Hi Leute! Vielen Dank für den Review und viel Spaß beim Lesen! :)
Floh: Jaaaa, Snape von der Peitschenden Weide zu erzählen, gehört nicht zu Sirius' intelligentesten Entscheidungen. Und nein, leicht wird es ihn für ihn wirklich nicht... ;)
DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Außenseiter (1/2)
Am nächsten Tag nach dem Frühstück wusste die ganze Schule, dass James Potter Snape das Leben gerettet hatte und Sirius Black irgendwie darin verwickelt war, denn plötzlich sprach keiner seiner Freunde mehr ein Wort mit ihm und Gryffindor hatte fast alle seine Punkte verloren.
Sirius hatte gehört, wie die anderen aufbrachen. Er hatte überlegt, ob er zum Frühstück in die Große Halle gehen sollte, und sich dagegen entschieden. Aber als es Zeit wurde aufzustehen, damit er sich noch etwas aus der Küche holen konnte, schaffte er es nicht, sich aufzuraffen. Am Ende ging er, ohne etwas gegessen zu haben, zu Pflege magischer Geschöpfe. Es machte keinen Unterschied. Sirius fühlte sich immer noch wie betäubt.
James und Peter behandelten ihn wie Luft und Sirius machte keinen Versuch, mit ihnen zu sprechen. Selbst von den Slytherins kamen nur ein paar halbherzige Beleidigungen, die Sirius kaum registrierte.
In Zauberkunst und Arithmantik war es nicht anders. Selbst die Lehrer schienen kühler zu sein als sonst und Sirius konnte es ihnen nicht übelnehmen. Nach dem Unterricht ging er zum Krankenflügel, um nach Remus zu fragen.
„Es geht ihm gar nicht gut!", fauchte Madam Pomfrey, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.
Da Sirius nicht mehr das Gefühl hatte, noch in den Gryffindor-Turm zu gehören, ging er in die Bibliothek. Mechanisch machte er seine Hausaufgaben und als er fertig war, blieb er sitzen und starrte die Bücherregale an. In seiner ganzen Zeit in Hogwarts hatte er sich noch nie so vollkommen allein gefühlt. Keine Freunde mehr, keine Familie, keine Quidditch-Mannschaft. Orion Black hatte ihm immer wieder gesagt, dass dies eines Tages geschehen würde, aber am Ende hatte er sich trotzdem geirrt: Es lag nicht an Sirius' Familiennamen, es lag an ihm selbst. In einer einzigen Nacht hatte er alles zerstört und es gab niemanden außer ihm selbst, den er dafür verantwortlich machen konnte.
Als es Zeit für seine Strafarbeit war, stand er auf und ging zu Prof. McGonagalls Büro. Sie empfing ihn frostig und brachte ihn in die Bibliothek zurück, wo er unter Madam Pince' Aufsicht Folianten mit alten Tagespropheten durchschauen, sortieren und neu katalogisieren sollte.
„Sie fangen im Jahr 1656 an. Melden Sie sich, wenn Sie bei 1976 angekommen sind."
Es war eine dröge Arbeit, aber Sirius nickte nur stumm. Als er gegen Mitternacht in den Gryffindor-Turm zurückkehrte, waren immer noch ein paar Leute wach, die für ihre ZAGs oder UTZs lernten. Alle starrten ihn unverhohlen an, als er durch den Gemeinschaftsraum zur Treppe ging.
„...soll versucht haben, Snape umzubringen..."
„...hab's ja immer gesagt, ein Black..."
Dann war er auf der Treppe und hörte das Geflüster nicht mehr. James und Peter schliefen glücklicherweise schon, als Sirius in den Schlafsaal schlich. Er selbst konnte nicht schlafen. Er konnte nur daran denken, was er getan hatte. Es war alles seine Schuld.
Die nächsten Tage waren nicht besser. Sirius wartete, bis die anderen gegangen waren, bevor er selbst aufstand. Ein- oder zweimal aß er in der Großen Halle, aber die meiste Zeit holte er sich etwas aus der Küche oder aß einfach gar nichts. Er hatte ohnehin keinen besonders großen Hunger. Manchmal hatte er das Gefühl, als existiere er überhaupt nicht mehr. Nach der ersten Aufregung schien ihn niemand mehr wahrzunehmen. Niemand sah in seine Richtung, niemand sprach ihn an. Einmal kniff er sich in den Arm, um sicherzugehen, dass er sich nicht einfach in einen Geist verwandelt hatte, ohne es zu merken, aber selbst der Schmerz fühlte sich so dumpf und unwirklich an.
Nach dem Unterricht ging er in die Bibliothek, wo er seine Hausaufgaben machte. Danach starrte er die Regale an oder las etwas für die ZAGs nach, was einer der Lehrer erwähnt hatte – er hatte ja ohnehin nichts Besseres zu tun.
Wenn es Zeit war für seine Strafarbeit, meldete sich Sirius bei Madam Pince und ging dann zu seinen Folianten. Manchmal entdeckte er Artikel, die James, Remus oder Peter sicher lustig oder interessant gefunden hätten, und malte sich schon aus, wie es wäre, ihnen davon zu erzählen – wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Quidditch-Weltmeisterschaft von 1879 wiederholt werden musste, weil beinahe sämtliche Spieler bestochen worden waren? –, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er ja keine Freunde mehr hatte (und nur er allein war schuld daran, niemand sonst) und er legte die Zeitungen schnell zur Seite.
Wenn er später in den Schlafsaal zurückkehrte, schliefen die anderen normalerweise schon. Sirius schlief nicht. Und wenn ihm endlich vor Erschöpfung die Augen zufielen, schlief er unruhig und wachte in den frühen Morgenstunden schweißgebadet wieder auf, ohne dass er sich genau erinnern konnte, wovon er geträumt hatte.
Am dritten Tag kam ein Brief von den Potters. Sirius hielt ihn fast 20 Minuten in den Händen, bevor er ihn ungeöffnet zur Seite legte. Er wusste, dass die Potters ihn nicht mehr wollen würden. Aber er konnte es nicht über sich bringen, es schwarz auf weiß zu lesen.
Nach zehn Tagen wurde Remus aus dem Krankenflügel entlassen. Sirius wusste es, weil er die anderen darüber hatte sprechen hören. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er etwas anderes als Schuld und diese seltsame Betäubung, nämlich quälende Angst. Er musste mit Remus sprechen, musste sich bei ihm entschuldigen, aber er wusste, dass es nichts gab, was er tun oder sagen konnte, damit Remus ihm verzieh. Er hatte ihn verraten, schlimmer noch, er hatte es mit dem Ziel getan, einer anderen Person Schaden zuzufügen, möglicherweise zu töten. Dass es sich bei dieser Person um Schniefelus handelte, würde für Remus keine Rolle spielen. Niemand konnte so etwas verzeihen. Noch nicht einmal jemand wie Remus.
Da es ein Samstag war, hatten sie keinen Unterricht. Es war das erste Mal, dass Sirius wieder Zeit im Gemeinschaftsraum verbrachte. Niemand schien ihn wahrzunehmen, zumindest blickte niemand in Sirius' Richtung, wenn er gerade hinsah.
Remus kam nach dem Frühstück. Er war in Begleitung von James und Peter und sah kränker aus als Sirius ihn jemals gesehen hatte. Er war blass und ausgemergelt und bewegte sich vorsichtig, als habe er immer noch Schmerzen. Sirius spürte, wie sich sein Magen vor Schuldgefühlen zusammenkrampfte. Der Werwolf musste getobt haben, nachdem er Snape gewittert hatte. Und Remus bezahlte den Preis dafür.
James, Remus und Peter verbrachten den ganzen Tag im Gemeinschaftsraum. Remus machte Hausaufgaben und las den Stoff durch, den er verpasst hatte, und Peter lernte für seine ZAGs, wobei ihm James widerwillig half. An seiner Haltung konnte Sirius erkennen, dass es James in den Fingern juckte, sich seinen Besen zu schnappen und ein paar Runden über dem Quidditch-Feld zu drehen, anstatt im Gemeinschaftsraum am Feuer zu hocken.
Die drei Gryffindors gingen früh schlafen. Sirius vermutete, dass Remus müde war und die anderen zwei ihm aus Solidarität folgten. Jetzt oder nie. Mit zugeschnürter Kehle wartete Sirius zwei Minuten ab, dann stand er mit steifen Beinen auf und folgte den anderen die Treppe hinauf in den Schlafsaal. Als er vor der Tür stand, hatte er das Gefühl, sein Herz schlage so laut, dass es ganz Hogwarts hören müsste. Mit schweißnassen Händen stieß er die Tür auf.
Im Schlafsaal sah es wie immer aus, vielleicht ein klein wenig aufgeräumter, seit Sirius hier weniger Zeit verbrachte. Doch als er einen Schritt in das Zimmer machte, erstarrten James und Peter in ihren Bewegungen. Es herrschte Totenstille. Nur Remus schien ihn nicht wahrzunehmen und fuhr fort, etwas in seinem Koffer zu suchen. Sirius holte tief Luft, trotzdem hatte er das Gefühl zu ersticken.
„Remus..."
Der Gryffindor ging an ihm vorbei als sei er Luft. Sirius schnürte es die Kehle zu. Aber er musste sich bei Remus entschuldigen. Remus musste wissen, dass es ihm leid tat – selbst wenn das keinen Unterschied mehr machte. Er trat zu Remus' Bett, blieb aber in einigem Abstand stehen.
„Remus, ich weiß, dass das vermutlich keinen Unterschied macht, aber...es tut mir leid."
Die Worte klangen hohl und auswendig gelernt. Trotzdem sprach Sirius weiter. Er musste.
„Ich...ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht. Aber ich wollte dich nicht hintergehen. Ich..." Er stockte. „Ich habe nicht nachgedacht."
Für einen winzigen Augenblick glaubte Sirius, Zorn in Remus' Augen aufblitzen zu sehen, aber dann war der Moment schon vorbei und Remus schien Sirius' Anwesenheit noch nicht mal bemerkt zu haben. Im nächsten Augenblick packte ihn jemand am Arm und stieß ihn grob nach hinten. James stand vor ihm, den Zauberstab in der Hand.
„Hau ab, Black!", zischte er. „Wenn du es jemals wieder wagst, Remus anzusprechen, wirst du es bereuen!"
Sirius ging.
Remus' Reaktion hatte für Sirius etwas Endgültiges. Es war seine letzte, wenn auch höchst unwahrscheinliche Chance gewesen, so etwas wie Akzeptanz zu finden, und auch die war jetzt vertan.
Als in der ersten Aprilwoche die Listen für die Osterferien am schwarzen Brett hingen, trug Sirius sich ein. Es versetzte ihm einen Stich, als er daran dachte, wie er sich diese Ferien vorgestellt hatte. Es wären die ersten Osterferien gewesen, die er bei den Potters hätte verbringen dürfen, ohne sich heimlich davonzuschleichen und Konsequenzen im Grimmauldplatz befürchten zu müssen. Sirius versuchte das Gefühl beiseite zu schieben, so wie er früher den Gedanken an den Grimmauldplatz verdrängt hatte, aber es gelang ihm nicht. Es war alles seine Schuld. Dann entdeckte er Remus' Namen und fühlte sich noch elender. Je aufgewühlter Remus war, desto gewalttätiger wurde der Wolf. Und wie sollte man nicht aufgewühlt sein, wenn ein Freund einen verraten hatte und man beinahe einen anderen Menschen getötet hätte? Wenn Remus wieder eine so gewalttätige Verwandlung wie die letzte bevorstand, dann würde er noch im Krankenflügel liegen, wenn der Hogwarts-Express nach London fuhr. Sirius hätte es nicht gewundert, wenn er schon jetzt die Auswirkungen des nächsten Vollmonds spürte.
Nach dem Unterricht flüchtete er sich wie so oft in die Bibliothek. Er war so weit mit den Hausaufgaben, dass er nur noch die vom heutigen Tag fertigmachen konnte, etwas, das früher so gut wie nie vorgekommen war. Doch gerade als er anfangen wollte, landete plötzlich mit einem dumpfen Schlag ein Stapel Bücher auf seinem Tisch, begleitet von knisternden Pergamenten und raschelnden Federn. Als Sirius überrascht aufsah, erkannte er Lily Evans.
„Du willst hier nicht sitzen."
Seine Stimme klang rau. Es war schon länger her, dass er mit jemandem gesprochen hatte.
„Ich bin sehr wohl in der Lage, selber zu entscheiden, wo ich sitzen will, vielen Dank auch", gab Lily mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, aber nicht gänzlich unfreundlich zurück. Das letzte Mal, als Sirius so viele Worte am Stück mit einer Person gewechselt hatte, war ihm dabei ein Zauberstab unter die Nase gehalten worden.
„Geh weg, Evans."
Lily Evans hob eine Augenbraue.
„Mehr fällt dir nicht ein, Black? Einfach nur 'Geh weg'? Ich muss sagen, ich hätte etwas Originelleres von dir erwartet."
Falls sie darauf eine entsprechende Antwort gehofft hatte, tat ihr Sirius den Gefallen nicht.
„Was willst du?"
Er fragte sich, warum seine Stimme auf einmal so müde klang.
„Mit dir reden."
„Wozu?"
„Ich bin Vertrauensschülerin."
„Ich dachte, dass bedeutet, dass du Punkte abziehst und Sätze schreiben lässt."
Lily lächelte.
„Nicht nur."
Was James wohl jetzt dafür tun würde, in meiner Position zu sein... Der Gedanke ernüchterte Sirius schlagartig. Lily sollte nicht hier sein, nicht hier bei ihm. Sie sollte bei James sein und wenn sie James nicht mochte, dann eben bei Aubrey. Angeblich war sein Kopf inzwischen wieder normal groß. Doch bevor er etwas sagen konnte, kam ihm Lily zuvor: „Du siehst nicht gut aus, Sirius." Und als er darauf nicht antwortete, fügte sie fragend hinzu: „Warum sprechen die anderen nicht mehr mit dir?"
Wie kommst du darauf, dass sie nicht mehr mit mir sprechen und nicht umgekehrt?, lag ihm für einen Augenblick auf der Zunge und für eine Sekunde fühlte er sich wieder wie Sirius Black, Rumtreiber, bester Freund von James Potter, gefürchteter Duellant und Schrecken aller Slytherins. Dann erinnerte er sich daran, was er getan hatte, und der kurze Moment war vorüber.
„Das hat seine Gründe."
Lily beugte sich vor und sah ihn eindringlich an.
„Sie sind deine Freunde, Sirius. Was auch immer vorgefallen ist, sie sollten zu dich nicht einfach so im Stich lassen."
Sirius schüttelte den Kopf.
„Du weißt nicht, was ich getan habe, Evans."
Doch Lily ließ das nicht gelten.
„Im Leben läuft nicht immer alles glatt. Eine Freundschaft sollte das überstehen."
Beim letzten Satz klang ihre Stimme nicht so überzeugt wie davor. Sirius warf ihr einen müden Blick zu.
„Du glaubst ja nicht mal selber, was du sagst."
Lily ging nicht darauf ein.
„Wenn du jemanden zum Reden brauchst, Black, weißt du, wo du mich findest. Ich weiß, wie es ist, allein zu sein."
Mit diesen Worten packte sie ihre Sachen und verschwand zwischen den Regalen. Aus irgendeinem Grund glaubte Sirius ihr sogar. Aber das änderte nichts. Als er sich wieder seinen Hausaufgaben zuwandte, entdeckte er, dass Lily etwas vergessen hatte. Erst dachte er, es seien Notizen, aber dann sah er, dass es die aktuelle Ausgabe des Tagespropheten war. Für einen Augenblick überlegte er, ob er Lily hinterherlaufen sollte, aber dann zuckte er mit den Schultern. Wenn Evans ihren Tagespropheten zurückwollte, würde sie ihn schon holen kommen.
Sirius hatte seit dem verhängnisvollen Abend keine Zeitung mehr gelesen. Zum Teil lag es daran, dass Remus den Tagespropheten für sie abonniert hatte. Aber vor allem hatte Sirius überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass es noch eine Welt außerhalb von Hogwarts gab. Alle seine Gedanken waren nur darum gekreist, was er gemacht hatte, was er Remus angetan hatte, und dass es seine eigene Schuld war, dass er jetzt alleine war.
Sirius schluckte und schlug die Zeitung auf. Gleich die erste Schlagzeile fesselte seine Aufmerksamkeit:
Auroren versagen erneut – Todesser entkommen
Die Pannenserie des Aurorenbüros setzt sich fort. In der Nacht vom 4. auf den 5. April griffen Auroren zeitgleich die Anwesen der Familien Rosier, Dolohow und Mulciber an. Alle drei stehen schon länger im Verdacht, mit Sie-wissen-schon-wem zu sympathisieren, bislang lagen jedoch keine Beweise vor. Gerüchten nach sollen diese Beweise jetzt durch das Büro zur Detektion schwarzer Magie unter der Leitung von Amelia Bones erbracht worden sein.
Was als Schlag gegen Sie-wissen-schon-wen geplant war, endete jedoch in einem Fiasko. Als die Auroren die Anwesen stürmten, waren die Todesser schon verschwunden. Ein Mitglied der Mysteriumsabteilung, Augustus Rookwood, spricht von schlampig durchgeführten Anti-Disapparationszaubern. Alastor Moody widerspricht: „Wir haben Hinweise auf Portschlüssel gefunden. Der Gebrauch von Portschlüsseln wird durch Anti-Disapparationszauber nicht verhindert, wie Sie hoffentlich wissen!"
Beweise kann der Leiter des Aurorenbüros jedoch nicht vorlegen. Auf Nachfragen dementierte das Portschlüsselbüro, Portschlüssel an mutmaßliche Todesser herausgegeben zu haben: „Anträge auf Portschlüssel werden sehr genau überprüft und bei Hinweisen auf kriminelle Absichten abgelehnt. Darüber hinaus liegen uns keine Berichte über illegale Portschlüssel vor."
Seit dem Angriff auf Moody, bei dem der Auror so schwer verletzt wurde, dass er einige Zeit im St. Mungo Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen verbringen musste, ist dies schon die zweite gescheiterte Großaktion. Es stellt sich die Frage, ob Moody überhaupt noch in der Lage ist, das Aurorenbüro zu leiten. St. Mungo war diesbezüglich leider zu keiner Stellungnahme bereit.
Sirius las den Bericht mit wachsendem Interesse. Warum sollten die Todesser keine Portschlüssel verwenden? Der Zauber zum Erschaffen eines Portschlüssels war zwar kompliziert, aber die Todesser verwendeten ihn ja nicht zum ersten Mal. Letztes Jahr hatten sie Portschlüssel benutzt, um neue potentielle Anhänger und Verbündete an einem Ort zu versammeln. Sirius fragte sich, ob damals illegale Portschlüssel aufgefallen waren. Er konnte sich nicht erinnern, etwas in der Richtung im Tagespropheten gelesen zu haben, aber zugegebenermaßen hatte er damals auch im Krankenflügel gelegen und andere Sorgen gehabt.
Sirius warf einen Blick auf die Uhr. Es war ein Montag. Selbst wenn er das Abendessen ausfallen ließe, würde er es kaum in den Eberkopf und rechtzeitig zurück zum Nachsitzen schaffen – als Mensch jedenfalls nicht. Aber Tatze war schneller.
Ehe Sirius sich selbst richtig im Klaren darüber war, was er eigentlich vorhatte, hatte er seine Sachen zusammengepackt. Die Verwandlung in Tatze war wie eine Befreiung. Plötzlich schien eine Last von seinen Schultern genommen worden zu sein, die Welt war voller Geräusche und Gerüche, die darauf warteten, von Tatze entdeckt zu werden. Der Wind zerzauste sein Fell, als er den Weg nach Hogsmeade entlang rannte, seine Pfoten glitten über Moos, Gras und feuchte Erde. Nur eines machte Tatze traurig: Er vermisste seine Begleiter – den Hirsch, den Wolf und die Ratte.
Fletcher war gerade dabei zu gehen, als Sirius die Tür zum Eberkopf aufstieß, doch der Feuerwhiskey überzeugte ihn wie üblich, dass es sich lohnte, noch etwas länger zu bleiben.
„Gibt es etwas Neues?", fragte Sirius gerade heraus, nachdem Fletcher sich ein Glas eingeschenkt hatte.
„Kommt drauf an, was du wissen willst, Mann. Inner Nokturngasse isses gerade ziemlich ungemütlich. Neulich war 'ne Patrouille von der magischen Strafverfolgung da. Ham gesagt, sie suchen jemanden, der Leute angreift..."
„Was?", unterbrach Sirius Fletcher überrascht. Davon hatte er noch gar nichts gehört!
„Haben sie nach diesem Angreifer gesucht?"
Fletcher zuckte mit den Schultern.
„Weiß nich. Vielleicht. Jedenfalls ham sie niemanden gefunden. Warn aber auch nich so viele da. Beim alten Gyp is gerade keine gute Stimmung. Gringotts macht keine Galleonen mehr locker seit Sharez weg ist. Hält die Leute vom Würfelspielen ab, wenn sie keinen Einsatz ham."
Sirius überlegte angestrengt. Er erinnerte sich noch genau an den hünenhaften maskierten Mann in dem schäbigen Umhang, der nach Feuerwhiskey gestunken hatte. Nichts weiter als ein armer Idiot, der sich erst Mut antrinken musste, hatte er damals gedacht. Konnte es sein, dass dieser Angreifer einer von Fletchers Spielern war? Zugegebenermaßen, der Anschlag bei Bellatrix passte nicht recht zu einem Spieler, der gerne mal einen über den Durst trank, und vielleicht hatte es auch etwas mehr als nur Glück gebraucht, um in Malfoys Anwesen einzudringen, aber in der Nokturngasse konnte der Mann allen möglichen Leuten oder Kreaturen begegnet sein. Von Fleisch fressendem Schneckenschutz bis hin zu verfluchten schwarzmagischen Artefakten bekam man in der Nokturngasse so gut wie alles. Vermutlich gab es auch jemandem, der einem helfen konnte, das Flohnetzwerk zu manipulieren.
Plötzlich kam Sirius eine Idee. Sie war gefährlich, unausgegoren und wenn man ihn erwischte, würde man ihn vermutlich endgültig von der Schule werfen. Aber was hatte er schon noch groß zu verlieren? Er schenkte ihnen beiden Feuerwhiskey ein und genoss das vertraute Brennen in der Kehle, als er einen Schluck trank.
„Sag mal, Fletcher, wo kann man denn mit dem alten Gyp Würfel spielen...?"
Sirius schaffte es gerade noch rechtzeitig in die Bibliothek zu seiner Strafarbeit. Madam Pince empfing ihn mit hochgezogenen Augenbrauen, als er schwer atmend vor ihr stehen blieb, sagte aber nichts weiter, sondern schickte ihn zu den Folianten. Als sie ihn gegen Mitternacht gehen ließ, war Sirius hellwach und hatte das erste Mal seit drei Wochen wieder Hunger. Er machte einen kurzen Abstecher in die Küche, bevor er sich in den Gryffindor-Turm zurückschlich. Die anderen schliefen wie üblich schon. Sirius griff unter sein Bett und holte seinen Geldbeutel aus dem Koffer. Dann ließ er sich mit einem Sandwich in der einen und dem Geldbeutel in der anderen Hand auf seinem Bett nieder, zog die Vorhänge zu und zählte zum ersten Mal in seinem Leben sein Geld. Er hatte noch genau 49 Galleonen, zwei Sickel und zwölf Knuts.
Sirius wusste, dass es mehr war als Remus und Peter jemals in einem Schuljahr gehabt hatten. Er wusste auch, dass es reichen würde, um für das nächste Schuljahr Umhänge, Bücher, Zaubertrankzutaten und Schreibfedern zu kaufen, wenn er zumindest einen Teil aus zweiter Hand erwarb oder auf neue Umhänge verzichtete und bis zum Schuljahrsende nichts mehr ausgab. Allerdings würde es niemals ausreichen, um über die Sommerferien ein Zimmer im Tropfenden Kessel zu mieten.
Sirius hatte mit diesem Ergebnis gerechnet, trotzdem hatte er plötzlich das Gefühl, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn der Hogwarts-Express im Sommer in London einfuhr, würde er niemanden haben, der ihn abholte oder auf ihn wartete. Niemanden, bei dem er unterkommen konnte. Und wenn er seine Galleonen für Unterkunft und Essen brauchte, würde er am Ende nichts mehr haben...nichts mehr, um nach Hogwarts zurückzukehren.
Es schnürte Sirius die Kehle zu. Wenn er ehrlich war, hatte er bisher nicht so weit gedacht. Genau genommen hatte er in den letzten drei Wochen an überhaupt nichts mehr gedacht außer daran, was er getan hatte. Bis er heute Nachmittag den Artikel im Tagespropheten gelesen hatte. Für seinen Plan würde er Geld brauchen, Geld, das er eigentlich nicht mehr hatte. Aber so, wie es aussah, würde es noch nicht einmal reichen, wenn er plötzlich zu sparen anfinge. Er hatte tatsächlich nichts mehr zu verlieren, sogar noch weniger als er gedacht hatte.
Sirius packte den Geldbeutel zurück in den Koffer und ließ sich auf sein Bett sinken. Er würde das durchziehen. Und wenn es in der Nokturngasse wirklich alles gab, dann hielt sie vielleicht sogar eine Gelegenheit für jemanden wie ihn bereit.
Sein Plan riss Sirius aus dem Schockzustand, in dem er sich in den letzten Wochen befunden hatte. Seine Einsamkeit, seine Schuld und die Aussichtslosigkeit der Situation waren ihm immer noch schmerzhaft bewusst, aber das hinderte ihn nicht am Planen und Vorbereiten.
Er zeichnete einen groben Plan von Hogwarts und belegte ihn mit einem Homonkulus-Zauber, um James, Remus und Peter sowie den Slytherins aus dem Weg zu gehen. Der Zauber, der jede Person in Hogwarts erfasste und ihre Bewegungen auf dem Pergament nachbildete, war einer der kompliziertesten, die Sirius je durchgeführt hatte. Er brauchte mehrere Tage, aber am Ende hatte er es geschafft. Es machte sein Leben erheblich einfacher. Die Slytherins hatten schnell bemerkt, dass Sirius keine Hilfe mehr von seinen ehemaligen Freunden erwarten konnte, und hatten keine Skrupel, dies auszunutzen. Nachdem sie ihn das erste Mal erwischt hatten, war Sirius noch zum Krankenflügel gegangen. Doch statt hereinzugehen, war er draußen vor der Tür stehen geblieben. Madam Pomfrey würde ihn nicht dahaben wollen Und wenn herauskam, dass er in ein Duell verwickelt gewesen war, würde man ihn von der Schule werfen. Obwohl seine Tage an Hogwarts gezählt zu sein schienen, hatte Sirius nicht vor, eher zu gehen als nötig. Am Ende kümmerte er sich selbst um seine Verletzungen. Er hatte eine Menge Übung in Heilzaubern und im Grimmauldplatz hatte er Schlimmeres durchgestanden. Die Slytherins wussten, dass sie es nicht übertreiben dürften, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit der Lehrer erregen wollten.
Die einzige, die etwas bemerkte, war Lily Evans, was vermutlich daran lag, dass sie auch die einzige war, die mit ihm sprach. Sirius stritt alles ab und irgendwann gab sie auf. Er vermutete, dass es daran lag, dass sie annahm, dass es ihm besser ging, weil er nicht mehr stundenlang vor sich hin brütete. Sie wusste nicht, dass er Zauber übte und sich innerlich von Hogwarts verabschiedete. Manchmal fühlte er sich so tot und kalt, als wäre er schon längst nicht mehr da – und manchmal tat es weh.
Aber bevor Sirius seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, gab es noch etwas anderes, um das er sich kümmern musste: Kurz vor den Osterferien stand der nächste Vollmond bevor. Sirius war sich todsicher, dass die anderen ihn nicht dabei haben wollten; aber ob es ihnen passte oder nicht, sie brauchten ihn. Krone hatte schon das letzte Mal Schwierigkeiten gehabt, den Werwolf alleine unter Kontrolle zu halten, und da war Remus in guter Stimmung und ausgeglichen gewesen. Jetzt würde der Wolf toben. Und das war nicht nur für Remus selbst, sondern auch für James und Peter gefährlich.
Sirius hatte nicht erwartet, dass Madam Pince ihn früher gehen ließ, und sie tat es auch nicht. Es war Mitternacht, als er aus der Bibliothek kam. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, belegte sich selbst mit einem Desillusionierungszauber und machte sich auf den Weg zur Peitschenden Weide. Unterwegs klaute er einen Stecken von Hagrids Hütte, mit dem er den Wurzelknoten drückte. Kaum war die Peitschende Weide erstarrt, verwandelte sich Sirius in Tatze und verschwand durch das Erdloch in den Geheimgang.
Tatze war beunruhigt. Seine Pfoten donnerten über die festgestampfte Erde, während er so schnell wie möglich den Gang hinunter rannte. Er freute sich, seine Begleiter wiederzusehen, aber er seine feine Nase roch nicht nur Erde, Gras und Blumen, Hirsch, Wolf und Ratte, sondern auch Wut, Angst – und Blut. Mit einem gewaltigen Satz sprang Tatze in den Raum und kollidierte noch in der Luft mit dem Wolf, der sich sofort auf ihn stürzte. Die Kante der Falltür bohrte sich schmerzhaft in Tatzes Rücken, als er auf den Boden aufschlug. Der Wolf schnappte nach seiner Kehle und Tatze konnte ihn gerade noch mit einem Prankenhieb abwehren. Aufjaulend fuhr der Wolf zurück. Tatze nutzte die Gelegenheit, um wieder auf die Beine zu kommen, doch im nächsten Moment traf ihn bereits der zweite Angriff. Er wurde durch den Raum geschleudert, schaffte es jedoch, auf den Beinen zu landen. Knurrend kam der Wolf auf ihn zu und Tatze sprang ihm entgegen. Ineinander verkeilt und verbissen rollten sie über den Boden. Dann traf Tatze plötzlich ein Hieb mitten auf die Nase. Blendende Schmerzen schossen von dem empfindlichen Organ in seinen Schädel und sein Geruchssinn funktionierte nicht mehr. Für einen Moment war er praktisch blind vor Schmerzen – dann spürte er, wie sich etwas schraubstockartig um seine Kehle schloss, Zähne bohrten sich durch sein Fell, er bekam keine Luft mehr.
Dann war auf einmal ein lautes Jaulen zu hören und plötzlich war Tatze wieder frei. Krone stand schwer atmend und mit Schweiß bedecktem Fell zwischen Tatze und dem Wolf. Er hatte tiefe Kratzspuren auf seinem Rücken, die träge vor sich hin bluteten. Wurmschwanz war nirgends zu sehen. Tatze hievte sich auf die Beine. Seine Nase pochte und sein ausgefallener Geruchssinn erschwerte die Orientierung, aber er hatte keine Zeit dafür. Krone war völlig erschöpft. Er würde den Wolf nicht lange aufhalten können.
Als hätte der Wolf seine Gedanken gehört, schlug er einen blitzschnellen Haken um den Hirsch und stürzte sich abermals auf Tatze. Der große schwarze Hund machte einen Satz zur Seite und versetzte dem Wolf einen gewaltigen Prankenhieb. Mit einer Geschwindigkeit, die Sirius dem Werwolf nie zugetraut hätte, drehte er sich um eigene Achse und schlug seine Zähne tief in Tatzes Vorderlauf. Aufjaulend schnappte Tatze nach dem Werwolf, während unter dessen Zähnen seine Knochen brachen. Es war reines Glück, dass er die empfindliche Schnauze des Werwolfs erwischte. Moony sprang winselnd zurück, während Tatze sich jaulend in die andere Ecke des Raums zurückzog. Krone ging dazwischen und hielt den Wolf mit seinem Geweih in Schach. Doch Sirius wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Wolf sich wieder auf ihn stürzen würde. Knurrend wartete er auf den nächsten Angriff.
Später konnte Sirius nicht sagen, wie er die Nacht überstanden hatte. Als der Wolf anfing, sich in das obere Stockwerk zurückzuziehen, lag er zusammengekrümmt auf dem Boden. Er wusste nicht, woher er die Kraft nahm, sich auf die Beine zu hieven und auf seinem gebrochenen Vorderbein in den Gang zu humpeln. Er wusste nur, dass er weg musste, weg, weg, weg, bevor Madam Pomfrey kam, bevor Remus sich zurückverwandelte, bevor James und Peter...mit ihm sprechen konnten? Ihn verjagen konnten? Er wusste es nicht und wollte es auch gar nicht wissen.
Er schaffte es, sich bis an den Rand des Verbotenen Waldes zu schleppen, bevor er sich zurückverwandelte. Der Schmerz, als die gebrochenen Knochen sich verschoben und verformten, war beinahe unerträglich. Als er es endlich geschafft hatte, kniete er zitternd und Schweiß überströmt im feuchten Gras, den verletzten Arm eng an den Körper gepresst. Mit bebenden Fingern griff Sirius nach dem Zauberstab und begann, seine Verletzungen zu heilen. Erst den gebrochenen Arm, dann die gebrochenen Rippen, das eingeschlagene Jochbein, das gebrochene Zungenbein. Danach die Prellungen, die praktisch jeden Zentimeter seines Körpers zu bedecken schienen. Die Bisswunde an seinem Hals war glücklicherweise nicht tief und die Bisswunde an seinem Arm blutete nur leicht, aber die Kratzspuren auf seinem Oberschenkel bluteten so stark, dass seine Hose schon feucht vor Blut war.
Sirius wurde schwindelig. Mit den nachlassenden Schmerzen kam die Müdigkeit. Er hatte sich noch nie im Leben so erschöpft gefühlt. Der Zauberstab glitt aus seinen kraftlosen Händen und die Welt kippte zur Seite. Erst als Sirius das feuchte Gras in seinem Gesicht spürte, merkte er, dass er es selbst war, der zur Seite gefallen war. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. Er hatte noch die Geistesgegenwart, sich in Tatze zu verwandeln – dann verlor er endgültig das Bewusstsein.
Als Sirius erwachte...stimmte etwas nicht. Neben ihm knackte und brauste es, als stünde er neben einem Waldbrand, aber er spürte nur eine angenehme Wärme. Etwas brodelte und zischte, ein dumpfes Donnern erschütterte in regelmäßigen Abständen den Boden. Es roch geradezu überwältigend nach Wald und Holz und Feuer und Erde und Lehm und Kräutern und wilden Tieren, aber seltsamerweise fühlte Sirius sich nicht bedroht. Er hatte keine Angst. Er fühlte sich warm, sicher und geborgen. Als er die Augen aufschlug, war die Welt viel zu groß und irgendwie...blasser als sonst. Der Tisch und die Stühle vor ihm mussten mindestens zwei Meter groß sein und der Mann an dem Kessel – war Hagrid. Der Tee kochte. Und Sirius war Tatze, deshalb waren die Gerüche so intensiv und die Welt so laut und gleichzeitig so blass.
In dem Moment, in dem sich Sirius der Situation bewusst wurde, traten Tatzes Instinkte in den Hintergrund. Das warme Gefühl von Geborgenheit blieb, aber es wurde schwächer und wurde von anderen, rationaleren Gedanken überdeckt.
Er war in Hagrids Hütte. Hagrid musste ihn draußen gefunden haben. Der Sonne nach zu urteilen, die durch das Fenster fiel, hatte der Unterricht schon angefangen, aber Sirius machte sich deshalb keine großen Sorgen. James und Peter würden ihn decken. Sie würden es nicht für ihn tun, sondern für Remus.
Er versuchte aufzustehen, aber als er sein Hinterbein belastete, schoss es ein scharfer Schmerz durch seine Hüfte. Tatze winselte leise und Hagrid schaute von seinem Kessel zu ihm hinüber. Als er sah, dass Tatze wach war, breitete sich ein warmes Lächeln auf seinem bärtigen Gesicht aus und er stapfte zu dem schwarzen Hund hinüber.
„Na, mein Großer, endlich wach?"
Hagrid streckte eine Hand nach ihm aus und Tatze schnupperte daran. Er kannte den Geruch.
„Jaa, so is es gut, mein Großer, so is es gut..."
Hagrid hatte sich neben ihn gekniet und kraulte den großen schwarzen Hund mit beiden Händen hinter den Ohren. Sirius überließ sich Tatzes Instinkten. Der Wildhüter dürfte auf keinen Fall merken, dass er es nicht mit einem echten Hund zu tun hatte.
„Frag mich, wer du bist", fuhr Hagrid nachdenklich fort, während er Tatze weiterkraulte. „Siehst nich aus wie ein Streuner, aber ein Halsband hast du auch nich. Und ich hab dich hier noch nie gesehn."
Tatze versuchte abermals aufzustehen und ließ wieder ein Winseln hören, als sein Hinterbein bei der Bewegung zu schmerzen begann.
„Shsh, is ja gut, mein Junge." Hagrids Stimme klang beruhigend. „Du hast da ein paar böse Kratzspuren. Is nich gefährlich, aber wird noch 'n bisschen weh tun." Er starrte nachdenklich aus dem Fenster hinaus. „Kenn kein Tier im Verbotenen Wald, das so was macht..."
Sirius blieb den ganzen Vormittag über in Hagrids Hütte. Er konnte sich nicht überwinden, das rohe Fleisch zu essen, das Hagrid ihm irgendwann hinstellte (obwohl Tatze ganz verrückt danach war), aber er trank das Wasser, das Hagrid ihm gab. Tatze wäre gern noch länger geblieben, aber Sirius wusste, dass er gehen musste. Am Nachmittag hatten er eine Doppelstunde Verwandlung und er wollte lieber nicht riskieren, dass Prof. McGonagall ihn im Gryffindor-Turm oder im Krankenflügel suchte.
Glücklicherweise brach Hagrid etwa zu dieser Zeit zu einem Rundgang über die Ländereien auf und ließ Tatze alleine in seiner Hütte zurück. Sirius biss die Zähne zusammen und verwandelte sich. Es war nicht so schlimm, wie er gedacht hatte, die Kratzspuren taten nicht mal annähernd so weh wie die gebrochenen Knochen. Trotzdem konnte er das schmerzhafte Pochen und die gereizte gespannte Haut nicht ignorieren. Er hinkte leicht und als er das Bein hochschwang, um aus dem Fenster zu klettern, tat es richtig weh.
Sirius schlich sich durch einen Geheimgang ins Schloss. Dank seiner Karte wusste er, dass James und Peter in der Großen Halle beim Mittagessen saßen. Im Schlafsaal zog er sich schnell um, machte noch einen schnellen Abstecher in die Küche und kam gerade noch rechtzeitig zu Verwandlung.
Während des Unterrichts beobachtete er James und Peter aus den Augenwinkeln. Beiden schien es gut zu gehen, nur James verzog jedes Mal das Gesicht, wenn er mit dem Rücken die Stuhllehne berührte. Sirius atmete erleichtert auf. In der Nacht hatte der Wolf seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht und am Morgen hatte er nur noch weg gewollt. Er war froh, dass James und Peter nichts passiert war.
