You were never mine to love
Carl erwartete sie schon.
Er war auf dem alten Methodistenfriedhof neben dem Pfarrhaus und saß Beine baumelnd auf dem halb verwitterten Grabstein eines Ezekiel Bogner, gestorben 1814, möge er in Frieden ruhen. Er trug Uniform.
Rilla, die den ganzen Weg aus Ingleside gelaufen war, wurde langsamer, als sie ihn sah. Jetzt, wo sie hier war, war sie plötzlich von einer merkwürdigen Scheu ergriffen, was nicht verständlich war, immerhin war es nur Carl, aber trotzdem war es komisch. Irgendetwas hatte sich verschoben, ohne dass sie sagen konnte, was oder warum.
Zögerlich schob sie das Friedhofstor auf. Es gab ein protestierendes Quietschen von sich, das Carl dazu brachte, die eingehende Inspektion seiner Schuhspitzen aufzugeben und zu ihr aufzusehen.
„Dachte mir schon, dass du kommst", begrüßte er sie.
„Natürlich", gab Rilla zurück. Sie hätte niemals nicht kommen können.
Langsam ging sie zu ihm hinüber, wie üblich bedacht darauf, auf keines der Gräber zu treten. Wahrscheinlich bewahrten sie zwar längst nur noch Staub und Erinnerungen, aber sie mochte es trotzdem nicht, den Flecken Erde zu betreten, unter dem ein Mensch zu seiner letzten Ruhe gebettet worden war und sei es auch noch so viele Jahrzehnte her.
Susan hätte das wahrscheinlich für einen angemessenen Ausdruck von Gottesfurcht gehalten, aber Rilla dachte bei sich, dass es wahrscheinlich vielmehr eine Art Aberglaube war, den Susan so gar nicht gutgeheißen hätte. Für Susan war Aberglaube in jeglicher Form kaum mehr als Ketzerei und dass Ketzerei direkt in de Hölle führte, hatte Rilla als kleines Kind gelernt und es hatte ihr mehr als einen Alptraum beschert.
„Komm da runter", wies sie Carl an, als sie bei ihm angekommen war.
Er, der ihre Abneigung gegen Gräber durchaus kannte, rutschte zwar augenblicklich von Ezekiel Bogners Grabstein herunter, verdrehte dabei jedoch die Augen. „Es ist bloß ein Stein, Rilla", bemerkte er trocken, „es bringt kein Unglück, darauf zu sitzen."
„Das weißt du nicht. Und du kannst es dir ganz sicher nicht leisten, das Glück herauszufordern. Nicht jetzt", gab Rilla schnippisch zurück.
Für einige Sekunden standen sie einander gegenüber, beide angespannt, bis Carl schließlich den Blickkontakt brach und sie ein wenig wegdrehte.
Rilla seufzte.
„Tut mir Leid. Ich wollte nicht streiten", entschuldigte sie sich und streckte eine Hand aus, um seinen Arm zu berühren. Carl, der sie wieder zu ihr umsah, fing die Hand ab, nahm sie zwischen seine, drückte sie kurz.
„Du hast recht", erwiderte er dann, „ich hätte nichts sagen sollen. Es ist nur…" Hilflos brach er ab.
Rilla nickte. Sie wusste, wie er sich fühlte. Es ging ihr ja nicht anders.
„Sollen wir gehen?", Carl machte eine vage Handbewegung in Richtung des Tores. Offensichtlich wollte er das Thema nicht vertiefen, zumindest im Moment noch nicht.
Schweigend verließen sie den Friedhof, schlugen automatisch den Weg zum Regenbogental ein, das so viele ihrer schönsten Kindheitserinnerungen bewahrte und sich doch mit der Zeit verwandelt hatte, von einem goldenen Ort des Glücks und der Abenteuer, in eine begraste Senke mit einigen Bäumen darin. Aber vielleicht war das Regenbogental immer das gleiche gewesen. Vielleicht hatten nur sie sich verändert.
„Peter Pan hatte gar nicht so Unrecht", bemerkte Rilla und trat nach einem kleinen Stein, der vor ihr auf dem Weg lag – kein sehr damenhaftes Verhalten, aber was hätte sie in diesem Moment nicht alles darum gegeben, selbst für immer ein kleines Mädchen geblieben zu sein?
Es war wohl ein Zeugnis ihrer Vertrautheit, dass Carl ihre Gedanken sofort erriet und zustimmte: „Nicht wahr? Ich fand ja immer schon, dass da durchaus etwas dran ist. Werde erwachsen und du kriegst nur Scherereien."
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und ohne Rilla eine Möglichkeit zur Erwiderung zu geben, fuhr er sogleich fort: „Erinnerst du dich übrigens, dass Peter Pan gerne Flöte gespielt hat?"
Es dauerte einen Augenblick, bis Rilla den Hinweis verstand, dann stöhnte sie genervt. „Mach das nicht!", schimpfte sie.
„Was mache ich denn?", Carl spielte den Unschuldigen, aber seine Augen blickten amüsiert.
„Geschichten vermischen, die nicht zusammengehören", gab Rilla sofort zurück, „Peter Pan spielt Flöte. Der Pfeiffer auch. Na und? Kein Grund, die zwei irgendwie miteinander zu verbinden. Die Geschichten sind sowieso schrecklich genug, jede auf ihre eigene Weise, da braucht man sie nicht noch zu verschlimmern. Von wegen, der Pfeiffer ist eigentlich ein erwachsen gewordener Peter Pan, der aus Frust darüber alle Kinder entführt und auf ewig in Nimmerland einsperrt. Ich meine, wer will das lesen?"
Carl, selten um einen Kommentar verlegen, lachte. „Ich würde es lesen, wenn du es schreibst", erwiderte er, erntete dafür von Rilla aber nur einen strafenden Blick.
Sie hatten das Regenbogental mittlerweile erreicht und es sich in einer Mulde zu Füßen der Drei Liebenden bequem gemacht. Carl hielt immer noch ihre Hand, hatte sie nicht los gelassen, seit sie den Friedhof verlassen hatten. Es fiel Rilla jetzt erst auf und irgendetwas veranlasste sie dazu, die Hand zurück zu ziehen, vorgeblich um sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.
Weil sie nicht wollte, dass Carl ihre Geste zu sehr bewusst wurde, sprach sie sogleich weiter. „Mich hat Peter Pan immer an Jem erinnert. Er war natürlich schon viel zu alt, längst erwachsen als das Buch herauskam, und er konnte es auch als Junge nie erwarten, endlich erwachsen zu sein, aber irgendwie – naja, er hatte immer diesen… diesen Leichtsinn", sinnierte sie, während ihr Blick über das kleine Tal schweifte, in dem sie Kinder gewesen waren.
„Rücksichtslosigkeit, mögen es manche nennen", bemerkte Carl, der dem Leichtsinn nicht immer ungeschoren entkommen war, ein wenig missgelaunt, „oder Dummheit. Jem konnte ganz schön viel Unsinn erzählen, wenn der Tag lang war."
Rilla lachte leise. „Klar konnte er das", stimmte sie zu, „konnte Peter Pan aber auch. ‚Sterben wird ein schrecklich großes Abenteuer sein'. Erinnerst du dich?"
Zu spät bemerkt sie, dass dieser Kommentar sie wieder auf sehr glattes Eis führte. Der Tod war nun nicht gerade das Thema, über das sie reden wollte. Aber Carl, immer aufmerksam, hatte das längst erkannt und führte das Gespräch schon wieder in eine andere Richtung.
„Wie dem auch sei, bei Jem haben sie es ja schließlich geschafft, ihn zu fangen und aus ihm ‚einen Mann zu machen', insofern hören die Gemeinsamkeiten auch irgendwo auf", beendete er schulterzuckend die Diskussion, als beinhalte sie gerade nicht viel zu viel ungesagtes und viel zu viel, was sie eigentlich hätten sagen müssen.
Vielleicht verfielen sie gerade deswegen danach beide in Schweigen. Weil es manchmal sicherer war, nichts zu sagen. Aber es war ein angenehmes Schweigen, das zu brechen keiner einer Verlangen verspürte.
Carl hatte sich einen langen, breiten Grashalm gepflügt, ihn zwischen die Daumen geklemmt und versuchte nun, durch Pusten einen Ton zu erzeugen. Jerry hatte das früher häufig gemacht, erinnerte Rilla sich, bei Carl stellte sich allerdings nur bescheidener Erfolg ein. Es schien ihm jedoch wenig auszumachen, denn irgendwann lies er den Grashalm einfach fallen und wandte seine Aufmerksamkeit stattdessen einem kleinen Käfer zu, der sich eben auf einem Blatt niedergelassen hatte.
Vorsichtig hielt der dem Käfer einen Finger hin und obwohl das Tier eigentlich das Weite hätte suchen müssen – und wahrscheinlich bei jedem anderen Menschen auch das Weite gesucht hätte – kletterte es zögernd auf die dargebotene Hand. Langsam drehte Carl sich zu Rilla um und zeigte ihr den Käfer. Er war rotbraun, eher schmal und hatte lange Fühler. Insgesamt ein ziemlich unansehnliches Exemplar, fand Rilla.
„Ein Oxypselaphus pusillus", erklärte Carl ihr, „er wurde 1854 von John Lawrence LeConte entdeckt und ist in Kanada heimisch."
Rilla sah ihn an, wie er sehr vorsichtig den Käfer inspizierte. Carls Vorliebe für alles, was kroch, war ihr gut bekannt und gezwungenermaßen hatte sie ihren Ekel vor seinen Insekten schon vor langer Zeit verloren. Trotzdem erschien es ihr mit einem mal merkwürdig, dass der Junge, der früher mit einer solchen Geduld flügelkranke Schmetterlinge gepflegt und ihre Tod jedes Mal bitterlich betrauert hatte, jetzt seinen Weg zu den Schlachtfeldern Europas antreten würde. Auf Gedeih und Verderb.
Sie ließ die Hände sinken, in denen sie eine halb fertig geflochtene Kette aus Gänseblümchen hielt. Die Bewegung erschreckte den Käfer, der sich sofort in die Luft schwang und wegflog, irgendwohin, wo es ihm sicherer schien als hier.
Was für ein Irrtum.
„Sie haben mir die Glen-Schule angeboten", bemerkte Rilla dann unvermittelt. Sie hielt es nicht mehr aus, diesen Schein von friedlicher Normalität, wo es doch keinen Frieden gab und nichts normal war.
Carl nickte. „Das habe ich mir gedacht", erwiderte er sachlich, „die Kinder werden sich freuen. Ich mag gar nicht daran denken, wen die alte Crow sonst angeschleppt hätte, wenn du nicht zufällig hier und verfügbar gewesen wärst."
Rilla dachte zurück an das Gespräch mit der Vorsitzenden des Schulrats. Es schien ihr unendlich weit entfernt, lag aber doch in Wirklichkeit kaum eine Stunde zurück. „Sie scheint mich nicht sonderlich zu mögen", gab sie zu bedenken.
„Natürlich nicht", Carl hatte Unverfrorenheit, breit zu grinsen, „und mich kann sie erst recht nicht leiden. Aber sie ist so geizig, sie würde auch noch ihre Großmutter verkaufen, wenn man ihr einen Penny dafür anbieten würde. Und du und ich, wir wohnen nun mal beide ohnehin hier, da spart sich der Schulrat das Geld für die Unterkunft."
„Wie überaus schmeichelhaft", Rilla verzog das Gesicht.
Schulterzuckend tat Carl ihren Einwand ab. „Ich habe mich anderthalb Jahre mit ihr herumgeschlagen und sie ist zwar sehr von sich eingenommen, aber nicht besonders intelligent", berichtete er, „am Anfang ist sie ständig zu mir gekommen und hat gemeckert, aber als ich dann raus hatte, dass man ihr am besten mit sachlichen Argumenten beikommt, war schnell Ruhe. Mit Sachlichkeit hat sie es nicht so."
Das wiederum konnte Rilla gut glauben.
„Ich habe dir schon Notizen über alle Schüler angefertigt", fuhr Carl schon fort, „was sie gut können, was nicht so gut, wo du aufpassen musst, solche Sachen. Und zum Lernstoff habe ich dir auch einiges aufgeschrieben, damit du weißt, was ich bisher mit ihnen gemacht habe und was ich noch geplant hatte. Aber da kannst du natürlich auch von abweichen, immerhin hast du ab nächster Woche das Sagen." Er zwinkerte ihr kurz zu.
Es war wahrscheinlich das Augenzwinkern bei dem Rilla die Geduld verlor. Denn er tat seit ihrem Eintreffen am Friedhof, als sei das hier alles ein lustiges Spiel. Sie konnte dem Ganzen aber wenig Lustiges abgewinnen.
„Was soll das, Carl?", fragte sie also, jetzt sehr ernst.
Wenigstens schütze er kein Unverständnis vor. Das zumindest musste sie ihm anrechnen. Stattdessen wandte er den Blick ab, seufzte. Es war klar, dass er nicht darüber reden wollte, aber trotzdem anerkannte, dass sie ein Recht darauf hatte, dass er es tat.
„Ich kann nicht hierbleiben, Rilla", erwiderte er also nach einigen Sekunden des Zögerns, „ich rede mir seit fast zwei Jahren ein, ich könnte, aber es geht nicht. Ich muss gehen."
„Du musst gar nichts!", widersprach sie, ungewöhnlich heftig. Als würde es jetzt noch etwas ausmachen. Als könne man jetzt noch etwas ändern, wo er doch längst Uniform trug.
Die Würfel waren, wie man so schön sagte, längst gefallen.
Langsam schüttelte Carl den Kopf. „Du verstehst das nicht. Es ist… ich sitze seit Monaten jeden Abend zu Hause an meinem Schreibtisch, satt gegessen an Rosemarys gutem Essen, in einem neuen Hemd oder neuen Socken, die Una gemacht hat, und weiß, dass es eigentlich nicht richtig ist. Die Frage ist nämlich, wenn nicht ich, wer dann?", er warf ihr einen kurzen Blick zu, sah dann aber wieder weg.
Rilla runzelte die Stirn. Sie verstand tatsächlich nicht. „Aber was für einen Unterschied kannst du machen?", fragte sie, „es kämpfen doch schon Millionen Soldaten dort drüben und sie sterben zu tausenden. Du alleine, du änderst dort doch nichts."
„Nein, das ist richtig. Der Krieg wird so oder so ausgehen und ob ich mitmache oder nicht hat dafür keine Relevanz", stimmte Carl ziemlich unverblümt zu, „aber wenn es keinen Unterschied für das große Ganze macht, dann doch vielleicht für einen einzelnen Mann. Verstehst du?"
Die Antwort war nur ein stummes Kopfschütteln.
Frustriert rieb Carl sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er hatte sich nie gut ausdrücken können und jetzt beneidete er Walter und Jerry um ihre treffenden Worte in jeder Lebenssituation. Zwar war er selbst nicht auf den Mund gefallen, hatte immer einen Witz oder einen flotten Spruch, aber kaum ging es um die wirklich wichtigen Dinge, wusste er nie, was er sagen sollte. Wie er Rilla verstehen lassen konnte.
„Siehst du…", begann er, „also, es ist so… wenn ich gehe, bin ich nur ein unbedeutendes Rädchen im Getriebe, das ist klar. Aber wenn ich nicht gehe, muss jemand anders das tun, was ich sonst tun würde. All die kleinen Aufgaben, die ich erledigen würde, erledigt dann jemand anders. Und wenn die eine Granate einschlägt, die eigentlich mich treffen sollte – nun, die trifft dann auch jemand anderen. So ist das."
Fast hätte Rilla gesagt, dass sie nichts dagegen gehabt hätte, wenn diese Granate nicht Carl, sondern irgendeinen Fremden treffen würde. Dann begriff sie die Tragweite ihres Gedankens und war erschrocken über sich selbst.
Carl, der sie sehr genau beobachtet hatte, lächelte kurz, aber es war freudlos. „Du verstehst, was sich meine, oder?", fragte er.
Langsam nickte Rilla. „Ich denke schon", gab sie zu. Sie schluckte, ihr Mund war trocken.
„Ja, also, und dann frage ich mich immer, wer derjenige sein wird, der statt mir diese Aufgaben erledigt und dann vielleicht statt mir auch derjenige ist, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist", fuhr Carl fort, „ob er vielleicht Kinder hat, die ohne ihn aufwachsen müssen. Oder eine Frau, die ohne ihn nicht mehr weiß, woher sie das Geld zum Überleben kriegen soll. Oder eine einsame alte Mutter, die um ihn trauert."
Der Blick, den er Rilla zuwarf, bat sie um Verständnis und je länger er redete, desto mehr musste sie erkennen, dass sie ihn wirklich verstehen konnte. Dass seine Schlussfolgerung konsequenzlos war.
„Und du hast das alles nicht. Keine Kinder, keine Frau, keine…", sie brach ab.
„…keine Mutter", vervollständigte Carl, „nun sag's schon. Es ist in Ordnung."
„Es sollte nicht in Ordnung sein", widersprach Rilla, die sich ihr Leben ohne die liebevolle Umsorgung ihrer eigenen Mutter nicht mal vorzustellen wagte.
Carl zuckte mit den Schultern. Er hatte viele Jahre Zeit gehabt, sich eine Fassade zuzulegen, die ihn so tun ließ, als mache ihm das alles nichts mehr aus.
„Rosemary ist toll, aber sie ist nicht meine Mutter. Es ist mir auch fast lieber so – ich will gar nicht daran denken, was es mit Mutter gemacht hätte, wenn sie hätte erleben müssen, wie Jerry oder ich… nun, du weißt schon", jetzt war es an ihm, den Satz unbeendet zwischen ihnen hängen zu lassen.
„Ja", Rilla nickte, „ich glaube, das kann ich verstehen. Was ich aber nicht verstehe – was ist mit der Bronchitis? Ich meine, du bist ja nicht grundlos bisher hier geblieben. Du bist nicht gesund und ich weiß genau, dass mein Vater hat gesagt, du bist körperlich nicht stark genug, um Soldat zu sein."
„Dann sollte dein Vater besser niemals als Arzt im Rekrutierungsbüro der Armee arbeiten – die Qualitätsstandards dort würden ihn wahrscheinlich ziemlich erschrecken", gab Carl zurück und kurz flackerte das alte Grinsen in seinem Gesicht, erlosch aber wieder, als er Rillas Blick sah.
Sie war tatsächlich nicht amüsiert. Denn neben dem größeren Teil in ihr, der dankbar war, dass Carl sich ihr so offen anvertraute und so viel Wert auf ihre Meinung legte, war auch ein kleinerer Teil, dem es gar nicht gefiel, dass alles, was Carl sagte, so viel Sinn machte. Sie wollte ihm nicht zustimmen müssen, dass es richtig war, wenn er ging.
Für seine Scherze waren ihre Nerven dementsprechend mittlerweile viel zu dünn gespannt. „Nur weil die bei der Armee dich nehmen, heißt das noch lange nicht, dass du tatsächlich gesund. Die nehmen doch so ziemlich jeden, oder nicht?", argumentierte sie.
Widerwillig musste Carl ihr diesen Punkt zugestehen. „Stimmt wohl", gab er zu, nur um sogleich dagegen zu halten, „aber ganz objektiv betrachtet, woran hindert mich denn diese Bronchitis? Ich huste mal öfter, aber das ist schon viel besser geworden. Beim Tauchen kann ich nicht lange die Luft anhalten, aber tauchen werde ich ja wohl nicht müssen. Und mir geht beim Laufen schneller die Puste aus als dem Rest, aber nach allem was Jerry so schreibt, sitzt man als Soldat eh fast die ganze Zeit im Schützengraben herum und schlägt die Zeit tot. Marathonläufer muss man dafür nicht sein."
„Aber in den Schützengräben es ist kalt und es regnet", erinnerte Rilla, „und ich darf dich darauf hinweisen, dass du diese Bronchitis überhaupt nur hast, weil du nachts auf einem Grabstein gesessen hast, während es kalt war und regnete."
„Dann droht mir keine Gefahr. Grabsteine wird es da drüben nämlich wohl eher keine geben. Ich schätze, die meisten Toten werden entweder zerfetzt oder verschwinden in der Erde", war die lakonische Erwiderung.
„Carl!", fauchte Rilla, jetzt endgültig mit ihrer Geduld am Ende.
Beschwichtigend hob er eine Hand, augenblicklich friedlich gestimmt: „Ist ja gut, es tut mir Leid. Ich hätte das nicht sagen sollen."
„Du sagst heute so einiges, was du besser für dich behalten hättest", gab Rilla zurück, aber trotz der Schärfe ihrer Worte war ihr Ton schon wieder versöhnlicher.
Für einige Momente beäugte Carl sie prüfend, dann fragte er: „Soll ich noch was sagen, was ich besser nicht sagen sollte?"
Er schaffte es damit, Rilla ein kleines Lächeln zu entlocken. „Klar, warum nicht? Wo du schon einmal dabei bist…", antwortete sie mit einem nachsichtigen Kopfschütteln.
Hätte sie ihn besser beobachtet, wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass er sich mit einem Mal sehr gerade hinsetzte, wie er tief Luft holte und dass seine Hände damit begonnen hatten, hastig Grashalme aus dem Boden zu rupfen. Aber ihr Blick war hinüber zum Teich gewandert und so bemerkte sie es nicht.
Carl für seinen Teil sammelte all den Mut zusammen, den er für die bevorstehenden Monate noch brauchen wurde, und legte nach einem letzten kurzen Zögern sein Geständnis ab, wobei er jedes der drei Worte sehr präzise betonte.
„Ich liebe dich."
Rilla erstarrte. Ihr Verstand jedoch raste.
Liebe?
Carl und Liebe?
Wo kam das plötzlich her? Seit wann fühlte er so? Hätte sie es erkennen müssen? Und – was sollte sie tun?
Er war ihr Freund, ihr bester Freund, und es gab nur wenig Menschen, die ihr auf dieser Welt wichtiger waren als er. Wenn sie ganz ehrlich mit sich war, kam er sogar noch vor einigen ihrer Geschwister, mit denen sie manchmal aneckte. Carl und sie dagegen verstanden einander beinahe blind und waren immer füreinander da gewesen. Ein Leben ohne Carl war für sie nicht vorzustellen, das zumindest wusste Rilla.
War das also Liebe?
Sie wusste es nicht. Und was vielleicht viel schlimmer war, sie würde es nie erfahren.
Denn auch dieser Würfel war schon lange zum Stillstand gekommen, in einer verschneiten Novembernacht in der Altstadt von Quebec City.
Die brutale Wahrheit war, sie war eine verheiratete Frau. Mochte Ken sich auch seit fast einen halben Jahr in eisiges Schweigen hüllen, es änderte nichts. Sie hatte ihm Treue und Gehorsam versprochen, bis das der Tod sie scheiden sollte. Es blieb ihr also nur noch, Carl so vorsichtig wie möglich beizubringen, dass es keine Hoffnung gab.
Nur, wie sollte sie das anstellen? Schon bei Louis war ihr das schwer gefallen und das hier jetzt war etwas ganz anderes – denn was Carl offenbart hatte, das war keine einfach Jungenschwärmerei, soviel immerhin erkannte sie. Carls Geständnis war auch eine Frage gewesen.
Eine Frage für die Ewigkeit.
Und überhaupt – Louis. Zu ihrer Schande musste Rilla gestehen, dass sie seit Wochen nicht mehr an ihn gedacht hatte. Jetzt jedoch erkannte sie ihn wieder in dem Blick, mit dem Carl sie ansah, schweigend, wartend, hoffnungsvoll. Oh, wie grausam das alles war!
Hatte es wirklich eine Zeit gegeben, wo sie kleine Gans sich Verehrer gewünscht hatte – Verehrer im Plural, ein halbes Dutzend oder mehr? Wie dumm, wie unglaublich dumm sie doch gewesen war. Denn was war eigentlich romantisch daran, einem Jungen das Herz zu brechen? Schrecklich war es und sonst nichts.
Diese ganzen Liebessachen waren einfach nur schrecklich. Was hatten sie ihr den bisher gebracht, diese so sehr herbeigesehnten Geständnisse? Sie hatte ihrem armen Cousin jegliches Vertrauen in das weibliche Geschlecht genommen, würde innerhalb weniger Momente ihren besten Freund verlieren. Und Ken? Dass der sich gegen seinen Willen in die Ehe gedrängt fühlte, hatte er durch sein andauerndes Schweigen mehr als deutlich gemacht.
Sie selbst war auch glücklicher gewesen, als ihr Liebesleben noch einfach, weil nicht existent gewesen war, reflektierte Rilla. Wer immer einem also erzählte, es sei ‚eine aufregende Zeit im Leben eines jeden Mädchens' gehörte zum Schweigen gebracht!
„Rilla?", riss Carl sie da zaghaft aus ihren umherwirbelden Gedanken.
Ruckartig sah Rilla zu ihm herüber. Der Ausdruck in seinen Augen ließ sie wünschen, es nicht getan zu haben.
„Carl…", hob sie an, ohne jedoch eine Idee zu haben, was sie ihm sagen sollte. Erst als sie sprach, bemerkt sie den bittenden Klang in ihrer eigenen Stimme, auch wenn ihr selbst nicht klar war, worum sie ihn bat. Vielleicht darum, die Worte ungesagt zu machen.
Er aber wusste es. Er kannte sie.
„Ist schon gut", beruhigte er, bemühte sogar ein Lächeln, auch wenn es gequält wirkte, „ich hatte kein Recht, dich so zu überrumpeln. Vergiss, dass ich irgendetwas gesagt habe."
„Das ist es nicht!", widersprach Rilla sofort. Denn sein Verständnis kam einer Kapitulation gleich und das war vielleicht schlimmer als alles andere. Nicht, weil Rilla sich einbildet, einen Kampf wert zu sein, aber weil Carl den Grund für ihr langes Schweigen scheinbar in seiner eigenen Unzulänglichkeit sah. Einer Unzulänglichkeit, die für Rilla einfach nicht bestand.
Carl begegnete ihrem Blick und als sie nicht weitersprach, hakte er vorsichtig nach: „Was ist es dann?"
Ja, was? Was ihm sagen?
„Es ist – kompliziert", erwiderte sie schließlich, stockend, immer nach Worten suchend, „du bist mir unglaublich wichtig, wichtiger als die meisten anderen Menschen in meinem Leben. Nur – ich kann einfach nicht."
Mit einem Mal wurde Carls Blick forschend und Rilla wusste, dass sie das Falsche gesagt hatte. Denn mochte es in erster Linie darum gehen, Carl zu wenig wie möglich zu verletzen, so hatte sie auch ein Geheimnis zu bewahren. Ein Geheimnis, das sie nicht preisgeben wollte, sicherlich nicht hier und nicht so.
Außerdem hatte Carl Ken nie gemocht.
„Du willst nicht oder du kannst nicht?", wollte Carl wissen. Seine Stimme war eindringlich, ganz offensichtlich witterte er, dass sie etwas verbarg.
„Wie ich schon sagte: es ist kompliziert", versuchte Rilla sich an einem weiteren Ausweichversuch, auch wenn sie ihm kaum Erfolgschancen beimaß.
Carl betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen, als würde sich des Rätsel Lösung schon offenbaren, wenn er nur angestrengt genug hinsah. Dann, sehr plötzlich, klärten sich seine Gesichtszüge auf, nur um Sekunden später wieder zu verdüstern.
„Natürlich!", murmelte er, aber mehr zu sich selbst als zu ihr, „dieses Buch. Ich wusste doch, dass es damit etwas auf sich hat!"
Rilla musste nicht fragen, welches Buch er meinte. Es war ihr noch zu gut in Erinnerung.
Als Carl sich ihr wieder zuwandte, wirkte er aufgeregt. Er nahm ihre Hände in seine, schien sich dieser Handlung aber kaum bewusst zu sein. Eindringlich sah er sie an.
„Wenn du in Schwierigkeiten steckst, Rilla, dann verspreche ich dir, dass es mir egal ist. Es macht mir nichts aus", er sprach so schnell, dass er sich bald an seinen eigenen Worten verschluckte, „ich reise erst am Wochenende ab, ich kann also morgen eine Lizenz besorgen. Und ich rede mit Vater, er kann die Zeremonie durchführen. Es wird nichts Besonderes sein, aber ich verspreche dir, dass wir das hinkriegen. Es wird alles gut werden."
Rilla saß ihm wie versteinert gegenüber und für einen Moment wollte sie nicht glauben, was ihre Ohren da hörten. Aber sie hatte ihn gehört und sie hatte ihn auch verstanden. Sie musste der Wahrheit ins Auge sehen.
Liebesgeständnisse waren schrecklich.
Heiratsanträge waren grauenvoll.
„Du weinst", bemerkte Carl da leise. Rillas Hand flog nach oben und tatsächlich war ihr Gesicht feucht von Tränen. Sie hatte es nicht bemerkt.
Zögerlich begegnete sie seinem Blick, geduldig jetzt und so liebevoll, dass es ihr beinahe das Herz brach. Aber sie musste es tun. Etwas anderes hatte er nicht verdient.
„Ich bin nicht – in Schwierigkeiten", erklärte sie, ihre Stimme tonlos, „und ich möchte dir nicht wehtun, aber…" Hilflos brach sie ab. Aber was?
Carl nickte und sein Gesichtsausdruck war der eines Mannes, der die Niederlage längst erkannt hatte. „…aber du kannst nicht", führte er ihren Satz zu Ende, „ich verstehe."
Und dann, ganz plötzlich, war alles gesagt.
Sie hatten immer gut schweigen können, aber die Stille, die jetzt zwischen ihnen lag, war kalt und eckig und unangenehmem. Denn früher hatte nie etwas zwischen ihnen gestanden und jetzt war da plötzlich so viel – das Gesagte, aber auch das, was sie nicht gesagt hatten. Es war Rilla, als könnte sie dabei zusehen, wie der Graben aufriss und dann tiefer wurde.
Bald schon konnte sie den Boden nicht mehr sehen.
So nahmen sie schließlich Abschied voneinander, beide inständig darauf hoffend, dass noch irgendetwas passieren mochte, dass sie retten konnte, aber da war nichts. Da war nur die Tatsache, dass er ihr die Ewigkeit angeboten hatte und sie hatte nein gesagt. Das war alles, was am Ende übrig blieb.
Und so war ihre Trennung dann auch unbeholfen. Früher hätte er sie umarmt und sie hätte ihm einen Kuss auf die Wange gegeben und keiner von beiden hätte sich etwas dabei gedacht. Aber es war nicht mehr früher und so streckte er schließlich eine Hand aus, schüttelte ihre mit einer Förmlichkeit, die ihr fremd war. Diese kleine Geste allein schien Rilla wie ein Symbol für alles, was gerade vorgefallen war.
Er wünschte ihr alles Gute, sie bat ihn, auf sich aufzupassen. Dann trennten sie sich, gingen jeder in eine andere Richtung, er zum Pfarrhaus, sie nach Ingleside. Und damit hätte es das sein können, wäre Rilla nicht nach wenigen Metern stehen geblieben.
Weil es da noch etwas gab, das sie wissen musste.
Also drehte sie sich um und sah ihm nach. Er war schnell gegangen, was sie verstehen konnte und so war er schon fast an der Wegbiegung angekommen, die ihn hinter den Bäumen verschwinden lassen würde. Für einen Moment fragte sie sich, ob es gemein war, ihn noch einmal zurück zu rufen, aber er würde bald weg sein und so blieb ihr keine Möglichkeit, die Entscheidung abzuwägen.
„Carl?", rief Rilla also.
Sofort drehte er sich herum und sie hasste sich selbst für die Hoffnung, die in seinen Augen flackerte.
„Ja?", erwiderte er und sie wusste, wie sehr er sich bemühte, nicht zu begierig zu klingen.
Rilla schluckte, fasste sich dann ein Herz: „Darf ich dich noch etwas fragen?"
„Natürlich", Carl nickte, „alles."
„Warum hast du mir nichts gesagt? Bevor du dich gemeldet hast, meine ich", fragte sie und konnte sehen, wie die Hoffnung verlosch und seine Augen dunkel wurden.
Trotzdem antwortete er ihr gefasst. „Weil du mich gebeten hättest, zu bleiben", erklärte er, „und ich dann nicht hätte gehen können."
Dann sah er sie für einige Momente fest an, bevor er schließlich den Blick abwandte. Das Lächeln, das für einige Sekunden war seinem Gesicht erschien, war resigniert. Er schwieg einen Augenblick, so als müsse er sich sammeln und als er schließlich fortfuhr, mied er ihren Blick.
„Ich habe dir schließlich nie etwas abschlagen können."
Der Titel ist dem Lied „Broken" der Band Sonata Arctica entnommen.
Die Peter-Pan-Zitate sind selbst übersetze Zeilen aus dem Buch „Peter und Wendy" von J. M. Barrie, veröffentlicht im Jahr 1911 bei Hodder & Stoughton, London.
Originalzeilen:
„To die will be an awfully great adventure." (Kapitel 8)
„[…] no one is going to catch me and make me a man." (Kapitel 17)
