12. Kapitel

Pemberley, Derbyshire – Der neue Hauslehrer

Ein wunderbarer, heißer Sommer ging langsam in den Herbst über und somit stellte sich für William die Frage, ob er für seinen Sohn wie geplant einen Hauslehrer engagieren sollte. Elizabeth machte ihre Sache erstaunlich gut, aber ihre Möglichkeiten waren irgendwann erschöpft. Alexander sollte, als Vorbereitung für Eton, zumindest auch Kenntnisse in den Natur- und Geisteswissenschaften haben, Latein und Griechisch können.

Also setzte William eine Suchanzeige in die Zeitung und im Lauf der nächsten Wochen gingen in der Tat einige Bewerbungsschreiben auf Pemberley ein. William hatte Elizabeth gegenüber eher beiläufig erwähnt, daß er für Alexander einen eigenen Lehrer einstellen wollte und wie erwartet, hatte Elizabeth ihn gebeten, auch Hannah am Unterricht teilnehmen zu lassen.

„Miss Bennet, wenn ich auch Hannah daran teilnehmen lasse, sind sie doch überflüssig, oder nicht?" konterte William und Elizabeth starrte ihn an.

„Sie wollen mich loswerden, Sir?" fragte sie ungläubig.

William lächelte freundlich. „Ich will sie nicht loswerden, Miss Bennet. Sie drehen sich bloß gerade selbst einen Strick. Wieso sollte ich dann zwei Lehrer bezahlen?"

„Sie sind sehr grausam, Sir."

„Es liegt an ihnen, ob sie die Bedingungen annehmen, Madam."

Er erhielt noch einen funkelnden Blick von ihr, dann verließ sie das Zimmer, einen schmunzelnden William zurücklassend. Eine der seltenen Gelegenheiten, in denen er das letzte Wort behalten hatte.

William hatte Elizabeth nicht um ihre Meinung gebeten bei der Wahl des neuen Lehrers. Er konnte aus zehn Bewerbungen auswählen und hatte sich schließlich für einen erfahrenen, sehr gebildeten Geistlichen entschieden, der ausgezeichnete Referenzen vorzuweisen hatte und dessen Spezialgebiete die klassischen Sprachen und antike Geschichte waren. Aber auch in den Naturwissenschaften war er überaus bewandert. Ende September war es soweit: der neue Tutor für den Erben von Pemberley sollte heute eintreffen.

William hatte seinen Kindern erklärt, daß Alexander in Zukunft nachmittags anderen Unterricht erhalten würde, während Hannah in dieser Zeit bei Elizabeth bleiben würde. Sie würde ihr Handarbeiten, Klavierspielen und ähnliches beibringen, vielleicht Gedichte lesen und was es sonst noch an weiblichen Tätigkeiten gab. Der neue Lehrer hätte dann den Vormittag über Zeit, seinen anderweitigen, nach eigenen Angaben äußerst gewichtigen Forschungen nachzugehen. William freute sich schon auf geistig anspruchsvolle Dispute mit dem Gelehrten, der ebenfalls auf Pemberley wohnen und auch die Mahlzeiten zusammen mit den Darcys und Elizabeth einnehmen sollte.

Elizabeth war mit dem Plan nicht einverstanden. Sie versuchte, mit William zu diskutieren, aber er wollte nichts davon hören. Wieder drohte er, daß sie sich eine neue Stellung suchen konnte, wenn ihr das Arrangement nicht paßte. Natürlich wollte er nicht, daß sie ging, aber er konnte ihr dieses ständige Hineinreden in seine Erziehung, in seine Entscheidungen, nicht länger durchgehen lassen.

Hannah war auch nicht so glücklich darüber, aber sie sagte nichts, während Alexander schrecklich stolz darauf war, einen eigenen Lehrer zu bekommen. Er war schließlich der Erbe von Pemberley, nicht wahr!

Und jetzt war der Tag gekommen und alles wartete gespannt auf den neuen Lehrer. Elizabeth war mit den Kindern vormittags im Unterrichtsraum beschäftigt, während William im Arbeitszimmer seine Korrespondenz beantwortete. Als draußen Pferdehufe und eine Kutsche zu hören waren, sprangen Hannah und Alexander neugierig auf und auch Elizabeths Nase klebte neugierig am Fenster.

Ein Bediensteter öffnete den Schlag und heraus stieg ein älterer Herr mit gestrengem Blick, der sich zögernd umschaute. Er trug die schwarze Kleidung eines Geistlichen, seine Haare waren hinten länger, dafür oben auf dem Kopf kaum noch vorhanden. Elizabeth fand ihn auf den ersten Blick unsympathisch. Hannah giggelte. „Da hast du deinen Lehrer, Alex. Sieht der grausig aus!"

Alexander sagte nichts dazu, aber besonders glücklich schaute er nicht gerade drein.

„Laßt uns weitermachen, Kinder," sagte Elizabeth und schob sie mit sanftem Nachdruck an ihre Plätze zurück. „Ihr werdet den Herrn schon noch früh genug kennenlernen!"

Sie lernten ihn bereits beim Mittagessen kennen. Auf Pemberley gab es mittags meist nur eine Kleinigkeit, Sandwiches oder eine Suppe. Als Elizabeth mit den Kindern den Speiseraum betrat, saß William bereits in Begleitung des neuen Lehrers am Tisch. Die Herren erhoben sich höflich, als das Kindermädchen mit ihren Zöglingen den Raum betrat.

„Miss Bennet, darf ich ihnen Mr. Casaubon vorstellen, Alexanders neuen Hauslehrer. Miss Bennet ist die Gouvernante der Kinder, Mr. Casaubon. Und das hier sind Master Alexander und Miss Hannah."

Mr. Casaubon verneigte sich knapp, kaum sichtbar vor Elizabeth, schaute aber an ihr vorbei und würdigte sie keines Wortes, sehr zu Elizabeths Verwunderung. Sie sagte dementsprechend auch nichts. Zu den Kindern sagte er mit seiner Grabesstimme: „Master Alexander, Miss Hannah."

Hannah war instinktiv froh, daß sie mit dem ernsten Mann nichts zu tun haben würde. Er sah aus der Nähe noch gruseliger aus, fand sie. Die dünnen, langen mausgrauen Haare, die von seinem knochigen Schädel herabhingen, der stechende Blick aus hellgrauen Augen, die schmalen, humorlosen Lippen. Und ganz besonders abscheulich fand sie den riesigen Leberfleck auf seiner Wange, aus dem drei dicke, schwarze Haare wuchsen. Sie schüttelte sich insgeheim.

Genauso erging es Elizabeth. Alexander, dessen etwas überheblicher Stolz darauf, einen eigenen Lehrer zu bekommen, spürbar abgenommen hatte, tat ihr von Herzen leid. Er sah sichtlich geschockt aus, aber er riß sich tapfer und mannhaft zusammen. Alexander wußte, sein Vater würde ihm schlechtes Betragen und Unhöflichkeit nicht durchgehen lassen.

Das kurze Mittagessen verlief in gequälter Atmosphäre. William, der ja auch nicht gerade als übermäßig kommunikativ gelten konnte, stellte Mr. Casaubon höflichkeitshalber einige Fragen, die dieser immer erst nach längerem Nachdenken und dann nur mit kurzen, gestelzten Worten beantwortete. Elizabeth und die Kinder beachtete der Hauslehrer überhaupt nicht. Alle waren froh, als sie nach einer halben Stunde gehen konnten.

„Wir beginnen mit Alexanders Unterricht morgen nachmittag, Mr. Casaubon. Nutzen sie den Rest des Tages, um sich von der Reise auszuruhen. Mrs. Reynolds wird ihnen ihre Kammer zeigen." Hoffentlich sehr weit weg von meiner, dachte Elizabeth mit Grauen.

Mr. Casaubon verneigte sich wortlos und folgte der Haushälterin nach oben zu dem Gästeflügel, während Hannah und Alexander in ihre Zimmer gingen.

Elizabeth blieb einen Augenblick zurück. „Wo haben sie den denn ausgegraben, Sir?" fragte sie respektlos und handelte sich prompt einen tadelnden Blick ihres Arbeitgebers ein.

„Mr. Casaubon ist ein sehr ehrenwerter, hochgelehrter Mann, Miss Bennet. Es würde ihnen ganz bestimmt nicht schaden, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen."

Elizabeths Augen blitzten. „Der Kerl ist einfach furchterregend! Er hat mich weder beachtet, noch ein Wort zu mir gesagt!"

William lächelte spöttisch. „Ein weiser Mann, nicht wahr?"

„Wieso habe ich immer das Gefühl, daß sie mich nie ernstnehmen, Sir?" fauchte Elizabeth und stürmte aus dem Zimmer. William konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie war so süß, wenn sie sich aufregte.

Den letzten Nachmittagsunterricht, den sie zu dritt miteinander hatten, verbrachten sie draußen im Park. Das Wetter war schön heute und sie gingen Enten beobachten und Kastanien sammeln. Die Kinder beklagten sich über den Hauslehrer, der ihnen Angst einjagte, aber Elizabeth wollte, daß sie ihm eine faire Chance gaben. „Vielleicht braucht er einfach Zeit, sich hier einzugewöhnen. Wartet doch erst einmal ab, möglicherweise ist er ja ganz nett." Sie war keineswegs davon überzeugt, aber was nützte es, wenn sie ins gleiche Horn stieß. Alexander konnte sich bei seinem Vater bedanken, daß er einen solchen Unhold eingestellt hatte. Natürlich hatten sie vorher kein Bild gesehen, aber sie hätte sowieso keinen so alten Lehrer engagiert, selbst wenn er noch so gute Referenzen aufzuweisen hatte. Mr. Casaubon sollte man nicht auf kleine Kinder loslassen, fand Elizabeth. Er würde Alexander bloß ängstigen und ob das den gewünschten Lernerfolg hatte?

Aber William schien davon überzeugt zu sein, daß er den richtigen Mann eingestellt hatte und gegen seine einmal getroffenen Entscheidungen gab es sowieso keinen Widerspruch, das hatte Elizabeth mittlerweile gelernt. Auch wenn sie manchmal im nachhinein selbstgefällig lächeln mußte, wenn er schließlich zugeben mußte, daß er die falsche Entscheidung getroffen hatte! Und Elizabeth war sich sehr sicher, daß Mr. Casaubon die falsche Entscheidung war.

Das Abendessen verlief genauso steif und unangenehm wie das Mittagessen. Mr. Casaubon ignorierte Elizabeth weiterhin und sprach ausschließlich mit William. Elizabeth kochte vor Ärger. Was bildete sich dieser arrogante Zipfel ein, wer er war? Er war nur ein dämlicher Hauslehrer, stand gesellschaftlich nicht höher als sie selbst. Also beschloß sie, ihn ein wenig zu provozieren.

„Mr. Casaubon, was halten sie davon, daß Mädchen Latein und Griechisch lernen?"

Er schenkte ihr keinen Blick. „Überhaupt nichts, Miss."

„Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?"

„Frauen sind für höhere Studien nicht geeignet. Das ist bewiesen. Ein weibliches Gehirn ist viel kleiner als das männliche, nicht so weit entwickelt und für eben diese Studien ganz einfach nicht ausgelegt."

Elizabeth hatte noch nie einen solchen Unfug gehört. Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. „Die Antike weist einige berühmte Dichterinnen auf. Sappho zum Beispiel wurde gar von Platon als die zehnte Muse bezeichnet und…"

Mr. Casaubon hörte ihr überhaupt nicht zu und fragte William, ob er Präferenzen bezüglich der Texte für den Lateinunterricht Alexanders hätte. Elizabeth starrte den Hauslehrer sprachlos an. Wie unhöflich, wie unverschämt konnte ein Mensch bloß sein? Selbst William runzelte indigniert die Stirn und zu Elizabeths Befriedigung gab er Mr. Casaubon keine Antwort, sondern wandte sich interessiert seinem Kindermädchen zu.

„In der Tat, Miss Bennet! Haben sie Sapphos Gedichte gelesen?"

Elizabeth lächelte bloß und zitierte in schönstem Griechisch einen Vers der antiken Dichterin.

„Schamloses Geschöpf!" fauchte Mr. Casaubon, während William sein Kindermädchen mit völlig neuen Augen sah. Elizabeth tauchte einen Augenblick in Williams bewundernden Blick ein und wandte sich dann mit einem zufriedenen Lächeln wieder ihrem Essen zu.

„Faszinierend, Miss Bennet. Erinnern sie mich bei Gelegenheit einmal daran, daß ich ihnen in der Bibliothek zwei ganz exquisite Ausgaben mit Sapphos Gedichten zeige. Die Bände sind schon seit über 100 Jahren in Familienbesitz und sehr selten. Natürlich nicht gerade das, was Master Alexander zu Beginn seiner Studien lernen sollte…"

William lächelte Elizabeth an und sie erwiderte das Lächeln aufrichtig, während Mr. Casaubon mißbilligend schnaubte.

„Sir, vielleicht können wir auf die Lehrmittel für den Lateinunterricht zurückkommen, ich habe in etwa folgende Vorstellungen…"

William schenkte Elizabeth einen letzten Blick und wandte seine Aufmerksamkeit dann höflich seinem neuen Hauslehrer zu.

Alexander war am nächsten Tag überhaupt nicht mehr wild darauf, mit dem neuen Unterricht zu beginnen, aber er hatte keine Wahl. Sein Vater wollte nichts davon hören. Mr. Casaubon war für ihn alleine eingestellt worden und der humorlose Gelehrte nahm seine Aufgabe sehr, sehr ernst. Pünktlich um drei Uhr nachmittags holte er Alexander ab und nahm ihn mit ins Unterrichtszimmer, das er wie selbstverständlich okkupiert hatte. Daß Elizabeth möglicherweise andere Pläne mit Hannah hatte, interessierte ihn dabei nicht im geringsten. Was sollte dieses impertinente Geschöpf wohl schon für „wichtige" Pläne haben...

Elizabeth gab nach, ohne sich zu streiten und zog sich mit Hannah ins Musikzimmer zurück. Sie kam Williams Wunsch nach, das Kind in die Geheimnisse der Handarbeiten einzuführen und Hannah äußerte die Absicht, ihrem Vater ein Taschentuch mit seinem Monogramm zu besticken. Das war keine schlechte Idee, schließlich war in wenigen Monaten Weihnachten und etwas Selbstgemachtes bot sich als Geschenk natürlich geradezu an.

Elizabeth liebte Handarbeiten zwar nicht besonders, aber natürlich war sie versiert genug, um dem Mädchen alles notwendige beizubringen. Und zu ihrem Erstaunen war Hannah besonders vom Sticken sehr angetan und entwickelte sogar ein gewisses Talent darin. Mit dem Seidentuch für ihren Vater gab sie sich besonders viel Mühe und als sie mit dem Monogramm fertig war und es zu ihrer Zufriedenheit ausfiel, bestickte sie es sogar noch mit kleinen, duftigen Blumen. Elizabeth war stolz auf ihre kleine, begabte Schülerin.

Alexander war weniger glücklich mit seinem Unterricht. Hatte er anfangs vor Hannah noch geprahlt, daß er bald richtig wichtige Dinge lernen würde, so brachte ihn die erste Stunde mit Mr. Casaubon schnell auf den Boden der Tatsachen zurück und er wünschte sich sehnlichst zu seiner Schwester und Elizabeth zurück. Mr. Casaubon war nicht nur völlig humorlos, er war auch sehr streng und ließ dem Jungen keine Nachlässigkeiten durchgehen. Schaute er aus dem Fenster und ließ sich von Dingen, die da draußen geschahen ablenken, erhielt er einen kräftigen Klaps auf die Finger, ebenso wenn er falsche Antworten gab. Alexander mußte sich mehr als einmal die Tränen verkneifen. Aber er wollte seinen Vater nicht enttäuschen und versuchte mannhaft, sich zusammenzureißen. Schließlich war er der Erbe Pemberleys und er tat, was von ihm verlangt wurde. Sein Vater sollte stolz auf ihn sein.

Mr. Casaubon lehnte es strikt ab, den Unterricht ab und zu ins Freie zu verlagern, so wie es Elizabeth immer getan hatte. William mischte sich in die Erziehungsmethoden nicht ein, der Gelehrte mußte schließlich wissen, was er tat. Wenn Mr. Casaubon nicht unterrichtete, seine Mahlzeiten einnahm oder schlief, verbrachte er seine komplette Freizeit in Pemberleys umfangreicher Bibliothek, um seinen gewichtigen Forschungen nachzugehen. Anfangs war William erfreut darüber, da er einem guten Gespräch über Literatur oder Geschichte niemals abgeneigt war, doch Unterhaltungen mit Mr. Casaubon erwiesen sich als zäh und wenig anregend. Der Hauslehrer ließ keine andere Meinung außer der seinen gelten und ließ somit erst gar keinen anregenden Disput aufkommen. Außerdem waren seine Ausführungen stets langatmig und William verlor schnell die Lust daran, mit ihm zu diskutieren.

Die friedlichen Abende, die William und Elizabeth mit ihren Büchern in der Bibliothek verbrachten und die ihnen zur lieben Gewohnheit geworden waren, wurden nun empfindlich gestört durch Mr. Casaubons Anwesenheit. Der Gelehrte strich murmelnd an den Regalen entlang, holte sich hier und da einen Band hervor, nahm ihn mit zu seinem Platz und begann von neuem damit, vor sich hinzumurmeln oder gar erstaunte Ausrufe zu machen, wenn er etwas von Interesse gefunden hatte.

William konnte wenig dagegen tun. Er war weiterhin davon überzeugt, daß der Mann für Alexanders Bildung nur von Vorteil sein konnte und ließ ihm seine Marotten durchgehen – wenn auch etwas widerwillig.

Alexander selbst sagte nichts negatives über seinen Lehrer. Er war entschlossen, die Sache durchzustehen, ohne seinem Vater und seinem Namen Schande zu bereiten. Er war schließlich ein Darcy, das wußte er schon in so jungen Jahren, und er wußte, was er seiner Familie schuldig war. Aber er war eben auch doch noch ein Kind und so fiel es Elizabeth bald auf, daß seine Unbekümmertheit und Fröhlichkeit in den letzten Tagen ziemlich nachgelassen hatten, auch wenn der Junge sich nach Kräften bemühte, seinen Kummer nicht zu zeigen.

Vor Elizabeth konnte er es jedoch nicht verbergen, sie war viel zu sensibel, um nicht zu spüren, daß mit dem Jungen etwas nicht stimmte und ging dem ganzen auf den Grund. Direkte Nachfragen brachten nichts. Alexander sagte jedesmal, daß alles in Ordnung sei, auch wenn sein so untypisch ernstes Gesicht eine andere Sprache sprach. In den Stunden, in denen sie gemeinsam Unterricht hatten, verhielt er sich so wie immer. Da auch Hannah keine große Hilfe war, denn noch nicht einmal ihr vertraute er sich an, beschloß Elizabeth, William darauf anzusprechen.

„Finden sie nicht, daß Alexander ziemlich ruhig und in sich gekehrt ist in letzter Zeit?" begann sie eines Morgens, als sie alleine am Frühstückstisch saßen. Die Kinder waren bereits nach oben gegangen und Mr. Casaubon hatte sich ebenfalls wieder in der Bibliothek eingenistet, wo er sicherlich bis zum Nachmittagsunterricht bleiben würde. William faltete seine Zeitung zusammen und trank seinen Kaffee aus. „Nun ja, er ist vielleicht etwas ruhiger geworden, in der Tat. Aber ich denke, das liegt daran, daß er langsam ein Verständnis dafür entwickelt, was von ihm erwartet wird. Er nimmt seine Lektionen glücklicherweise sehr ernst."

Elizabeth dachte über seine Antwort nach. Das konnte dazu beitragen, natürlich. Aber sie ahnte, es steckte mehr dahinter.

„Ich glaube, er ist nicht so ganz glücklich mit der Art und Weise, in der Mr. Casaubon den Unterricht abhält, Sir."

„Er bringt dem Jungen viel bei, Miss Bennet."

„Das bestreite ich ja gar nicht. Aber…" sie überlegte. Schließlich hatte sie keine Beweise, daß Alexander sich tatsächlich unwohl fühlte.

William erhob sich. „Miss Bennet. Ich habe meinen Sohn selbstverständlich gefragt, wie er mit Mr. Casaubon zurechtkommt und er hat sich nicht beklagt. Es schadet Alexander nicht im geringsten, falls sein Lehrer streng mit ihm ist."

Elizabeth seufzte. Auch von dieser Seite war offenbar kein Verständnis zu erwarten.

An diesem Nachmittag beschloß sie, mit Hannah den kleinen Salon neben dem Unterrichtszimmer zu beziehen. Sie hoffte, einige Anhaltspunkte zu bekommen, was den Umgang zwischen dem Hauslehrer und seinem kleinen Schützling anging. Damit sie etwas hören konnte, hatte sie Hannah eine Handarbeit gegeben und so konnten sie schweigend an ihren „Werken" arbeiten. Zunächst war es sehr ruhig. Sie hörte nur Mr. Casaubons Stimme – einschläfernd und wichtigtuerisch, so von sich selbst überzeugt. Alexanders Stimme war nicht zu hören, obwohl er öfters Antworten geben mußte. Manchmal wurde Mr. Casaubons Stimme wütend und ein seltsames Geräusch war zu hören, daß Elizabeth nicht einordnen konnte. Sie zerbrach sich den Kopf, aber ohne Erfolg.

Als sie nach Unterrichtsende auf den Gang trat, erhaschte sie einen kurzen Blick auf Alexander und erschrak, als sie sein tränenverschmiertes Gesicht sah. Er wandte sich sofort ab und rannte den Gang hinab in sein Zimmer.

Elizabeth packte der Zorn. Sie stürmte in den Unterrichtsraum und stellte Mr. Casaubon entschlossen zur Rede.

„Was haben sie mit dem Jungen gemacht, Sir? Warum hat er geweint?"

Der Hauslehrer wandte sich langsam um und schaute sie ausdruckslos, ja geradezu geringschätzig an. „Mischen sie sich gefälligst nicht in meine Unterrichtsmethoden, Miss," sagte er arrogant.

„Ich warne sie, wenn sie Alexander noch einmal schlagen, bekommen sie es mit mir zu tun!"

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern ließ ihn einfach stehen. Mr. Casaubon hatte sie bereits vergessen und machte sich, in Gedanken völlig bei den griechischen Philosophen, auf den Weg in die Bibliothek.

William darauf anzusprechen würde nichts bringen, das wußte sie. Er würde zwar nicht dulden, daß jemand seinen Sohn prügelte, aber gegen einen Klaps hier und da würde er ganz sicher nichts sagen. Seine ehemaligen Lehrer waren in dieser Beziehung nicht viel anders gewesen und er fand, es schadete nicht. Alexander sollte schließlich kein Weichling werden. Und da der Junge selbst mit keinem Wort jammerte, konnte Elizabeth nicht viel machen. Aber er wurde immer in sich gekehrter und Elizabeth immer besorgter.

Sie hielt Hannahs Unterricht jeden Tag in dem kleinen Salon ab und der Unterricht im Nachbarraum verlief stets gleich. Mr. Casaubon dozierte und Alexander durfte ab und zu antworten. Das seltsame Geräusch war oft zu hören, doch auch Hannah hatte keine Idee, was das sein konnte. Sie litt schweigend mit ihrem Zwillingsbruder, doch auch sie fand keinen Zugang zu ihm.

Eines Tages jedoch, Elizabeth und Hannah stickten fleißig im Nachbarraum, hörten sie nebenan einen Schrei und unterdrücktes Weinen. Elizabeth ließ alles fallen und rannte sofort in das Unterrichtszimmer, wo sie Alexander tränenüberströmt neben dem Tisch stehen sah. Sie zuckte zusammen, als sie die Abdrücke von Fingern auf seinem Gesicht sah. Als der Junge sie bemerkte, stürzte er zu ihr hin und schlang weinend seine Arme um sie. Mr. Casaubon, einen Rohrstock in der Hand, starrte die beiden zornig an.

„Alex, Liebling, was ist geschehen?" fragte Elizabeth leise und schloß das Kind in die Arme. Der Junge gab keine Antwort und weinte nur herzzerreißend. Die Dämme in ihm waren endlich gebrochen und all das unterdrückte Leid, daß ihn seit Wochen begleitete und das er in sich hineingefressen hatte, brach sich Bahn. „Hannah, hol deinen Vater," bat Elizabeth und warf dem Hauslehrer einen vernichtenden Blick zu, den dieser kühl und gleichgültig erwiderte. Das schockierte Kind eilte los und kam nach wenigen Minuten mit William zurück.

Williams Herz zog sich zusammen, als er seinen Sohn so elend sah. Er kniete sich neben ihn und Elizabeth.

„Alexander, schau mich an. Was ist passiert, Sohn?"

Der Junge schniefte und wagte kaum, seinen Vater anzusehen. Er ließ Elizabeth nicht los. „Hab keine Angst. Erzähl mir, was geschehen ist."

„Gar nichts ist geschehen, Sir," mischte sich Mr. Casaubon plötzlich ein. „Er hat eine freche Bemerkung gemacht und mir ist die Hand ausgerutscht. Nichts von Bedeutung. Kommen sie, Master Alexander, lassen sie uns mit den Lektionen fortfahren."

Er wollte den Jungen zu sich ziehen, doch dieser wimmerte und klammerte sich nur noch fester an Elizabeth. „Lassen sie das Kind los," sagte William streng zu dem Hauslehrer. „Ich will wissen, was genau passiert ist. Warum weint der Junge so?"

„Wie ich bereits sagte, Sir. Ich mußte ihm eine kleine Ohrfeige geben. Er benahm sich äußerst impertinent. Zweifellos rührt das von den wunderlichen Erziehungsmethoden dieser Dame her." Er warf Elizabeth einen verächtlichen Blick zu.

William wußte, hier würde er nichts weiter erfahren. Alexander war viel zu aufgelöst und das beste wäre, ihn erst einmal zu beruhigen und in Ruhe zu lassen. „Miss Bennet, darf ich sie bitten, sich um den Jungen zu kümmern? Ich denke, ich werde nachher in Ruhe mit ihm reden, wenn er sich wieder beruhigt hat. Natürlich werde ich der Sache auf den Grund gehen müssen."

Elizabeth nickte wortlos. Sie warf dem Hauslehrer einen Blick zu, der ihn ohne weiteres hätte töten können und verließ mit Alexander und Hannah den Unterrichtsraum.

„Ich gestatte nicht, daß sie meine Kinder schlagen, Mr. Casaubon," sagte William mit strenger Stimme, als er mit dem Lehrer alleine zurückblieb. „Wir werden uns später noch unterhalten, wenn ich mit meinem Sohn gesprochen habe. Ich lasse sie dann rufen."

Er ließ Mr. Casaubon stehen und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, um nachzudenken. Es schien, als hätte Elizabeth einmal mehr recht gehabt. Zugegeben, sie hatte eine gute Menschenkenntnis, sie hielt von Anfang an nichts von dem seltsamen Gelehrten. Und sie hatte früh bemerkt, daß Alexander sich in dessen Gesellschaft nicht wohlfühlte. William machte sich Vorwürfe, ihr keinen Glauben geschenkt beziehungsweise ihre Ahnungen als unsinnig abgetan zu haben.

Elizabeth hatte Alexander in sein Zimmer gebracht und vorgeschlagen, daß er sich ein wenig hinlegte. Hannah leistete ihm Gesellschaft und Elizabeth las den beiden solange vor, bis sie eingeschlafen waren. Sie hätte selbst weinen können vor Wut und vor Mitgefühl mit dem armen Jungen. Wie lange hatte er das schon tapfer ertragen? Nie hatte er sich beklagt. Hoffentlich würde Mr. Darcy diesen unglaublichen Menschen hinauswerfen – sicher konnte er nicht tolerieren, daß ein Lehrer sein Kind mißhandelte.

William kam später nach oben und sprach mit seinem Sohn. Er fragte ihn, ob er den Unterricht mit Mr. Casaubon fortsetzen wollte und das verängstigte Gesicht des Jungen war ihm Antwort genug. Er seufzte.

„Komm her, Alex," sagte er und schloß das Kind liebevoll in die Arme. „Du kannst mir immer sagen, wenn du etwas auf dem Herzen hast, mein Sohn. Du darfst deinen Kummer nicht unterdrücken, hörst du? Und du mußt dir auch nicht gefallen lassen, daß dein Lehrer dich schlägt. Wenn dich einer schlagen darf, dann bin ich das und sonst niemand."

Alexander grinste schief. „Du hast mich doch noch niemals geschlagen, Papa."

„Ich will auch nicht damit anfangen. Versprichst du mir, daß du mir immer sagst, wenn du etwas auf dem Herzen hast?"

Alexander nickte und versprach es feierlich. „Dann trennen wir uns am besten von Mr. Casaubon, oder was meinst du?"

Alexander strahlte und sah sehr, sehr erleichtert aus.