Disclaimer:
Na ja Leute, ich bleibe standhaft dabei: Nichts gehört mir, bis auf die Idee zu dieser Story... Aber das ist ja auch schon was...
Langsam öffnete sich die Tür und Sanae wich einen Schritt zurück. Das, was sie da sah, erschütterte sie bis ins Mark und sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, geschweige denn, was sie sagen sollte. Sanae stand einfach nur da und starrte.
„Sanae?"
Ungläubig sah er zu ihr hinunter, zu der kleinen, zerbrechlichen Frau, die da auf seiner Schwelle stand. Das Leben konnte schon manchmal verdammt grausam sein, wenn es nur wirklich wollte. Und anscheinend hatte er dem Schicksal irgendwann einmal ziemlich ins Handwerk gepfuscht, damit er solch eine Strafe verdient hatte.
„Kalle?"
Der Mann vor ihr konnte nicht Karl-Heinz Schneider sein, der große Fußballkaiser und Frauenheld des SV Werder Bremens, das war unmöglich, so würde er sich niemals gehen lassen. In so kurzer Zeit. Sein Atem roch nach Alkohol, seine sonst so gepflegten Haare schienen verwuschelt und ungekämmt. Womöglich sogar ein wenig strähnig. Seine Augen waren rot, blutunterlaufen und verquollen, Sanae glaubte sogar dunkle Ringe unter ihnen erkennen zu können, die vorher bestimmt noch nicht da gewesen waren. Wo war der Mensch hin, mit dem sie noch vor weniger als zwei Stunden am Flughafen gestanden hatte? Der mit ihr seine freunde aus aller Herren Länder verabschiedet hatte. Was war innerhalb dieser vergleichsweise kurzen Zeit mit ihm geschehen?
„Du siehst aus als hätte dich ein Zug überfahren, Schneider. Ist irgendetwas passiert? Kann ich dir irgendwie helfen?"
Ohne auf eine Antwort zu warten, schob Sanae sich an ihm vorbei durch die Tür in sein Haus. Sobald es um ihre Freunde ging, war Sanae sehr energisch und ließ sich nicht aufhalten: Sie ertrug es nicht einen Menschen, der ihrem Herz so nahe war, leiden zu sehen. Und es war offensichtlich, dass Schneider litt. Erst jetzt fiel Sanae auf, dass sie bisher noch nie bei Schneider zu Hause gewesen war und gar nicht wusste, wo sie hingehen musste, damit sie sich hinsetzen und in Ruhe reden konnten. Reden half eigentlich immer, denn erst wenn man etwas mit einem Freund eingehend besprochen hatte, sah man eine Situation auch in einem anderen Licht. Eine Angelegenheit hatte immer mehrere Seiten, die es zu beleuchten galt und wer konnte bei so einem Unterfangen besser helfen als ein guter, aber unbeteiligter Freund?
Irgendetwas beschäftigte ihren Freund und auch wenn sie zu ihm gefahren war um sich selbst Rat und Verständnis zu holen, so konnte sie ihn jetzt nicht einfach so damit überraschen. Das wäre nicht fair und freundschaftlich gewesen. Er brauchte augenscheinlich gerade dringender einen guten Freund und einen vernünftigen Rat als sie. Dies hier war Sanaes Chance Schneider zu zeigen, wie sehr sie ihn mochte und wie groß ihr Respekt vor ihm war. Sie konnte die Freundschaftsdienste, die er ihr in ihrer Zeit in Deutschland bereits erwiesen hatte, endlich auf eine andere Art und Weise erwidern.
„Was willst du hier Sanae?"
Sein Ton war abweisend, ja fast schon unfreundlich und Sanae fragte sich, was innerhalb so kurzer Zeit geschehen sein mochte, dass Karl-Heinz sich ihr so gegenüber verhielt. Etwas schlimmes musste es sicherlich gewesen sein. Die Frage war nur, was.
Schneider war ihr durchs halbe Haus gefolgt, bis sie schließlich das Wohnzimmer gefunden hatte und sich ein wenig erschöpft auf eines der Sofas sinken ließ. Dieses Gespräch, dessen war Sanae sich mittlerweile sehr sicher, würde nicht einfach werden. Schneider hatte sich in sein Schneckenhaus zurück gezogen und hatte vermutlich keine Absicht sobald daraus zurück zu kehren. Also musste sie wohl oder übel etwas nachhelfen. Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm, dass er sich besser auch setzen sollte, da sie keine Absicht hatte ihn so leicht davon kommen zu lassen. Ihr eigenes Gefühlschaos versuchte sie in diesem Moment aus ihren Gedanken und aus ihrem Gesichtsausdruck zu verbannen. Er musste ja nicht bemerken, dass es auch ihr in diesem Augenblick nicht besonders gut ging. Denn genau das waren wirklich gute Freunde, die ihre eigenen tränen hinunter zu schlucken vermochten um für andere zu lachen. Das war für Sanae etwas, was Stärke und Freundschaft ausmachte und beides schien hier genau richtig.
„Was ich hier will, Kalle? Ich denke, dass ist offensichtlich. Es geht dir beschissen und ich bin hier um dir zu helfen. So wie du mir geholfen hast, als die Sache mit Genzo mir über den Kopf gewachsen ist. Ich will dir einfach nur eine starke Schulter zum anlehnen und festhalten geben. Kurz und gut: Ich will dir helfen und für dich da sein, so wie Freunde das untereinander tun."
„Und das soll ich dir glauben Sanae? Bevor du hier aufgetaucht bist wusstest du nicht, wie es mir geht. Du bist hier her gekommen, weil du selbst einen Zufluchtsort brauchtest. Eine Schulter, an der du dich festklammern kannst, weil du das Gefühl hast, das alles um dich herum in Scherben bricht und du selbst ganz tief fällst. Du wolltest weg von all den anderen. Einen kleinen Augenblick der Ruhe und des Friedens. Und du wolltest von mir wissen, wie es weitergehen soll, weil du verzweifelt bist und nicht weißt, was du tun sollst, ist es nicht so?"
Überrascht sah Sanae zu Schneider, der sich mittlerweile in einen der Sessel hatte fallen lassen. Sein Gesicht war düster und sein Blick zynisch. Er wirkte bitter, auch wenn Sanae sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was ihn so bitter machte. Natürlich hatte er in gewisser Weise Recht, aber traf es ihn denn so hart, dass sie zu ihm gekommen war um sich einen Rat zu holen? Sonst hatte er ihr doch immer gern und in allen Lebenslagen geholfen, in den vergangenen Wochen hatte Schneider es zwar nicht vermocht Jun zu ersetzen, aber er hatte sich seinen ganz eigenen Platz geschaffen. Was jetzt mit ihm los war verstand Sanae nicht. Anscheinend hatte er beschlossen es ihr schwer zu machen. Aber bitte, Sanae wollte nicht aufgeben.
„Nein, ich war mir noch nicht einmal bewusst, was ich überhaupt mache, bis ich auf einmal vor deiner Tür stand und die Klingel gedrückt habe. Ich bin einfach so durch die Gegend gefahren um einen klaren Kopf zu bekommen und in Ruhe nachdenken zu können. Manchmal muss man einfach weg von allem, was einen einengt und bedrückt. Damit man die richtigen Entscheidungen trifft, wenn es darauf ankommt. Damit man diese Entscheidungen später einmal nicht bereut."
„Und nun bist du hier und willst von mir hören, wann Tsubasa wohl endlich aufwachen wird. Richtig? Du willst, dass ich dir sage, was die richtige Entscheidung ist. Du willst von mir hören, dass Tsubasa dir diesmal nicht weh tun wird und dass jetzt die Zeit für euer eigenes Märchen gekommen ist, stimmt's?"
Überrascht starrte Sanae Schneider an. In seiner Stimme lag Hohn, aber auch etwas anderes, was Sanae nicht so ganz identifizieren konnte. War es etwa Trauer oder gar Hoffnungslosigkeit? Sicherlich sah Schneider niedergeschlagen und kraftlos aus, so als hätte ihm jemand alle Lebensfreude und Hoffnung genommen. Es war ein herzzerreißender Anblick, dem Sanae nur schwerlich stand halten konnte. Resigniert seufzte sie.
„Bin ich so leicht zu durchschauen?"
„Nein, aber ich habe dich am Flughafen gesehen. Ich habe gesehen, wie er dich geküsst hat und ich habe gesehen, dass er dir einen Brief in die Tasche gesteckt hat. Wenn man dann noch weiß, wie sehr du ihn liebst, dass du bereit bist alles für ihn zu tun, alles aufzugeben, nur um in seiner Nähe zu sein, dann ist es vergleichsweise leicht eins und eins zusammen zu zählen."
Beschämt sah Sanae zu Boden. Augenscheinlich sie wirklich so leicht zu durchschauen. Hatte Tsubasa es etwa auch die ganze Zeit gesehen und gewusst? Hatte er es absichtlich ignoriert, oder hatte es ihn einfach nicht interessiert?
„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?"
In Sanaes Stimme schwang Verzweifelung mit, sicher, sie hatte sich erst um ihn kümmern wollen, aber jetzt, wo er so sorglos an ihrer Fassade gerüttelt hatte, hatte sie keine Chance mehr standhaft zu bleiben und ihre eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen. Da waren so viele Gefühle, die wie nach einem Dammbruch aus ihr heraussprudelten. Ja, Sanae gab zu, dass sie in diesem Moment egoistisch handelte, sie wusste, dass mit Karl-Heinz etwas nicht stimmte, das es ihm schlecht ging, und doch lud sie ihre ganze Last bei ihm ab ohne zu bemerken, dass sie ihm damit das Herz brach.
Schluchzend erzählte sie ihm von dem Kuss, den er bereits beobachtete hatte, schilderte ihre verwirrend intensiven Gefühle für Tsubasa, aber auch ihre tief sitzende Angst wieder nur enttäuscht und verletzt zu werden. Jedes Mal, wenn sie sich Hoffnungen gemacht hatte, waren sie wieder in sich zusammen gefallen. Einen weiteren Schlag ins Gesicht konnte sie nicht ertragen und das wussten sie beide.
Nachdenklich sah Schneider zu Sanae und sein Herz verkrampfte sich, als er das Häufchen elend auf seinem Sofa sah, das Tsubasa so zurückgelassen hatte. Es war nicht fair, das Leben war nicht fair, aber wer hatte auch schon behauptet, das Leben sei fair?
„Wie gern würde ich sie jetzt trösten, in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles gut wird, dass es keinen Grund für Tränen gibt. Aber sie würde es mir sowieso nicht glauben. Für sie ist alles, was zählt, Tsubasa. Dieser Kerl hat das größte Glück dieser Erde und bringt sie doch nur zum Weinen. Ach Sanae, er hat deine Tränen gar nicht verdient. Denn wenn er sie verdient hätte, würde er alles tun dich nicht zum Weinen zu bringen. Er sollte dich eher in den Arm nehmen und nie wieder gehen lassen. Das wäre deiner würdig.
Wie schön wäre es doch, wenn sie mich nur einmal so ansehen würde, wie sie Tsubasa ansieht. Nur einen einzigen Augenblick, einen einzigen Kuss. Einmal wissen, dass man so abgrundtief geliebt wird. Dafür würde ich alles geben. Man kann so vieles ändern, wenn man zu kämpfen bereit ist, aber nicht diese Ungerechtigkeit"
Abrupt hob Karl-Heinz seinen Kopf um seine melancholischen Gedanken beiseite zu drängen. Es war jetzt weder die Zeit noch der Ort Sanae etwas von seinen Gefühlen zu erzählen, wahrscheinlich würde dieser Ort und diese Zeit nie kommen, aber damit würde er leben müssen. Solange Tsubasa Sanae wirklich glücklich machte würde er es ertragen können, denn dann würde sie wieder so selig Lächeln wie ein Engel und er könnte dann das Lächeln mit in seine Träume nehmen, wo das Lächeln nicht Tsubasa, sondern ihm gehörte. Ja, Träume waren frei und Schneider wusste, dass seine der Frau auf dem Sofa gehören würden. Womöglich für den Rest seines Lebens.
Bevor Schneider Sanae seine Antwort geben konnte, hörte man von oben gedämpfte Geräusche. Sofort war Schneider auf den Beinen und stürmte die Treppe hoch. Perplex starrte Sanae ihm nach. Womöglich hatte sie Kalle gerade bei etwas wichtigem gestört und er hatte Besuch dort oben, der langsam ungeduldig wurde. Vielleicht sogar weiblichen Besuch und Sanae verspürte einen ungewohnten Schmerz bei dem Gedanken, dass Schneider dort oben vielleicht gerade eine Frau mit lieben Worten besänftigte. Aber warum sah er dann so fertig aus? Warum hatte er dann getrunken? Sein Atem hatte nicht nach Champagner gerochen, eher nach etwas härterem wie Whiskey. Normalerweise nicht unbedingt das Getränk, das man zusammen mit einer Frau einnahm.
Neugierig sah Sanae sich im Wohnzimmer um. Hier und da hingen Fotos an der Wand, die Sanae sich näher ansah. Auf den meisten war Schneider zu sehen, zusammen mit einem kleinen Mädchen, das ihm schon fast beängstigend ähnlich sah. Wahrscheinlich war es seine kleine Schwester. Dunkel erinnerte sich Sanae daran, sie bereits bei der U-16 Weltmeisterschaft in Frankreich zusammen mit Schneiders Eltern gesehen zu haben. Auf den Fotos strahlte sie ausnahmslos zu ihrem Bruder hin auf und Sanae konnte anhand der Bilder erahnen, wie sehr dieses kleine Mädchen seinen großen Bruder bewundern musste. Ihre Augen leuchteten und Schneiders Arm lag immer schützend um den zerbrechlich wirkenden Körper des Mädchens, was seine beschützende Art wieder spiegelte. Für Sanae waren diese Bilder der Ausdruck eine glücklichen Geschwisterpaares. Sie hatte sich selbst immer einen großen Bruder gewünscht, zu dem sie aufblicken und den sie bewundern könnte und der sie beschütz, weil er sie gern hat. Leider hatte sie keinen und bei den Bildern dieses familiären Glückes wurde sie fast neidisch. Karl-Heinz Schneider schien in seinem Leben alles zu haben, wonach ein Mensch sich sehnen konnte: Er hatte augenscheinlich liebevolle, besorgte Eltern, eine süße kleine Schwester, die ihn ebenfalls abgöttisch zu lieben schien und eine steile Karriere vor sich, die ihm bereits ein schönes Haus, ein tolles Auto und mehr Geld als er je ausgeben konnte, beschert hatte. Kritiker hoben ihn in den Himmel und er wurde von den Frauen dieser Welt angeschmachtet. Schneider musste sich keine Sorgen um irgendetwas machen, er spielte einfach nur ein wenig Fußball und wurde dafür von aller Welt geliebt. Er hatte den Respekt seiner Kollegen und die Loyalität seiner Fans. Was konnte einen Mann seines Kalibers schon traurig machen? Er musste doch glücklich sein und immer lachen, dem Herrn auf Knie danken, dass er ihm dieses unglaubliche Glück beschert hatte. Warum sah er dann aber trotzdem manchmal so aus, als wollte er am liebsten ganz weit weg sein, um in Ruhe weinen zu können?
„Gefallen dir die Fotos, Sanae?"
Erschrocken fuhr Sanae herum, als sie Schneider ganz dicht an ihrem Ohr hörte. Er war ihr so unheimlich nah, doch sie fühlte sich in keiner Weise bedroht. Seine Nähe war ihr angenehm und sie wollte nicht, dass er ging. Als er sich also abwendete griff sie nach seiner Hand.
„Was soll das, Sanae?"
Er war nicht mehr wütend auf sie, die Bitterkeit und der Zynismus waren verschwunden, in seinem Gesicht standen nur noch Müdigkeit und Trauer, er schien unheimlich erschöpft und sah viel älter aus als 22 Jahre.
„Ich weiß es nicht, Kalle, ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, dass ich dich gerade nicht gehen lassen möchte."
„Sag mir, dass ich bleiben soll und ich bleibe."
Einen kurzen Augenblick zögerte Sanae und fragte sich, was sie da eigentlich tat, warum sie es tat. Was war nur mit ihr los, aber das alles erschien ihr so unwirklich, fast wie ein Traum, aus dem sie so schnell nicht wieder aufwachen wollte. Alle Gedanken an Tsubasa, an den Kuss und an dem Brief, an die Entscheidungen, waren in diesem Moment vergessen.
„Bitte bleib, nimm mich in den Arm und lass mich nie wieder los. Lass mich alles andere um uns herum vergessen."
Karl-Heinz wusste nicht, was er antworten sollte, wusste nicht, was in diesem Augenblick mit ihm geschah. Sein Gehirn hatte den Dienst quittiert und alles schien wie über einen Autopiloten zu laufen, der seine Beine noch näher auf Sanae zu steuerte und seine Arme um sie legte. Es wirkte alles so surreal, irgendwie wie in einem seiner Träume.
Sanae spürte seine Hände auf ihrem Rücken und seinem Atem auf ihrer Haut. Es beruhigte sie und langsam ließen ihre verkrampften und angespannten Muskeln nach. Sie erwiderte seine Umarmung und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Die Erschöpfung schien von Sanae abzufallen und sie wünschten sich beide, dass dieser Moment niemals enden würde. Minutenlang standen sie so da, bis Sanae leise fragte:
„Was macht dich so traurig, Kalle? Du müsstest doch eigentlich glücklich sein, du hast eine wunderbare Familie, einen tollen Beruf und unglaubliche Freunde. Und trotzdem siehst du manchmal so unheimlich traurig und verloren aus. Warum?"
Hätte sie ihn eben auf dem Sofa danach gefragt, hätte sie nur eine schroffe Abfuhr bekommen und keine zufrieden stellende Antwort. Jetzt jedoch, in Schneiders Armen, war sie sich sicher die Wahrheit zu erfahren.
Karl-Heinz schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus. Er wollte sein Herz beruhigen, das wie wild in seinem Brustkorb schlug. Sanae kam ihm so gefährlich nahe, nicht nur körperlich, sondern vor allen Dingen seelisch. Er wollte sie nicht belügen, wollte sie nicht von sich stoßen, aber er war sich nicht sicher, ob er schon bereit war ihr alles anzuvertrauen. Die Wahrheit tat weh.
„Jeder glaubt, dass ich glücklich sein müsste. Selbst du, ich habe es eben an deinem Blick erkannt, als du auf die Fotos gesehen hast. Jeder glaubt, mich zu kennen, denkt verstehen zu können, was ich wirklich meine, mit meinen Worten und Gesten. Wenn wirklich nichts in meinem Leben fehlt, warum kommen dann des nachts, wenn ich alleine bin, die Tränen? Warum habe ich nicht das Gefühl wirklich glücklich zu sein? Jeder redet es mir ein, weil sie mich nicht kennen, weil sie nichts von meinem Leben wissen. Nichts von meiner eigenen kleinen Hölle. "
Schneider hatte sie losgelassen und in seinen Augen spiegelte sich etwas gehetztes wieder. Er wirkte wie ein kleiner, verlorener Junge und Sanae wünschte sich nichts sehnlicher, als ihn wieder in den Arm nehmen zu können um ihn zu trösten, um ihn sagen zu können, dass alles wieder gut werden würde. Eben noch war sie es gewesen, die seinen Trost und Zuspruch gebraucht hatte, jetzt war er es. So schnell hatten sich die Rollen getauscht. Und doch wusste sie, dass er jetzt seine Freiheit brauchte, wenn er ihr die Wahrheit sagen würde, brauchte er Raum dafür, sie sah ihm an, dass er es auf zu engem Raum nicht aushielt. Sanae hoffte wirklich inständig, dass er ihr die Wahrheit sagen würde.
„Wie sollen wir auch etwas davon wissen, Kalle? Du wehrst dich jeden tiefen Blick. Und jedem Wort, das dir zu nahe kommt, weichst du aus. Ich habe geredet, habe mich dir erzählt, ich vertraue dir. Doch du bleibst hochgeschlossen, nur ich zieh mich aus. Kalle, du weißt Dinge von mir, die ich niemals jemanden zuvor erzählt habe. Du hast mich in meinen schwächsten Augenblicken gesehen und warst für mich. Es hat dich nicht gestört. Du kennst mich von meiner besten und meiner schlimmsten Seite. Nur du gibst mir keine Chance dich genauso kennen zu lernen. Dich genauso kennen zu lernen und für dich da zu sein.
Deine wahren Farben schimmern durch Fassaden, die du um dich baust, gib sie endlich frei. Lass mich in dich, lass mich zu dir."
„Du bist bei mir."
„Nein, nicht wirklich. Physisch, ja, aber das kann jeder. Da muss man dich noch nicht einmal kennen. Ich aber will wirklich zu dir. Zu dem Karl-Heinz Schneider, den du sorgfältig hinter dicken Mauern versteckst. Will das Schloss an deiner Seele wegzaubern. Ich gäb so viel dafür."
Stille legte sich über den Raum und Sanae sah Schneider an, dass er krampfhaft darüber nachdachte, ob er ihr vertrauen konnte. Ob sein Herz so einfach offenbaren konnte. Sie verstand sein Zögern sehr gut, denn mittlerweile war sie sich nicht mehr so sicher, ob sein Leben wirklich immer so wunderschön war, wie alle anderen es sich vorstellten. Außerdem wusste sie, dass er schon einmal bitter verraten worden war, wahrscheinlich fürchtete er, dass sie irgendwann etwas ähnliches machen könnte.
„Ich werde deine Geheimnisse nicht verraten, Kalle."
Er hielt in seinem Schritt inne und sah sie erstaunt an, dann lächelte er. Augenscheinlich hatte er nicht einen Moment an ihrer Verschwiegenheit gezweifelt.
„Ich glaube dir, Sanae, ich habe nie daran gedacht, dass ich dir nicht vertrauen könnte. Wenn ich jemanden vertrauen kann, dann wohl dir. Die Frage ist eher, ob ich es alles erzählen kann."
„Versuch es einfach."
Wortlos nahm Schneider Sanaes Hand und ging mit ihr die Treppe hoch ins Obergeschoss. Dort blieb er vor einer Holztür stehen, die nur einen kleinen Spalt geöffnet war. Ein wenig Sonnenlicht drang durch den Spalt in den Flur und Sanae fragte sich, was sie hier oben sollte, wenn er ihr doch seine Geschichte erzählen wollte.
„Sei bitte leise, sie schläft wieder und ich möchte sie nicht aufwecken."
Noch bevor eine etwas verwirrte Sanae fragen konnte, wer da noch schlief und was sie hier oben machte, hatte Karl-Heinz auch schon die Tür geöffnet und war leise eingetreten. Sanae folgte leise und war im ersten Augenblick sprachlos und auch ein wenig entsetzt.
Das Zimmer war leuchtend gelb gestrichen und der blaue Fußboden hob sich deutlich von der knalligen Wandfarbe ab. Es schien ihr wie ein ganz normales Kinderzimmer, denn an den Wänden hingen verschiedene Poster und Bilder, in der Mitte des Zimmers stand jedoch ein großes Krankenbett, das den Eindruck sofort wieder zunichte machte. Überall waren Maschinen und Schläuche und in einem Schaukelstuhl neben dem Bett saß eine ältere Dame, die wie eine Krankenschwester gekleidet war und die wahrscheinlich den oder die Patientin betreute.
Vorsichtig und leise schlich Sanae sich etwas näher an das Bett heran, da sie durch die vielen Geräte und die dicke Decke nicht sehen konnte, wer dort lag und schlief, als sie die Person jedoch erkannt, fühlte sie förmlich ihr Herz stehen bleiben. Auf die vielen Kissen gebettet lag ein blasses, junges Mädchen mit blonden Haaren, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Mädchen auf den Fotos aufwies, nur dass das fröhliche Lächeln und die strahlenden Augen fehlte. Ihr Atme ging ruhig und regelmäßig und nur die Geräusche der Maschinen, das regelmäßige Piepen des Herzmonitors durchbrach die Stille des Raumes. Das Kind hier im Bett sah so zerbrechlich und klein aus, als würde man es mit der kleinsten Berührung bereits zerdrücken können. Die Krankenschwester hatte kurz bei ihrem eintritt aufgesehen und sich danach wieder ihrer Lektüre zugewendet. Augenscheinlich interessierte sie der Besuch nicht.
Schneiders Berührung riss Sanae aus einem Trance ähnlichen zustand. Er bedeutete ihr den Raum wieder zu verlassen und schweigend gingen die beiden zurück ins Wohnzimmer. Sanae war noch nicht bereit wieder irgendetwas zu sagen, weil sie den Anblick des kleinen Mädchens noch nicht verkraftet hatte. Wenn dies wirklich Schneiders kleine Schwester gewesen war, so konnte sie seine Trauer verstehen. Den Geräten nach zu urteilen schien es ihr nicht gut zu gehen. Gar nicht gut.
„Jetzt weißt du, warum ich nicht wirklich glücklich bin. Weil ich jeden Tag, wenn ich heim komme, daran erinnert werde, wie schlecht es den Menschen geht, die mir am meisten bedeuten."
In seiner Stimme schwang Wut mit, aber Sanae erkannte, dass sie sich eher gegen ihn selbst richtete, als gegen sie. Er war nicht wütend auf sie, er war wütend auf die Situation. Sicherlich auch wütend auf das, was geschehen war.
„Was ist passiert? Wie ist es passiert? Wer ist das da oben in dem Bett? Ist es etwa deine Schwester?"
Sanae machte eine kleine Geste zu den vielen Fotos, die im Raum verteilt waren.
Schneider nickte nur. Er hatte einen Klos im Hals. Es fiel ihm immer noch schwer über die Ereignisse jenen Tages zu reden, auch wenn schon über vier Jahre seit dieser verhängnisvollen Nacht geschehen waren.
„Ja, Sanae, das Mädchen, das du eben gesehen hast, ist meine kleine Schwester Marie. Mein kleiner, 16-jähriger Engel."
Überrascht sah Sanae ihm in die Augen. Sie hatte nicht erwartet, dass dieses Mädchen da oben schon so alt war. Sie sah noch so jung aus, so kindlich. Nicht wie ein Teenager, der nur darauf wartete gegen seine Eltern rebellieren zu können.
„Überraschend, nicht wahr? Ja, Marie hat sich seit dem Unfall vor vier Jahren nicht wirklich weiterentwickelt. Sie sieht immer noch aus wie ein zwölfjähriges Kind."
„Was war das für ein Unfall? Und warum ist sie hier und nicht bei deinen Eltern? Wieso musst du dich um sie kümmern?"
Ein müdes lächeln geisterte über sein Gesicht, doch so plötzlich wie es gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden und er wurde wieder ernst.
„Ich muss mich nicht um sie kümmern, Sanae, ich will es aber. Es war meine Entscheidung. Das ist ein großer Unterschied. Nach dem Unfall habe sie mir alle gesagt, ich müsste Marie in ein Heim geben, wo sie die entsprechende Pflege erhalten würde, bis zu ihrem Ende. Aber das wollte ich nicht. Das will ich nicht. Sie ist meine Schwester und sie gehört zu mir."
Schneiders Blick war entschlossen, so als würde er jeden herausfordern, der etwas anderes behauptete. Augenscheinlich hatte er diese Entscheidung schon vor einigen rechtfertigen müssen.
„Kalle, was hat sie? Was ist geschehen?"
„Vor vier Jahren sind meine Eltern, Marie und ich von einem meiner Spiele zurück nach Hause gefahren. Ich hatte darauf bestanden, dass sie es sich ansahen. Ich war so unheimlich stolz auf meine eigenen Leistungen, so unglaublich überheblich und selbst verliebt. Das Spiel haben wir überlegen gewonnen und alle haben mir auf die Schulter geklopft und mir gesagt, was für ein toller Hengst ich doch war. Alle, bis auf meine Eltern, die haben meinen Kopf aus den Wolken zurück geholt und dafür gesorgt, dass ich bei all dem Ruhm nicht abhebe."
„Das ist doch aber schön, sie haben dich zu einem bodenständigen Menschen erzogen."
„Ja, das haben sie wirklich. Sie haben immer darauf geachtet, dass Marie und ich das Leid und die Ungerechtigkeit der anderen Menschen auf dieser Erde nicht übersehen."
„Und was ist nun geschehen?"
Wieder schwieg Karl-Heinz einen Moment und schloss die Augen, so als würde er einen Augenblick überlegen, wie er es am besten erzählen sollte.
„Normalerweise saß ich bei uns im Auto immer hinter meinem Vater, also hinter dem Vater. An diesem Abend bestand Marie darauf, dort sitzen zu wollen und ich ließ sie gewähren. Ich machte mir nicht so viel aus meinem Platz. Wir fuhren auf der Autobahn zurück, als plötzlich wie aus dem nichts ein Geisterfahrer auftauchte und uns frontal rammte. Mit über 200 km/h kollidierten wir."
Sanae zog hörbar die Luft ein, sie konnte sich nicht vorstellen, wie Schneider so einen Crash überlebt hatte.
„Meine Eltern starben noch an der Unfallstelle. Sie waren sofort nach dem Aufprall tot. Keine Ahnung warum ich es in diesem Augenblick wusste, aber ich war mir einfach sicher, dass sie einen solchen Aufprall nicht überlebt haben konnten. Außerdem war überall so viel Blut und es roch so fürchterlich nach Benzin. Ich war erstaunlicherweise weites gehend unverletzt und konnte Marie aus dem Auto ziehen und auf den Asphalt legen."
Sanae wusste, dass man Opfer eines Verkehrsunfalls normalerweise so wenig wie möglich bewegte, um mögliche Wirbelsäulenverletzungen nicht noch zu verschlimmern, aber irgendwie hatte Sanae das Gefühl, das dieser Hinweis Schneider nicht wirklich helfen würde.
„Ich weiß, ich hätte sie nicht bewegen sollen, diese ruckartigen Bewegungen haben ihr vermutlich den Rest gegeben, aber ich bin heilfroh, dass ich es doch getan habe, denn nur wenige Minuten später gingen beide Fahrzeuge in Flammen auf. Es war ein riesiges Inferno und hätte ich sie nicht da rausgeholt, wäre sie bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, wie meine Eltern."
Sanae konnte und wollte sich nicht vorstellen wie schlimm das alles für Karl-Heinz gewesen sein musste. Er hatte seine Familie wirklich geliebt und sie auf diese Weise zu verlieren, so plötzlich in den jungen Jahren war hart.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm die nächsten Tage waren. Keiner kann das. Ich kam mir vor wie in der Hölle. Das Warten ist die kleine Sterbenszeit, die Ungewissheit glotzt von weißen Wänden. In diesem Krankenhaus, in dem sie Marie behandelt haben, wollte mir keiner etwas sagen. Keiner konnte mir etwas sagen. Stundenlang haben sie operiert und sich höchstens gewundert, warum ich mit nichts weiter als ein paar Schürfwunden davon gekommen bin. Während dieser Unfall drei Todesopfer und einen Schwerverletzten gefordert hat. Diese Warterei hat mich krank gemacht. Du weißt zwar jetzt ist es noch nicht soweit, doch das Ergebnis kann die Welt verändern, die Welt wie du sie für dich siehst, wie du gewinnst, manchmal verlierst, gerät vielleicht aus der Balance. Ich hatte keine Ahnung, ob Marie es schaffen würde. Ich wusste nur, dass meine Eltern nicht mehr da waren und dass wir beide nun ganz allein auf uns gestellt waren. Alles hatte sich mit einem Schlag verändert. Und ich hatte einfach nur Angst."
Schneider ließ kraftlos den Kopf sinken und als Sanae leise auf ihn zu kam und ihn trösten wollte, wich er einen Schritt zur Seite.
„Nicht Sanae. Ich bin noch nicht fertig, wenn du alles weißt, wirst du mich nicht mehr trösten wollen, dann wirst du mich genauso hassen und verachten, wie ich mich selbst hasse und verachte."
„Nein, nie."
„Doch. Du Ärzte haben mir damals gesagt, dass mein Glück war, dass ich nicht hinter meinem Vater saß. Mein Glück! Denn sonst hätte es mich erwischt. Er sagte, dass mir so viel erspart geblieben ist und das Deutschland froh sein kann, dass das Schicksal seinem Lieblingsspieler so gnädig gesonnen war. Gnädig! Ich hatte gerade meine Eltern verloren und meine kleine Schwester kämpfte um ihr Leben und der erzählte mir etwas von Gnade und Glück. Ich habe ihm eine rein gehauen, ich habe ihm die Nase gebrochen und es keinen Augenblick bereut. Sie haben es auf den seelischen Stress geschoben, aber in jeder anderen Situation hätte ich bei diesen Worten genauso gehandelt."
„Das war doch auch richtig, so etwas hätte er nicht sagen dürfen."
„Nein, das hätte er nicht, aber er hatte recht. Ich hätte normalerweise auf diesem Platz sitzen müssen, Sanae. Es war mein Platz, ich müsste jetzt eigentlich dort oben liegen, wo Marie jetzt ist, vom Hals abwärts gelähmt, so dass ich kaum noch wirklich sprechen oder essen kann. Das da oben ist mein Platz, hätte Marie nicht unbedingt mit mir tauschen wollen. Ich müsste dort oben liegen, nicht sie!"
Jetzt verstand Sanae, was Schneider so wütend machte, was ihn so reden ließ. Er fühlte sich verantwortlich für das Schicksal seiner kleinen Schwester, weil sie den Platz getauscht hatten, was sie zum Krüppel und ihm das Leben gerettet hatte. Deswegen hasste er sich selbst, weil er ihr nicht hatte helfen können, weil sie Plätze getauscht hatten und er nun das leid mit ansehen musste, das eigentlich für ihn bestimmt war.
„Kalle, sieh mich an. Es ist nicht deine Schuld, das Marie gelähmt ist. Daran ist nur der Geisterfahrer schuld. Niemand sonst. Nicht du."
„Er hat erreicht, was er erreichen wollte. Man hat in seiner Wohnung einen Abschiedsbrief gefunden. Er wollte sterben, er wollte sich so umbringen. Und dabei hat er meine Familie mit sich in den Abgrund gerissen."
Sanae wusste nicht genau, was sie dazu sagen sollte, denn im Grunde genommen hatte Schneider wohl recht mit seinen Worten. Er hatte seine Familie mit in den Abgrund gerissen, nur Karl-Heinz hatte man hier zurück gelassen, denn ob man Maries Zustand wirklich als Leben bezeichnen konnte, war für Sanae sehr fraglich.
„Gibt es nicht irgendwelche Möglichkeiten, wie man Marie helfen kann? Ich meine, die Forschung ist doch schon sehr weit und ich weiß genau, dass sie zum Beispiel in meinem Klinikum auch sehr viel in diesem Bereich forschen. Lähmungen-"
In diesem Augenblick ging Sanae ein Licht auf. Deswegen wurde also in der Klinik so viel geforscht, deswegen hatten sie die nötigen Mittel dazu. Weil ein reicher Spender ihnen das ermöglichte und dieser reiche Spender war Karl-Heinz Schneider, der sich damit die Heilung seiner Schwester erkaufen wollte.
„Du bist also derjenige, der die Forschung finanziert?"
„Ja, aber nicht allein. Die Pharmakonzerne und das Klinikum an sich geben natürlich auch noch eine Menge Geld, aber-"
„- den grossteil spendest du."
„Ja, ich war auch derjenige, der dieses Projekt in Gang gebracht hat, kurz nach dem Unfall. Aber innerhalb der letzten vier Jahre haben sie keine großen Fortschritte in Richtung Heilung gemacht. Marie hat zwar endlose Testreihen und so über sich ergehen lassen, aber gebessert hat sich nichts."
„Marie ist eine der Testpersonen?"
„Natürlich."
„Wer weiß alles etwas von deinem Angagement?"
„Einige, aber die wenigsten wissen den wahren Grund, warum ich Unsummen in die Forschung spende. Diejenigen, die es wissen, helfen zumeist selbst mit Spenden mit, weil sie auf Maries Heilung hoffen. Auf ein Wundermittel, das ihr die verpassten Jahre vielleicht nicht zurückgeben kann, aber das ihr eine Zukunft schenkt. Oder überhaupt erstmal ein Leben."
„Juan weiß Bescheid. Er kennt auch den wahren Grund."
„Wie kommst du auf einmal darauf?"
„Ganz einfach, der Wetteinsatz geht zur Hälfte an das Klinikum zur neurologischen Forschung. Natürlich weiß er Bescheid und will ihnen so unauffällig mehr Kapital zur Verfügung stellen."
Schneider konnte nur schweigend nicken. Juan wusste von der Krankheit seiner Schwester, weil er schon damals, als es geschehen war, in Bremen gewesen war. Er kannte seine Marie und mochte sie, ihr Schicksal ging auch ihm nahe und manchmal besuchte er sie um zu sehen wie es ihr ging. Meistens freute Marie sich ihren alten Freund zu sehen, zumindest an den guten Tagen, an denen sie mit ihm sprach. An den schlechten Tagen lag sie einfach nur da und starrte die Decke an, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das waren die schlimmsten für Schneider, denn wenn er dann an ihrem bett saß glaubte er in ihren Augen die Vorwürfe lesen zu können, die er sich selbst jeden Tag aufs Neue machte.
„Kalle, kein Leid ist grenzenlos, wenn die Hoffnung Zäune zieht. Die Wissenschaftler finden bestimmt ein Mittel, um sie wieder gesund zu machen. Und wenn schon kein komplettes Heilmittel, dann doch ein Mittel, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen."
Sanae wusste, dass es höchst unwahrscheinlich war, dass dieses Heilmittel innerhalb der nächsten Jahre gefunden werden würde, aber das wollte sie Schneider jetzt nicht sagen. Er brauchte jetzt jemanden, der ihm Hoffnung machte. Man musste nicht alle Fakten ans Licht ziehen und genau beleuchten. Manchmal ist es besser, im Dunkeln zu tappen. Denn im Dunkeln hat man vielleicht Angst, aber dort herrscht auch Hoffnung. Eine Hoffnung, die sie Schneider vielleicht sonst nicht würde machen können.
„Sanae, es ist lieb gemeint, dass du für mich lügen willst, aber das brauchst du nicht. Ich kenne den Stand der Forschung wahrscheinlich besser als die Klinikleitung selbst. Ich weiß, dass Marie dieses Mittel, sollte es irgendwann gefunden werden, nicht mehr helfen wird. Die Ärzte haben ihr direkt nach dem Unfall nur noch wenige Monate zu leben gegeben. Aus den wenigen Monaten sind nun schon vier Jahre geworden, aber ich weiß, dass sie ihren zwanzigsten Geburtstag nicht erleben wird."
Dazu konnte Sanae nichts erwidern. Schneider hatte so eine verlorene Endgültigkeit in der Stimme, die ihr schon fast wieder Angst machte. Er hatte so viel zu Schultern, mehr als ein Mensch in seinem Alter sollte. Mit 18 Jahren hatte er seine Eltern verloren und war Vormund seiner schwer behinderten Schwester geworden, die er unbedingt zu hause hatte pflegen wollen. Ihre Lebensdauer hatte man von Anfang an nicht hoch angesetzt und so hatte Schneider sich darauf eingestellt, innerhalb kürzester Zeit auch noch seine geliebte Schwester zu verlieren. Das war für einen Jungen, ja, mehr war er damals wirklich noch nicht gewesen, einfach zu viel. Mit einem Schlag hatte er ein neues Leben leben müssen, man hatte ihn nicht gefragt, ob es ihm passte oder gefiel, er hatte sich diese Rolle auch aus falschen Schuldgefühlen auferlegt.
Obwohl Sanae wusste, dass Schneider ihr Mitleid bestimmt nicht wollte, so konnte sie diese Gefühle trotzdem nicht unterdrücken. Sie hatte Mitleid mit ihm und er hatte ihr Mitgefühl. So ein Schicksal wünschte man seinem schlimmsten Feind nicht.
„Hör auf damit, Sanae. Ich sehe es dir genau an, dass du mich gerade bemitleidest, dass du dir vorstellst, was für ein armer, kleiner Junge ich gewesen sein muss. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, also hör auf mich zu bemitleiden, bevor du alles kennst. Denn so ein armer, tragischer Held bin ich nicht.
Vergiss nicht, dass ich bis dahin ein vom Schicksal mehr als verwöhnter Bengel gewesen bin, dem augenscheinlich alles in die Wiege gelegt worden war. Ich bin für meine Haltung und meine Taten nicht zu bewundern.
Ich war nämlich nach dem Unfall so wütend, so unheimlich wütend. Ja, ich nahm Marie auf, ich stellte eine Pflegerin ein und versuchte es ihr so gut wie möglich zu machen, aber in mir drin brodelte es.
Ich war wütend auf meine Eltern, weil sie mich allein gelassen haben, wütend auf Marie, die mir ein Klotz am Bein war und mich daran hinderte mein Leben so zu leben, wie ich es mir immer erträumt hatte. Ich hatte ins Ausland gehen wollen, eine große Karriere haben. Der strahlende deutsche Held. Frauen lagen mir zu Füßen und ich hatte vor all das zu genießen und nun war ich hier an Bremen gebunden, konnte keine Frauen mehr mit nach Hause bringen, weil Marie hier war, konnte überhaupt kaum mehr feiern gehen, weil ich hier sein musste, wenn Marie wieder einmal aufgeregt war und nach mir rief. Manchmal wünschte ich sie wäre mit Mama und Papa in dem Auto gestorben. Es hätte mir viel erspart, ich hätte nicht mit ansehen müssen, wie sehr sie leidet. Wie sie zu einem Schatten ihrer Selbst wurde, in den ersten Wochen nach dem Unfall. Wie Marie nicht begreifen konnte, was da gerade geschah.
Und weißt du was, Sanae, wenn ich nicht gerade so wütend war auf alles und jeden um mich herum, dann fühlte ich mich schuldig. So unglaublich schuldig. Wie konnte ich nur daran denken, dass meine kleine Marie mir hinderlich war? Wie konnte ich nur ihren Tod wünschen, wo sie doch das einzige Bisschen Familie war, das mir geblieben war.
Diese Monate waren die Hölle, die Presse verfolgte mich und wollte wissen, was mit Marie geschehen war. Sie wussten, dass meine Eltern tot waren, aber von Maries Zustand wussten sie nichts. Wissen bis heute nichts."
Erschöpft ließ Schneider sich auf das Sofa fallen. Er hatte Sanae heute mehr offenbart als den meisten anderen Menschen und es lag jetzt an ihr, was sie damit tat.
Unruhig sah Sanae von Schneider zu den vielen Bildern an der wand. Sie konnte seine Gefühle verstehen und sie begriff, dass sie ihn plagten. Er liebte seine Schwester, trauerte aber seinem alten Leben hinter.
„Wie siehst du das alles jetzt, Schneider?"
„Wie ich es jetzt sehe? Ich bin froh, dass der Herrgott Gnade mit mir hatte und mir meine kleine Marie gelassen hat. Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben und wird es auch immer sein. Ich bereue es nicht, sie zu mir geholt zu haben und ich verzichte gerne darauf, die Damenbekanntschaften mit hierher zu nehmen. Dieses Haus gehört nur uns beiden. Ich kann mittlerweile regelmäßig feiern gehen und mein Leben so weit leben, dass wir beide glücklich sein können. Ich weiß, dass Marie sehr oft einsam ist und immer nur ihre Pfleger sieht, die rund um die Uhr auf sie aufpassen, aber ich glaube sie hat sich daran gewöhnt. Deswegen freut sie sich umso mehr, wenn meine Kollegen sie ab- und an Mal besuchen."
„Darf ich sie in Zukunft auch Besuchen kommen? Ich möchte sie kennen lernen."
Einen Moment schien Schneider zu überlegen, was die beste Antwort auf diese Frage war, doch dann gab er sich einen Ruck und nickte nur. Er hatte ihr die ganze Wahrheit anvertraut, da konnte sie nun auch sein Mariechen kennen lernen. Immerhin war Sanae die Frau seiner Träume und er hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben, dass seine Wünsche nicht doch noch wahr werden würden. Aber bevor er so egoistisch sein und sie ganz für sich beanspruchen würde, wollte er ihr doch erst einmal die Chance auf ihr großes Glück mit Tsubasa geben. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten und er war bereit ihr zu helfen.
„Sanae, willst du immer noch von mir wissen, was ich dir zu Tsubasa zu sagen habe?"
Sie wusste natürlich nicht mehr, ob sie es noch wissen wollte, ob es nach diesen Enthüllungen noch wichtig war. Ob es überhaupt je wichtig gewesen war. Sie wusste nicht, was das da für Gefühle für Schneider waren und was sie für Tsubasa fühlte. So lange hatte es nur einen Mann in ihrem Leben gegeben und auf einmal war da noch ein anderer, einer, der selbst genug erlitten hatte, jemand, der genug eigene Narben und genug eigene Last mit sich herumtrug und der trotzdem noch bereit war ihre Last mit zutragen. Sanae war verwirrt, aber sie wollte trotzdem den Rat eines Freundes hören, auch wenn sie vielleicht hoffte, dass Karl-Heinz Schneider irgendwann mehr für sie werden würde.
„Weine, wenn du Schmerz verspürst, Sanae. Schluck die Tränen nicht einfach runter, kämpf sie nicht nieder, hinter deine eigenen, sorgfältig erbauten Mauern. Weine, wenn Jemand dich verletzt. Weine, wenn du nicht geliebt wirst. Aber lächle und sei stark, wenn er dir gegenüber steht!"
Sanae verstand nicht, was Kalle ihr damit sagen wollte.
„Und was soll ich nun tun? Soll ich zu Tsubasa gehen und mit ihm reden? Oder soll ich es lassen? Kalle, das war keine Antwort auf meine Frage."
„Weißt du wie viel Sterne über Nacht verglühen, weißt du wie viel rote Rosen all zu schnell verblühen? Weißt du wie viel Zeit, man einfach nur vergeudet und vertreibt, sie kommt nie zurück, drum kümmere dich um die, die dir noch bleibt. Nutze deine Chancen Sanae und ergreife dein Glück mit beiden Händen, wenn Tsubasa wirklich derjenige ist, den du willst und von dem du dein ganzes Leben lang geträumt hast. Du hast es dir verdient glücklich zu sein, aber verschwende deine Zeit nicht, denk an Marie, wir haben nicht so viel davon, denn keiner kann uns sagen, wann wir nicht mehr in der Lage dazu sein werden, unser Leben so zu leben, wie wir es gerne wollen."
So, das war es dann auch schon wieder... nach längerer Wartezeit ist es endlich fertig, ich hoffe es hat euch gefallen...
Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir sehr, sehr schwer gefallen ist dieses Kapitel zu schreiben und auch all diese Emotionen rüber zu bringen, die mir während des Schreibens so durch den Kopf gegangen sind. Ich habe die ganze Zeit Schneider vor Augen gehabt und wusste nicht, wann ich selbst wirklich nur noch vor Mitgefühl zerflossen bin und wann mal wieder Zeit dafür war, seine andere Seite zu zeigen...
Ich hoffe ihr könnt einen armen, verängstigten Jungen verstehen, der gerade so viel verloren hat und der einfach nur sein altes Leben wieder haben will... Sein Egoismus mag allein gesehen nicht gut sein, aber irgendwie hatte ich beim Schreiben das Gefühl, das solch ein Verhalten vielleicht doch dem ein oder anderen bekannt vorkommen könnte... oder das man es einfach versteht...
Mit etwas Glück und der nötigen Zeit schaffe ich sogar noch ein weiteres Kapitel vor dem Jahreswechsel, wenn es nicht so ganz funktionieren sollte, wünsche ich euch an dieser Stelle auch schon mal einen guten rutsch ins neue Jahr... Dann könnt ihr euch im neuen Jahr auf Kojiros Aufenthalt in Bremen freuen, denn der kommt als nächstes dran...
Ich wünsche euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und bedanke mich natürlich ganz herzlich bei euch fürs treue Mitlesen und mitfiebern bei meiner Story. Dieses extra lange Kapitel ist sozusagen mein verfrühtes Weihnachtsgeschenk an euch, ich hoffe es ist nicht schlimm, dass der Weihnachtsmann es bereits einen Tag vorher vorbeibringt... Vielleicht macht ihr mir ja mit eurem Kommentar auch ein kleines Weihnachtsgeschenk, wie wäre es?
Alles Gute und Liebe
Euer
Schumeriagirl
