbunkergebäude, Anschlußstellen für das Versorgungskabel. Präge sie dir gut ein, es ist wichtig, daß du ihre Lage auch ohne die Hilfe des Computers kennst."
"Ja, ja..."
Im Testzentrum schaltete Akagi den Ton der Übertragung ab und wandte sich Misato zu.
"Er scheint mir recht unkooperativ. Weißt du, woran das liegen könnte?"
"Nein... Heute war der erste Schultag, vielleicht Streß mit den Mitschülern."
"Hm. Ich denke, ich werde nachher mal mit Rei sprechen, ob ihr etwas aufgefallen ist... Mich wundert ohnehin, daß er wieder einsteigt..."
"Ja. Der EVA löst nicht gerade Freudenstürme bei ihm aus - das sehe ich sogar ohne deine Meßgeräte. Vielleicht liegt es auch daran, daß sich seine Pflegeeltern noch nicht erkundigt haben, ob er heil angekommen ist."
"Hat er etwas in der Richtung gesagt?"
"Nein. Aber seltsam ist es trotzdem, immerhin hat er über zehn Jahre bei ihnen gelebt."
"Menschen sind seltsam... Du weißt doch: Aus den Augen, aus dem Sinn."
"Trotzdem... da fällt mir ein, könntest du über den Computer des Lebenserhaltungssystems vielleicht mal Shinjis Kopf abchecken? Ihm fehlt immer noch jede Erinnerung an das Ende des Kampfes gegen Ziel: Satchiel."
"Ich schaue mal... Nein, keine Anomalie feststellbar, die Beule an der Stirn ist gut abgeheilt. Wahrscheinlich liegt es an einer Art Schock... Moment, was ist denn das? Leichtes Knochentrauma am Nasenbein und am Wangenknochen... das sieht mir ganz nach einem Faustabdruck aus."
"Also ist doch etwas in der Schule geschehen. Rede mit Rei."
"Das mache ich nachher. Hm, mal sehen, wenn ich die LCL-Zusammensetzung etwas verändere... das Zeug beschleunigt die Regeneration der EVAs, es sollte auch auf menschliches Gewebe wirken."
"Bist du dir da ganz sicher?"
"Bin ich der Arzt hier mit den fünf Doktortiteln oder du?"
"Ähm..."
"Ich habe auch etwas am Geschmack des LCL geändert, da drüben steht eine Probe."
"Ich soll das doch nicht trinken, oder?... Urgh, das riecht ja wie alte Socken."
"Immer noch nicht zufrieden? Kann man es dir denn gar nicht recht machen?"
"Wie wär´s mit Bieraroma?"
Akagi verbarg das Gesicht in den Händen und gab einen schluchzenden Laut von sich.
*** NGE ***
"So, Shinji, hast du dir alles eingeprägt?"
"Uhm, glaube schon, Ritsuko."
"Doktor Akagi bitte, junger Mann, ja?"
"G-gomen."
"Wir lassen jetzt ein paar Simulationen laufen, nenn es ruhig Tontaubenschießen. Ich will wissen, wie gut deine Reflexe und die Übertragung auf den EVA sind."
Der bis dahin dunkle Hauptbildschirm erhellte sich, zeigte Gebäude und Straßen, alles allerdings grob vereinfacht, eigentlich nur Linien auf dem Monitor, die geometrische Formen bildeten.
Am Himmel tauchte ein Objekt auf, eine rote Kugel, welche im Zickzackflug näherkam.
"Äh..."
Shinji blickte schräg nach unten, sah die Hände des EVAs, die ein klobiges Gewehr hielten.
"Konzentriere dich auf das Gewehr - Anlegen - Zielen - Feuern - Durchladen", versuchte Misato ihn anzuspornen.
"Gewehr..."
Tatsächlich tauchte auf dem Hauptmonitor ein kleines Fadenkreuz auf.
Shinji zog den Pistolengriff der Steuerung durch, ein Energiestrahl schoß aus dem Gewehr, verfehlte das Ziel ab. Er betätigte den Abzug erneut, doch es geschah nichts.
"Durchladen! Der andere Abzug."
"Ja..."
Wieder daneben.
Durchladen... anvisieren... schießen...
Beim vierten Versuch traf er schließlich.
Das ganze wiederholte sich insgesamt noch neunmal, ohne daß es ihm gelang, das Ziel gleich beim ersten Anlauf zu treffen.
"Gut, Shinji, wir brechen ab. Ich habe jetzt alle Daten, um ein Trainingsprogramm zusammenstellen zu können." erklärte Akagi und ohne weitere Vorwarnungen wurden die Monitoren dunkel. "Du kannst die Kapsel jetzt verlassen."
*** NGE ***
"Du könntest dich ruhig etwas mehr anstrengen." erklärte Misato beiläufig während des Abendessens. "Wenn du dich konzentrierst, reagiert der EVA viel schneller, das wird im Kampf sehr wichtig sein."
Shinji blickte sie nicht an.
"Ja, ja."
"Shinji-kun, was ist los?"
"Nichts."
"Das sieht mir aber nicht nach nichts aus. Was stimmt nicht?"
"Woher... woher willst du wissen, ob mir etwas nicht... nicht stimmt?"
"Shinji..."
"Dich interessiert doch nur, ob ich diesen Roboter steuern kann, ihr wollt doch alle nur, daß ich für euch kämpfe... daß ich für euch meine Haut riskiere! Ihr seid doch alle gleich, Vater, Akagi, du... ich bin euch egal, Shinji Ikari ist euch egal, nur Pilot Ikari ist richtig!"
In seinen Augen blitzte die Wut. Er schob den Teller von sich und stand auf, um in sein Zimmer zu stürmen.
Misato blickte ihm nach.
Ihr war der Appetit vergangen. Sie räumte das Geschirr zusammen, packte die Essensreste in einen Napf und diesen in den Kühlschrank.
"Weißt du, was er hat?" fragte sie leise den Pinguin, der Shinjis Ausbruch mit großen Augen beobachtet hatte.
PenPen zuckte mit den Schultern.
"Wark!"
"Ja, ich auch nicht..."
Nachdenklich ging sie in ihren Schlafraum, das einzige Zimmer, in dem noch immer ein heilloses Chaos herrschte. Allerdings meinte sie, gewisse Unterschiede dazu zu entdecken, wie sie den Raum am Morgen verlassen hatte.
Die schmutzige Wäsche vom Vortag lag nicht mehr in der Ecke, auch waren die Schubladen alle geschlossen und hingen keine Kleidungsstücke aus den Schränken heraus.
Daß Shinji möglicherweise in ihrem Raum gewesen war, störte sie nicht, schließlich hatte sie es ihm erlaubt, damit er beispielsweise die Wäsche machen konnte.
Dann fiel ihr Blick auf ihren Schreibtisch und die kleine schwarze Kladde, die sie für NERV über Shinji führen mußte und welche inzwischen drei Einträge hatte, den letzten von diesem Morgen. Dabei waren die Einträge selbst bei weitem nicht so verfänglich wie die bloße Existenz des Büchleins
Ob er darin gelesen hatte? Ob er deshalb zu den Schlußfolgerungen gekommen war, mit denen er sie am Tisch konfrontiert hatte?
Mit einem Seufzen ließ sie sich auf ihrem Bett nieder. Irgendwie hatte sie sich das alles einfacher vorgestellt...
*** NGE ***
Am nächsten Morgen stellte Misato fest, daß Shinji bereits vor ihr aufgestanden war und die Wohnung verlassen hatte. Auf dem Tisch stand Frühstück, auch PenPens Futternapf war bereits gefüllt.
Sie fühlte ihren Streßfaktor allmählich bedrohliche Werte erreichen, deshalb verließ auch sie nach nur kurzem Aufenthalt im Bad die Wohnung, um den Jungen zu suchen.
Als sie ihn schließlich von ihrem Auto aus sah, schickte er sich gerade an, das Schulgelände zu betreten.
In Gedanken versunken, was sie tun konnte, fuhr sie in ihre Wohnung zurück, wo sie sich rasch umzog, ehe sie anschließend zum Dienst fuhr.
*** NGE ***
Die Klassensprecherin hatte Wort gehalten, als Shinji das Klassenzimmer betrat, händigte sie ihm unaufgefordert seine Sachen aus und erkundigte sich danach, wie es ihm ging.
Shinji zuckte nur mit den Schultern und ging zu seinem Platz.
Hikari sah ihm einen Augenblick nach, schüttelte dann den Kopf.
Jungs!
Exakt fünf Sekunden, bevor die Schulglocke den Unterrichtsbeginn ankündigte, erschien Rei Ayanami im Klassenraum, im Gegensatz zum Vortag humpelte sie nicht mehr leicht, sondern schien wieder völlig normal gehen zu können. Zielstrebig steuerte sie ihren Platz an, ohne irgendwen eines Blickes zu würdigen. Als sie saß, drehte sie langsam Kopf und Oberkörper zur Seite, so daß über die Schulter blicken konnte.
Sie sah, daß Shinji Ikari in sich zusammengesunken an seinem Pult hockte und Löcher in die Wand starrte, ohne sie zu bemerken. Ebenso langsam wie zuvor, denn zu schnelle Bewegungen riefen bei ihr noch immer Schwindelgefühle hervor, drehte sie den Kopf wieder zurück, stützte das Kinn auf die gesunde Hand und starrte aus dem Fenster.
Hikari Horaki, welche Reis Verhalten beobachtet hatte, unterdrückte ein Seufzen.
Die beiden schienen sich sehr ähnlich zu sein, ohne es zu erkennen. Hikaris ältere Schwester Nozomi, welche Liebesromane gerne im Dutzend verschlang, hätte wahrscheinlich eine Umschreibung wie ´zwei verlorene Seelen, die auf dem Meer der Einsamkeit treiben´ benutzt, aber Hikari stand viel zu sehr mit beiden Beinen auf dem Boden für soetwas, schließlich kümmerte sie sich seit dem Tod der Mutter um den Haushalt und kochte für die ganze Familie, neben der Schule blieb da kein Platz für Romantik...
Die folgende Unterrichtsstunde wurde wieder von jenem älteren Lehrer gehalten, dessen Namen Shinji immer noch nicht kannte, und dessen Lieblingsthema der Second Impact war, welcher vor 15 Jahren beinahe den Untergang der Menschheit bedeutet hatte. Nahtlos knüpfte er an seinen Monolog von der letzten Stunde an...
In der Pause verließ Shinji als erster den Raum, er hatte kein Interesse daran, wieder Löcher in den Bauch gefragt zu bekommen, ebenso wie er eigentlich generell kein Interesse daran hatte, überhaupt mit anderen zusammenzukommen. Eher unbeabsichtigt schlug er den Weg ein, der auf das Dach der Schule führte, doch mit Genugtuung registrierte er, daß er auf dem Dach wenigstens allein war.
- Ein Zustand, der nicht allzu lange anhielt.
Plötzlich tauchten Toji Suzuhara und sein bebrillter Kumpel Kensuke Aida im Aufgang auf.
Suzuharas Gesicht war immer noch - oder schon wieder? - von Zornesröte überzogen, die Ärmel hatte er sich bereits hochgekrempelt.
"Ah, Neuer, da bist du ja! Gestern konntest du dich hinter Ayanamis Rock verstecken, aber heute nicht!"
Interessanterweise berührten ihn Suzuharas Worte nicht sonderlich, so wie ihm so ziemlich alles egal war.
"Was wollt ihr denn schon wieder von mir?"
Suzuhara stoppte, sein Gesicht lief noch dunkler an.
"Idiot! Wer sollte schon ´was von dir wollen?"
"Na, dann..."
Shinji drehte sich um, wandte Suzuhara den Rücken zu.
Dieser packte ihn am Kragen und wirbelte ihn herum.
"Ich kann dich nicht ausstehen, Mister Superheld!"
"Das ist wohl dein Problem. Ich suche keinen Streit."
"Das brauchst du auch nicht - du hast ihn nämlich schon gefunden!"
Suzuhara verdrehte Shinjis Hemdkragen, übte zugleich Druck aus, so daß Shinji auf die Zehenspitzen gehen mußte.
"Dann... dann bring es endlich zu Ende. Brich mir beide Arme, wenn du dich dann besser fühlst, dann muß ich wenigstens nicht mehr den verdammten Roboter steuern."
"Ich soll dir wohl ein neues Gesicht verpassen, du Klugscheißer!"
Er holte aus.
Der andere Junge versuchte ihn aufzuhalten.
"Komm, Toji, du hast ihm gestern schon eine verpaßt, du bist doch sonst nicht so, laß ihn in Frieden!"
Shinjis ganze Selbstsicherheit verflog in diesem Augenblick.
Ja, es war ihm in diesem Moment egal, ob er lebte oder starb, aber was immer Suzuhara mit ihm tun würde, es würde äußerst schmerzhaft sein...
"Ikari-kun." erklang hinter ihnen eine sanfte leise Stimme.
Suzuhara hielt inne.
Shinji schielte an ihm vorbei, sah Rei Ayanami an der Treppe stehen.
Der Anblick hatte etwas unwirkliches, im Licht des Frühlingsvormittages schien ihr helles Haar federngleich anzuliegen, während ihre blasse Haut an wertvolles Porzellan erinnerte. Der Blick ihres Auges schien einen Moment lang traurig.
"Die wieder." knirschte Suzuhara.
"Ein Notruf. Wir sollen ins Hauptquartier kommen."
Sie wartete einen Augenblick.
"Ich gehe schon vor."
Damit drehte sie sich um und stieg die zum Dach führende Treppe wieder hinab.
Shinji nutzte die Gunst der Stunde und wand sich aus dem Griff seines Peinigers.
"Ayanami, warte! Ich komme mit!"
Sie wurde etwas langsamer, stellte sicher, daß er zu ihr aufschließen konnte.
Der Junge vergewisserte sich mit einem Blick zurück über die Schulter, daß Suzuhara ihm nicht folgte.
"Uhm, Ayanami... jetzt... ah... jetzt hast du mir schon zum zweiten Mal den... uhm... Hintern gerettet..."
Sie warf ihm einen undeutbaren Blick zu.
"Ich hatte nicht den Eindruck, daß Mitschüler Suzuhara es auf deinen... Hintern abgesehen hatte."
"Ahm..."
Es klang nicht so, als ob sie einen Scherz gemacht hatte, vielmehr so, als hätte sie die tiefere Bedeutung der Redewendung nicht verstanden.
"Ayanami... das... äh... das sagt man so... uh... danke."
Er lächelte zaghaft.
"Das wird jetzt langsam zur Gewohnheit..."
"Paß auf dich auf, Ikari-kun. Ich werde vielleicht nicht immer da sein, um... deinen Hintern... zu retten."
Er schluckte.
Sie hatte ihn Ikari-kun genannt, nicht Pilot Ikari...
"Ja."
Sie erreichten den Treppenabsatz.
"Ich gehe schnell meine Tasche holen."
Sie antwortete nicht.
So schnell er konnte, raste Shinji in den Klassenraum, stopfte das Notebook in seine Tasche und rannte wieder hinaus.
Rei befand sich inzwischen im Erdgeschoß.
"Ayanami... warte auf mich..."
Tatsächlich blieb sie stehen.
Leicht keuchend erreichte er sie, streckte dann die Hand aus.
"Gib mir deine Tasche."
"Wozu?"
"Sie... ah... sie sieht schwer aus."
Sie blickte nach unten auf die Tasche in ihrer Hand, als bemerkte sie diese zum ersten Mal.
Es war eine robuste stabile Tasche.
"Ja."
"Und du bist... ah... immer noch, uhm, verletzt. Du solltest nicht... so schwer, uh, tragen."
"Es könnte meine Funktionsfähigkeit beeinträchtigen", überlegte sie laut.
Jetzt blickte Shinji sie an, als sähe er sie zum ersten Mal, während er ihr die Tür öffnete.
"Äh... ich weiß nicht... uhm... so meinte ich das eigentlich..."
"Hier."
Sie reichte ihm ihre Tasche.
"Ja, äh..."
Ihre Tasche war nicht schwerer als seine eigene, eher leichter.
"Die U-Bahnstation ist in dieser Richtung, Ikari-kun."
Da heulten die Sirenen auf...
Shinji kehrte nicht in den Klassenraum zurück, um seine Sachen zu holen, die Klassensprecherin erschien fähig und vertrauenswürdig, daß sie ihr Versprechen erfüllt. Und er hatte auch kein Interesse, dem wütenden Suzuhara vielleicht noch einmal über den Weg zu laufen. In dessen Augen hatte er etwas gesehen, das ihn stark an die Eindrücke erinnerte, die er während des Kampfes mit dem Engel gehabt hatte, die gleiche finstere Wut, denselben selbstzerstörerischen mörderischen Zorn...
Nachdem er die mit einem Taschentuch das Gesicht gesäubert und vorsichtig festgestellt hatte, daß weder seine Nase gebrochen, noch die Lippe aufgeplatzt war, machte er sich auf den Heimweg.
Sein Magen schmerzte von Suzuharas zweitem Hieb, er verspürte eine leichte Übelkeit und den Drang, sich irgendwo zusammenzurollen, bis die Schmerzen entweder verschwunden waren, oder er einfach starb...
In diesem Augenblick war es ihm tatsächlich egal, ob er lebte oder tot umfiel, es kümmerte doch ohnehin niemanden... außer vielleicht...
Misato? - wollte sie ihn nicht nur als Piloten, genau wie sein Vater oder Doktor Akagi? Und Ayanami? Warum hatte sie eingegriffen? Suzuhara hätte ihr möglicherweise ebenfalls einen Schlag versetzt, trotz ihrer Verletzungen. Weshalb war sie dieses Risiko eingegangen? Und warum war sie im Anschluß einfach gegangen?
Mit hängenden Schultern und schlurfenden Schrittes bewegte er sich die Straße hinunter, eine Hand gegen den Magen, die andere mit dem Taschentuch gegen die Nase gedrückt.
In dieser Lage überfiel ihn regelrecht das Piepen seines Handys.
Er fingerte es aus seiner Hosentasche und las auf dem Display, daß er sich im Hauptquartier melden sollte.
Und das gerade, als er gedacht hatte, der Tag könnte nicht mehr schlimmer werden...
Zu seinem Glück befand sich eine U-Bahnhaltestelle ganz in der Nähe, so daß er nicht weit gehen mußte. Nach zweimaligem Umsteigen fand er sich in einer Station wieder, die über einen Aufzug mit der Geofront verbunden war.
Die Schlüsselkarte seines Handys funktionierte als ID-Card, welche ihm die Benutzung des Aufzuges erlaubte. In der Aufzugskabine, welche groß genug für wenigstens zwanzig Personen war, gab es nur zwei Knöpfe, aufwärts und abwärts. Und nur der Abwärts-Knopf war freigeschaltet.
Shinji drückte auf Abwärts und lehnte sich, sich immer noch den Bauch haltend, wegen die Metallwand des Aufzuges, während die Lifttüren zuglitten und die Kabine sich in Bewegung setzte.
Es war unangenehm still und die Fahrt dauerte insgesamt fünf Minuten.
Shinji wünschte sich, seinen SDAT-Player dabeizuhaben, dann hätte er wenigstens Musik hören können, doch der aufgepeppte Diskman befand sich in dem Reisekoffer mit seinen anderen Sachen, der bisher noch nicht mit der Bahn eingetroffen war.
Schließlich hielt der Aufzug und die Türen öffneten sich. Hinter ihnen lag eine ähnliche Bahnstation wie an der Oberfläche, wo ein Zug bereits auf ihn zu warten schien, denn dieser fuhr sofort an, kaum daß Shinji ihn betreten hatte.
Eine weitere Minute später erreichte der Zug die zentrale Haltestelle beim NERV-HQ.
Wieder benutzte Shinji die ID-Karte, um das wuchtige Stahltor passieren zu können, welches den Haupteingang versperrte.
Misato Katsuragi erwartete ihn schon.
"Das ging aber schnell."
Shinji sah sie nur müde an.
"War ´was in der Schule?"
"Nein, nichts."
Er log, ohne mit der Wimper zu zucken, schließlich ging es sie wirklich nichts an, wahrscheinlich hätte sie nicht einmal verstanden, weshalb Suzuhara seine Wut an ihm hatte auslassen wollen. NERV wollte ihn schließlich nur als Piloten, der für sie die Engel bekämpfte - und Misato gehörte wiederum zu NERV...
"Was gibt es?"
Sie blickte ihn entschuldigend an.
"Ritsuko wartet im Testcenter. Ich habe ihr eigentlich gesagt, daß wir dir noch ein, zwei Tage zum Eingewöhnen geben sollten, bevor wir mit deinem Training beginnen, aber sie meinte, die Zeit drängte... Komm, ich bringe dich hin, präge dir die Strecke gut ein. NERV sollte wirklich Pläne dieser Anlage an alle verteilen, damit wir uns besser zurechtfinden. Aber nein, alles Top Secret..."
Sie seufzte.
"Und das mir mit meinem schlechten Orientierungssinn..."
Shinji verdrehte hinter ihr die Augen.
Er wünschte sich, er hätte ihre Probleme, sie mußte ja nicht in einen Riesenroboter steigen und in dieser verdammten LCL-Flüssigkeit baden. Und sie wurde sicher auch nicht von irgendwelchen Leuten zusammengeschlagen...
Zwei Etagen tiefer und etwa vier Sektionen weiter deutete Misato auf eine Tür am Gangende.
"Dahinter befindet sich das Testcenter, dort warte ich auch dich. Und hier rechts ist der Umkleideraum, zieh die für dich bereitliegende PlugSuit an und komm dann nach."
Als er nicht reagierte, zog sie die Augenbrauen hoch.
"Na los! Oder soll ich dir beim Umziehen helfen?"
"N-nein."
Er betrat die Umkleidekabine.
Der Raum hatte zu beiden Seiten jeweils zehn Spinde und eine Bank, eine offenstehende Tür auf der anderen Seite führte in einen Wasch- und Duschraum.
Auf der Bank zur rechten lag zusammengefaltet ein overallartiges dunkelblaues Kleidungsstück mit weißen Absätzen. Er nahm es hoch, faltete es auseinander. Es hatte seine Größe, schien ihm aber viel zu weit.
Seufzend zog er Schuhe, Strümpfe, Hemd und Hose aus und nahm den Anzug wieder in die Hand. Wahrscheinlich sah er darin aus wie ein Clown...
Es klopfte laut an der Tür.
"Shinji?" drang Misatos Stimme hinein. "Ritsuko sagt, die PlugSuit wird auf der nackten Haut getragen."
"Äh, ja."
Shinji verzog das Gesicht.
Nicht nur wie ein Clown, sondern wie ein nackter Clown...
"Und wenn du sie anhast, dann betätige den Dekompressionschalter am Handgelenk."
Er bestätigte, stieg nun auch aus seiner Unterwäsche und in die PlugSuit.
Tatsächlich hing sie an ihm wie ein nasser Sack, war weit genug, daß er zweimal hineingepaßt hätte. Dann betrachtete er den Druckkontakt am Handgelenk und betätigte ihn schließlich.
Mit einem leisen Zischen wurde die Luft aus dem Anzug gepreßt und er legte sich eng auf wie eine zweite Haut.
So sollte er rausgehen?
Ein Blick nach unten zeigte ihm, daß der Anzug an den dortigen Körperregionen nichts abzeichnete, trotzdem fühlte er sich nicht ganz wohl.
Zur Ablenkung räumte er seine Sachen in einen der Spinde. Zu seiner Verärgerung mußte er feststellen, daß der Spind sich nicht abschließen ließ.
Also verließ er die Kabine wieder und wandte sich der breiten Tür des Testcenters zu.
*** NGE ***
Kurz darauf saß er wieder im EntryPlug von EVA-01 und kämpfte gegen den Würgereflex an, als das LCL über ihm zusammenschlug.
Diesesmal schmeckte es nicht nach feuchte Pappe, sondern nach altem Käse.
"Wir machen jetzt ein paar Tests. Entspann dich." meldete sie Akagi über InterKom.
"Ja, ja. Entspannen..." , murmelte Shinji.
Wie sollte er sich entspannen? Er atmete eine Flüssigkeit, die er am liebsten auswürgen würde, er saß in einer engen Kapsel, die wahrscheinlich sogar bei einem Bergarbeiter Platzangst hervorgerufen hätte, und als Krönung kam hinzu, daß er sich nicht erinnern konnte, sich jemals freiwillig zu dem ganzen Unfug gemeldet zu haben...
"Shinji, was ist los? Meinen Anzeigen nach bist du ziemlich unruhig."
"Keine Ahnung." antwortete er unwillig.
"Na gut, machen wir weiter. Der taktische Computer zeigt dir jetzt die Pläne des Geländes - Zugangsschächte zur Geofront, Aufzugsschächte der EVAs, Waffenbunkergebäude, Anschlußstellen für das Versorgungskabel. Präge sie dir gut ein, es ist wichtig, daß du ihre Lage auch ohne die Hilfe des Computers kennst."
"Ja, ja..."
Im Testzentrum schaltete Akagi den Ton der Übertragung ab und wandte sich Misato zu.
"Er scheint mir recht unkooperativ. Weißt du, woran das liegen könnte?"
"Nein... Heute war der erste Schultag, vielleicht Streß mit den Mitschülern."
"Hm. Ich denke, ich werde nachher mal mit Rei sprechen, ob ihr etwas aufgefallen ist... Mich wundert ohnehin, daß er wieder einsteigt..."
"Ja. Der EVA löst nicht gerade Freudenstürme bei ihm aus - das sehe ich sogar ohne deine Meßgeräte. Vielleicht liegt es auch daran, daß sich seine Pflegeeltern noch nicht erkundigt haben, ob er heil angekommen ist."
"Hat er etwas in der Richtung gesagt?"
"Nein. Aber seltsam ist es trotzdem, immerhin hat er über zehn Jahre bei ihnen gelebt."
"Menschen sind seltsam... Du weißt doch: Aus den Augen, aus dem Sinn."
"Trotzdem... da fällt mir ein, könntest du über den Computer des Lebenserhaltungssystems vielleicht mal Shinjis Kopf abchecken? Ihm fehlt immer noch jede Erinnerung an das Ende des Kampfes gegen Ziel: Satchiel."
"Ich schaue mal... Nein, keine Anomalie feststellbar, die Beule an der Stirn ist gut abgeheilt. Wahrscheinlich liegt es an einer Art Schock... Moment, was ist denn das? Leichtes Knochentrauma am Nasenbein und am Wangenknochen... das sieht mir ganz nach einem Faustabdruck aus."
"Also ist doch etwas in der Schule geschehen. Rede mit Rei."
"Das mache ich nachher. Hm, mal sehen, wenn ich die LCL-Zusammensetzung etwas verändere... das Zeug beschleunigt die Regeneration der EVAs, es sollte auch auf menschliches Gewebe wirken."
"Bist du dir da ganz sicher?"
"Bin ich der Arzt hier mit den fünf Doktortiteln oder du?"
"Ähm..."
"Ich habe auch etwas am Geschmack des LCL geändert, da drüben steht eine Probe."
"Ich soll das doch nicht trinken, oder?... Urgh, das riecht ja wie alte Socken."
"Immer noch nicht zufrieden? Kann man es dir denn gar nicht recht machen?"
"Wie wär´s mit Bieraroma?"
Akagi verbarg das Gesicht in den Händen und gab einen schluchzenden Laut von sich.
*** NGE ***
"So, Shinji, hast du dir alles eingeprägt?"
"Uhm, glaube schon, Ritsuko."
"Doktor Akagi bitte, junger Mann, ja?"
"G-gomen."
"Wir lassen jetzt ein paar Simulationen laufen, nenn es ruhig Tontaubenschießen. Ich will wissen, wie gut deine Reflexe und die Übertragung auf den EVA sind."
Der bis dahin dunkle Hauptbildschirm erhellte sich, zeigte Gebäude und Straßen, alles allerdings grob vereinfacht, eigentlich nur Linien auf dem Monitor, die geometrische Formen bildeten.
Am Himmel tauchte ein Objekt auf, eine rote Kugel, welche im Zickzackflug näherkam.
"Äh..."
Shinji blickte schräg nach unten, sah die Hände des EVAs, die ein klobiges Gewehr hielten.
"Konzentriere dich auf das Gewehr - Anlegen - Zielen - Feuern - Durchladen", versuchte Misato ihn anzuspornen.
"Gewehr..."
Tatsächlich tauchte auf dem Hauptmonitor ein kleines Fadenkreuz auf.
Shinji zog den Pistolengriff der Steuerung durch, ein Energiestrahl schoß aus dem Gewehr, verfehlte das Ziel ab. Er betätigte den Abzug erneut, doch es geschah nichts.
"Durchladen! Der andere Abzug."
"Ja..."
Wieder daneben.
Durchladen... anvisieren... schießen...
Beim vierten Versuch traf er schließlich.
Das ganze wiederholte sich insgesamt noch neunmal, ohne daß es ihm gelang, das Ziel gleich beim ersten Anlauf zu treffen.
"Gut, Shinji, wir brechen ab. Ich habe jetzt alle Daten, um ein Trainingsprogramm zusammenstellen zu können." erklärte Akagi und ohne weitere Vorwarnungen wurden die Monitoren dunkel. "Du kannst die Kapsel jetzt verlassen."
*** NGE ***
"Du könntest dich ruhig etwas mehr anstrengen." erklärte Misato beiläufig während des Abendessens. "Wenn du dich konzentrierst, reagiert der EVA viel schneller, das wird im Kampf sehr wichtig sein."
Shinji blickte sie nicht an.
"Ja, ja."
"Shinji-kun, was ist los?"
"Nichts."
"Das sieht mir aber nicht nach nichts aus. Was stimmt nicht?"
"Woher... woher willst du wissen, ob mir etwas nicht... nicht stimmt?"
"Shinji..."
"Dich interessiert doch nur, ob ich diesen Roboter steuern kann, ihr wollt doch alle nur, daß ich für euch kämpfe... daß ich für euch meine Haut riskiere! Ihr seid doch alle gleich, Vater, Akagi, du... ich bin euch egal, Shinji Ikari ist euch egal, nur Pilot Ikari ist richtig!"
In seinen Augen blitzte die Wut. Er schob den Teller von sich und stand auf, um in sein Zimmer zu stürmen.
Misato blickte ihm nach.
Ihr war der Appetit vergangen. Sie räumte das Geschirr zusammen, packte die Essensreste in einen Napf und diesen in den Kühlschrank.
"Weißt du, was er hat?" fragte sie leise den Pinguin, der Shinjis Ausbruch mit großen Augen beobachtet hatte.
PenPen zuckte mit den Schultern.
"Wark!"
"Ja, ich auch nicht..."
Nachdenklich ging sie in ihren Schlafraum, das einzige Zimmer, in dem noch immer ein heilloses Chaos herrschte. Allerdings meinte sie, gewisse Unterschiede dazu zu entdecken, wie sie den Raum am Morgen verlassen hatte.
Die schmutzige Wäsche vom Vortag lag nicht mehr in der Ecke, auch waren die Schubladen alle geschlossen und hingen keine Kleidungsstücke aus den Schränken heraus.
Daß Shinji möglicherweise in ihrem Raum gewesen war, störte sie nicht, schließlich hatte sie es ihm erlaubt, damit er beispielsweise die Wäsche machen konnte.
Dann fiel ihr Blick auf ihren Schreibtisch und die kleine schwarze Kladde, die sie für NERV über Shinji führen mußte und welche inzwischen drei Einträge hatte, den letzten von diesem Morgen. Dabei waren die Einträge selbst bei weitem nicht so verfänglich wie die bloße Existenz des Büchleins
Ob er darin gelesen hatte? Ob er deshalb zu den Schlußfolgerungen gekommen war, mit denen er sie am Tisch konfrontiert hatte?
Mit einem Seufzen ließ sie sich auf ihrem Bett nieder. Irgendwie hatte sie sich das alles einfacher vorgestellt...
*** NGE ***
Am nächsten Morgen stellte Misato fest, daß Shinji bereits vor ihr aufgestanden war und die Wohnung verlassen hatte. Auf dem Tisch stand Frühstück, auch PenPens Futternapf war bereits gefüllt.
Sie fühlte ihren Streßfaktor allmählich bedrohliche Werte erreichen, deshalb verließ auch sie nach nur kurzem Aufenthalt im Bad die Wohnung, um den Jungen zu suchen.
Als sie ihn schließlich von ihrem Auto aus sah, schickte er sich gerade an, das Schulgelände zu betreten.
In Gedanken versunken, was sie tun konnte, fuhr sie in ihre Wohnung zurück, wo sie sich rasch umzog, ehe sie anschließend zum Dienst fuhr.
*** NGE ***
Die Klassensprecherin hatte Wort gehalten, als Shinji das Klassenzimmer betrat, händigte sie ihm unaufgefordert seine Sachen aus und erkundigte sich danach, wie es ihm ging.
Shinji zuckte nur mit den Schultern und ging zu seinem Platz.
Hikari sah ihm einen Augenblick nach, schüttelte dann den Kopf.
Jungs!
Exakt fünf Sekunden, bevor die Schulglocke den Unterrichtsbeginn ankündigte, erschien Rei Ayanami im Klassenraum, im Gegensatz zum Vortag humpelte sie nicht mehr leicht, sondern schien wieder völlig normal gehen zu können. Zielstrebig steuerte sie ihren Platz an, ohne irgendwen eines Blickes zu würdigen. Als sie saß, drehte sie langsam Kopf und Oberkörper zur Seite, so daß über die Schulter blicken konnte.
Sie sah, daß Shinji Ikari in sich zusammengesunken an seinem Pult hockte und Löcher in die Wand starrte, ohne sie zu bemerken. Ebenso langsam wie zuvor, denn zu schnelle Bewegungen riefen bei ihr noch immer Schwindelgefühle hervor, drehte sie den Kopf wieder zurück, stützte das Kinn auf die gesunde Hand und starrte aus dem Fenster.
Hikari Horaki, welche Reis Verhalten beobachtet hatte, unterdrückte ein Seufzen.
Die beiden schienen sich sehr ähnlich zu sein, ohne es zu erkennen. Hikaris ältere Schwester Nozomi, welche Liebesromane gerne im Dutzend verschlang, hätte wahrscheinlich eine Umschreibung wie ´zwei verlorene Seelen, die auf dem Meer der Einsamkeit treiben´ benutzt, aber Hikari stand viel zu sehr mit beiden Beinen auf dem Boden für soetwas, schließlich kümmerte sie sich seit dem Tod der Mutter um den Haushalt und kochte für die ganze Familie, neben der Schule blieb da kein Platz für Romantik...
Die folgende Unterrichtsstunde wurde wieder von jenem älteren Lehrer gehalten, dessen Namen Shinji immer noch nicht kannte, und dessen Lieblingsthema der Second Impact war, welcher vor 15 Jahren beinahe den Untergang der Menschheit bedeutet hatte. Nahtlos knüpfte er an seinen Monolog von der letzten Stunde an...
In der Pause verließ Shinji als erster den Raum, er hatte kein Interesse daran, wieder Löcher in den Bauch gefragt zu bekommen, ebenso wie er eigentlich generell kein Interesse daran hatte, überhaupt mit anderen zusammenzukommen. Eher unbeabsichtigt schlug er den Weg ein, der auf das Dach der Schule führte, doch mit Genugtuung registrierte er, daß er auf dem Dach wenigstens allein war.
- Ein Zustand, der nicht allzu lange anhielt.
Plötzlich tauchten Toji Suzuhara und sein bebrillter Kumpel Kensuke Aida im Aufgang auf.
Suzuharas Gesicht war immer noch - oder schon wieder? - von Zornesröte überzogen, die Ärmel hatte er sich bereits hochgekrempelt.
"Ah, Neuer, da bist du ja! Gestern konntest du dich hinter Ayanamis Rock verstecken, aber heute nicht!"
Interessanterweise berührten ihn Suzuharas Worte nicht sonderlich, so wie ihm so ziemlich alles egal war.
"Was wollt ihr denn schon wieder von mir?"
Suzuhara stoppte, sein Gesicht lief noch dunkler an.
"Idiot! Wer sollte schon ´was von dir wollen?"
"Na, dann..."
Shinji drehte sich um, wandte Suzuhara den Rücken zu.
Dieser packte ihn am Kragen und wirbelte ihn herum.
"Ich kann dich nicht ausstehen, Mister Superheld!"
"Das ist wohl dein Problem. Ich suche keinen Streit."
"Das brauchst du auch nicht - du hast ihn nämlich schon gefunden!"
Suzuhara verdrehte Shinjis Hemdkragen, übte zugleich Druck aus, so daß Shinji auf die Zehenspitzen gehen mußte.
"Dann... dann bring es endlich zu Ende. Brich mir beide Arme, wenn du dich dann besser fühlst, dann muß ich wenigstens nicht mehr den verdammten Roboter steuern."
"Ich soll dir wohl ein neues Gesicht verpassen, du Klugscheißer!"
Er holte aus.
Der andere Junge versuchte ihn aufzuhalten.
"Komm, Toji, du hast ihm gestern schon eine verpaßt, du bist doch sonst nicht so, laß ihn in Frieden!"
Shinjis ganze Selbstsicherheit verflog in diesem Augenblick.
Ja, es war ihm in diesem Moment egal, ob er lebte oder starb, aber was immer Suzuhara mit ihm tun würde, es würde äußerst schmerzhaft sein...
"Ikari-kun." erklang hinter ihnen eine sanfte leise Stimme.
Suzuhara hielt inne.
Shinji schielte an ihm vorbei, sah Rei Ayanami an der Treppe stehen.
Der Anblick hatte etwas unwirkliches, im Licht des Frühlingsvormittages schien ihr helles Haar federngleich anzuliegen, während ihre blasse Haut an wertvolles Porzellan erinnerte. Der Blick ihres Auges schien einen Moment lang traurig.
"Die wieder." knirschte Suzuhara.
"Ein Notruf. Wir sollen ins Hauptquartier kommen."
Sie wartete einen Augenblick.
"Ich gehe schon vor."
Damit drehte sie sich um und stieg die zum Dach führende Treppe wieder hinab.
Shinji nutzte die Gunst der Stunde und wand sich aus dem Griff seines Peinigers.
"Ayanami, warte! Ich komme mit!"
Sie wurde etwas langsamer, stellte sicher, daß er zu ihr aufschließen konnte.
Der Junge vergewisserte sich mit einem Blick zurück über die Schulter, daß Suzuhara ihm nicht folgte.
"Uhm, Ayanami... jetzt... ah... jetzt hast du mir schon zum zweiten Mal den... uhm... Hintern gerettet..."
Sie warf ihm einen undeutbaren Blick zu.
"Ich hatte nicht den Eindruck, daß Mitschüler Suzuhara es auf deinen... Hintern abgesehen hatte."
"Ahm..."
Es klang nicht so, als ob sie einen Scherz gemacht hatte, vielmehr so, als hätte sie die tiefere Bedeutung der Redewendung nicht verstanden.
"Ayanami... das... äh... das sagt man so... uh... danke."
Er lächelte zaghaft.
"Das wird jetzt langsam zur Gewohnheit..."
"Paß auf dich auf, Ikari-kun. Ich werde vielleicht nicht immer da sein, um... deinen Hintern... zu retten."
Er schluckte.
Sie hatte ihn Ikari-kun genannt, nicht Pilot Ikari...
"Ja."
Sie erreichten den Treppenabsatz.
"Ich gehe schnell meine Tasche holen."
Sie antwortete nicht.
So schnell er konnte, raste Shinji in den Klassenraum, stopfte das Notebook in seine Tasche und rannte wieder hinaus.
Rei befand sich inzwischen im Erdgeschoß.
"Ayanami... warte auf mich..."
Tatsächlich blieb sie stehen.
Leicht keuchend erreichte er sie, streckte dann die Hand aus.
"Gib mir deine Tasche."
"Wozu?"
"Sie... ah... sie sieht schwer aus."
Sie blickte nach unten auf die Tasche in ihrer Hand, als bemerkte sie diese zum ersten Mal.
Es war eine robuste stabile Tasche.
"Ja."
"Und du bist... ah... immer noch, uhm, verletzt. Du solltest nicht... so schwer, uh, tragen."
"Es könnte meine Funktionsfähigkeit beeinträchtigen", überlegte sie laut.
Jetzt blickte Shinji sie an, als sähe er sie zum ersten Mal, während er ihr die Tür öffnete.
"Äh... ich weiß nicht... uhm... so meinte ich das eigentlich..."
"Hier."
Sie reichte ihm ihre Tasche.
"Ja, äh..."
Ihre Tasche war nicht schwerer als seine eigene, eher leichter.
"Die U-Bahnstation ist in dieser Richtung, Ikari-kun."
Da heulten die Sirenen auf...
