Nach etwas längerer Pause hier nun die beiden letzten Kapitel
Erfüllung
Er konnte sich nicht von ihr lösen. Alles an ihr schien verheißungsvoll, die weiche Haut unter seinem Händen, ihr flacher Atem, ihre Hände, die an seinem Hals entlang strichen. Er war sich sicher, er könnte am Ziel seiner Vorstellungen und Träume sein, wenn es ihm nur irgendwie gelingen würde, sie von dieser Straße aus in einen ruhigen Winkel zu bekommen - egal was und wo - ohne diesen Kuss zu unterbrechen. Doch genau so sicher wusste er, dass dies unmöglich war.
Er glaubte, so bald er diese absolute Nähe dieses einen unwirklichen Momentes verlieren würde, würde es vorbei sein. Irgendwann musste sie wieder zu Verstand kommen und zweifellos wäre es der Fall, wenn er sie aus seinen Fängen entließ.
Nein, ihr Kuss verlor bereits jetzt an Intensität, er war weniger verzehrend.
Was seinem Geist völlig klar war, schien sein Körper nicht begreifen zu wollen. Der Druck in seiner Mitte war schon nicht mehr erwartungsvoll, sondern schmerzhaft.
Verzweifelt hoffte er ihren unweigerlich auftretenden Zweifeln zuvor zu kommen.
Seine Rechte Hand wanderte von ihrem Gesicht über ihren Nacken, mit zunehmenden Druck ihren Rücken hinab. Als er ihre Hüfte erreicht hatte, zog er sie zu sich heran.
Konnte sie seine Erregung spüren? Er war ihr so nah, es trennten sie nur noch wenige Lagen Stoff, sie musste es merken.
Sie durfte nicht auf einen solchen Kuss eingehen, um dann einen Rückzieher zu machen. Er zog sich ein Stück weit zurück und setzte alles auf eine Karte.
"Wo wohnst du?"
Sie schaute ihm in die Augen und die Spur des Zweifels legte sich zu seiner völligen Fassungslosigkeit nur sehr kurz über ihr Gesicht, bevor sie ihm ihre Adresse in einem der Londoner Vororte nannte.
Ohne weiteren Kommentar ergriff er ihre Hand und zog sie in Richtung des leerstehenden Hauses. Als sie die uneinsehbare Einfahrt erreicht hatten, presste er sie wieder an sich.
Er würde ihre Entscheidung nicht in Frage stellen, im Gegenteil. Er würde alles dafür tun, einen Einwand zu unterbinden.
Er küsste sie wieder, sobald sie in ihre Wohnung apperiert waren und sie ließ es erneut geschehen. Wieder anders diesmal, sie gab sich ihm vollkommen hin, leitete ihn sogar in ihr Schlafzimmer zum Bett.
Er stellte schnell fest, dass er ihren Mund nicht vom Reden abhalten musste, sie stellte nichts in Frage, forcierte sein Verlangen sogar noch. Waren ihre Lippen nicht auf seinen, strichen sie über seine Haut.
Hastig zogen sie sich gegenseitig aus.
Immer wieder tauchte kurz die Frage in ihm auf, wie das gerade geschehen konnte.
Er war nie der Grund schlafloser Nächte von Frauen gewesen, zumindest nicht in positiven Sinne. Seine sexuellen Erfahrungen konnte er allenfalls als begrenzt, eher aber wohl als unzureichend bezeichnen. Mit Sicherheit qualifizierten ihn sporadische Bordelbesuche nicht zum Liebhaber einer nun siebenundzwanzigjährigen.
Und doch weckte sie in ihm das Gefühl, seine selbst als unsicher und linkisch empfundenen Berührungen gefielen ihr. Ja, sie gab ihm das Gefühl, all das so sehr zu wollen, wie er selbst.
Als sie nackt auf das Bett sanken, öffnete sie bereitwillig ihre Beine für ihn, sie gab sich ihm tatsächlich völlig hin.
Etwas, was weit erregender war, als jede Vorstellung von Nötigung oder Bettelei. So viel mehr, dass es schrecklich schnell zu Ende war.
Dennoch konnte er sich nicht erinnern, jemals so erfüllt vom Sex gewesen zu sein. Sie hatte sich ihm geschenkt.
Zum Teufel mit der Wiedergutmachung, er wünschte sich, sie würde glauben, sich nicht genug bedankt zu haben.
Er ließ sich neben sie auf das Bett sinken, wo er eine ganze Weile genau so schweigend und auf dem Rücken liegend verharrte wie sie.
Und wenn er geglaubt hatte, es könnte nicht unfassbarer werden, so hatte er sich geirrt. Denn irgendwann, es wurde bereits Abend, drehte sie sich auf die Seite und wandte sich ihm somit zu. Sie berührte sein Gesicht, sie küsste ihn und er erlebte alles noch einmal.
In der späteren Dunkelheit zog er sich an.
Sie hatten kein Wort gesprochen und irgendwann war Anny tatsächlich eingeschlafen. Die Frau, die er noch nie bei ihrem Vornamen genannt hatte.
Er stahl sich davon, wie eine Katze, die von der Milch genascht hatte. Er fürchtete die Reue in ihrem Gesicht. Und vielleicht auch seine eigene Schamesröte in ihrer Gegenwart.
Was sollte er auch bleiben?
Er war befriedigt und hoffte, nun die Dämonen in seinem Inneren zum Schweigen zu bringen. Er hoffte es aber nur, denn ahnen, wie unwahrscheinlich das war, tat er es schon, als er ihre Wohnung verließ.
Zwei Wochen lang dachte er an dieses Aufeinandertreffen, zunehmend voller Sehnsucht. Dann apperierte er am späten Abend vor ihre Wohnungstür. Wie ein Bittsteller klopfte er an.
Es war so viel schlimmer als zuvor.
Er wusste nun, was es zu gewinnen gab. Er würde ihr alles geben. Seine Würde, seinen Stolz, sollte sie sich nur dazu herablassen, sich ihm noch einmal zu schenken.
Sie tat es, ohne dass er bitten musste.
Sie öffnete die Tür und schien regelrecht erleichtert, ihn zu sehen.
Sie wollte ihn.
Genau das hauchte sie in sein Ohr, als sie ihm sein Hemd von den Schultern streifte. Sonst sprachen sie fast gar nicht. So wie jedes weitere Mal, an dem er unangemeldet aber in immer kürzeren Abständen vor ihrer Tür erschien und dennoch ohne Zögern von ihr eingelassen wurde.
Für ihn wurde es mit jedem Mal mehr zum Zwang. Er, der sich einem Muggle immer völlig überlegen gefühlt hatte, war nun gänzlich abhängig von einem.
Der Genuss schien sich immer weiter zu steigern, er genoss es, wenn sie keuchte und stöhnte, denn es lag scheinbar in seiner Macht, dass sie sich komplett verlor. Ihr Blick war in diesen Momenten seltsam entrückt und fern. Aber irgendwie auch genau auf ihn gerichtet.
Sie sah ihn an, in nahezu jedem Moment, den sie gemeinsam verbrachten.
Immer lauter wurde in ihm die Frage, warum es geschah.
Das was sie taten, die Tatsache, dass er scheinbar von ihr erwartet wurde, egal wie viel Zeit zwischen den Treffen verging, eben auch ihre Art ihn anzusehen, hatte nichts mehr mit Dankbarkeit oder Gefälligkeit dazu.
Er fühlte sich tatsächlich begehrt.
Ein Gefühl, dass für ihn einem Geschenk gleich kam und doch für einige dieser Abende ein in ihm selbst immer drängender verlangtes Gespräch aufschob, denn er fürchtete, dieses Gefühl könnte ihm dadurch wieder genommen werden.
Und was sollte er sagen?
In der fünften Nacht, als er wie immer schweigend aufstehen und gehen wollte, ergriff sie seine Hand.
Er war sich sicher gewesen, sie hätte bereits geschlafen und so fragte er sich augenblicklich, wie oft in der Vergangenheit sie das tatsächlich getan hatte.
"Du musst nicht gehen."
Flüsterte sie leise.
Einen Moment war er versucht, sarkastisch zu entgegnen, dass er das wusste, da sie kaum in der Lage wäre, sein Bleiben zu verhindern. Aber das leise Klingen in ihm, das ihre Worte ausgelöst hatten, verhinderte genau das.
Er verharrte, unschlüssig, ob dies wohl der richtige Zeitpunkt für seine Frage wäre. Auch sie setze sich auf.
"Bitte bleib."
Sagte sie noch immer leise.
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Und das nicht nur, weil eine ganze Nacht in diesem Bett versprach, dass er sie noch einmal würde nehmen können.
In der Dunkelheit war sie nur schemenhaft zu erkennen. Die Frage war auch deshalb plötzlich einfach gesprochen.
"Warum tust du das? Das alles?"
Er fürchtete ihre Antwort.
Mit dem Aussprechen seiner Frage hatte er erkannt, was die gewünschte Antwort war.
Er wollte von ihr begehrt, ja sogar gemocht werden. Er wollte tatsächlich hier bleiben können, er wollte sich nicht vor ihrem Ausdruck fürchten müssen. Vor dem Zweifel, oder dem Erschrecken, dass er noch immer da war.
Er war abhängig, nicht nur vom Sex, sondern von ihr.
Ihre Hand legte sich sanft an sein Gesicht. Mit gänzlich unsicherer Stimme flüsterte sie
"Es tut mir gut, wenn du hier bist. Ich fühle mich lebendig."
Und nach einer kurzen Pause.
"Ich habe nicht das Gefühl etwas von dir fordern zu dürfen. Aber... "
Er schnaubte, kündigte doch das Aber eben jene Forderung an.
Sie rückte näher an ihn heran. Auch ihre zweite Hand legte sich an sein Gesicht.
"Aber ich möchte nicht mehr Angst haben, dass du nicht wieder kommst."
Aus ihr sprachen die gleichen Zweifel wie aus ihm und sie gab ihm so genau das, wonach er sich sehnte. Er griff nach ihr, wollte sie an sich ziehen, doch sie versteifte sich und sprach dann weiter.
"Du gehst und ich habe Angst, du kommst nicht wieder. Jedes Mal.
Und mit jedem Tag, der vergeht, wird die Angst größer. Gleichzeitig traue ich mich kaum aus dem Haus, weil ich dich dann verpassen könnte, denn natürlich hoffe ich, dass du doch wieder an meine Tür klopfst.
Ich habe Angst, wenn ich dir das sage, bleibst du erst Recht weg.
Ich möchte nichts fordern, denn du hast mir schon weit mehr gegeben, als mir zusteht.
Ich möchte nur, dass du dich verabschiedest und mir sagst, wenn du nicht wieder kommst."
Er konnte hören, dass sie weinte. Seinetwegen.
Er verstärkte den Druck auf ihren Rücken und endlich gab sie nach und ließ sich von ihm küssen. Er blieb in dieser Nacht, wie in so vielen der folgenden.
So wenig er sich auch vorstellen konnte, je freiwillig auf sie zu verzichten, er versprach ihr, was sie sich gewünscht hatte. Er hätte ihr in diesem Moment wohl alles versprochen.
