Dark Days
Es waren dunkle Tage für alle. Von einem auf den anderen Moment schien ihre gerade noch heile Welt zu implodieren, und sie fiel wie ein leerer Luftballon in sich zusammen.
Jeder wusste noch genau, wo er im entscheidenden Moment gewesen war als die Nachricht sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Später verfluchte Remus wieder und wieder die Geheimhaltungspolitik des Ordens, denn hätten sie nur gewusst, was Albus und Harry in dieser verhängnisvollen Nacht - hätte man ihnen nur gesagt, das Draco von seinem Vater und Voldemort beauftragt worden war, eine kleine Armee von Death Eatern einzuschmuggeln - vielleicht hätte sich alles noch ändern lassen.
Aber es war nicht zu ändern. Später erinnerte Remus sich hauptsächlich daran, dass er als verantwortlicher Lehrer am Eingang der Gryffindor Common Rooms Wache hielt während Minerva sich mit einigen anderen durch das Schloss bewegte und die Gänge abzusichern versuchte. Es war seine Pflicht, die Schüler zu beschützen, das war ihm klar - aber die Angespanntheit, das Abwarten eines möglichen Angriffs, und die gleichzeitige Ahnungslosigkeit über das, was am anderen Ende der Schule passierte machte ihn beinahe wahnsinnig. Und wo steckte Harry? Remus hatte keine Ahnung.
Wie lange er an der Tür zu den Common Rooms Wache gestanden hatte wusste er hinterher nicht mehr. Nur das seine Sinne so überstrapaziert waren, das er beinahe Minerva angegriffen hätte als sie um die Ecke bog, daran erinnerte er sich. Sie gab ihm Entwarnung, aber es war etwas anderes in ihrer Stimme, und Remus brauchte sehr lange um ihren Satz zu verstehen. Das sie hinter den Türen verschwand um nach ihren Schülern zu sehen bemerkte er kaum.
Danach ging alles in einem Wirbel aus Aktivität unter. Es blieb ihnen wenig Zeit für Trauer, oder auch nur zur Anerkennung ihres bodenlosen Entsetzens. Viel zu viel musste auf einmal organisiert werden. Die Sicherheit der Schüler zu gewährleisten, Hogwarts irgendwie am Laufen zu halten, irgendeine Form von Stabilität vorzuspielen, das war die eine Seite. Auf der anderen Seite musste Albus begraben werden, und allein das stellte sich als eine unglaubliche organisatorische Herausforderung heraus. Für alles andere, für Abschiede und Trauer, blieb keine Zeit.
Es erstaunte Remus, wie schnell die Strukturen des Ordens griffen und wie funktional sie in Wirklichkeit waren. Innerhalb weniger Stunden tauchten alle Mitglieder des Inneren Kreises in Hogwarts auf, und mit bemerkenswerter Unerschütterlichkeit gingen sie ans Werk. Sie schienen alle zu wissen, das wer arbeitet nicht denken kann. Minerva rückte schnell von ihrer Rolle als Albus' Stellvertreterin zur vorübergehenden Direktorin auf, und damit auch zum Kopf des Ordens - und sie erfüllte ihre Aufgabe mit bemerkenswerter Ruhe und Klarheit. Die Fäden fest in der Hand organisierte sie, teilte einzelnen Aufgaben zu, plante und klärte sämtliche Fragen. Wie sie das alles mit derartiger Ruhe erledigte war Remus schleierhaft. Und wann sie Zeit zum Nachdenken fand.
Aber das fanden sie eigentlich alle nicht, und es war besser so. Nur nachts, wenn Remus wachlag, neben sich auf dem Teppich das leichte Schnarchen des schwarzen Hundes, dann gingen seine Gedanken im Kreis spazieren. Immer rundherum, in schönster Form, und nur um die eine Frage zentriert: Was war an diesem Abend auf dem Astronomieturm wirklich geschehen?
Denn das wusste keiner ganz genau. Harry hatte zwar erzählt was er gesehen hatte, aber sein Bericht war hysterisch und völlig subjektiv. Das konnte ihm natürlich niemand übel nehmen, und Remus konnte sehr genau nachvollziehen warum Albus dafür gesorgt hatte, dass Harry nicht eingreifen konnte. Er hatte Harry als Zeugen gewollt, soviel war klar, aber zu welchem Zweck war ihm nicht klar.
Also ging Remus mit Logik an die Sache heran. Was war das Ergebnis? Albus war tot, getötet von Severus. Draco Malfoy und Severus waren verschwunden, nachdem Draco einer Gruppe von Death Eatern Zugang zum Schloss verschafft hatte. Soweit war alles klar. Aber der Rest? Wieso machte das alles in Remus' Kopf keinen Sinn, jedenfalls nicht wenn man der Logik, der kühlen vertrauensschaffenden Logik, folgte?
Warum, zum Beispiel hatte ausgerechnet Severus den Avada ausgesprochen? Und warum genau in diesem Moment, auf dem Astronomieturm, vor so vielen Zeugen? Severus und Albus hatten viel Zeit miteinander verbracht, vor allem in den Wochen vor Albus' Tod - wenn Severus tatsächlich die Seiten gewechselt hatte, es hätte bessere Momente gegeben, soviel war Remus klar. Ruhigere Momente, vielleicht, weniger spektakuläre. Momente mit weniger Zeugen.
Außer es war genau um die Zeugen gegangen. Und was war passiert, was Harry nicht sehen oder nicht verstehen konnte? Das Albus' letzte Worte ausgerechnet eine Bitte an Severus waren hatte den Orden gründlich verwirrt - er schien kein Mann zu sein, der um sein Leben bettelte. Sie hatten sich angesehen, hatte Harry gesagt, und zwischen Albus und Severus war fast immer irgendeine Form der unhörbaren Kommunikation gewesen. Was hatte niemand gehört?
Das Severus urplötzlich wieder die Seiten wechselte, den Orden und Albus verriet und betrogt, schien Remus nicht in sein System der Logik zu passen. Dafür kannte er Severus mittlerweile zu gut, hatte zuviel gehört und gesehen. Dafür war in den letzten Wochen vor dem verhängnisvollen Abend auf dem Astronomieturm zuviel passiert, hatte Severus sich zu sehr in seltsamen Andeutung ergangen. Aber Remus konnte sich nicht erklären, in welchem logischen System die Ereignisse auf dem Astronomieturm Sinn machten, welcher Logik folgend Severus seinen Mentor getötet hatte.
Und der Rest der Welt war mit der einfachen Lesart des Verräters mehr als zufrieden. Sobald auch nur ein wenig Zeit für Gespräche und Ruhe war ergoss sich ein lange aufgestauter Hass auf Severus' Namen, und jeder hatte etwas schlechtes über ihn zu sagen. Sie hatten es schon immer gewusst, allesamt, und eigentlich ja auch nur darauf gewartet. Wer einmal die Seiten wechselte konnte es wieder tun, natürlich, und war der Tränkemeister nicht schon immer eine grässliche Person gewesen? Ein Schimpfwort nach dem anderen fiel ihnen ein, eines schlimmer als das nächste.
Remus hatte am Anfang nur dabeigesessen und nichts gesagt. Das er so ruhig war fiel nur denjenigen auf, die über seine Zeit mit Severus Bescheid wussten - und das waren die wenigsten. Eigentlich waren nur Sirius und Minerva je im Bilde gewesen, und Severus ewige Bitte um äußerste Diskretion zahlte sich für Remus jetzt aus. Er geriet in keinen Verdacht, und seine Ruhe wurde nur als besondere Trauer um Albus gewertet, dessen Protegè er immer gewesen war.
Nur Sirius gegenüber verlor Remus die Beherrschung, und auch nur einmal, nach Wochen der Geduld. Am Tag vor der großen Trauerfeier für Albus, deren Organisation Minerva und den anderen Mitgliedern des Ordens in den letzten Tagen erhebliche Arbeit bereitet hatte, saß Remus in einer freien Minute mit Sirius und dem Trio im leeren Gryffindor Common Room. Gemeinsam mit Harry hatte Sirius, ausnahmsweise in seiner menschlichen Form, über den ehemaligen Spion des Ordens ereifert, in immer wildere Ausschweifungen fallend und ihn immer mehr verdächtigend. Mitten in Sirius' Satz war es Remus plötzlich zu bunt geworden. Ohne ein Wort zu sagen, gefolgt nur von den verwunderten Blicken Rons und Hermines, war er aufgestanden und hatte den Raum verlassen. Sirius selbst konnte die Flut an Beleidigungen aus seinem Mund gar nicht schnell genug stoppen, um Remus' Verschwinden zu kommentieren. Den restlichen Tag vermied Remus jegliche Gesellschaft. Allein wanderte er durch den Verbotenen Wald, den Blick auf das Schloss gerichtet, und hing seinen düsteren Gedanken nach. Es konnte so nicht mehr weitergehen, soviel stand fest. Sie konnten Hogwarts so nicht weiter offen halten. Wie sollte das gehen? Grübelnd zog Remus seine Runden. In seinem Kopf spielte er wieder und wieder ihre Möglichkeiten durch. Und er erinnerte sich an ein Gespräch, das er erst vor wenigen Wochen mit Albus geführt hatte. Eigentlich hatten sie nur über seine Aufgaben für das kommende Schuljahr sprechen wollen, und die Prüfungen kurz vor den Sommerferien diskutieren wollen. Darüber waren sie aber auf Remus' Rolle für den Orden gekommen, und Albus hatte schließlich seine Überlegungen zur möglichen Rolle der Werwolfsrudel im Norden in Voldemorts Plänen mit Remus geteilt. Wieder und wieder gingen Remus Aspekte dieses Gesprächs durch den Kopf.
Erst als die Dämmerung schon weit fortgeschritten war fand Sirius ihn am Rande des Sees. Es war still geworden in Hogwarts, und noch vor den Sommerferien waren alle Schüler in die Sicherheit ihrer Elternhäuser zurückgeschickt worden. Als Unterricht war nicht zu denken.
Remus' Blick war auf das ausnahmsweise völlig ruhige Wasser gerichtet, als Sirius sich neben ihm ins Gras fallen ließ. "Hey, ich habe Dich überall gesucht." Remus sah sich nicht zu ihm um.
Nervös zupfte Sirius an einigen Grashalmen herum. "Ähm, also, ich denke ich sollte mich entschuldigen? Aber Moony, eigentlich meine ich das ja schon." Remus legte seine Stirn noch weiter in Falten. Sirius beeilte sich weiterzusprechen. "Aber es ist für Dich bestimmt nicht so einfach, Du hast ja mit, uhm, ihm viel Zeit verbracht und - "
Mit einer schnellen Handbewegung unterbrach Remus ihn. "Lass' es gut sein, Sirius. Es bringt nichts, wenn Du dich für Dinge entschuldigst, die Du glaubst." Sirius klappte den Mund wieder zu, und sah auf seine Hände. Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander.
"Ich habe einen Entschluss gefasst." Remus löste seinen Blick nicht von der glatten Seeoberfläche, aber er sah, dass Sirius ihn ansah. "Ich muss weg von hier, bald. Morgen werde ich mit Minerva sprechen. Der Orden braucht jemand, der undercover arbeiten kann, und das werde ich tun. Es wird offenen Krieg geben, bald, und wir brauchen alle Verbündeten die wir kriegen können. Ich werde in den Norden gehen, und sehen was die Rudel denken." Sirius war verblüfft. "Was - bist Du Dir sicher? Du hasst die Rudel - Remus!" Ohne sich umzusehen stand Remus auf und klopfte sich Gras von der Hose. "Es ist notwendig, und ich hatte vor wenigen Wochen schon mit Albus darüber gesprochen. Der Orden braucht Dich hier, aber ich bin nicht nützlich. Und was soll ich tun, ohne Wolfsbann? Es ist am besten so."
Stumm sah Sirius zu ihm auf, sichtlich auf der Suche nach Worten. Aber er fand keine passenden. Remus nickte noch einmal, stopfte die Hände in die Taschen, und wand sich um. In Gedanken versunken wanderte er zurück zum Schloss, das so unschuldig in der Abendsonne lag. Morgen würden sie Albus Dumbledore begraben, und danach würde er Hogwarts verlassen. Was hielt ihn noch hier? Es war ohnehin sinnlos.
Tief in Gedanken versunken trugen seine Füße ihn von selbst durch das leere Schloss. Es war natürlich ruhig, so ganz ohne die Schüler, aber seit Albus' Tod erschien es Remus, als wären die flüsternden Steine vor Schreck verstummt. Soviel hatten sie schon gesehen, aber war das vielleicht nicht doch zuviel gewesen? Wehmütig sah er hin und wieder aus einem der Fenster über den schon in der Dunkelheit liegenden Wald. Er würde fortgehen, und er wusste nicht, ob er jemals wiederkommen würde. Seine tiefe Trauer mischte sich mit Melancholie. Es waren gute Zeiten gewesen, aber jetzt waren sie vorbei.
So ging er einfach weiter, ohne auf seinen Weg zu achten. Er sah erst wieder auf, als er vor einer sehr vertrauten schweren Holztür stand. Sein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Was machte er hier? Er hatte keinen Grund mehr hierher zu kommen. Es gab nichts mehr, was er hinter dieser Tür suchen könnte. Trotzdem hatten seine Füße ihn hierhergetragen. Er stand einen Moment vor der Tür, ohne wirklich dort sein zu wollen, aber auch ohne die Willenskraft aufzubringen sich einfach umzudrehen und zu gehen. Schließlich gewann sein strenges Ich aber die Oberhand, und er wand sich um, und zwang seine Füße, ihn wieder den Gang hinunterzutragen. Dabei näherte er sich der Tür ungewollt etwas an, und ohne das er es wirklich herbeigeführt hätte erkannte der nach wie vor auf Remus Magie kodierte Zauber ihn, und die Tür schwang lautlos auf.
In seiner Bewegung wieder gestoppt blieb Remus wie angewurzelt stehen, die offene Tür vor sich. Durch den Türrahmen hindurch sah er nur die Dunkelheit im Flur. Schnell sah er den Gang hinauf und hinab, aber in diese entlegenen Winkel von Hogwarts verirrte sich ohnehin selten jemand. Einige lange Minuten stand er einfach so dar, innerlich wieder mit sich ringend. Dann meinte er auf einmal Schritte zu hören, noch weit entfernt, aber definitiv in seine Richtung kommend. Ohne das er darüber nachdachte trat er durch den Türrahmen, und wie gewohnt fiel die schwere Tür hinter ihm sanft wieder ins Schloss.
Mit seltsam klopfendem Herzen stand er in der weichen Dunkelheit des kleinen Flurs. Albus war seit zwei Wochen tot, und genauso lange war Severus nicht mehr in diesen Räumen gewesen. Aber jetzt schien es Remus, als wäre die Präsenz des Bewohners noch in diesen Wänden spürbar, und er schauderte unwillkürlich. Mit einer Handbewegung sorgte er für Licht, und trat durch den kleinen Flur in das Wohnzimmer. Er hatte keine Ahnung was er hier wollte, oder ob er etwas Bestimmtes suchte. Spuren spontaner Flucht? Severus war in den Kerkern gewesen als die Death Eater urplötzlich das Schloss überfielen, und von dort aus war er auf den Astronomieturm geeilt. Er hatte keine Zeit gehabt, irgendetwas zusammenzuräumen oder zu ordnen. Oder Dinge mitzunehmen. Alles in den Räumen musste also so aussehen, wie es am Morgen vor Albus' Tod gewesen war, an dem letzten Morgen, als alles noch normal war. Diese Erkenntnis ließ Remus stutzen. Er selbst war seit ihrem Gespräch im Wald nach ihrem Besuch in Oxford nicht mehr in Severus' Räumen gewesen, hatte kaum ein Wort mehr mit ihm gewechselt. Severus hatte sich von ihm unter den Bäumen verabschiedet, und Remus hatte stumm genickt und alles geschehen lassen. Manchmal verfluchte er seine Passivität.
Diese Gedanken waren es, die durch seinen Kopf wanderten während er Severus' Wohnzimmer betrat. Er erwartete Staub, natürlich, aber Staub auf Spuren von leichter Unordnung und Zeichen alltäglichen Lebens. Eine erkaltete Teekanne, vielleicht, einige Bücher. Sicher war die Decke über dem Sofa zerknäult, denn Severus schlief oft dort, wenn Remus nicht da war.
Womit Remus aber nicht gerechnet hatte war die Leere. Staub war dort, allerdings, aber er lag auf einem verlassenen Ort. Severus' Wohnzimmer war nicht aufgeräumt, es war ausgeräumt. Die Möbel waren alle noch da, aber sonst fehlte praktisch alles. Die Bilder an der Wand, die Kunstgegenstände in den Regalen, Whiskeykaraffee, Teekanne, Decke, es war nichts zu sehen. Der Kaminsims war leer. Jetzt neugierig ging Remus weiter ins Arbeitszimmer, wo sonst der Schreibtisch und die überquellenden Regale waren. Dort war die Leere viel weniger auffällig, aber auch prägnant. Die Regale, sonst vollgestopft, waren merklich leerer geworden. Gänzlich ausgeräumt war das Fach mit den Notizbüchern. Langsam ging Remus die Regale entlang. Es fehlten immer wieder einzelne Ausgaben und völlig die Abteilung mit Schriften zur schwarzen Magie. Der Schreibtisch war fast leer. Vermutlich lagerten die Schüleressays und Klassenarbeiten in Severus' Büro in den Kerkern, wo jeder sie einfach hinausholen konnte. Die Passwörter zu den Büros waren immer allen Lehrern bekannt, so dass untereinander schnell Dinge weitergereicht werden konnten. Die privaten Räume einzelner waren hingegen etwas wirklich verstecktes, geschützte Rückzugsräume, in die man nicht ohne Einladung hineinging.
Nach einem Streifzug entlang der Regale, bei der Remus nach und nach fehlende Titel rekonstruierte oder auch nur registrierte, das ein Buch fehlte, ging er zum Schreibtisch. Dort lag ein einzelner Bleistift neben drei Notizbüchern, die aufeinandergestapelt und mit einer Schnur ordentlich verschnürt waren. Sonst war nichts zu sehen, keine Stifte, Zettel, und auch keine Spur von der Remus mittlerweile vertrauten Scherbe, dem letzten Rest der Computabo Tempus-Sanduhr. Nur diese drei Notizbücher, und darauf ein einzelner Zettel, auf dem in Severus' spitzer Handschrift nur ein Wort stand: Remus.
Das es die drei Konzeptbücher für den Wolfsbann waren wusste Remus, ohne sie anzusehen. Er kannte die beiden schweren Bände, die blindgeprägten römischen Zahlen in den Buchrücken, und das kleinere Buch mit der Reinschrift. Er wusste, was ihn darin erwartete. Albus hatte Severus die Bücher nach ihrem leicht wahnsinnigen Wolfsbann-Abenteuer im letzten Sommer wiedergegeben, und Severus hatte sie kommentarlos wieder an ihre gewohnten Plätze im Regal versorgt. Dort hatten sie gestanden, und nur wenn Severus selbst Wolfsbann braute nahm er das kleinere der Bücher mit ins Labor und versicherte sich, das sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen hatte. Und jetzt waren sie hier, zusammengeschnürt, an Remus adressiert. Das kleine Stück Papier zitterte etwas in Remus' Hand. Severus hatte gewusst, das er kommen würde. Hatte sonst jemand das Passwort? Wahrscheinlich nicht. Wie genau Severus' Schutzzauber funktionierten wusste Remus nicht, und auch Albus hatte nur erwähnt, das es eine komplizierte Ansammlung von einzelnen Zaubern war. Nach all dem, was Remus mittlerweile über Severus magische Kreativität wusste, würde es eine Weile dauern sie zu knacken. Aber er selbst war noch hereingekommen, die Tür war geradezu aufgeschwungen, wie eine Einladung. Und die Bücher waren an ihn adressiert. Unwillkürlich legte er den Zettel mit seinem Namen darauf wieder auf den Schreibtisch, als wäre das Papier heiß und könnte ihn verbrennen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Um sich abzulenken warf Remus einen kurzen Blick ins Schlafzimmer. Auch dort nichts als Staub: ein gemachtes Bett, glatte Oberflächen, keine Spuren von Leben. Die schwarze Lackkiste auf der Kommode, in der Severus immer seine Maske aufbewahrt hatte, war fort Jetzt zunehmend frustriert wand Remus sich zu gehen, als er aus dem Augenwinkel etwas auf dem Nachttisch liegen sah. Dort tickte immer noch unverdrossen der Muggelwecker vor sich hin, vor ihm ein Buch, und darauf, weich glänzend, der goldene Ring mit dem gravierten Onyx.
Wie angewurzelt blieb Remus stehen. Die anderen Räume sprachen eine gründliche Sprache: Severus hatte Zeit gehabt, um seine Flucht vorzubereiten. Persönliche Gegenstände waren verschwunden, ausgeräumt. Alles was ihm etwas bedeutete war nicht mehr da. Er hatte also gewusst, dass etwas passieren würde. Das er fliehen müsste. Wohin hatte er alles geschickt? Wahrscheinlich stapelte es sich in den düsteren Fluren von Raven Hall. Aber das Schlafzimmer sprach eine andere Sprache. Severus hatte gewusst, das etwas passieren würde - aber er hatte nicht an diesem Tag damit gerechnet. Sonst hätte er nicht seinen Siegelring zurückgelassen. Remus erinnerte sich an die Szene in Severus' Erinnerungen, in der Valerius Malfoy ihm den Ring übergeben hatte. Der Ring symbolisierte Macht, eine Vorrangstellung in der Gesellschaft. Familienstolz und Geschichte. Severus hatte keine Zeit mehr gehabt, noch einmal in seine Räume zu gehen. Hatte er sich darüber geärgert? Vermisste er seinen Ring?
Nachdenklich umrundete Remus das große Bett, trat an den Nachttisch und hob den Ring von seiner Platz auf dem Buch an. Es lag schon etwas Staub auf dem Titelblatt, und Remus registrierte nur, das es sich um eine Essay-Sammlung handelte. Der Ring war schwerer als er aussah, aber weich und seltsam warm. Als wäre er ein lebendiges Artefakt. Blitzartig dachte Remus an den verfluchten Ring Marvolo Gaunts, der Albus seine Hand gekostet hatte. Lag auf diesem Ring auch irgendein Zauber? Schnell überlegte er den Ring wieder abzulegen, aber wenn er darüber nachdachte wurde ihm klar, das ein Abwehrfluch ihn wahrscheinlich schon längst erwischt hätte. Ein schneller Zauber zeigte, das zumindest keine Schutzzauber oder Abwehrflüche auf dem Ring zu liegen schienen. Nur ein kurzes magische Prickeln war die Antwort auf Remus' lautlosen Spruch, und es wirkte für Remus nicht wie eine Verwünschung oder ein absichtlich platzierter Zauber. Vielmehr meinte er Überreste von Severus' eigener Magie zu spüren, die auf Remus' Zauber reagierten.
Stumm sah er den Ring eine ganze Weile an. In ihm schienen sämtliche Gefühle gleichzeitig miteinander zu streiten, was am Ende nur dazu führte, das Remus gar nichts mehr genaues zu spüren schien. Geradezu unachtsam steckte er den Ring in seine Hosetasche, nahm die Konzeptbücher vom Schreibtisch und verließ Severus' Räume. Hinter ihm erloschen die Lichter. Er sah sich nicht um.
In seinen eigenen Räumen angekommen legte er die Konzeptbücher auf eines seiner Regalbretter, den Ring in seine Schreibtischschublade und versuchte an nichts mehr zu denken. Aber es gelang ihm nur spärlich.
Am nächsten Tag beerdigten sie Albus Dumbledore. Mit vereinten Kräften hatten sie die Zeremonie organisiert, aber das am Ende tatsächlich alles einigermaßen funktionierte erschien Remus wie ein Wunder. Der Strom an Menschen und magischen Kreaturen schien nicht abzureißen. Jeder wollte seinen Respekt erweisen, und es erschien Remus, als hätten noch nie so viele Wesen gleichzeitig das weitläufige Gelände der Schule bevölkert. Neben Minerva stand er weit vorne und sah der schier endlosen Schlange zu, die an dem frischen Marmorgrab vorbeizog. Schüler, Eltern, Auroren, Zeitungsjournalisten, bekannte Gesichter aus Diagon Alley, berühmte und weniger berühmte Persönlichkeiten, Zentauren, Geister, die Reihe wollte kein Ende nehmen. Remus erkannte viele, manche nur aus der Zeitung. Andreas Libavius zog in dunkelblauen Roben am Sarkopharg vorbei und vollführte genauso wie alle anderen Mitglieder der Zunft der Tränkemeister eine seltsame Handbewegung mit Verbeugung vor dem Grab. Die Zunft hatte mit Albus ihren regierenden Vorsitzenden verloren - noch eine Gruppe, die plötzlich ohne ihren Kopf dastand. Für einen Moment schoss die Frage durch Remus' Kopf, wie Libavius mit der Nachricht klarkam, dass ausgerechnet sein langjähriger Freund Albus getötet hatte. Sein freundliches Gesicht war in tiefe Trauer gelegt. Dennoch nickte er Remus zu als er an ihm vorbeikam. Aber sie sprachen nicht miteinander.
Ganz am Ende der Schlange kamen die Neugierigen, oder jedenfalls nannte Remus sie so. Zauberer und Hexen die niemand persönlich kannte, und die vielleicht nur vor Ort waren, um einen Blick auf das Schloss und die prominente Trauergemeinde zu werfen. Oder vielleicht auch, weil sie Albus gekannt hatten. Aber gerade fielen milde Urteile Remus nicht leicht. Teilweise in schäbigen Roben paradierten auch sie am Sarkophag vorbei.
Als schließlich das letzte willkürlich zusammengesetzte Grüppchen am Grab vorbeigezogen war Remus nur noch erleichtert darüber, dass es endlich vorbei war. Aber es dauerte noch weitere Stunden, bis schließlich alle wieder fort waren. In der kleinen Runde des innersten Kreises des Ordens saßen sie schließlich abends völlig erschöpft bei einem kleinen Dinner zusammen. Selbst die Weasleys waren seltsam still. Arthur unterhielt sich intensiv mit Minerva, aber Remus hörte nicht zu, obwohl er direkt neben der neuen Direktorin saß.
Erst mit dem Nachtisch lockerte sich die Stimmung etwas auf. Mit dem Dessertwein, dick wie Honig und süß, stand Minerva auf. Sie hob ihren Kelch und sah in die Runde. "Ich danke Euch allen sehr für Euer Kommen. Es hätte Albus gefallen uns alle hier versammelt zu sehen. Trinken wir also auf ihn, auf seine Erinnerung. Auf das Licht im Dunkeln, das wir niemals vergessen sollten. Auf Albus!" Sie hob den Kelch, und wie eine Person standen alle auf und folgten ihrem Vorbild. "Auf Albus!" Vielstimmig erklang der Spruch, und ihre Kelche und Gläser klirrten aneinander. Aus dem Augenwinkel sah Remus wie Molly sich eine Träne aus den Augen wischte und ihre Hand auf die Schulter von Ginny legte, die ihr am nächsten saß. Mit dem süßen Wein schluckte er seine eigenen Tränen hinunter.
Am nächsten Tag begann er zu packen. Er hatte wenig, aber auch wenig war mehr als er gedacht hatte. Was brauchte er? Nicht viel. Die Rudel lebten wild, ohne Besitz. Er würde nur auffallen, wenn er Dinge mitnahm. Noch vor dem Mittagessen sprach er mit Minerva und legte ihr seine Pläne offen. Sie diskutierten so lange, das es schließlich später Nachmittag wurde. Am Ende waren sie sich einig. Remus sollte seine Räume in Hogwarts vorerst behalten, denn Platz war im Schloss ohnehin genug. Seine Arbeit für den Orden würde ausreichend bezahlt werden, aber ein Umzug war viel zu zeitaufwändig. Und sie waren sich darüber einige, dass Zeit keines ihrer zahlreichen Güter war. Remus würde immer wieder nach Hogwarts zurückkehren und Minerva berichten, und ansonsten wenn er könnte an den Versammlungen des Ordens teilnehmen. Schließlich danke Minerva ihm für seinen Einsatz und erklärte noch, für wie wichtig sie sein Engagement hielt. Während Remus die Treppen zu seinen Räumen hinunterging registrierte er, wie sehr Minerva schon Albus' Rolle übernommen hatte - mit mehr von ihrer typischen Strenge und Bestimmtheit, aber kaum weniger Wärme.
Den Rest des Tages packte er, gelegentlich mit der Gesellschaft von Sirius. Stillschweigend hatten sie sich wieder versöhnt. Es gab auch keinen Sinn darin zu streiten, und Remus war viel zu erschöpft, um auf Prinzipien herumzureiten.
Schließlich wurde es spätabends, und Remus war fertig. Am nächsten Tag würde er direkt von Hogwarts nach Norden apparieren. Seine Wohnung war säuberlich aufgeräumt, und alles Nötige gepackt. Aber an Schlaf war nicht zu denken, und so brach Remus zu dem auf, was er vorerst für einen seiner letzten Rundgänge durch Hogwarts hielt.
Aber er kam nicht weit. Auf der Treppe begegnete er Minerva, die von oben die Stufen hinuntergerannt kam. Untypisch aufgeregt und etwas außer Atem stoppte sie direkt vor ihm ab. "Remus, gut das ich Dich finde, ich habe Dich gesucht. Komm bitte mit, ich muss Dir unbedingt - Albus hat - und Severus - ich kann es Dir gar nicht erklären." Ohne abzuwarten packte sie den völlig verblüfften Remus am Arm, und zog ihn die Treppen hinauf. Gemeinsam eilten sie durch die Gänge bis zu Albus' Büro, das Minerva genauso wie es war übernommen hatte.
Auf dem großen Schreibtisch stand eine Kiste, in der Remus einige Phiolen erkannte. Er wusste sofort, was darin war. Die kleinen Glasgefäße hatte er schon oft gesehen, und nur das die darin herumwirbelnde Flüssigkeit lila glitzerte unterschied sie von denen, die ihm nur zu gut bekannt waren. Das Denkarium daneben war größer als das von Severus, etwas feiner gearbeitet, und aus hellerem Stein.
"Heute Nachmittag war ich kurz nicht im Büro, und als ich wiederkam ging plötzlich eine Schreibtischschublade von selbst auf, und diese Kiste stand darin. Natürlich habe ich sie sofort aufgemacht. Scheint mir ein zeitcodierter Zauber oder so was gewesen zu sein, das habe ich noch nicht herausgebracht. In der Kiste waren Phiolen, teilweise adressiert. Die meisten davon waren an mich adressiert, und eine auch an Dich. Remus, es sind Albus Erinnerungen." Stumm trat Remus näher an den Schreibtisch. Neben der Kiste stand eine Phiole mit einem kleinen Zettel daran, auf das in Albus' fein säuberlicher Schrift "Minerva und Remus" stand.
Remus war verwirrt. "Hast Du Dir schon einiges angesehen?" Minerva nickte. "Ja, drei Stück. Die ersten zwei waren hauptsächlich mit Ordensdingen gefüllt, nützlich für die Zukunft. Aber die dritte, Remus, die dritte war mit der zusammengebunden, die Du gerade in der Hand hast." Remus nahm die an sie beide adressierte Phiole in den Fingern und sah zu, wie die lilafarbige Flüssigkeit im Glas schwappte und goldene Sterne darin glitzerten. Albus war ein extravaganter Mann gewesen, das würde niemand je leugnen.
"Remus!" Minervas Stimme klang dicht neben seinem Ohr. "Diese Erinnerung - sie zeigen die letzten Gespräche zwischen Albus und Severus." Verblüfft sah Remus auf. "Was? Wann war das?" Minerva ging einmal um den Schreibtisch herum. "Wenige Wochen bevor Severus - " sie verstummte kurz " - bevor das Unglück auf dem Astronomieturm. Merlin, man sollte Dinge aussprechen! Also, wenige Wochen bevor Severus ihn getötet hat. Aber Remus, wenn das stimmt was ich gerade gesehen habe, dann ist alles ganz anders. Ich verstehe es noch nicht wirklich." Remus blinzelte verwirrt. Dann begannen die Puzzelteile in seinem Kopf langsam zusammenzurücken. "Ich weiß welches Datum Du meinst. Albus und Severus haben miteinander gesprochen, lange, und Severus war danach völlig schockiert. Es war ein Sonntag, ab Mittags - kann das dieses Gespräch gewesen sein?" Minerva dachte kurz nach und nickte dann. "Das würde passen."
Remus hielt die zweite Phiole hoch. "Und was ist hier drin?" Minerva zuckte die Schultern und rückte das Denkarium zurecht. "Keine Ahnung, ich habe sie mir noch nicht angesehen. Schließlich ist sie an uns beide adressiert." Remus folgte ihr um den Schreibtisch. "Dann sollten wir sie einen Blick darauf werfen." Er entkorkte die Phiole, und die glitzernde Flüssigkeit floss ins Denkarium.
Sekunden später stand er mit Minerva an genau der gleichen Stelle wie vorher. Aber vor den Fenstern schien die Sonne, und hinter dem Schreibtisch saß Albus, quicklebendig und in Arbeit vertieft. Es war gerade erst Mittag, und Albus besonders bunte Roben wiesen darauf hin, das es Sonntag sein musste. Auf der Stange hinter dem Schreibtisch schlief Fawkes. Ohne es kontrollieren zu können spürte Remus einen Kloß im Hals. Das Denkarium war Fluch und Segen zugleich, das hatte Severus einmal gesagt - und er hatte Recht gehabt. Albus so zu sehen und zu wissen das er ihn niemals wieder sehen würde schmerzte Remus. Minerva neben ihm war äußerlich ruhiger, aber sie hatte auch schon einige Erinnerungen angesehen.
Einen kurzen Moment sahen sie Albus nur bei der Arbeit zu, und gerade als Remus sich fragend zu Minerva wand klang ein Klopfen durch den Raum. Albus sah von seiner Arbeit auf, legte den Kopf schief und lächelte dann. Fawkes schüttelte sich nur kurz.
Sekunden später erschien Severus im Türrahmen. Er trug eine schwarze Robe übergeworfen, was eindeutig dafür sprach, das er gerade nicht unterrichtet hatte. Remus spürte, wie Minerva neben ihm seufzte. "Ich denke, das hier ist die Fortsetzung zu dem Gespräch, das ich vorhin gesehen habe." Remus wusste nicht, wovon sie sprach und sah sie nur von der Seite an. Aber sie wies auf den Raum. "Ich denke, Du wirst es gleich sehen."
In der Zwischenzeit war Severus in den Raum getreten. "Guten Tag." Albus lächelte ihn an. "Meine Güte, das Du immer so förmlich bist. Guten Tag, Professor." Unwillkürlich musste Severus lächeln, wurde aber sofort wieder ernst und durchquerte den Raum, bis er vor dem Schreibtisch ankam. "Bitte, mach es Dir gemütlich." Albus wies auf einen der Besucherstühle vor dem Schreibtisch. Severus nickte, und tippte kurz auf den Kragen seiner Robe. "Ich darf?" Albus lachte. "Selbstverständlich. Du weißt das ich deine schwarzen Stoffmassen für völlig übertrieben halte."
Severus schüttelte nur den Kopf und ließ dann die schwere Robe von seinen Schultern gleiten. Darunter trug er wie so oft Weste und Hemd, wie immer mit schwarzen Hosen und trotz der Wärme schwarzen Stiefeln. Sorgfältig drapierte er seine Robe über dem anderen Besucherstuhl, öffnete dann geschickt die Manschetten über seinen Handgelenken und krempelte die Ärmel bis zum Ellenbogen hinauf. Darunter zum Vorschein kamen nicht nur das Schwarze Mal eingebrannt über seinem linken Handgelenk sondern auch die zahllosen anderen Narben, die sich über seine Unterarme zogen. Aus dem Ärmel seiner Robe rief er mit einer Handbewegung seinen Zauberstab, den er auf dem Schreibtisch platzierte. Die Spitze zeigte auf ihn selbst. Dann ließ er sich in den Besucherstuhl fallen, schlug die Beine übereinander und sah Albus herausfordernd an.
Der reagierte entsprechend. Aus dem Nichts erschein sein elegant verzierter Zauberstab in Albus Hand, und er legte ihn auf den Schreibtisch neben den von Severus', die Spitze auf sich selbst gerichtet. Remus betrachtete das Geschehen interessiert. "Das ist eine Symbolik die ich nicht verstehe, oder?" Minerva nickte kurz angebunden. "Ein Verhandlungsgestus, man legt seine Waffen ab und so. Eigentlich eher veraltet. Vielleicht war das ein Ritual zwischen den beiden."
Währenddessen sah Severus amüsiert bis spöttisch auf Albus, wobei ein Hauch von Erschöpfung seine Züge nicht verließ. Dann blinzelte er einmal, und sein Aussehensveränderungszauber löste sich auf. Minerva seufzte. "Grässlich sieht er aus, wirklich." Offensichtlich kannte Albus auch dieses Spiel bereits, und ohne zu zögern legte er seine beiden Hände vor sich auf die Schreibtischplatte. Kurz schien die Luft um ihn zu flirren, und als der Impuls vorbei war der Zauber gefallen, der seine schwarze Hand in den letzten Wochen vor den Blicken der Schüler verborgen hatte. Gleichzeitig war in seine Gesichtszüge ein Schatten von Müdigkeit eingegraben, und er sah merklich dünner und wesentlich älter aus als vorher. Remus hatte keine Ahnung gehabt, das auch Albus sich unter Schichten von Zaubern verbarg, und Minervas scharfem Einatmen neben sich schloss er, das auch sie keine Ahnung gehabt hatte. "Hast Du das gewusst?" Sie sah Remus nicht an, ihren Blick fest auf Albus fixiert. Remus schüttelte nur den Kopf, denn Albus hatte zu sprechen begonnen.
"Du bist also wiedergekommen. Verhandeln wir. Hast Du über alles gründlich nachgedacht?" Severus nickte. "Ich hatte genügend Zeit über deine Forderung nachzudenken." Albus stützte die Ellbogen auf seinen Schreibtisch und sah Severus über seine halbmondförmigen Brillengläser an. Er lächelte immer noch. "Forderung nennst Du das?" Severus schnaubte. "Wenn jemand auf mich zukommt und mir Beihilfe zum Selbstmord anträgt nenne ich das Forderung, ja."
Remus stockte der Atem, aber bevor er etwas sagen konnte sprach Albus weiter. "Ich habe Dich gebeten mich zu töten, als Beihilfe zum Selbstmord - " Aber Severus unterbrach ihn. "Sehen wir der Sache doch offen ins Gesicht. Der Fluch des Rings frisst Dich auf, und Merlin weiß was Du in dieser Höhle vorhast. Du willst nicht langsam sterben, das hast Du letzte Woche gesagt, und wenn der Plan Draco Malfoys wirklich aufgeht wäre es die ideale Tarnung. Ich soll Dich töten, so hast Du es formuliert, weil es nützlich für meine Tarnung ist und Dir einen potentiellen qualvollen Tod erspart. Das, Albus, nenne ich Beihilfe zum Selbstmord."
Albus schloss den Mund wieder. "Wenn Du es so nennen willst." Severus lehnte sich im Stuhl zurück. "So sieht es aus. Bevor ich Dir aber mein Einverständnis gebe habe ich Fragen, viele davon, und Du wirst sie mir beantworten." Der Spott war aus seinem Gesicht gewichen, aber er sah nicht so aus, als ob er mit Phrasen abzuspeisen wäre. Albus sah ihn weiter an und nickte dann. "Ich verstehe. Nichts als die Wahrheit, wie war das? Felix qui potuit rerum cognoscere causas, hm?"
"Glücklich wer die Dinge versteht, würde ich eher sagen. Von den Ursachen brauchen wir erst gar nicht anzufangen. Und was ist schon Wahrheit. Aber für philosophische Diskurse haben wir keine Zeit mehr." Albus sah kurz ins Nichts, und nickte dann. Auch er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Dann frag."
Severus stützte die Ellbogen auf die Stuhllehne auf. "Warum ich?"
"Willst Du die technischen oder die praktischen Gründe?"
"Beide."
"Die praktischen habe ich Dir schon aufgezählt. Ich sterbe, das zumindest mir klar, und wird es euch auch bald sein. Draco Malfoy ist damit beauftragt worden mich zu töten, und eine Gelegenheit dazu wird sich schon ergeben. Wenn Du es aber tust wird erstens mir ein, wie Du es pragmatisch nennst potentiell qualvoller Tod erspart, Draco Malfoy muss sich nicht ewig Vorwürfe machen, und Du wirst ohne Zweifel weiter in Tom Riddles Kreisen aufsteigen. Das sollte Dir etwas mehr Zeit geben als Du gerade hast. Außerdem wird es Dinge beschleunigen, die schneller passieren müssen."
Severus hörte aufmerksam zu. "Und weiter?"
"Ah, meine technischen Gründe. Nun ja, ich bin genauso feige wie jeder andere Mensch auch. Wenn ich schon sterben muss, und das muss ich, soll es wenigstens einigermaßen schnell und schmerzfrei sein. Ich habe schon so viele sterben sehen, und ein sauberer und mit ausreichend Energie ausgeführter Avada erscheint mir nach wie vor als die effektivste Methode. Allerdings braucht alles im Leben Übung, und dazu gehört auch das Töten. Ich weiß das Du es kannst. Das ist alles."
Albus lächelte nicht.
"Ist das ein verstecktes Kompliment?"
"Nein, eher eine Feststellung. Aber wenn Du möchtest darfst Du dich geehrt fühlen."
Ohne gleich zu antworten hob Severus eine Augenbraue. "Zumindest hat bis jetzt noch niemand meine Fähigkeit zu morden besonders hervorgehoben. Ich werde daran denken wenn ich selbst getötet werde."
"Denkst Du das wird bald der Fall sein?"
"Bist Du verrückt? Natürlich. Der gesamte Orden und die wenigen Teile des Ministeriums, die noch nicht von Death Eatern unterwandert sind werden meinen Kopf auf einem Silbertablett fordern. Den Teil 'oder Lebendig' werden sie sich im Steckbrief gleich sparen. Du denkst nicht wirklich ich könnte Dich einfach töten und dann hier herausspazieren? Effektiv ist das eine Selbstmordmission."
Nachdenklich sah Albus auf seine Fingerspitzen. "Daran hatte ich zugegebenermaßen nicht gedacht."
"Daran hattest Du nicht gedacht? Ist das dein Ernst? Wie viel von Dir hat der Ring schon zerfressen?"
"Meine geistigen Fähigkeiten scheinen noch unangetastet, danke für die Nachfrage." Er klang zerknirscht.
"Das freut mich zu hören. Albus, Du hast geglaubt, es würde sich ein schöner Moment ergeben während dem ich Dich vor Zeugen töten kann, und danach könnte ich mich einfach umdrehen und vielleicht noch pfeifend durch das Portal spazieren und in der Dämmerung verschwinden? Vielleicht noch vorher meine Koffer packen? Und Abends mich in London mit Remus zum Dinner treffen?"
Jetzt war es an Albus die Augen zu verdrehen. "Kein Grund schnippisch zu werden. Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es wird sich schon orchestrieren lassen, überlass' das nur mir."
"Mit Vergnügen, und lass' mir meinen Sarkasmus, was habe ich sonst noch schönes im Leben."
"Zumindest musst Du dich bald nicht mehr mit mir herumschlagen."
Severus sah wenig überzeugt aus. "Was für ein Trost." Dann wurde er ernst. "Ich habe noch nicht gesagt das ich es tue."
"Nein, aber das wirst Du gleich."
"Mir bleibt nicht viel übrig, wenn man es genau betrachtet. Ich könnte mich weigern, und Merlin, ich würde es gerne. Aber was nützte es? Du hast Recht wenn Du sagst das Dinge beschleunigt werden müssen. Wenn es so geschieht wie Du es voraussagst wird der Orden sich der Wirklichkeit stellen müssen, erkennen müssen das ihnen Schlachtfelder bevorstehen und keine Scharmützel. Die Ernsthaftigkeit der Lage wird immer noch geleugnet, und nicht zuletzt auch von Dir. Am Ende ist das Ergebnis also wünschenswert. Aber der Weg dahin gefällt mir nicht."
Logik, kühle, vertrauensschaffende Logik. Es erstaunte Remus, wie geordnet Severus alles durchdacht hatte. Und das obwohl er nur eine Woche vorher auf dem Astronomieturm nahe am Rande der Panik gewesen war. Was Remus jetzt, nachdem er zumindest ahnte was damals in Albus' Büro passiert war, verstehen konnte. Wie würde er reagieren, wenn jemand dem er so sehr vertraute wie Severus es gegenüber Albus tat, ihn zu sich bestellte und aufforderte zu töten? Wahrscheinlich erheblich heftiger als Severus es an diesem Abend getan hatte.
Einen kurzen Moment sagte niemand etwas. Albus sah Severus nur an, nachdenklich, und ein wenig traurig. "Nachdem Du dich letzte Woche sehr standhaft geweigert hast scheinst Du aber über die Sache gründlich nachgedacht zu haben. Ich weiß, was ich da von Dir fordere."
"Wirklich?" Severus lehnte sich ein wenig vor. "Ich glaube nicht. Weiß Du es wirklich? Ich verstehe das Du Angst vor dem elendigen Verrecken hast, glaub mir, ich verstehe Dich sehr genau" Er machte eine sehr kurze Pause und Remus dachte daran, dass 'elendiges Verrecken' wahrscheinlich genau der Tod war, der Severus immer vor Augen gestanden hatte. Dann sprach Severus weiter. "Und ich sehe deine Logik durchaus und halte sie für nachvollziehbar. Von diesem Standpunkt aus macht alles Sinn, und Impuls und Wirkung scheinen sich nützlich für die zukünftige Entwicklung der Dinge zu gestalten. Quod erat demonstrandum. Aber das ist alles nur die halbe Wahrheit."
Er machte wieder eine kurze Pause, als müsste er seine Worte kurz durchdenken. "Ich habe Dir jetzt schon viele Jahre für meine Verhältnisse erstaunlich loyal zugearbeitet. Und Gehorsam gehört wirklich nicht zu meinen herausragenden Eigenschaften." Unwillkürlich grinste Remus und hörte weiter zu. "Wenn Du etwas verlangst hast habe ich Wege gefunden es möglich zu machen. Das hat meistens gut funktioniert. Das könnte auch diesmal funktionieren. Aber Du vergisst einen sehr entscheidenden Punkt, den ich aber leider sehr deutlich vor Augen sehe."
Albus' Neugier war jetzt deutlich sichtbar. "Was habe ich übersehen?"
Wieder lehnte Severus sich zurück. "Als ich zu Dir gekommen bin, vor erstaunlich vielen Jahren, hatte ich keine Idee von irgendeiner Zukunft oder Anspruch auf eine. Du hast sehr viel Aufwand betrieben um mir beides zumindest vor Augen zu führen. Das es im Endeffekt nicht eintreten wird ist ein Fehler im System und nicht deine Schuld. Hoffnung habe ich mir nie gemacht. Das ich den letzten Winter überlebe schien mir noch im Sommer völlig unmöglich. Du und andere haben viel getan, damit es so ist. Wenn ich deiner Bitte entspreche und Dich töte wird sich alles das in Luft auflösen. Das ist für Dich und die Logik der Handlungen unbedeutend, natürlich. Und warum sollte ich ausgerechnet jetzt Anspruch auf eine Form von Zukunft entwickeln? Das ist vermessen, eitel und gefährlich dumm. Ich tue es nicht. Am Ende spielt es keine Rolle ob ich lebe oder nicht." Wieder machte Severus eine kurze Pause. "Was ich mit diesem Monolog sagen will ist das mir die Ausführung deines Auftrags erheblich leichter fallen würde wenn ich weniger Gründe hätte es nicht zu tun."
Neben Remus schüttelte Minerva nur langsam den Kopf. "Es ist grausam, aber es macht soviel Sinn." Remus nickte nur stumm.
Die ganze Zeit über sah Albus Severus nur an. Dann nickte er. "Ich weiß was Du meinst. Remus?"
Kurz fühlte Remus sich angesprochen, und auch Minerva sah zu ihm. Aber er zuckte nur die Schulter und konzentrierte sich wieder auf das Geschehen vor sich.
"Zum Beispiel. Deine Fähigkeiten der Vorhersehung sind bloß ein Mythos, auch das ist mir klar, aber es fällt mir doch etwas schwer Dich nicht anzuklagen. Du hast schon lange geahnt das dieser Moment kommen wird, Albus. Warum hast Du zugelassen das zwischen Remus und mir auch nur irgendetwas passiert? Das hätte nicht sein dürfen. Es hätte ihm einiges erspart."
Seufzend legte Albus wieder die Hände auf den Tisch. "Aber es war so richtig. Und wichtig, für euch beide. Selbst ich hätte im Sommer nicht gedacht das ich Dich durch den Winter bekomme. Mein Gott, Du sahst schon tot aus, in diesem Bett auf der Krankenstation. Und diese unglaublich kreativ-bescheuerte Idee mit dem an den Legilimens gekoppelten Verwandlungszauber - entweder hätten man Dich versohlen oder Dir einen Preis verleihen müssen. Du hättest Dich durchaus damit ins Jenseits befördern können. Und dann kam Remus, und schau Dich an, Du bist noch da."
"Wunderbar, gerade fit genug um Dich umzubringen." Die Bitterkeit troff geradezu aus Severus' Stimme. Remus hörte auch die Verletzung dahinter.
"Sei nicht albern."
"Ich bin es nicht, ich meine das ernst. Alle werden sich verraten fühlen, aber für Remus ist es ein doppelter Verrat. Der Orden kann es sich nicht leisten ihn zu verprellen."
"Trotzdem kann er nichts von unseren Gesprächen erfahren." Albus sprach eindringlich und sah Severus direkt an.
"Ich verbitte mir Zweifel an meiner Diskretion. Ich wäre längst tot, wenn ich Dinge ausplaudern würde. Was vielleicht nicht von Nachteil wäre."
"Severus!"
"Tu nicht erschreckt, Du schickst mich gerade auf eine Kamikaze-Mission. Du hast meinen Tod lange eingeplant, und weder Du noch ich haben darüber Illusionen. Ich weiß das Du dich seltsamerweise um mich sorgst. Es ehrt mich, und es verschafft Dir im Gegenzug wenig Ehre von anderen. Ein interessanter Mechanismus, übrigens, der geradezu Selbstlosigkeit impliziert. Wie dem auch sei, sei Dir im Klaren das Du von mir verlangst, was ich nicht tun will. Ich hänge an wenig in dieser Welt, aber doch an mehr als ich gerne zuzugeben bereit bin."
Sie schwiegen für einen Moment beide. Dann sprach Severus weiter. "Lass' es mich also deutlich formulieren. Du verlangst von mir das ich den einen Menschen, an dem mir etwas liegt, töte, und den anderen in völliger Ungewissheit verlasse. Das zweite wird mir schwerfallen, das erste erscheint mir unmöglich. Bei beidem weiß ich nicht ob ich es tun kann."
Wieder herrschte einen Moment Stille. Albus sah Severus mit tiefer Traurigkeit im Blick an, aber Severus hatte den Blick gesenkt und sah auf seine unruhigen Hände, die auf seinen Knien lagen. Als er den Blick wieder hob schien er erstaunlich sanft und melancholisch.
"Aber ich kann Dir sagen das ich es tun werde wenn es nötig ist."
Remus spürte einen merklichen Kloß im Hals, und neben sich hörte er Minerva seufzen. "Ich weiß nicht was schlimmer ist - das er es getan hat, oder das er es wirklich nicht wollte." Remus schluckte einmal, in der Hoffnung, dass sich der Kloß dann auflösen würde. Er wollte antworten, aber wieder sprach Albus.
"Ich weiß es zu schätzen."
Severus seufzte und verbannte die Emotionen aus seinem Gesicht. "Das sagst Du jetzt, warte ab bis es soweit ist. Was ist wenn Du es Dir anders überlegst?"
"Wie oft hast Du Dir schon zu sterben vorgestellt?" Nachdenklich strich Albus sich über den Bart und beobachtete Severus ihm gegenüber weiter gründlich. Der brauchte einen Moment, bis er seine Rechnung vollendet hatte. "Oft. Jeden Tag. Meist verbunden mit Hoffnung."
"Wann das erste Mal?"
Kritisch legte Severus die Stirn in Falten. "Sind das die Fragen die Du mir schon immer mal stellen wolltest? Als ich dreizehn war, denke ich. Vorher habe ich mir immer gewünscht nicht da zu sein, aber aktiv an Selbstmord gedacht hatte ich nicht. Zu jung, denke ich. Kinder wollen nicht existieren, aber aktiv ihr Leben zu beenden ist noch nicht in ihrem Verstehenshorizont."
"Mit dreizehn? Merlin."
Severus zuckte die Schultern und wich Albus' Blick aus. "Bitte sag jetzt nicht das Dir das leid tut. Das hatten wir alles schon."
"Dann sage ich Dir etwas anders: das ich oft versagt habe, aber an niemandem so gründlich wie an Dir. Warum vertraust Du mir eigentlich? Ich habe wenig getan um es zu rechtfertigen."
Langsam schien Severus das Gespräch unangenehm zu werden. "Albus, bitte. Du hast getan was Du für richtig und vernünftig gehalten hast, und mehr kann man von keinem Menschen erwarten. Allein das halte ich für einen lobenswerten Ansatz. Außerdem hast Du eine Menge getan um mein Vertrauen, wie Du es nennst, zu rechtfertigen. Du hättest mich damals dem Ministerium überlassen können, Du hättest mich in Azkaban verrotten lassen können. Du hättest mich öffentlich demontieren können. Aber Du hast nichts davon getan, im Gegenteil. Soweit ich meinen Ruf nicht selbst ruiniert habe ist er noch intakt. Du hast mich hierher geholt und mir etwas anständiges zu tun gegeben, vielleicht nicht zum Wohle aller, aber ich klage nicht. Ich weiß selbst, das ich schwierig bin. Manche sind dafür gemacht geliebt zu werden, aber ich bin es nicht. Du kommst damit erstaunlich gut klar. Im Gegenzug habe ich mich bemüht Dir loyal zu bleiben. Das, denke ich, habe ich geschafft. Wir werden nie quitt sein, aber zumindest ein Teil der Schuld ist abbezahlt."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Albus starrte nur Severus an, der offensichtlich im Nachhinein seinen offenen Monolog gerne überarbeiten würde und etwas peinlich berührt zurückschaute. Dann schüttelte Albus sanft den Kopf. "Du schuldest mir nichts. Wie kommst Du darauf?"
"Ich schulde Dir alles was ich habe, und deswegen kann ich auch alles dafür hergeben Dir deine letzte Bitte zu erfüllen."
Albus seufzte. "Wenn ich vorher kein miserables Gewissen Dir gegenüber gehabt hätte, jetzt wäre das sicher der Fall. Hat Dich jemand unter Drogen gesetzt?"
"Todesnähe schafft immer eine gewisse emotionale Instabilität in betroffenen Individuen. Das haben meine langjährigen Beobachtungen bestätigt." Severus schien erleichtert zu sein aus allzu persönlichen Gewässern entkommen zu sein.
"Todesnähe ist sehr treffen formuliert." Albus lächelte, wurde aber sofort wieder ernst. "Wirst Du es mir versprechen?"
Severus seufzte kaum hörbar. "Mit Magie oder ohne?" Albus schüttelte den Kopf und stand auf. "Dein Wort genügt."
Langsam und vorsichtig entknotete Severus seine langen Beine und stand auf. Den Schreibtisch zwischen sich standen sie sich kurz gegenüber, und Albus musterte seinen Spion gründlich. "Das ich nicht mehr auf Dich aufpassen kann macht mir mit am meisten Sorgen." Severus' Augenbraue schossen nach oben.
"Seit wann bist Du meine Gouvernante?"
Albus schnaubte und schüttelte den Kopf. "Wenn ich deine Gouvernante gewesen wäre hättest Du eine etwas andere Erziehung genossen, das kannst Du mir glauben."
"Das glaube ich Dir unbesehen."
Dann streckte Albus seine unversehrte Hand aus, und Severus ergriff sie. "Wirst Du meiner letzten Bitte entsprechen und mich töten, sollte die rechte Gelegenheit sich bieten?"
"Ich gebe Dir mein Wort das ich es werde, und es soll gelten jetzt und für immer."
Für einen winzigen Moment meinte Remus ein winziges magisches Leuchten um ihre Hände zu sehen. Es war kein wirklicher Spruch gewesen, kein unlösbarer Schwur oder dergleichen. Aber irgendwas war passiert, und es hatte die Magiekonsistenz des Raumes ein wenig verändert. Albus und Severus standen sich nach wie vor gegenüber, die Hände verschränkt.
"Pacta sunt servanda." Albus klang traurig, aber irgendwie gleichzeitig erleichtert. Severus sah ihn gerade an. "Pacta sunt servanda."
In diesem Moment fror die Erinnerung ein. Remus blinzelte verblüfft, und wie er es schon unzählige Male erlebt hatte verschwamm plötzlich alles. Als alles wieder klar wurde waren sie immer noch in Albus' Büro. Hinter den großen Fenstern herrschte jetzt Dunkelheit. Albus saß allein an seinem Schreibtisch, und er sah ins Nichts vor sich. Als er zu sprechen begann dauerte es einen Moment bis Remus verstand, das er tatsächlich mit ihnen sprach.
"Minerva, Remus, oder falls jemand anderes diese Erinnerung gefunden hat - Du. Ich habe nur diejenigen Teile der Erinnerung gezeigt, die keine allzu privaten Momente festhalten. Der Rest unseres Gesprächs betrifft nur Severus und mich. Aber jetzt kennt ihr die Wahrheit über die Ereignisse, die Euch sicherlich mit großer Verwirrung erfüllt haben. Lasst Euch mein Wort geben das es notwendig war, auch wenn es Euch momentan nicht so erscheint. Es steht in Eurem Ermessen, das was ihr gerade gesehen habt dem Orden zu kommunizieren, oder nicht. Falls Severus noch lebt überlasse ich es Eurer Diskretion." Albus zögerte einen Moment, seufzte dann, und sprach weiter. "Falls Severus nicht mehr lebt würde ich Euch gerne die Aufgabe erteilen am Ende, wenn alles vorbei ist, hiervon zu erzählen. Er soll nicht als mein Mörder erinnert werden. Dafür hat er zuviel für uns alle getan. Ich danke Euch."
Dann war die Erinnerung vorbei, und Remus saß auf dem Boden neben Albus' Schreibtisch. Auf dem Stuhl neben ihm saß Minerva, auf exakt dem gleichen Stuhl, auf dem in ihrer Erinnerung Albus gesessen hatte. Nichts hatte sich um sie herum verändert, aber die ganze Welt war einmal erschüttert worden. Remus rieb sich seinen Nacken und stand auf.
Mit müden Schritten ging er einmal um den Schreibtisch und ließ sich in den Stuhl fallen, auf dem in der Erinnerung Severus gesessen hatte. Er war sich nicht sicher, was er fühlen sollte oder konnte. Alles was er vorher gedacht hatte war von Albus' Tod erschüttert worden. Dann hatte er sich ein neues Bild zusammengepuzzelt, und jetzt war auch dieses wieder zerfallen. Langsam reichte es ihm dreimal die Woche seine Weltsicht neu zusammensetzen zu müssen.
"Was war in der vorherigen Erinnerung, Minerva? War es das erste Gespräch zwischen ihnen gewesen?"
Minerva nickte. "Ja, eigentlich nur das. Wenn Du willst kannst Du sie Dir auch noch ansehen. Albus hat fast ausschließlich geredet und hat alle Gründe, die dafür sprechen genau dargelegt, fein säuberlich argumentiert. Severus hat eigentlich die ganze Zeit nur wie vom Blitz getroffen stumm in deinem Stuhl gesessen." Sie gestikulierte zu Remus' Stuhl. "Dann hat er bündig erklärt, das er das niemals tun könnte und ist davongerauscht. Hast Du davon nichts mitbekommen?"
"Ich habe mitbekommen das irgendetwas passiert war, das ihn völlig entsetzt hat. Er war für seine Verhältnisse geradezu panisch. Aber er hat alles mit sich selbst ausgemacht. Er konnte ja gar nicht anders." Für einen kurzen Moment war Remus wütend. Warum mussten sie immer alles mit sich selbst klären? Dieses ewige Schweigen führte nur dazu das jeder seine Kämpfe im Stillen ausfechten musste, ohne Hoffnung auf Hilfe von irgendeiner Seite. Und wozu führte das? Schlaflose Nächte, Unsicherheit, und am Ende misstrauten sie einander alle.
"Ich werde noch eine Weile brauchen bis ich das verstehen kann. Severus hat Albus auf sein eigenes Verlangen getötet, das ist so - " Er fand kein ordentliches Ende für seinen Satz, aber Minerva sprang ein. "Absurd?" Remus nickte. "Ja, völlig. Wie kommt er darauf? Logisch macht es natürlich Sinn, aber in allem anderen - und warum zum Teufel hat er uns nichts davon gesagt? Das Severus hier lebend rausgekommen ist war eher unwahrscheinlich."
Minerva legte die Fingerspitzen aneinander. "Er hat uns nichts davon gesagt damit wir uns keine Sorgen machen. Und Severus durfte ja auch nichts sagen. Ihr letzter gemeinsamer Plan zusammen, eine kleine Verschwörung. Sie standen sich immer sehr nahe, aber das weißt Du ja. Aber auch ich wusste nicht, dass Albus ihm dermaßen vertraut. Und das Severus so weit zu gehen bereit war."
Kurz überlegte Remus sich, wie Minerva das übersehen haben konnte. Severus war schon lange bereit gewesen für den Orden zu sterben, und spätestens seit letztem Sommer wusste Remus das genauer als es ihm lieb war.
"Wirst Du es dem Orden sagen? Wie gehen wir damit um?" Minerva betrachtete ihre Fingerspitzen. "Ich weiß es noch nicht. Severus lebt ja noch, jedenfalls habe ich nichts Gegenteiliges gehört. Es wäre vielleicht sinnvoll, dem Orden zumindest die harten Fakten zu kommunizieren. Was passiert, wenn jemand von uns irgendwo auf ihn trifft? Was ist wenn es zu einem offenen Kampf kommen wird? Auf welcher Seite wird er stehen?"
Remus hatte keine Antworten auf ihre Fragen. "Ich habe keine Ahnung." Unwillkürlich gähnte er. "Entschuldige. Es ist spät, und der Tag war lang. Ich habe alles gepackt und breche morgen auf." Für einen Moment sah Minerva ihn traurig an. "Bist Du sicher, das Du das wirklich willst?" Remus nickte, und stemmte sich aus seinem Stuhl nach oben. "Es ist nötig, Du weißt es. Und ich komme ja immer wieder. Hier brauchst Du mich nicht, im Gegenteil. Ein Werwolf ohne Wolfsbann ist ein Risiko." Minerva blieb sitzen. Es dauerte einen Moment, bis Remus wieder daran dachte das es jetzt ja ihr Büro war.
"Danke, Remus. Melde Dich oft, halte den Kontakt aufrecht. Über deine Finanzen haben wir ja schon gesprochen, der Orden unterstützt Dich vollständig. Geh' kein unnützes Risiko ein. Wir brauchen Dich." Remus nickte, und plötzlich schien er sich völlig absurderweise wie in der Rolle, die Severus über so viele Jahre gespielt hatte: ein Spion, der von seinem Auftraggeber ins Feld geschickt wurde. Niemand wusste, ob er zurückkehren würde. In Remus' Adern prickelte ein Hauch von Adrenalin. "Das werde ich. Wir hatten ja schon alles geklärt." Bevor er an der Tür war hielt er noch mal inne. "Ich überlasse es vollkommen Dir, dem Orden mitzuteilen was wir heute gesehen haben. Wenn Du es willst sag ihnen alles. Du wirst den richtigen Zeitpunkt schon finden."
Minerva sah ihn von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch an, und Remus hätte um nichts in der Welt mit ihr tauschen wollten. "Ja, das werde ich. Ich danke Dir. Gute Nacht, Remus. Gute Fahrt morgen. Sei sehr vorsichtig und komm' wieder nach Hause."
Minuten später stieg Remus langsam die dunklen Treppen hinunter. Das Schloss war so leer und ruhig um ihn herum. Es war schon spät, aber an Schlaf war noch nicht zu denken. Ein letztes Mal für lange Zeit wanderte er durch die dunklen Gänge und Räume. Er wusste nicht was auf ihn zukam, aber seine Gedanken kreisten sowieso nur um das, was er in Albus' Erinnerung gesehen hatte. Und dann kamen sie unweigerlich in die Gegenwart zurück. Wo steckte Severus jetzt, falls er noch lebte? Er hatte alle Verbindungen zwischen sich und Hogwarts gekappt, das war deutlich. Jetzt machte auch ihre Verabschiedung im Wald Sinn und das Severus ihn so plötzlich verlassen hatte. Er ging nicht davon aus zu überleben, und es schien ihm wohl klar das Remus ohnehin nichts mehr mit dem Mörder Albus Dumbledores zu tun haben wollte.
Nachdenklich ging Remus an den schweigenden Steinen vorbei. Wollte er? Er wusste es nicht. Aber diese Gedanken schienen ihm sowieso sinnlos. Wie hoch war schließlich die Wahrscheinlichkeit, dass er Severus je lebend wiedersehen würde?
Erst nach Stunden der Wanderung konnte er wieder in seine Räume zurückkehren und ins Bett fallen. Die Nacht war nur noch wenige Stunden lang, und am nächsten Morgen brach er erschöpft, aber bestimmt in seine Mission auf. Als er mit nur einer kleinen Tasche in der Hand am Waldrand ankam und sich ein letztes Mal zum Schloss umdrehte wusste er genau, was er tun musste. Alles andere war nebensächlich.
Vier Monate später kauerte Remus in einer Felsspalte neben einem Hochplateau in den schottischen Highlands. Der Wind pfiff und es war bitterkalt, aber Remus war das Wetter gerade recht. Werwölfe hatten einen guten Geruchssinn, und je wilder der Wind tobte desto geringer war die Gefahr, dass jemand ihn wahrnehmen würde.
Er hatte ein einfaches Ziel: Zusehen und zuhören. Seit Monaten wusste der Orden, das Fenrir Greyback Anweisungen von Voldemorts Leuten empfing. Aber sie wussten nicht, an wen genau er angebunden war. Das Greyback wegen seiner Grausamkeit und Blutgier selbst den Death Eatern unangenehm war hatte Remus aber schon herausgebracht. Er trug kein Schwarzes Mal, und empfing seine Befehle nur selten von Voldemort selbst. Stattdessen traf er eine Kontaktperson regelmäßig irgendwo. Dieses irgendwo war in den letzten Wochen genau dieses Hochplateau gewesen, das Remus nun von seiner Position aus vorsichtig beobachtete. Greyback hatte nur alle paar Wochen Kontakt mit den Death Eatern, und die letzten beiden Male war Remus nicht schnell genug vor Ort gewesen um ohne Risiko einen guten Platz zu bekommen. Er wusste nur, dass Greybacks Kontakt eine Frau war, weshalb er Bellatrix Lestrange hinter der Maske vermutete.
Diesmal war Remus schnell genug gewesen. Schon vor Stunden, lange bevor Greyback das Plateau erreichte hatte er seinen Ausguck in der Felsspalte bezogen, und sich mit einem einfachen Umbraticus Sum von den Schatten zudecken lassen. Es war ein praktischer Zauber, in der Tat.
Greyback jedenfalls sah ihn nicht. Auch als Mensch mehr Wolf als Mann stand der gefürchtete Kopfgeldjäger auf dem Hochplateau und wartete. Er wähnte sich in vollkommener Sicherheit, denn bei den Werwölfen war er mindestens genauso gefürchtet wie in allen anderen Kreisen. Remus kannte niemand, der keine Angst vor Greyback hatte. Seine Grausamkeit, sein Blutdurst und seine Freude an der Furcht anderer waren genauso legendär wie wahr. Insgeheim war Remus sogar der Überzeugung, dass auch die Death Eater ihn fürchteten und er deshalb kein Schwarzes Mal trug.
Bald musste Greybacks Kontakt kommen. Der Werwolf wartete selten länger als ein paar Minuten. Direkt nach ihrer Begegnung, die nach Remus' Erfahrungen nur wenige Minuten dauerten, würde Remus selbst vom Hochplateau aus nach Hogwarts apprieren und seine Erkenntnisse direkt an den Orden weitervermitteln. Und duschen. Nach Wochen im Norden brauchte er dringend wieder ein weiches Bett, frische Kleidung und warmes Wasser. Es war Remus nur ein schwacher Trost das Greyback mindestens so sehr stank wie er selbst.
Das Greybacks Kontaktperson gleich erscheinen musste spürte Remus schließlich bevor er es sah. Eine winzige Verschiebung in der magischen Konsistenz in der Luft, wie ein kaum merkliches Verschwimmen der Realität, und mit einem sehr leisen 'Plopp' stand ein Death Eater auf dem Hochplateau. Unwillkürlich verzog Remus das Gesicht. Bellatrix Lestrange hin oder her, das war keine Frau. Viel zu groß und in den elaborierten Roben nicht zierlich genug stand einer von Voldemorts Männern vor Greyback auf dem Plateau. Spontan tippte Remus auf Lucius Malfoy. Er hatte selten derart üppige Roben gesehen, selbst bei den Death Eatern des inneren Kreises unmittelbar um Voldemort. Der schwere schwarze Stoff flatterte im Wind um den großen Mann. Aber die weite Kapuze verdeckte das Gesicht, das wahrscheinlich ohnehin unter einer Maske verborgen sein würde. Nur einen winzigen Ausschnitt erhaschte Remus, als der Mann sich kurz nach rechts und links umsah und seine Umgebung registrierte - oder sich gegen mögliche Angriffe absicherte. Die silberne Maske glänzte kurz auf. Sie war vollkommen ebenmäßig.
Greyback kannte aber offensichtlich den Anblick bereits, und auch er war überrascht über sein Gegenüber. "Du! Wieso schickt er Dich? Was soll das?" Er knurrte die Worte mehr als er sie sprach, und in seiner Stimme lag Abscheu.
Auch der Death Eater war keineswegs über ihr Zusammentreffen begeistert. Mit einer für Remus spöttisch wirkenden Geste legte er den Kopf etwas schräg, und hätte er keine Maske getragen hätte man die Abneigung wahrscheinlich in seinem Gesicht gesehen. So lag sie aber vollständig in seiner Stimme.
"Die Gründe des dunklen Lords gehen Dich nichts an, Wolf. Freu Dich gefälligst, dass Du überhaupt für ihn arbeiten darfst. Als würdig hast Du dich bis jetzt ja nicht gerade erwiesen."
Remus brauchte fünf Sekunden, bis er wieder atmen konnte. Greyback knurrte derweilen weiter.
"Als ob Du dich besser geschlagen hättest. Wäre Dir nicht Dumbledore vor den Zauberstab gelaufen wärst Du auch nicht hier."
Ungerührt schüttelte Severus den Kopf. "Die Entscheidungen unseres Lords zu kritisieren steht Dir nicht zu." Eine in schwarzes Leder gehüllte Hand verschwand in einer versteckten Tasche seiner Robe, und er förderte einen kleinen Lederbeutel zutage, den er Greyback nachlässig zuwarf. "Deine Aufträge und Besoldung. Halte Dich gefälligst das nächste Mal an deine Anweisungen, und spare Dir deine Alleingänge. Er war nicht besonders zufrieden mit deinen Leistungen."
Greyback fing den Beutel mühelos. Gierig öffnete er ihn und wühlte darin herum. Den Geräuschen nach zu schließen enthielt der Beutel einige Goldmünzen, und kurz blitzte ein Stück Pergament in Greybacks krummen Fingern. Dann verstaute der Werwolf den Beutel in seiner schmutzigen Robe. "Bist Du hier um mir das auszurichten?"
Es war unmöglich, aber Remus meinte ein kurzes diabolisches Grinsen in der Maske zu erkennen. "Deine logischen Fähigkeiten sind bemerkenswert. Ich soll Dich an deine Loyalität erinnern. Vielleicht brauchst Du eine kurze Gedächtnishilfe."
Aus dem Nichts schlug Greyback plötzlich die Hände an den Kopf und krümmte sich zusammen. Der Zauber dauerte nur wenige Sekunden, aber als der Werwolf sich mühsam wieder aufrichtete musste er kurz nach Atmen ringen. Das hinderte ihn aber nicht daran zu fauchen. Er war sichtlich bemüht, nicht seine Selbstbeherrschung zu verlieren und sein Gegenüber zu attackieren. "Deshalb hat er Dich geschickt, Du dreckig -"
Mitten im Satz verstummte er, offensichtlich unfreiwillig. "Na, wir wollen nicht ausfällig werden. Merke es Dir gut, damit Bellatrix das nächste Mal nicht deutlicher werden muss."
Severus hatte sich während der ganzen Prozedur keinen Zentimeter bewegt. Als Greyback seine Stimme wiederbekam spuckte er fast vor Wut. Remus mochte gar nicht daran denken, an wem er seinen Hass später auslassen würde. Aber er war froh das er selbst nicht in Frage kommen würde.
Ohne ein weiteres Wort wand Greyback sich um und wollte das Plateau verlassen. Aber er wurde zurückgerufen.
"Wo wir gerade dabei sind, Greyback, wollte ich noch etwas klarstellen." Wütend wirbelte der Werwolf herum. "Was?" Er spuckte das Wort förmlich aus.
"Mir ist zu Ohren gekommen das Du Ärger willst. Nicht das es mich überrascht. Ein gutgemeinter Ratschlag - such ihn Dir woanders. Meine Geduld ist sehr begrenzt und wir wissen beide, was das heißt." Die Temperatur auf dem Plateau schien einige Grad abzusinken, aber Remus war nicht sicher, ob das nicht auch am Wind liegen könnte.
Greyback schien vor Wut zu vibrieren. "Drohst Du mir?"
Als wäre er erfreut nickte Severus unter seiner weiten Kapuze. "Wunderbar, Du hast es verstanden. Und jetzt verschwinde, bevor ich Dir auf der Stelle den dreckigen Hals umdrehe."
Mit aller ihm zur Verfügung stehenden Selbstbeherrschung drehte Greyback sich um, sah dann aber noch mal über seine Schulter. "Denkst Du, Du könntest mich einfach umbringen ohne das jemand Dich dazu zur Rechenschaft zieht?"
Als Antwort lachte Severus nur kurz auf. "Nein, Greyback, das denke ich nicht." Nach einer winzigen Kunstpause fuhr er fort. "Ich weiß es ziemlich sicher."
Aus seinem Versteck sah Remus wie Greybacks Muskeln sich spannten. Aber er beherrschte sich noch gerade so, und spuckte stattdessen auf den Boden neben sich. Dann wand er sich um und stapfte davon. Nach kürzester Zeit war er außer Sichtweite.
Remus zog sich tiefer in seine Felsspalte zurück und hoffte inständig, dass Severus endlich verschwinden würde. Ihm war kalt, schließlich hatte er schon mehrere Stunden auf Greyback gewartet. Das er Recht behalten hatte und Bellatrix Lestrange der übliche Kontakt zu Greyback war hatte Severus ihm ja gerade auf dem Silbertablett serviert.
Aber leider ging Severus nicht. Als Remus keine halbe Minute später immer noch kein 'Plopp' gehörte hatte wagte er wieder einen Blick hinaus. Severus stand immer noch auf dem Plateau vor ihm, bewegungslos. Nur der Wind zerrte heftig an seinen weiten Roben. Er sah nachdenklich aus, als würde er auf etwas warten. Und Sekunden später erfuhr Remus auch worauf.
"Ich würde Dir sehr empfehlen Dich von selbst zu zeigen."
Überrumpelt wich Remus etwas weiter in seine Felsspalte hinein. Es war völlig unmöglich das jemand ihn gesehen haben konnte. Er war gut versteckt, und die Felsspalte war ziemlich tief und vom Plateau aus nicht einsehbar. Dazu war er ja von den Schatten des Umbraticus Sum verborgen.
Aber seine Rechnung musste einen Fehler haben. Keine Sekunde später spürte Remus den feinen magischen Impuls, der sich über das Plateau ausbreitete und auch ihn kurz streifte. Der Zauber brannte auf seiner Haut wie Feuer.
Es hatte keinen Sinn sich weiter zu verstecken. Lautlos fluchend quälte er sich aus der Position, die er Stunden vorher eingenommen hatte, und kletterte aus der Felsspalte. Mühsam hielt er sich an den Felswänden fest, und stand Sekunden später auf dem Plateau unweit der Stelle, an der Greyback vorher gestanden hatte. Der Wind zerrte an seinen Haaren, und seine eiskalten Hände waren von den rauen Felswänden aufgerissen. Außerdem war es bitterkalt auf der ungeschützten Fläche.
"Überraschung. Lange nicht gesehen."
Trotz des heftigen Windes stellte Remus sich so aufrecht wie möglich, die Schultern zurück, die Hände tief in den Taschen seiner löchrigen Kleidung. Er sah furchtbar aus, völlig zerrissen und heruntergekommen, und er wusste es. Der Kontrast zwischen ihm und den üppigen Death Eater-Roben hätte nicht größer sein können.
Offensichtlich hatte Severus mit allem gerechnet, aber nicht mit Remus. Für einen Moment standen er einfach nur stumm da, und obwohl es unter den Roben und der Maske nicht wirklich zu erkennen war ging Remus nicht ohne Zufriedenheit davon aus, dass Severus schlicht und ergreifend sprachlos war. Schließlich fand er seine Stimme aber wieder.
"Überraschung in der Tat. Bist Du lebensmüde? Jeder andere hätte Dich schon längst getötet."
Remus zuckte die Schultern und behielt sie gleich oben. Der Wind war wirklich beißend.
"Bist Du jeder andere?"
Wieder schwieg Severus, und Remus beschlich das Gefühl, dass er einfach nicht wusste was er sagen sollte. Also verlegte Remus sich auf Smalltalk. Was sollte er auch sagen? "Früher hattest Du andere Roben, oder?"
Als hätte er es jetzt erst wirklich begriffen das Remus vor ihm stand schüttelte Severus den Kopf. "Ja, woher - ach was." Dann spürte Remus einen magischen Impuls, und er konnte förmlich fühlen, wie ein schützender Schallzauber sie wie in einer Glasglocke umschloss. Das hatte den zusätzlichen Effekt das der Wind merklich nachließ, und Remus ließ dankbar seine verspannten Schultern etwas sinken.
"Gute Idee."
Aber Severus war offensichtlich immer noch nicht wirklich in der Lage zusammenhängende Sätze zu sagen. Remus fühlte sich seltsam überlegen, obwohl er schäbig und halbverhungert sicherlich zumindest optisch nicht der stärkere war. Fast uneigennützig beschloss er Severus zu helfen.
"Schön Dich zu sehen. Ich meine, das Du noch lebst. Wir haben Albus' Erinnerungen gesehen, übrigens."
Das schien Severus aus seiner Starre zu befreien. Er nickte, das Gesicht immer noch unter der weiten Kapuze fast ganz verborgen. Nur sein Kinn konnte Remus sehen, und es weckte wieder die alte Neugier in ihm.
"Das habe ich daraus geschlossen das Du mich noch nicht angegriffen hast."
Remus nickte. "Ja, das wäre naheliegend. Aber immerhin hast Du mich ja auch noch nicht angegriffen. Obwohl deine Laune ja eher schlecht zu sein scheint. Du kannst Greyback nicht leiden?"
Severus schnaubte abwertend. "Das ist maßlos untertrieben."
Verständnisvoll nickte Remus und wusste dann nicht mehr, was er sagen sollte. Er war nie davon ausgegangen Severus je wieder zu sehen. Vielleicht auf einem Schlachtfeld. Aber so, mitten im normalen Leben - falls man ein Leben als Spion als normales Leben bezeichnen konnte? Das war viel zu irritierend.
"Woher wusstest Du das ich hier bin?"
Severus verschränkte die Arme vor der Brust, eine Geste, die Remus so unglaublich vertraut war, dass es ihn fast schmerzte.
"Ich wusste nicht das spezifisch Du da warst. Ich habe nur eine minimale Beeinflussung der magischen Potenz in Richtung der Felsspalte gespürt. Der Umbraticus hat nur geringen Einfluss, aber jemand mit feinen Antennen für ihn bemerkt ihn. Obwohl ich wahrscheinlich auch der einzige von Voldemorts Leuten bin auf den das zutrifft. Greyback wusste jedenfalls nichts von deiner Anwesenheit."
Das klang plausibel. "Dann kann ich ihn ja weiter benutzen. Ein sehr praktischer Zauber, übrigens."
Severus nickte. Wieder standen sie sich einen Moment gegenüber. Schließlich seufzte Remus.
"Können wir beide zugeben, dass das gerade sehr seltsam ist?"
Immer noch stumm nickte Severus wieder. Remus war damit fürs erste zufrieden. "Das ist ein Anfang. Ich hätte nicht damit gerechnet Dich je wiederzusehen, muss ich wohl sagen. Jedenfalls nicht so." Mit einer Geste wies er auf Severus' Roben. "Übrigens wäre jetzt ein guter Moment, mir endlich zu verraten was für eine verdammte Maske Du da trägst. Wenn schon Greyback Dich damit identifizieren kann."
Immer noch seltsam in die Situation ergeben zuckte Severus die Schultern. "Jetzt ist es wohl egal." Er löste seine Arme aus ihrer Verschränkung und schob seine weite Kapuze ein wenig nach hinten, so dass Remus sein Gesicht, oder vielmehr die silberne Maske, ganz sehen konnte.
Sie war leer, im Gegensatz zu den ornamental verzierten Masken der anderen Death Eater, die Remus bis jetzt gesehen hatte. Völlig ohne jede Form von Verzierung schien sie Severus' Gesichtszüge nicht zu betonten, sondern vielmehr völlig auszulöschen. Völlig ausdruckslos wirkten seine Züge erschreckend dämonisch und gleichzeitig völlig unspezifisch. Nur auf der Stirn, exakt über der Nasenwurzel, war ein kleines Symbol in eleganten Schwüngen eingraviert.
Einen Moment starrte Remus nur. Dann ließ Severus die Kapuze wieder los und Remus erahnte nur noch ein silbriges Glänzen.
"Das Zeichen auf deiner Stirn - das ist ein alchemisches Symbol, oder? Ich habe es im Spiel der Elemente gesehen."
Langsam ließ Severus die Hände sinken. "Ja, es gehört zu den fünf Elementsymbolen."
Remus musste nicht nachdenken. "Feuer."
Wie in Zeitlupe nickte Severus. Dann schien er plötzlich aus seinem Stupor aufzuwachen.
"Ich habe keine Zeit mehr. Hör zu. Voldemort wird diesen Krieg nach Hogwarts hineintragen, und der Orden muss dafür bereit sein. Du weißt, das er die Werwölfe zu rekrutieren versucht, aber seine Kreise gehen noch erheblich weiter. Wenn es soweit ist wird er jeden rufen, der sich je in seinen Dienst gestellt hat. Der Orden muss das gleiche tun. Sonst habt ihr keine Chance."
Kurz hielt er inne. "Wer bin ich Dir Ratschläge für den Orden zu geben. Egal. Mach mit diesem Wissen was Du willst, es steht in deinem Ermessen. Ich muss gehen."
Er zog die Hände wieder aus den Taschen. Unwillkürlich trat Remus einen Schritt vor. "Danke für die Information." Kurz hielt er inne und fragte sich, ob es klug war weiterzusprechen. Aber er hatte keine Zeit darüber nachzudenken. "Sehe ich Dich wieder?"
Eine Sekunde hielt Severus inne und es schien Remus, als würde er unter der Maske lächeln. "Nein, nicht wenn ich es verhindern kann. Es kann nicht mehr lange so weitergehen. Du musst in Zukunft vorsichtiger sein."
Dann hörte Remus nur noch ein leises "Plopp" und Severus war verschwunden. Gleichzeitig zerfloss der Zauber um Remus herum, und der Wind heulte wieder um seine Ohren. Innerhalb von Sekunden war er wieder völlig durchgefroren.
Einige wenige Minuten starrte er auf die leere Stelle an der Severus gestanden hatte. Dann riss er sich zusammen und apparierte nach Hogwarts. Schließlich hatten sie einen Krieg vorzubereiten. Es konnte wirklich nicht mehr lange so weitergehen.
(c) Fayet - 22/6/2014
Felix qui potuit rerum cognoscere causas - Glücklich wer den Grund der Dinge erkannte. Vergil, Georgias, Buch 2/Vers 490
Pacta sunt servanda - Verträge/Pakte müssen gehalten werden. Römischer Rechtsgrundsatz, Grundlage des modernen Zivilrechts & Schwurformel
Umbraticus sum - Ich bin von Schatten zugedeckt
Nachdem das letzte Kapitel schon nach Ende geschmeckt hat geht es natürlich noch weiter. Geplant sind noch mindestens vier Kapitel, falls ich mich an mein Konzept halte. Danke für Eure Kommentare, ich lese sie immer wieder sehr gerne.
