Montag 15:55 Uhr
Als sich Severus auf den Weg von dem kleinen Waldstück zu Hermines Haus machte, gingen ihn eine Flut von Gedanken durch den Kopf. Er durchlebte immer wieder den Morgen und sezierte ihn bis aufs kleinste Detail. Eigentlich war der Gedanke daran, dass Hermine ihn zu einem Treffen einladet der schönste den er sich vorstellen konnte doch gleichzeitig war er auch der schlimmste. Er wusste nicht, wie er mit den Gefühlen, die er verspürte wenn er an sie dachte, umgehen sollte. Als er noch jung war, hatte er der Liebe abgeschworen. Der Schmerz und die Enttäuschung brannten sich sein Hirn und warnten ihn bei jeder Begegnung mit einem weiblichen Wesen. Folglich baute er eine Mauer um sein Herz und verbarg seine Gefühle geschickt unter einer Maske der Gleichgültigkeit. Doch sie war ihm nicht gleichgültig.
Nur reichte das aus? War das genug um ihn aus seiner Schale zu locken? Konnte er jemals der sein den sie verdiente. Er wusste er war ein schwieriger Mann. Die Vergangenheit formte ihn und machte ihn vorsichtig. Aber er wusste auch, dass wenn jemand seine Mauer durchbrechen konnte, war es Hermine. Eigentlich, wenn er sich ehrlich war, hatte sie das bereits vor Wochen geschafft.
Seine Grübelei wurden je durchbrochen als er einen Mann vor Hermines Haus stehen sah. Er griff sofort in seinen Ärmel und wappnete sich. Als er sich langsam der Gestalt näherte er kannte er die markanten schwarzen Haare und die grünen Augen. Potter. Severus hielt überrascht ein und starrte auf den Mann. Dieser war nicht minder überrascht und rief erschrocken
„Snape?!"
„Gut erkannt, Potter. Was wollen Sie hier?"
„Dasselbe könnte ich Sie auch fragen."
Severus zog seine Braue missbilligend hoch. Harry schluckte und sah erneut auf die verschlossene Türe.
Er merkte, dass Harry etwas beschäftigte. Er wirkte nervös und unruhig. Seine Augen zeigten dunkle Ringe und seine Haut hatte eine kränkliche Blässe angenommen.
„Wissen Sie wo sie ist?"
Severus blies einen Atemstoß aus.
„Nein."
Harry nickte langsam. Severus wusste nicht ob er ihn glaubte aber er zumindest akzeptierte er seine Antwort. Harry sah zu Boden und atmete tief ein.
„Wenn Sie sie sehen...bitte sagen Sie ihr.. sagen Sie ihr, dass sie sich bitte melden soll."
Severus merkte, dass Harry mehr sagen wollte aber etwas hielt ihn auf. Resignierend wandte sich der junge Auror ab und rief Snape über seine Schulter noch
„Passen Sie gut auf sie auf, Snape."
Severus ging ihm einige Schritte nach und fragte
„Vor wem sollte ich sie beschützen?"
Wurde sie verfolgt? War sie auf der Liste der Auroren?
Harry wandte sich erneut um und sah Severus in die Augen. Severus sah die Müdigkeit und die Traurigkeit.
„Vor sich selbst."
Severus wartete noch einige Zeit vor der Tür bevor er schließlich nach Hause ging. Die Sorge um Hermine fraß ihn auf. Beim Nachhauseweg ging er bei einem kleinen Lebensmittelgeschäft vorbei. Auf einmal erstarrte er. Er ging noch einmal zurück und betrat das Geschäft. Er ignorierte die Blicke die seine seltsame Erscheinung auf sich zogen und starrte auf den Fernseher der mitten im Geschäft hing. Die Nachrichten berichteten vom neu gewählten Premier Minister. Er kannte den Mann. Er war ihm schon einmal begegnet. Doch wie passte das zusammen, woher sollte er den neuen Muggel Premierminister kennen? Er blickte in das Gesicht des Mannes, der sich für die Glückwünsche bedankte und bekannt gab, dass nun ein neues Zeitalter begann. Severus Kopf dröhnte doch er konnte das Gesicht nicht zu ordnen. Vermutlich spielte ihm sein Verstand einen Streich. Er hatte den Mann vermutlich bereits in einer Zeitung gesehen oder auf einem Wahlplakat. Auf einmal sah er ein dutzend Eulen vor dem Geschäft hastig vorbei fliegen. Mitten am Tag diese Anzahl von Eulen? Das war selbst für die magische Welt nicht normal. Die Muggel die im Geschäft waren liefen aus diesem und starrten fasziniert die Vögel an. Etwas musste passiert sein. Die Angst um Hermine umfasste sein Herz mit einem harten Griff und er spürte wie sie ihm die Kehle zu schnürte. Er musste zu ihr. Er musste sichergehen, dass es ihr gut ging.
Severus taumelte Rücklings aus dem Geschäft und apperierte. Er rannte den Weg zu Hermines Haus und erstarrte als er dort ein dutzend Auroren sah, die das Haus umstellten. Severus versteckte sich sofort hinter einem Strauch und beobachtete das Geschehen. Warum waren am helllichten Tag mitten in einer Muggelsiedlung Auroren? Severus beschlich ein ungutes Gefühl. Vor wenigen Stunden aß Hermine noch in seiner Küche einen Toast und nun wurde ihr Heim umstellt und sie war nirgends aufzufinden. Was konnte in den wenigen Stunden passiert sein? Er zückte langsam seinen Zauberstab und machte sich bereit. Wenn Hermine kämpfen müsste, wäre er bereit. Doch nichts regte sich in dem Haus. Er beobachtete das Geschehen und entschied sich, dass Hermine vermutlich nicht zu Hause war. Aber wo war sie wirklich? Er beschloss in der Winkelgasse nach Hinweisen zu suchen. Vielleicht stattete er auch Borgin noch einen Besuch ab. Der alte Mann wusste mehr als er Severus sagen wollte, da war er sich sicher.
Montag 16:58 Uhr
Die Winkelgasse war ein einziges Chaos. Überall rannten Menschen umher, qualmende Zettel flogen durch die Luft und hinterließen einen stechenden Duft. Severus schaute sich um und sah die Quelle der angekokelten Papierstücke die mit ihrem Rauch die Luft verpesteten. Die Redaktion des Tagespropheten brannte und es stiegen schwarze Rauschschwaden aus den geborstenen Fenster des Gebäudes.
Severus bahnte sich seinen Weg durch die Menschenmenge und erspähte Borgin an einer Ecke. Er wunderte sich, dass der alte Mann sich tatsächlich hinaus getraut hatte und ging auf ihn zu. Borgin hatte ein hässliches amüsiertes Grinsen und Severus Magen fühlte sich schwer wie Blei an. Der alte Mann sah Severus und winkte ihn mit einladenden Handbewegungen zu sich her.
„Was ist passiert?" Severus musste fast brüllen um den Lärm der Menschen zu übertönen.
„Das Ministerium ist gefallen!" Borgin lachte. „Der Minister ist zusammen mit einigen Abgeordneten verschwunden. Die meisten der Auroren ebenfalls!"
Severus starrte den Mann ungläubig an.
„Wie?"
„Angeblich haben ein paar ehemalige Todesser die Auroren in eine Falle gelockt und während ihrer Abwesenheit das Ministerium gestürmt. Der Minister hat sofort das Handtuch geworfen und ist anscheinend geflohen."
Severus nahm die Worte des Mannes langsam auf und verarbeitete sie. Todesser? Warum sollten sie das Ministerium stürzen wollen, sie waren eindeutig in der Unterzahl. Außerdem hatten sie keinen Rückhalt in der Bevölkerung, niemals würden sie es schaffen eine Regierung zu bilden.
Severus sah das Chaos das ihn umgab. Er konnte keinen Sinn in Borgins Worten finden. War das der Putsch den Hermine plante? So unüberlegt und roh. Oder war ihr die Situation tatsächlich entglitten?
Er musste ihn fragen.
„Was ist mit Granger?"
Borgin sah ihn überrascht an.
„Habe nichts von ihr gehört. Versteckt sich wahrscheinlich irgendwo und wartet den Sturm ab. Gryffendor. Pah." Borgin schüttelte angewidert den Kopf. Wut stieg in Severus auf doch er schluckte sie schnell runter. Nun war nicht die Zeit oder der Ort.
Anscheinend hatte sie keine Kontrolle mehr über die Rebellion und diese war kopflos drauf und dran alles zu zerstören was sie aufgebaut hatte. Severus Herz raste. Er fühlte sich hilflos, kurz überlegte er ob er wieder zu ihrem Haus gehen sollte, doch die Auroren waren bestimmt noch immer dort und wenn sie ihn sahen, würde er ihr mehr schaden als helfen.
Er ertrug die Menschenmenge nicht mehr und machte sich auf den Weg nach Hause. Resignierend sah er ein, dass es in diesem Moment nichts gab was er tun konnte. Das Ministerium war laut Borgin abgeriegelt, niemand kam hinein oder heraus.
Er hatte keine Hinweise auf Hermines Verbleib und selbst wenn, wusste er nicht wie er ihr helfen konnte. Er hoffte nur inständig, dass sie nicht mit dem Putsch in Verbindung gebracht werden würde, doch als er sich an die Auroren vor ihrem Haus erinnerte wusste er, es war zu spät.
