Chapter 12 - Spaziergang im Wald

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.

Lucius Annaeus Seneca

Edward ging neben mir her und ich schaute auf den Boden um zu sehen, wohin ich lief. Ich wollte wissen, wohin ich trat um meiner Tollpatschigkeit keine Chance zu geben. Mich zu blamieren, indem ich hinfiel, wollte ich entgegenwirken. Wir liefen eine Weile nebeneinander her und die drei Pärchen vor uns, wurden immer kleiner. Die Stille zwischen uns war mir unangenehm und ich suchte in meine Gedanken nach einem Thema, über das wir sprechen konnten. Doch mir wollte einfach nichts Passendes einfallen. Das dritte, oder hier das siebte Rad am Wagen wollte ich nicht sein und Edward ging es wahrscheinlich ebenso.

„Was machst du an Thanksgiving?" Durchbrach Edward das Schweigen und fing an einen Stein mit seinem rechten Fuß vor sich her zu treten.

„Ich fahr zu meinen Eltern...nach Forks..." Beantwortete ich seine Frage und ließ meine Hände in meine Hosentaschen gleiten.

„Ist es schön in Forks?" Edwards Stimme drang melodisch und sacht ein mein Ohr.

„Naja...wenn du Regen magst..." Ich lächelte leicht. Regen hasste ich über alles und war froh, dass Ethan nicht an so einen düsteren Ort aufwachsen musste. Mit all diesen engstirnigen Leuten und den Gerüchten, die immer im Umlauf waren.

„Nicht wirklich!" Lachte Edward und ich stieg mit ein. Er war unbefangen und hob so meine Laune um einiges an.

„Wie sind deine Eltern so?" Fragte er und schaute mich interessiert an. Ich hielt einen Moment inne und lief dann aber gleich wieder neben ihm her.

„Meine Mum...sie ist eher das Gegenteil von mir...lebendig, total unordentlich und unkoordiniert..." Ich musste kichern als ich daran dachte, wie sie immer auf der Suche nach ihren Schlüsseln war und sie ihn sogar einmal im Kühlschrank hatte liegen lassen.

„Und mein Dad ist eher nicht der eloquente Typ...Er könnte es sein...Aber er ist eher still und macht Dinge mit sich selbst aus..."
"Also kommst du eher nach deinem Dad!" Stellte Edward fest und ich nickte.

Ich wusste, dass ich nicht viel von mir preisgab und doch hätte ich es gerne getan. Ich war nicht ganz wie mein Dad...Zumindest wollte ich es nicht sein...Er war derjenige, der mich am ehesten unterstützt hatte. Auch als ich schwanger wurde. Doch er kam mit der Situation nicht klar. Ich war seine einzige Tochter und hatte ihn in seinem Stolz und seiner Ehre verletzt. Er machte sich nicht viel aus Traditionen, doch das konnte er sich einfach nicht gefallen lassen. Ich hatte ihn enttäuscht...Ich hatte alle enttäuscht...Tränen sammelten sich in meinen Augen und ich versuchte sie zu unterdrücken.

„Warum bist du nicht in Forks geblieben und hast da Studiert?" Mühsam konnte ich meine Fassung behalten und meine Tränen zurückhalten.

„Warum seid ihr nicht in Alaska geblieben?" Fragte ich ihn und seine Lippen umspielte ein leichtes Lächeln.

„Touché." Sagte er und fuhr sich mit seiner Hand durch seine wunderschönen bronzefarbenen Haare.

Ich betrachtete Edward von der Seite. Seine perfekt geformte Nase, seine schön geschwungenen Lippen und seine grünen, durchdringenden Augen, mit denen er mich immer still musterte und ich das Gefühl hatte, er konnte bis tief in meine Seele schauen.

Er wandte seinen Blick zu mir und seine Augen fingen an zu Funkeln. Zuvor hatte er mich noch nie so angesehen und ich fragte mich, was er in diesem Moment wohl dachte. Ich wollte mich zwingen wegzusehen, doch ich schaffte es nicht. Er zog mich in seinen Bann und mein Herz begann bei seinem Anblick schneller zu schlagen.

„Wir...Ich..." Er blieb stehen und holte einmal tief Luft.

„Freue mich, dass du heute gekommen bist." Sagte er schnell und setzte seine Schritte fort.

Noch zuvor im Auto hatte er keinen Ton zu mir gesagt und auf der Treppe hatte er mich keines Blickes gewürdigt. Doch nun stand er hier und sagte mir, dass er sich freute, dass ich hier war. Ich konnte sein Verhalten nicht deuten. Manchmal ging er mir aus dem Weg und plötzlich tauchte er hier im Wald neben mir auf und verwickelte mich in eine Unterhaltung.

„Ich bin froh, dass ihr mich eingeladen habt." Erwiderte ich leise und schon wieder liefen wir schweigend nebeneinander her. An einer Weggabelung warteten die anderen auf uns und musterten uns eindringlich.
"Wir sollten zurück, es wird langsam dunkel." Stellte Carlisle fest und alle willigten ein. Alice schlechte Laune, dass wir keine Scharade gespielt hatten, war wie weggeblasen. Ihre Augen glänzten, als sie mich ansah und mich anlächelte.

Sie ließ Japsers Hand los und hakte sich bei mir ein. Wir liefen den anderen voraus und sie fing leise an zu summen. Als wir außer Hörweite waren, sah sie mich aufgeregt an und ihr verschmitztes Grinsen wurde immer breiter.

„Ich hab dir doch gesagt, dass er dich mag!" Ich verdrehte die Augen und erwiderte nichts.

„Ach Bella, ist doch nicht schlimm, dass er dich mag, oder?"

Ich schüttelte den Kopf und richtete meinen Blick nach vorne. Wie konnte ich ihr begreiflich machen, dass es einfach nicht möglich war? Dass ich nicht mit Edward zusammen sein konnte, auch wenn ich es gewollt hätte?

„Bella?" Mit großen Augen betrachtete mich Alice.

„Hmm?" Ich sah sie an. Wir traten aus dem Waldweg heraus und liefen über die Wiese auf das Haus ihrer Eltern zu.

„Warum gibst du euch keine Chance?"

Warum ich Edward und mir keine Chance gab? Was für eine Chance? Wir hatten keine...Hätte ich ihn vorher kennen gelernt...Unter anderen Umständen...Dann hätten wir vielleicht eine gehabt...Doch es war nicht möglich...Und ich konnte es einfach nicht zulassen...Ich konnte ihm mein Herz nicht öffnen, genauso wenig, wie ich es den anderen Menschen in meinem Leben öffnete. Es gehörte ganz alleine Ethan... Er war der Mann in meinem Leben und das Wichtigste, was ich hatte... Er würde mich nicht enttäuschen...

„Es geht einfach nicht." Sagte ich ehe wir anhielten, um auf die Anderen zu warten. Nur wenig später gesellten sie sich zu.

„Ich sollte langsam nach Hause..." Ich blickte in die Runde.

„Edward fährt dich!" Entscheid Esme und er trat einen Schritt auf mich zu.

„Die anderen müssen mir noch beim Aufräumen helfen!"

Ich hörte Emmett stöhnen und musste lächeln.

„Ach Mum, ich wollte doch heute Abend diesen Film anschauen!" Versuchte er sich herauszureden.

„Keine Wiederrede!" Bestimmen schritt sie auf mich zu und nahm mich in den Arm.

„War schön dich kennen zu lernen, Bella!"

„Ich fand es auch schön!" Sagte ich und verabschiedete ich mich von den anderen.

Als mich als letztes Carlisle umarmte zögerte ich kurz. Er beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir etwas ins Ohr, sodass es nur ich hören konnte.

„Du solltest sie nicht länger anlügen."

Bei seinen Worten zuckte ich zusammen. Er hatte ja recht... Aber es war leichter gesagt, als getan…Ich hoffte, er würde mir es selbst überlassen den richtigen Zeitpunkt für die Wahrheit herauszufinden. Zumindest hoffte ich, dass ich diesen Zeitpunkt bald finden würde...Doch wann sollte dieser sein? Jetzt? Morgen? In ein paar Tagen, oder vielleicht Monaten?

Ich setzte mich neben Edward ins Auto und er fuhr mich nach Hause. Schon wieder schwiegen wir uns an und ich überlegte, warum wir einfach kein normales Gespräch führen konnten. Warum war es uns beiden nicht möglich Small-Talk zu halten und ein oberflächliches Gespräch ein paar Minuten aufrecht zu halten, ehe es wie immer abflachte und in Schweigen endete?

„Der Tag war wirklich schön..." Versuchte ich wenigstens eine kleine Unterhaltung in Gang zu bringen.

„Du hast eine tolle Familie."

Edward schaute mich kurz an und wandte seinen Blick dann wieder der Straße zu.

„Ja, sie sind toll." Bejahte er meine Aussage.

„Die drei Musketiere..." Flüsterte ich und realisierte erst dann, dass ich das laut gesagt hatte.

Mit einer hochgezogenen Augenbraue richtete Edward wieder seinen Blick auf mich, doch erwiderte nichts.

Als er sein Auto vor meiner Wohnung zum stehen brachte, schnallte ich mich ab und öffnete dir Tür. Bevor ich ausstieg hielt ich noch kurz inne.

„Danke fürs Fahren." Entgegnete ich ihm und schloss die Tür hinter mir. Edwards Blick bohrte sich in meinen Rücken, als ich die Haustüre aufschloss. Erst als ich im Haus verschwunden war, startete er seinen Wagen und fuhr davon.

Ich lehnte mich noch kurz gegen die kalte Hauswand, um meine Gedanken zu ordnen. Mein Herz schlug wie wild und noch immer hatte ich Edwards außergewöhnlich schönes Gesicht vor Augen. Eindeutig fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Auch als wir im Wald waren hätte ich ihn am liebsten in die Büsche gezerrt, um mit ihm alleine zu sein. Ich vermisste Umarmungen und die Nähe zu anderen Menschen. Körperliche Nähe, Geborgenheiten und all das, was mit einer Beziehung in Zusammenhang stand, hatte ich schon eine lange Zeit nicht mehr gespürt. Ich dachte immer, dass es nicht wichtig war und erst jetzt war mir klar, dass ich es brauchte. Ich brauchte es, doch verdiente es nicht.

Betty erwartete mich bereits mit einer Tasse Kaffee, als ich meine Wohnung betrat.

„Und wie war dein Abend?"

Ich setzte mich neben sie auf die Couch und versuchte abzuschalten und meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

„Es war schön. Alice hat eine tolle Familie."
Ich erinnerte mich daran, wie mich Carlisle gemustert hatte, als er mich erkannte.

„Sonst alles in Ordnung? Du siehst ein wenig aufgewühlt aus." Betty füllte ihren Kaffee nach und rührte einen Löffel Zucker hinein.

„Der Kinderarzt, bei dem ich war...Das ist Alices Vater..." Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee und die Wärme breitete sich in meinem Magen aus.

„Wissen sie es dann endlich?" Fragte Betty neugierig und ich schüttelte den Kopf

„Nein, er möchte mich nicht verraten...Er will, dass ich es ihnen selbst sage..."

„Und? Wirst du es ihnen bald beichten?" Ich seufzte und stellte den Kaffeebecher auf den Wohnzimmertisch.

Ich beantwortete Bettys Frage nicht. Ich konnte sie mir selbst ja nicht einmal richtig beantworten.

„Ich habe meine Mutter angerufen." Gab ich kleinlaut zu und auf Bettys Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

„Hast du meine Andeutung also doch verstanden?" Fragte sie mich erfreut, doch ihr Lächeln erstarb, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte. Tränen stiegen mir in die Augen und ich konnte sie nicht länger zurückhalten. Ich wollte stark sein, doch ich konnte es einfach nicht mehr. Betty nahm mich liebevoll in den Arm.

„So schlimm?" Fragte sie mich, während sie mich an sich drückte.