Ein unwillkommener Gast
Nachdem ich meinen Wutanfall in mein Kissen geschrieen hatte, war ich irgendwann erschöpft eingeschlafen. Anscheinend hatte ich mich die ganze Nacht in meinem Bett gewälzt. Jedenfalls sah ich schrecklich aus, als ich am nächsten Morgen aufwachte und in den Spiegel im Badezimmer sah. Oh Himmel, wie siehst du denn aus Elinwen? Da hilft wohl nur noch eines: ein schönes warmes Bad. Ich ließ also Wasser in meine Badewanne, zog mich aus und als die Wanne endlich voll war und vor Schaum fast überquoll, stieg ich ein. Ahh, tut das gut! Es war angenehm warm und ich fühlte mich mehr als wohl und ließ schließlich auch meine Seele baumeln. Ich träumte gerade vor mich hin, als es plötzlich an der Tür pochte.
Geschockt riss ich die Augen auf, mein Herzschlag beschleunigte sich und ich ärgerte mich grün und blau über den unwillkommenen Gast. Wer um alles in Mittelerde klopft gerade jetzt an meine Tür! Es pochte noch einmal. Du musst wohl aus der Badewanne heraus, dachte ich mir. Ich stieg schweren Herzens aus, mit einer Wut in meinem Bauch, den Anklopfenden sofort zu erwürgen anstatt ihn auch nur irgendwie zu Wort kommen zu lassen. Schnell nahm ich ein Handtuch und wickelte es um mich herum und rannte zur Tür. Es pochte wieder, dieses Mal stärker als die anderen beiden Male zuvor.
"Verdammt, ich komme doch schon!", schrie ich wütend als ich die Tür öffnete. Und wer stand vor mir? Jemand großes, mit blonden langen Haaren und brauen Augen... Alessa.
"Mensch, Elinwen! Was hast du denn so lange gemacht? Ich dachte schon, dir wäre mal wieder irgendetwas passiert.", rief sie aufgeregt. "Hattest du gestern einen schönen Tag mit Helyanwe?"
"Ja, war ganz schön...", ich konnte meinen Satz nicht beenden, da sie mir gleich wieder ins Wort fiel:
"Du, wir müssen uns beeilen! Rebecca wartet schon auf uns, sie will heute die Sitzverteilung der Gäste klären und braucht unseren Rat."
"Alessa..."
"Was ist?"
"Es tut mir Leid, aber ich kann euch heute wieder nicht helfen.", beichtete ich ihr.
"Wieso denn das?", reagierte sie ein wenig geschockt.
"Ich habe mich für nacher schon mit jemanden verabredet."
"Elinwen! Das kannst du doch nicht machen, Rebecca wird dieses Mal aufjedenfall enttäuscht sein!", sagte sie verzweifelt. "Naja, kannst du deine Verabredung denn nicht verschieben? Und überhaupt - mit wem triffst du dich eigentlich?"
"Ähm, also...". Verdammt ich kann ihr doch nicht sagen, dass ich eine Verabredung mit Legolas habe, die ich zu alledem auch noch meiner eigenen Dummheit zu Verdanken habe!Aber ich kann sie doch auch nicht anlügen... "Ich treffe mich nacher mit... Legolas." - und raus war es!
"Wie du triffst dich nacher mit dem Prinzen! Wie in aller Welt hast du das denn geschafft, nach deinem eher rüppigen Verhalten gegenüber ihm?", fragte sie. "Komm schon, ich will alles wissen!". Und schon stand sie in meinem Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu und schmiss sich auf mein Bett, während ich immernoch nur mit einem Handtuch bekleidet vor ihr stand und langsam anfing ein wenig zu frieren.
"Das war alles nur ein Missverständnis!", fing ich an zu erklären.
"Ein Missverständnis natürlich...", zwinkerte sie mir zu.
"Alessa, das ist nicht witzig! Er fragte mich gestern, ob ich heute nicht Zeit hätte - und irgendwie ohne nachzudenken, sagte ich einfach ja. Ich könnte mich jetzt noch dafür ohrfeigen."
"Wie jetzt? Ich dachte du wärst mit Helyanwe unterwegs gewesen."
"War ich ja auch, aber sie ist früher zum Palast zurück geritten, während ich noch eine Weile blieb. Nur hat sich dann mein Pferd aus dem Staub gemacht, doch glücklicherweise kam Legolas auf seinem Pferd vorbei und nahm mich mit. Ich sag's dir, dieses blöde Mistviech ist auf einmal einfach weggelaufen! Wenn ich das irgendwann erwische..."
"Halt mal! Legolas hat dich also im Wald gefunden? Wie hat er dich denn mitgenommen, wenn er nur ein Pferd dabei hatte!", fragte sie verwirrt bis ihr plötzlich ein Licht aufging. "Ach was, sag bloß er hat dich auch auf seinem Pferd mitgenommen?"
"Ja, hat er - und nein, ich fand es nicht gerade schön vor einem Wildfremden zu sitzen! Jedenfalls erzählte ich ihm von meinem Lieblingsbuch und als wir dann zurück am Palast waren, fragte er ob wir uns morgen - also heute - nicht treffen wollten. Und ich Tollpatsch habe auch noch ja gesagt!"
"Ohhh", gab Alessa nur von sich laut und hatte währenddessen ein breites Grinsen auf dem Gesicht. "Elinwen, du kannst dich als eine der glücklichsten Elben in ganz Mittelerde schätzen! Du weisst gar nicht, wie viele Elbenfrauen dich um eine Verabredung mit dem Prinzen beneiden würden."
"Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, was an ihm so toll sein soll", wand ich ein.
"Sag mal bist du blind vor Augen?", sagte sie entsetzt. "Erstens sieht Legolas ziemlich gut aus mit seine langen, blonden Haaren; seinen klaren, blauen Augen und seinem durchtrainierten, muskolösen Körper - ich kenne keine Elbe die ihn frewillig von der Bettkante stoßen würde, ausgenommen von dir natürlich. Und zweitens ist er ein echter Gentleman!"
"Das wird sich heute ja herausstellen."
"Also wenn ich das gleich Rebecca erzählen werde, ich glaube, dann wird sie deine nicht Anwesendheit komplett verstehen. Hast du eigentlich schon mitbekommen? Morgen Abend in zwei Tagen ist Tanz."
Langsam begann ich doch etwas zu frieren, da meine langen nassen Haare an meinem nackten Rücken fest klebten und durch die geöffneten Fenster ein kühler Wind herein zog. Ich wollte so schnell wie möglich zurück in die Badewanne...
"Tanz?". Schon allein der Gedanke daran ließ mich erschaudern. "Alessa, ich fange langsam an zu frieren und ich möchte so schnell wie möglich in die Badewanne zurück..."
"Oh, ich verstehe schon! Also dann wünsche ich dir viel Spaß bei deiner Verabredung, wir sehen uns beim Abendessen.", verabschiedete sie sich von mir mit einem noch schlimmeren Grinsen, wie vorher, auf dem Gesicht.
Nachdem sie weg war, stieg ich schnell wieder in meine Badewanne - zum Glück war das Wasser noch warm. Tanz... was mache ich denn bloß? Ich kann doch gar nicht tanzen!
