Hogsmead (Schottland)
Es war bitterkalter Winter. Schnee lag kniehoch über den Ländereien von Hogwarts und den Weg nach Hogsmeade hätte sich jeder der vier Schüler, die vom Gelände des Schlosses hinunter in den kleinen Ort gingen, eigentlich mühsam bahnen müssen. Aber heute interessierte sich keiner der Vier für die Regeln des Schlosses, welche ihren Schüler verboten, sich in der Öffentlichkeit als Hexen und Zauberer zu erkennen zu geben.
Es war diese Regel gewesen, wegen welcher es in diesem Jahr beinahe zum endgültigen Bruch zwischen Salazar Slytherin und den anderen Gründern gekommen wäre. Kendra wartete insgeheim ohnehin nur noch auf den Tag, an dem Slytherin aus Hogwarts verschwand und sie bedauerte es ein wenig, dass sie nun vor diesem Tag ihren Abschluss gemacht hatte.
Schnee flog wild zur Seite, als Kendra mit ihrem Zauberstab die weiße Pracht zum Weichen zwang. Vor ihr lachten die beiden Jungen, Albwin und Caer, die sich gegenseitig versuchten, den Schnee wieder in den Weg zu zaubern. Sie verhielten sich beide wie Kinder und Kendra war gewaltig genervt. Vielleicht hätte sie einfach im Schloss bleiben sollen. Sie brauchte keinen Feuerwhiskey auf ihren Abschluss trinken. Ohnehin war ihr nicht nach Feiern zu Mute.
"Kendra, was ist los, nun sag endlich." Alice, eine schwarzhaarige Hexe aus Hufflepuff, die neben Kendra den Jungs hinterher nach Hogsmeade folge, schüttelte sich ein wenig Schnee aus dem Haar. "Summa cum Laude, haben sie gesagt, hat Slytherin Dich bewertet...und ausgerechnet Slytherin, der nie an jemandem, der nicht in seinem Haus ist, ein gutes Haar lässt. Und Du ziehst ein Gesicht wie sieben Tage Regen."
Kendra jagte einen Feuerball auf eine Schneewehe, die in Sekundenbruchteilen schmolz. Ein paar dürre Halme Gras kamen darunter zum Vorschein. "Schwör mir, dass Du es niemandem verraten wirst."
Alice hob ihre Hand zum Schwur. "Ja, ich schwöre." Sie grinste dabei, während Kendra einen weiteren Feuerball nach vorne jagte, der zwischen den Jungs hindurch schoss und Schnee in umherspritzendes Wasser verwandelte. "Hey, Malfoy", rief Caer zu den Mädchen zurück. "Pass auf, wo Du hin hinzielst."
Kendra machte eine wegwerfende Geste in seine Richtung und die Jungs lachten ausgelassen. Albwin knuffte Caer in die Seite. Kendra wandte ihren Blick ab. "Bei Gott und Deiner ewigen Seele", sagte sie mit gesenkter Stimme zu Alice.
Das schwarzhaarige Mädchen verdrehte die Augen und hob erneut ihre Hand. "Ich schwöre bei Gott und meiner ewigen Seele, dass ich es niemandem verraten werde und jetzt sag mir endlich, was ich da niemandem sagen werde."
Kendra biss sich auf die Lippen. "Er hat mir angeboten hier zu bleiben...als seine Frau", sagte sie dann. Einen Moment herrschte Stille zwischen den beiden Mädchen. Alice machte Augen, die jedem Tollkirschensaft Ehre gemacht hätten. "Er?", hauchte sie. "Der Wahnsinn." Sie griff Kendra am Arm. "Slytherin?"
"Hm." Ein weiterer Feuerball schoss zwischen den Jungen entlang und knallte mit einem Zischen ein Stück von Hogsmeade entfernt in den Schnee. Die Siedlung bestand aus nicht mehr als vier Häusern, fünf wenn man den Stall des Wirtshauses "Zu den drei Besen" mitzählte. Niemand war auf der Straße, aber im Wirtshaus brannte Licht.
"Und?", wollte Alice schließlich wissen. "Du willst mir doch nicht sagen, dass Du abgelehnt hast? Ich meine" - Alice löste ihren Griff um Kendras Arm - "wir reden hier von Salazar Slytherin, einem der mächtigsten Zauberer aller Zeiten, wenn nicht sogar dem mächtigsten überhaupt. Er kann seine Familie bis zu den babylonischen Magiern zurückverfolgen. Du weißt, was sie über seine Burg in Norfolk sagen, ganz aus Licht erbaut soll sie sein. Wenn Du einmal seine Frau wärst..."
"...wäre ich die Frau des mächtigsten Zauberers unserer Zeiten, ich weiß", beendete Kendra den Satz. Warum hatte sie es Alice überhaupt erzählt? Sie hätte sich ihre Reaktion denken können. Aber in Kendra wehrte sich alles gegen die Vorstellung, Salazar Slytherin zu heiraten.
Jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, lag eine zynische Bemerkung auf seinen Lippen und jedes zweite Wort schien Schlammblut zu sein. Kendra hatte ihre Herkunft wohlweißlich gut verborgen, aber das Wort traf sie jedes Mal aufs Neue. Jedes Mal, wenn er es aussprach, spürte sie einen Stich in ihr Herz. Sie war stolz auf das, was sie erreicht hatte. Was würde sie gewinnen, wenn sie auf einmal nur noch die Frau eines berühmten Zauberers war?
"Ehrlich, so eine gute Partie bekommst Du nie mehr geboten", versuchte Alice ihr eindringlich zuzureden. "Wen willst Du denn sonst heiraten? Etwa einen der Bauerntölpel, die in Hogsmeade die Felder bestellen? Sicher, einige sind wesentlich jünger und sicher auch hübscher, aber seit wann spielt so etwas denn für eine Ehe eine Rolle?"
"Ich habe ihm gesagt, dass ich nach Toledo gehe", hielt Kendra dem Wortschwall ihrer Schulkameradin entgegen. "Ich werde meine Studien dort für zwei weitere Jahre vertiefen."
"Und dann?", wollte Alice wissen. Ihr Blick verriet, dass sie Kendra für vollkommen verrückt geworden ansah. Kendra strich sich eine Strähne ihres halblangen blonden Haars hinter die Ohren und steckte den Zauberstab weg, als sie das Wirtshaus erreicht hatten. "Und dann werden wir sehen."
