Jinai: Raffael! Wir sind zu spät! Ö.Ö
Raffael: Dann quatsch nicht, sondern mach weiter!
Jinai: Aber die reviews ... *seufz* Leute, diesmal müsst ihr verzichten x.x
Rated: T
Disclaimer: Alles gehört Katsura Hoshino, bis auf Weihnachten, das gehört Coca Cola - und bis auf meine OCs, die gehören teilweise mir und teilweise meinem Ideengeber: Coca Cola. Ich entschuldige mich dafür, ihre Produkte so sträflich missbraucht zu haben, außerdem entschuldige ich mich bei der Natur für den Zucker, bei meinem Kopf für Raffael und beim Erfinder der Zeit für meine Art, die überschüssige Zeit, die er mir gegeben hat, zu füllen. Und die, die nicht überschüssig ist, so zu verbummeln.
12. Akuma überall
Das einzige Geräusch, das ertönte, war das leichte Schaben des Schwertes über den Boden, als Kanda es aufhob. Abgesehen davon bewegte sich der Exorzist absolut lautlos, als er sich ganz aufrichtete und in gebückter Haltung zu der Zeltplane am Fußende ihres provisorischen Lagers schlich, wo er die Plane nur einen Zentimeter zur Seite schob, um hinauszuspähen.
Draußen war alles ruhig. Keine Vögel, keine anderen Tiere, nur die Kamele, die ein Stück weiter entfernt unter den Bäumen dösten. Und die Plane des anderen Zeltes, die sich vor dem Eingang leicht hin- und herbewegte.
Kanda traute dem Frieden nicht, gerade weil es so still war, und die sich bewegende Plane machte ihn misstrauisch. Es war zu früh, als dass die anderen schon aufgewacht sein könnten. Möglicherweise hatte sich etwas oder jemand in das Zelt der anderen geschlichen.
Er legte einen Finger auf die Lippen und deutete dann mit der flachen Hand auf den Boden, damit Kie still hier wartete, bevor er die Plane ein Stück weiter öffnete und leise hinaustrat. Immer noch rührte sich nichts rund um ihren Zeltplatz, nur ein paar der Kamele hoben träge die Köpfe. Mit dem Schwert in der Hand und wachsam auf jedes Geräusch und jede verräterische Bewegung in der Umgebung achtend ging Kanda zu dem anderen Zelt hinüber und griff nach der Zeltplane, die vor dem Eingang hing. Ruckartig zog er sie beiseite –
– und atmete erleichtert auf, als Jinai vor ihm saß. Die anderen beiden schliefen augenscheinlich noch, aber dem unruhigen Blick der Exorzistin entnahm er, dass sie auch durch irgendein Geräusch geweckt worden war, das nicht hierher gehörte. Vermutlich hatte sie auch hinter der Zeltplane nach draußen gespäht und sie dann wieder fallen lassen, was die Bewegung verursacht hatte, die er gesehen hatte. Dass sie beide das gleiche Geräusch gehört hatten, bedeutete aber, dass sie es sich nicht eingebildet hatten.
Hinter Kanda ertönte ein neuerliches Geräusch und der Japaner fuhr herum, sah noch aus dem Augenwinkel, wie Jinai angriffsbereit einen Sprung nach vorne aus dem Zelt heraus machte, und entspannte sich dann zum zweiten Mal binnen weniger Sekunden. Es war nur eines der Kamele, das monoton mit den Kiefern mahlend ein Stück weit entfernt stand und sie aus müden Augen ansah. Das Seil an seinem Halfter baumelte bei jeder Bewegung der Kiefer hin und her und schleifte über den Boden.
„Was ist denn los?", klang Kies Stimme dumpf aus dem Zelt. Der Finder hatte sich, nachdem kein Kampfeslärm erklang, nach vorne gewagt und die Plane beiseite geschoben.
„Eines der Kamele hat sich losgerissen", sagte Jinai und richtete sich auf. Also keine Akuma und kein Grund zur Panik.
„Na schön", brummte der Chinese. „Dann wollen wir es mal wieder anbinden."
Er trat gebückt aus dem Zelt heraus und streckte sich einmal kurz, bevor er anfing, leise Lockrufe auszustoßen und sich auf das Tier zuzubewegen. Keiner von ihnen wusste, wie man ein Kamel anlockte, aber es klang sehr interessant, Kie bei seinen Versuchen zuzuhören.
Kanda schob Mugens Klinge zurück durch die Schlaufe an seinem Gürtel und verzog leicht das Gesicht. Vielleicht waren sie alle zu nervös wegen dem, was in Gibraltar passiert war. Immerhin ließen sie sich schon von einem Kamel erschrecken.
„Leute?", war wieder Kies Stimme zu hören, der mit dem Kamel zu den anderen Kamelen gegangen war, und diesmal hörte er sich beunruhigt an.
„Ja?", antwortete Hadi, der ebenfalls gerade aus dem Zelt kam und anfing, es abzubauen, obwohl der Journalist noch tief und fest schlief.
„Wir haben doch nur sechs Kamele, oder nicht?"
„Haben wir."
„Jetzt sind es sieben."
Und dann war nur noch ein hässliches, knirschendes Geräusch zu hören, ein erstickter Schmerzensschrei aus der Richtung des Finders und die beiden Exorzisten fuhren abrupt zu ihm herum, gerade rechtzeitig, um das Kamel auf sie zustürmen zu sehen.
Nur dass es jetzt keine große Ähnlichkeit mit einem Kamel mehr hatte. Blechern und deformiert, mit überlangen Beinen, einem ganz und gar nicht mehr weichen Fell und einem Akumagesicht auf einer Wange war es definitiv kein Kamel mehr. Wem das zur Identifizierung nicht gereicht hätte, der hätte nur einmal einen Blick auf das Kanonenrohr werfen müssen, das sich gerade aus seinem scharf bezahnten Maul schob.
Instinktiv wichen Kanda und Jinai in zwei entgegengesetzte Richtungen aus und versuchten, mehr Abstand zwischen sich und das Akuma zu bringen, das sich nicht entscheiden konnte, wem es nun folgen sollte, und zu viel Schwung hatte, um in letzter Sekunde die Richtung zu ändern. Die Zeltplanen flatterten, als es zwischen den beiden Zelten hindurch rannte, nach ein paar Metern kehrt machte und wieder auf sie losging.
Beziehungsweise nur auf Kanda, denn Jinai hatte sich mit ihren Flügeln inzwischen in die Luft erhoben, und so blieb es an dem Japaner hängen, den Lockvogel zu spielen. Ein wirklich wehrloser Lockvogel war er ja nicht, und als das Akuma auf ihn zugerannt kam und auf ihn schoss, setzte er dem ein Kaichu Ichigen entgegen und wehrte die beiden Geschosse, die in rascher Folge von dem Akuma abgefeuert worden waren, mit dem Schwert ab. Trotzdem musste er wie ein Stierkämpfer zur Seite ausweichen, denn seine Attacke hatte dem Akuma nicht genug Schaden zugefügt, um es daran zu hindern, weiter auf ihn zuzulaufen.
Jinai indes hatte ein wenig Mühe, in der stillen Luft an Höhe zu gewinnen, und musste Kreise ziehen, um höher zu steigen. Die Luft hier war trocken und heiß, was es zwar einfacher machte als bei kaltem Wetter, doch ohne richtige Luftströme, die sie sich zunutze machen konnte, war es nicht ganz so leicht. Bis sie eine geeignete Höhe gewonnen hatte, hatte Kanda das Akuma schon dreimal angegriffen und war ihm ebenso dreimal ausgewichen.
Inzwischen ging auch die Sonne auf und erhellte den Schauplatz. Hadi und Hase hatten sich vor dem Akuma in Sicherheit gebracht, das es nur auf Exorzisten abgesehen zu haben schien und bereits tiefe Furchen in ihren grasbewachsenen Rastplatz gegraben hatte. Jetzt standen sich das Akuma und der Exorzist gegenüber, belauerten einander, suchten nach Schwachstellen, an denen sie ansetzen konnten. Bisher hatte keiner dem anderen mehr zufügen können als ein paar Kratzer und im Moment befand sich das Akuma weit genug von dem Exorzisten und den anderen Mitreisenden entfernt. Einen besseren Moment würde es für Jinai nicht geben.
Alle ihre Federn sträubten sich, standen kreuz und quer, als sie heftig mit den Flügeln zu schlagen begann. Ohne störende Winde, die ihren Flug sonst begünstigten, war dieser Ort ideal für diese Art von Attacke. Diese Luftströmungen wären diesmal nur hinderlich dabei, was ihre Flügel gerade mithilfe ihres Innocence vollbrachten.
Jetzt, in diesem Moment befand sie sich genau über dem Akuma, was ein gefährlicher Platz war, aber der beste, um diese Attacke auszuführen. Sie wirbelte die Luft auf mit jedem Flügelschlag und versuchte den Radius dabei möglichst gering zu halten; das war nicht gerade einfach, doch die Effektivität ihres Angriffs war indirekt proportional zur Größe des Ziels, wie sie vor einiger Zeit herausgefunden hatte. Die Verwirbelungen der Luft breiteten sich so nicht willkürlich in alle Richtungen aus, sondern trafen sich, gelenkt durch das Innocence, und wurden zu einer sich drehenden Scheibe direkt vor ihr, keinen Meter über dem Akuma. Es dauerte seine Zeit, diesen Angriff vorzubereiten, aber wenn sie diese Zeit hatte, waren seine Folgen umso verheerender.
Das Akuma hatte noch nichts von ihrem Tun bemerkt, da die Luft außerhalb der wirbelnden Scheibe vollkommen ruhig blieb und seine Augen immer noch fest auf den Exorzisten vor sich gerichtet waren. Aber es stürmte nun wieder auf Kanda zu, um ihn erneut anzugreifen, und ähnelte dabei mehr einem wütenden Stier als einem Kamel. Nun befand es sich nicht mehr unter der Luftscheibe, die Jinai mühevoll festhielt, damit sie nicht außer Kontrolle geriet, und die Exorzistin konnte ihm mit diesem Gewicht beschwert nicht so schnell folgen, wie sie es gerne würde. Sie musste warten, bis das Akuma sich wieder in ihrer Nähe befand, und den Moment abpassen, in dem es ins Wirkungsfeld der Attacke geriet.
Und dann war der Moment gekommen und als Jinai die Scheibe aus dem Griff ihres Innocence entließ, entwickelte sie ein Eigenleben; inzwischen wirbelte die Luft darin so schnell um die Mitte des Kreises, dass sie jederzeit nach außen auszubrechen drohte und das geschah nur deshalb nicht, weil sich im Zentrum bereits so viel davon angesammelt hatte, dass es eine Art von Gravitation entwickelte, die stark genug war, um die Luft rundherum anzuziehen. Diese Kraft machte es schwerer als die Umgebungsluft und binnen einer Sekunde war die Scheibe schwer genug, um direkt auf dem Akuma zu landen.
Es stieß ein ohrenbetäubendes Kreischen aus, als die Scheibe in Kontakt mit seiner gepanzerten Haut kam und diese von der wirbelnden Luft wie von Schleifpapier abgetragen wurde. Grotesk mutete an, was dann geschah: Die Verwirbelungen lösten sich durch den Kontakt mit dem wesentlich festeren Metall nicht in dünne Luft auf, sondern gewannen noch an Intensivität, die Scheibe schien immer schwerer zu werden und auf das Akuma zu drücken, wodurch noch mehr von seiner Haut abgeschliffen wurde, was den Prozess nur noch mehr beschleunigte. Binnen Sekunden hatte die Luft das Akuma förmlich zu Staub zerrieben und alles was davon übrig blieb, war ein trudelnder schwarzer Kern, der sich eine Weile lang noch um seine eigene Achse drehte und dann auf der blanken Erde liegen blieb. Die Scheibe hatte auch das Gras ringsum niedergemäht und einen vollkommen glatten, vollkommen symmetrischen Kreis im Erdboden zurückgelassen, in deren Mitte die Kugel lag, die einen Augenblick später zu Staub zerfiel.
Schweigen breitete sich unter den Reisenden aus, nur durchbrochen von den aufgeregten Lauten, die die Kamele von sich gaben, seit das qualvolle Kreischen des Akumas eingesetzt hatte. Dieser Lärm hatte die Tiere vollkommen verschreckt und Hadi eilte jetzt zu ihnen, um sie ein Stück weiter weg zu führen und zu beruhigen.
„Was … war das?", fragte Hase und zum ersten Mal hörte der Mann sich ein wenig besorgt an.
Jinai antwortete nicht sofort, sondern ging zu Kie hinüber, der bewusstlos auf dem Boden lag. Er blutete aus einer Wunde an der Stirn, wo das Akuma ihn getroffen zu haben schien, sah aber sonst unverletzt aus. Es hatte es eindeutig nur auf die Exorzisten abgesehen gehabt.
Mit einem Tuch drückte Jinai auf die Wunde, um die Blutung zu stillen. „Cross nennt es 'Dying Star'", sagte sie ruhig. „Er war maßgeblich beteiligt an der Benennung so ziemlich aller Dinge, die man an einem Innocence benennen kann. Ich kann mit meinen Flügeln die Luft so manipulieren, dass sie in einem bestimmten Bereich beginnt, sich auf einer Scheibe um eine Achse zu drehen, und im Mittelpunkt immer schwerer wird. Wenn ich diese Scheibe loslasse, frisst sie sich durch alles, was ihr im Weg steht, saugt die Materie in ihr Zentrum, komprimiert sie dort und wird noch schwerer und noch stärker. Das ganze funktioniert solange, bis das Akuma vernichtet ist, dann hört es von selbst auf. Wieso, weiß ich nicht. Es ist einfach so."
Es war eine furchteinflößende Waffe, das sagten ihr die besorgten Augen des Journalisten.
Es hatte die Kamele scheu gemacht, das zeigten ihr die verspannten Schultern von Hadi.
Es hatte das Akuma vernichtet und das war alles, was zählte, erzählte ihr der gleichgültige Gesichtsausdruck von Kanda.
„Wie konnte es die Gestalt eines Kamels annehmen?", fragte der Exorzist und richtete seine Frage dabei an niemand bestimmten.
Da Kie aber bewusstlos war und weder Hadi noch Hase sich mit Akuma auskannten, ging Jinai davon aus, dass die Frage an sie gerichtet war. „Es war ein Level drei", entgegnete sie, „aber es schien keine besondere Fähigkeit zu haben. Vielleicht war seine Fähigkeit die, die Gestalt anderer Lebewesen anzunehmen? Es könnte euch oder mir bereits gefolgt sein, seit wir aufgebrochen sind."
„Dann ist das keine besonders ausgefeilte Fähigkeit für ein Level drei", meinte der Japaner nachdenklich und ging in dem Erdkreis in die Hocke, um mit den Fingern durch den kleinen Staubhügel in der Mitte zu fahren. „So etwas kann selbst ein Level zwei. Es könnte auch ein Level zwei gewesen sein."
„Dafür war es zu schwer zu erledigen", erwiderte Jinai, während sie konzentriert das Blut von Kies Stirn wischte. „Einem Level zwei hättest du problemlos alleine beikommen können. Und selbst ein Level zwei hätte sprechen können."
„Dann haben wir es also mit einem Level drei ohne besondere Waffe und ohne Sprechvermögen, aber mit der Fähigkeit, die Gestalt anderer anzunehmen, zu tun?", meinte Kanda nicht besonders überzeugt. „Was ist mit den Doppelgängern? Es kann kein Zufall sein, dass wir gleich von drei Akuma angegriffen werden, die die Fähigkeit haben, sich zu verkleiden. Noch dazu mit den Gesichtern von Exorzisten oder Tierhäuten."
„Was schlägst du also vor?"
„Wenn ich das bloß wüsste", murmelte Kanda gerade laut genug, damit sie ihn verstehen konnte, und stand auf. „Wahrscheinlich stehen uns Begegnungen dieser Art aber noch öfters bevor."
oOo
Schlussendlich waren sie sogar wieder halbwegs pünktlich unterwegs. Da Kie noch nicht wieder aufgewacht war, hatten sie ihn notgedrungen an seinem Sattel festgebunden und ließen die Kamele nun nebeneinander gehen, sodass immer zwei Leute ein Auge auf den bewusstlosen Finder hatten. Diesmal konnten sie nicht galoppieren, denn Hadi wollte nicht riskieren, dass Kie dabei vom Kamel fiel und zertrampelt wurde, also ließen sie die Kamele im gemütlichen Schritt gehen, bis er sich bequemte, wieder aufzuwachen.
Kurz nach ihrem Aufbruch, etwa zwei Stunden später, machte Hadi sie darauf aufmerksam, dass sie das fruchtbare Land nun verlassen würden. Vor ihnen lag nun nichts mehr als endlose Wüste und das über hunderte von Meilen. Die wenigen Gebirge, die es in der Sahara gab und in denen dauerhaftes Leben mit Grün möglich war, lagen noch weit vor ihnen, noch hinter Ouargla.
Sie merkten es vor allem daran, dass es heißer wurde. Der Sand reflektierte die Hitze und heizte die Luft auf, bis sie flimmerte. Es war gerade mal zehn Uhr, wenn man Hadis Einschätzung trauen konnte, aber schon so heiß, dass jedes Wort zur Qual wurde, weil die Zunge am Gaumen klebte. Dem Algerier machte es nichts aus, seinen Mitreisenden hingegen schon, und er musste sehr gut auf den Wasserschlauch aufpassen. Bis sie zur nächsten Oase kamen, würden sie ihn nicht mehr auffüllen können.
Gegen Mittag wachte Kie auf und erkundigte sich, was passiert sei. Eine rasche Untersuchung durch Hase ergab, dass ihm augenscheinlich nichts weiter fehle, und optimistisch geworden trieben sie die Kamele kurz darauf zum Galopp an. Die Formation behielten sie allerdings bei, um den Finder weiterhin im Auge behalten zu können.
Der zweite Abend war noch schlimmer als der erste.
Hadi kümmerte sich alleine um die Vorbereitungen, während Kie und Korbinian hauptsächlich mit Jammern beschäftigt waren. Jinai und Kanda hatten sich in stummem Einverständnis an den entgegengesetzten Enden des Lagers zur Wache postiert, weil sie mit einem weiteren Angriff rechneten. Es blieb allerdings alles friedlich und da die Zeltaufteilung bereits geklärt war, gab es diesmal auch keinen Streit beim Abendessen.
Auf die gleiche Weise verliefen der dritte und vierte Tag und am Abend des fünften Tages gab es nicht eine einzige Klage mehr über das Reiten auf Kamelen oder die Hitze. Nicht, dass die Hitze ihnen nun weniger zusetzen würde, aber sie machten kein solches Aufhebens mehr darum.
Ein eingespieltes Team waren sie aber noch lange nicht und jeden Abend wechselten die Aufgaben, um eine Verteilung zu finden, mit der alle halbwegs zufrieden waren. So kam es, dass der Eintopf, den es an diesem Abend gab, niemandes Zustimmung fand. Kanda war der erste, der meckerte.
„Das kann man ja nicht essen", erklärte der Exorzist nach dem ersten Löffel und schluckte den Bissen nur widerwillig herunter.
Hadi spuckte ihn gleich ins Feuer. „So viel Salz habe ich da gar nicht hineingetan", sagte er stirnrunzelnd.
Kie kostete und verzog das Gesicht. „Ich auch nicht."
Jinai, die es ihm gleichgetan hatte, musste sich ebenfalls zwingen, den Eintopf nicht gleich wieder auszuspucken. „Ich auch nicht."
„Und ich auch nicht", fügte Hase mit vollem Mund und angewidertem Gesicht hinzu.
Die vier Köche tauschten einen Blick und begannen zu lachen, während Kanda seine Portion stumm in den Topf zurückkippte.
oOo
Die Nacht war still und friedlich.
Oder wie Hase es ausdrücken würde: „Nächtliche Stille! Heilige Fülle, wie von göttlichem Segen schwer, säuselt aus ewiger Ferne daher." Zumindest drückte er es so aus, bis Kanda sein Gereime abwürgte und ihn schlafen schickte. Wenn er die erste Schicht der Nachtwache hielt, wollte er dabei kein reimendes Plappermaul neben sich sitzen haben. Die vorgeschobene Begründung, dass er dann nicht hören könne, wenn sich ein Akuma nähern würde, kaufte ihm der Deutsche sogar ab. Tatsächlich war es so, dass er ihn nur unglaublich nervte, wann auch immer er zu dichten begann, und Kanda jeden Grund akzeptieren würde, der ihm den Journalisten vom Hals hielt.
Außerdem musste er nachdenken. Seit diesem Akumaangriff in aller Frühe vor ein paar Tagen hatte Jinai kaum mehr ein Wort an ihn gerichtet. Sie hatte mit ihm sprechen können, als es nur um die Arbeit gegangen war, aber kaum hatten sie dieses Terrain verlassen, brachte sie keinen Ton mehr heraus. Mit den anderen mochte sie sich unterhalten, aber ihm gegenüber war sie wortkarg, geradezu stumm.
Und Hadi hatte gesagt, dass sie übermorgen Ouargla erreichen würden. Ihm blieb also nur noch der morgige Tag, um zu klären, was sie beide nun schon viel zu lange vor sich herschoben, bevor sie sich in einem Expeditionstrupp von über neunzig Leuten befinden würden, in dem es für Jinai ein leichtes wäre, ihm aus dem Weg zu gehen.
Wenn Kanda bloß eine Ahnung gehabt hätte, wie er es angehen sollte. Jinai sah ihn ja kaum an und ignorierte ihn so nachdrücklich, dass sie sich eigentlich gleich ein Schild um den Hals hängen hätte können. Wie sollte er da ein Gespräch mit ihr beginnen?
Zumal sie ja selbst jetzt nicht alleine waren. Da waren immer noch Hadi, Hase und Kie. Kie ganz besonders, denn der Finder verstand sich nun scheinbar besonders gut mit Jinai und schien es zu genießen, dass die Exorzistin ihre Aufmerksamkeit von Kanda ab- und damit allen anderen zugewandt hatte. Kanda konnte verhindern, dass Kie sich ein Zelt mit ihr teilte, aber dagegen, dass der Chinese mit ihr sprach, konnte er nichts unternehmen. Und es setzte ihm mächtig zu, dass er keine Möglichkeit hatte, sie alleine zu sprechen, weil sie weder alleine waren, noch weil Jinai es zuließ, aber sie dafür mit Kie so viel mehr Zeit verbrachte. Sie verbrachte sie zwar auch mit Hadi und Hase, aber bei Kie störte es ihn am meisten.
Er hatte nur noch einen Tag, um mit ihr zu sprechen.
Und er kam den ganzen Tag über nicht dazu.
Beim Frühstück waren alle dabei und wenn sie unterwegs waren, ebenfalls. Sie konnten sich nicht kurz ein Stück von der Gruppe absetzen, weil sie dann den Anschluss verlieren würden – ganz zu schweigen davon, dass Jinai dem nicht zugestimmt hätte. Und sie hätte drei Fürsprecher gehabt, die Kanda jederzeit überstimmt hätten.
Zu Mittag gab es diesmal nur eine kurze Rast, bei der er ihrer nicht habhaft werden konnte, und am Nachmittag war es das gleiche Spiel wie am Vormittag. Allmählich kam Kanda der Gedanke, die anderen einfach niederzuschlagen und gefesselt und geknebelt alleine weiterreiten zu lassen, um endlich ein Gespräch unter vier Augen mit Jinai führen zu können, sehr reizvoll vor.
Sie schien seine Anspannung zu spüren, denn obwohl sie sonst den Blickkontakt mit ihm weitestgehend vermied, warf Jinai ihm nun ab und zu beunruhigte Blicke zu, die diesen waghalsigen Plan torpedierten und einen schalen Geschmack in seinem Mund zurückließen.
Verdammt.
Er war doch kein Monster. Sie musste ihn nicht so ansehen, als hätte sie Angst, dass er sie fressen würde. Die Verletzungen in ihrem Gesicht waren verschwunden, aber damit war es leider nicht getan. Kanda konnte verstehen, dass sie etwas ziemlich Schlimmes durchgemacht hatte und dass sie das belastete, er wusste es vielleicht sogar besser als jeder andere, aber es machte ihn wütend, dass sie so wenig zwischen ihm und dem Akuma unterschied, das ihr das angetan hatte. Nur weil es sich sein Gesicht angeeignet hatte, hieß das noch lange nicht, dass er so war wie dieses Akuma.
Zum ersten Mal seit Tagen kam ihm ein erschreckender Gedanke, den er zuvor noch nicht in Betracht gezogen hatte. Er hatte ihr erzählt, dass er nicht geboren worden war wie ein normaler Mensch. Wenn man es genau nahm, war er aus dem Tod eines anderen Menschen entstanden … wie ein Akuma. Fiel es ihr deshalb so leicht, ihn mit dem Akuma zu vergleichen, das sich sein Äußeres angeeignet hatte?
Jetzt wirst du paranoid.
Es passt doch zusammen.
Tut es nicht. Du bist ein Mensch und kein Akuma, egal, wie du geboren wurdest.
Dass ich nicht geboren wurde, ist dir aber klar.
Das tut hier nichts zur bist nicht so wie die Akuma und Jinai weiß das.
Dann verbirgt sie das aber wunderbar.
Schwachkopf. Das ist wie bei dir und bei mir: Ich weiß es besser, aber du hörst trotzdem nicht auf mich.
Das ist ja wohl eher umgekehrt.
Wenn du das glaubst. Ich weiß es besser.
Das hilft mir trotzdem nicht. Selbst wenn ich an ihre Vernunft appelliere, wird sie nicht darauf hören.
Es müsste einen Weg geben, wie man ihr die Angst nehmen könnte.
Dazu müsste sie sich erst einmal dazu herablassen, sich wieder mit mir abzugeben.
Kommt Zeit, kommt Rat.
Spar dir deine Sprüche, wir haben keine Zeit.
Kanda Zwiegespräch mit sich selbst wurde jäh unterbrochen, als Hadis Stimme erklang.
„Da vorne werden wir heute Nacht schlafen!", rief der Algerier und deutete auf ein Gebilde vor ihnen, das eindeutig nicht aus Sand gemacht war.
Es waren Gebäude aus dunklem Stein, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem hellen Mauerwerk der Häuser in Mostaganem hatte. Nicht sehr viele und halb verfallen, aber allem Anschein nach nicht einsturzgefährdet. Die Decke würde ihnen heute Nacht jedenfalls nicht auf den Kopf fallen und vielleicht boten die Mauern auch ein wenig Schutz vor der Kälte, die sich nachts der Wüste bemächtigte.
Die letzte Nacht. Seine letzte Chance. Und sie würden sie alle in einem Raum verbringen.
Bei Sonnenuntergang hatten sie die Ruinen erreicht, die, wie Hadi ihnen erklärten, seit Jahrhunderten verlassen waren. Die Wasserquelle war hier versiegt und die Bewohner weitergezogen, als auch das Grün verschwand. Jetzt kamen nur noch Karawanen vorbei, weil deren Routen in der Wüste sich an solchen Punkten orientierten.
Zögernd betraten die Reisenden eines der wenigen Gebäude, das noch ein Dach und vier Wände hatte. Der Sand hatte die Wände außen glatt poliert, aber hier hinein war er nicht gelangt und die Mauern sahen grober und unbearbeitet aus. In den Ecken sammelte sich Sand, aber sonst war der Boden fast frei davon.
Kanda interessierte sich aber nicht für den Boden. Ihm war etwas anderes ins Auge gestochen.
Kommt Zeit, kommt Rat.
„Es wird reichen, wenn wir die Planen auf dem Boden ausbreiten", beschloss Hadi und scheuchte Hase und Kie nach draußen, denn das Aufstellen der Zelte war ihre Aufgabe. Darum war es auch ihre Aufgabe, die Planen hereinzutragen und auszubreiten, damit sie nicht auf dem lästigen Sand schlafen mussten.
Kaum waren die drei draußen, gab es ein knirschendes Geräusch und dann ein Krachen, als der Eingang sich hinter ihnen verschloss.
Jinai: Bis in zwei Wochen, nachträglich einen frohen vierten Advent und im Voraus FROHE WEIHNACHTEN!
