Die Fantasien eines Ork
In Galawait unterdessen versuchte Nefhithwen ihrer bösen Vorahnungen Herr zu werden. Sie hatte Angst um Legolas, ohne daß sie sagen konnte woher ihm Gefahr drohen sollte, und Gimli hatte alle Mühe sie davon abzuhalten, Legolas nachzureiten und sich dadurch selbst in Gefahr zu bringen. Der junge Elbenprinz war nun elf Tage fort. Er hatte versprochen, zum Vollmond wieder zurück zu sein und dieser würde in neun Tagen wieder am Himmel stehen. Aber Gimli mußte sich eingestehen, daß auch er sich sorgte. Er hatte ebenfalls das Gefühl, daß etwas nicht stimmte.
Vier Tage später hielt es Nefhithwen nicht mehr aus. Sie ließ von Toben einen kleinen Trupp zusammenstellen und wollte Legolas bis zum Fangorn entgegenreiten. Toben hielt das zwar für keine gute Idee, aber er schloß sich dieser kleinen Gruppe an, denn der Elbenprinz war sein Freund geworden, auch wenn er sich noch nicht überwunden hatte, ihm dies zu sagen. Der Trupp bestand ausschließlich aus Männern, die gesehen hatten, wie Legolas sich für die Galaner bei dem überfallenen Dorf eingesetzt hatte und bereits seit einiger Zeit dem jungen Elben ihre Achtung und Anerkennung bekunden wollten, aber auch sie hatten sich, im Angesicht des unverhohlenen Hasses der Bevölkerung gegen den Elben, damit zurückgehalten. Ihre Königin wollte nun dem Mann, den sie liebte, zu seinem Schutz entgegenreiten. Sie gab einer unbestimmten Furcht nach und um nichts in der Welt wären sie nun zurückgeblieben. Sollte der Elb wirklich ihrer Hilfe bedürfen, würden sie für ihn eintreten, wie er es für sie getan hatte. Am Morgen des fünfzehnten Tages nach Legolas' Aufbruch machten sich Nefhithwen, Gimli und zehn Mannen auf den Weg Richtung Rhovanion.
Unterdessen in einem dunklen, kalten Verlies,
in einer Festungsruine im Nebelgebirge
Legolas erwachte aus seiner tiefen Bewußtlosigkeit, in die ihn die Fußtritte und Schläge von Morkas getrieben hatten. Legolas war an der Wand mit seinen Händen über dem Kopf angekettet, lag aber mit angezogenen Beinen seitlich an der Wand. Er hatte sich so hingedreht, um seinen Magen und Unterleib vor den Tritten zu schützen. Als man ihn hier vor zwei Tagen angekettet hatte, hatte man ihm seine Kleider vom Leib gerissen und dann mit bloßen Fäusten auf ihn eingeschlagen. Schlimmer aber noch als die Schläge war die absolute Dunkelheit, die Kälte und Feuchtigkeit hier unten. Legolas fror bis in die Knochen hinein und dies wollte bei einem Elben, der fast unempfindlich gegen Kälte war, einiges bedeuten. Legolas wußte nicht, wo er sich befand. Er hatte über der Schulter eines Uruk-hai gefesselt und geknebelt gelegen und seine Augen waren ihm verbunden worden. Nur seine Ohren hatten die Geräusche des Bodens unter den trampelnden Schritten der Truppe wahrgenommen, und so ahnte er, daß er sich im Nebelgebirge befand. Nur hier war das Gestein so porös und spröde, daß es knirschend nachgab, wenn auf kleine Brocken getreten wurde. Man hatte ihm erst in diesem Verlies die Binde von den Augen genommen, sowie die Fesseln und den Knebel entfernt, nachdem er an der Wand angekettet war. Sie hatten ihn vollkommen entblößt und mit Hieben und Tritten so lange niedergeknüppelt, bis er die Besinnung verlor.
Legolas hatte sich gerade mühsam aus seiner verdrehten Haltung aufgerichtet, als er die tapsenden Schritte von Orks vernahm und einen fahlen Lichtschein durch die Ritzen, der in ihren Angeln schief hängenden Türe, erkennen konnte. Langsam näherte sich der Schein seinem Gefängnis. Mit viel Getöse wurde die Tür aufgestoßen und schlug krachend gegen die Wand. Im Rahmen standen zwei Orks, von denen einer eine blakende Fackel in seiner Hand hielt und zu Legolas hinleuchtete:
„Ah, unser tapferer Elb ist wieder erwacht!", grinste der Ork, der die Fackel hielt.
Langsam trat er näher und sah, wie durchgefroren Legolas war, der das Zittern seines Körpers nicht unterbinden konnte. Widerwärtig freundlich sprach der Ork:
„Euch ist es kalt mein Herr, da kann Euch geholfen werden", und im gleichen Augenblick fuhr die Kreatur Legolas mit der pechgetränkten Fackel über Oberschenkel und Seite. Legolas stöhnte gequält auf. Das heiße Pech blieb auf seiner Haut kleben und brannte sich nun unbarmherzig in sein Fleisch, während die beiden Orks nur belustigt zusahen, wie sich ihr Opfer wand. Schließlich gelang es Legolas seine geschundene Seite zur Wand zu drehen und nun war er für die Feuchte und Kälte dankbar. Die Nässe der Wand löschte das noch immer brennende Pech, und die Kühle der Wand nahm ihm vorübergehend etwas den Schmerz. Aber Legolas wußte, daß dies erst der Anfang sein würde. Irgendwann würden sich seine Wunden nicht mehr selbst heilen und der Schmerz und die Qual würden bleiben. Aber auch ohne Mißhandlung würde er langsam immer schwächer werden. Elben liebten und verehrten das Licht Eärendils und ohne seinen Schein verloren sie langsam ihre Kraft und starben schließlich. Selbst wenn seine Peiniger ihn nur hier unten festhielten, aber mit Wasser und Brot ausreichend versorgen würden, die Dunkelheit würde ihn nach und nach schwächen und seinen Lebenswillen brechen. Aber noch war es nicht soweit und Legolas wußte, daß ihm ein langer Leidensweg bevorstand, bevor sein Geist sich von seinem Leib trennte und seine Reise zu den Valar begann. Er wappnete sich innerlich ob der Grausamkeiten, die er noch erwarten mußte, bat die Valar um ihren Beistand und versuchte, sich seine Erinnerungen an Nefhithwens Anblick als Halt ins Gedächtnis zu rufen und festzuhalten.
Die beiden Wächter hatten den Elben genau beobachtet und sie bleckten ihre Zähne vor Bewunderung für die Beherrschung, die der junge Krieger an den Tag legte. Morkas würde seine Freude haben diesem Elbling Schreie zu entlocken und ihn langsam zu zerbrechen. Die Beiden traten erneut an Legolas heran, aber diesmal kam keine Folterattacke. Sie öffneten seine Ketten und banden seine Hände auf dem Rücken. Dann führten sie ihn durch endlose Gänge immer tiefer in die geheimen Gefilde der zerfallenden Trutzburg, an die sich hier im Nebelgebirge anscheinend niemand mehr erinnerte, weshalb sie zu einem idealen Versteck für verschiedene Horden an wilden Menschen, Ausgestoßenen, Verbrechern und Orks geworden war. Morkas war der Anführer der größten Gruppe und keiner hinderte ihn daran, sich seinen Lieblingsspielchen hinzugeben, auch dann nicht, wenn plötzlich einer aus einem der Trupps spurlos verschwand und nicht mehr gesehen wurde.
Legolas humpelte, sein Bein schmerzte bei jedem Schritt, auch wenn die Wunde bereits begann zu heilen. Er wurde grob vorwärts gestoßen, stolperte und wäre sicher auch einige Male gefallen, hätten nicht die Pranken der Orks ihn an seinen auf den Rücken gebundenen Armen grob hochgezogen. Sie renkten ihm damit jedesmal beinahe die Schulter aus. Schließlich stießen sie eine Tür auf und Legolas wurde so heftig in den Raum gestoßen, daß nur eine Holzbank, gegen die er stieß, verhinderte, daß er stürzte. Der Raum wurde durch etliche Fackeln erhellt und Legolas bemerkte nicht nur weitere Gefangene, sondern auch wo er sich befand. Dies war eine Folterkammer und dem jungen Elben wurde beim Betrachten der Mitgefangenen schnell klar, daß diesen Raum keiner mehr lebend verließ und die einzige Gnade, die man hier erhoffen konnte, war, daß einen rasch die Kräfte verließen und es schnell vorüber war.
Aus dem Halbschatten trat Morkas und lachte Legolas hämisch ins Gesicht:
„Wie geht es unserem tapferen Kämpfer, der nicht mal den Tod scheute, um seine Freunde zu schützen? Wie gefallen Euch meine Einrichtung und die Dekoration?"
Er zeigte dabei auf die geschundenen und bereits von ihren Qualen erlösten vorangegangenen Opfer. Legolas versuchte seine Angst zu verbergen. Er hatte in vielen Schlachten gekämpft und war so manches Mal dem Tode sehr nahe gewesen, aber nie hatte er ihm so allein wie hier gegenüber gestanden. Und nie hatte dieser eine so furchtbare Gestalt angenommen wie hier. Es würde kein rascher Tod in einem Kampf sein und auch kein ehrenvoller. Er würde leiden und langsam dahinsiechen, bis seine Kräfte erlahmten und sein Geist ihn verließ. Legolas spürte die Furcht wie eine Faust, die ihm die Luft zum Atmen nahm, und alles was er zu tun vermochte, um nicht hier und jetzt an der bloßen Vorstellung dessen zu zerbrechen, was ihn erwartete, war, seinen ganzen Stolz, seine Liebe zu und Erinnerung an Nefhithwen zusammen zu nehmen und sich in sein Schicksal zu fügen. Die ruhige Gelassenheit von Legolas steigerte Morkas' Mordgelüste auf diesen Elben ins Unendliche und er mußte sich zügeln, um dem Elben nicht den Gefallen zu tun, ihn durch eine unbedachte Handlung zu früh zu seinen Ahnen zu schicken.
Er gab den Beiden, die Legolas hierher geführt hatten einen Wink und sie rissen den jungen Elben mit sich unter eine Kette, an die seine Handgelenke erneut gefesselt wurden. Dann betätigten sie eine Kurbel, und die Kette wurde immer weiter nach oben gezogen. Legolas' Körper wurde gestreckt, bis er nur noch mit den Zehenspitzen den Boden berührte. Einer der Gehilfen Morkas' trat erneut an Legolas heran und legte ihm Fußfesseln an. Die Beine des Elben wurden an den Fußknöcheln zusammen geschnürt und das Seil an einem Metallring im Boden festgebunden. Erneut betätigten die Beiden das Gewinde und Legolas wurde gestreckt, bis er keinen Muskel mehr bewegen konnte und seine Schultern kurz davorstanden ausgekugelt zu werden.(1) Morkas hatte die Prozedur mit einem zufriedenen Grinsen beobachtet und dachte voller Häme:
'Wenn ich wollte, könnte ich dich jetzt töten, doch diese Gnade wäre zu groß für dich, den mir so verhaßten Elben.
Ich bin Morkas und möchte dich leiden sehen!
Du Elb, beteiligt an Saurons Vernichtung. Du, der Orks und Uruks getötet hat und der mir die Schmach der Niederlage vor Augen führte.
Du wirst unter meiner Hand leiden für all das!
Ich werde zusehen wie in deinen himmelblauen, strahlenden Augen, das Licht auf Hoffnung erlöscht. Ich werde geduldig warten, bis du mich um Gnade anbettelst, dich zu töten und dir die Unsterblichkeit zu nehmen.
Ich bin Morkas
und werde dies genießen!'(2)
Nun nahm er zwei fuchsschwänzige Peitschen von der Holzbank, an der Legolas kurz zuvor noch gestanden hatte. Langsam und mit einem hämischen Grinsen zog er die Lederriemen durch das flüssige Wachs einer brennenden Kerze. Mit diesen Lederriemen würde die Haut des Elben nicht reißen, noch nicht. Dies wollte sich Morkas für einen späteren Zeitpunkt aufheben. Dann reichte er jedem seiner Männer eine der Peitschen und wies auf den gespannten Körper des Elben. Leise, unheilverkündend und kalt sprach er dazu:
„Beginnt und sorgt auf diesem milchweißen Körper für ein wenig Farbe."
Und gnadenlos fügte er hinzu:
„Ich will ihn schreien hören. Er soll sich seine Seele aus dem Leib brüllen."
Mit diesen Worten trat er zu dem ihm hilflos ausgelieferten Elben, fuhr ihm mit seiner Pranke über seine Brust und den Bauch bis hinunter zu seiner Männlichkeit. Zärtlich streichelte er diese und beobachtete dabei den jungen Elben genau. Legolas widerte diese Berührung an, und dennoch regte sich Lust ihn ihm. Dann drehte sich Morkas abrupt um und zischte:
„Verschont nicht einen Flecken an seinem Körper!"
Dann trat er in den Halbschatten, und beobachtete genüßlich die Durchführung seines Auftrages durch seine beiden Helfer, die immer sehr genau und mit viel Engagement ihre Aufgabe erfüllten. Der Elb würde sich noch heute zu seinen Ahnen wünschen, aber er, Morkas, hatte noch viel vor mit ihm und voller Genugtuung ließ er seine Gedanken schweifen:
'Ich werde in deiner Qual zugleich der gestrenge Vater sowie der Meister sein, der dich lehrt, was Schmerz zu empfinden heißt.
Ich werde der Herr sein, dem du gehorchen mußt und zugleich der Folterknecht, der dir die Leiden trotz deines Gehorsams mit Freude zufügt.
Ich werde der Lehrer sein, der dich lehrt, daß Berührungen jeglicher Art quälend sein können. Ich werde der Liebhaber sein, der sich von dir nimmt, was er ausleben will.
Ich werde der Richter sein, der das Urteil über dich spricht und dich am Ende richtet.'(3)
Er war erfahren in der Folter und wußte, wie er seine Opfer möglichst lange am Leben erhalten konnte. Mit einem häßlichen Grinsen dachte er voller Vorfreude:
'Ich werde es sein, der dich erlöst, der den Zeitpunkt deines Gehens bestimmt.'(4)
Er gab das Zeichen zu beginnen und seine Adjutanten stellten sich vor und hinter dem gefesselten Opfer auf und begannen abwechselnd in einem hohen Tempo ihre Fuchsschwänze auf Legolas' Körper tanzen zu lassen.
Bereits bei den ersten Hieben riß Legolas seinen Kopf hoch. Die Hiebe fuhren heiß und brennend über seinen Körper und der Schmerz ging tief, wenn seine Haut auch noch nicht aufbrach. Legolas wollte sich winden, in irgendeiner Weise sich drehen und wenden, den Schlägen entkommen, aber sein Körper war so gespannt, daß er nicht einen Muskel bewegen konnte um den brennenden Schmerz abzuschütteln und seine Muskeln unter den Hieben zu lockern.
Die beiden Orks schwangen ihre Peitschen mit großer Macht und Präzision und erlahmten auch nach einer scheinbaren Ewigkeit nicht. Legolas hatte nicht die Anzahl der Peitschenhiebe gezählt, aber der Schmerz war inzwischen fast unerträglich geworden. Er hatte seinen Kopf in den Nacken geworfen und sein Blick suchte verzweifelt irgendetwas an der Decke, auf das er sich konzentrieren konnte. Er versuchte den Schmerz auszublenden, aber es wollte ihm nicht gelingen. Immer mehr gingen die anfänglich auf den Rücken, Brust und Bauchbereich gesetzten Schläge tiefer. Während die Hiebe des Orks hinter ihm sein Gesäß und seine Schenkelrückseiten malträtierten, wanderten die Peitschenhiebe des Orks vor ihm über seine Männlichkeit. Er hielt sich bei der Bearbeitung von Legolas' Becken lang und mit deutlichem Genuß auf, während sich im Prinzen alles vor Schmerzen verkrampfte. Er keuchte, wollte sich winden, zerrte an seinen Fesseln, und die krampfenden Muskeln ließen ihn die Kälte nicht mehr spüren, denn er brannte von jedem einzelnen Hieb.
Mein Herz ergreift die Angst,
Verzweiflung liegt tief in meiner Seele.
Die Wogen des Schmerzes durchfluten meinen Körper,
nicht endende Qualen durch die Folter meiner Peiniger.(5)
Sein gepreßter Atem wurde immer mehr zu einem Stöhnen und schließlich löste sich ein gequälter Schrei von seinen Lippen und eine gnädige Dunkelheit umfing seinen Geist. Er glitt in eine tiefe, namenlose Schwärze und bat noch mit dem letzten Gedanken die Valar darum, nie wieder daraus erwachen zu müssen.
Morkas trat aus dem Schatten in das blakende Licht der Fackeln. Langsam näherte er sich dem Elben, hob sein auf die Brust gesunkenes Gesicht an und betrachtete es mit einem seltsamen Blick. Er war unzufrieden. Dieser Elb war härter, als er angenommen hatte. Sein feingliedriger Körperbau, seine schlanke Figur, sein jugendliches Aussehen hatten Morkas annehmen lassen, hier einen zerbrechlichen Geist vorzufinden. Aber nur einen mühsam erpreßten Schrei hatten sie diesem jungen Krieger entlocken können, obwohl die Tortur, die er über sich ergehen lassen mußte, bereits Stunden angedauert hatte. Andererseits weckte diese Tatsache Morkas' Vorfreude. Diesem Elb Schreie zu entlocken, würde eine lange, erregende Vorbereitungszeit erfordern. Er würde seine Lust am Schmerz anderer an diesem Opfer ausgiebig und lange befriedigen können. Und voller Bösartigkeit und Lust spann er seine Gedanken von zuvor weiter:
'Mit einer Bewegung der Hand kann ich dir die makellose Haut mit Feuer verbrennen, kann dich verletzen. Ich kann dich aber auch zärtlich berühren oder dich schänden.
Du wirst Schmerzen empfinden, so viel und so lange ich will!
Ich werde mit dir tun, was ich möchte. Du wirst zu spüren bekommen, was mir angetan wurde, als mich Sauron schuf.
Ich bin Morkas und werde die Flamme deines Lebens, deines Willens ersticken!'(6)
Morkas' Unzufriedenheit wich bei diesem Gedanken und er gab seinen Männern ein Zeichen, den Körper des Elben aus der Streckung zu befreien und angekettet auf den Boden sinken zu lassen. Noch hatte er keine Wunden, die versorgt werden mußten um ihn am Leben zu halten. Morkas würde später wiederkommen. Eine lange Pause aber würde er dem Elben nicht gönnen, nur lang genug, damit dieser wieder bei vollem Bewußtsein die weiteren Qualen, die er ihm zugedacht hatte, durchleben konnte. Er und seine Helfer verließen die Folterkammer und der Raum versank in einer Dunkelheit, die der, die Legolas' Geist in diesem Moment umfing, sehr ähnelte.
Zwei Tage zuvor in Rhovanion
König Thranduil war im Schoß seiner Gemahlin erwacht. Er fühlte sich müde, ausgelaugt und blieb einfach in ihren Armen liegen und ließ sich ihre Zärtlichkeit und Nähe gefallen.
‚Wie lange habe ich so geruht?' dachte er müde bei sich
Nach einer Weile richtete er sich, gestützt von Elena, auf. Mit aller Macht kam ihm die Erinnerung an den Streit mit Legolas, und er konnte seiner Frau nicht in die Augen blicken, sondern stand müde auf, ging zu einem Fenster und blickte hinaus. Elena hatte bis dahin noch nichts gesagt, aber nun fragte sie leise:
„Thranduil, was ist genau geschehen? Ich habe dich noch nie so aufgelöst gesehen. Was ist mit unserem Sohn?
Wo ist Thranduilion?"
Ihre Stimme war flehend und voll Angst.
Der König schwieg noch einen Moment und dann sprach er stockend:
„Legolas und ich hatten einen Streit. Es ging um die Geschehnisse in Galen vor dreizehn Jahren. Er hätte das Recht gehabt zu erfahren, warum ich damals mich weigerte, Gandalf und dem Kind beizustehen. Aber ich war wie gefangen. Ich sah plötzlich Hûniest vor mir, nicht mehr unseren Sohn, und all der Schmerz von damals und die Wut auf ihn, brachen aus mir heraus. Ich war nicht mehr ich selbst und habe Legolas behandelt, wie ich einst Hûniest behandelt habe. Ich habe unseren Sohn fortgeschickt. Nein. Ich habe ihn nicht einfach fortgeschickt. Ich habe ihm seine Heimat, sein Heim, seine Familie genommen und seinen Namen."
Der König senkte den Kopf und ein Schluchzer löste sich aus seiner Brust, bevor er weitersprach:
„Ich habe ihm gesagt, daß wir keinen Sohn mehr haben, nie gehabt haben, und ich habe ihm dazu noch verboten, sich bei dir zu verabschieden."
Ein Beben breitete sich im Körper des Königs aus. Er schwankte, barg sein Gesicht in seinen Händen und die zuckenden Schultern zeigten seinen Schmerz.
Elena hatte ihrem Gemahl zugehört und war dabei sitzen geblieben, wo sie ihn zuvor eine Nacht und einen Tag in ihrem Schoß gebettet hatte. Nun stand sie auf und trat langsam an den Mann heran, den sie so sehr wegen seiner Stärke, seines Gerechtigkeitssinns und seiner Zärtlichkeit für seine Familie liebte. Sie hatte ihn noch nie ungerecht und so am Ende seiner Weisheit gesehen. Obwohl ihr das Herz vor Sorge um ihren Sohn aus der Brust springen wollte, nahm sie ihren Gemahl sanft in die Arme und er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Leise sprach sie mit beruhigenden Worten auf ihn ein. Sie war gewiß, daß dieser Bruch zwischen ihrem Gemahl und dem Sohn wieder geheilt werden konnte. Thranduil liebte seinen Sohn über alles. Dessen Tod in einem der Kämpfe, die er bestritten hatte, hätte der König nie überwunden. Ein gebrochenes Herz wäre dem Verlust des Lichtes seines Herzens gefolgt und Thranduil wäre daran zugrunde gegangen. Legolas war alles für Thranduil und ein jeder konnte dies sehen, wenn sie beieinander waren. Und Thranduilion? Er liebte seinen Vater gleichermaßen. Er hatte ihm seine Liebe zurückgegeben und nie die Zuneigung seines Vaters ausgenutzt. Legolas liebte es, mit seinem Vater jagen zu gehen, mit ihm über neues Wissen zu diskutieren, ihn zu necken und den Vater lachen zu sehen. Der junge Prinz war der Augenschein seines ganzen Volkes. Er war es schon als Knabe, wurde dann zum Retter seines Volkes und des Vaters und war seither allzeit, wenn Thranduil ihn brauchte, an seiner Seite. Den König ohne seinen Sohn sich vorzustellen, war unmöglich. So wie es Legolas ohne seine Heimat, ohne die Erfüllung seiner tiefen Liebe und Verbundenheit zum Düsterwald nicht geben konnte.
Langsam löste Elena sich von ihrem Gemahl und sprach:
„Thranduil, du mußt ihm nachreisen, das Gespräch suchen und ihn um Vergebung bitten. Du warst nicht du selbst, aber dennoch braucht dein Sohn nun Erklärungen um verstehen zu können. Er braucht deine Liebe, um selbst vergeben zu können und deine Nähe, um zu spüren, daß alles wieder ist, wie es war. Wohin könnte er gegangen sein? Zu Aragorn?"
Ihre Stimme hatte gebebt bei diesen Worten und nur schwer konnte sie ihr eigenes Leid und die Sorge um ihre Familie hinten anstellen. Sie mußte jetzt für die beiden Elben in ihrem Leben, die ihre ganze Liebe hatten, stark sein.
Thranduil nahm seine Gemahlin in seine wiedererstarkenden Arme. Sie hatte ihm Mut gemacht und er war zutiefst dankbar, daß sie ihm keine Vorwürfe machte noch ihn verdammte. Mit ihr an seiner Seite würde alles wieder gut werden. Er würde den Sohn aufsuchen, ihn um Vergebung bitten und ihn, wie jetzt seine Gemahlin, in die Arme schließen und jeden Zweifel mit seiner Liebe hinwegwischen. Und leise sprach er zu ihr:
„Ich denke, wir werden Legolas bei Nefhithwen in Galawait finden. Er liebt sie, Elena. Er liebt die Tochter von Hûniest", wiederholte er.
Nun war es Elena, die zusammenfuhr und ihren Gemahl entsetzt anblickte und tonlos die Frage ihres Entsetzens stellte:
„So sehr, daß er bereit ist sein unsterbliches Leben für sie zu geben? Werde ich meinen Sohn nicht eines Tages in den unendlichen Landen wiedersehen? Werde ich ihn für immer durch die Liebe, die ein so kostbares Geschenk ist, verlieren?"
Tränen benetzten ihre Wangen. Aber Thranduil nahm seine Gemahlin nur fester in die Arme und flüsterte:
„Nein, meine Geliebte. Die Herkunft Hûniests ist ein Geheimnis und birgt die Rettung für unseren Sohn. Hast Du dich nie über die Vertrautheit zwischen ihm und mir gewundert? Nie über seine Nähe zu unserer Familie? Seine Liebe zu Legolas? Hûniest war mein Halbbruder."
Und nun sah Elena erstaunt hoch.
„Dein Halbbruder?"
Thranduil lächelte und nickte.
Elena sah ihren Gemahl sanft an und erwiderte auf seine Fragen:
„Ich habe Hûniest zum erstenmal gesehen, lange bevor ich deine Frau wurde. Ihr kamt gemeinsam aus einem Kampf zurück und ihr wart seitdem immer zusammen. Ich habe das immer als Folge aus Geschehnissen im Kampf gesehen und nie hinterfragt. Als ich deine Gemahlin wurde, war er bereits so Teil der Familie, daß ich mir darüber nie wieder Gedanken gemacht hatte."
Thranduil fuhr seiner Frau zärtlich über die Wange und erklärte:
Vater liebte eine andere Elbin. Sie ertrug es aber nicht, Schuld am gebrochenen Herzen von Mutter zu sein und verließ ihre Heimat. Mutter wandte sich nach meiner Geburt von Vater ab und ging zu den Grauen Anfurten. Sie ließ uns allein, und Vater suchte lange nach seiner Liebe und seinem Erstgeborenen, denn er mußte kurze Zeit vor mir zur Welt gekommen sein. Er konnte sie aber nirgends finden. Bevor Vater zu den Valar ging, erzählte er mir alles. Ich mußte ihm versprechen, stets nach meinem Bruder Ausschau zu halten. Und eines Tages, so wollten es die Valar, begegneten wir uns mitten im Kampf gegen Sauron. Plötzlich stand er an meiner Seite und deckte meinen Rücken. Seither war er nicht mehr von meiner Seite gewichen. Er liebte Legolas, als wäre dieser sein Sohn, und die beiden hatten mich immer an zwei Brüder erinnert. Als er sich vor achtundzwanzig Jahren in eine Sterbliche verliebte und ging, brach er den Schwur, den wir uns gegeben hatten. Nicht seine Liebe zu ihr, aber seine Entscheidung sein unsterbliches Leben aufzugeben, schnitten mir ins Herz, denn ich hatte immer gehofft, einst Vaters Herz in den Unsterblichen Landen durch Hûniests Anwesenheit heilen zu können und das wußte er.
Elena blickte ihren Gemahl fragend an:
„Dann ist Nefhithwen eine Halbelbe?"
Thranduil nickte bestätigend und flüsterte leise:
„Ja, mein Herz, sie darf sich ihr Sein wählen und unser Sohn muß nicht sein Recht auf einen Platz in den Unsterblichen Landen für ein Leben mit ihr lassen."
Elena aber fragte ängstlich:
„Und wenn sie sich für ein Leben und Vergehen als Mensch entscheidet? Was wird dann aus Legolas?"
Der König hielt seine Gemahlin fest in den Armen und antwortete beschwichtigend:
„Wenn das Mädchen unseren Sohn ebenso liebt wie er sie, wird sie ihre Chance auf ewig an seiner Seite zu sein nicht fortwerfen."
Thranduil hatte plötzlich das Gefühl, es könne sich alles zum Guten wenden. Er glaubte fest daran, daß er nun die Gelegenheit bekam, sein Unrecht von einst wiedergutzumachen und den Zwist zwischen den Völkern zu beenden. Der Elbenkönig ahnte nicht, daß er im Moment dieser Erkenntnis bereits dabei war, alles zu verlieren, was er sich gerade noch für die Zukunft erhofft hatte.
Wo einer auf Vergebung hofft,
fleht ein anderer um den Tod
Legolas regte sich stöhnend. Um ihn war pechschwarze Finsternis und er dachte zunächst, er wäre nicht erwacht und statt dessen in einem Alptraum gefangen, aber er spürte die Kälte und die Schmerzen seiner Glieder nur zu deutlich, um Zweifel daran zu haben, daß er nicht träumte.
Der junge Elb blieb reglos liegen, zu groß war die Qual besonders in den Schultern und im Becken. Seine Glieder waren geschwollen und seine Haut spannte. Ein brennender Schmerz durchzog seine Muskeln. Er war so müde und dennoch wollte ihm kein Schlaf Linderung bringen. Verzweifelt summte Legolas das Lied Nefhithwens. Die sanfte Melodie war der einzige Trost seiner gepeinigten Gedanken.
Ich sehe deine Augen, meine Geliebte,
und ein leiser Schimmer der Hoffnung und Wärme steigt in mein Herz.(7)
Er war noch nicht lange erwacht, als sich Schritte näherten, und Panik ergriff ihn. Mühsam und steif setzte er sich im Dunkeln auf. Seine Ohren ließen ihn drei Orks erkennen und er wußte, daß seine Peiniger zurückkehrten. Noch einmal flehte er die Valar um ihren Beistand an und versuchte sich auf sein Innerstes zu konzentrieren, es zu schützen, damit sie ihn nicht zerstörten und zu dem machen konnten, was sie waren.
Dann öffnete sich die Verliestüre und der Raum wurde von mehreren Fackeln erhellt. Morkas sah auf den jungen Krieger und nickte erfreut. Er war wach und allem Anschein nach noch nicht sehr geschwächt. Seine beiden Mannen steckten die Fackeln in Halterungen an der Wand und schütteten glühende Kohle, die sie in einem Trog mitgebracht hatten, in ein Becken. Sie schürten das Feuer, während Morkas die Reaktion seines Gefangenen darauf beobachtete.
Der Ork leckte sich über die Lippen, der junge Krieger faszinierte ihn, erregte ihn, so wie er sich in der Gewalt hatte. Es würde ihm eine Lust sein, dem Elben diese Maske der Stärke vom Gesicht zu reißen und er würde es genießen, wenn dieses reine Wesen ihn anbettelte seiner Qual ein Ende zu bereiten.
Er gab seinen beiden Helfern ein Zeichen und die Kette, an der Legolas' Handgelenke gefesselt waren, wurde wieder hoch gezogen. Legolas mußte ihr folgen und aufstehen. Seine Hände wurden wieder mit der Kette in die Höhe gezerrt. Langsam und immer stärker zogen ihn die Orks wieder von seinen Beinen, bis sein ganzes Körpergewicht an den Hand- und Schultergelenken hing. Abermals wurde die Kette so stramm gezogen, daß Legolas keinen Muskel mehr rühren konnte und ein stechender Schmerz breitete sich von seiner rechten Schulter sowohl in den Rücken als auch in den Arm hinein aus. Es fehlte nicht mehr viel und dieser würde aus dem Schultergelenk gerissen.
Legolas preßte fest seine Lippen aufeinander und schloß ergeben die Augen. Er versuchte dem Schmerz nachzuspüren, ihn zu eliminieren, zu heilen, aber die Qual des Gewichtes seines eigenen Körpers am Schultergelenk ließ sich nicht verdrängen.
Morkas trat an den gestreckten und seiner kranken Lust ausgelieferten Körper heran und packte mit seiner Pranke fest in das Fleisch des Elben. Mit seiner linken Hand langte er nach einem Gegenstand, dessen vorderer Teil in den glühenden Kohlen lag. Der Ork griff fest die Hüfte des Elben und bohrte den angespitzten, glühenden Eisenstab langsam und mit unnachgiebigem Druck durch Legolas hindurch. Legolas röchelte vor Schmerz. Er konnte sich nicht rühren, seine Muskeln nicht auf diese Qual reagieren. Legolas warf seinen Kopf vor Pein zurück und Tränen rannen ihm aus den Augen, aber kein Schrei bahnte sich seinen Weg aus seiner Kehle und keine barmherzige Ohnmacht nahm ihm den furchtbaren Schmerz.
Morkas betrachtete den jungen Elben, fuhr ihm fast liebevoll durch das Gesicht, wischte die Tränen fort und dachte bei sich:
'Du wirst zu meinem Schüler, der verzweifelt erkennen wird, wie lang man Schmerz aushalten kann.'(8)
Dann nahm er einen Becher, füllte ihn mit Wasser und flößte ihn dem jungen Krieger ein. Legolas trank gierig. Er wußte, das diese Tat kein Zeichen des Erbarmens war, sondern nur eine Maßnahme, die ihm seine Kraft erhalten sollte, aber in dem Moment, wo er das kühle Naß auf seinen Lippen spürte, konnte er nicht anders, als den Trank anzunehmen.
Dann stellte Morkas sich abermals neben sein Opfer. Diesmal ergriff er die andere Hüfte. Erneut nahm er einen glühenden Eisenstab. Legolas zerrte an seinen Fesseln und versuchte sich den Pranken des Ork zu entwinden. Doch er konnte dem glühenden Eisen nicht entgehen und seine Gegenwehr erstarb, als er das Brennen in seinem Fleisch und den stechenden Schmerz in seinen Knochen spürte, wo ihn der Ork erneut durchbohrte. Legolas' Lippen bebten. In Gedanken schrie er nach den beiden Wesen in Mittelerde, die ihm Zeit seines Lebens beigestanden hatten. Seine Mund formte tonlos die Namen derer, die er um Hilfe anflehte.
‚Aragorn!'
Und mit dem Wort „Vater" nahm ihn eine gnädige Dunkelheit gefangen und er verlor das Bewußtsein.
Die Stimme der Einsamkeit folgt mit einem Schlag,
der Schmerz kehrt zurück
und wieder schneidet er in mein Fleisch.
Meine Gedanken driften zu einem anderen Schmerz, der meine Seele zerreißt.
Mein Vater, für dich bin ich schon gestorben.(9)
Namenlose Furcht
Aragorn, der nach Hause zurück kehrte, sobald Éomer auf dem Weg der Genesung war, hatte von Gimli Nachricht über das Wohlbefinden von Legolas erhalten und ging beruhigt seinen Regierungsgeschäften nach. Er war noch nicht lange aus Rohan zurückgekehrt, als ihn eine furchtbare Unruhe ergriff. Er spürte Gefahr. Er fühlte diese Bedrohung mit dem Instinkt des Waldläufers, der sich auf seine Sinne verlassen mußte um zu überleben. Aber er konnte nicht sagen, was es war, das bedrohlich heraufzog oder woher diese Ahnungen stammten. Es war vier Tage vor Vollmond, als Aragorn in der Nacht gequält und schweißgebadet aufwachte. Der Alptraum, den er hatte, war so real gewesen und hatte ihm Legolas in höchster Pein gezeigt. Er sah, wie Legolas starb, langsam, qualvoll und ... allein. Aragorn fand keine Ruhe mehr. Etwas in seinem Inneren sagte ihm, daß dies nicht nur ein böser Traum war, sondern ein Hilfeschrei. Er mußte sich Gewißheit verschaffen. Arwen, die Legolas wie einen Bruder liebte, versuchte diesen mit ihren Gedanken zu berühren, aber sie fand nur Dunkelheit und spürte die gleiche Sorge wie Aragorn. Sie baten Gandalf, nach Legolas zu forschen und auch Auskunft über ungehörige Vorgänge einzuholen, soweit er diese durch die Palantíri erblicken konnte. Dann sattelte Aragorn noch in der Nacht sein Pferd und ritt gen Galawait. Dort hatte er Legolas zurückgelassen und dort hoffte er ihn zu finden oder man würde ihm Auskunft erteilen, wo der Elbenprinz war. Aragorn ritt scharf, dennoch hatte er das furchtbare Gefühl, zu spät zu kommen und etwas zu verlieren, das ihm so teuer war, wie seine Liebe zu Arwen.
‚Legolas!' riefen seine Gedanken immer wieder in die Nacht hinaus.
In diesem Moment verfinsterte sich der Himmel, verhüllte die Sterne und den zunehmenden Mond, der mit seinem Licht die Landschaft vor Aragorn geisterhaft erhellt hatte. Ein kalter Wind berührte Aragorn wie der Hauch des Todes und er fröstelte.
‚Legolas, Mellon nîn!'
Abermals rief er in Gedanken nach seinem Freund, aber er erhielt keine Antwort und die Stille lastete schwer auf Aragorn. Er trieb sein Pferd zu einem noch schnelleren Galopp an. Was immer geschehen war, die Zeit zerrann ihm zwischen den Händen.
Nefhithwen und ihre Soldaten waren am zwölften Tag nach Legolas' Fortgang aus Galawait auf dem Weg, Legolas bis zur Ebene vor Dol Guldur entgegenzureiten. Die junge Königin hatte eine Unruhe ergriffen, die sie nicht mehr schlafen ließ. Mit nur wenigen Pausen trieb Nefhithwen ihre Leute vorwärts. Eine namenlose Furcht ließ sie nicht mehr los. In ihrem Inneren spürte sie, wie die Wärme und die Liebe Legolas' in ihr immer mehr verblaßten. Sie versuchte sie festzuhalten, war es doch ein Teil von ihr, aber das Gefühl von Legolas' Nähe war nur mehr ein Hauch und sie spürte, wie sie ihn verlor.
‚Was ist dies für eine Ahnung? Welche namenlose Furcht hält mich in ihren Klauen? Legolas!'
Panisch kreisten ihre Gedanken um diese unbeschreibliche Vorahnung. Ihr Herz und ihre Seele schrieen nach ihm, aber als Antwort erhielt sie nur einen Windhauch, eisig und lautlos, wie ein Bote des Todes. Die Angst schnürte ihr die Luft ab und ihr Herz klopfte schmerzhaft.
‚Legolas! Was ist mit dir geschehen, Melethron?
Schmerz und Aufgabe
Ein kalter Schwall Wasser riß Legolas aus seiner Bewußtlosigkeit und holte ihn zurück in eine Welt, die für ihn nur noch Qual bereithielt.
Warum läßt du mich jetzt nicht gehen, mein Herz?
Doch du schlägst weiter! Nur für sie, die ich liebe,
wie lang vermagst du noch so stark zu schlagen
im gleichen Rhythmus mit dem Herzen meiner Geliebten?(10)
Morkas war nicht gewillt, dem Elben jetzt bereits wieder eine Pause zu gewähren. Er hatte ihm noch keinen Schrei entlocken können und seine Gier danach, diesen faszinierenden Krieger zu brechen und ihn vor Schmerz brüllen zu hören, trieb ihn an und ließ ihn härter vorgehen, als er es erst wollte. Und wenn der Elbling dadurch eher starb, war es auch egal, wenn nur er, Morkas, ihm die Musik seines Leidens entreißen konnte. Wenn der junge Krieger schrie und wimmerte, würde er seine Befriedigung haben.
'Du wirst mir Befriedigung geben, wie ich es mir wünsche...'(11)
Legolas war nicht mehr an seinen Armen aufgehängt, sondern lag mit dem Rücken auf einer Streckbank. Seine Wunden bluteten kaum. Die glühenden Eisen hatten die zugefügten Wunden gleich wieder verschlossen und dadurch, daß Morkas die Eisen stecken ließ, waren die Verletzungen gleichsam versiegelt, qualvoll, aber ohne eine todbringende Gefahr für das Leben seines Opfers.
Die Arme von Legolas waren nicht mehr zusammengebunden, sondern jedes Handgelenk selbst war an Seilen mit der Streckwinde verbunden, wie auch seine Fußfesseln. Im Rücken spürte Legolas ein leichtes Stechen, durch sein eigenes Gewicht verstärkt, und er wußte, daß die Nägel auf denen er lag, seinen Rücken zerfleischen würden, wenn die Orks begannen, ihn über den Tisch zu ziehen und zu strecken.
Morkas trat an den jungen Prinzen heran und blickte auf das erschöpfte, eingefallene Gesicht des Elben. Immer noch schön, trotz der Qual, die sich in seinen rotgeränderten Augen zeigte, den blutig gebissenen Lippen abzeichnete, in den verkrampften Muskeln der Wangenknochen deutlich war. Sacht und zärtlich fuhr Morkas über eine Wange Legolas'.
'...und vor Scham vergehen.'(12)
Behutsam streichelte er die Brust des Kriegers, fuhr über den flachen Bauch, dessen Muskeln vor Anspannung flatterten, umfaßte dann die Männlichkeit des Elben und quetschte sie. In das Aufstöhnen von Legolas hinein sprach er leise, fast andächtig:
„Ich werde dir einen um den anderen Schrei von deinen Lippen reißen, wackerer Prinz. Wehr dich, halte stand, wenn du glaubst, du könntest es verhindern, daß ich dich breche, aber ich habe noch jeden dazu gebracht mich anzuflehen, ihm einen raschen Tod zu schenken." Und in Gedanken fügte er hinzu:
'Du wirst der Knecht, der sich mir zu unterwerfen hat und der Verurteilte, der keine Gnade erhoffen kann. '(13)
„Hoffe nicht darauf, Elbling. Ich will dich schreien hören, bis du keine Stimme mehr hast. Und dann soll dein Körper zucken und mir gehorchen, wenn ich ihn mit glühenden Eisen berühre, bis du deinen letzten Atem aushauchst."
Er gab seinen Helfern ein Zeichen und sie begannen Legolas' Körper über den Strecktisch zu ziehen, bis die Seile um seine Fußknöchel ebenso gespannt waren, wie die Fesseln an seinen Handgelenken. Die Splitter und Nägel in Legolas' Rücken bohrten sich tief in seine Muskeln und zerrissen sie Stück für Stück.
Legolas stockte der Atem, gepreßt und schnell sog er die Luft ein und knirschte mit den Zähnen. Er schloß in maßlosem Entsetzen und wehrlos dem Schmerz ausgesetzt die Augen. Tränen liefen ihm über das Gesicht und seine Lippen bebten. Dann gaben seine Schultergelenke nach und beide Arme wurden ihm mit einem Ruck ausgekugelt. Gellend löste sich ein Schrei von Legolas' Lippen. Der stechende Schmerz, gefolgt von der Pein der krampfenden Muskeln, die versuchten die Armkugeln im Gelenk zu halten, war unerträglich und Legolas schrie. Ihm war nicht mehr bewußt, daß er schrie, und seine Schmerzenslaute erstarben erst, als seine Kehle heiser und sein Mund ausgetrocknet waren. Nur noch leise wimmerte er, als Morkas erneut an ihn herantrat. Er beugte sich zu Legolas hinunter, fuhr ihm sanft durch sein aufgelöstes und schweißnasses Haar und sprach fast väterlich zu ihm:
„Siehst du, Junge, es geht doch. Wir werden das noch ein wenig üben und wenn ich mit dir fertig bin, wirst du mir gleich geben, was ich will."
'Du wirst der Gefangene, der um Erbarmen fleht und vergebens auf Erlösung hofft.'(14)
Er faßte an Legolas' Schulter und drückte sie, wie es in guten Zeiten ein Vater als Zeichen der Zuneigung vielleicht getan hätte, aber hier und jetzt brachte es Legolas nur puren Schmerz, den er nicht mehr äußern konnte als durch ein gequältes Schluchzen und der Ork lächelte auf ihn nieder und meinte sanft:
„So ist es gut, Junge, du lernst schnell."
Dann verließ Morkas mit seinen Helfern die Folterkammer. Zuvor löschten sie alle Fackeln und Legolas blieb in seiner Marter, mit gebundenen Gliedern allein im Dunkeln zurück. Einzig die ersterbende Glut des Feuers spendete noch ein wenig Licht und zeichnete grausame Schatten an die Wand, die Legolas' Sinne geißelten und ihm vorgaukelten, was Morkas noch alles mit ihm vorhatte zu tun.
Tränen waren der einzige Ausdruck seiner Höllenpein, deren Legolas noch fähig war. Nach einer scheinbaren Unendlichkeit verzweifelter, wirrer Gedanken entrann sich doch noch ein Schrei von seinen Lippen:
„Adar!"
Sein Ruf erstarb ungehört in den Gewölben, die den Klang seiner Stimme wie Hohngelächter zurückwarfen.
„Adar!", flüsterte Legolas. Es war das letzte, das über seine Lippen kam und seine Augen schlossen sich.
(1) Foltermethoden des Mittelalters. Näheres zum Thema nachzulesen im Glossar
(2) + (3) + (4) + (6) + (8) + (11) + (12) + (13) + (14) aus: "Hassgedanken eines Ork" von Nefhithiel, 2005, vollständig im Anhang nachzulesen.
(5) + (7) + (9) aus: "Verzweiflung" von Nefhithiel, 2005, vollständig im Anhang nachzulesen.
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