Kapitel 12 – Der Wolf

Nachdem Hermine Godrics Rätsel gelöst hatte, betrat Draco sein Zimmer und ließ sich müde auf sein Bett fallen. „Heute war… erträglich", dachte er, „wenn auch nicht gerade gut." Während des Morgens hatte die Schülerschaft ständig gewispert und auf ihn gezeigt und ihre Blicke abgewandt, wann immer er sich näherte. Er war genauso eine Berühmtheit, wie Harry Potter es jemals gewesen war, jedoch bekannt für seine Schande statt Tugenden. Er seufzte. „Wenigstens habe ich mein Haus hinter mir… zumindest noch."

Er erinnerte sich an sein kurzes Mittagessen mit den Slytherins und runzelte die Stirn. Verstörende Zeichen tauchten plötzlich auf. Zeichen, die andeuteten, dass Dracos Autorität nicht mehr so unerschütterlich war wie zuvor…

„Das ist lächerlich", ächzte er, während er beim Mittagessen seine Tasche auf den Slytherin- Tisch schwang.

„Ich weiß! Wie können sie von uns erwarten, anderthalb Fuß Pergament in zwei Tagen zu schreiben?", jammerte Pansy.

Draco verzog bei ihrer Dummheit höhnisch das Gesicht. Blaise bewahrte ihn vor der Aufgabe, sie zu beleidigen.

„Nicht das, du Dumpfbacke. Wenn du deinen Blick nur für einen Augenblick von dir selbst lösen könntest, hättest du bemerkt, was heute den ganzen Tag los war!"

Pansy sah schockiert aus. „Was war denn los?"

Draco verdrehte die Augen und bedeutete Blaise fortzufahren.

„Alle waren völlig fokussiert auf Malfoy, du Schwachkopf. Du hast nichts mitbekommen?"

„Nein", keuchte sie. „Warum sollten sie dich beobachten, Draco?" Ihre grünen Augen waren weit aufgerissen und leer.

Er musste sich zusammenreißen, um nicht zu schreien. Stattdessen sprach er mit größter Verachtung: „Dringt denn nichts in deinen dicken Schädel durch, Parkinson? Erinnerst du dich noch an irgendetwas vom letzten Jahr? Die Todesser in der Schule? Der Tod von dem alten Narr Dumbledore? Meine Beteiligung?"

Man sah Pansy förmlich an, wie ihr ein Licht aufging. „Oh ja. Jetzt weiß ich es wieder! Aber warum sollten sie sich noch darum kümmern?"

„Weil ich dort war!", zischte er. „Und eine ganze Schülerschaft wird nicht einfach innerhalb von drei Monaten den Mord an ihren Schulleiter vergessen. Oder die Leute, die daran beteiligt waren!"

Pansy schwieg, verloren in Gedanken oder in etwas Ähnlichem, da Draco vermutete, dass sie solch einer rudimentären Funktion nicht gewachsen war.

Er drehte sich zu Blaise und verdrehte die Augen.

„Also, wie sieht der Plan für dieses Jahr aus, Malfoy?", fragte Blaise.

Draco hatte diese Frage seit der Zugfahrt gefürchtet. Das Stück Hühnchen in seinem Mund schien zu Kleber zu werden, während er versuchte, zu einer Antwort zu kommen.

Natürlich stand es außer Frage, die Wahrheit zu erzählen. Nach den verstärkten Sicherheitsmaßnahmen, zu denen McGonagall aktiv gegriffen hatte, waren die Erwartungen der Slytherins an seinen Plan noch höher. Sie zu enttäuschen, wäre keine gute Idee. „Aber jede Erklärung, die ich ihnen gebe, wird ihren Verdacht erregen, wenn nicht gar ihren Zorn. Egal was ich tue, ich bin aufgeschmissen", realisierte er.

Blaise musterte ihn interessiert. Sogar Crabbe und Goyle hatten eine Zeitlang damit aufgehört, sich die Münder vollzustopfen, um zu hören, was Draco sagen würde. Er schluckte hörbar und ließ ein Fischstäbchen auf seinen Teller fallen. Er wischte sich sorgfältig die Finger an seiner Serviette ab in der Absicht, es so lange wie möglich hinauszuzögern.

„Nun, dieses Jahr…" Dracos Stimme verlor sich und er schaute in Blaises erwartungsvolle und funkelnde blaue Augen. Ein Augenblick des Zögerns, dann hatte er eine Entscheidung getroffen. „Dieses Jahr wird gut werden." Draco sah, wie ein seltenes Lächeln auf Blaise' Gesicht erschien, ebenso wie auf den ahnungslosen Gesichtern von Crabbe und Goyle. Er wandte den Blick ab. Er schämte sich nicht für die Lüge, bereute sie jedoch sofort.

„Also?", hakte Blaise nach. „Was wird es sein?"

„Ich habe mir noch nicht alles überlegt", sagte Draco. Er hielt Blaise' Blick stand, spielte aber nervös mit seiner Serviette herum. „Sobald es so weit ist, werde ich es euch wissen lassen."

„Wie lange wird es dauern?"

„Äh, ein paar Wochen wahrscheinlich."

„Kannst du uns nicht wenigstens einen Hinweis geben? Wer ist daran beteiligt? Sind die Befehle vom Dunklen Lord persönlich?"

„Ich kann nichts mehr sagen, Zabini. Ich sagte doch, wenn ich es weiß, werdet ihr es erfahren. Also hör auf."

„Ja, aber…"

„Ich sagte, hör auf!", bellte Draco. Seine stahlgrauen Augen blitzten vor Zorn. Ein ganzer Wall von Emotionen schoss durch Blaise' gesamten Körper: Draco sah, wie er sich verspannte. Es dauerte nur einen Augenblick, bevor Blaise resignierte und ein rasches „Okay" murmelte, bevor er einen Bissen mit grünen Bohnen nahm.

Draco seufzte, während er sein Zaubertränkebuch herauszog. „Ich kann nicht fassen, dass ich mir selbst eine Frist gesetzt habe. Ich muss mir entweder einen Plan einfallen lassen, der sie zufriedenstellen wird, oder ihnen reinen Wein einschenken. Wie konnte ich so dumm sein?" Er überlegte ein paar weitere Minuten, in denen er immer wütender wurde.

„Was am Porträteingang passiert ist, hat nicht gerade geholfen…", kochte er. „Dummes Schlammblut, dass sie mich vor dem bescheuerten Gemälde bloßgestellt hat. Und ich habe seine Andeutung verstanden. Dieses Rätsel war gegen mich gerichtet! Ein Ebenbürtiger. Pah! Sie ist mir nicht ebenbürtig und sie wird es niemals sein. Blut kann man nicht ändern. Obwohl es sie nicht davon abhalten wird zu glauben, dass sie hochwohlgeboren ist…"

Er hatte vor, direkt auf sein Zimmer zu gehen, stellte aber fest, dass er nicht mehr als wenige Schritte vorwärts tun konnte. Da stand Hermine, die Arme vor der Brust verschränkt und mit wütender Miene.

„Was ist jetzt schon wieder?"

„Du weißt, was los ist, Malfoy. Dein Benehmen gegenüber Godric. Du warst sehr unhöflich."

Draco hob eine Augenbraue. „Es ist ein Porträt, Granger. Es macht keinen Unterschied."

Sie höhnte: „Macht keinen Unterschied… Das Porträt kontrolliert, ob wir in unser Zimmer kommen oder nicht. Wenn du dich dazu entscheidest, einen von ihnen zu verärgern, könnten sie alle uns die gesamte Nacht über im Korridor stehen lassen!"

„Sei nicht dumm, Granger. McGonagall würde niemals einfachen Porträts erlauben, sich so aufzuführen", sagte er zuversichtlich.

„Aus irgendeinem Grund, Malfoy, glaube ich es schon. Falls du es noch nicht bemerkt hast, das ist kein einfaches Porträt. Es ist ein Porträt von den Gründern von Hogwarts, nichts eins der Fetten Dame oder Sir Cadogan. Und es ist mehr verzaubert als alle anderen, die hier herumhängen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in diesem Gemälde mehr Autorität haben, als du ihnen zugestehen willst."

„Wie auch immer, Granger. Ich muss mir deinen Scheiß- Vortrag nicht anhören." Er schob sich an ihr vorbei, wobei er gegen ihre Schulter stieß. Er ignorierte ihre Empörung und stapfte die Treppe zu seinem Zimmer hoch.

„Sie hat mich getadelt!", dachte er wütend. „Was fällt ihr nur ein! Als wäre sie meine Mutter…!" Da schlugen Dracos Gedanken eine andere Wendung ein: „Meine Mutter…" Er vermisste sie schrecklich. Seine Gedanken sanken tiefer und tiefer in Dunkelheit, als Draco einen Augenblick lang wieder zur Besinnung kam. „Das kann ich nicht tun", dachte er, „ich kann nicht um jemanden trauern, der nicht einmal tot sein muss."

Er schüttelte alle bedrückenden Gedanken ab und wandte sich seinem Zaubertränkebuch zu. Er hatte drei Rollen Pergament zu beschreiben, nicht zu vergessen seine Recherche für Verwandlung, die in zwei Tagen fällig war.

Nach einer Arbeit von drei Stunden hob Draco seine Feder vom Pergament und las sich die anderthalb Rollen durch, die er verfasst hatte.

„Es ist nicht gerade sehr gut", dachte er und fuhr sich mit tintenverschmierten Fingern über das Kinn, „aber für jetzt wird es reichen. Ich werde den Rest nach dem Abendessen schreiben und dann vielleicht Verwandlung im Gemeinschaftsraum machen."

Er hob den Kopf, worauf er die Gelenke in seinem Nacken knacken hörte. Er streckte seinen Rücken und die Arme und spürte, wie die Verspannung in ihnen wegschmolz. Träge bewegte er sich aus seinem Zimmer, um zum Abendessen hinunterzugehen. Auf dem Weg begegnete er weder Hermine noch einem Porträtbewohner.

Zufrieden, dass er sich nicht mit dem Geheule von ihnen abgeben musste, machte Draco sich auf den Weg zur Großen Halle, wo er seinen üblichen Platz am Slytherin- Tisch einnahm. Crabbe und Goyle saßen schon da und wirkten, als hätten sie schon zwanzig Minuten lang gegessen. Draco wusste, dass sie das Tempo nicht drosseln würden, bis er sein Mahl verzehrt hatte.

Er aß in Schweigen und ging dann wieder in seinen Schlafsaal. Getreu seiner Vermutung stopften sich Crabbe und Goyle immer noch die Münder voll.

Am Porträt stellte er verärgert fest, dass sich niemand darin befand. Er sah nach links und rechts zu den anderen Gemälden, um zu schauen, ob die Gründer ihnen einen Besuch abstatteten, doch leider sah er nichts.

„Das ist doch Mist. Ich werde nicht hier warten, bis eine dieser verrückten Porträtgestalten sich dazu entscheidet aufzutauchen. Was soll ich bis dahin tun?" Er grübelte über diese Frage nach. „Ich kann mich nicht daran erinnern, Granger beim Abendessen gesehen zu haben. Vielleicht ist sie noch drinnen."

Malfoy begann, an das Porträt zu klopfen. „Granger!", rief er. „Granger! Mach das Porträt auf. Die Gründer sind weggegangen. Granger? Granger!" Er brüllte noch lauter und schlug noch beharrlicher dagegen.

„Das ist zwecklos", dachte er und sank gegen das Porträt zu Boden. Plötzlich spürte er, wie etwas hart gegen seinen Hinterkopf schlug.

„Au!", rief er und rieb sich den Kopf.

„Hallo?", ertönte Hermines zögerliche Stimme von innen. „Wer ist da?"

„Was denkst du denn?", sagte Draco, während er sich aufrappelte. Hermine entspannte sich sichtlich bei seinem Anblick, was er sehr merkwürdig fand. Er verdrängte sein Misstrauen und fragte: „Warum hat es so lange gedauert?"

„Ich wusste nicht, was das war. Ich dachte schon, ich werde langsam verrückt, da ich ein Klopfen und meinen Namen gehört hatte…"

„Nur langsam verrückt?", murmelte Draco. Er trat an Hermine vorbei in den Gemeinschaftsraum. Er ging die Treppe hoch, um sein Verwandlungsbuch zu holen, dann wieder hinunter in der Absicht, sich einen bequemen Platz auf der Couch zu sichern, wo er lesen konnte.

Unglückerweise wurden seine Pläne davon durchkreuzt, dass Hermine die gesamte Couch und den Tisch davor eingenommen hatte. „Perfekt", dachte. „Einfach nur toll."

Draco gab seine Verstimmung deutlich zu erkennen, während er zum Sessel neben dem Kamin ging und sich mit einem kleinen Tisch zufrieden geben musste. Er seufzte verärgert, was ihm natürlich einen Blick von Hermine einbrachte, und vertiefte sich in sein Buch, um seinen perfekten Animagus zu finden.

Zwei Stunden vergingen.

„Ich habe keine Idee, in welches Tier ich mich verwandeln möchte", sagte Hermine leise. Dracos Augen waren mindestens zwanzig Mal über dieselben Zeilen gefahren, ohne sie aufzunehmen, was ihn endlos frustrierte. Er schaute auf, unsicher, ob Hermine zu ihm sprach oder nicht. Sie starrte leer in die Flammen und sah nichts anderes um sie herum. Er wandte sich wieder seinem Buch zu.

„Es gibt so viele Möglichkeiten! Sie scheinen alle gut." Draco blickte wieder auf, doch Hermine sah ihn immer noch nicht an. Eine Minute, nachdem er wieder weitergelesen hatte, sprach Hermine abermals:

„Hast du schon irgendwelche Ideen?"

Ganz und gar verärgert, dass er so viele Male unterbrochen worden war, blaffte Draco: „Nein, Granger, habe ich nicht. Und ich weiß nicht, wie mir etwas einfallen soll, wenn du ständig im Hintergrund quasselst!" Er funkelte sie lange genug an, um ihre aufgebrachte Miene zu sehen, und wandte sich dann wieder seinem Buch zu.

Er hatte noch kein Wort gelesen, als sie wieder sprach: „Ich war nur neugierig. Merlin, bleib auf dem Teppich."

„Ich bin auf dem Teppich, Granger", sagte er. Sie warf ihm einen Blick zu, der „Ja, klar" zu sagen schien.

„Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass ich das gleiche Problem haben könnte?", blaffte er.

„Und was kommt alles in Frage?", fragte sie.

Draco sah auf die Uhr und entschied sich, dass er viel zu müde war, um eine sarkastische Bemerkung abzulassen. Stattdessen rieb er sich die Stirn und antwortete träge: „Nicht einmal das weiß ich. Ich habe an meinen Patronus gedacht – natürlich ein Drache – aber das ist zu unpraktisch, zu auffällig. Es muss etwas sein, das man jeden Tag sehen kann."

„Hast du einen Typ im Sinn, ein Säugetier oder Reptil oder Vogel oder…?"

„Auf jeden Fall Säugetier."

„Was ist mit der Größe?"

„Mittel bis groß."

„Möchtest du unauffällig sein oder herausstechen?"

„Ich möchte größtenteils herausstechen. Ich will ein wildes Säugetier, ein Raubtier mit Klauen und scharfen Zähnen."

Hermine verdrehte die Augen. „Jungs…", murmelte sie. Draco warf ihr einen funkelnden Blick zu. „Was ist mit einer Art Katze?"

„Katze? Nein, auf keinen Fall."

„Na gut. Was ist mit einem Hund?"

„Ein Hund? Das ist ja noch schlimmer! Du hast furchtbare Ideen, Granger."

„Es muss ja kein Schoßhund sein, Malfoy. Vielleicht ein Wolf oder so."

Das fing Dracos Aufmerksamkeit ein. „Ein Wolf sagst du?"

„Ja, ein Wolf. Es gibt mehrere verschiedene Spezies", sagte sie. „Hier, in diesem Buch stehen ein paar." Sie rutschte auf der Couch zu einer Seite und Draco nahm neben ihr Platz. Sie reichte ihm das Buch. Er blätterte es durch und hörte ihr mit halbem Ohr zu. „Der Koyote ist einer von den Kleineren und da ist der rote Wolf, aber der graue Wolf ist der Beste."

„Was macht ihn so einzigartig?", wollte Draco wissen. Er wandte seine Augen von dem Buch zu Hermines Gesicht, das mit etwas wie Bewunderung gefüllt war.

„Der graue Wolf ist der Größte der Wolffamilie und der Gefährlichste. Sie leben normalerweise recht zufrieden in Rudeln, aber ab und zu wird ein Wolf ausgestoßen. Er kommt sowohl allein als auch in Gemeinschaft gut zurecht, was ihn sehr anpassungsfähig macht."

„Hm, ein Wolf…", dachte Draco. Er studierte das Bild des grauen Wolfs, der um einen halb zugefrorenen Fluss herumstrich und nach Beute suchte. Er beobachtete, wie das Raubtier einen Hasen aufscheuchte, auf den er sich sofort stürzte. Draco sah, wie sich seine Muskeln unter dem Fell anspannten, und bekam einen guten Blick auf seine scharfen Fänge, bevor sie sich in das zarte Hasenfleisch bohrten. Er konnte fast hören, wie die Knochen brachen.

Draco spürte Hermines Blick auf ihm. „Also", fragte sie, „was meinst du?"

„Ich denke, ein Wolf würde passen."

„Gut", sagte sie nickend. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„In der Tat", sagte er und erhob sich von der Couch. Er sammelte die Sachen zusammen, die er auf dem Tisch gelassen hatte, und machte sich auf den Weg nach oben.

„Hey, warte", rief Hermine ihm nach.

Draco drehte sich um. „Was willst du?", fragte er in verärgertem Tonfall.

Hermine runzelte die Stirn, was Draco als eine Mischung von Verwirrung, Verstimmung und Wut deutete. „Nichts", sagte sie in unzufriedenem Tonfall. „Überhaupt gar nichts."

Ohne weiteren Blick wandte Hermine sich wieder ihrem Buch zu. Draco musterte sie noch ein paar Sekunden und fragte sich, weshalb zur Hölle er solche Schuldgefühle hatte. Doch er schüttelte die ungewohnte Emotion ab, fiel ins Bett und schlief innerhalb weniger Minuten.


AN: Hallo, liebe Leser! Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir einen Kommentar hinterlassen würdet. Denkt daran: Dann habe ich noch mehr Antrieb weiterzuschreiben! :D