Kerkermond
Lady of the Dungeon
Alle Figuren gehören J.K. Rowling. Ich werde sie unbeschadet zurückgeben, soweit sie selbst diese Figuren angemessen behandelt.
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Vielen Dank für die Reviews zu Kapitel 12 an Nadja, Silbergold, IceEgg und Lucindana.
IceEgg: Mit der Anrede „Kerkermond" kann ich durchaus leben. Ich identifiziere mich schließlich mit meiner Geschichte ;-)
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12. Draco: Im Zentrum des Sturms
Lucius hastete die Treppen hinunter. Es war nicht vorteilhaft, wenn Gefangene ihn gleich an Severus' Kerker sahen, aber nicht zu vermeiden. Hauptsache, seine eigenen Leute bekamen nichts mit. Ein doppeltes Spiel erforderte hohe Konzentration.
„Miss Delacour?"
Narcissa war schnell auf den Beinen.
„Mr. Malfoy", antwortete sie eisig, und er konnte ihre Ablehnung deutlich aus ihrer Stimme heraus hören. Auch er sah Narcissas Gesichtszüge hinter dem der schönen Maske von Fleur Delacour.
„Der
Trank gegen Mr. Snapes…Schwäche." Ein Lächeln
manifestierte sich fühlbar auf seinen Zügen. Mit Sarkasmus
ging es besser. Etwas in
ihm schrie danach, ihr zu sagen, dass er sie immer noch liebte, aber
er unterdrückte das unerwünschte Gefühl. Nicht jetzt.
Später, vielleicht. Wenn es noch ein ‚später' geben
sollte.
Er reichte
ihr die beiden Tränke durch das Gitter. Die leichte Berührung
ihrer Finger ließ ihn erschaudern. Er wandte sich abrupt ab und
strebte eilig der Zelle Lupins zu.
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Tatsächlich
erschien es, als hätte der nebelhafte Wolf aus Remus'
morgendlicher Andacht ein Einsehen.
Remus
erkannte Lucius' Schritt, noch bevor er ihn sah.
Der blonde
Slytherin registrierte, dass Lupin noch angekettet war und öffnete
die Tür.
„Mrs. Mortensen? Geben Sie das Ihrer Tochter." Er hielt ihr eine Phiole mit einem blauen Trank hin.
„Was ist das, Malfoy?" fragte Remus.
„Ein
Dormiens. Es ist besser, das Kind bekommt nichts mit."
Lucius'
Stimme blieb kühl.
„Was haben Sie vor?" fragte Remus.
„Ich bringe sie weg. Aber Sie verstehen sicher, Lupin, dass ich kein schreiendes Kleinkind hier herum tragen kann."
„Wo bringen Sie sie hin?"
„Das wird sich noch entscheiden. Los jetzt, Lupin, ein besseres Schicksal als Sie biete ich dem Kind allemal."
Lucius war beinahe gehetzt unter seiner äußerlich ruhigen Fassade.
Remus konnte das Adrenalin an dem Slytherin wittern.
„Lene",
sagte Remus drängend auf Deutsch. Er gab damit preis, dass die
Dänin Malfoy nicht verstanden hatte, aber wenn dieser dafür
Mina rettete, war es das wert. Mehr Hoffnung als die geringe, die
sich hier für das Kind bot, würde es für ihn und Lene
nicht mehr geben.
„Geben Sie Mina den Trank, sie wird davon
schlafen. Und dann geben Sie sie Mr. Malfoy. Bitte. Bitte, Lene,
vertrauen Sie mir."
Er sah,
wie Lene Mortensen nickte, den Schlaftrank aus Malfoys Händen
nahm und ihrer Tochter mit kurzen Worten zu verstehen gab, dass sie
die blaue Flüssigkeit trinken müsse. Das Mädchen war
von dem bunten, süßlichen Dormiens nach dem abgestandenen
Wasser sichtlich begeistert und trank brav. Nach wenigen Sekunden
schon wurden ihre Augen schwer, ihr Köpfchen sank herunter auf
die Brust ihrer Mutter und sie schlief tief und fest.
Lene legte
Malfoy ihre kleine Tochter in die Arme, dessen Augen sich zu schmalen
grauen Schlitzen verengt hatten, als er Lupin deutsch sprechen hörte.
Begriff er? Oder hatte er ihn am Ende sogar verstanden?
Malfoy lächelte, es hatte etwas Diabolisches. „Ihr Geheimnis ist bei mir sicher, Frau Mortensen. Und Ihre Tochter auch. Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."
Remus war perplex. Malfoys Deutsch war makellos, wenn auch deutlich durch den Akzent gefärbt. Die Sprache Goethes hatte er Malfoy nicht wirklich zugetraut. Vielleicht gab es noch mehr, dass er dem Slytherin nicht zugetraut hätte.
„Nehmen Sie die Frau mit, Malfoy. Bitte."
Lucius, der Mina im Arm hielt, sah von Lene Mortensen zu Remus, als sähe er beide das erste Mal. Sein Blick wanderte von Lenes von Anstrengung und Trauer gezeichnetem Gesicht zu der abgerissenen Gestalt des Werwolfs. Er schien tatsächlich das Für und Wider einer solchen Entscheidung abzuwägen. Dann schüttelte er den Kopf.
„Bedaure, Lupin, aber was Mrs. Mortensen angeht, sind meine Hände gebunden. Gerade Sie werden verstehen, dass wir alle unsere Loyalitäten zu erfüllen haben."
Remus starrte ihn an. Ja, er wusste, wo Lucius Malfoys Loyalitäten lagen, und doch schien dieser bereit, ein gewisses Risiko einzugehen, um das Mädchen zu retten. Sein Bedauern nahm er Malfoy beinahe ab. Die Eiseskälte des Slytherins hatte einen seltsamen Riss bekommen, den Remus mehr instinktiv spürte als bewusst wahrnahm. Der Wolf schien ihm zu sagen, dass hier Chemie und Aussage nicht ganz passten. Oder lag es einfach an der Art, wie Malfoy das Kind auf dem Arm hielt, als hinge seine gesamte Zukunft davon ab?
Remus wagte einen zweiten Vorstoß. „Sperren Sie sie woanders ein, aber bei allem, was Ihnen heilig ist, lassen Sie sie nicht hier bei mir. Sie wissen, dass heute Vollmond ist."
In diesem Augenblick ertönten Rufe und schnelle Schritte durch den Gang.
„Lucius!"
Gleichzeitig ließ Malfoy mit einem Stöhnen das Kind von seinem Arm sinken und griff sich an den Unterarm. Remus wusste, dass Voldemort ihn rief. Er hatte die Geste oft genug an Severus gesehen.
„Lucius!" brüllte der andere Mann, der sich mit geweiteten Augen nun ebenso an seinen Ärmel fasste.
Etwas an
dem Ruf Voldemorts war anders als sonst. Remus hatte es in den
letzten Wochen hier einige Male gesehen, wenn ein Todesser gerufen
wurde, aber die Angst und das Adrenalin, die er an den beiden Männern
roch, war ungewöhnlich stark.Er sah,
wie Malfoy sich auf die Lippen biss, eine Geste der Hilflosigkeit und
ohnmächtigen Ärgers, dann eilte er hinaus.
Der andere
Todesser versiegelte die Gittertür mit einem starken Fluch.
Auf der
Treppe drehte sich Lucius ein letztes Mal um. Mit einem letzten
Schlenker seines Stabes löste er Remus' Ketten.
Der Werwolf ist frei, dachte Remus Lupin. Die rostigen Ketten hätten ihn nach der Verwandlung ohnehin nicht mehr gehalten.
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Remus beobachtete, wie Lene sich ihrer schlafenden Tochter zuwandte. Lucius hatte das Kind eilig, aber vorsichtig zu Boden gleiten lassen, als der Ruf Voldemorts ihn ereilte.
Lene nahm
das Mädchen auf den Arm und wiegte sie sanft. Mina hätte
allerdings nach dem Dormiens auch geschlafen, wenn man eine Batterie
‚Weasleys zauberhafter Zauberfeuerwerke' neben ihr in die Luft
gejagt hätte.
Tränen
liefen Lenes Wangen hinunter.
Zögernd näherte sich Remus der Frau. Er berührte ihre Schulter und sagte heiser: „Es gibt einen Grund, warum ich wollte, dass Malfoy Mina mitnimmt."
Er würde es ihr jetzt sagen, es war Unrecht, die Wahrheit zu verschweigen.
„Ich weiß. Er wollte sie retten", sagte Lene unter Tränen. „Gott, warum hat er sie nicht mitgenommen?"
„Er wurde von Voldemort gerufen… Was meinen Sie damit, er wollte sie retten?" fragte Remus konsterniert. Die Bedeutung der Worte war ihm eben erst aufgegangen.
Lene sah ihn an, unendliche Traurigkeit im Blick.
„Søren
hat von Ihnen erzählt, Remus. Ich weiß, was Sie sind. Aber
erst als ich heute morgen ihre Augen sah, wie Bernstein, nicht mehr
braun wie gestern, ist mir klar geworden, dass heute Nacht Vollmond
ist. Als dieser Mann – Malfoy – Mina holen wollte, war ich für
einen Moment so dankbar, aber nun…"
Sie beendete den Satz nicht.
Remus stand da, getroffen und wortlos. Sie hatte es gewusst, die ganze Zeit. Nichts in ihrem Verhalten hatte auf Abscheu deuten lassen. Nicht einmal heute morgen, als ihr klar geworden sein musste, was es bedeutete mit ihm hier in diesem Kerker eingesperrt zu sein, war sie ihm mit Furcht und Ekel begegnet, hatte sie ihm Vorwürfe gemacht.
„Warum haben Sie nichts gesagt?" fragte er tonlos.
„Was
hätte das geändert?" entgegnete sie. „Ich wusste
bescheid und Sie schienen sich besser zu fühlen in dem
Bewusstsein, dass ich ahnungslos bin. Manchmal ist Nichtwissen eine
Gnade."
Sie strich mit den Fingern durch das feine Haar ihrer
kleinen Tochter. „Wie sehr ich wünschte, er hätte Mina
mitgenommen."
Remus wusste nicht, was er sagen sollte. Lene hatte ihn schonen, es ihm leichter machen wollen. Ihm, der Bestie, die sich anschickte, sie selbst und ihr Kind zu ermorden.
„Es tut mir leid, dass ich mich versprochen habe", sagte sie.
„Es gibt wirklich nichts, das Ihnen leid tun müsste", erwiderte er. „Sie waren mehr als gnädig mit mir in Kenntnis meines Fluchs."
„Sie haben sich diesen ‚Fluch' nicht ausgesucht, Remus", entgegnete sie bestimmt.
„Dennoch lädt er mir ein Ausmaß an Schuld auf, von dem ich nicht weiß, wie ich es tragen soll", sagte er, und er fühlte, wie kalte Verzweiflung sich langsam einen Weg in seine Gedanken bahnte. Das unausweichliche Ende rückte mit jedem Wort näher.
„Den Begriff ‚Schuld' bewahren Sie besser für diejenigen, die uns hier zusammen eingesperrt haben", sagte sie leidenschaftlich. „Das ist ja, als würde man einem Wolf oder einem Fuchs vorwerfen, dass er jagt, um zu überleben."
„Der Wolf trifft es ziemlich genau", sagte Remus bitter.
Sie sah ihn an, und ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
„Ich habe Angst, Remus. Seit Wochen lebe ich in ständiger Angst. Gestern Morgen bin ich vor Angst fast gestorben, als diese Männer unser Haus überfielen, und ich weiß nicht, ob ich vor der bevorstehenden Nacht nicht noch mehr Angst habe. Ich will mein Kind nicht sterben sehen. Aber zwischen diesen Zeitpunkten hatte ich eine fast friedliche Nacht. Es ist schön, wenn Sie erzählen, Remus. Lassen Sie sich von niemandem vorwerfen, dass was auch immer hier geschieht, Ihre Schuld wäre."
Sie legte die Hand auf seinen Arm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Remus stand wie erstarrt, unfähig sich zu regen, doch als der Bann brach, trat er ein paar Schritte zurück.
„Es ist ein Mittagsmond", flüsterte er. „Er wird mich zum Raubtier machen, bevor ich überhaupt meine menschliche Hülle abstreifen kann. Ich werde nicht in der Lage sein, mein Handeln zu kontrollieren. Sie werden mich mit jeder Faser Ihres Körpers hassen und verabscheuen, bevor es nicht einmal dunkel ist."
Sie sah ihn an, mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid, die er nur zu gut kannte.
„Lassen Sie mich einen Augenblick allein", bat sie.
Er nickte und kauerte sich in der Nähe der Tür an die Wand. Noch etwa sechs Stunden, bis der Mond aufgehen würde. Dann noch zwei weitere, bis die Sonne unterging. Er wagte nicht, sich auszumalen, was allein in den zwei Stunden nach dem Mondaufgang geschehen würde. Normalerweise mied er an Mittagsmondtagen jede menschliche Gesellschaft wie ein Dementor das Sonnenlicht.
Er beobachtete Lene. Sie saß auf ihren Unterschenkeln, Mina auf dem Arm, den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet. Ihre Lippen bewegten sich stumm.
Er beneidete sie um ihre Fähigkeit, zu beten. Glaubte sie an Hilfe oder diente das Ritual nur der Besänftigung ihrer Angst, die er mittlerweile schon riechen konnte?
Er selbst verströmte inzwischen einen Geruch nach namenloser Panik, der den Wolf in seinem Inneren immer nervöser machte.
Nach etwa einer halben Stunde erhob sie sich und trat zu ihm. „Es hat keinen Zweck, sich verrückt zu machen. Es sind noch Stunden. Erzählen Sie noch eine dieser wunderbaren Sagen vom Rhein. Sie haben doch in Worms gelebt, haben Sie gestern erzählt."
Remus setzte sich ihr gegenüber, legte die Arme um seine Knie und das Kinn auf die Hände. Für einen Moment verschlangen sich ihre Blicke, Bernstein traf Grau und Grün, dann begann Remus zu erzählen. Von Fafnir, dem Drachen, Ahlerich, dem Zwerg, Siegfried, dem schwachen Helden, und von Hagen, dem loyalen Mörder.
„Dies ist die Legende vom Rheingold."
Lene und Mina hörten staunend zu.
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Der Kamin spuckte Lucius und die aufgeregten Wachen im Vorhof von Voldemorts großer Halle aus. Der einzige Kamin Britanniens, der im Freien endete, abgesehen von dem in Askaban.
Eine typische Eigenschaft von Toren, die zur Hölle führen, dachte Lucius.
Zwei Hexen aus dem weiteren Umfeld des Dunklen Lords wiesen die Männer, die aus dem Kamin stiegen, ihren Plätzen zu.
Lucius
kannte seinen Platz. Er strebte direkt auf den Eingang der Halle zu.
Die goldenen Schlangen, deren Leiber verschlungen das zweiflügelige
Tor versiegelten, streckten sich und gaben den Weg frei, als er sie
mit seinem Stab berührte.
Die
wenigen dunkelgewandeten Gestalten, die sich außer den
Dementoren in der Halle befanden, drängten sich vorne an den
Treppen zu Voldemorts Thron. Als Lucius
sie erreichte, machten sie ihm wie üblich Platz.
„Wo ist der Meister? Was ist los?" fragte Lucius.
„Er ist mit Bellatrix in seinem privaten Salon", hörte Lucius' Goyle murmeln. Die Schultern des Todessers waren merkwürdig vorn übergebeugt.
„Das ist nicht ungewöhnlich", erwiderte Lucius scharf. „Warum ruft er uns? Warum lässt er die Männer in Angriffsgeschwader einteilen?"
„Es hat eine Attacke gegeben", erläuterte Goyle mit heiserer Stimme. „Eine kleine Gruppe von fremden Zauberern hat die Schule angegriffen. Sie ist ja nicht mehr besonders gesichert seit unserem Sieg. Sie haben Schüler als Geiseln genommen – ausschließlich Slytherins. Mein … mein Sohn ist auch dabei."
„Und Goyle ist nicht der einzige hier, der sich fragt, warum dein Sohn ausgerechnet heute nicht in der Schule war, Lucius", sagte eine fiepsige Stimme hinter Lucius' Rücken.
Er wirbelte herum.
„Was genau wollen Sie damit sagen, Pettigrew?" fauchte Lucius. „Und im übrigen wüsste ich nicht, dass wir Brüderschaft getrunken hätten."
„Lass gut sein, Lucius", grunzte Goyle. „Die kleine Ratte stänkert schon die ganze Zeit hier herum. Du weißt, dass niemand deine Treue zu Unserem Lord anzweifelt. Immerhin ist es Draco, der den Trupp anführen wird, der die jungen Slytherins befreien wird."
Lucius unterdrückte einen Ausruf des Schreckens.
„Noch keiner hat das Dunkle Mal bekommen, bevor er siebzehn war. Der Dunkle Lord erweist deiner Familie wirklich eine große Ehre", fügte Goyle hinzu, und in seiner Stimme klang wahrhaftig Ehrfurcht mit. „Wo ist eigentlich Narcissa? Sie muss so stolz auf euren Sohn sein."
„Meine Frau trägt das Mal nicht, wie du weißt. Sie wurde weder gerufen, noch hat sie hier etwas zu suchen, so lange der Dunkle Lord es nicht anders gebietet", erwiderte Lucius kühl. „Aber ja, sie ist zweifellos sehr stolz."
Die schwere Obsidiantür, die zu den privaten Gemächern des Dunklen Lords führte, öffnete sich.
„Draco!"
Lucius stürzte seinem Sohn entgegen, hielt dann abrupt inne und wandte sich dem Dunklen Lord zu, dessen Finger weißen Spinnen gleich auf Dracos Schulter ruhten.
„Herr, Ihr erweist uns eine übergroße Ehre", sagte Lucius und glitt auf die Knie, um Voldemorts Rocksaum zu küssen.
„Steh auf, Lucius." Die Stimme des Dunklen Lords klang eisig.
Lucius erhob sich. Er spürte den Zugriff des Schwarzen Magiers, das Wühlen geschickter Hände in seinen Gedanken. Doch er war wie stets vorbereitet. Das Bild von Draco, bleichgesichtig und mit weinerlichem Gejammer über Kopfschmerzen stieg an die Oberfläche, dann Snape, der unter dem Cruciatus endlich sprach, das blasse Gesicht blut- und schweißüberströmt, und Narcissa, wie sie vor ihm die Treppe hinauf schritt, ihre Hüften wiegten sich sanft, und Verlangen pulsierte in Lucius'…
Voldemort hatte genug gesehen. Lucius blieb konzentriert. Von seiner Fähigkeit, seine Begabung weiterhin zu verbergen, hing nicht nur sein Leben ab.
„Wir werden es nicht zulassen", drangen Voldemorts Worte an sein Ohr, „dass irgendjemand sich unserer Zukunft bemächtigt. Der Feind ist offenbar so verzweifelt, dass er sich unserer Methoden bedient. Wie ich euch immer sage, das sogenannte ‚Gute' ist auch nur eine Abart des edleren Dunklen. Nun, wir werden diese Abartigkeit ausrotten. Wir werden…"
Es würde noch eine Weile dauern.
Lucius zog
Draco an seine Seite. Er packte ihn am Arm und zerrte seine Robe ein
Stück hoch. Das dunkle
Mal prangte hässlich und dunkelrot auf Dracos milchweißer
Haut.
Merlin,
Draco. Hast du denn nichts gelernt? Bist du so blind? Nun, es
machte kaum einen Unterschied. Siegte der Dunkle Lord, gab es für
Draco ohnehin keinen anderen Weg als den in Lucius' Fußstapfen,
und falls nicht, würde das Dunkle Mal einen Sechzehnjährigen
nicht lebenslang nach Askaban bringen. Zumindest nicht, wenn sein
Vater zugab, ihn zu Annahme dieser ‚Ehre' gezwungen zu haben.
„Tante Bella hat mich zuhause abgeholt", flüsterte Draco. „Ich hatte keine Wahl, Vater."
Lucius warf ihm einen scharfen Blick zu. Das waren ganz sicher nicht die richtigen Worte in Voldemorts Gegenwart. Aber immerhin implizierten sie, dass der Junge zumindest nicht völlig euphorisiert war angesichts seiner Brandmarkung.
„Sei still", zischte Lucius, aber er legte seinem Sohn bestärkend eine Hand auf die Schulter.
Der Dunkle
Lord hatte seine Rede noch immer nicht beendet. Lucius versuchte,
sich auf ‚Reines Blut' und ‚unendliche Möglichkeiten der
Dunklen Magie' zu konzentrieren, und er fragte sich, wohin die
Begeisterung versickert war, die ihn früher angesichts dieser
Ideale erfasst hatte. Er wollte nur nach Hause, seine Frau im Arm
halten und seinen Sohn in Sicherheit wissen.
Stattdessen
entspann der Dunkle Lord vor ihm und den anderen einen Plan zur
Befreiung der Slytherinschüler, der jeden an der Mission
Beteiligten das Leben kosten konnte.
„Lasst mich gehen, Herr", bat er, sobald Voldemort geendet hatte.
„Lucius? Ich sagte, dein Sohn wird diese Aufgabe erfüllen."
„Sire, ich maße mir nicht an, Eure Entscheidungen in Frage zu stellen. Sicher habt Ihr bedacht, dass Draco erst sechzehn…"
„Wie du schon sagst, Lucius, ich habe es bedacht. Nach deinem legendären Erfolg in der Mysterienabteilung verlasse ich mich lieber auf die taktischen Fähigkeiten eines Teenagers. Er wird motiviert sein, schließlich geht es um das Leben seiner Mitschüler. Ihr habt zehn Minuten, um gemeinsam die Feinheiten der Strategie festzulegen. Sicher willst du deinem Sohn ein paar Ratschläge erteilen."
Mit diesen Worten und einem Wink der geisterhaft blassen Hand waren sie beide entlassen.
Lucius packte Draco am Oberarm und zerrte ihn aus der Halle hinaus. Er stürmte ein paar eng gewundene Treppen hinunter, einen Gang entlang und eine steile Wendeltreppe wieder hinauf, bis er mit dem Jungen auf einem der zwei Türme stand, die hoch über der alten Burg aufragten. Der heftige Wind riss ihnen die Worte von den Lippen und der Regen hatte sie binnen einer halben Minute durchnässt. Doch hier in diesem tosenden Chaos allein waren sie ungehört.
„Deine Mutter wird außer sich sein!" rief Lucius.
„Sie wird sich beruhigen", gab Draco zurück. „Das ist mehr, als man von ihm sagen kann."
„Merlin, Draco, warum jetzt das Mal?" fragte Lucius zornig. „Hast du nicht gesehen, was er aus meinem Leben gemacht hat?"
„Es ist der Meister, den du uns erwählt hast, Vater. Du erwartest nicht ernsthaft, dass ich mich ihm verweigere?"
Resigniert schüttelte Lucius den Kopf. „Nein. Ich hatte gehofft, dass du deinen Kopf in der Deckung hältst! Ich sehe allerdings, dass du keine Chance hattest, diese ‚Ehre' abzulehnen, wenn er dich von Bella holen ließ. Aber ich erwarte, dass du die Zeichen erkennst, wenn sich der Wind dreht."
Dracos graue Augen wurden schmal. „Was meinst du damit, Vater?"
Lucius hielt inne. Konnte er Draco vertrauen? Er wusste kaum, was den Jungen wirklich bewegte. Aber wenn er nicht einmal seinem eigenen Sohn vertraute…
Der Regen prasselte auf sie herunter und durchweichte ihre Umhänge. Die blonden Strähnen klebten dicht an Dracos schmalem Gesicht und seinem Kopf.
„Du trägst sein Zeichen, aber dein Stab hat noch keinen Unverzeihlichen gewirkt. Erhalte dir diese Unschuld solange es möglich ist, Junge", sagte Lucius nur. „Deiner Mutter zuliebe."
Dieser
Zusatz würde ihn retten, falls Draco in den Fokus den Dunklen
Lords geraten würde und dieser seine Gedanken lesen sollte. Voldemort
wusste längst, dass Narcissa jede Art von überzogener
Grausamkeit ablehnte. Aber sie hatte niemals offen Opposition
bezogen, sie war eine reinblütige Hexe, sie hielt sich stets im
Hintergrund und Lucius hatte sich mit seinem Leben für ihre
Loyalität verbürgt. Der Dunkle Lord hatte nie eine
Veranlassung gesehen, Lucius' Verbindung in Frage zu stellen. Dafür
war Narcissa aus seiner Sicht nie wichtig genug gewesen. Außerdem
waren Narcissa und Lucius das reinblütige Vorzeigepaar,
erfolgreich, kultiviert, wohltätig.
Merlin,
wenn der Dunkle Lord heraus bekam, dass Narcissa eine Liaison mit dem
Verräter Severus Snape hatte, würde er sie töten. Ergo
durfte er es niemals erfahren.
„Ich…ich habe Angst", sagte Draco. „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, die anderen zu retten. Was tut er mit mir, wenn es nicht gelingt?"
Lucius streckte die Hand nach seinem Sohn aus, um ihm über die Wange zu fahren, doch er ließ sie wieder sinken. Derlei Gesten waren nicht üblich im Hause Malfoy.
Er schüttelte den Kopf. „Du wirst sie befreien. Deine Erziehung in der taktischen Kriegsführung war ausgezeichnet und du beherrschst alle maßgeblichen Zauber. Die Männer werden dir folgen, und ihr seid in der Überzahl. Halte dich in Bellatrix' Nähe, bis ich komme. Ich werde dafür sorgen, dass sie ein Auge auf dich hat."
„Du kommst nicht mit?" stellte Draco nüchtern fest.
Lucius
wischte sich ärgerlich und frustriert eine nasse Strähne aus der Stirn.
„Du hast den Dunklen Lord gehört. Ich habe einmal versagt.
Eine zweite Chance wird es nicht geben."
Er
lächelte plötzlich. „Wenn es eng wird, Draco, werde ich
bei dir sein. Ob es ihm passt oder nicht. Und jetzt lass uns
zurückgehen. Die Einsatzpläne hängen in dem Raum neben
der Halle, und dein Geschwader wird dich bereits erwarten."
Fortsetzung folgt
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Ein Wort in eigener Sache: Ich distanziere mich von der Verherrlichung von Gewalt. Ich benutze im Zusammenhang mit Voldemorts Armee bewusst Begriffe aus dem militärischen Bereich, die negativ besetzt sind, um die Perversion eines solchen Systems aufzuzeigen. Bei dem Wort ‚Geschwader' stellen sich mir alle Nackenhaare auf. Dass es Lucius so leicht über die Lippen geht, ist bezeichnend für seine dunkle Seite und seinen langen Weg in Voldemorts Schatten.
