Kapitel 12
Ripley setzte sich mit einem Ruck auf. Die Dunkelheit um sie herum war nicht vollkommen, sondern wurde von dem geradezu übernatürlich hell scheinenden Vollmond durchbrochen. Die im Wind wehenden Vorhänge zeichneten bizarre Muster an die Wände. Ein mächtiges, majestätisches Rauschen drang durch die geöffnete Balkontür in den spärlich eingerichteten Raum, das einzige Geräusch außer ihrem wie wild pochenden Herzen. Was war es gewesen, daß sie aus dem Schlaf gerissen hatte? Ein Geräusch? Eine Ahnung? Atemlos horchte sie in die Nacht hinein und vernahm doch nur das Pochen ihres wild schlagenden Herzens. Newt... war etwas mit Newt?
Ripley ließ die Beine über die Bettkante gleiten. Das unbehandelte Holz fühlte sich warm an ihren Füßen an. Angenehm. Sicher hatte die Sonne den ganzen Tag auf dem Zimmer gelegen und die Dielen aufgeheizt. Sie stand auf und vernahm überlaut das Quietschen des Bettes, als sie ihr Gewicht verlagerte. Schließlich stand sie mitten im Raum und lauschte noch einmal in die Stille hinein. Nichts. Nur das sanfte Donnern der Wellen gegen den Strand und das Rauschen des Windes in den Bäumen. Dennoch... das Gefühl des Unbehagens blieb, ein Ameisennest in ihrem Magen.
Sie atmete tief durch und trat einen Schritt in Richtung Tür. Die Dielen knarrten unter ihren nackten Füßen. Sie zuckte zusammen, so laut kam ihr das Geräusch vor. Fast erwartete sie, im nächsten Augenblick Newts erschrockene Stimme zu hören, doch die Nacht blieb still. Noch ein Schritt. Und noch einen. Sie erreichte die Tür. Wider Erwarten öffnete diese sich lautlos, glitt beinahe schwerelos zur Seite. Ripley spähte in den dunklen Korridor. Auch hier keinerlei Bewegung. Alles lag ruhig da. Woher kam dann dieses zunehmende Gefühl der Beklemmung? Dieses Gefühl der Bedrohung, das sie sich alle paar Schritte umdrehen und zurückschauen ließ, sobald sie den Flur betreten hatte.
Sie blieb vor Ben's Zimmer stehen. Die Tür war nur angelehnt. Hatte er es auch gehört - wenn es wirklich ein Geräusch gewesen war, das sie geweckt hatte? Vorsichtig drückte sie die Tür ein wenig weiter auf und spähte in den Raum. Das Bett war leer. Unbenutzt. Niemand hatte darin geschlafen. Fassungslos stieß sie die Tür endgültig auf und trat einen weiteren Schritt vor. Was ging hier vor? Dies war sein Schlafzimmer, aber wo war Ben? Ihre Nervosität vollführte einen wahren Quantensprung. Ein eisiger Schauer glitt ihr über den Rücken. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Suchend glitten ihre Augen über den Raum, der aussah, als habe nie jemand in ihm gewohnt. Dann ein Geräusch hinter ihr. Sie fuhr herum. Am Ende des Korridors war es nicht mehr länger dunkel. Statt dessen flackerte ein geisterhaftes, blaues Licht von unten herauf. Ripley fröstelte. Die Sache gefiel ihr ganz und gar nicht.
"Ben?" fragte sie in die jetzt wieder absolute Stille hinein. "Ben, bist du das?"
Sie bekam keine Antwort. Obwohl ein Teil ihres Verstandes ihr gebot, nicht zu gehen, konnte sie nicht anders - ihre Füße bewegten sich wie von selbst, trugen sie auf die geheimnisvolle Lichtquelle zu. Kurz bevor sie die abwärtsführenden Stufen erreicht hatte, wußte sie plötzlich, woher das blaue Wabern stammte. Das Videotelefon - jemand mußte es angestellt haben. Sie bog um die Ecke und blickte hinunter ins Wohnzimmer. Es war das Telefon - aber auch hier war niemand zu sehen, der es aktiviert haben konnte.
"Ben?" Sie wollte umkehren, sie wollte erst wissen, ob mit Newt alles in Ordnung war, aber ihre Beine trugen sie unbeirrbar die Stufen hinunter, die leicht unter ihrem Gewicht knarrten. Ein schrecklicher Gedanke kam ihr - hatten ihre Verfolger sie etwa aufgespürt? Hatten sie sich Ben schon geschnappt, und lockten sie sie gerade von Newt weg, um freie Bahn zu haben? Sie befahl ihren Beinen, stehenzubleiben, doch diese trugen sie weiter hinunter. Und weiter. Sie passierte das Wohnzimmer, und noch immer ging es hinunter.
Sie blickte sich um, mittlerweile in heller Aufregung, und sah, daß das blaue Flackern hinter ihr langsam von der zunehmenden Schwärze der langen Treppe geschluckt wurde. Wieder versuchte sie anzuhalten, doch es hatte keinen Sinn. Als sei sie nichts weiter als eine Marionette in der Hand eines Puppenspielers wurde sie weitergezogen. Mittlerweile konnte sie durch die absolute Schwärze nicht einmal mehr erkennen, wo sie ihr Weg überhaupt hinführte, doch ihre Füße fanden die Stufen mit traumwandlerischer Sicherheit. Kalter Schweiß brach ihr aus. Wieder blickte sie zurück, doch auch dort gab es nichts mehr zu sehen. Schwärze, sonst nichts. Und Stille. Die einzigen Geräusche waren die Schritte ihrer nackten Füße auf den Holzdielen und ein leises Rauschen, das allerdings mit jeder Stufe zunahm.
Gerade als sie glaubte, die Treppe würde nie ein Ende nehmen, tauchte vor ihr eine Öffnung auf. Silberhelles Mondlicht fiel herein. Kein Holz mehr unter ihren Füßen, jetzt war es warmer, feinkörniger Sand. Sie befand sich auf einem langen, weißen Strand, von dem sie nach keiner Richtung ein Ende ahnen konnte. Nachtschwarz donnerten die Wellen ans Ufer. Der Wind fuhr spielerisch durch ihre Haare. Ripley blickte sich um und stellte erstaunt fest, daß das Haus, aus dem sie eben erst herausgetreten war, scheinbar spurlos verschwunden war. Statt dessen konnte sie jetzt in nicht allzu großer Entfernung einen Bootssteg ausmachen. Und eine dunkle Gestalt, die auf ihr hockte. Sie runzelte die Stirn und lief hinüber. Ihre Füße sanken in den warmen Sand ein. Was hatte Ben mitten in der Nacht hier draußen zu suchen?
Als sie näherkam konnte sie erkennen, daß die Gestalt mit dem Rücken zu ihr saß. Sie hatte sich nicht bewegt. War er eingeschlafen? Mittlerweile hatte sie das Wasser erreicht und bewegte sich mit großen, entschlossenen Schritten durch den feuchten, vom Wasser kühlen Sand hindurch auf den Steg zu. Sie war bereits soviel näher gekommen, daß sie mehr Einzelheiten erkennen konnte. Die karierte Decke, auf der die dunkle Silhouette saß. Eine umgekippte Flasche. Zwei ebenfalls umgekippte Weingläser. Daneben zwei geöffnete Pappkartons.
"Ben? Ben, was machst du hier mitten in der Nacht?" Sie berührte den Mann an der Schulter. Keine Regung. "Ben?"
Ein heftiger Windstoß fuhr ihr ins Gesicht und drehte die Gestalt zu ihr um. Ihr stockte der Atem. Es war nicht Ben! Wie hatte sie überhaupt denken können, daß es Ben war? Es war Hicks, dessen gebrochene Augen sie aus einem blutüberströmten Gesicht sekundenlang anstarrten, ohne sie wahrzunehmen, bevor er nach vorne kippte und in den schwarzen Fluten versank. Der Schockmoment verging, und plötzlich war die Luft für einen entsetzten Aufschrei da, als jemand sie an der Schulter packte -
- und sie sanft, aber bestimmt in die Realität zurückschüttelte. Ripley riß die Augen auf, im ersten Augenblick völlig desorientiert und blickte in das besorgte Gesicht ihres Gastgebers. Der aufgestaute Schrei verwandelte sich in ein zitterndes, nur halb unterdrücktes Schluchzen, als Ben sie in die Arme nahm und tröstend an sich drückte.
"Hey, hey, keine Angst! Es war nur ein Traum, ein schlimmer Traum. Shhht..."
Sie wußte es, und doch dauerte es eine Weile, bevor das Zittern nachließ und sie einen langen, angestrengten Atemzug nehmen konnte. Sie blickte auf. Es war noch dunkel, dennoch konnte Ripley die Besorgnis in dem Gesicht des jungen Kanadiers erkennen.
"Alles wieder okay?" Sie nickte, war sich jedoch im Innersten nicht sicher. War alles okay? Der Traum war so real gewesen, hatte sie tief erschüttert. Nur ihre berechtigten Sorgen? Oder eine Art Vorahnung? Sie wollte Ben von dem Alptraum erzählen, doch bevor sie dazu kam, beugte er sich vor. "Dieser Colonel ist am Telefon. Er will dich sprechen. Glaubst du, du kannst -"
Ihr Ausdruck änderte sich abrupt.
"Barrister hat angerufen?" Er hatte kaum Zeit zu nicken, als sie auch schon hochfuhr und an ihm vorbei aus dem Zimmer stürmte. Einen Augenblick lang blickte er ihr hinterher, bevor er sich schließlich erhob und ihr ins Wohnzimmer folgte.
Die Szene wirkte so ähnlich wie in ihrem Traum, nur daß hier keine Treppe war und der Monitor des Videotelefons statt der blauen Statik das Bild eines älteren Mannes mit durchdringenden, stechenden Augen zeigte. Ripley ließ sich auf den Stuhl vor dem Gerät gleiten. Sie war erleichtert - ein wenig. Zumindest hatte er sich gemeldet.
"Colonel Barrister? Mein Gott, bin ich froh, daß sie anrufen!"
Barristers Gesicht zeigte ein erleichtertes Lächeln.
"Und ich bin froh, sie gesund und munter zu sehen, nachdem unser fantastischer Plan ja vollkommen in die Hose gegangen ist. Warum sind sie nicht mit Cohen mitgegangen, als er sie abholen kam?"
"Newt war noch nicht da. Das kleine Mädchen. Ihre Eltern haben mich sabotiert, und ich bin leider erst sehr spät darauf gekommen. Also habe ich sie selbst da rausgeholt."
Barrister nickte anerkennend.
"Nun, wie ich sehe, haben sie es ja trotzdem geschafft, ihre Verfolger loszuwerden. Ein wahres Kunststück! Gratulation!"
"Danke. Ich hatte allerdings eine Menge Glück."
"Glück gehört dazu. Aber sagen sie, Ms Ripley, was kann ich für sie tun? Ich hätte sie normalerweise nicht mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt, aber beim Abhören des Bandes dachte ich mir, daß sie das sein mußten, und daß es wichtig ist. Ich bin leider nicht vorher dazu gekommen."
"Es geht um Hicks." Ripley mußte schluckten, als das Bild aus ihrem Traum sich unvermittelt wieder vor ihrem inneren Auge bildete. "Ich mache mir große Sorgen um ihn. Ich weiß, daß er in fürchterlichen Schwierigkeiten steckt, und ich denke, daß ich ihm vielleicht helfen kann. Colonel, sie wissen doch sicher, was da läuft. Ich bitte sie, sagen sie's mir! Ich muß es wissen!"
Das Lächeln war vollkommen von Barristers Gesicht verschwunden. Ein verständnisvoller, aber zugleich entschlossener Ausdruck hatte es ersetzt.
"Tut mir leid, Ms Ripley. Ich habe ihm mein Wort gegeben, sie da rauszuhalten. Ich pflege meine Versprechen zu halten. Außerdem wage ich zu bezweifeln, daß sie ihm bei seinem Vorhaben helfen könnten."
Der bittende Tonfall verschwand aus Ripley's Stimme, statt dessen schwang jetzt eine gewisse Schärfe und Dringlichkeit mit.
"Colonel, sagen sie mir, was vorgeht. Was versucht er dort oben zu tun, und wer sind seine Gegner? Ich bin nicht die hilflose Person, für die sie mich vielleicht halten, und was ich am meisten hasse ist untätig herumsitzen zu müssen, während jemand, der den Kopf für mich riskiert hat, meine Hilfe braucht. Das müssen sie doch verstehen, um Himmels Willen!"
Barrister schüttelte den Kopf.
"Das ist ein edler Charakterzug von ihnen, und bestimmt hätte ich sie nach dieser irren Verfolgungsjagd nicht für eine hilflose Person gehalten, aber ich habe meine Prinzipien. Außerdem geht das, was da oben auf GATEWAY passiert, nur Hicks etwas an. Selbst ich halte mich ab jetzt raus, auch wenn da oben der Teufel los sein sollte."
Ripley verengte die Augen. Es war Barrister deutlich anzusehen, daß er den letzten Satz lieber vermieden hätte. Nun, dazu war es zu spät.
"Was genau ist es, Colonel? Wenn sie es mir nicht sagen, werde ich mich ins nächste Shuttle setzen und hochfliegen, das schwöre ich ihnen!"
"Keine Chance," entgegnete Barrister ruhig. "Zur Zeit fliegen keine Shuttles. Sie würden nicht hochkommen."
Jetzt war Ripley ernsthaft beunruhigt. Zwischen GATEWAY und der Erdoberfläche existierte normalerweise ein durchgehender Pendeldienst, wenn dieser ausgesetzt worden sein sollte, mußte das schon einen triftigen Grund haben.
"Was ist dort oben los?" wiederholte sie. Ihre Stimme klang zugleich sachlich-kühl und drängend-intensiv. Schluß mit der Tändelei.
Der Barrister auf dem Bildschirm atmete tief durch und schwieg einige Augenblicke, bevor er Ripley ansah. Die Entscheidung fiel ihm augenscheinlich alles andere als leicht.
"Sehen sie, Ms Ripley, was soll ich sagen? Natürlich kann ich sie verstehen, aber -"
"Bitte, Colonel! Was immer es ist, es ist besser, wenn ich es weiß. Ich habe bereits einen entsetzlichen Verdacht, und bevor der nicht entkräftet ist, werde ich keine ruhige Minute haben. Wenn er sich bewahrheitet, muß ich hoch. Dann braucht er mich dort oben! Ich habe größere Erfahrung in dieser Sache als er."
Barrister schien überredet. Widerwillig seufzte er.
"Hicks hat sich mit einigen Leuten des Konzerns und unglücklicherweise auch dem Corpskommandanten angelegt. Es geht um ein geheimes Projekt -"
"Was für ein Projekt?"
"- das er unter allen Umständen verhindern will. Fragen sie mich nicht nach Details, weil ich selbst auch nicht mehr weiß. General Shaw - der Kommandant - hatte, um ihn bei der Stange zu halten, seine Leute auf sie und die Kleine angesetzt und Hicks gedroht, ihnen etwas anzutun, falls er nicht spurte. Ihn selbst haben sie auch in die Mangel genommen, wohl um ihm zu beweisen, daß sie es ernst meinen. Deshalb sah er neulich am Bildschirm auch nicht so fit aus... Aber keine Angst," fügte er sofort hinzu, als er Ripleys besorgte Miene sah,"- es ist nichts Ernsthaftes passiert. Als ich mich das letzte Mal nach ihm erkundigt habe, ging es ihm schon wieder ganz gut."
"Und was hat er jetzt vor? Was ist auf GATEWAY los?"
"Das kann ich ihnen leider nicht genau sagen. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich es nicht weiß. Ich habe lediglich gehört, daß die Station vor ein paar Stunden evakuiert und der Shuttle-Dienst eingestellt wurde. Niemand kommt da rauf, auch sie nicht!"
GATEWAY evakuiert! Ein eiskalter Schauer fuhr ihr über den Rücken. Dieses Gefühl des unsichtbaren Grauens, der ständig lauernden Bedrohung, das zuletzt lediglich durch ihr Unterbewußtsein in ihre Träume eingeflossen war, überwältigte sie jäh. Ripley faßte einen Entschluß. Sie blickte Barrister direkt in die Augen, als sie sagte:
"Ich muß hoch. Helfen sie mir dabei, Colonel, bitte. Was immer es ist, wogegen das er antritt, es wird ihm leichterfallen, wenn er Hilfe hat."
Barrister schüttelte langsam, aber entschieden den Kopf.
"Ms. Ripley, wie ich schon sagte -"
"Colonel Barrister, ich werde mich davon nicht abbringen lassen. Entweder helfen sie mir bei meinem Vorhaben, oder ich muß es alleine durchziehen, aber ich fliege hoch. "
Barrister versuchte es jetzt mit einer anderen Taktik.
"Schön, Ich habe zwar keine Ahnung, wie sie das bewerkstelligen wollen, aber egal. Ich dachte nur, daß sie auf das kleine Mädchen aufpassen wollten."
Ripley ließ sich nicht aus der Reserve locken.
"Newt ist hier so sicher, wie sie nur sein kann. Es ist Dwayne, um den ich mir Sorgen mache, und um die Dinge, die dort oben vorgehen. Wie soll ich je erfahren, wann es für uns vorbei ist? Wann wir wieder sicher sind? Nein, ich muß selbst dabei sein. Außerdem schulde ich Dwayne das."
"Er würde das sicher nicht so sehen..."
"Es ist mir egal, wie er das sieht. Es ist mir auch egal, wie sie es sehen. Dieser ganze Macho-Mist ist keinen Cent wert. Ich fliege, egal, was sie sagen. Und wenn ich dazu ein Shuttle entführen muß, dann tu ich das." Ihr Blick drückte grimmige Entschlossenheit aus. Colonel Barrister zweifelte nicht an ihren Worten. Sicher, Hicks hatte ihm aufgetragen, aus sie aufzupassen, aber wie würde er seiner Pflicht am besten nachkommen? Indem er jetzt einfach das Gespräch beendete und Ripley damit zu irgendwelchen unüberlegten, gefährlichen Schritten zwang, die sie unter Umständen Shaw's Leuten in die Hände trieb? Oder indem er ihr bei ihrem Vorhaben half? Er atmete einmal tief durch.
"Verdammt, sie sind stur! Er hatte mich gewarnt, daß sie so etwas versuchen würden. Wenn sie nur wüßten, wie sehr sie mich damit in die Zwickmühle bringen..." Ripley schwieg. "...aber wenn es keinen anderen Weg gibt... Bevor sie sich Hals über Kopf in dieses Wagnis stürzen, helfe ich ihnen lieber. Aber ich tue es nicht gerne."
Die plötzliche Erleichterung schmerzte sie fast. Barrister sortierte einige Zettel auf seinem Tisch und blickte dann wieder auf.
"Also gut. Ich werde sehen, was ich organisieren kann. Ich werde mich wieder melden, sobald ich mehr weiß." Er machte Anstalten, das Gespräch zu unterbrechen, als Ripley sich vorbeugte.
"Wie kann ich sie erreichen, Colonel? Nur für den Fall, daß -"
"Sie können mich nicht erreichen. Sie sollten mich hier auf keinen Fall anrufen. Ich rufe sie an, und dabei bleibt es. Sie müssen mir schon vertrauen." Barrister's Stimme klang felsenfest. Sie lehnte sich zurück und nickte grimmig.
"Ich warte auf ihren Anruf, Colonel. Ich werde genau hier warten. Bitte beeilen sie sich!"
"Vertrauen sie mir." Der Bildschirm wurde dunkel. Ripley starrte noch einige weitere Sekunden auf den Monitor, bevor sie schließlich die Hand ihres Gastgebers auf ihrer Schulter spürte. Das rüttelte sie aus ihrer Erstarrung auf. Sie sprang auf die Füße.
"Ich ziehe mich an, Ben. Wenn Barrister anruft -"
"-hole ich dich sofort. Natürlich. Keine Angst, ich passe schon auf." Der junge Kanadier ließ sich in den Stuhl gleiten und blickte Ripley hinterher, bis diese im Gästezimmer verschwunden war. Nachdenklich und besorgt richtete er den Blick wieder auf den Monitor.
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Zum wiederholten Male blieb Hicks auf seiner Strecke über die Brücke der PHOENIX stehen, um einen Blick auf die Anzeigen zu werfen. Es war noch immer nichts zu sehen. Nichts, was darauf hindeutete, daß eventuell eine Fähre auf dem Weg zu ihnen war. Automatisch glitt sein Blick zum Handgelenk. Einige Augenblicke starrte er auf die Leuchtanzeige der Uhr, ohne deren Information aufnehmen zu können, dann schüttelte er mit einer Willensanstrengung den bleiernen Mantel der Müdigkeit für kurze Zeit ab und erkannte, daß es zwanzig vor fünf war.
Er atmete tief durch. Verdammt, die Zeit verging. Sie verstrich nutzlos, und er konnte nichts anderes tun, als hier zu warten und hilflos zuzusehen, wie sie ihm durch die Finger rann. Er drehte auf dem Absatz um, ließ seinen Blick über den noch immer reglosen General streichen und musterte dann einige Augenblicke lang seinen jungen Helfer, der - ebenfalls reglos - zusammengesunken im Pilotensessel saß, die Arme auf der Konsole vor sich ausgebreitet, und regelmäßig ein- und ausatmete. Er hatte sich nur widerwillig schlafen gelegt, und nur auf Hicks' ausdrückliche Bitte. Ihm war anzusehen gewesen, daß er fast ebenso erschöpft wie der Marine gewesen war, und da Hicks nicht daran dachte, sich auch nur für eine Sekunde das Heft aus der Hand nehmen zu lassen, hatte er Frost befohlen, sich einige Zeit aufs Ohr zu legen. Er brauchte einen ausgeruhten Helfer. Nun war es auf der Brücke fast unnatürlich still, lediglich das eintönige Vibrieren der mächtigen Generatoren war zu vernehmen. Die Stille war so drückend, daß Hicks unwillkürlich die Stimme senkte, als er das Intercom aktivierte.
"Colonel deVries, bitte kommen." Stille. Statik. Hicks wartete einige Sekunden, bevor er es noch einmal versuchte. "Colonel deVries, hören sie mich?" Es blieb still. Hicks runzelte die Stirn. Bisher hatten seine Gegner sich immer sofort gemeldet, als warteten sie alle nur auf seine Meldungen. Doch jetzt geschah nichts. Er wartete noch etwas länger. "GATEWAY Control bitte kommen! Hier ist -"
"Sergeant Hicks?" erwachte der Lautsprecher schließlich knackend zu Leben. Die Stimme klang gehetzt. Es war nicht die des Colonels. "Augenblick!"
Hicks atmete aus und machte Anstalten, sich in den Sessel sinken zu lassen, überlegte es sich im letzten Moment anders und nahm das mobile Sprechgerät an sich, um damit weiter auf der Brücke hin und herlaufen. Im Sitzen würde er den Kampf gegen die Müdigkeit bald verlieren. Er fragte sich, was dort drüben gerade so eilig war, daß man sich nicht mit ihm befassen konnte. Er hatte eine ziemlich gute Idee. Schließlich drang die Stimme des Colonels aus dem Gerät.
"Sergeant Hicks? Was ist los?"
"Was hier los ist? Was ist bei ihnen los?"
"Wir haben einige Probleme hier oben. Deshalb habe ich nicht viel Zeit für sie. Was wollen sie?"
Im Hintergrund konnte Hicks undeutlich ein anschwellendes Stimmengewirr vernehmen. Es war relativ leise und wurde immer wieder und einem dumpfen Krachen überlagert, und doch ließ sich die Panik darin deutlich heraushören. Er wußte augenblicklich, von welchen "Problemen" sein Kontrahent sprach. Den Aliens war es anscheinend zu langweilig geworden, sich nur mit sich selbst zu befassen. Einige Exemplare des Homo Sapiens mußten doch noch aufzufinden sein...
"Was ist mit den beiden Piloten, Sir? Es ist fast fünf."
"Ich habe vor wenigen Minuten die Meldung bekommen, daß die Fähre gestartet ist, Sergeant. Checken sie ihr Anzeigen. Ich habe momentan Wichtigeres zu tun, als mich - das Schott, Barnes! Versiegeln sie das Schott!" Jetzt drangen Schreie aus dem Lautsprecher, panikerfüllte Schreie, dann Schüsse. Und schließlich das schrille, wütende Kreischen, das Hicks bereits so vertraut geworden war. Ein Poltern, wahrscheinlich hatte deVries das Mikrofon achtlos zur Seite geworfen, dann weitere Schüsse. Zuletzt ein weiterer Schrei: "Colonel, sie kommen aus dem - oh mein Gott!"
Keine Schüsse mehr. Nichts. Funkstille. Hicks starrte aus dem Cockpitfenster, das Sprechgerät in der Linken so fest umschlossen, daß die Knöchel weiß wurden. Die Station wirkte von hier wie immer, ein stählerner, funkelnder Koloß vor der grandiosen Kulisse des samtschwarzen Sternenhimmels. Alles wirkte ruhig. Und doch waren dort drüben soeben die letzten auf ihr befindlichen Mitglieder der menschlichen Rasse dahingemetzelt worden. Er ließ die Hand sinken, blickte auf die Scanneranzeige, als ihm die letzten Worte des Colonels wieder in den Sinn kamen. Tatsächlich war da ein winziger, leuchtender Punkt zu sehen, der sich stetig durch die Atmosphäre auf sie zubewegte. Er hatte sein nächstes Ziel erreicht. Vermutlich. Sofern dies nicht eine Finte war und dem Shuttle anstelle der beiden Piloten ein Stoßtrupp Marines entstieg. Würden sie solch ein Risiko eingehen? Hicks schätzte nein. Aber es war mit Sicherheit nicht verkehrt, wenn sie für die Ankunft der Fähre gewappnet waren.
"Ray? Ray!" Frost zeigte keine Regung. Erst als Hicks ihn energisch an der Schulter schüttelte, blickte er schlaftrunken und einen kurzen Blick lang völlig desorientiert auf. Erst langsam sickerte die Realität wieder in sein Bewußtsein.
"Was- was ist los?"
"Alles okay, Ray," beruhigte ihn Hicks. "Die Fähre ist auf dem Weg. Sehen sie zu, daß sie richtig wach werden. Jetzt geht es bald los."
Mühsam setzte sich Frost auf und streckte sich.
"Ist irgend etwas passiert, während ich..."
"Gerade eben haben die Aliens die Einsatzzentrale überrannt."
Frost blickte ihn sekundenlang nur an.
"Oh mein Gott... Glauben sie, daß..." Er gab sich selbst die Antwort. "Nein, wahrscheinlich nicht. Wir sind jetzt die einzigen hier oben, nicht wahr?"
"Sieht so aus."
"Vielleicht macht es uns das leichter?"
Hicks zuckte die Achseln.
"Wir werden sehen." Er starrte wieder hinaus.
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Ripley spürte das ihr bereits bestens vertraute Gefühl des Unbehagens in ihr hochsteigen, als die Fähre vom Terminal zurückzog und das Vibrieren der Triebwerke jäh von einem sanften Murmeln zu einer entfesselten Urkraft sprang. Nach all ihren fürchterlichen Erlebnissen hatte sie sich geschworen, nie wieder einen Fuß in ein Raumschiff zu setzen, und nun befand sie sich doch wieder an Bord eines Shuttles mit Kurs auf die amerikanische Raumstation GATEWAY STATION. Nicht genug damit, so hatte sie auch noch Grund zu der Annahme, daß ihr Aufenthalt dort alles andere als ein Vergnügen darstellen würde. Mit ihren Ahnungen lag sie selten falsch. Wieder sah sie Newt's Gesicht vor sich, als sie die Kleine mitten in der Nacht aufgeweckt hatte, um ihr zu erklären, weshalb sie schon wieder fort mußte. Das Mädchen war zunächst zusammengezuckt, als sie aufgewacht war, war vom Tiefschlaf zu hellwachem Bewußtsein und sofortiger Fluchtbereitschaft übergewechselt. Es würde noch lange dauern, bis sie diesen Instinkt verlieren würde, hatte Ripley traurig gedacht. Sie hatte kaum etwas sagen müssen, mit ihrer bewundernswerten Beobachtungsgabe hatte Newt sofort gemerkt, daß etwas nicht stimmte. Und sie kannte ihre Beschützerin schließlich lange genug, um zu wissen, was dies bedeutete.
"Du mußt weggehen, nicht wahr?"
Ripley nickte beklommen. Sie wollte ganz ehrlich zu Newt sein. Das Mädchen verdiente, daß man ihm die Wahrheit sagte.
"Ja, Newt. Es gibt Ärger. Ich glaube, daß Hicks mich dort oben braucht."
"Wirst du wiederkommen?"
Ripley hatte einen Kloß im Hals verspürt angesichts dieser kurzen, besorgten Frage. Sie wußte es nicht.
"Newt, ich weiß nicht, was dort oben vorgeht. Ich glaube aber, daß ich es zusammen mit Hicks schon schaffen werde. Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich nie wieder alleinlassen. Das verspreche ich dir." Sie umarmte das Mädchen und fühlte, wie diese die Liebkosung erwiderte. Newt wußte aus Erfahrung, daß Ripley's Versprechungen Gold wert waren, dennoch konnte sie ihre Furcht nicht unterdrücken. Sie wußte, daß sie sich an einem sicheren Ort befand, daß der nette junge Mann, bei dem sie wohnten, nur das Beste für sie wollte, aber die Furcht, Ripley könnte etwas passieren, war nicht einfach beiseite zu wischen. Dennoch nickte sie tapfer, als Ripley ihr erklärte, daß Ben in den nächsten Tagen auf sie aufpassen werde, bis sie wieder zurück sei.
Ein Schauer lief Ripley über den Rücken, als sie an Newt's letzte Worte dachte, die diese geäußert hatte, als sie schon fast das Zimmer verlassen hatte.
"Es ist wegen ihnen, nicht wahr?"
Sie war stehengeblieben wie angewurzelt, bevor sie sich langsam umgedreht hatte. Newt hatte blaß gewirkt in dem bleichen Licht der Nachttischlampe. Stocksteif hatte sie auf ihrem Bett gesessen und ihr nachgeblickt. Ripley hatte tief einatmen und schließlich hilflos den Kopf schütteln müssen.
"Ich weiß es nicht, Newt. Ich habe Angst, daß es so sein könnte, aber ich weiß es nicht." Einige Augenblicke hatten sie sich über die Entfernung von vier Metern hinweg angeblickt, bevor sich Ripley schließlich abgewandt und das Zimmer verlassen hatte.
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Die Fahrt zum zwar modernen, doch sehr kleinen Shuttlehafen von Toronto hatte länger gedauert als der anschließende Flug nach Los Angeles. Am Terminal hatte Colonel Barrister bereits auf sie gewartet, offenbar entschlossen, ihr noch einmal ins Gewissen zu reden. Sie hatte ihn abgeblockt und ihn statt dessen gefragt, von welchem Flugsteig das Shuttle mit den beiden Piloten der PHOENIX abfliegen sollte, die sie mithochnehmen würden. Er hatte sie persönlich dorthin gebracht, da er - wie er sagte - nicht sicher sein konnte, ob Shaw's Leute nicht mittlerweile Wind davon bekommen hatten, daß Officer Ripley wieder aus der Versenkung aufgetaucht war, und er gedachte Hicks' Auftrag zumindest so gut zu erfüllen, wie er nur konnte. Was sollte er schon dagegen tun, wenn das Objekt seiner Bewachung darauf bestand, sich seiner Obhut zu entziehen?
Er hatte verschlossen und grimmig gewirkt, erinnerte sich Ripley, während das Shuttle allmählich höher in den frühmorgendlichen Sternenhimmel aufstieg, und so hatte sie ihn noch einmal gefragt, was er über die Situation wüßte. Barrister war Insider, und doch hatte er es ihr nicht mit letzter Gewißheit sagen können. Was er ihr allerdings verraten hatte, war bereits besorgniserregend genug: Die Raumstation war - bis auf eine kleine Einsatztruppe, die sich in der Zentrale verbarrikadiert hatte, restlos evakuiert und während der allgemeinen Panik anscheinend bedeutend beschädigt worden. GATEWAY's Kommandant, General Shaw, war von Hicks anscheinend als Geisel genommen und von diesem aus unklaren Gründen auf das verlassene Schlachtschiff USS PHOENIX gebracht worden.
Barrister hatte die Stirn gerunzelt und Ripley mit seinem forschenden Blick einige Augenblicke lang schweigend gemustert, bevor er sie schließlich gefragt hatte, ob sie wüßte, was der Sergeant vorhätte. Ripley hatte den Kopf schütteln müssen. Er würde sicher seine Gründe haben, hatte sie daher nur gesagt, aber in ihrem Innern sah es anders aus. Auch jetzt, wo sie hier im bequemen Sitz der noch immer aufsteigenden Fähre saß, hatte sie nur diesen Gedanken - was hatte Hicks vor? Er mußte irgendeinen Plan haben, er war nicht der Typ, der impulsiv seinen Ideen nachgab, ohne sich um die möglichen Konsequenzen zu kümmern. Oder? Als sie ihm zuletzt im Café der Station persönlich gegenüber gesessen hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, mit einem völlig Fremden zu reden - seine unübersehbare Nervosität, seine gedankliche Abwesenheit, schließlich als Höhepunkt der unbeherrschte Angriff auf einen Gast des Cafés ohne jeden ersichtlichen Grund... Nachdem Barrister sie über die Methoden des Generals, sich mit Hicks zu befassen, aufgeklärt hatte, konnte sie sein damaliges Handeln nun verstehen, offen blieb jedoch die Frage, ob er sich deswegen zu einem persönlichen Racheakt hatte hinreißen lassen. Aber das alleine konnte es doch nicht sein, oder? Egal, was er sonst noch angestellt hatte, um GATEWAY evakuieren zu lassen, bedurfte es mit einiger Wahrscheinlichkeit erheblich trifftigerer Gründe.
Sie kam nicht weiter. Grübelnd starrte sie aus dem Fenster hinaus in die Schwärze. Sie würde es bald erfahren. Wenn alles gutging, von Hicks höchstpersönlich. So lange würde sie warten müssen.
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Hicks verfolgte die Annäherung des Shuttles auf dem Schirm mit einem Gemisch aus Erleichterung und Nervosität. Er hoffte, daß sie keine Tricks mit ihm versuchen würden. Es war bis hierher schon schwierig genug gewesen, es war langsam an der Zeit, daß auch einmal etwas klappte. Er hob den Blick und musterte den noch immer reglosen General, dann seinen jugendlichen Partner. Der Schlaf - auch wenn es nur eineinhalb Stunden gewesen waren - hatte Frost sichtlich gutgetan. Als er spürte, daß er beobachtet wurde, wandte er den Kopf und raffte sich zu einem ermutigenden Lächeln auf. Hicks erwiderte es, so gut er konnte. Schließlich richtete er den Blick wieder auf die Anzeigen. Fast im gleichen Augenblick ertönte eine Stimme aus dem Funkgerät.
"GATEWAY STATION, hier Shuttle Alpha. Erbitte Instruktionen für Landeanflug. GATEWAY STATION, bitte kommen. Shuttle Alpha, Ende."
Hicks beugte sich vor.
"Shuttle Alpha, hier USS PHOENIX. Auf GATEWAY ist niemand mehr am Leben, der ihnen antworten könnte. Ändern sie ihren Kurs um Punkt 1,9 und kommen sie durch die Steuerbordschleuse rein. PHOENIX over."
Eine kurze Pause entstand.
"Sergeant Hicks?"
"Derselbe. Captain Williams, nehme ich an?" Wieder dauerte es einige Sekunden. Hicks fragte sich, was man den beiden Piloten erzählt hatte. Erwarteten sie, hier auf einen amoklaufenden Psychopathen zu stoßen?
"Was ist auf GATEWAY geschehen, Sergeant´?"
"Darüber können wir uns unterhalten, wenn sie an Bord sind. Wechseln sie jetzt ihren Kurs. PHOENIX Ende." Der hellgrün leuchtende Punkt auf der Anzeige änderte die Richtung und kam jetzt direkt auf das titanische Schlachtschiff zu. Hicks wandte sich zufrieden vom Monitor ab und widmete sich dem Bordcomputer, um die Schleuse zum Steuerbordhangar zu öffnen. Es kostete ihn nur wenige Sekunden, und doch hatte das Shuttle, als er schließlich wieder hochblickte, sie fast erreicht. Er begegnete Frost's Blick, hob aufmunternd eine Braue. "Na bitte. Es geht voran."
"Ja..." Frost wirkte nicht gerade übermäßig erleichtert. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:" Wenn sie nur nicht noch jemand anderen mitbringen..."
Hicks schüttelte den Kopf und tippte mit dem Knöchel gegen den Monitor.
"Das können wir kontrollieren, keine Sorge." Mit einem Seitenblick auf Shaw fragte er: "Wie lange wird er noch weg sein?"
Frost zuckte die Achseln.
"Vielleicht noch zwei, drei Stunden. Vielleicht auch weniger. Er ist ziemlich robust. Wie verkraften sie's?"
Hicks erwiderte die Geste.
"Ganz gut. Ich werde schon nicht einschlafen. Jetzt nicht mehr." Das stimmte, nach einem intensiven Hänger in den letzten paar Stunden fühlte er sich zum ersten Mal wieder ein wenig frischer. Er wußte nicht, woher diese Verbesserung stammte, aber das war auch nicht wichtig. Er fühlte sich fit genug für den letzten Teil seiner Operation. Zumal das Alien sich in den letzten eineinhalb Stunden nicht bewegt hatte. Vielleicht hatte das Morphium es betäubt, vielleicht ruhte es sich aber auch nur für die große Anstrengung aus, die noch vor ihm lag. Wie auch immer, der Grund konnte ihm relativ egal sein, zumal das zu erwartende Endergebnis dadurch nicht beeinträchtigt wurde. Hicks setzte sich zurecht und verfolgte die Landung des Shuttles. Keinerlei Probleme. Wenn der Rest der Operation ebenso ablaufen würde, könnte er sich glücklich schätzen. Aber das war nicht zu erwarten.
Sein Blick ruhte auf dem Monitor, während das Außenschott sich schloß und der Druckausgleich in der Vorschleuse vollzogen wurde, bevor sich diese öffnete und die Fähre in den riesenhaften Hangar niederschweben und dort schließlich sanft aufsetzen ließ. Einige Sekunden lang passierte gar nichts, dann wurde die Tür an der Backbordseite der Fähre geöffnet und ein in einen grauen Overall und eine Pilotenjacke gekleideter, farbiger Soldat trat vorsichtig hinaus. Er schien unbewaffnet zu sein. Zumindest konnte Hicks nichts Gegenteiliges erkennen. Er aktivierte den Hangarlautsprecher.
"Willkommen an Bord, Captain Williams. Ich wäre ihnen dankbar, wenn sie und ihr Co-Pilot sich ohne jede weitere Verzögerung auf die Brücke begeben würden. Den Weg kennen sie ja. Sie sollten nur daran denken, daß ich sie die ganze Zeit sehen kann. Ersparen sie sich und allen Beteiligten eine Menge Ärger und unterlassen sie jeden Trick, den sie sich vielleicht vorgenommen haben. Wenn sie sich an das halten, was ich ihnen sage, haben sie überhaupt nichts zu befürchten."
Das elektronische Abbild des Captains auf dem Monitor öffnete den Mund, doch da kein Mikro in der Nähe war, entging Hicks der genaue Wortlaut. Immerhin erschien jetzt ein zweiter Mann an der Tür der Fähre und betrat den riesenhaften Hangar. Er blickte sich um und sagte etwas ebenso Unhörbares, als eine Bewegung an der Fährentür Hicks' ungeteilte Aufmerksamkeit erregte.
"Verdammt, sie haben also doch -" Er stockte und riß die Augen auf, als die Gestalt aus dem Dunkel der Fähre ins gleißende Licht trat. Hicks stockte der Atem. "Oh mein Gott!" Er spürte kaum, wie Frost, der bis dahin neben ihm gestanden hatte, sich vorbeugte, um einen besseren Blick zu bekommen.
"Wer ist das?" Er starrte Hicks an, der - sichtbar aus der Bahn geworfen - noch immer ungläubig auf den Monitor starrte.
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Ripley stockte der Atem, als sie die begrenzte Enge des Shuttles verließ und den ersten Schritt hinaus in den riesenhaften Hangar der PHOENIX setzte. Es war ja nicht etwa so, als betrete sie zum ersten Mal ein großes Schiff, auch die Nostromo und die Sulaco hatten alles andere als sparsame Abmessungen besessen, dennoch war der Anblick, der sich ihr jetzt bot, etwas völlig anderes. Für eine Sekunde vergaß sie, weshalb sie hergekommen war, und blieb stehen, um einen überwältigenden Rundumblick zu bekommen. Der Hangar schien endlos zu sein. Ihr Blick glitt über vier größere Jagdschiffe und mehrere Shuttles, über Regale und Container mit Tonnen neuester Ausrüstung, über Maschinen, die sie noch nie gesehen hatte. Erst die Stimme des Captains riß sie aus ihren Betrachtungen. Sie wandte den Kopf und sah ihn gemeinsam mit seinem Kopiloten am Ausgang stehen.
"Kommen sie?"
Wortlos folgte sie ihren beiden Begleitern, sich auf dem Weg weiter umsehend. Der Moment der Bewunderung war allerdings vorbei, denn die unnatürliche Stille und das Echo ihrer Schritte in den metallenen Korridoren des Schiffes erinnerten sie wieder daran, daß dies keine normale Besichtigungstour war. Das kalte Gefühl in ihrer Magengegend stellte sich unvermittelt wieder ein, als sie an den Grund ihres Besuchs hier oben dachte. Sie atmete tief durch.
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Hicks, der jeden ihrer Schritte auf dem Monitor verfolgt hatte, lehnte sich schwer zurück, ohne sich des besorgten Blickes seines Helfers überhaupt bewußt zu sein. Ripley - an Bord der PHOENIX !!! Es konnte nicht wahr sein! Es durfte nicht wahr sein! Was war passiert? Hatte Barrister ihn angelogen? Er hatte gesagt, sie wäre irgendwo in Kanada, in Sicherheit, weit entfernt vom Zugriff des Generals. Hatte "The Bear" ihn nur beruhigen wollen? Hatte er ihn am Ende sogar hintergangen und Ripley seinem Gegner ausgeliefert? Das konnte nicht sein, oder? Barrister log nicht! Trotzdem - wie war es möglich, daß... Er fuhr sich über die Stirn, während die Gedankenfetzen durch seinen Kopf jagten. Weshalb war sie hier? Während er die zweidimensionalen Bilder verfolgte, die die Überwachungskameras ihm lieferten, gewann er zunehmend den Eindruck, daß Ripley keinesfalls so wirkte, als sei sie gegen ihren Willen hier oben. Er konnte sich täuschen, dennoch sah es so aus... Es wäre möglich. Er kannte sie gut genug, um ihr das zuzutrauen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, führte sie es durch, ganz gleich mit welchen Konsequenzen.
Hicks atmete tief durch und berührte die Gestalt auf dem Bildschirm mit dem Finger.
"Was soll das, Ellen? Was willst du hier oben?"
"Wer ist das?"
Hicks blickte auf.
"Ellen Ripley. Sie war mit uns auf Acheron. Sie war die erste, die den Aliens begegnet ist. Und die einzige, die beide Begegnungen überlebt hat." Er erhob sich ruckartig und blieb vor Frost stehen, der ihn verwirrt anblickte.
"Warum ist sie hier? Sie gehört doch nicht zur Crew der PHOENIX, oder?"
"Nein." Die beiden Piloten und Ripley waren jetzt beim Aufzug angelangt, der sie zur Brücke hochbefördern würde. Was immer es auch war, sie würden es bald genug herausfinden. Hicks trat in die Mitte der Brücke und wandte Frost den Rücken zu, während er nachdenklich zu dem blauschimmernden Planeten hinausblickte, der unterhalb der Raumstation gerade noch eben sichtbar war. Ein helles Signal verkündete die Ankunft des Aufzugs. Er drehte sich um.
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"Ms Ripley?" Captain Williams blieb stehen und drückte die Taste für den Aufzug, während er sich nach ihrem Fluggast umwandte. "Ich habe das vorhin nicht so ganz mitbekommen. Wie war das noch, sie kennen diesen Verrückten, der uns das hier alles eingebrockt hat?"
Der Captain der PHOENIX war über den abrupten Abbruch seines Erdaufenthalts noch immer erbost, auch wenn eine Stimme in seinem Kopf beharrlich verkündete, daß er dem General so etwas schon immer gewünscht hatte. Es war einmal an der Zeit, dem selbstherrlichen und skrupellosen Shaw eine Lektion zu erteilen, vielleicht würde er dann in Zukunft mit dem Verteilen der Selbstmordkommandos ein wenig zurückhaltender sein, wenn er selbst einmal den Geschmack der Lebensgefahr gekostet hatte. Williams hatte bereits einige langjährige Kameraden bei Missionen verloren, über die er nur den Kopf hatte schütteln können. Nein, er wünschte Shaw nicht gerade das Beste, auch wenn diese Situation vielleicht ein wenig übertrieben sein mochte.
Dennoch galt es nach außen hin den Schein zu wahren, sich linientreu zu geben, insbesondere Keyes gegenüber. Er hatte mit dem undurchsichtig wirkenden Ersten Offizier noch nie zusammengearbeitet, und daß sie ihm gerade für diese heikle Angelegenheit nicht seinen langjährigen Kameraden sondern einen Fremden an die Seite gestellt hatten, verwirrte ihn sehr. Zumal es ihm nicht in den Kopf wollte, wie sich der Pilot mit den Feinheiten der PHOENIX auskennen sollte. Es war ein ganz spezielles Schiff, ein wunderbares Schiff, aber eben anders, und auch wenn man ihm versichert hatte, Keyes hätte alles nötige Wissen in Intensiv-Seminaren und Simulatoren erworben, so war das doch etwas anderes als ein tatsächlicher Flug durchs All. Wozu, verdammt noch mal, waren sie denn sonst auf diesen viermonatigen Probeflug gegangen? Er streifte seinen Ersten mit einem Seitenblick und beschloß, diesem keinen Anlaß zu irgendeiner Bemerkung zu geben. Keyes wirkte extrem linientreu, und anderes konnte einem im Corps böse das Genick brechen. Williams würde sich keine Schwäche geben.
"Hicks ist nicht verrückt," erwiderte Ripley fest. Williams hob eine Braue.
"Ach nein? Dann finden sie es also völlig normal, daß er - "
"Reden sie keinen Blödsinn," unterbrach sie ihn heftig. "Natürlich ist es für mich nicht normal. Er muß einen guten Grund haben."
"Einen guten Grund, wie?" Keyes stieß schnaubend die Luft aus. "Das rechtfertigt es für sie, hier oben Amok zu laufen und den rangobersten Offizier zu kidnappen? Ich weiß nicht... Weshalb sind sie überhaupt hier? Wer schickt sie?"
Ein helles Klingen ertönte und die Aufzugtüren öffneten sich. Die beiden Piloten ließen ihr den Vortritt. Ripley wandte sich um, als die Kabine sich wieder schloß und anfuhr.
"Niemand schickt mich. Ich bin aus eigenem Antrieb hier. Ich dachte, ich könnte vielleicht helfen."
"Wem? Ihm oder uns?"
Sie zog es vor, nicht auf Williams' Frage zu antworten. Statt dessen starrte sie angestrengt auf die Leuchtanzeige über der Schaltkonsole. Die Kabine schien sich nicht zu bewegen, trotzdem schienen sie, wenn es nach der Anzeige ging, fast oben zu sein. Wieder das helle Signal. Die Türen glitten beiseite und gaben den Blick frei auf die nahezu riesenhaft anmutende Brücke des titanischen Schlachtschiffes. In der eher sparsamen Beleuchtung konnte sie zwei Gestalten erkennen - einen jungen, ihr unbekannten Schwarzen, der, ihnen zugewandt, nur wenige Meter von ihnen entfernt vor der Steuerkonsole stand. Er hielt eine Waffe auf sie gerichtet. Die andere Gestalt befand sich direkt vor der großen Frontscheibe, eine reglose Silhouette vor dem Hintergrund des Alls. Die Figur wirkte vertraut.
"Dwayne?"
Er war es. Natürlich war er es, aber gleichzeitig war er es auch nicht. Er hatte sich verändert, so kolossal, daß Ripley bereits ein einziger Blick genügte, um den Wechsel wahrzunehmen. Hicks wirkte ruhig, geradezu übernatürlich ruhig, wie er dort vorne mit locker vor der Brust verschränkten Armen dastand; zugleich schien eine Eiseskälte von ihm auszugehen. Als habe er alles, was zuvor seine Persönlichkeit ausgemacht hatte, in einen Tresor tief in seinem Innern vergraben und den Schlüssel dazu weggeworfen. Der Mensch, der dort vorne stand und sie mit stechendem, intensiven Blick sekundenlang ohne jede sichtbare Regung musterte, der Mensch war ihr fremd.
Sie riskierte einen kurzen Seitenblick, um zu erkunden, wie ihre beiden Begleiter das sich ihnen bietende Szenario aufnahmen, und erkannte auf deren Gesichtern eine Mischung aus Neugier, Ungeduld und Skepsis. Offensichtlich hatten sie erwartet, hier von einem rasenden Maniac empfangen zu werden. In dieser Verfassung hatte sie Hicks bereits erlebt, es wäre ihr fast lieber gewesen als dieses kalkulierende, abwartende Mustern. In dem gedämpften Licht der Brücke konnte sie sein Gesicht nicht deutlich erkennen, dennoch fühlte sie seinen Blick jetzt auf ihr ruhen, nachdem er die beiden Piloten ausgiebig gemustert hatte. Kein Lächeln, noch nicht einmal die Andeutung. War er denn nicht froh, sie zu sehen? Was ging nur in ihm vor? Einen Augenblick lang huschte der Gedanke, er habe tatsächlich einen Nervenzusammenbruch erlitten, durch ihren Kopf; mit dem nächsten Pulsschlag wischte sie ihn wieder beiseite.
Nach endlosen Sekunden gegenseitigen Abschätzens nickte Hicks dem jungen Farbigen, der noch immer den Revolver auf sie gerichtet hielt, knapp zu, woraufhin dieser einige Schritte auf sie zutrat und auf Waffen durchsuchte. Seine Bewegungen waren langsam und unsicher; es war ihm deutlich anzumerken, daß er dergleichen noch nie zuvor getan hatte. Dennoch war er gründlich. Es dauerte eine Weile, bevor er sich wieder Hicks zuwandte.
"Alles klar. Sie sind sauber." Er trat zurück. Erst jetzt fiel Ripley auf, wie jung er sein mußte. Er wirkte kaum älter als 16 oder 17 Jahre. Wie war er in diese Situation geraten? Hatte Hicks noch eine weitere Geisel genommen? Und weshalb? Was wollte er erreichen? Fragen über Fragen, alle brannten sie ihr auf der Zunge, dennoch schwieg sie. Für einen Augenblick war nur das Vibrieren der Generatoren und der Instrumente zu hören, bevor Hicks schließlich einen Schritt aus dem Schatten heraus auf sie zutrat.
"Captain Williams? Officer Keyes?" Sein Blick blieb an dem bulligen Captain hängen. "Es freut mich, sie endlich an Bord zu haben. Auch wenn ein "Herzlich Willkommen" in dieser Situation sicher nicht passend wäre."
Williams starrte ihn an.
"Sie sind also der Verrückte, der das Chaos auf GATEWAY verschuldet hat? Sie ganz alleine? Das ist schwer zu glauben!"
Hicks zeigte keine Regung.
"Sie brauchen es auch nicht zu glauben, Captain Williams, weil es nämlich nicht wahr ist. Mit den Vorgängen auf GATEWAY STATION habe ich nichts zu tun. Vielleicht sollten sie statt dessen lieber ihren obersten Vorgesetzten hier fragen..." Er deutete mit einer Handbewegung vage in die Richtung des noch immer reglosen Generals. Williams verengte die Augen.
"Was haben sie mit ihm gemacht? Sie haben doch nicht etwa -"
"Keine Angst, er schläft nur. Obwohl er weiß Gott etwas anderes verdient hätte." Er atmete aus. "Auf GATEWAY ist kein Mensch mehr am Leben, und das ist alleine sein Verdienst. Ich weiß nicht, was die ihnen da unten erzählt haben, aber von dem, was hier oben abgelaufen ist, können sie keine Ahnung haben. Das war ganz alleine General Shaw's Baby. Sie können ihn nachher gerne danach fragen. Er wird vermutlich nicht mehr allzu lange weg sein. Apropos weg sein, wir können uns gerne noch länger über diese ganzen Zusammenhänge unterhalten, aber wie sie vielleicht mitgekriegt haben, sind wir nicht eben mit Zeit gesegnet. Wir sollten uns auf den Weg machen."
"Auf den Weg wohin?" fragte Keyes. "Was wollen sie überhaupt von uns?"
Hicks hatte den Ersten Offizier zuvor nur mit einem oberflächlichen Blick gestreift, doch als er sich jetzt dem Piloten zuwandte, begann irgendwo in den Untiefen seines Unterbewußtseins eine Glocke zu läuten. Das Gesicht kam ihm bekannt vor. Er verengte die Augen, als er es einzuordnen versuchte.
"Sagen sie, kennen wir uns nicht ?" Die fast farblos hellen Augen des Offiziers musterten ihn ausführlich. Das Kopfschütteln kam dann erstaunlich schnell und mit großer Sicherheit.
"Ich sehe sie heute ganz sicher zum allerersten Mal, Sergeant," erwiderte Keyes. "Tatsächlich habe ich heute auch ihren Namen zum ersten Mal gehört. Ich besitze normalerweise ein sehr gutes Personengedächtnis. Wenn wir uns schon einmal begegnet wären, wüßte ich das."
"Hm." Es war Hicks anzusehen, daß er mit dieser Antwort nicht zufrieden war. Aber so sehr er sein Gehirn auch zermarterte, so konnte er doch weder einen Ort noch ein Datum mit dem durchtrainierten und schnell wirkenden Offizier in Verbindung bringen. Keyes hatte die Augen eines Dobermanns, abwartend, beobachtend und extrem wachsam. Hicks machte sich im Hinterkopf eine Notiz, den Piloten keine Sekunde aus den Augen zu lassen.
"Wie lautet die Antwort auf meine Frage, Sir?" wiederholte Keyes schließlich. "Was wollen sie von uns?"
Hicks holte tief Luft.
"Wir werden eine kleine Kreuzfahrt unternehmen. Deswegen habe ich sie hochholen lassen. Wie gesagt, ich weiß nicht, was man ihnen erzählt hat, was sie hier erwarten könnte, aber ich garantiere ihnen, daß sie - wenn sie sich an die Spielregeln halten - in nicht einmal 24 Stunden das Ganze hinter sich haben werden. Ich habe nicht vor, ihnen oder irgend jemandem sonst etwas anzutun; ich brauche sie lediglich in ihrer Eigenschaft als Piloten. Das hier ist ein wunderschönes Schiff, mit dem man sicher eine ganze Menge unternehmen kann, aber leider kenne ich mich mit der Technik nur zum Teil aus. Zumindest mit dieser hier. Das alleine ist ihre Aufgabe. Setzen sie die PHOENIX in Bewegung und bringen sie sie auf den Kurs, den ich ihnen angeben werde. Um mehr geht es nicht."
Die beiden Piloten tauschten einen unbehaglichen Blick. Schließlich wandte sich Williams wieder Hicks zu, der den Austausch der beiden wortlos mit angesehen hatte.
"Was werden sie tun, wenn sie an ihrem Ziel angelangt sind? Wo immer das auch sein mag."
"Nichts, was ihnen Sorgen bereiten müßte, Captain. Zerbrechen sie sich nicht meinen Kopf. Bringen sie die PHOENIX zum Laufen, und sie werden diese kleine Episode schneller vergessen haben, als sie wahrhaben wollen." Er deutete mit einem Kopfnicken auf die Konsolen.
Zögernd trat Williams vor. Er blieb vor seinem Platz stehen und betrachtete die Anzeigen und den Sessel nachdenklich einige Sekunden lang, bevor er sich schließlich hineingleiten ließ. Das war das Signal für Keyes, seinem Beispiel zu folgen. Der Erste Offizier konnte aber nicht umhin, Hicks noch einen unergründlichen Blick zu schenken, als er an ihm vorbei zu seinem Platz schritt.
Finger begannen über Tasten zu huschen, als sich die Aufmerksamkeit der Piloten auf das Schiff und die vor ihnen liegende Aufgabe zu konzentrieren begann. Eine Weile sah Hicks ihnen ruhig zu, dann drehte er sich - fast als sei sie ihm eben wieder eingefallen - wieder Ripley zu, die noch immer reglos dort stand, wo sie vor wenigen Minuten aus dem Aufzug getreten war. Hicks brauchte Frost keinen Wink zu geben, der junge Biologe verstand auch so, was von ihm erwartet wurde. Ohne ein weiteres Wort schritt er an Hicks vorbei zu seinem Platz, von dem aus er die Neuankömmlinge gut im Auge behalten konnte.
Hicks atmete tief durch.
"Hi Ellen. Das... ist eine ziemliche Überraschung."
Sein Gesichtsausdruck war undeutbar. Unbehagen begann sich in Ripley zu regen. Sie fühlte sich seltsam bloß unter seinem stechenden Blick. Unbehaglich, ihm gegenüberzustehen. Nie hätte sie geglaubt, daß sie ihm einmal solche Gefühle entgegenbringen würde. Aber - sie konnte sein Verhalten einfach nicht einordnen. Sie versuchte es mit einem Lächeln.
"Vermutlich schon. Ich bin froh, dich zu sehen."
Er erwiderte das Lächeln, aber es erreichte seine Augen nicht. Im nächsten Augenblick war auch dieser winzige Anflug wieder verschwunden.
"Ja? Ich nicht."
Ripley runzelte verwirrt die Stirn. Was um alles in der Welt -
Schließlich gab Hicks seine starre Haltung auf und trat einige Schritte näher. Ripley atmete scharf ein, als sie ihn jetzt so unmittelbar vor sich sah. Der Schatten, in dem er bisher gestanden hatte, hatte einiges kaschiert.
"Ich hatte geglaubt, du und Newt, ihr wärt jetzt irgendwo dort unten in Barristers Obhut - in Sicherheit. Einige Leute haben eine Menge Risiken auf sich genommen, um das zu gewährleisten. "Bear" selbst hatte mir versprochen, auf dich aufzupassen. Und trotzdem stehst du jetzt hier vor mir. Ich kann nicht behaupten, daß mich das besonders glücklich macht. Nicht, daß ich so etwas nicht schon geahnt hätte..." Er blickte sie unverwandt an. "Was tust du hier oben? Haben sie -" er deutete mit einem Kopfnicken auf die beiden Piloten - "dich mitgeschleift? Gehört das irgendwie zum Plan des Corps gegen mich?"
Ripley wich seinem Blick nicht aus.
"Ich bin aus eigenem Antrieb hier. Ich dachte, du bräuchtest vielleicht Hilfe..."
Der winzige Anflug eines Lächelns spielte um seine Mundwinkel. Eines Lächelns, das sie von ihm nicht kannte.
"Ach ja? Wie bist du auf die Idee gekommen? Wobei wolltest du mir helfen?"
Allmählich spürte sie Ärger in sich hochsteigen. Hier war sie, hatte ihren sicheren Aufenthaltsort verlassen, sich gegen Barrister durchgesetzt und sich - obwohl zu Hause Newt auf sie wartete - wieder einmal wider besseren Wissens für jemand anderen in Gefahr begeben, und dieser Jemand zog es anscheinend vor, ihr entschieden merkwürdig zu kommen.
"Wie ich auf die Idee gekommen bin? Das werde ich dir sagen! Als dein Anruf mich neulich morgen aus dem Schlaf riß, hast du ausgesehen, als wäre ein Panzer über dich hinweggefahren! Und das wenige, was du mir erzählt hast, hat sich auch nicht gerade beruhigend angehört, obwohl es ja anscheinend nur das Allernötigste war. Der Colonel hat auch nicht gerade viel dazu beigetragen, die Situation für mich klarer zu machen. Nach allem, was ich mir zusammenreimen konnte, steckst du bis über beide Ohren in einer verdammt gefährlichen Lage, und Newt und ich sind irgendwie damit verbunden. Was hast du denn von mir erwartet? Du kennst mich! Denkst du, ich verstecke mich in irgendeinem Loch und warte ab, daß jemand anders den Kopf für mich hinhält, wenn er eigentlich eher meine Hilfe bräuchte? Du weißt, daß ich nicht der Typ dazu bin. Außerdem muß ich endlich wissen, was hier vor sich geht." Sie blickte ihm fest ins Gesicht. "Was ist es, Dwayne? Was ist hier los? Ist es das, was ich denke?"
Er hielt ihrem Blick stand, blinzelte nicht einmal.
"Ich weiß nicht. Was genau denkst du?"
Da war sie, die Zehn-Millionen-Dollar-Frage. Ripley atmete tief ein. Jetzt, wo der Augenblick der Wahrheit endlich gekommen war, hatte sie Angst, sie zu stellen.
"Ist es... wegen ihnen?" Die Brücke der PHOENIX hatte für sie aufgehört zu existieren. Sie sah nur Hicks, sah in seinen Augen kein schockiertes Zurückzucken, kein Nichtverstehen. Er wußte nur zu gut, wen sie meinte. Sie sah ihn an. Sah, wie er den Mund öffnete und ein einziges, unglaubliches Wort sagte.
"Ja."
Nur vage war sie sich bewußt, daß sie den Atem angehalten hatte. Sie ließ die verbrauchte Luft aus ihren Lungen strömen, fühlte sich, als habe ihr jemand einen Schlag in den Magen versetzt. Sie hatte es geahnt, oder? Die ganze Zeit hatte sie es geahnt und die Wahrheit so geschickt versteckt, daß sie sie selbst nicht wahrhaben wollte. Newt hatte es ebenfalls gewußt, nur war Newt nicht so feige gewesen, diese Wahrheit tief in ihrem Unterbewußtsein zu verbergen. Ein einziges Wort, hinter der sich eine gewaltige Bedeutung verbarg. Irgendwie blieb ihr Blick an der dünnen, roten Narbe in Hicks' Gesicht hängen. Ihr wurde schwindelig.
"Oh mein Gott..."
Jetzt endlich kam er auf sie zu, legte den Arm um sie und führte sie zu einer der Konsolen. Kraftlos ließ sie sich in den Sessel gleiten. Ihre Beine fühlten sich mit einem Mal an, als seien sie aus Gelee. Mehrere Augenblicke vergingen, in denen sie durch den leeren Bildschirm vor sich hindurch starrte, während sie versuchte, Hicks' Antwort zu verdauen. Schließlich blickte sie auf.
"Wie lange schon?"
"Was?"
"Wie lange sind sie schon hier?" Irgendwo in den Tiefen des Schiffes sprangen mit einem mächtigen Dröhnen die Haupttriebwerke an und ließen den Boden kaum merklich vibrieren. Sie bemerkte es kaum.
"Ungefähr einen Monat. GATEWAY haben sie allerdings erst innerhalb der letzten acht Stunden leergeräumt. Das heißt, die meisten sind zwar evakuiert worden, aber wie ich das mitbekommen habe, haben auch viele es nicht mehr geschafft... Viele von uns, meine ich," fügte er nach einem kurzen Zögern und mit einem Seitenblick zu Williams und Keyes hinzu. Diese hielten in ihren Bemühungen inne. Williams zog die Stirn in Falten.
"Ich verstehe kein Wort. Wovon reden sie überhaupt? Wer sind sie?"
"Aliens. General Shaw's Lieblingsspielzeug. Eine aggressive außerirdische Lebensform, die andere auslöscht, wo immer sie auch auf sie trifft. Ich hatte gerade erst auf Acheron mein gesamtes Platoon gegen diese Bastarde verloren, und das einzige, woran dieser Mistkerl denken konnte, war, sie auf Teufel-komm-raus nach GATEWAY zu holen! Das ist der Grund, weswegen die Station evakuiert werden mußte, Gentlemen, nicht ich! Ich versuche lediglich, die Dinge wieder einigermaßen geradezubiegen. Für einige allerdings werden auch meine Bemühungen zu spät kommen." Hicks starrte Williams über die Entfernung von fünf Metern hinweg an. Die Skepsis im Gesicht des Captains schien jedoch schier undurchdringlich zu sein. Schließlich zuckte er die Achseln und blickte wieder zu Ripley hinunter.
Als Newt und ich dich vor ein paar Wochen hier oben besucht haben, waren... waren sie da schon da?"
Er nickte. "Und ... wußtest du schon davon?" Er nickte abermals. Ripley konnte es noch immer nicht begreifen.
"Nicht nur das. Ich habe ihnen jeden Tag in den Weyland Yutani-Labors gegenübergestanden. Ich bin sozusagen hauptberuflich zum Berater in Alienangelegenheiten umfunktioniert worden."
Sie schüttelte wie betäubt den Kopf.
"Aber... warum hast du es mir nicht erzählt? Ich dachte, wir hätten uns damals nach der Befragung geschworen, dem anderen mitzuteilen, wenn es jemals zu -"
"Shhht -" Er hob beschwichtigend die Hand. Es war ihr unbegreiflich, wie er so ruhig bleiben konnte. "Langsam, langsam. Ich weiß, was ich dir versprochen habe. In diesem Fall konnte ich es nicht halten."
"Weshalb nicht?"
"Weil daß euer Tod gewesen wäre. Ich hatte es dir neulich bereits angedeutet, daß der General mich in der Klemme hatte: Nur ein falsches Wort von mir, und er hätte euch in seiner Gewalt gehabt. Ich wollte das Risiko nicht eingehen, euch vielleicht am nächsten Morgen im Geburtenwall der Aliens wiederfinden zu müssen."
Sie starrte vor sich hin. Natürlich, allmählich begann alles, Sinn zu machen. Hicks' merkwürdiges Benehmen damals, warum er über all die Wochen nie ihre Anrufe beantwortet hatte... Er mußte unter höllischem Druck gestanden haben. Immer noch stehen. Sie atmete tief durch. In das Schweigen hinein war plötzlich Keyes' Stimme zu vernehmen.
"Sie können mir nichts erzählen, Sergeant. General Shaw ist ein verdammt guter Soldat. Er würde niemals die gesamte Besatzung GATEWAYs wissentlich einer solchen Gefahr aussetzen oder die Ermordung von Zivilisten anordnen. Ich wette, diese ganze Story haben sie sich nur ausgedacht, um zu vertuschen, was wirklich abgelaufen ist!"
"Ich kann bezeugen, daß jedes einzelne Wort des Sergeants wahr ist," meldete sich Frost von seinem Sitz. Der Erste Offizier hob eine Braue.
"Wir hätten auch nichts anderes von ihnen erwartet, Junge. Schließlich helfen sie diesem Verrückten ja. Aus welchen Gründen auch immer."
"Ich sage ihnen aber -"
"Er ist ein Genetik-As von Weyland Yutani, Officer Keyes," unterbrach ihn Hicks ruhig. "Er kennt die Aliens in- und auswendig, wahrscheinlich besser als jeder von uns. Sie können ihm ruhig glauben, wenn sie mir schon nicht glauben."
"Und wenn das auch nicht reicht, dann fragen sie mich. Ich habe mich jetzt bereits zweimal mit diesen Bestien herumschlagen müssen, ich weiß, wovon ich rede. Die einzigen, die das nicht wissen, sind leider sie." Ripley verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schien sich zu fangen.
"Es ist ein Jammer, daß wir hier keine Aufnahmen von der SULACO oder dem Geschehen auf GATEWAY für sie haben," fügte Hicks hinzu. "Sie hätten sicherlich große Augen bekommen." Ihre Worte drangen nicht durch, das war offensichtlich. Zumindest bei Keyes. Was Williams dachte war schwer auszumachen. Er hatte sich in brütendes Schweigen zurückgezogen und wirkte ganz und gar in seine Aufgabe vertieft. Okay, er würde damit leben können. Solange sie nur die PHOENIX für ihn flogen, sollten sie von ihm aus glauben, was sie wollten. Er wechselte das Thema. "Wie weit sind sie mit ihren Vorbereitungen?"
Williams brauchte nicht erst auf den Bildschirm zu blicken, um die Antwort zu wissen. Nach dem viermonatigen Testflug hatte er ein Gefühl für dieses Schiff entwickelt.
"Noch etwa zehn Minuten. Vielleicht sollten sie schon einmal daran denken, mir den Kurs bekanntzugeben. Wenn sie es so eilig haben, sparen sie damit einige Minuten."
Hicks erhob sich von der Konsole, auf die er sich zur Hälfte gesetzt hatte, und durchschritt die Brücke, bis er vor dem Captain zum Stehen kam.
"Wir werden nach NEW BRISBANE fliegen. Allerdings nicht auf dem direkten Weg. Ich will, daß sie mir einen Kurs berechnen, der uns zwar in die Nähe, aber nicht direkt darauf zu führt. Die müssen nicht früher als nötig erfahren, wo wir hinwollen."
"Wozu? Was haben sie dort vor?"
"Das müssen sie nicht wissen, Captain. Aber keine Angst, ich habe keinesfalls vor, die Station anzugreifen. Zumal mir klar ist, daß wir selbst mit diesem Prachtstück von einem Schiff keine Chance hätten. Aber mein Ziel lautet sowieso anders. Sie konzentrieren sich am besten nur auf ihre Aufgabe." Der wütende Blick, mit dem Williams ihn bedachte, ließ Hicks kalt. Schließlich äußerte dieser kaum hörbar:
"Wieviel Abweichung wollen sie?"
"Wie bitte?"
"Wieviel Abweichung vom Kurs wollen sie? "
"Ich weiß, daß der kürzeste Weg nach NEW BRISBANE zehn Stunden dauert. Ich gebe uns zwölf. Dann müssen wir dort sein." Er wechselte noch einen langen Blick mit dem massigen Captain, bevor er sich wieder zu Ripley umdrehte. "Okay. Zehn Minuten also noch. Das ist mehr als genug Zeit."
"Zeit wofür?" Sie sah ihn fragend an.
"Zeit für dich, um wieder zum Hangar runterzugehen, das Shuttle startklar zu machen und zur Erde zurückzufliegen. Dein selbstloses Unternehmen in allen Ehren, aber erstens braucht jemand anders deine Hilfe sehr viel nötiger als ich, und außerdem will ich dich ums Verrecken nicht an Bord wissen, wenn die Sache hier richtig losgeht."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Miene wurde zu einer Maske der Entschlossenheit, die Hicks bereits kannte.
"Ich werde ganz sicher nicht zurückfliegen. Es war bereits schwierig genug herzukommen, und ein einziger Blick in dein Gesicht reicht mir, um zu sehen, daß du alle Hilfe brauchst, die du nur bekommen kannst!"
"Ich habe bereits Hilfe. Es kommt nicht in Frage, daß du -"
"Ich bleibe hier, egal, was du sagst. Es geht um die Aliens, und alles, was mit ihnen zu tun hat, ist vor allen Dingen auch meine Angelegenheit. Ich kenne mich mit ihnen aus."
"Um sie in die Luft zu sprengen, braucht man sich nicht mit ihnen auszukennen." Hicks war sich bewußt, daß mit einem Mal die Aufmerksamkeit aller Brückeninsassen auf ihn konzentrierte. Williams starrte ihn ungläubig an.
"Habe ich das eben richtig verstanden? Sie wollen GATEWAY STATION zerstören?"
"Allerdings." Hicks kam sich vor wie beim Blick in einen Dreifach-Spiegel; selbst Ripley schien eine Spur blasser geworden zu sein. Er schüttelte langsam den Kopf. "Anscheinend haben sie nicht richtig zugehört: Die Aliens haben die Station überrannt! Sie haben auf ihrem Weg ganze Platoons niedergemetzelt, Platoons, die dazu ausgesandt worden waren, sie aufzuhalten. Ich weiß nicht, wieviele Zivilisten sie getötet haben, aber alleine auf meinem Weg durch die Labors von Weyland Yutani habe ich einen ganzen Berg von Leichen gesehen! Es gibt keine Möglichkeit, die Station zu retten, es ist dort sowie niemand mehr am Leben. Aber wissen sie, was los sein wird, wenn auch nur einer dieser Bastarde es auf die Erdoberfläche schafft?" Er machte eine dramatische Pause, in der er auf das blaue Glühen seines Heimatplaneten hinausschaute, dessen Rand unterhalb der Station gerade noch sichtbar war. Als er schließlich wieder sprach, schwang, obwohl er die Worte fast flüsterte, unbedingte Entschlossenheit in seiner Stimme mit: "Ich werde es nicht dazu kommen lassen. Und wenn Sicherheit bedeutet, GATEWAY zerstören zu müssen, dann muß ich es eben tun."
Aus den Augenwinkeln fiel ihm eine winzige Bewegung aus der Richtung des Generals auf. Tatsächlich schien dieser allmählich wieder zu sich zu kommen. Hicks schüttelte langsam den Kopf und tauschte einen vielsagenden Blick mit Frost. Ein verdammt zäher Hund... Eine weitere Bewegung ließ ihn erstarren. Anscheinend wachte auch jemand anders wieder auf...
Ripley runzelte die Stirn.
"Was ist?"
Er winkte ab. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Er mußte Ripley von Bord kriegen, bevor sie erfuhr, was mit ihm los war. Andernfalls würde dies vollends zu einem Ding der Unmöglichkeit werden. Hinter sich hörte er Williams irgend etwas murmeln, achtete jedoch nicht weiter darauf, sondern richtete seine Aufmerksamkeit auf Ripley.
"Hör zu, Ellen: Du kannst hier oben nichts weiter tun. Die Dinge sind jetzt ins Rollen gekommen, und sie werden auch ohne dich weitergehen. Aber du wirst unten gebraucht. Von Newt. Ich brauche dich nicht zu erinnern, was sie bisher alles durchmachen mußte, du weißt, wie sehr sie an dir hängt. Du darfst es nicht riskieren, daß -"
"Hör mir mit dieser Masche auf, Dwayne," unterbrach ihn Ripley hitzig. "Glaubst du, wir werden jemals ruhig leben können, wenn wir nicht wissen, ob die Aliens nun tatsächlich ausgelöscht sind oder ob wir ihnen vielleicht eines Tages auf der Erde gegenüberstehen werden? Ich habe jetzt zweimal geglaubt, daß es vorbei sei, diesmal muß ich es mit eigenen Augen sehen. Und ich werde mich nicht davon abbringen lassen."
Er atmete tief durch. Sein Ärger ließ sich immer schwieriger unterdrücken.
"Ich will, daß du hier verschwindest, Ellen! Mach es nicht schwieriger für mich, als es ohnehin schon ist."
"Das tue ich nicht!"
"Doch, das tust du! Ich dachte immer, du wolltest ein Teil der Lösung sein. Im Augenblick bist du allerdings eher ein Teil des Problems, und verdammt noch mal nicht der geringste! Wenn du mir helfen willst, dann tu, was ich dir sage! Nimm das Shuttle und -"
"Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht," klärte ihn Ripley ruhig auf. "Diese Shuttles sind mit einem neuen Antriebssystem ausgerüstet, mit dem ich mich nicht auskenne. Ich kann sie nicht fliegen."
"Das ist doch Bullshit! Du erzählst mir doch jetzt den größten Mist, nur um -"
"Es stimmt," mischte sich Keyes von hinten ein. "Die Shuttles sind mit dem gleichen Antriebssystem wie die PHOENIX ausgerüstet. Sie kann sich damit nicht auskennen. Sie befinden sich noch im Teststadium und werden noch nicht in Serie produziert."
Hicks atmete tief durch und wandte sich nach einem letzten, wütenden Blick von Ripley ab, um den Blick aus dem Fenster zu lenken. Verdammt, es war einfach nicht fair! Wie hatte Barrister ihm das antun können? Statt den Trost zu haben, daß Ripley irgendwo dort unten in Sicherheit war, egal, was hier oben mit ihm passierte, befand sie sich nun im gleichen Schiff mit ihm. In hilfloser Wut schlug er mit der Faust auf die Konsole.
"Dwayne, was soll das?" Ripley's Stimme klang jetzt wieder völlig ruhig und kontrolliert, beinahe verständnisvoll. "Ich kann dir mehr helfen, als du denkst. Zum Beispiel kann ich die Radarstation besetzen. Ich kenne mich vielleicht nicht mit dem Antriebssystem aus, aber wenn der Rest wie auf anderen Schiffen funktioniert, kann ich dir helfen, deine Umgebung im Auge zu behalten. Es interessiert dich doch sicher, ob sie uns auf unserem Flug irgendwelche Schiffe hinterherschicken, oder?" Sie trat einen Schritt näher und sagte - so leise, daß Williams und sein Erster Offizier es nicht hören konnten: "Außerdem brauchst du doch sicher noch jemanden, der die beiden kontrolliert. Ich weiß nicht, wie weit es mit deinen navigatorischen Kenntnissen her ist..."
Hicks veränderte seine angespannte Haltung nicht. Schweigend blickte er weiter geradeaus zu den kalt funkelnden Sternen hinaus. In die Stille hinein ertönte Captain Williams' Stimme.
"Bereit zum Ausklinken, Sergeant."
Das Klicken und Rattern der überall auf der Brücke arbeitenden Instrumente war noch für mehrere lange Sekunden das einzige Geräusch. Ripley wartete. Sie alle warteten auf eine Entscheidung. Schließlich drehte sich Hicks langsam um. Sowohl der eben noch vorhandene Ärger noch die frühere Gelassenheit waren spurlos verschwunden, mit einem Mal wirkte er nur noch müde und resignierend. Er nickte Williams zu.
"Dann los, Captain. Bringen sie uns auf ausreichenden Sicherheitsabstand." Aus den Augenwinkeln sah er ein Licht an seiner Konsole blinken. Offenbar wollte jemand von unten mit ihm sprechen. Er ignorierte es und sah Ripley an. Seine Stimme klang rauh, als er leise sagte: "Nimm deinen Platz ein, verdammt."
Wenn er nicht so fertig ausgesehen hätte, hätte sie gelächelt. Er kämpfte mit sich, aber es blieb ihm keine andere Wahl. Sie hatte ihm - ohne es zu wissen - keine Möglichkeit gelassen, sie wieder zurückzuschicken.
"Danke, Dwayne. Du wirst es nicht bereuen."
Er verzog die Mundwinkel zu einem schwachem, traurigem Lächeln und wandte sich wieder von ihr ab, um die Station hinter ihnen kleiner und kleiner werden zu sehen. Schließlich gab er sich einen Ruck und schritt zur Waffenstation hinüber, die mit der er sich bereits in den vorhergegangen Stunden eingehend beschäftigt hatte. Er ließ sich in den Sessel gleiten.
"Den Code bitte, Captain Williams." Als die Antwort nicht sofort kam, blickte er hinüber. Williams schien noch immer sichtbar mit sich zu ringen. Sein Erster Offizier dagegen, der schräg hinter ihm saß, wirkte gefaßter. Aber auch undurchsichtiger. Er seufzte. "Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, Captain. Den Code." Seine Finger schwebten über den Tasten des Terminals.
Williams starrte ihn an.
"Was ist, wenn sie falsch liegen? Wenn doch noch jemand auf GATEWAY am Leben ist?"
"Keine Chance. Wir haben den Funkkontakt mit ihnen verloren, bevor sie an Bord waren. Die einzigen, die dort drüben noch durch die Gänge rennen, sind die Aliens. Also?"
Der Pilot zögerte noch immer. Die abwartende Stille wurde durch ein angestrengtes Stöhnen Shaws unterbrochen, der sich auf seinem Sitz allmählich zu regen begann. Mit einem Ruck erhob sich Hicks und trat hinter den Sessel des langsam aus seiner Bewußtlosigkeit erwachenden Generals. Er setzte die Mündung der Magnum auf dessen rechte Hand und blickte wieder auf. Ripley zuckte zusammen, als sie den stahlharten Blick sah, den Hicks nun Williams zuwarf.
"Wenn sie glauben, daß sie hier oben sind, um mir Probleme zu schaffen oder mich hinzuhalten, dann sind sie im Irrtum. Ich frage nicht noch mal. Wenn ich den Code nicht innerhalb der nächsten zehn Sekunden bekomme, wird er es ausbaden müssen. Ich glaube nicht, daß das ihr Auftrag ist. Zehn Sekunden ab jetzt."
Williams holte tief Luft, er war sich des Blickes seines Ersten Offiziers bewußt... dann sprudelte der Code aus ihm heraus, als habe er Angst, daß die zehn Sekunden nicht zum Aufsagen ausreichen würden. Hicks richtete sich auf und schritt wieder zur Waffenstation hinüber, ohne sich diesmal hinzusetzen. Er hämmerte die Kombination in die Tastatur, und blickte kurz warnend zu Williams hinüber, der sein Tun wie gebannt verfolgte. Etwas geschah. Zahlenreihen begannen über das Display zu fliegen, als die Instrumente zu Leben erweckt wurden. Hicks nickte knapp und setzte sich an die Kontrollen.
GATEWAY war nur zum Teil Militärstation und überwiegend eine Basis der verschiedenen Großkonzerne, allen voran Weyland Yutanis, und als solche nicht übermäßig stark gepanzert. Die Station mit Nukleargeschossen zu zerstören hieße eine Fliege mit der Schrotflinte zu erlegen, dennoch wollte er seinen Job richtig machen. Nichts durfte übrigbleiben, und die Wrackteile mußten klein genug sein, um beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu verglühen. Er wollte sich nicht etwa noch darum Sorgen machen müssen, Menschenleben durch herabstürzende Wrackteile zu gefährden. Als Schlachtschiff allerneuesten Datums hatte die PHOENIX eine Bewaffnung vorzuweisen, gegen die die SULACO, mit der er zuletzt unterwegs gewesen war, wie ein Kinderspielzeug wirkte. Das Schiff war im wahrsten Sinne des Wortes eine fliegende Festung.
"Abstand?"
"3.800 Meilen. Minimaler Sicherheitsabstand liegt bei 5.000 Meilen," meldete ihm Keyes. Die Stimme des Ersten Offiziers klang sachlich. "Erreicht in einer Minute."
"Gut." Hicks aktivierte die rückwärtigen Pulsarkanonen. Der Computer würde ihm das Zielen abnehmen. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, danebenzuschießen. Es war fast zu einfach, wenn er bedachte, welche Schwierigkeiten er hatte meistern müssen, um zu diesem Punkt zu gelangen. Fast wünschte er sich, daß Shaw rechtzeitig wach werden würde, um Zeuge des Spektakels zu werden, aber ein kurzer Seitenblick auf den General ergab, daß dieser noch immer nicht wieder völlig aus seinem Morphiumschlaf erwacht war. Das war in gewisser Hinsicht schade, spielte aber weiter keine Rolle.
"Minimaler Sicherheitsabstand erreicht."
Hicks war sich bewußt, daß alle Augen an Bord in diesem Augenblick auf ihn gerichtet waren. Jeder schien den Atem anzuhalten. Selbst die Displayanzeige schien nur auf seine Entscheidung zu warten: "Pulsar feuerbereit. Ziel erfaßt." Sein Finger schwebte über der Taste, einen Pulsschlag lang, zwei, drei. Er drückte sie nieder.
Für Sekundenbruchteile reflektierte die schlanke, blaugrau schimmernde Silhouette der PHOENIX im gleißenden, grellweißen Licht zweier gigantischer Energiespeere, bevor diese sich vom Schiff lösten und sich in die kalte Dunkelheit hinter dem Schlachtschiff hineinbohrten. Kurze Dunkelheit, dann das Inferno.
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Wie auf ein geheimes Kommando hin hoben sämtliche Aliens an Bord GATEWAYs gleichzeitig den Kopf und starrten in die gleiche Richtung. Es war ein Bild perfekter Einheit; zweiundzwanzig Kreaturen verbunden durch einen gemeinsamen Gedanken. Einen Wimpernschlag später traf sie das Feuer.
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Hicks spürte es Sekundenbruchteile, bevor die Pulsarspeere die Station erreichten; ein kurzer, heftiger Ruck in seinem Brustkorb, dann der überwältigende, alles andere auslöschende Aufschrei eines fremden Bewußtseins in seinem Kopf. Mit einem gequälten Stöhnen, dessen er sich nicht bewußt war, sackte er über der Konsole zusammen. Der Widerschein einer gigantischen Explosion am fernen Horizont erleuchtete das All.
