Am Samstagnachmittag fand ich mich mit einigen Schülern in der Großen Halle ein, in deren Mitte ein einzelner langer Tisch stand, auf den der Mondzyklus gemalt war. Lockhart hatte einen Duellier-Club gegründet, den ich mir sehr gerne ansehen würde.
„Willkommen, meine lieben jungen Hexen und Zauberer!", begann er, auf dem Tisch stehend, „Ich habe diesen Duellier-Club aufgrund der momentanen Vorfälle ins Leben gerufen, um Ihnen die Grundlagen des magischen Duells näher zu bringen. Dankenswerterweise hat sich Professor Snape bereit erklärt, mein Assistent zu werden."
Nun trat Severus auf dem anderen Ende des Tisches in Erscheinung. Wie zum Teufel hatte Lockhart ihn dazu bekommen, seinen Assistenten zu spielen? Soweit ich wusste, war Severus Snape niemals irgendjemandes Assistent. Aber da sah ich den leicht mörderischen Ausdruck in Severus' Augen.
„Nun, keine Sorge", erklärte Lockhart lächelnd, „eurem Zaubertränkelehrer wird kein Haar gekrümmt."
Dann zog er seinen Umhang aus und warf ihn in eine Gruppe Schülerinnen, die sofort in Begeisterung ausbrachen. Ich verdrehte die Augen. Wie konnte man nur einen so selbstverliebten Gockel wie Lockhart so anhimmeln?
Nun stellten sich die beiden einander gegenüber und zückten ihre Zauberstäbe. Die Regeln schrieben es vor, dass die Duellanten sich vor einander verbeugten und das taten die beiden auch. Lockhart zählte bis drei und sein letztes Wort hallte noch durch den Raum, da schwang Severus in einer zackigen, aber eleganten Bewegung den Zauberstab und rief: „Expelliarmus!".
Überrascht von dem schnellen Angriff flog Lockhart einige Meter zurück und landete schmerzhaft auf der Tischplatte. Einige Schülerinnen zeigten sich übermäßig erschrocken oder besorgt. Severus sah kurz zu mir und zeigte ein leichtes, triumphierendes Lächeln, woraufhin ich ihm einen missbilligenden Blick zuwarf. Männer!
Gilderoy rappelte sich wieder auf, strich seine Gewänder glatt und sagte lächelnd: „Es war offensichtlich, was er versuchen würde. Ich wollte es nicht verhindern, … zur … Demonstration."
Severus erwiderte kalt: „Vielleicht wäre es nützlich, den Schülern zuerst das Abblocken beizubringen."
„Das ist ein vorzüglicher Vorschlag. Freiwillige?", fragte Lockhart und sah in die Menge der Schüler. „Potter?"
Harry nickte und kletterte auf den Tisch. Warum musste es immer er sein? Konnte man den armen Jungen nicht ein Mal in Ruhe lassen? Aber merkwürdigerweise schien Harry glücklich darüber zu sein, dass er es ausprobieren durfte.
Severus stieg vom Tisch herunter und bedeutete Draco Malfoy, gegen Harry anzutreten. Lockhart sagte: „Aber bitte nur entwaffnen!"
Die beiden Jungen verbeugten sich widerwillig voreinander und im nächsten Moment schleuderte Malfoy Harry auch schon durch den Raum. Ich schlug die Hände vors Gesicht, aber Harry stand, anscheinend unversehrt, wieder auf und schleuderte seinerseits Malfoy durch den Raum.
Der blonde Junge wurde wütend und rief: „Serpensortia!", woraufhin eine große Schlange aus der Spitze seines Zauberstabes schoss und vor Harry landete. Ich keuchte auf und zog meinen Zauberstab, während die Schlange auf einen Schüler im Publikum zu kroch, den ich als Justin Finch-Fletchley erkannte. Harry ging auf die Schlange zu und begann, zischende Laute von sich zu geben, als spräche er mit der Schlange. Harry war ein … Parselmund?! Warum hatte er mir das nie gesagt? Merkwürdigerweise klang es fast so, als hetze Harry die Schlange auf. Doch bevor sie näher an Finch-Fletchley heran kriechen konnte, verbrannte Severus sie mit einem Zauber.
Am Abend verspürte ich das starke Bedürfnis, bei Severus zu sein. Wie eigentlich immer. Wenn er nicht da war, fühlte es sich an, als würde ein Teil von mir fehlen. Erst wenn ich mit ihm zusammen war, fühlt ich mich … komplett. Es war auch ein Bedürfnis, ihn zu berühren. Seine Lippen auf meinen zu spüren, seinen Körper an meinem...
Nach dem Abendessen machte ich mich also auf den Weg zu ihm. Ich war vorsichtig, schlich durch die Gänge, da ich nicht wollte, dass mich jemand sah und mit Severus in Verbindung brachte. Ich schämte mich nicht für ihn, aber er zeigte, dass er vor den Schülern nicht zu … vertraut mit mir umgehen wollte. Vielleicht sollten wir darüber sprechen. Über die Geheimhaltung unserer … Beziehung? Was war das zwischen uns eigentlich? Darüber sollten wir vielleicht auch reden.
Ich klopfte, als ich vor seinen Privatgemächern ankam. Und wartete. Keine Reaktion. Ich klopfte noch einmal, lauter nun. Nichts. War er nicht da? Wo sollte er schon sein? In seinem Büro? Einen Versuch war es wert.
„Herein!", hörte ich ihn genervt grummeln.
Ich öffnete die Tür und trat ein. Severus saß an seinem Schreibtisch über einen Stapel Pergament gebeugt und schaute nicht einmal auf, um zu sehen, wer ihn da störte. Vermutlich ging er davon aus, dass es ein Schüler war. Langsam ging ich zu dem Schreibtisch und beugte mich darüber, mich mit den Händen an der Kante abstützend. Natürlich hatte ich dabei einen Plan.
Severus sah endlich auf und sein Blick fiel natürlich sofort auf mein Dekolleté, das einen tiefen Einblick ermöglichte. Seine Augen weiteten sich, aber dann sah er schnell hoch, um zu sehen, wer da vor ihm stand. Ich hatte mein schiefes Lächeln aufgelegt und sah ihm in die Augen.
„Enya!", sagte er erleichtert, „Ich hatte nicht mit dir gerechnet."
„Überraschung!", erwiderte ich sarkastisch, „Ich wollte dich sehen."
Ich stand auf, ging langsam um den Tisch herum und setzte mich neben ihm darauf.
„Ich hasse es, wenn man auf dem Tisch sitzt.", grollte er.
„Ich weiß.", antwortete ich, grinste und bewegte mich keinen Zentimeter.
Severus arbeitete weiter und ich sah ihm dabei zu, bis ich schließlich die Stille durchbrach. „Ich denke, wir sollten reden."
„Es reicht mir eigentlich, wenn du redest."
„Severus, ich meine das ernst!"
„Ich auch.", antwortete er und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.
Nun änderte ich meine Taktik und begann, mit den Fingern durch sein Haar zu fahren und federleichte Küsse darauf, auf seinen Hals und seine Wange zu hauchen.
„Enya...", knurrte er, „So kann ich mich nicht konzentrieren."
„Das ist der Plan."
Er seufzte und legte die Feder weg. „Na gut, worüber willst du sprechen?"
„Zuerst müssen wir klären, was das hier zwischen uns eigentlich ist. Eine Affäre oder eine Beziehung?"
Severus dachte eine Weile nach. „Affäre klingt nach einer rein körperlichen Beziehung, für die Liebe nicht notwendig ist. Eine Beziehung hingegen ist etwas Festes, eine richtige Bindung an den Partner."
„Ja. Und?"
„Ich würde das hier nicht als Affäre bezeichnen. Das trifft es nicht annähernd. Aber eine Beziehung... Enya, ich wünschte, ich könnte sagen: 'Ja, lass uns eine Beziehung beginnen!', aber das kann ich nicht. Ich hatte nie so etwas wie eine Beziehung. Das mit Lily war Liebe, aber sie wollte nie … mit mir zusammen sein. Nach Lily gibt es nur noch dich."
„Gut, dann wird es langsam Zeit, dass du deine erste Beziehung eingehst."
Severus schüttelte resigniert den Kopf. „Das würde ich wirklich gerne, aber … es geht nicht, Enya."
„Was? Warum nicht?"
„Verstehe mich bitte nicht falsch. Ich liebe dich. Wirklich. Aber ich … bin einfach nicht für so etwas geeignet. Ich bin niemand, mit dem du am Wochenende romantische Picknicks im Park machen kannst, oder mit dem du sesshaft werden kannst."
„Severus, das weiß ich doch. Und es ist mir egal!"
„Du verstehst das nicht. Ich war mal ein Todesser. Ich bin gefährlich. Mit mir zusammen zu sein, ist gefährlich. Ich kann nicht zulassen, dass du wegen mir in Gefahr gerätst."
„Was redest du denn da? Du bist kein Todesser mehr, das ist vorbei. Du kannst ein neues Leben beginnen. Mit mir."
„So einfach ist das nicht." Er wich mir eindeutig aus!
„Verschweigst du mir etwas?"
Severus wandte sich von mir ab. „Enya, aus uns beiden wird nichts. Die Gefühle sind da, aber … es geht nicht. Diese Nacht … war eine einmalige Sache. Es wird nicht wieder passieren. Ich bin schwach geworden, das ist alles. Und niemand darf es erfahren."
Tränen stiegen mir in die Augen. Nicht schon wieder...
„Nein, Severus. Du lügst! Es war mehr. Viel mehr. Du kannst mich nicht einfach wieder von dir stoßen! Das halte ich nicht noch einmal aus!"
„Enya, hör auf! Akzeptiere es, wie es ist, und geh."
Inzwischen liefen mir die Tränen die Wangen herunter. „Das meinst du nicht ernst, Severus."
„Doch, das meine ich ernst. Geh jetzt, Enya.", sagte er, nahm die Feder wieder auf und schrieb weiter.
Langsam rutschte ich von seinem Schreibtisch herunter und verließ zitternd sein Büro. Auf dem Weg in meine Räume hielt ich den Kopf gesenkt, damit niemand meine Tränen sah und warf mich, dort angekommen, weinend auf mein Bett, wie ein Teenager bei seinem ersten Liebeskummer.
Das Zittern seiner Hände verriet Severus Snapes innere Erschütterung. Seine Schrift unter Finnigans Aufsatz wurde krakelig und unleserlich, also legte er die Feder beiseite und stütze seinen Kopf in seine Hände.
Was habe ich getan?
Er hatte Enya wieder von sich gestoßen. Die Frau, die er so sehr liebte. Mehr noch als er Lily jemals geliebt hatte. Aber es ging nicht. Von dem zweiten Teil seiner Vereinbarung mit Dumbledore hatte er ihr nicht erzählt. Sollte der Dunkle Lord zurückkehren, hatte Severus sich verpflichtet, ihn für Dumbledore auszuspähen. Er würde also vor dem Dunklen Lord noch den treu ergebenen Todesser spielen müssen. Wenn der Dunkle Lord von der Liaison mit Enya erfahren sollte, würde er sie sicherlich entführen und als Sicherheit für Severus' Loyalität benutzen.
Das konnte er nicht zulassen. Er konnte die Frau, die er liebte, nicht in Gefahr bringen. So war es besser. Am besten wäre noch, wenn sie ihn hasste, denn dann würde niemand die beiden in Verbindung bringen. Vielleicht würde sie sogar mit der Zeit aufhören, ihn zu lieben.
Trotzdem tat es weh. Sehr sogar. Er war wieder allein.
