12. Dezember
Kathryn wusste nicht, ob Picard den Versuch gemacht hatte, sie zum gehen zu bewegen. Auf keinen Fall hätte sie sich von ihrer Familie losreißen können. Sie war dabei, als ihre Mutter und Phoebe den Baum fertig schmückten und dabei die Rotweinflasche leerten. Sie hörten den Geschichten zu, die sich die beiden erzählten. Teilweise waren es alte Geschichten, aus ihrer und Phoebes Kindheit, teilweise neue Geschichten, in denen Phoebes Kinder die Hauptrolle spielten.
Kurz nachdem der Baum fertig geschmückt war, lernte Kathryn ihre Nichte und ihren Neffen kennen. Beide Kinder kamen in Begleitung ihres Vaters ins Haus gestürmt, mit roten Wangen und voller Geschichten über die gefährlichen Schneeballschlacht-Abenteuer, die sie überstanden hatten. Kathryn konnte ihre Augen kaum von den beiden wenden. In Phoebes Sohn glaubte sie Spuren ihres Vaters zu erkennen, Phoebes kleine Tochter war das Ebenbild ihrer Schwester. Natürlich hatte sie Holo-Aufnahmen beider Kinder bekommen, aber sie hier in der Realität zu sehen, war noch einmal etwas ganz anderes.
Langsam senkte sich die Nacht über Indiana. Kathryn war dabei, als ihre Familie sich gemeinsam an den festlich gedeckten Tisch setzt. Es gab Gans mit Kastanienfüllung – wie jedes Weihnachten seit Kathryn zurückdenken konnte. Danach durften die Kinder endlich das Wohnzimmer betreten, in dem der Baum festlich erstrahlte. Das sprachlose Staunen der beiden Kinder war fast mehr als Kathryn ertragen konnte. Es war so schön, so ruhig, so friedlich. Am liebsten hätte sie jeden Moment festgehalten – selbst als es kurze Zeit später mit der Ruhe und dem Frieden vorbei war.
Kathryns Nichte und Neffe gaben mit Inbrunst einige Weihnachtslieder zum Besten.
„Ich glaube, der Ausdruck ‚nicht schön, aber laut' muss speziell für diese beiden geprägt worden sein", bemerkte sie mit gequältem Gesichtsausdruck. „Arme Phoebs, scheinbar hat sie wirklich keinen Funken ihres künstlerischen Talents auf ihre Kinder vererben können."
„Immerhin hat Ihr Neffe aber einige bemerkenswert kreative Texte vorgetragen", bemerkte Picard ernst.
„Sie meinen ‚Leise rieselt der Schnee, s Christkind hat mehr Raumschiffee, als wie die Sternenflottee'?, wollte Kathryn wissen, „in der Tat sehr kreativ."
Erst als die Kinder im Bett waren, drängte Picard zum Aufbruch: „Wir haben heute noch einiges vor uns, Captain Janeway."
Bevor Kathryn protestieren konnte, lösten sich die vertrauten Wände ihres Elternhauses ein weiteres Mal um sie herum auf und sie fand sich mit Picard in einem anderen Wohnzimmer wieder. Einem, dass ihr vage bekannt vorkam.
„Das ist Marks Wohnung."
Picard nickte.
Auch dieser Raum festlich geschmückt – viel überladener als sie ihrem ehemaligen Verlobten jemals zugetraut hätte – und auch hier strahlte ein Baum in der Ecke.
„Was soll ich hier sehen?"
Picard wies auf das Sofa. Kathryn verschlug es für einen Moment die Sprache. Dort schlief Mark in einer halb liegenden, halb sitzenden Position und an ihn gekuschelt eine Frau. Seine Frau. Die Frau, die Kathryn verdrängt hatte. Zwischen den beiden schlummerte ein Säugling. Langgestreckt vor dem Sofa lag ein braunes flauschiges Etwas und schnarchte sogar ein bisschen – Mollie. Es war ein schönes Bild. Und nach dem ersten Schmerz stellte Kathryn fest, dass es sich richtig anfühlte. Mark hatte ein gutes Leben, die Frau sah nett aus und das Kind… Kathryn seufzte, natürlich hatte sie sich immer irgendwie Kinder gewünscht, aber wenn sie ehrlich zu sich war, hatte ihre Karriere für sie immer an erste Stelle gestanden. Unwahrscheinlich, dass sie und Mark irgendwann Eltern geworden wären, selbst wenn sie im Alpha-Quadranten geblieben wäre.
„Ich nehme an, Ihre Lektion ist, dass ich sie nicht alle unglücklich gemacht habe?", wandte sie sich an Picard.
„So könnte man es zusammenfassen", lachte der. „Aber kommen Sie, wir haben noch genügend Besuche vor uns."
AN: Halbzeit – unglaublich was? Wie gefällt es euch bisher? Über eine Review würde ich mich unheimlich freuen – und es gibt bestimmt auch Pluspunkte beim Christkind!
