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Die beiden Insassen hatten großes Glück. Denn ihr Gleiter war auf einem Netz aus Zweigen gelandet. Die miteinander verwachsenen Äste der Bäume hatten den Sturz des beschädigten Fahrzeugs abgefangen. Gleichzeitig waren die Äste recht dünn und damit elastisch, was verhindert hatte, dass der Landgleiter noch mehr Schaden genommen hatte. Lir lenkte den Transportgleiter näher heran und landete dann auf der Plattform, welche von den verwachsenen Ästen gebildet wurde. Sofort sprangen Ryan und er aus der Fahrerkabine und aktivierten ihre Lichtschwerter, während sie sich vorsichtig dem beschädigten Gleiter näherten. Der rechte Repulsorantrieb war explodiert. Beide Insassen lagen mit dem Kopf auf dem Armaturenbrett. Der Mensch bewegte sich ein wenig und stöhnte leise. "So, Schluss mit diesen Spielchen", meinte Lir und packte mit der freien Hand den Kragen des Mannes und zog ihn nach hinten. Er blutete an der Stirn, war jedoch bei Bewusstsein. Als Ryan den Verpinen ebenso aufrichten wollte, richtete dieser plötzlich seinen Blaster auf den Jedi-Schüler. Doch Ryan schwang sein Lichtschwert und trennte den Lauf des Blasters ab. "Genug! Hiermit seid ihr Gefangene. Ihr unterliegt nun der Justiz der Republik. Wir nehmen euch mit nach Coruscant." Der rothaarige, ältere Mann hob die Hände und lächelte. "Ich schlage vor, ihr lasst uns gehen." Kurz waren Lir und Ryan verdutzt. Doch sie ließen sich nicht beirren. "Und ich schlage vor", begann Ryan, "Dass ihr eure Waffen ablegt und mit erhobenen Händen auf die Reste der Ladefläche unseres Gleiters steigt." Der Mann schüttelte den Kopf. "Wir haben uns noch gar nicht bekannt gemacht. Ich bin Salin Tzett und das ist mein Partner Nikiss. Ich bin der Verantwortliche für die Operation hier auf Kashyyyk. Und ich möchte euch klar machen, dass ihr keinen Grund habt, uns festzunehmen." Ryan schnaubte amüsiert. Glaubte der Kerl wirklich, er könnte noch davon kommen. Lir lächelte ebenfalls. "Das reicht. Das können Sie dem Gericht erklären." Er richtete sein Lichtschwert auf den Transportgleiter, um die beiden Gefangenen den Weg dorthin zu weisen. Der Verpine erhob sich tatsächlich und Ryan folgte ihm, als er über die schmalen Äste zum Gleiter balancierte. Doch Salin Tzett blieb stur sitzen. "Ganz die Marionetten der Republik", meinte er grinsend und sah beide Jedi-Schüler verächtlich an. "Wir stehen für Ordnung und Gerechtigkeit", meinte Lir und wollte Salin Tzett auf die Beine zerren. Doch er widersetzte sich. "Ordnung und Gerechtigkeit? Ist es also gerecht, dass mein Volk und so viele andere unter dem Joch anderer schuften müssen? Ihr steht für Gerechtigkeit? Und warum sieht man euch Jedi-Ritter nie auf den Welten, wo es wirklich schlimm zugeht? Ihr dient in erster Linie der Republik. Und deren Ansicht von Ordnung." Die Worte ließen Lir zögern. Ryan hatte sich halb umgedreht. "Es ist aber auch nicht in Ordnung, Geiseln zu nehmen, Leben zu gefährden." Salin Tzett lächelte süffisant. "Auch mich schmerzte es, dass die Wookiees nicht kooperieren wollten. Doch haben wir ihnen kein Leid zugefügt. Wir wollten bloß die Rüstungen. Ich will Freiheit für meine Welt. Und alle die sich uns anschließen werden doch wohl ihre Gründe haben, oder?" Salin Tzett stand nun doch auf. "Ist es falsch, für Freiheit zu kämpfen? Einige wenige Leben gefährden, für das Wohl von Vielen. Hat meine Welt keine Freiheit verdient, weil sie nicht der Republik angehört?"
Lir runzelte nachdenklich die Stirn. Ryan passte auf, dass der Verpine auf die Ladefläche des Transportgleiters stieg. Er stellte sich etwas seitlich hin, um auch zu seinem Mitschüler zu sehen. "Freiheit durch Gewalt zu erreichen ist falsch. Ihr hättet die Republik um Hilfe bitten können. Es gibt andere Wege als blutige Aufstände. Los, Bewegung! Wir haben unsere Befehle." Salin Tzett lachte bellend. "Die Republik kümmert sich nicht um Welten, die außerhalb ihres Machtbereiches liegen. Die Hutten haben alles im Griff gehabt. Bevor die Republik irgendetwas getan hätte, hätten die Hutten schon Geld in die richtige Richtung fließen lassen, um jede Aktion zu verhindern." Lir ergriff nun das Wort: "Jedi sind nicht bestechlich!" Und sofort entgegnete Salin Tzett: "Aber die Republik ist es, die bestechlich ist. Und die Republik kontrolliert die Jedi. Ihr seid Spielfiguren für die Republik. Wenn ihr gebraucht werdet, werdet ihr in die richtige Richtung bewegt. Aber eigene Freiheit habt ihr nicht, soweit ich weiß." Er lächelte und Ryan verzog das Gesicht. Hinsichtlich der Bestechlichkeit mancher Senatoren und Richter hatte der Mann Recht. Doch Jedi waren nicht käuflich. "Wir haben unsere Befehle", sagte er noch einmal. Und Salin Tzett schüttelte den Kopf. "Und was ist, wenn diese Befehle falsch sind? Wenn die Republik euch auf Unschuldige hetzt? Nehmt mich gefangen und der Schrei nach Freiheit wird lauter sein denn je. Andere werden meinen Platz einnehmen." Lir senkte die Klinge. "Teilweise hat er Recht", meinte Lir und strich sich durch das hellbraune, strubbelige Haar. Einige Blätter hatten sich darin verfangen. "Wir befolgen Befehle ohne Eigeninitiative. Seine Leute sind verzweifelt und wollen doch bloß frei sein." Ryan trat einen Schritt auf sie zu. "Wir müssen sie festnehmen. Das Gericht soll entscheiden, was mit ihnen geschieht. Geiselnahme, Diebstahl des Wroshyr-Holzes, Angriffe auf Abgesandte der Republik. Wir können sie nicht gehen lassen!" Salin Tzett lächelte. "Ihr seid Werkzeuge der Republik, im Kampf gegen alles, was die Republik für falsch hält. Denkt doch einmal selber nach. Ist es falsch, für die Freiheit zu kämpfen? Auch, wenn es Opfer erfordert?" Lir sah von Salin Tzett zu Ryan. "Er hat Recht, Ryan. Warum erledigen wir nur Aufträge für die Republik und sind nicht auch auf neutralen Welten vertreten?" Ryan wurde nun lauter, seine Stimme etwas zorniger. "Weil der Jedi-Rat es so festlegt. Der Rat schickt uns, wenn es Probleme gibt. Willst du die Entscheidungen des Rates in Frage stellen?" Salin Tzett warf weitere, schlagkräftige Argumente in die Runde: "Was, wenn der Rat eine falsche Entscheidung trifft? Abstimmungen erfolgen und immer gewinnt die Mehrheit. Und was ist mit der Minderheit? Minderheiten, wie mein Volk und das Volk etlicher anderer Planeten, die unterdrückt werden?" Lir sah ihn an, dann wieder zu Ryan. "Lassen wir ihn gehen, seine Motive sind ehrenhaft." Ryan knurrte und schüttelte ungläubig mit dem Kopf. "Aber seine Methoden sind es nicht. Ich nehme ihn fest, unsere Meister wollen es so!" Er machte einen Schritt nach vorne und wollte Salin Tzett am Kragen packen. Doch plötzlich wurde ihm der Weg versperrt von Lirs glühendem, blau leuchtenden Lichtschwert.
Ryan sah Lir fassungslos an, als dieser sein Lichtschwert zwischen ihn und Salin Tzett hielt. "Was soll das, Lir?" Lir sah kurz zu Salin Tzett. "Freiheit ist das Recht aller lebenden Wesen. Manchmal muss man eben dafür kämpfen. Ich teile seine Ansicht, dass sich die Republik nur um sich selber kümmert und wir Jedi von ihr eingeschränkt und kontrolliert werden. Mein Herz sagt mir, dass Tzett Recht hat. Lassen wir ihn gehen. Vielleicht kann man ein Treffen mit der Republik vereinbaren? Damit die Dinge friedlich geklärt werden." Salin Tzett lächelte traurig. "Zu gerne, wenn die Republik zustimmen würde." Ryan knurrte. "Er hat dich eingewickelt. Er ist ein Aufständischer! Sonderlich friedlich war er nicht, als er vorhin, in Thikkiiana, versucht hat uns über den Haufen zu fahren. Und seine Söldner lassen auch eher darauf schließen, dass er seine Ziele mit allen Mitteln erreichen will. Hör auf deinen Verstand. Wir haben nicht über seine Freiheit zu entscheiden!" Lir sah zu Salin Tzett. Ryan trat einen Schritt nach vorne und schlug von unten gegen Lirs Lichtschwert. Und Lir packte sein Lichtschwert sofort mit beiden Händen und schlug von oben auf Ryan ein. Dieser ging sofort in die Defensive über und wehrte ab. Einen langen Moment sahen sich beide Freunde einfach nur an. "Mach keinen Unsinn, Lir", sagte Ryan. "Wir sind keine Richter. Es liegt nicht an uns, über solche Dinge zu entscheiden. Die Republik wird schon richtig handhaben." Lir schüttelte den Kopf. "Aber die Republik ist nicht neutral. Wir müssen auch mal selber nachdenken! Bisher ist alles nur ein unglücklicher Zwischenfall gewesen. Wenn sich Salin Tzetts Welt verteidigen kann und frei ist, soll das doch in Ordnung sein, solange keine Unschuldigen zu Schaden kommen!" Beide umkreisten sich, mussten jedoch wegen den dünnen Ästen, auf denen sie standen, sehr aufpassen, nicht zu stolpern. "Ich versichere, dass ich meine Welt bloß frei und in Sicherheit sehen will", rief Salin Tzett in die Runde. "Und alle Welten, die sich meiner Bewegung anschließen, haben das selbe Recht. Wenn wir Gewalt vermeiden können, so werden wir das tun." Ryan versuchte, Lirs Klinge nach unten zu drücken. "Es liegt nicht an uns, darüber zu entscheiden." Und plötzlich ging Salin Tzett an ihnen vorbei, in Richtung des Transportgleiters. "Dann werde ich euch die Entscheidung abnehmen, meine Herren." Er stieg auf den Beifahrersitz. Der Verpine Nikiss hatte die Ablenkung genutzt und sich an das Steuer gesetzt. Sofort gewann der Transportgleiter an Höhe und sauste davon. Ryan sah dem Gleiter nach, ehe er zu Lir sah. "Du Blödmann! Was hast du dir dabei gedacht? Du bist ein Padawan, kein Richter! Du hast die Befehle deines Meisters missachtet!" Er schaltete sein Lichtschwert ab und verpasste Lir einen Schubser. Dieser stolperte über einen Ast und schlug mit dem Hinterkopf gegen einen harten, knorrigen Ast. Wütend erhob sich Lir wieder. "Hast du einmal in dein Herz geschaut? Sein Volk verdient die Freiheit!" Lir benutzte die Macht, um Ryan einen leichten Stoß zu versetzen. Ryan geriet ins Stolpern und ruderte mit den Armen, da er nah am Rand des Gewirrs aus Ästen stand. Ryan sprang nach vorne und sah Lir wütend an. "Wir haben solche Entscheidungen nicht zu treffen. Ich bin gespannt, was Meister Tyvokka dazu sagt. Dafür kann man dich aus dem Orden werfen! Willst du doch noch in der Agrarabteilung landen?" Dieser Satz erzürnte Lir zutiefst, erinnerte ihn an die Beleidigungen seines Bruders. "Boshka!", schimpfte Lir in einer fremden Sprache und schlug seitlich nach Ryan.
Doch Ryan zündete sein Lichtschwert um mühelos zu parieren, wirbelte herum und schlug nach Lirs Lichtschwertgriff. Lir jedoch rollte sich zur Seite weg und stieß seine Klinge nach vorne. Und Ryan antwortete mit einem Salto über Lir hinweg. "Hör auf damit, Lir!" Doch Lir war zu wütend. Die Argumente von Salin Tzett hatten ihn überzeugt. Klar, die Methoden waren teilweise die Falschen. Aber der Zweck des Ganzen war gut. Auch die Republik war vor tausenden von Jahren aus dem Wunsch nach Freiheit und Frieden entstanden. Solange Salin Tzett nur seine Leute beschützen wollte und keinen Krieg startete, waren die Dinge noch in Ordnung. Lir wollte nicht immer nur blind den Befehlen anderer folgen. Und er wollte sich nicht beleidigen lassen, selbst wenn es sein bester Freund war. Lir drehte sich um und trat nach Ryan, zog ihm die Beine weg. Dann wollte er Ryans Schwertklinge zur Seite schlagen, um sich mit einem Knie auf dessen Magengrube zu werfen. Sein Mitschüler jedoch rollte sich hastig zur Seite und sprang wieder auf die Beine. Ryan benutzte die defensive Form Drei, wehrte so den Ansturm von Lir ab und wollte damit erreichen, dass Lir sich abreagierte, müde wurde. "Es tut mir leid", sagte Ryan trotzig, während er alle Schläge von Lir parierte. Es klang in Lirs Ohren jedoch nicht sonderlich glaubwürdig. Alles ging sehr schnell, beide waren hochkonzentriert. Lir holte mit der Klinge aus, schlug dann zu. Doch dann schaltete er seine Klinge ab. Ryan wollte den Moment nutzen, um seinem Freund die Klinge an den Hals zu halten, ihn so zur Ruhe zu zwingen. Doch Lir, vollkommen eins mit der Macht, bewegte seine Hand so, dass der Griff auf Ryans Schwertgriff zeigte und aktivierte die Klinge wieder. Lirs blaue Lichtschwertklinge erschien zischend, traf Ryans Schwertgriff. Dieser ließ den Griff fallen, als die Klinge erlosch. Sein Lichtschwert war zerstört. Gleichzeitig zuckte Lirs Schwertspitze gefährlich auf Ryans Bauch zu, so dass dieser plötzlich beide Hände nach vorne streckte und eher intuitiv einen Machtstoß gegen Lir schleuderte. Sein Mitschüler fiel nach hinten, wie von einem unsichtbaren Fahrzeug getroffen. Mit einem langen, gedehnten Schrei stürzte Lir der Tiefe entgegen. Doch knapp konnte er sich an einem Ast festhalten. Er ließ sein Lichtschwert fallen und griff mit der anderen Hand auch noch nach dem Ast. Ryan stürzte an den Rand des Geästs und legte sich hin, um mit seiner Hand vielleicht noch Lirs Hand zu erreichen. "Es tut mir leid, Lir. Das wollte ich nicht. Wir sind doch Freunde...so ein Mist!" Er griff nach Lir, konnte ihn aber nicht erreichen. Lir sah nach oben. Ryans Kopf war eine dunkle Silhouette vor der grünen, weit entfernten Helligkeit der Baumkronen. Als er dann nach unten sah, erblickte er nur gähnende, schwarze Leere. Plötzlich erinnerte sich Lir an seinen Traum, den er auf dem Weg nach Kashyyyk gehabt hatte. "Es ist wie in meinem Traum", rief Lir und merkte, wie seine Hände ihren Halt verloren. Seine Hände waren verschwitzt. "Ryan, ich kann mich nicht mehr festhalten..." Er wollte nach der Macht greifen, doch die Panik war zu stark. Lir verlor den Halt und stürzte dann weiter in die Tiefe. Ryans schockiertes, ängstliches Gesicht entfernte sich rasch, ebenso wie das Netzwerk aus Ästen und die fernen Baumkronen. Bald hüllte Lir nur noch Dunkelheit ein. Wäre da nicht der Wind des freien Falls, so wäre es wie Schwerelosigkeit im All gewesen. Lir versuchte wieder Ruhe zu bewahren, sich zu konzentrieren. Doch dies war schwer, bei all der Angst. Alles um ihn herum war dunkel und Lir verlor das Bewusstsein, glitt in noch tiefere Dunkelheit. Vielleicht war es eine Schutzmaßnahme seines Geistes, um sich den kurzen aber intensiven Schmerz des Sterbens zu ersparen.
