XII.
Hope war völlig auf ihren Computer konzentriert und schreckte hoch, als sie plötzlich Riddicks Flüche, gefolgt von Scheppern und Krachen über das Headset hörte. „Riddick, was ist los? Wir brauchen das Schiff noch! Du solltest den Start vorbereiten, nicht zerlegen."
„Das Schiff ist ein verdammter Saustall! Wie kann man hier nur arbeiten? Es hat hier dringend jemanden gebraucht, der ein wenig Platz schafft."
Hope spitze die Ohren um zu hören, was Riddick noch alles aus dem Schiff warf aber er hatte damit bereits aufgehört. Den Geräuschen, die jetzt von ihrem Headset übertragen wurden konnte sie entnehmen, daß Riddick im Pilotensessel Platz genommen hatte. Sie hörte, wie er ein paar Kommandos eintippte und dann wieder damit aufhörte.
„Hope."
„Mhm?"
„Hast du nicht etwas vergessen?"
Hope dachte einen Augeblick darüber nach. „Nein, was meinst du?"
„Der Code, Hope." Riddicks Stimme klang ein wenig ungeduldig.
In Gedanken schlug sie sich an die Stirn … natürlich! „'Defiant'. Der Code ist 'Defiant'."
Nach einem langen Augenblick völliger Stille hörte sie Riddick lachen. „Du willst mir jetzt nicht wirklich weismachen, daß 'Defiant' der beste Code ist, den du dir ausdenken konntest. Wen wolltest du damit in die Irre führen … Winnie the Pooh?"
‚Na wie schön, daß ich dich wieder mal amüsiere.' „Ach komm schon, Riddick, das ist ein Arbeitscode. Jeder, der am Schiff arbeitet muß den Code kennen und du machst dir keine Vorstellung, wie dämlich manche hier sind. Wir ändern ihn unterwegs. Und woher zum Teufel kennst du Winnie the Pooh?" fuhr sie ihn an.
Sie stöpselte ihren Computer aus und trat in den Hangar. In ein paar Minuten würden sie in Sicherheit sein; sobald das Tor zu war würde ohne Gewalt anzuwenden in den nächsten 24 Stunden niemand mehr in den Hangar kommen. Sie ging zur Konsole, von wo aus die Kuppel des Hangars kontrolliert wurde. Das Rolltor war bereits fast wieder nach unten gefahren, als die Alarmsirenen anfingen zu heulen. Panik stieg in Hope auf, als gleich darauf sich nähernde Schritte von draußen zu hören waren.
„Riddick, sie sind fast hier und das Tor ist zu langsam, es wird nicht rechtzeitig zu sein!"
„Bleib bloß unten und versteck dich, ich bin schon unterwegs."
Hope duckte sich und gab verzweifelt schnell die letzten Kommandos ein, die die Kuppel öffnen würden.
„Ich sagte, du sollst UNTEN bleiben!" hörte sie Riddick über das Headset und sie versuchte, sich noch kleiner zu machen. ‚Konzentrier dich einfach auf deine Aufgabe. Riddick wird sich um alles andere kümmern. Alles, was du machen mußt ist die Kuppel zu öffnen. DAS ist dein Job.'
Der erste Schuß, der fiel ließ sie zusammenfahren sie aber sie schaffte es, weiter zu machen. Ihre Finger flogen nur so über das Tastenfeld und dann begann die Kuppel sich zu öffnen. Sie vergewisserte sich, daß ihr PADD sicher and seinem Gurt über ihrer Schulter hing und machte sich fertig, um zum Schiff zu laufen. „Ich bin fertig, Riddick" flüsterte sie.
„Bleib unten bis ich etwas anderes sage. Wenn ich ‚los' sage … und erst dann … läufst du so schnell wie du kannst zum Schiff. Und behalt deinen Kopf unten. Verstanden?"
Hopes Herz schlug rasend schnell und ihr Mund war trocken aber zu ihrer Überraschung hielt ihre Angst sich in Grenzen. Sie wußte einfach, daß Riddick auf sie aufpassen würde. ‚Sei ehrlich Hope, du wirst schön langsam zu einem Adrenalinjunkie' grinste sie über sich selbst ‚Die brave, langweilige, angepaßte, mit-dir-kann-man-überhaupt-keinen-Spaß-haben Hope stellt Compsyn auf den Kopf und klaut ein Raumschiff. Wer hätte das gedacht.'
Sie versuchte ihre Atmung unter Kontrolle zu bringen; wenn Riddick das Zeichen gab mußte sie schnell sein aber im Augenblick war sie noch im Kreuzfeuer zwischen Riddick und den Wachen gefangen. Ein schneller Blick über ihre Schulter zeigte ihr, daß das Tor fast zu war … nur ein halber Meter trennte es noch vom Boden. Im letztmöglichen Augenblick rollten sich drei Wachen unter dem Tor durch und verschanzten sich hinter verschiedenen Containern.
Erst jetzt fiel ihr auf, daß Riddick keine Schüsse mehr abgab, die einzigen Schüsse, die noch fielen kamen von den Wachen hinter ihr. ‚Riddick ist OK, Riddick ist OK' fing sie an wie ein Mantra vor sich herzusagen. Er durfte einfach nicht getroffen sein.
Von der regungslosen Hockerei hinter der Konsole begannen Hopes Füße sich bereits taub anzufühlen und sie versuchte gerade, wieder ein wenig Gefühl in ihre Extremitäten zu bekommen als sie plötzlich einen unterdrückten Schrei hörte und dann einen Körper, der auf dem Boden aufschlug … Riddick mußte eine der Wachen erledigt haben. Die Stille, als auch die Wachen mit der Schießerei aufhörten war beängstigend. Hope biß auf ihre Unterlippe … nicht zu wissen was los war ließ ihre Nerven blank liegen. Bis sie die Stimme eines der Wachmänner hörte …
„Miss Hope, können Sie mich hören? Wir wissen, daß Sie ihm nicht freiwillig helfen, daß er Sie dazu zwingt."
Chief Jorgeson. Er war immer freundlich zu ihr gewesen und wenn sie bis spät in die Nacht gearbeitet hatte, hatte er sie oft genug bis zum Eingang gebracht damit Fred sie nicht wieder belästigen konnte.
„Miss Hope, wir können Ihnen helfen! Sagen Sie uns einfach, wo er ist. Helfen Sie uns ihn zu schnappen und alles wird wieder gut werden. Er ist gefährlich, er wird sie umbringen, genau wie all die anderen."
Und dann wieder Stille. Und ein zweiter Körper, der zu Boden fiel.
‚Nicht Riddick, nicht Riddick!'
Hope konnte ihn trotz des Headsets noch nicht mal atmen hören, er war wie ein Geist. Sie riskierte einen schnellen Blick, versuchte herauszufinden was los war. Wenn er ihr doch nur sagen würde, was sie tun sollte!
„Miss Hope, wir haben ihn, Sie sind jetzt in Sicherheit, Sie können herauskommen!"
‚Nein, das ist nicht wahr, darf es nicht sein!'
Sie wollte es nicht glauben, aber Jorgesons Stimme kam aus der Richtung, in der sie Riddick vermutet hatte. Es mußte wahr sein. Riddick hätte sonst sicher schon etwas gesagt, oder? Ohne Riddick konnte sie genau so gut kapitulieren. Sie seufze und kämpfte sich langsam auf ihre eingeschlafenen Beine.
Und dann hörte sie Riddick „BLEIB UNTEN!". Aber es war schon zu spät; Jorgeson hatte sie bereits gesehen. Der Schuß, der sie traf schleuderte sie zurück. Sie brach am Fuß eines Containers zusammen und mit geschlossenen Augen wartete sie auf einen weiteren Schuß, der überraschenderweise niemals kam. Stattdessen hörte sie Jorgeson einen furchtbaren Schmerzensschrei ausstoßen und sie konnte Riddick knurren hören „Heute ist dein Glückstag, denn wenn ich die Zeit dazu hätte, dann würde ich dir wirklich weh tun."
Hope öffnete ihre Augen um Riddick zu sehen, der Jorgesons toten Körper fallen ließ. Von draußen drangen Schreie in den Hangar; jemand versuchte, das Rolltor aufzuschweißen.
Riddick kniete sich neben Hope; die Blutlache, die sich unter ihrem Körper ausbreitete reichte bis an seine Stiefel.
„Ich hab dir doch gesagt, daß du unten bleiben sollst."
