12. (Un)Wahrheiten

Die zwei Wochen nach seiner Strafarbeit im Zaubertränkeklassenzimmer verliefen für Corey etwas eigenartig. Zunehmend tuschelten andere Schüler wenn er vorbei ging oder sie sahen neugierig in seine Richtung, wenn er am Slytherin-Tisch saß.
Es konnte auch, sein dass es Corey nur so vorkam und er sich das nur einbildete. Oder seine Mitschüler redeten noch über seine Konfrontation mit Diana Malfoy. Schließlich hatte sie ihm eine Gehirnerschütterung verpasst. Er war immer noch sauer auf diese kleine, eingebildete Hexe.

Auf dem Gang im zweiten Stock des Schlosses stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Das große Fenster, wovor die kleine Möbelgruppe direkt platziert war, gab den Blick auf einen Innenhof frei. Zwar war es für Ende September noch sehr warm, jedoch war es zu kühl um draußen zu sitzen.
So machte es sich Corey auf einem der Stühle bequem, nahm seine Gitarre auf den Schoß und legte seine Songtexte samt Noten auf den Tisch. Nach kurzem Stimmen des Instruments begann er damit zu spielen. Er wollte dies nicht mehr im Gemeinschaftsraum tun, solange "die Malfoy" dort war.
So saß er hier auf dem Gang und spielte auf seiner Gitarre. Hier störte er wenigstens keinen, dachte er sich. Ab und an blieben vorbeigehende Schüler stehen um ihm ein Weilchen zuzuhören.

Als er gerade einen neuen Song übte, zog im gewohnt schnellen Schritt Severus Snape an ihm vorbei.
Sie nickten sich kurz und knapp zu. Corey fand es respektlos seinen Hauslehrer einfach zu ignorieren und Severus wollte ebenfalls nicht so unhöflich sein und erwiderte daher den kurzen, aber eindeutigen Gruß. Schließlich verhielt sein Schüler sich absolut anständig ihm gegenüber, was man von seiner Mutter nicht behaupten konnte.
Seit einer Woche hatte der Tränkemeister kein Wort von ihr gehört, weder schriftlich, noch über das Flohnetzwerk. Aber er wollte den Jungen nicht damit belästigen. Er wusste dass Andie Zeit wollte. Deshalb verhielt Severus sich noch ruhig und sprach Corey auch nicht auf seine Mutter an. Er war mit einem sehr ausdauernden Gemüt gesegnet und hoffte nur, dass sie seine Engelsgeduld nicht überstrapazieren würde.

Gerade als sein Hauslehrer mit wehendem Umhang um die Ecke gebogen war, kamen zwei Slytherin-Mädchen aus seinem Jahr den Gang entlang. Sie gehörten zu den Mädels die ständig um Diana Malfoy herumscharwenzelten. Als sie an dem Gitarre spielenden Corey vorbei gingen hörte dieser sie demonstrativ zueinander sagen:
"Weißt du Ashley, mir wäre das ja total peinlich wenn meine Mutter mit meinem Professor was hätte!" - "Ja ich finde du hast vollkommen Recht Kendra! Die macht das bestimmt nur damit ihr Kind gute Noten bekommt. Das ist sowas von armselig!" - "Ja, ich würde mich in Grund und Boden schämen wenn meine Mutter so etwas Demütigendes machen würde!"

Corey riss bei diesen Worten die Augen auf und starrte den beiden Mädchen geschockt hinterher. Diese grinsten Corey noch einmal fies über die Schulter an, bevor sie die Treppe hinunter gingen welche in den kleinen Innenhof führte.

Stumm und mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck saß Corey da. Sein Herz schlug schneller. Er wusste nicht was er denken sollte. Schließlich war es offensichtlich, dass diese beiden selbstgefälligen Ziegen ihre kleine Unterhaltung nicht zufällig gerade dann hatten, als sie an ihm vorbei stolziert sind.

Er schreckte hoch als sich eine sanfte Hand auf seine Schulter legte. Es war Lorena Morgan, das ruhige, schüchterne Mädchen was sich im Hogwarts-Express zu ihnen ins Abteil gesetzt hatte. Immer noch die Augen aufgerissen, schaute er sie entgeistert an. Er bekam keinen Ton heraus.
Sie fraget aber mit sorgenvoller Miene: "Ist alles in Ordnung mit dir Corey? Du siehst irgendwie nicht gut aus."

Bevor er antworten konnte kam aber sein bester Kumpel Sully den Gang entlang gerannt und setzte sich atemlos auf den zweiten Stuhl am Tisch.
"Alter ... hast du es ... schon gehört?"
Tief atmete der Gryffindor ein und aus. Seine Atmung ging daraufhin langsamer und er setzte erneut an.
"Hast du das mitgekriegt? Man erzählt sich rum das deine Mom was mit Snape hat! Wie kommen die denn bitte auf so ´nen Mist?! Andie ist doch viel zu gut für die alte, grantige Fledermaus!"
Er wandte sich an Lorena: "Hi Süße! Na alles klar bei dir?"

Angesprochene errötete und senkte den Kopf. Ohne der Begrüßung von Sully Beachtung zu schenken sah sie nun wieder Corey an. Der war inzwischen gefährlich blass geworden.
"Ja, das erzählt man sich bei uns in Ravenclaw auch. Aber ich hab dem nicht weiter Beachtung geschenkt. Ich dachte sie albern nur so rum."
Sully legte nach: "Lory! Das ist DAS Gesprächsthema momentan! Habs gerade vom Vertrauensschüler der Hufflepuffs erfahren. Corey, hey Kumpel, komm schon, sag was dazu! Das kannst du doch nicht so einfach auf dir sitzen lassen! Ich wette wir wissen beide wer dahinter steckt!"

"Japp, ich weiß es auch."
Etienne Davis, ihr Kumpane aus Slytherin, kam angespannt die Treppe hoch und gesellte sich zu seinen drei Freunden.
"Hab das auch gerade gehört und bin daraufhin gleich zu der Malfoy. Sie hats mir indirekt bestätigt. Sie hat dieses Gerücht in die Welt gesetzt und ich glaube sie ist auch noch verdammt stolz darauf."
Sachte klopfte er dem immer noch still dreinblickenden Corey auf die Schulter.
"Mach dir nichts draus. Ich wette bald haben alle ihre Lügen vergessen und dann ist alles wieder beim Alten."

Ertappt guckte Corey seine drei Freunde nacheinander an: erst den bodenständigen Etienne, dann die scheue Lorena und zum Schluss seinen besten Freund Sully. Er wollte darüber sprechen und warum nicht mit diesen Dreien? Sie würden ihn schon nicht hassen. Er schaute sich noch einmal um, einfach um sich zu vergewissern dass keiner sie belauschte.
Vorsichtig sagte Corey schließlich: "Was wäre, wenn das gar keine richtigen Lügen sind? Wenn sie mit dem was sie rumerzählt gar nicht so falsch liegen würde?"

Alle drei schauten ihn mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck an. Sully war der erste der seine Sprache wiederfand:
" Kumpel mach mir keine Angst! Willst du damit sagen deine Mom und Snape haben echt was miteinander?"

"Nein, so ist es nicht. Sie schreiben sich und haben neulich zusammen nen DVD-Abend bei uns gemacht. Aber zusammen sind sie nicht. Sie mögen sich halt nur.", erklärte Corey zaghaft.

Sully klappte der Kiefer runter. "Verarscht du uns jetzt? Professor Severus Snape alias "Die Kerkerfledermaus of Doom" hat bei euch auf der Couch gesessen und mit Andie DVD geguckt?!"

"Ja, Supernatural.", erwiderte Corey nüchtern. Er gab zu die Vorstellung war etwas seltsam, aber SO unglaublich war das nun auch wieder nicht. Oder? Er erzählte ihnen kurz die ganze Geschichte, vom ersten Aufeinandertreffen, den Briefen, ihrem Verhalten auf der Krankenstation und das alles zur Zeit in der Schwebe ist.
"Wisst ihr, es regt mich nicht auf dass getratscht wird das meine Mom was mit Professor Snape hat. Ich finde es nur echt mies das rumerzählt wird, sie mache das damit ich bessere Zensuren bekomme. Als ob sie eine ... na ihr wisst schon was ... wäre"

Sully bekräftigte die Aussage. "Ja das ist echt scheiße. Wisst ihr ich kenne seine Mom, die ist echt lässig. Sowas schäbiges würde sie nie und nimmer bringen. Außerdem würde der alte Griesgram sich sowieso nicht erweichen lassen. Der gibt einen doch schlechte Noten nach Lust und Laune."

"Ach komm, so schlimm ist er nicht.", bemerkte Etienne.

Sully wurde lauter. "Ja, ihr seid ja auch seine Slytherins! Euch würde er nie so schlecht behandeln wie uns Gryffindors. Habt ihr nicht gehört was er letzte Stunde zu mir gesagt hat?"

Etienne lachte auf. "Mach mal halblang Sully. Du hast es geschafft deinen Trank so zu verhunzen dass der an die Decke geschossen ist und danach ist dein Kessel auch noch geschmolzen! Ich finde Professor Snape hat dafür noch sehr cool reagiert."

Jetzt mussten auch Sully, Lorena und Corey lachen.

Sully verstellte seine Stimme und machte den typisch öligen, tiefen Ton des Tränkemeisters nach: "Mr Finnigan, in der Brauanleitung steht eindeutig dass sie die Gänseblümchenwurzel sehr fein zerhacken sollen und die Schrumpelfeigen exakt zweimal zerteilen müssen und nicht umgekehrt! Außerdem darf der Sud nicht kochen! Was ist los mit Ihnen? Sind sie blind oder einfach nur schwachsinnig?! Das sind 15 Punkte die Gryffindor wegen Ihrer Unfähigkeit abgezogen werden! Außerdem darf ich Sie dazu beglückwünschen, dass Sie es nach zwei Wochen magischer Ausbildung auf die Liste der 10 größten Schwachköpfe die ich je unterrichten durfte geschafft haben!"

Sie lachten alle bis ihnen die Augen tränten. Corey sagte nur: Oh man, das war auch echt ne dämliche Aktion von dir."

Als sie sich wieder beruhigt hatten schauten sie sich ernst an. Etienne erhob das Wort: "Ok Leute, was wollen wir wegen der Malfoy und ihrem Schandmaul unternehmen? Ich meine, das ist echt schon ein starkes Stück!"

"Ich will das mit ihr ... klären!", sagte Corey verbissen.
"Es ist meine Mom über die sie herzieht! Ihr müsst mir nur helfen dass das keiner mitbekommt und ich sie mir in Ruhe vorknöpfen kann! Helft ihr mir?"

Alle drei bejahten diese Frage. Sie schlichen sich in eine ruhige, abgelegene Nische und besprachen noch an diesem Tag wie sie vorgehen wollten.

-

Am darauffolgenden Donnerstag, es war inzwischen der zweite Tag im Oktober, wollten die Freunde Diana Malfoy endlich zur Rede stellen. Die letzten Tage bot sich nicht die Gelegenheit dazu. Aber heute witterten sie ihre Chance.

Im Laufe der Woche haben mehrere Schüler Corey auf das angesprochen was so gemunkelt wurde und er hatte ordentlich zu tun die ganzen Ammenmärchen mit Worten wie: "Nein, meine Mom schmeichelt sich nicht bei Professor Snape ein." oder "Nein, ich habe immer noch ein A (= annehmbar) in Zaubertränke, also hört auf so einen Quatsch zu erzählen." zu revidieren. Er war sich inzwischen sicher dass auch Professor Snape von den Gerüchten die im Umlauf waren etwas mitbekommen haben musste.

Es war nervig. Jedoch schien sich die Aufregung von Tag zu Tag mehr zu legen. Am Dienstag war die neue Sensation, dass angeblich die beiden Vertrauensschüler aus Hufflepuff in dem extra für sie vorgesehenen Bad ein Schäferstündchen gehabt hatten. Anscheinend wurden sie von dem Ravenclaw-Vertrauensschüler erwischt und bekamen von ihm, pflichtbewusst wie er war, sogar Punkte abgezogen.
Doch auch wenn in der Gerüchteküche nun etwas anderes auf dem Herd brodelte, wollten sie diese kleine, hinterhältige Malfoy nicht einfach so davon kommen lassen.

So kam es das sie ihr an diesem Donnerstagabend auflauerten. In einer halben Stunde würde Sperrzeit sein und Diana Malfoy kam mit 3 schweren Büchern bepackt aus der Bibliothek.
Als sie in einen verlassenen Gang im 2. Stock einbog, stand plötzlich Etienne neben ihr und bot an ihr die Bücher abzunehmen und mit ihr zusammen in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren.
Gerne ging das Mädchen auf den Vorschlag ein. Denn sie war und das wusste niemand, ein bisschen verknallt in den reinblütigen Slytherin. Sobald Etienne die wertvollen Bücher in den Händen hielt, wurde Diana von hinten am Umhang gepackt und in den nächsten Raum gedrängt. Es war das Mädchenklo im 2. Stock, die Toilettenräume der Maulenden Myrte.
Wegen der kam normalerweise niemand hierher. Lorena hatte aber vorher mit dem Geistermädchen gesprochen. Myrte war ebenfalls, wie Lorena, eine muggelstämmige Ravenclaw-Schülerin. Sie hatte sie also im Handumdrehen überreden können, dass sie sich hierbei nicht einmischte. Stattdessen hatte sich Myrte ins Vertrauensschülerbad verkrümelt.

Diana stolperte fast gegen die Waschbecken. Wütend sah sie sich um, denn sie wollte wissen wer sie so unsanft in das verlassene Mädchenklo bugsiert hatte. Sie sah diese Schlammblut-Streberin aus Ravenclaw an einen der Toilettentüren stehen, diesen rotblonden Halbblut-Jungen aus Gryffindor hinter der Tür lauern, welche er eilig schloss nachdem ein wütend dreinblickender Corey eintrat, dicht gefolgt von Etienne, der immer noch ihre Bibliotheksbücher im Arm hielt.
Na da waren sie ja, Schlammblut-Loker und seine Bande. Obwohl, Etienne mochte sie ja irgendwie, aber die anderen beiden gingen gar nicht!

"Was willst du Loker? Willst du mir jetzt eine reinhauen? So wie ein dummer Muggel?", spie das Mädchen gehässig in seine Richtung.
"Und ihr? Helft ihr dem auch noch mich fertig zu machen? Wartet bis mein Onkel davon erfährt!"

"Wer hier wohl wen fertig macht, Malfoy!", sagte Sully Finnigan mit einem abfälligen Schnauben.

Diana zog plötzlich ihren Zauberstab, den ihr Lorena mit einem gezielten "Expelliarmus " aus der Hand schleuderte und gekonnt auffing. Nun stand das Slytherin-Mädchen völlig schutzlos in der Runde.
Corey ging mit einem verärgerten Gesichtsausdruck auf sie zu, die Lippen aufeinander gepresst und die Augen blitzten Diana an. Er war fuchsteufelswild. Plötzlich platzte ihm nur ein "Was hast du dir nur dabei gedacht, Malfoy?!" heraus. Er stand nun direkt vor ihr. Seine drei Freunde hielten sich achtsam im Hintergrund.

Abfällig musterte Diana ihren Gegenüber. Corey hatte die Hände zu Fäusten geballt.
"Deine Mutter und Snape sind in inniger Umarmung aus dem Kamin gestiegen! Erzähl mir nicht, dass die nichts miteinander haben! Ich finde nicht, dass man so eine Nachricht für sich behalten sollte. Meinst du nicht die anderen Schüler haben das Recht es zu erfahren? Deine Muggelmutter macht sich doch nur an Snape ran, weil er dein Hauslehrer ist. Du wirst doch jetzt schon von ihm bevorzugt!"

"Das ist nicht wahr!", schrie Corey. Am liebsten würde er sie tatsächlich ohrfeigen wollen für die Bemerkungen. Aber er beherrschte sich.

"Natürlich ist das wahr, Loker! Denk nur mal an die Strafarbeit! Ich wette du hast keinen Punkteabzug bekommen und entschuldigen musstest du dich bei mir auch nicht!"

"Nein, das hab ich nicht und musste ich auch nicht. Aber auch nur, weil du mir den Kelch gegen den Kopf geknallt hast!", entrüstete sich Corey aufgrund dieser Anschuldigung.

Corey fing an Diana zu umrunden.

"Weißt du, es ist mir egal ob du sauer bist weil Professor Snape dich mehr bestraft hat oder ob du was gegen mich hast. Das ist dein Problem. Aber es stört mich dass du auf meine Mom losgehst und in der Schule Lügen über sie verbreitest! Was auch immer sie von Professor Snape will oder was die beiden zusammen machen, es geht dich einen feuchten Kehricht an! Und was ist mit Professor Snape? Hast du auch mal daran gedacht das du ihm schadest mit den Gerüchten? In Zaubertränke gibt er dir die besten Noten und hebt immer wieder hervor wie gut du deine Tränke zubereitest und dass wir anderen uns ein Beispiel an dir nehmen sollten. Und du erzählst solche Sachen über ihn! Schämst du dich da nicht mal ein bisschen?!"

Diana senkte während Coreys Ansprache den Kopf und wurde mit jedem Wort immer röter im Gesicht. Die Sache hier war ihr langsam sehr unangenehm.

Aber Corey legte nach. "Vielleicht hast du auch gar nicht nachgedacht und wolltest nur, dass alle mal eine Zeit lang damit aufhören sich über deine Todesser-Eltern das Maul zu zerreißen. Eigentlich ist es mir egal warum du so einen Bockmist rumerzählst. Ich weiß nicht was ich dir getan habe!"

Wütend versetzte Diana Corey einen Schubs.
"Du gehst mir auf die Nerven! Das ist los! Sprich vor allem nicht so über meine Eltern! Als die magische Welt im Krieg war hast du dich wahrscheinlich seelenruhig von deiner Muggelmutter abends in den Schlaf singen lassen. Also hör auf so zu reden! Du hast nämlich keine Ahnung Loker!"

Wütend forderte sie von Lorena ihren Zauberstab zurück und verließ ohne ein weiteres Wort die Mädchentoilette.

Corey fühlte sich eigenartig. Das lief anders als er sich das gedacht hatte. Irgendwie tat ihm Diana Malfoy plötzlich ein bisschen leid.

***

Unschlüssig ging Andie in ihrem Wohnzimmer auf und ab. Es sind über zwei Wochen vergangen, als sie Severus den Brief geschickt hatte, in dem sie um Bedenkzeit bat. Natürlich hatte sie auch Severus´ Antwortbrief erhalten. Seitdem dachte sie nach. Gewiss hatte Severus Recht mit dem was er schrieb. Aber Andie hatte dabei auch immer ihren Sohn im Hinterkopf.

Sie fragte ihn sogar in einem Brief, was er davon hielt dass sie mit seinem Professor ausging. Doch Corey schrieb ihr, dass er das inzwischen gar nicht mehr so schlimm fand. Außerhalb des Unterrichts war Professor Snape erträglich und außerdem fand er es gut, dass seine Mutter sich mit einem Zauberer traf. Aber so richtig kannte er seinen Hauslehrer ja auch noch nicht. Schließlich war er erst einen Monat in Hogwarts.

Sollte Severus Recht haben und Andie hatte nur Angst? Eigentlich kannte die junge Mutter die Antwort auf die Frage. Schwer atmend blieb sie vor ihrem Kamin stehen. Sie wusste, es war genug Zeit vergangen. Sie musste mit Severus reden, jetzt, kurz vor 21 Uhr, an einem Donnerstag.
Sie warf etwas Flohpulver aus der Box, die Severus ihr geschenkt hatte, in das Feuer und trat ein wenig unsicher in die grünen Flammen.
Andie atmete tief ein und sagte laut und deutlich: "Hogwarts, Professor Snapes Räume!"

Ruckartig wurde sie in einen Strudel gerissen. Ängstlich kniff sie die Augen zu. Sie hatte sich noch nicht so richtig ans Flohen gewöhnt, es war schwindelerregend. Plötzlich schlug sie hart auf, stolperte nach vorne und landete mit dem Gesicht auf einem kalten Steinfußboden. Als sie ihren Kopf hob starrten ihr zwei tote Augen einer Wasserschlangen-ähnlichen Gestalt, welche in einer grünlich-trüben Flüssigkeit eingelegt war, entgegen. Erschrocken schrie Andie auf und sah sich angsterfüllt um. Sie war in einem dunklen Raum, der von wenigen Kerzen an den Wänden erleuchtet wurde. Überall standen Flaschen und andere Gefäße, in denen die abenteuerlichsten Dinge und Tiere eingelegt waren. In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch, auf dem sich Pergamentstapel, Schreibfeder und eine Schale mit Gummischnecken befanden. Hinter dem Tisch stand ein großes Bücherregal. Jedoch befanden sich noch mehrere Bücher gestapelt auf dem Boden neben dem Schreibtisch. In einer Ecke befand sich ein großer Schrank.
Wo war sie denn hier gelandet?

Severus Snape war an diesem Donnerstagabend in seinem privaten kleinen Tränkelabor. Konzentriert rührte er das Gebräu im Kessel um. Plötzlich vernahm er einen klingelnden Ton. Es war das Zeichen dafür, dass jemand in sein Büro gefloht war. Genervt legte er den Rührstab beiseite und verließ hastig das Labor. Wer würde denn um diese Zeit noch zu ihm gefloht kommen? Eigentlich fiel ihm da nur ein gewisser Jemand ein. Innerlich bereitete er sich darauf vor Lucius eine Standpauke zu halten. Er ging etwas weiter den Gang hinauf und betrat sein Büro.

In dem Moment wo Severus die Bürotür schloss, huschte eine zerknirscht dreinblickende Diana Malfoy daran vorbei. Schnell begab sie sich weiter nach unten in die Kerkerräume und betrat wenig später den Slytherin-Gemeinschaftsraum um gleich in ihren Schlafraum zu huschen. Mit einem Foto ihrer Eltern im Arm zog sich das Mädchen die Decke über den Kopf. Sie wollte heute niemanden mehr sehen.

Severus staunte währenddessen nicht schlecht, als er sah wer da in sein Büro gefloht war.
"Andie was machst du hier? Es ist 21 Uhr abends!"

Bedröppelt schaute Andie zu Severus und klopfte sich peinlich berührt etwas Asche von der Jeans.
"Ich wollte dich sehen und endlich mit dir sprechen. Sag mal, gehört das hier zu deinen Räumen?"

Severus zog überrascht eine Augenbraue nach oben.
"Das ist mein Büro. Um in meine Privaträume zu flohen brauchst du ein Passwort.", antwortete er ungläubig. Wollte diese Frau etwa ohne Ankündigung direkt in seine Räume flohen? Das gehörte sich aber nicht. Der Tränkemeister legte großen Wert auf seine Privatsphäre.
Ihm fiel ein das er wieder zurück zum Trank musste oder die Arbeit der letzten Stunden wäre für die Katz. Entschlossen packte er Andie am Oberarm und zog sie kurzerhand mit zurück in sein privates, kleines Zaubertränkelabor.

Just als die beiden hinter der Tür zum Labor verschwunden waren, schlenderten Etienne, bepackt mit drei schweren Bibliotheksbüchern und Corey den Gang entlang. Es war 21 Uhr und sie mussten zurück in den Gemeinschaftsraum wenn sie keinen Ärger bekommen wollten. Von Ärger hatte Corey erst einmal die Nase voll. Doch Dianas Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Fragend sah er seinen Kumpel an. "Du Etienne, kannst du mir vom Krieg erzählen? Ich mein, ich hab was darüber gelesen und so... Aber ich würde trotzdem eher was von jemandem hören wollen der das miterlebt hat."

"Wieso willst du das denn? Sei doch froh das du Voldemorts Zeit nur aus den Büchern kennst.", erwiderte der reinblütige Junge. Er fand Coreys Bitte eigenartig. Er selbst war damals ein kleines Kind und hätte alles darum gegeben um nicht das mitbekommen zu haben, was er mitgekriegt hatte.

Corey seufzte. "Naja, sagen wir mal so. Malfoy hatte vorhin Recht. Ich habe keine Ahnung davon. Sie ist ja nicht die einzige die betroffen ist. Ich will es nur besser verstehen."

Etienne erwiderte die Aussage mit einem gequälten Lächeln. "Klar Kumpel, wenn du willst, dann erzähl ich dir was darüber."

Nachdem die beiden Jungs im Slytherin-Gemeinschaftsraum ankamen, gingen sie gleich in ihren Schlafsaal. Sie würden heute nicht pünktlich zu Bett gehen, sondern noch lange, bis in die Nacht hinein reden und sich über eine bestimmte Zeit, die vor zwei Jahren so blutig endete, unterhalten.

***

Als Severus mit Andie das Labor betrat, lief er wieder zum Kessel, in dem der Trank munter vor sich hin köchelte. Er überprüfte die Temperatur, atmete erleichtert auf und gab dann ohne weitere Umschweife den fein gehackten Eisenhut dazu.

Andie sah sich währenddessen um. Sie fasste sich an den Arm, den Severus eben doch etwas grob angefasst hatte. Auch in diesem Raum standen Behältnisse mit den unterschiedlichsten Sachen. Bei einigen verzog Andie angewidert das Gesicht. Sie erkannte natürlich um was es sich bei dieser Räumlichkeit handelte, jedoch hatte sie sich die Zaubertrankbrauerei nicht so eklig vorgestellt. Allein der Gedanke man müsste die eingelegten Kakerlaken oder die Gedärme anfassen um sie in einen Trank zu geben, verursachte bei Andie Gänsehaut.

Sie beobachtete nun auch Severus bei seiner Arbeit. Wie gewissenhaft er die zerkleinerte, violette Pflanze in den Kessel tat und wie bedacht er dann das Gebräu umrührte. Andie trat näher heran und stand Severus nun direkt gegenüber. Ungläubig blickte sie in den Kessel, in welchem eine dampfende, blassgelbe Flüssigkeit war, dann zu Severus. Dieser schaute mit seinen schwarzen Augen auf den Trank. Dann hob er den Blick, um ihn kurz danach wieder zu senken. Mit ruhiger Hand tröpfelte er anschließend eine rote Flüssigkeit in den Kessel.

Andie wurde neugierig. Interessiert lächelte sie den Tränkemeister an.
"Was wird das für ein Trank?"

"Wolfsbanntrank": erwiderte Severus knapp. Anscheinend musste er sich gerade doch ein wenig konzentrieren.

"Aha ... und wenn man dem einen Wolf zu trinken gibt, dann ist er verbannt oder wie?"

Severus lachte laut auf. Die inzwischen leere Pipette legte er zur Seite.
Andie sah ihn verständnislos an. Ihre Wangen röteten sich etwas. Sie wusste ihre Aussage eben war dumm. Aber er musste sich ja nicht darüber so kaputt lachen! Schließlich war sie das erste Mal in ihrem Leben in einem Zaubertränkelabor.
Severus musste sich bei ihrem Anblick weiter das Lachen verkneifen.
Endlich erklärte er: "Nein, der ist für Remus, also Professor Lupin. Ich hab dir doch erzählt das er ein Werwolf ist."

"Ah! Und wenn er den trinkt dann verwandelt er sich nicht? Das ist ja cool! Sowas brauchen die auch bei Supernatural!"

Severus war irritiert, erläuterte aber dann weiter: "Leider nicht. Er verwandelt sich immer noch bei Vollmond, aber er behält sein menschliches Bewusstsein. Er kann sich dann zurückziehen und ruhig abwarten bis die Nacht vorbei ist, ohne zur blutrünstigen Bestie zu mutieren."

Andies Begeisterung war ungebrochen.
"Na das ist doch auch schon mal was!"

Erneut schaute Severus auf den Trank. Er war inzwischen orange.
"Das muss jetzt durchziehen."
Zufrieden setzte er einen Deckel auf den Kessel, drosselte die Flamme etwas und sein unergründlicher Blick ruhte auf der Frau vor ihm. Er hoffte sehr dass sie mit einer positiven Entscheidung zu ihm gekommen war.

Eine Weile herrschte Stille in dem kleinen Labor. Sie schauten sich eine Zeit lang nur an. Es gab so viel was sie zu bereden hatten. Doch irgendwie fand keiner so richtig den Anfang.

Andie wendete die Augen ab und schaute sich erneut um.
"Tja und das ist also dein Labor? Sieht etwas gruselig aus mit den ganzen Sachen."
Unsicher lächelte sie Severus an.

"Sie sind aber notwendig, auch wenn sie nicht besonders appetitlich sind. Ich stell hier Zaubertränke her, die Lucius dann an die Händler weiterverkauft. Wir sind sozusagen nicht nur Freunde, sondern auch Geschäftspartner. Es ist ein kleiner Nebenverdienst. Außerdem braucht Poppy ebenfalls immer Heiltränke auf der Krankenstation. Nun ja und da macht sich ein kleines, privates Labor schon ganz gut."
Severus sah, dass sie sich doch etwas unwohl fühlte. Er bat sie deshalb durch eine weitere Tür, die direkt in seine privaten Räume führte.

Sie betraten das dunkle Zimmer, in dem ein Kamin, ein Sessel und eine Couch aus dunklem Leder, der Sekretär und jede Menge hoher Bücherregale standen.
Auch hier sah sich Andie interessiert um. "Wow, das ist gemütlich! Etwas düster, aber gemütlich."

Severus stand an der geschlossenen Tür und schaute sie immer noch unbewegt an, als er ruhig sagte: "Du bist doch nicht hergekommen nur um meine Räume zu besichtigen, nachdem du dich fast drei Wochen nicht gemeldet hast."

Betreten blickte Andie zu ihm. Sie stand hinter der Ledercouch, mit einer Hand stützte sie sich auf der Lehne ab, als ob sie Halt brauchte für das Folgende.

"Ich habe nachgedacht, sehr ausführlich. Ich bin zur Arbeit gegangen, habe Nachbarn und Freunde getroffen, Briefe an Corey geschrieben ... überall wo ich hingegangen bin oder was auch immer ich gemacht habe, da warst auch immer du."
Unsicher schaute sie nach dem Geständnis in seine Richtung.

In seinem Gesicht spiegelten sich Ärger und ... Erleichterung?
"Du lässt mich fast drei Wochen schmoren, kreuzt dann hier einfach so auf und glaubst, wir können einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben?!"
Mit jedem Wort ging Severus ein Stück auf Andie zu.

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, wurde flehend.
"Es ist mir klar dass wir nicht einfach da weitermachen können wo ... Ich wollte einfach nur das wir es weiter versuchen, ausgehen, uns kennenlernen und ... ich habe auch mit Corey geschrieben und mit den Finnigans gesprochen. Du hattest Recht, ich war ängstlich. Entschuldige. Dich so lange warten zu lassen war gemein. Ich wollte nur sicher sein."

Severus stand nun direkt vor ihr. Seine schwarzen Augen durchbohrten sie regelrecht.
"Womit wolltest du dir sicher sein?"

Hilflos stand sie vor ihm.
"Das ich ...", sie konnte es nicht sagen. Noch nicht.
Stattdessen umarmte sie fest seinen Oberkörper und schmiegte ihr Gesicht an seine Brust.

Severus´ Augen weiteten sich, doch er verstand. Sanft legte er seine Arme nun auch um Andie, nahm den Duft ihrer Haare wahr, den er so vermisst hatte. Sie hatte er vermisst. Erleichtert atmete er aus und legte sein Kinn auf ihrem Kopf ab und schloss beruhigt seine Augen.

Minuten später lösten sie sich voneinander, seine Hände verblieben auf ihren Oberarmen.
Eindringlich schaute Severus sie an. "Heißt das du kommst mit zu den Malfoys, zur Feier meines Patensohnes?"
Süffisant zog er eine Augenbraue nach oben und legte ein charmantes Grinsen auf.

Andie musste lachen. "Ja, das heißt es!"