A/N: Ein weiteres Kapitel geschafft! Ich hoffe es gefällt... :)


12 Geduld

"It's been hard, but I have to believe. Have a little patience." -- Take That

.

Hermine bekam kein einziges Mal Nachsitzen im Laufe der letzten drei Wochen des beschleunigten Semesters. Sie hätte diese Veränderung vielleicht nicht einmal bemerkt. Jede wache Minute verbrachte sie im Unterricht oder mit ihren Büchern. Sie las während der Mahlzeiten; sie lernte in der Bibliothek, bis der Gemeinschaftsraum leer war. Dann lernte sie dort noch weiter. Schließlich, wenn sie die Wörter auf dem Papier nicht mehr länger erkennen konnte, stolperte sie die Treppe hinauf und fiel in den sanften Armen ihres Bademantels in einen tiefen Schlaf.

Ginny hätte versuchen können sie abzulenken, aber die Gryffindor Quidditschmannschaft war nicht in bester Form. Die jüngste Weasley hielt fast jeden Abend Training. Ravenclaw hatte Hufflepuff letzte Woche besiegt und Ginny hatte schreckliche Angst, dass das Team ohne Harry und Ron nicht den üblichen Anforderungen entsprechen würde, wenn es Slytherin nächste Woche gegenübertreten musste. Seamus und Dean, wieder zurück im Team, waren die einzigen, die es wagten mit ihr zu sprechen. Ständig konnte man die drei in einer Ecke zusammenhocken sehen, wo sie über neue Strategien diskutierten. Während Hermine nur noch über den Unterricht reden konnte, schien Ginny vergessen zu haben, dass es in ihrem Leben noch mehr gab als nur Quidditsch. Falls Hermine überhaupt über Ginnys Besessenheit nachdachte, dann dass es gut für sie beide war sich in etwas anderem zu vergraben als in Kummer. Die meisten Tage waren beide zu erschöpft um nachts überhaupt noch zu träumen.

Hermine nahm sich den Samstagnachmittag frei, um das Quidditschspiel zwischen Slytherin und Gryffindor anzusehen. Für einige Stunden vergaß sie, dass die UTZs über ihrem Kopf drohte, während sie mit ihren Hauskameraden jubelte als Dean ein Tor erzielte. Dennis Creevey kommentierte das Spiel. Dennis Stimme war eine ständige Erinnerung an den Tod von Colin und all den anderen. Hermine fühlte sich verloren ohne Ron als Hüter, aber Ginny war wieder als Sucher eingesetzt. Sie war gut und besser als Malfoy. Dennoch, Harry war schneller gewesen.

Am Ende blieb Hermine nicht, weil sie hoffte, dass sie Slytherin schlagen würden – das tat sie, das tat sie wirklich, nur nicht so sehr wie alle anderen – stattdessen blieb sie weil Ron und Harry so enttäuscht wären, dass sie es verpasst hatten. Sie würden jedes Detail hören wollen, wenn sie sie wieder sah, also machte sie fleißig Notizen von allen Pässen und Paraden.

Mehrere Stunden später platzte der Gryffindor Gemeinschaftsraum von Jubelrufen der Schüler, die einen hart erkämpften Sieg feierten.

„Und dann, zisch! Aus dem Nichts taucht unser Kapitän auf," erzählte Dean. „Sie schnappte den Schnatz direkt unter Malfoys versnobter Schnauze weg!"

Ginnys Gesicht zeigte eine fröhliche Röte. Jemand hatte Kekse und Kuchen aus der Küche organisiert und die Erstklässler waren von den ungewohnten Mengen an Zucker alle etwas grün im Gesicht. Hermine konnte sich kaum selbst denken hören und ihr Kopf begann zu pochen. Jeder gab seine Version seiner beliebtesten Strategien wieder und das Gelächter und Gejubel wurde immer lauter. Es schnellte langsam außer Kontrolle. Als Vertrauensschülerin hatte sie die Pflicht Ordnung zu wahren. Sie ließ es bleiben.

Stattdessen stahl sie sich an der Fetten Dame vorbei und ging zur Bibliothek. Irgendwie konnte sie sich nicht dazu bringen zu feiern. Seit Beginn des Semesters hatte Hermine sich immer wieder erinnert, dass Harry und Ron so oder so nicht nach Hogwarts zurückgekehrt wären, dass dieses Jahr eh anders gewesen wäre. Aber, da war sie sich sicher, sie wären für dieses Spiel zurückgekehrt. Sie hätten niemals die Gelegenheit verpasst, Ginny beim Quidditsch strahlen zu sehen und zu sehen wie Slytherin geschlagen wurde.

Sie setzte sich an ihren üblichen Tisch. Madam Pince hatte Hermine erlaubt ihre Bücher dort liegen zu lassen, da sie die Bibliothek eh kaum noch verließ. Sie nahm ihr Verteidigung gegen die Dunklen Künste-Buch in die Hand. Snape hatte bis zum nächsten Tag drei Fuß Pergament über Todesfeen aufgegeben. Sie hatte den Aufsatz längst beendet, aber es gab noch ein oder zwei Dinge, die sie genauer nachschlagen wollte. Es waren nur noch zwei Wochen bis zu den UTZ-Prüfungen und es gab nicht mehr viel Zeit Aufgaben zu erfüllen und vernünftig zu lernen. Sie hörte das leise Rascheln von Stoff hinter ihr nicht, daher zuckte sie zusammen, als eine Hand ihre Schulter berührte. Nachdem sie aufgesprungen war, sah sie Professor Snape, der über ihren Schrecken lächelte. Neben ihm schwebte ein großer Stapel an Büchern, die nur darauf warteten, dass die beginnende Unterhaltung beendet wurde, um ihrem vorübergehenden Besitzer aus der Bibliothek zu folgen. Sie fragte sich kurz, was er wohl gerade recherchierte.

„Miss Granger, Sie sollten sich mehr Ihrer Umgebung bewusst sein. Immer wachsam," flüsterte er.

„Ja, Sir." Sie hatte keine Ahnung, was er in der Bibliothek machte und war sich nicht sicher, dass sie es wirklich wissen wollte.

„Sie haben vielleicht die… Knappheit an Nachsitzen in letzter Zeit bemerkt," begann er leise. Hermine nickte langsam. „Es ist mir bekannt gemacht worden, dass Sie im Moment vielleicht etwas dünn gespannt sind und dass weitere… Aktivitäten nicht sehr vernünftig wären."

Hermine traf seinen Blick. „Professor Snape, ich kann Ihnen versichern, dass meine Arbeit nicht gelitten hat."

Er lächelte spöttisch. „Miss Granger, ich habe keinen Verweis auf Ihre Arbeit gemacht, die anscheinend langatmig wie immer ist." Er wies auf das fünf Fuß lange Pergament auf dem Tisch. „Wenn ich Punkte für Überlänge abziehen würde, hätten Sie nicht mal das erste Jahr Zaubertränke bestanden.

„Nein, Miss Granger. Die Schulleiterin befürchtet, dass Sie sich nicht vernünftig um sich selbst kümmern. Sie hat weitere Besuche verboten, bis Sie nicht länger Schülerin sind. Natürlich, falls Sie das Bedürfnis nach etwas Kesselschrubben verspüren, wäre ich durchaus geneigt Sie morgen Abend um acht zu empfangen." Er grinste.

„Professor McGonagall?" Hermine hatte den Rest seiner Rede nicht gehört. „Aber ich bin seit mehr als einer Woche nicht mehr dort gewesen."

„Diese Tatsache ist mir durchaus bewusst, Miss Granger."

„Ich habe sogar Notizen vom Spiel für sie gemacht," flüsterte sie.

„Die beiden werden den Unterschied nicht bemerken, wenn Sie sie nach den Prüfungen sehen," sagte Snape ohne nachzudenken.

„Viele Dank, Professor," spuckte Hermine giftig. Er hatte Recht, aber die Unverblümtheit seiner Äußerung ließ ihr Tränen aufkommen. „Solch rücksichtsvolle Bemerkungen sind immer geschätzt."

Er antwortete nicht. Hermine wusste nicht ob es daran lag, dass er müde war sich mit ihr herumzuschlagen oder ob er vielleicht reumütig war. Sie wandte sich wieder ihren Büchern zu. Vielleicht war es auch egal. Nach einigen Sekunden hörte sie Schritte, die sich von ihr entfernten. Er war fort.

Was sich wie wenige Minuten später anfühlte, spürte sie eine weitere Hand auf ihrer Schulter. Es war Ginny.

„Ich hab nach dir gesucht." Der Rotschopf lächelte, als sie einen Stuhl an den Tisch zog. „Du bist nicht zurückgekommen."

„Ja, nun, ich hab mir den Nachmittag für das Spiel frei genommen. Ich konnte nicht noch mehr Zeit für die Feier verschwenden. Ich bin so hinterher," sagte Hermine brüsk und hielt dann inne. „Ich werd zum Abendessen runterkommen."

Ginny schüttelte den Kopf. „Hermine, das Abendessen war schon vor Stunden! Es ist elf."

Zum ersten Mal nahm Hermine das missmutige Grummeln ihres Magen wahr. Sie stöhnte. Ohne ein weiteres Wort nahm Ginny Hermine an der Hand und zog sie mit sich zur Küche hinunter. Sie setzten sich an einen der Tische. Zwei Hauselfen, die Hermine nicht kannte, waren mehr als glücklich die beiden mit mehr Speisen zu versorgen, als selbst Ron essen könnte. Sie seufzte. Warum musste sie alles an ihn erinnern?

Als ob sie ihre Gedanken lesen konnte, sagte Ginny, „Ich vermisse ihn auch. Beide. Es scheint als ob, egal wohin ich mich wende, was ich auch sehe… Heute war so hart. Ich hab was ich tat ständig verglichen mit dem was Harry getan hätte…"

Hermine griff nach der Hand ihrer Freundin. „Ich weiß. Aber du wärst so oder so Kapitän gewesen. Du hast ihm nichts weggenommen. Sie wären eh nicht zurückgekommen. Ich hatte ihnen noch nicht mal gesagt, dass ich das vorhatte. Ich wollte, aber…"

Ginny lachte. „Oh, Ron wusste, dass du das machen würdest. Er sagte, es gäbe keine Chance, dass du die Gelegenheit aufgeben würdest noch mal zehn Ohnegleichen zu erhalten. Er hat wahrscheinlich erwartet, dass du Schulsprecherin wirst."

„Nein, das hätte ich nur gewollt, wenn sie auch hier gewesen wären. Der beschleunigte Kurs ist viel besser. Ich glaube nicht, dass ich es hier ein ganzes Jahr ohne die beiden aushalten würde. Immerhin bist du jünger. Du wärst sowieso ohne sie hier gewesen."

„Nicht zweimal." Ginnys bitterer Tonfall überraschte Hermine. „Letztes Jahr… es war für alle schwer. Aber es war so hart ohne euch zu sein. Sich Sorgen zu machen. Nichts zu wissen. Die Carrows und Snape zu bekämpfen – das war alles was ich hatte. Neville, Luna, Colin, alle. Wir haben nur auf euch gezählt, und uns ständig gefragt ob es euch gut ging. Es war unvorstellbar schrecklich.

„Ihr wart auf der Flucht. Ihr wusstet ihr würdet in Gefahr sein. Aber wir… Hogwarts war immer der vermeintlich sicherste Ort für uns. Und dann… es war schlimmer als mein erstes Jahr, als ich Riddles Tagebuch gefunden hab. Den einen Ort an dem man sich sicher fühlte – ich hatte schließlich Fred und George zu Hause – in etwas so gefährliches verwandelt zu sehen. Es war surreal. Neville war plötzlich so mutig. Es war beinahe einfach, weil jeder von uns ständig dachte: wie kann das hier wahr sein? Wie kann das hier Hogwarts sein?"

„Ich… ich hab nie wirklich darüber nachgedacht," gab Hermine zu. „Ich wusste, dass es mit Snape als Schulleiter nicht gut sein konnte, aber… ich hab nie darüber nachgedacht, was hier passierte… es tut mir leid, Ginny."

Ginny zuckte mit den Schultern. „Es ist ja nicht so, als hätte ich mit euch gehen können. Mum hätte mir eher den Kopf abgerissen. Ich hätte eh keine Zauber ausführen können. Ich hätte uns ziemlich schnell ums Leben gebracht. Und das wusste ich, aber… es war echt hart.

„Aber weißt du, ich hab mich gefragt… wie schrecklich muss es für Snape gewesen sein? Vorzuspielen, dass er die Methoden der Carrows gut fand und… Weißt du, wenn er mich bestraft hat… er hatte dieses wahnsinnige Glimmen in den Augen. Zu dem Zeitpunkt dachte ich er war einfach nur begeistert, dass er Potters Ex-Freundin strafen konnte. Er hat Dinge gesagt, und ich… Aber jetzt, ich denke vielleicht wurde er langsam verrückt, weil er so von sich selbst angewidert war, von dem was er geworden war. Ich glaube er war vielleicht sogar glücklich, dass Nagini ihn gebissen hat, nur um es endlich alles zu beenden. Ich frage mich manchmal, ob er überhaupt dankbar ist, dass jemand, wer auch immer das war, ihm das Leben gerettet hat."

Hermine schob eine Gabel mit Shepherd's Pie in den Mund. Wäre er glücklicher gewesen, wenn sie sich nicht eingemischt hätte? „Ich schätze, wer auch immer ihn gerettet hat, hatte keine Zeit darüber nachzudenken, ob er gerettet werden wollte oder nicht. Außerdem habe ich gehört, dass er keine Bisswunde hatte."

„Hat Madam Pomfrey nicht gesagt, dass er eine Menge Blut verloren hatte, als sie ihn gefunden hat? Und sein Umhang war getränkt darin. Ich hab ihn an dem Abend gesehen, als ihr mit den Verletzten geholfen habe. Wo ist das ganze Blut denn sonst hergekommen?" fragte Ginny. „Von einem Hahn?"

Hermine lachte über den Verweis auf die Sache mit der Kammer des Schreckens. „Es tut gut zu hören, dass du das ganze so leicht nimmst. Wie verrückt ist es denn, dass ‚normal' für uns bedeutet, dass wir Pläne schmieden, wie wir den ‚Dunklen Lord' besiegen können. Anstatt dass wir Pläne machen, wie die meisten Mädchen in unserem Alter: wie wir den Jungen unserer Träume dazu bringen mit uns auszugehen?"

„Oh, wir haben die Jungs trotzdem gefunden. Wir sind Multitasker." Ginny biss in ein Brötchen. „Aber ich hatte gedacht, dass alles perfekt sein würde, sobald Riddle geschlagen ist."

„Ich auch." Hermine schaufelte einen weiter Bissen in ihren Mund. „Ginny, was wenn… was wenn der Autounfall kein Unfall war? Wer hätte denn etwas davon, wenn sie…"

„Ich weiß nicht," überlegte Ginny, als sie kaute. „Ich habe auch schon daran gedacht. Sie sind verrückt, aber nicht blöd. Du besiegst nicht Voldemort und übersiehst dann eine rote Ampel. Malfoy würde es nicht tun. Nicht jetzt, wo er euch dreien sein Leben schuldet. Die üblichen Verdächtigen sind weg. Snape ist einer von den Guten. Voldemort ist tot."

„Mehr hab ich auch nicht," grummelte Hermine.

„Hermine, die werden schon dahinter kommen. Hab nur Geduld. Ich wusste, dass Harry letztes Jahr zu mir zurückkommen würde und ich weiß, dass sie auch diesmal okay sein werden. Sie sind nicht hier, aber immerhin sind sie nicht tot."

Sie aßen stillschweigend, bis sie das Essen nicht mal mehr ansehen konnten. Als sie sich zurück auf den Weg zum Gemeinschaftsraum machten, legte Hermine einen Arm um Ginnys Hüfte. Es tat gut eine Freundin zu haben, die sie wirklich verstand. Auch wenn Hermine momentan keine Zeit hatte selbst so eine gute Freundin zu sein.

.

.