Der September wich langsam einem milden Oktober, und als Jiang Li zufällig auf dem Flur Hausmeister Filch über die bevorstehenden Halloween-Festlichkeiten murren hörte, wunderte sie sich nicht wenig über die Schnelligkeit, mit der die letzten Wochen vergangen waren.
Potter hatte ihr wider Erwarten keine größeren Schwierigkeiten mehr gemacht. Er half seinen Mitschülern, ohne zu klagen, und bemühte sich sogar, ihr gegenüber etwas höflicher zu sein. Jiang Li war dennoch klar, dass er nicht viel von ihr hielt, mochte sie jetzt auch schon von Schutzzaubern zu effektiver Verteidigung übergegangen sein.
Der sechste Jahrgang befand sich ja in einer Art Vorbereitung auf das siebente Jahr, in dem schlussendlich die fürchterlich anstrengenden N.E.W.T.s stattfanden. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie es damals gewesen war. Die meisten der Ravenclaws hatten verbissen bis spät in die Nacht gelernt oder sich auf die Suche nach Zaubersprüchen und –tränken gemacht, die das Denkvermögen erweitern konnten. Waren sie dabei von Flitwick oder sonst einem Lehrer erwischt worden, hatte es Strafarbeiten und Beinahe-Verweise geregnet. In den anderen Häusern würde es wohl auch nicht sonderlich anders gewesen sein.
Die Bäume rund um den See raschelten leise im gelegentlich aufkommenden Herbstwind. Die trockenen Blätter rissen sich bald los, wirbelten anmutig über den Uferweg und türmten sich zu kleineren Häufchen, die von der sanften Brise einen Atemzug später schon wieder auseinandergefegt wurden.
Als sie dem verspielten Treiben eine Weile lang zugesehen hatte, trat Jiang Li noch einen Schritt näher an das dunkle Wasser heran. Zuerst rührte sich nichts, dann peitschte plötzlich wie zur Warnung ein langes Tentakel in die Höhe, zuckte eine Weile ziellos über die Oberfläche und versank schließlich ebenso schnell wieder, wie es zuvor gekommen war.
Sie fuhr sich müde über die Augen und kramte in der Bauchtasche ihrer Robe nach dem angebrochenen Päckchen Zigaretten, das sich ihrer Erinnerung nach noch darin befinden musste. Madam Malkin hatte ihr einige praktische Sonderanfertigungen geschneidert, zu denen auch diese Tasche zählte. Nirgendwo sonst konnte man Zauberstäbe, Pfefferkobolde und Karamellbonbons so gut aufbewahren wie hier.
Warum sie dabei auf einmal an Snape denken musste, war ihr dann selber nicht klar. Während sie den weißblauen Rauchkringeln mit den Augen folgte, fiel ihr ein, dass er in ihrem ersten Jahr selber erst gerade mal ein Jahr lang auf Hogwarts unterrichtet hatte. Von Anfang an hatte er seinem Ruf als kalter, launischer und leicht reizbarer Zaubertrankmeister alle Ehre gemacht.
Sie hatte ihn allerdings nur bis zum sechsten Jahr ertragen müssen. Zaubertränke brauen war noch nie ihre Stärke gewesen und das schlug sich natürlich auch in den O.W.L.s nieder. Mehr als ein „Annehmbar" war nicht drin gewesen und Snape akzeptierte in seinen Kursen keine Noten unter „Ohnegleichen". Damit hatte sich die Sache von selbst erledigt.
Großmeisterin Zhen Juan hatte ihr das Pergament, auf dem die Prüfungsbenachrichtigung geschickt worden war, so oft um die Ohren geschlagen, bis es sich schlussendlich völlig zerfetzt im ganzen Raum verteilt hatte.
Jiang Li seufzte und strich sich eine widerspenstige Haarsträhne hinter die Ohren zurück, die beinahe sofort wieder nach vorne geweht wurde.
Was für ein Glück, dass sie in der Kampfschule ihre Kolleginnen hatte, die sich mit Giften und Gegengiften bei Weitem besser auskannten als sie. Abgesehen davon war ihr die Stelle am Huashan ein schon von Kindesbeinen an fest zugesicherter Arbeitsplatz gewesen, und wenn sie einmal ehrlich zu sich selber war, dann musste sie zugeben, dass sie sich gar kein anderes Betätigungsfeld mehr vorstellen konnte. Natürlich, Fluchbrecher oder Heiler wäre möglicherweise schon toll gewesen, hätte sie dazu nur die nötige Begabung besessen. Aber die Meisterin hatte, ebenso wie ihre Eltern natürlich, schon seit Jahren fest damit gerechnet, dass sie gleich nach dem Schulabschluss auf den Huashan zurückkehren würde.
Es war so peinlich gewesen, als sie ihre N.E.W.T.s bekommen hatte. Es waren nur neun gewesen, gerade mal drei über der Hälfte. Zwar hatten die meisten ihrer Jahrgangskollegen auch nicht viel mehr geschafft, doch sie hätte so gerne bewiesen, dass sie gut war. Genauso klug wie die anderen auch. Und dass der Sprechende Hut sich gründlich getäuscht hatte.
Sie seufzte wieder und straffte entschlossen die Schultern.
Sinnlos, jetzt noch daran zu denken. Kein Mensch fragte mehr nach ihren Prüfungsergebnissen, schon gar nicht, nachdem Dumbledore sie jetzt nach Hogwarts geholt hatte.
Als sie sich zum Frühstück in die Große Halle setzte, fiel ihr plötzlich eine Veränderung an Snape auf. Vermutlich lag es daran, dass sie zuvor an ihn und das erste Schuljahr gedacht hatte, denn normalerweise sah sie ihn nicht länger als zwei Sekunden lang an, wenn es sich vermeiden ließ.
Snape war doch normalerweise der am wenigsten gepflegte Lehrer in Hogwarts, dicht gefolgt von Hagrid und Madam Sprout, die sich die Fingernägel vermutlich nur alle Jubeljahre einmal putzte. Diesmal aber glänzte sein Haar nicht ganz so fettig wie sonst, es sah sogar einigermaßen gesund und kräftig aus – lediglich kämmen musste er es noch. Aber immerhin, was für ein Fortschritt!
Er bemerkte ihren Blick und funkelte sie gereizt aus den Augenwinkeln an.
„Gibt es ein Problem, Lian?"
„Ihnen auch einen schönen Morgen!", gab Jiang Li mit einem liebenswürdigen Lächeln zurück und griff nach der Wasserkanne. Sein Gesicht wurde noch verkniffener und er wandte sich ruckartig ab. Diesmal konnte sie sich das Schmunzeln nicht mehr verkneifen.
Ihre bedrückte Stimmung hellte sich langsam auf, und als Dohosan Brant sie zur Abwechslung wieder einmal begrüßte, schritt sie heimtückisch zur Tat.
„Hallo Dohosan! Ich habe Sie ja schon den ganzen Morgen über gesucht! Ich hätte da etwas für Sie!", lächelte sie strahlend und klimperte geziert mit den Wimpern. Er gab das Lächeln etwas verwirrt zurück, schien aber nicht auf der Hut zu sein. Sie langte in ihre Tasche und schob ihm ein eingewickeltes Päckchen zu, in dem sich über ein halbes Kilogramm feinsten Konfekts befand. Brant konnte dem Zuckerzeug nicht widerstehen, das wusste sie genau. Als er den Inhalt ihres Geschenks betrachtete, konnte sie förmlich sehen, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
„Vielen Dank, liebe Jiang Li", meinte er erfreut und grinste sie vergnügt an. Warum sie ihm solche Geschenke machte, war ihm zwar schleierhaft, obwohl – offensichtlich hatte seine Gardinenpredigt voll ins Schwarze getroffen. Sie verehrte ihn. Kaufte Geschenke. Das Leben war schön, resümierte er behaglich, als er sich das erste Stückchen in den Mund schob. Jiang Li beobachtete ihn genau und lächelte hinterhältig.
„Wissen Sie, ich war zufällig in Hogsmeade und musste auf einmal an Sie denken … hoffentlich habe ich Ihren Geschmack getroffen!"
Was war das bloß für ein Idiot, dachte sie und lehnte sich zufrieden zurück. In ein paar Monaten würde der schöne Brant, wenn er weiterhin so fleißig ihre Mitbringsel futterte, in die Breite gehen wie ein Hefeteig.
Sie kicherte hämisch. Er würde schlicht und einfach eines Morgens durch keinen Kamin mehr passen!
„Muss Liebe schön sein", murmelte Snape gedehnt in seinen Haferbrei und hüstelte mokant. Jiang Li spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufrichteten.
„Eifersüchtig?"
„Das hätten Sie wohl gern, Lian."
Bevor sie etwas Passendes erwidern konnte, ertönte plötzlich das Rauschen hunderter Flügelpaare knapp unter der Decke der Großen Halle. Offensichtlich war die morgendliche Post im Anflug und brachte eine Unmenge von Zeitungen, Briefen und Paketchen an die fünf Tische.
Auch Galatyn befand sich unter ihnen und war wieder einmal sehr gekränkt, als Jiang Li sich zuerst der ungeduldig krächzenden Eule widmete, die ihre fünf Knuts für die Zeitung haben wollte.
„Du bist eine richtige Diva!", schimpfte sie ärgerlich, als er heimtückisch nach ihrer Hand schnappte, anstatt das Pergamentröllchen herzugeben, und gab ihm einen tüchtigen Klaps. „Schämen solltest du dich, schau dir nur mal die Schuleulen an, von denen kannst du nur lernen!"
Diesmal erwischte er sie wirklich und hinterließ einen langen, brennenden Kratzer auf ihrem Handrücken, bevor er eilig abhob und in Richtung Eulerei verschwand. Jiang Li schnaubte gereizt und entrollte ruckartig den Brief. Er war von Großmeisterin Zhen Juan und in der ihr typischen, unverschnörkelten und kurz angebundenen Art gehalten.
Jiang Li,
es ist nun schon recht lange her, dass eine Nachricht von dir angekommen ist. Was allerdings nicht an deinem Raben liegen kann, denke ich. Dass du dich der Höflichkeit halber ab und zu melden könntest, weißt du ja nun. Aber das ist nicht der eigentliche Grund dieses Schreibens.
Ich hege die Befürchtung, dass du dich in Hogwarts zu sehr gehen lässt. Trainierst du täglich?
Jiang Li ließ die Schriftrolle sinken und schnippte mit gerunzelter Stirn einen Brotkrümel von der Tischdecke. Was ging das Zhen Juan schon an, was sie hier in Großbritannien tat?
Du weißt genau, dass du in guter Form bleiben musst. Solltest du dich soweit vernachlässigen, mit den anderen Mädchen nicht mehr mithalten zu können, müsste ich daraus die Konsequenzen ziehen. Abgesehen davon wird es langsam Zeit, dass du dich mit deinen zukünftigen Aufgaben auseinandersetzt. Die Kampfschule braucht einen fähigen Nachfolger. Ja, ja, ich weiß, dass du davon nichts hören willst. Nichtsdestotrotz lege ich dir einiges an Lesestoff bei, der dich wenigstens ansatzweise etwas auf die Zukunft vorbereiten wird.
Wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen, werde ich dich außerdem in die Ratssitzungen und Versammlungen mitnehmen. Du bist alt genug, um zu lernen, welche Rechte dir zustehen und welche Pflichten du dafür zu absolvieren hast.
Ich erwarte, dass du dir meine Mahnungen zu Herzen nimmst und hart an dir arbeitest,
Grüße,
Zhen Juan
Jiang Li rollte das Pergament langsam auf und widmete sich kurz der angekündigten Bücherliste.
„Kampfschulen in der heutigen Zeit: lukrativ und respektabel", „Wirtschafts-ABC für angehende Geschäftsleute" gefolgt von: „Schutzzauber für Haus und Hof: eine Einführung" und zwei, drei anderen, ähnlich klingenden Titeln.
Entsetzlich. Jiang Li las die mageren Zeilen noch einmal durch und ärgerte sich beinahe. Sie hasste es, so abgekanzelt zu werden.
„Ach ja, Miss Lian –"
Sie hob den Kopf und ließ das Pergament kurzerhand in ihrem Ärmel verschwinden. Über ihre Lektüre hatte sich die Große Halle weitgehend geleert. Snape und Brant waren ebenfalls bereits gegangen, dafür stand nun Dumbledore vor ihrem Platz und lächelte sie freundlich an.
„Ja?", fragte sie abwesend und fuhr sich kurz über die Augen. „Entschuldigen Sie bitte, Professor. Ich …"
„Ich muss meinerseits um Verzeihung bitten. Offensichtlich habe ich Sie gerade bei etwas Wichtigem gestört", meinte er liebenswürdig.
„Nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen", erwiderte sie hastig, zwang sich ebenfalls zu einem freundlichen Lächeln, erhob sich eilig, wobei sie beinahe ihren Teller zu Boden fegte, und trat dann rasch vor den Lehrertisch zu Dumbledore. „Was kann ich für Sie tun?"
„Eigentlich wollte ich Sie nur daran erinnern, dass das Zaubereiministerium dieses Jahr zu Halloween einen großen Ball veranstaltet. Der Minister würde Sie als neues Mitglied unseres Lehrkörpers außerordentlich gerne kennenlernen …" Er räusperte sich bedächtig und sah sie vielsagend an.
Es dauerte eine Weile, bis Jiang Li begriff. Der Minister, über den sie aus dem Tagespropheten schon so einiges wusste, würde ihr gewiss auf den Zahn fühlen wollen. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, was für eine abstoßende Schmutzkampagne der Tagesprophet, an der Fudge offensichtlich zu einem großen Teil beteiligt gewesen war, noch ein Jahr zuvor gegen Dumbledore geführt hatte.
„So ein verlockendes Angebot kann ich doch nicht ausschlagen", erwiderte sie schließlich ironisch und zuckte flüchtig mit den Achseln. „Ich hatte bisher ohnehin noch nicht die Ehre, Minister Fudge persönlich kennenzulernen." Und ich könnte wirklich gut darauf verzichten, schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Aber es war nur natürlich, dass der misstrauische Fudge die neue Lehrerin in Hogwarts auf Herz und Nieren prüfen wollte. Gewiss brodelte und kochte es vor Ärger gewaltig in ihm, nachdem die von ihm ins Amt gerufene Dolores Umbridge so beschämend gescheitert war.
„Schön", antwortete Dumbledore mit einem amüsierten Zwinkern seiner strahlendblauen Augen, „Der Abend wird bestimmt sehr – nett."
Sie lächelten einander für eine Sekunde verschwörerisch zu, dann verabschiedete sich Dumbledore mit einem aufmunternden Nicken und verschwand in Richtung Marmortreppe.
Jiang Li zog den Brief wieder aus dem Ärmel, packte ihre Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zum Lehrerzimmer. Sie hatte in der ersten Stunde keinen Unterricht und sich inzwischen dazu entschieden, als Zeichen guten Willens einen Brief an ihre Meisterin zu schreiben.
Der getäfelte Raum war bis auf die rothaarige Lehrerin für Alte Runen leer. Sie hatte zwei hohe Papierstapel vor sich auf dem Tisch liegen, hinter denen sie beinahe vollständig verschwand; mit gerunzelter Miene las und korrigierte sie sorgfältig Blatt für Blatt.
„Guten Morgen", grüßte Jiang Li höflich und starrte unwillkürlich auf die Massen von Pergament. Ceallach Earnan hob den Kopf und lächelte kurz.
„Erste Prüfung im Trimester. Guten Morgen, Jiang Li. Wann sind die Kinder denn bei Ihnen dran?"
„Du liebe Zeit, daran denke ich lieber noch gar nicht", antwortete Jiang Li stöhnend und verdrehte die Augen in gespielter Verzweiflung. „Bisher war ich immer zu faul, etwas vorzubereiten … aber ich fürchte, das wird mir wohl doch nicht erspart bleiben …"
„Immer Kopf hoch! Bloß nicht aufgeben!", lachte Ceallach vergnügt auf und fegte sich die roten Locken lebhaft über die Schultern zurück, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte.
Jiang Li grinste kurz in sich hinein und zog sich einen der alten, dunklen Stühle heran. Die nächste halbe Stunde konzentrierte sie sich voll und ganz auf die Nachricht an Großmeisterin Zhen Juan; man hörte nichts außer dem leisen Kratzen der Schreibfedern.
Es war weitaus schwieriger, als sie es sich zuvor gedacht hatte. Die Seite wollte sich einfach nicht füllen; als sich plötzlich die Tür öffnete, saß Jiang Li immer noch über den ersten einleitenden Sätzen und kaute unschlüssig auf ihrer Feder herum.
Noch bevor sie Zeit hatte, sich nach dem Neuankömmling umzudrehen, hörte sie auch schon Ceallachs Sessel hart über den Boden schrammen und zog erstaunt die Augenbraue hoch. Normalerweise war Earnan doch eher ruhig und besonnen – Jiang Li war unverbesserlich neugierig, hob so unauffällig wie möglich den Kopf und linste unter gesenkten Augenlidern hervor. Severus Snape trat gerade mit verkniffener Miene in den Raum und ließ langsam die Tür zufallen. Ceallach Earnan versteifte sich sichtlich und schnaubte hörbar.
„Snape", grüßte sie knapp und nickte eisig. Die Lehrerin für Alte Runen konnte Severus Snape auf den Tod nicht ausstehen, das hatte Jiang Li bereits am ersten Abend bemerkt.
„Earnan", kam es ähnlich kalt zurück. Ceallach suchte eilig ihre verstreuten Papiere zusammen und verabschiedete sich mit einem leicht gereizten Unterton in der Stimme. Nachdem ihre hastigen Schritte auf den steinernen Fliesen verklungen waren, breitete sich zunächst eine bedächtige Stille aus.
Snape hatte sich schwer in einen breiten Fauteuil fallen lassen. Sein Gesicht wirkte noch bleicher als sonst und er hatte die rechte Hand auf den linken Unterarm gepresst.
Jiang Li öffnete schon den Mund, um eine spöttische Bemerkung zu machen, als ihr Blick plötzlich auf einen dunklen Fleck knapp neben seinem Sitzplatz fiel. Er hätte von irgendeinem Missgeschick stammen können, verschütteter Kaffee oder Tee beispielsweise, aber aus irgendeinem Grund weckte er sofort ihre Aufmerksamkeit.
Kurz entschlossen stemmte sie sich hoch und durchquerte den Raum so schnell, dass Snape gar keine Zeit mehr blieb, etwas Abwehrendes zu sagen. Stumm sah er zu, wie sie sich niederkniete und den Fleck untersuchte. Es war Blut.
„Herzeigen!", blaffte sie ihn unvermittelt an. Überrumpelt löste er den Griff um seinen Unterarm und streckte ihn ihr folgsam entgegen. Die rechte Handfläche war blutverschmiert; unbewusst versuchte er, sie an seiner Robe sauber zu wischen.
Jiang Li kramte ein halbwegs reines Taschentuch hervor und wischte so grob über die Wunde, dass Snape gequält aufzischte und Anstalten machte, ihr den Arm zu entreißen. Sie schnalzte ärgerlich mit der Zunge.
„Reißen Sie sich gefälligst zusammen!"
Er zuckte angesichts der harschen Zurechtweisung zurück, ließ seinen Arm jetzt aber ruhig liegen. Jiang Li kümmerte Höflichkeit momentan wenig; abschätzig schnaubend wandte sie sich wieder ab, betrachtete die Verletzung genauer und erstarrte.
„Das ist doch …", murmelte sie entgeistert und fuhr sich mit der Zungenspitze über die schlagartig ausgetrockneten Lippen. Dann hob sie fassungslos den Kopf und sah ihm direkt in die Augen.
„Das Dunkle Mal …"
Ganz richtig, Lian, Sie sind wirklich ein ganz kluges Mädchen, wollte Snape eigentlich sagen. Doch angesichts ihrer erschütterten Miene schaffte es kein einziger hämischer Spruch über seine Lippen. Stattdessen senkte er schweigend die Augen und sah mit einer Mischung aus Betretenheit und Trotz zur Seite. Sekundenlang herrschte Totenstille, bis Jiang Li sich wieder fing.
„Offensichtlich gibt es viel zu viel hier in Hogwarts, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe", meinte sie mit fester Stimme, atmete tief ein und schnippte flüchtig mit den Fingern.
„Accio Verbandskasten!"
Sekunden später erhob sich ein stetig lauter werdendes Rauschen; etwas raste den Gang entlang, die Tür klickte auf und eine kleine Kiste fiel Jiang Li in die ausgestreckte linke Hand. Während sie zielstrebig eine gedrungene, dickwandige blaue Flasche, Verbandsmull und eine Rolle Bandagen heraussuchte, betrachtete Snape sie unter gesenkten Augenlidern und kaute offenbar unschlüssig auf seiner Unterlippe herum.
„Ich bin kein Todesesser, falls Sie das meinen", presste er plötzlich zwischen den Zähnen hervor und starrte sie beinahe rebellisch an. Jiang Li träufelte etwas von der dunkelvioletten Flüssigkeit auf das blutende Mal und zuckte scheinbar desinteressiert mit den Achseln.
„Ehrlich gesagt ist es mir ja völlig egal, was Sie von mir denken, Lian. Aber bilden Sie sich bloß nicht ein, Sie könnten jetzt die Hochnäsige spielen. Das steht Ihnen nämlich gar nicht zu."
„Soso." Mehr kam nicht von ihrer Seite. Mit ruhigen Bewegungen legte sie den saugfähigen Mull auf und wickelte abschließend den Verband rundherum. Snape betrachtete das ernste, konzentrierte Gesicht vor sich und fand es auf einmal sehr schwierig, feindselig zu sein.
„Fertig." Sie richtete sich langsam auf und strich sich mit der Linken ein paar Haarsträhnen zurück. Mit der rechten Hand hielt sie immer noch den bandagierten Arm fest.
„Hm … Danke, Lian." Er war verlegen, man hörte es deutlich. Jiang Li beugte sich leicht nach vorne und sah ihm fest in die Augen.
„Gern geschehen, Severus. Und Sie haben sogar gelernt, dass man mit etwas Mühe und gutem Willen sehr weit kommen kann, nicht wahr?"
„Also, wissen Sie …" Er wollte ihr eigentlich eine Antwort geben, die es in sich hatte. Lian sollte bloß nicht glauben –
„Nicht möglich!", tönte es in genau dem Augenblick und er fühlte zu seinem Entsetzen, wie sie nach einer seiner Haarsträhnen griff. Sie hatte nämlich einen ganz feinen Geruch an ihm wahrgenommen – einen Geruch, wie man ihn ihrer Erfahrung nach nur in China antreffen konnte –
Tantchen Huo's berühmtes Haarelixier. Im letzten Augenblick konnte sich Jiang Li noch mit aller Macht zurückhalten, ihre Erkenntnis laut hinauszuposaunen. Dieses spezielle Haarpflegeprodukt gab es nur in Zhu Que bei der alten Lu Huo zu kaufen, da sie es selbst entwickelt hatte und nur an Freunde oder gute Bekannte veräußerte.
Es wäre wohl ziemlich idiotisch, Snape jetzt vor den Kopf zu stoßen, gerade wo er ein kleines bisschen aus sich herausgegangen war und sogar gemerkt hatte, dass sie auch einen Vornamen besaß.
Sie biss sich zögernd auf die Unterlippe und musterte ihn unsicher. In diesem Augenblick wäre sie zweifellos lieber einem Wang-Liang gegenübergestanden als ihm.
Er beschränkte sich darauf, sie aus seinen schwarzen Augen durchdringend anzustarren und reserviert zu schweigen. Die Sekunden dehnten sich scheinbar ins Unendliche. Noch immer konnte sich keiner der beiden dazu durchringen, den Mund zu öffnen; aber wenigstens seine Haare hatte sie inzwischen losgelassen.
Plötzlich bewegte sich die Türklinke und man hörte einen der beiden Wasserspeier sprechen. Das dicke Holz dämpfte zwar seine Stimme, doch man verstand immer noch genug, um zu begreifen, dass es sich um einen ziemlich schlüpfrigen Witz handelte.
Jiang Li brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um sich zu entscheiden. Sie drehte sich ohne Eile um und schritt gelassen zu ihrem Platz zurück. Dort suchte sie ihre Sachen zusammen, zückte gewandt den Zauberstab und berührte damit sacht den Verbandskasten.
„Reverto!"
Die kleine Kiste erhob sich folgsam in die Lüfte und schwirrte geradewegs knapp unter dem Rahmen der halb geöffneten Türe, durch die sich gerade der Hausmeister mit seiner Katze drückten, nach draußen.
