Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

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Liebe Lesende!

Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei denen bedanken, die mir freundlicherweise ein Review hinterlassen haben, leider weiß ich gar nicht, ob Fanfiction die Review-Replys überhaupt zustellt, derzeit. Danke schön, also: Lina, MissMoony, Nicole und Pete.

Die gute Nachricht: Es gibt ein Update heute.

Noch eine gute: Das nächste Kapitel ist auch schon fertig und liegt zum Betalesen auf der Mailbox von TheVirginian.

Die schlechte: Am Wochenende bin ich unterwegs, und ob es vorher noch ein Update geben wird, kann ich nicht versprechen, aber ich verspreche es für nächsten Montag, falls das ein Trost ist.

Ein Ende dieser Geschichte ist auch bereits abzusehen. Das Ende ist zumindest schon geschrieben, aber zwischendrin fehlt noch ein bisschen Action. Heute gibt es aber erst einmal eine Runde „Verwirrung". Wer da verwirrt wird und von wem – lest selbst ;-)

Gute Unterhaltung!


Musici:

George Gershwin: Rhapsody in Blue

Pet Shot Boys: Sin


12. Verwirrung

Am nächsten Morgen stand Remus wie üblich noch mitten in der Nacht auf, um zur Arbeit zu gehen, und Strolch, der die Nacht bei ihm unter der Decke und auf dem Sofa verbracht hatte, blieb brav liegen. Remus hoffte inständig, dass er so sittsam und ruhig bleiben würde, bis Thalia später am Morgen kam.

Als Remus um eins von der Arbeit zurückkehrte, leistete Jimmy Thalia bereits Gesellschaft. Strolch hatte gerade einen zweiten Spaziergang hinter sich, begrüßte Remus freudig und legte sich dann zufrieden zwischen seine Füße.

„Gab es Beschwerden?" fragte Remus.

„Überhaupt nicht", lächelte Thalia. „Er hat ja hier einen Personal Trainer und eine hauptberufliche Streichlerin."

„Ich will auch ein Hund sein", behauptete Jimmy sofort. „Wenn du mich dann den ganzen Vormittag streichelst."

Sie lachte. „Ich? Ich dachte, meine Streicheleinheiten wären nicht gerade das, was dich glücklich machen würde, Jimmy."

„Ich sprach ja auch von vormittags", grinste Jimmy zurück. „Für den Nachmittag würde ich mir einen flotten Rüden im Stadtpark suchen."

Sie lachten. „Apropos Rüde", fuhr der ehemalige Seemann fort. „Habt ihr etwas von Gianni gehört?"

Thalia schüttelte den Kopf.

„Na, dann werde ich gleich mal vorbei fahren. Mit dem Tänzer als Liebhaber wird er ja früh aufstehen müssen, unser armer Gianni. Morgengymnastik, Dehnübungen, Yoga und dann drei Salatblätter zum Frühstück, dazu den Saft einer halben ausgepressten Zitrone – aber wenn's ihn glücklich macht."

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„Nein", sagte Thalia, verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor.

„Aber Liebes, er ist dein Freund, und es ist doch nur ein Abendessen. Außerdem wird Armando nicht da sein, weil das Ballett heute Abend den „Nussknacker" aufführt." Leo redete bereits seit ein paar Minuten auf seine Frau ein, genau genommen seit Jimmy Giannis Einladung überbracht hatte.

Unseresgleichen", spuckte sie wütend aus, und ihre Augen glitzerten vor Zorn.

Auch Remus hatte den Wortlaut von Giannis halbherziger Entschuldigung für Armandos Benehmen noch genau im Ohr. ‚Tut mir Leid, Thalia", hatte er zu ihr gesagt. ‚Ich weiß, du magst ihn nicht, aber wenn wir allein sind oder unter Unseresgleichen ist er ganz anders.'

„Thalia, Schatz, das mag jetzt nicht das sein, was du gerne hören möchtest, aber ich bin lieber ehrlich: Giannis Kontakte zum Theater und zur Kulturszene insgesamt könnten für mich noch einmal wertvoll sein", sagte Leo.

„Es geht nicht um Kontakte, sondern um Freundschaft", beharrte Thalia.

„Das verstehe ich ja, aber du kennst doch Gianni, er schaltet nie sein Hirn, bevor er spricht."

Nun, damit hatte Leo nicht Unrecht, fand Remus.

„Das macht es nicht besser, eher im Gegenteil", fauchte Thalia.

Leo seufzte. „So kann man es durchaus sehen, und ich will dir auch gar nicht widersprechen, Liebling. Trotzdem wäre vielleicht gut, wenn du ihm sagst, wie sehr er dich verletzt hat mit dieser zugegeben wirklich dämlichen Bemerkung. Davon, dass du hier über deinem Groll brütest, leidet er nämlich kein bisschen. Und es ändert sich auch nichts."

Thalia schwieg.

Leo nahm einen weiteren Anlauf. „Gianni wird nicht gerade glücklich darüber sein, wenn du nicht kommst. Und du bist so unglücklich, dass es wehtut, dir dabei zuzusehen. Ich will nicht, dass du so unglücklich bist." Leo nahm Thalias Hand und küsste sie. Remus schluckte bitter an seiner Eifersucht, aber er beherrschte sich.

„Ich kann nicht garantieren, dass ich mich zurückhalten kann. Es könnte sein, dass ich ihn anschreie und ihm die Augen auskratze. Was ist dann mit deinen so wertvollen Kontakten, Leo?" fragte Thalia, und etwas Provozierendes lag in ihrem Ton.

„In diesem Fall, meine Liebe, werde ich damit leben müssen, dass dieser Kontakt ruiniert ist." Leo sagte es ruhig, als würde er eine Kleinanzeige vorlesen.

Remus war immer wieder über den dünnen Mann erstaunt. Mit all seinen schlechten Eigenschaften konnte man ihm eines jedenfalls nicht vorwerfen: mangelnde Loyalität gegenüber seiner Frau. Wann immer Thalia Hilfe brauchte, war Leo an ihrer Seite, es sei denn, er konnte sicher sein, dass einer ihrer Freunde ihr beisprang. Zwar wachte er immer noch über jeden Schritt, den sie tat, und er sorgte weiterhin dafür, dass sie mit Remus nie alleine war, aber der gesamte Umgang mit ihm war von Woche zu Woche entspannter geworden.

„Also gut, dann sag' ihm zu, Jimmy", lenkte sie schließlich ein. „Was ist mit dir, Remus?"

„Ich werde mitkommen", erklärte er schlicht. Er wollte gerne sehen, wie Gianni lebte, wenn er es nicht im Hinterzimmer eines Dritte-Welt-Ladens tat, und er wollte wissen, ob es ihm gut ging.

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Eine Woche später war es endlich soweit: Um sieben schloss Thalia den Laden ab, und sie liefen die wenigen hundert Meter zur U-Bahnstation, um ins East-End zu fahren.
Leo, wie immer ganz in intellektuelles Schwarz gehüllt, hielt Thalia an der Hand. Sie trug ein schlichtes, langes Kleid, dessen dunkelroter Samtstoff mit ihrem tizianfarbenen Haar um die Wette brillierte, das sie auch heute wieder hochgesteckt trug.
Remus hielt sich still neben Jimmy, der mit Begeisterung vom letzten Wochenende erzählte, das er bei einem Freund an der See verbracht hatte.

„Weißt du, manchmal träume ich davon, hier alles hinzuschmeissen und irgendwo neu anzufangen. Irgendwo, wo der Wind richtig bläst und die Luft nach Salz schmeckt."

„Willst du wieder anheuern?" fragte Remus.

„Nicht wirklich", sagte Jimmy. „Wenn du nicht gerade Robben schlachten willst in Kanada oder Grönland, bezahlen die meisten Reedereien einfach zu wenig. Die Seeleute aus den Billigländern machen die Löhne kaputt. Sie können nichts dafür, dass man sie ausbeutet, aber so ist es nun mal. Und ein Kreuzfahrtschiff ist nichts für mich."

„Du würdest einen tollen Steward abgeben", neckte Thalia, die sich für einen Moment zu ihnen umdrehte. Sie zwinkerte den beiden zu. Remus wünschte sich sehr, sie wäre nicht so verdammt schön.

„Und mich von alten Vetteln antatschen lassen? Keine Chance!", erwiderte Jimmy. „Wenn ich mir wenigstens ein bisschen was aus Frauen machen würde... Es gibt so verdammt viele nette, hübsche Frauen, die allein sind. Mit denen man etwas aufbauen könnte, ein Geschäft, eine Familie haben. Aber ich bin einfach nicht interessiert."

„Eben sagtest du, sie sind nett und hübsch", fragte Remus nach.

„Ja. Ich bin ja auch nicht blind. Natürlich bemerke ich, wenn eine Frau schön ist oder einen tollen Charakter hat oder beides. Aber sexuell interessieren sie mich ungefähr so sehr wie... keine Ahnung...Rennpferde. Edel, schnell, schön, aber ich würde nicht mit ihnen...na, du weißt schon." Jimmy lachte rau.

„Was würdest du denn aufbauen wollen?" fragte Remus nach.

„Eine Segelschule, das wäre mein Traum", antwortete Jimmy, und Enthusiasmus lag in seiner Stimme. „Mir ist egal, ob hier im Norden oder irgendwo am Mittelmeer. Aber wenn mir mal der Richtige begegnen würde... das wär's, was ich mir wünschte."

Thalia drehte sich um. „Und wovon träumst du, Remus?" Ihre Augen waren plötzlich seltsam dunkel.

Remus schluckte eine spontane Antwort herunter, die sich in Leos Gegenwart sicher nicht sehr gut gemacht hätte; letzterer hatte sich nun auch zu ihm umgewandt.

„Ganz aktuell davon, diese Bahn noch zu erwischen", sagte Remus schnell. Die Linie, welche sie nehmen mussten, fuhr eben unten in die Station ein, und sie standen noch halbwegs oben auf der Rolltreppe.

Sie lachten, und die Gruppe legte einen Spurt ein, wobei Jimmy Thalia mit einer schnellen Bewegung über seine Schultern hob und mit ihr die Treppe hinunter rannte, da sie mit ihren hohen Stiefel nicht schnell genug hätte laufen können. Sie zeterte trefflich und theatralisch, Leo beschwerte sich lautstark über den vermeintlichen „Raub der Thalianerinnen" und verlangte grinsend Satisfaktion. Alle vier keuchten vernehmlich, aber sie hatten die Bahn noch um Haaresbreite erreicht. In der ganzen folgenden Frotzelei schien niemand zu bemerken, dass Remus die Frage nach seinen Träumen unbeantwortet gelassen hatte.
Auf dem Weg von der letzten Station im East-End zu Giannis Apartment sagte Jimmy: „Ich hab' übrigens vielleicht eine Wohnung an der Hand für dich, Remus."

„Erzähl!" forderte Remus, der nun bereits zwei Wochen ohne Erfolg gesucht hatte. Das Stadtviertel, in dem er arbeitete, war zwar keines der teuren in London, aber mit seinem relativ geringen Lohn war es dennoch nicht einfach, etwas Geeignetes zu finden.

„Ist bei mir um die Ecke", erklärte Jimmy. „Das Haus ist ziemlich schäbig von außen, aber die Wohnung soll okay sein. Bisschen dunkel, aber trocken und auch warm, wenn du den Ofen anmachst. Ist ein Kohleofen, du müsstest also Briketts vom Keller hoch schleppen, und Warmwasser gibt es auch nur nach Anheizen des Badezimmerofens, aber es ist billig, und es sind sogar zwei Zimmer. Aber das Beste: Sie erlauben Hunde."

„Klingt toll", sagte Remus und sah zu Strolch hinunter, der fröhlich neben ihm hertrappelte.

„Huff!" machte der graue Mischling, als habe er das Gespräch verstanden.

„Wann kann ich es ansehen?" wollte Remus wissen.

„Geh' einfach morgen mal vorbei. Der Verwalter hat sein Büro zwei Häuser weiter im Erdgeschoß. Ach ja, der Tipp kam übrigens von Captain Bruchmueller."

„Der weiß, dass ich eine Bleibe suche?" fragte Remus irritiert.

„Der weiß alles, was in der Firma passiert, und du hast dich im Frühstücksraum nach einem Zimmer umgehört, weißt du noch?"

Sie hatten einen hell verputzten Altbau erreicht, an dem Thalia anhielt. Das Haus musste aus der Zeit der Jahrhundertwende stammen, und Remus stellte fest, dass es nur sechs Türschilder und Briefkästen hatte, obwohl es ziemlich groß zu sein schien. Sie stiegen die alten Holztreppen hinauf, die durch das gut gepflegte Treppenhaus führten, und Remus bewunderte die geätzten Glasscheiben im Jugenstildekor, die sich in den doppelflügeligen Holztüren einer jeden Wohnung befanden.
Im dritten Stock blieben sie stehen.
„Nero", stand auf dem Messingschild, und ein spanisch klingender, langer Name prangte auf einem mit Klebeband angebrachten Pappschild darüber, das jedoch immerhin doppelt so groß wie das Messingschild war und es zur Hälfte verdeckte. Remus vermutete, dass Giannis Vorname unter der Pappe verborgen war. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass Gianni ja eine Kurzform war, und sein Freund vermutlich in Wirklichkeit „Giovanni" oder „Giuseppe" hieß. Neugierig hob Remus das Schildchen hoch. Der Namenszug darunter lautete: Gemino Nero.

„Willst du klingeln oder nicht?" fragte Thalia ungeduldig und klopfte gegen die Tür.

„Ich habe euch schon gehört!" rief es von drinnen, und dann öffnete sich der rechte Türflügel, und Gianni stand vor ihnen, ein Handtuch um die schmalen Hüften, eines als Turban um den Kopf gewickelt.

„Das ist nicht dein Ernst", bemerkte Leo kühl und hob fragend eine Augenbraue.

Doch Thalia war schon an ihm vorbei und in Giannis weit geöffnete Arme geschlüpft.

„Meine Süße, ich hab' dich so vermisst", sagte der Halbnackte und küsste sie auf die Haare. „Es tut mir so Leid wegen meines Auftritts an dem Abend, ich schäme mich wirklich in Grund und Boden. Verzeih' mir, ja?"

„Das hat sie offensichtlich bereits", sagte Leo nüchtern und klaubte seine Freundin behutsam aus dem Armen von Mr. Bombastic. „Gib mir Thalia zurück und begrüß deine anderen Gäste", sagte er nicht einmal unfreundlich.

Gianni küsste und umarmte Jimmy ebenso enthusiastisch wie Remus, verlor bei Letzterem sein Handtuch und musste sich Jimmys heiteren Protest gefallen lassen, weil er es nicht bei ihm schon verloren hatte.

„Bedient euch schon mal an der Bar, ihr kennt euch ja aus", sagte Gianni und verschwand hinter einer Tür, die offenbar ins Bad führte.

Leo ging voraus, Hände in den Hosentaschen, und Remus folgte ihm und den anderen langsam, wobei er sich interessiert umsah.
Die Wohnung war großzügig und beinahe elegant eingerichtet. Die Anzahl der Möbel war überschaubar, eine moderne Skulptur stand für sich allein und hell angestrahlt auf einem Podest, und im weitläufigen Wohn-Essbereich fand sich sogar Platz für ein Pianoforte.
Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer – immerhin das hatte Gianni rechtzeitig geschafft – und der Tisch war bereits eingedeckt.

„Wow, sogar mit Silberbesteck heute", bewunderte Jimmy die Tafel.

Remus hielt in der Betrachtung des Chagall-Drucks an der Wand inne. Er konnte Silber kurz berühren, aber einen ganzen Abend lang mit Gabel und Messer aus diesem Edelmetall zu hantieren, würde ihm hässliche Brandblasen an den Fingern einbringen. Und falls sich nur ein winziges Stück des Materials von seiner Gabel ablöste… Er hatte keine Ahnung, wie er dieses Dilemma lösen sollte.
Doch er wurde vom Nachdenken über eine Lösung gründlich abgelenkt, als Leo Thalia den Mantel abnahm. Ihre Figur zeichnete sich überdeutlich unter dem bordeauxschimmernden Samt ab, und nur für einen kurzen Augenblick war er nicht auf der Hut, hatte er sein Mienenspiel nicht im Griff. Leo warf den Mantel über die Lehne des weißen Ledersofas, schenkte dann vier Gläser Port ein und servierte formvollendet auf einem Silbertablett. Als er Remus sein Glas reichte, beugte er sich zu ihm vor und zischte: „Ich habe gesehen, wie du sie ansiehst. Ich warne dich, lass die Finger von ihr." Seine Augen waren voll kalter Verachtung, während er freundlich lächelte und laut „Salut, Remus" sagte. Dann ging er zum Klavier, setzte sich und begann, Chopin zu spielen. So perfekt, zärtlich und mit einer Leidenschaft, die ihnen allen einen Schauer über die Haut jagte und sie in ehrfürchtiger Stille verharren ließ.

Doch Remus kam nicht dazu, sich von dem Schreck zu erholen, dass Leo ganz offenbar ein Herz besaß, wenn auch eines aus Eis, denn plötzlich stand Sirius mitten im Raum.

Sirius.

Gemini.

Gianni.

Er lächelte hinreißend, mit dieser Unbefangenheit, die selbst Askaban ihm nicht nehmen konnte, und applaudierte Leo frenetisch. Remus spürte Eifersucht hart und heiß in seinem Bauch aufsteigen, sie drängte wütend in seine zu Fäusten geballten Hände.

Doch Sirius hatte seinen Gesichtsausdruck gesehen, und er eilte auf Remus zu und küsste ihn besänftigend auf die Wange.

„Hey, hey, welch ein Blues in deinem Blick."

Seine Barthaare kitzelten Remus an der Wange, die wie Feuer brannte.

„Leo, spiel was anderes. Chopin gibt Remus den Blues."

Natürlich war es Gianni, nicht Sirius, der eine Art langen mitternachtsblauen Kaftan trug, und Remus hatte dieses Gewand für einen Moment für eine Robe gehalten, sein Gehirn hatte ihm einen bitteren Streich gespielt. Aber es war Giannis Gesicht, in das er blickte, dem von Sirius so ähnlich, aber so ohne jeden Hauch von Askabans Schrecken darin. Es waren Giannis lebhafte grüne Augen, die jetzt besorgt über Remus' Gesicht huschten. Giannis schlanke, geschickte Hände, die Remus zum Tisch bugsierten, und unter dem Nagel des linken Ringfingers hing noch ein Rest Kettenfett vom Schrauben.

Sirius ist tot, Sirius ist tot, Sirius ist tot.

Remus wiederholte das Mantra, bis es ihm fast die Tränen in die Augen trieb, während Leo Gershwin spielte, „Rhapsody in blue."

Als schließlich alle um die Tafel herum platziert saßen, hatte sich Remus wieder einigermaßen gefangen. Thalia summte „Bei mir bist du schön", Jimmy und Leo diskutierten über Hermann Hesse als Maler, und Strolch lag leise schnarchend vor dem Kamin und ließ sich von den Flammen den Bauch wärmen. Sie hatten ihn zuhause bereits gefüttert.

Gianni trug einen gusseisernen Wok herein, aus dem es wunderbar nach Ingwer und Zitronengras duftete und holte dann noch eine Holzschüssel mit Jasminreis.
Remus schloss die Augen und konzentrierte sich - das vermaledeite Silberbesteck zu benutzen, ohne eine Miene zu verziehen stand an. Da schoss ein Gedanke durch seinen Kopf.

„Gianni, dürfte ich bitte Stäbchen haben?"

„Oh ja, ich auch!" rief Thalia begeistert.

„Klar, hol' ich", sagte Gianni. „Ich hab' fast vergessen, dass du kein Silberbesteck verträgst, Remus."

Die Welt steht still und wird dunkel und wieder hell. Was ist das für ein Mummenschanz? Werden sie jetzt alle ihre Masken vom Gesicht reißen, ist Thalia Hermine, Leo Severus und Gianni Sirius?
Doch es geschieht nicht.

Gianni kam zurück, Stäbchen für alle in der Hand.

„Was hast du eben gesagt?" fragte Remus und konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte.

„Ich hab' fast vergessen, dass du kein Silberbesteck magst, Remus. Hast du doch mal erzählt irgendwann. Aber Stäbchen passen sowieso viel besser, tolle Idee."

Der Abend rauschte an Remus vorbei, der Mühe hatte, den Gesprächen zu folgen und ab und zu durch ein Nicken seine geistige Anwesenheit zu bekunden. Er war tief in sich versunken. Sehr lange hatte er den Schmerz verdrängt, nicht zugelassen, die Wunde ignoriert, die Sirius' Tod schlug. Er musste kämpfen, funktionieren, das bewachen, was von seinem und Sirius' Rudel übrig geblieben war. Hätte Sirius gewusst, dass der Letzte, für den Remus noch kämpfen konnte, ausgerechnet Severus war, er hätte sich in seinem nicht vorhandenen Grab umgedreht.
Aber Sirius war tot, und die Erkenntnis, wiewohl nicht neu, traf Remus mit ungebremster Wucht und der Schmerz, dem Raum und Zeit zu geben er sich so lange geweigert hatte, fraß jetzt unbarmherzig seinen Weg in sein ganzes Sein.
Ausgerechnet hier, mitten unter den Freunden, die er neu gewonnen hatte, war er so einsam wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Doch noch wahrte er mit eisernem Willen die Form. Er wollte ihnen den Abend nicht verderben, auf den sie sich schließlich alle so gefreut hatten.
Am Ende des Weges jedoch war seine Kraft einfach aufgebraucht.

„Dir geht es aber nicht gut", sagte Thalia und sah ihn aufmerksam an.

„Nicht besonders", antwortete Remus und ließ den Kopf auf den Unterarm sinken, der auf dem Tisch lag.

„Was ist los?" fragte Jimmy.

„Kopfschmerzen", entgegnete Remus knapp.

„Am besten legst du dich eine Weile hin", schlug Gianni vor. „Komm." Er nahm Remus bei der Schulter und führte ihn durch den Flur, weg vom Wohnzimmer und vom Licht, in einen dunklen kühlen Raum, in dem ein breites Bett mit kühlen Laken und Kissen auf ihn wartete, ihn aufnahm und Stille ihn tröstend umfing.

„Versuch, etwas zu schlafen", empfahl Gianni und strich ihm gedankenverloren über das kurze Haar.

Dann war er fort. Remus fand sich allein mit seiner Trauer, seiner erdrückenden Einsamkeit, und endlich konnte er weinen, lange und heftig, bis das Kissen nass war und sein Kopf zu platzen drohte.
Es war nur der Anfang, der Strom noch lange nicht versiegt, aber schließlich waren die Tränen für diesen Abend verbraucht, und er sank in einen unruhigen Schlaf.

Es war weit nach Mitternacht, als er erwachte. Eine kleine Lampe brannte, und er entdeckte Gianni, der mit einem Buch auf einem Sessel saß und las. Als er merkte, dass Remus wach war, blickte er auf, lächelte und gähnte.

„Vorgeschlafen?" fragte er. „Geht es dir besser?"

Remus nickte. „Ich habe euch den Abend ruiniert. Tut mir Leid", sagte er automatisch.

„Was für ein Quatsch", sagte Gianni und strich sich eine lange dunkle Strähne aus dem Gesicht. „Wir hatten einen tollen Abend, auch ohne dich."

„Sind die anderen gegangen?" wollte Remus wissen.

„Schon vor einer Stunde. Jimmy hat Strolch mitgenommen. Es ist gleich zwei Uhr. Musst du arbeiten morgen?"

Remus schüttelte den Kopf.

„Dann bleib am besten hier. Jetzt alleine U-Bahn zu fahren ist nicht besondern klug. Zuviel zwielichtiges Volk unterwegs."

„Obdachlose zum Beispiel", sagte Remus.

„Ich dachte mehr Kleinkriminelle und Skins", sagte Gianni augenzwinkernd.

„Dein Freund wird nicht besonders erbaut sein, wenn er einen Fremden in seinem Bett vorfindet", gab Remus zu bedenken.

„Armando kommt nicht mehr", sagte Gianni ruhig.

„Was? Aber warum?" erkundigte sich Remus teilnahmsvoll.

Ein bitteres Lächeln huschte über Giannis schönes Gesicht, dem sein dunkler Bartansatz einen bläulichen Schatten verlieh.

„Ich habe ihn rausgeschmissen. Er hatte mich ja schon öfter betrogen, aber dieses Mal habe ich ihn im Hof des Theaters zwischen den Mülltonnen mit einem der Jungköche erwischt. Es gab eine Riesenszene mit Tränen und Beteuerungen, dass es ihm Leid tue, es sei über ihn gekommen, es bedeutet nichts, ich bedeute ihm alles. .. na, du weißt schon. Ich musste wieder hoch in die Maske, und es war verdammt schwer, eine ruhige Hand zu bewahren, das kann ich dir versichern. Beinahe hätte ich Rickman verhunzt."

„Den Schauspieler?" fragte Remus.

„Den Müllmann. Was glaubst du denn, natürlich den Schauspieler. Ich habe dann Fanny, unsere zweite Visagistin angerufen und sie gebeten, mich abzulösen. Zum Glück war sie zuhause und hatte Zeit. Dann bin ich hierher gefahren. Armando lag da, wo du jetzt liegst, allerdings war er anderweitig beschäftigt. Und nicht allein."

Remus betrachtete die Kissen und das Bett.

„Keine Angst, ich hab' die Laken gewechselt", sagte Gianni trocken.

„So war's nicht gemeint", erwiderte Remus. „Wen hatte er denn dabei?"

„Meinen Lehrling", erwiderte Gianni, beinahe schon heiter. „Siebzehn Jahr, blondes Haar,…"

„Oh", sagte Remus. „Wusste er, dass es dein Auszubildender…"

„Ja, verdammt! Natürlich wusste er es." Gianni zog geräuschvoll die Nase hoch und suchte dann in seinem Morgenrock nach einem Taschentuch. "Zweimal in einer Nacht, das ist selbst für Armando ein Rekord." Er sah aus dem Fenster.

„Erzähl' mir von deinem Sirius", fordert er plötzlich. „War er dir treu?"

Remus schluckte. Das war so ziemlich die letzte Frage, die er erwartet hatte. Er setzte sich auf, schob sich ein Kissen in den Rücken, zog die Knie ein und umschlang sie mit den Armen.
„Die Frage ist nicht präzise genug gestellt", sagte er schließlich leise. „Sirius war nicht der Typ, der sich auf eine Person festlegen konnte….und dann, in gewisser Weise auch doch. Er war loyal wie kein Zweiter, fixiert auf mich bis hin dazu, eine sehr passable Nervensäge zu sein. Ich musste nie fürchten, dass er einem anderen sein Herz schenken würde – oder einer anderen." Remus lächelte versonnen. „Wenigstens nicht auf Dauer", schränkte er ein. „Ich wusste, er würde immer wieder zurückkommen. Aber er hatte eine ziemlich Schwäche für schöne Frauen – und die Frauen für ihn."

„Wie oft…?"

„Unzählige Male. Ich habe die Strichliste in meinem Kopf irgendwann aufgegeben." Remus seufzte.

„Und es hat dir nichts ausgemacht?" Giannis Augen waren weit vor Spannung auf die Antwort.

„Natürlich hat es weh getan", gab Remus zu. „Nicht genug zu sein ist niemals…erfreulich."

Gianni stand plötzlich auf, ließ den sternenhimmelblauen Kaftan über die Schultern gleiten und lehnte sich auf ein Kissen, das auf dem Bett lag. Er trug einen Slip unter einer fast durchsichtigen Seidenhose, der mehr preis gab als er verbarg.

„Gianni…" sagt Remus warnend, aber das Spiel der geschmeidigen Muskeln unter der seidenmatten Haut verfehlte seine Wirkung nicht. ‚Er ist so sehr wie Sirius', wisperte eine schmeichelnde Stimme in Remus' Kopf. Giannis grüne Augen zogen Remus in ihren Bann.

„Wie würde es dir gefallen, jemandem genug zu sein, Remus?"

Giannis Gesicht war plötzlich nah vor Remus, und er konnte den warmen Atem des anderen auf seinem Hals spüren. Remus spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.

‚Mach die Augen zu, es wird sein, als wäre es Sirius', zischelte die kleine Stimme in seinem Kopf wieder. Remus' Mund wurde trocken. Er hatte Sirius so sehr vermisst, und wenn er nun nachgab, konnte es für ein paar Momente beinahe so sein wie früher. Er wollte Gianni diese Grausamkeit nicht antun, nur berührt zu werden, weil er einem anderen glich, doch Gianni schien sich dafür überhaupt nicht zu interessieren. Und er machte es Remus schwer zu widerstehen, unendlich schwer. Zwei lange Finger strichen sanft mit den Kuppen über Remus' Wange, von seinem Ohr zu seinem Mundwinkel, er berührte seine Lippen, und Remus' Blut folgte der Spur der Berührung. Und dann war es Remus' Körper, dessen Bedürfnisse er so lange ignoriert hatte, den er kaum einmal selbst berührt hatte, der seine bittersüße Niederlage besiegelte. Seine Hände, die sich in Giannis nachtschwarze Haare gruben und ihn nah zu sich zogen, sein Mund, der gierig die Lippen des anderen erforschte und sein Unterleib, in dem sich die Spannung zu einer fast schmerzhaften Erektion ballte, und der sich hart an den des anderen Mannes presste.

Er war viel zu lange allein, er ist viel zu lange nicht so berührt worden, als dass er Giannis Leidenschaft und seiner eigenen Sehnsucht nach Nähe und Wärme jetzt noch irgendetwas entgegen zu setzen hätte. Erhitzt und keuchend überlässt er sich schließlich Giannis Händen und dem heißen Strom, den sie auf seiner Haut, in seinem Körper entfachen, den sie über seinen Magen und seinen Nabel hinunter zwischen seine Hüften treiben, bis Reibung und Hitze seine Erregung steigern und immer noch steigern, so sehr, dass er glaubt, keine Luft mehr zu bekommen, seinen Brustkorb zu sprengen. Er wird zerplatzen und vergehen, und er kann nicht mehr warten, es nicht mehr aushalten, und dann passiert es tatsächlich. Aufstöhnend und zuckend kommt er in Giannis Hand, und der Dunkelhaarige trinkt die erstickten Schreie von seinen Lippen.
Mühsam ringt Remus nach Luft. Sein Körper glitzert vor Schweiß, und er weiß für einen Moment nicht, wohin mit seinem Blick, doch dann findet er einen Fokus in Giannis ruhigen Augen und das Lächeln in seinem Gesicht.

„Entschuldigung", keucht Remus. „Ich war wohl zu schnell."

Gianni lacht sein unbefangenes, sattes Lachen.

„Kann man so sagen. Aber es ist ja noch ein bisschen Nacht übrig."
Seine Lippen finden Remus' Mund, seine Zunge folgt ihnen, und nur zu bald findet sich Remus in einem verwirrenden, erhitzten Knäuel aus Zungen, Lippen, Gliedern und Gliedmaßen, seine Haut brennt sanft, wo Gianni ihn beißt, nein, mit den Zähnen streichelt, bis er die richtige Position gefunden hat. Weiches Haar drückt sich gegen Remus' Rücken, Gianni hat die Arme um Remus Bauch geschlungen und presst ihn jetzt gegen das Kissen. Unwillkürlich geht Remus auf die Knie, drängt sein Gesäß gegen Giannis Hüfte, und er spürt, wie seine Oberschenkel zittern. Er hatte schon immer ein bisschen Angst vor dem ersten Schmerz, aber Gianni ist sacht und behutsam, als er in ihn eindringt, er scheint es nicht eilig zu haben. Er flüstert Koseworte in Remus' Ohr, etwas, das Sirius nie getan hat, der es stets eilig hatte, ans Ziel zu kommen mit Remus unter sich. Der plötzliche Gedanke an Sirius lässt Remus verkrampfen, Gianni stöhnt auf, doch dann zieht er sich ein Stück zurück und streichelt dem Wolf die Angst von der Haut, bis sie in Erregung kippt. Remus ist wieder hart und Giannis Hände sind sanft und geschickt, lenken ihn ab vom dem leichten Schmerz, der sich mit Lust mischt, immer mehr. Schließlich fallen sie beide in einen langsamen Rhythmus aus Drängen und Nachgeben, der sich beschleunigt, so wie ihr Herzschlag und ihre Atmung, immer mehr und schneller, bis sie verschmelzen, Remus hört Gianni stöhnen und spürt die Konvulsionen, er beißt sich auf die Unterlippe, um nicht seinen Namen zu rufen, den er dann doch keuchend flüstert, während er zum der Höhepunkt kommt und sich hart und pochend auf das Laken ergießt. „Sirius, Sirius."
Er bricht unter dem Körper den anderen zusammen, und er fühlt sich so dermaßen schuldig und beschämt, dass er kaum wagt, ihn anzusehen.
Gianni ist plötzlich erstarrt, seine Muskeln sind hart unter der samtigen Haut und etwas steifbeinig kommt er in die Höhe.
Es dauert eine Weile, bis Remus erkennt, dass es nicht Sirius' geflüsterter Name ist, der Gianni in die Vertikale treibt, sondern das Drehen des Schlüssels in der Wohnungstür und Schritte im Flur.

Dort steht Armando, in der Hand seine Ballettschuhe, und plötzlich wirkt der Spanier lange nicht mehr so arrogant wie noch vor zwei Wochen, sondern zerbrechlich und unsicher.

„Gianni, wieso bist du denn….?" Armando stößt die Tür zum Schlafzimmer auf, die Deckenbeleuchtung blendet grell, doch Remus kann die Verletztheit in den Augen des Tänzers sehen, als er das Bett mit den zerwühlten Laken und Decken sieht, mit einem fremden Mann darin, und dazu Gianni, der nackt und sehr gelassen in der Tür lehnt.

„Ich hoffe, es tut richtig weh, mein Geliebter", sagt Gianni finster. „Denn so hat es sich für mich angefühlt, gestern Abend."

Gianni zieht die Tür zu, aber Remus wird dennoch unfreiwillig Zeuge der Szene, die sich jetzt im Flur davor abspielt. Schreie, Schuldzuweisungen, hysterisches Kreischen, Schluchzen, Zornesausbrüche und das Bersten von Geschirr. Gianni und Armando schenken einander nichts und sie lassen auch nichts aus, inklusive der schlimmsten Flüche in spanischer und italienischer Sprache, die Remus jemals gehört hat.

Schließlich knallt eine Tür – es ist die Wohnungstür – und endlich wird es still.

„'Tschuldige, dass du das mit anhören musstest", sagt Gianni, ein Lächeln auf dem Gesicht, als er ins Schlafzimmer zurückkehrt, als wäre er eben Händewaschen gewesen. Mit einem Schwung wirft er sich neben Remus auf das Bett und will nach seiner Hand greifen. „Wo waren wir?"

„Fass mich nicht an!" knurrt Remus. „Du hast gewusst, dass er kommen würde, nicht wahr? Du…du hast es geplant."

„Seit ich dich hier ins Bett gesteckt habe, ja." Gianni streitet nichts ab. „Ich wollte, dass er einmal erlebt, wie das ist. Wie es sich anfühlt, so hintergangen zu werden."

„Du hast mich angelogen." Remus kocht vor Wut. Es kommt nicht häufig vor, aber gerade jetzt hat er sich kaum noch in der Gewalt. Der Mond ist nicht mehr so weit, nur noch ein paar Tage.

„Ja", gibt Gianni freimütig zu. „Ich musste dich ja irgendwie ins Bett kriegen."

Remus muss ganz ans andere Ende des Zimmers, um der Versuchung zu widerstehen, Gianni anzugreifen.

„Du hast mich benutzt, um ihm weh zu tun!" schreit er den anderen Mann an.

„Ja. Und das ist nur die erste Wahrheit." Gianni kommt langsam näher. „Ja, ich habe dich benutzt. Ja, ich habe gelogen, um dich ins Bett zu kriegen, als sich die Gelegenheit bot."

„Bleib wo du bist", knurrt Remus, und er spürt, dass seine Augen sich verändern.

„Ja, es tut mir nicht mal Leid. Weil es gut war. Diese Genugtuung eben war gut. Das ist die zweite Wahrheit. Und der Sex mit dir war gut. Ich wusste, dass es gut sein würde, als ich gespürt habe, wie du auf meine Hände reagiert hast, als ich dich mit dieser Salbe eingerieben habe, weißt du noch? Aber das Gefühl, das hatte ich schon vorher. Sogar schon, als du mir am ersten Abend gegenüber gesessen hast. Das ist die dritte Wahrheit."

Gianni steht direkt vor Remus. „Ich wollte dich so sehr. Ich habe ihn wirklich im Hof erwischt, das stimmt. Nur rausgeschmissen hatte ich ihn noch nicht. Und ich wollte ihm wehtun. Aber das ist nur die Nebenhandlung, verstehst du? Denn obwohl benutzt, bist du nicht das Mittel zum Zweck. Du bist der Sinn".

Giannis Augen leuchten beinahe im Dämmerlicht. Remus weiß nicht mehr, ob er ihn erwürgen will oder ob er einfach gehen sollte, aber die Aussicht auf einen Marsch durch die Kälte an diesem frühen Morgen ist nicht sehr anziehend. Lange nicht so anziehend wie Gianni, auf den er so wütend ist, der ihm jedoch gerade sehr umständlich gesagt hat, wie sehr er ihn will.
Plötzlich sind da wieder Hände in seinem Gesicht und Lippen auf seinem Mund, und Remus stellt fest, dass er trotz der Wut im Bauch immer noch nicht genug hat von dem warmen Körper des Anderen, von seinem Duft und den Gefühlen, die seine geschickten, sanften Hände in ihm auslösen. Nicht genug von der so greifbaren Erinnerung an Sirius; Sirius, den er so sehr vermisst und den er in Giannis Armen endlich wieder spüren kann.
Diesmal ist es Remus, der den Rhythmus vorgibt, der Gianni auf die Knie zwingt und Besitz von ihm ergreift, wild und mit Wut und mit roher Kraft, bis sich das Zimmer um sie beide dreht und er keuchend auf dem Rücken des schönen Dunkelhaarigen zusammenbricht, um später immer noch schwer atmend die roten Striemen nachzuzeichnen, die seine Nägel auf Giannis seidiger Haut hinterlassen haben.

„Was für ein Tier ist das, was du in dir beherbergst?" fragt Gianni, der erschöpft und schweißnass neben Remus im Bett liegt.

„Ein Wolf", sagt Remus, „und das ist die erste meiner Wahrheiten."


TBC