England stockte der Atem, als er Schritte näher kommen hörte. Wer war die Person, die es wagte, in Russlands Haus einzudringen, und woher wusste sie, wo er war? Oder wusste die Nation noch nichts und ging nur Vermutungen nach? Im Grunde genommen war es egal; er betete, dass die Person sein Versteck nicht finden würde...
Kanada hatte seine Hand bereits nach dem Griff an einer der Schranktüren ausgestreckt, als hinter ihm plötzlich eine sanfte Stimme sagte: „привет! Darf ich fragen, wer du bist und was du in meinem Haus machst?" Er erbleichte, wirbelte herum und sah... direkt in die Augen Russlands, der ihn mit einer Mischung aus leichtem Ärger und unschuldiger Neugier anschaute."Uh... ich, äh... ich..." Hektisch versuchte er, eine Ausrede zu finden, als ein Ausdruck des Wiedererkennens unerwartet über Russlands Gesicht glitt. „Aber natürlich... Kanada! Wie konnte ich dich nur nicht erkennen?"
Automatisch verdrehte Matthew die Augen; die Frage war wirklich überflüssig gewesen. Dann wurde er sich seiner Situation bewusst. Abrupt trat er ein paar Schritte zurück, um so weit wie möglich von dem Russen entfernt zu sein.
„Mattie! Alles in Ordnung?", schallte es aus dem Flur. Alfred und Francis hatten mit dem schnellen Tempo Russlands nicht ganz mithalten können und kamen nun keuchend im Türrahmen zum Stehen. Der Amerikaner bemerkte zuerst, in was für einem Raum sich sein Bruder und sein Erzfeind befanden.
„Mann, Russland... Lebst du immer noch im Mittelalter oder was? Du weißt, dass die Glühbirne schon erfunden wurde, oder? Und was ist mit den Büchern? Die sehen ja fast so alt wie du aus. Das-... uff! Was soll denn das?" Er warf einen kurzen vorwurfsvollen Blick in Richtung Frankreichs, der ihn vorsorglich in die Rippen gestoßen hatte, damit Alfred ihre Situation nicht noch verschärfte. „Halt die Klappe, Alfred!", giftete er ihn an, bevor er einen Schritt ins Zimmer trat und sich Matthew näherte, ohne dabei Russland aus den Augen zu lassen.
„Äh... tja... Wir können das erklären... Hehe..." Der Franzose stotterte ununterbrochen weiter, bis der Kanadier sich in seiner Reichweite fand. Blitzschnell packte er ihn am Ärmel („Weg hier!"), betete, dass Russland ihnen nicht folgen würde, und zerrte ihn aus dem Zimmer, ohne dessen erschrockenes „Hey!" zu beachten.
Der Nordamerikaner blieb zurück und kratzte sich an der Nase, bis er den glühenden Blick Russlands bemerkte, der auf ihn gerichtet war und ihn förmlich durchbohrte. „Ich schätze, das ist fehlgeschlagen... A-aber ich komme wieder! Ein Held gibt niemals auf!" Mit diesem letzten pathetischen Ausruf machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand eilig in die Richtung, aus der er gekommen war.
Ihr Plan war gescheitert, und Alfred hatte keine Ahnung mehr, was er als Nächstes tun konnte, um den Briten zu finden. Wie es schien, musste er die Sache vorerst auf sich beruhen lassen. Möglicherweise hatte der Russe, so abwegig ihm dieser Gedanke auch erschien, nichts mit der Sache zu tun... Vielleicht... vielleicht steckte mehr hinter der Situation, als es den Anschein hatte...
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Sobald Ivan sicher war, dass er keine Schritte mehr hören konnte, drehte er sich lächelnd zum Schrank hin, der immer noch steif in der Ecke stand, ungeachtet der vorherigen Szene. „Sie sind weg. Du kannst herauskommen, England."
Die Tür quietschte, und der Brite stolperte mehr, als dass er ging, aus dem hölzernen Möbelstück heraus. Er rappelte sich auf, klopfte sich Staub von seiner Kleidung und schnippte eine Spinne von seiner Schulter. Der Schrank war schon seit Jahren nicht mehr benutzt worden. Misstrauisch warf er einen Blick zur Tür, doch nichts regte sich. Dann wandte er sich an den Russen.
„Du wusstest, wo ich war."
„Da."
„Woher?"
„Die Schranktür war nur angelehnt. Sie ist sonst immer verschlossen, wenn ich den Raum verlasse."
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Arthur den Russen an.
„Außerdem hätte ich mir denken können, dass dieser Raum dein Interesse weckt."
Vielsagend sah Ivan die kleinere Nation an. England blinzelte verwirrt, dann grinste er und trat näher an eines der Bücherregale heran. „In der Tat", äußerte er sich jovial. „Du hast hier eine recht ansehnliche... Sammlung, wenn ich das so sagen darf." Sanft strich er mit einem Finger über die Bücherrücken. Für den gewöhnlichen Betrachter waren sie in einer unregelmäßigen Reihe angeordnet, doch Arthur erkannte das Muster, das sich hinter alledem verbarg, und er war beeindruckt von der nicht unbeträchtlichen Kenntnis seines Gastgebers. Es gab auch Bücher, die er noch nie gesehen hatte; Bücher, die von dunkleren Kräften als denen zeugten, mit denen er sich in seinem langen Leben auseinandergesetzt hatte.
„Zu welchen Zweck?"
„Wie bitte...?"
„Dieser Raum... wofür ist er da?"
Russlands Gesicht verfinsterte sich unmerklich. Erinnerungen kamen auf, Erinnerungen an vergangene Zeiten, an finstere Tage. Er kämpfte dagegen an, wehrte sich, doch der schwarze Sog wurde stärker; zu viel hatte er in diesem Raum erlebt. Die Aura von vorher kehrte unmerklich zurück. Er trat näher an den Engländer heran, der ein besonders staubiges Buch aus dem Regal herausgezogen hatte und neugierig darin herumblätterte, bis er direkt hinter ihm stand.
„Das willst du wissen, da?" Nur ein Flüstern, nicht mehr als ein Hauch.
England zuckte zusammen und ließ das Buch fallen. Mit einem dumpfen Knall schlug es auf dem Boden auf, doch der Brite schenkte dem Geräusch keinerlei Beachtung. Alarmiert drehte er sich um, sein Blick traf auf eine der breiten Schultern Russlands. Er verfluchte innerlich die enorme Größe des Russen. „Tu das bitte kein zweites Mal, Russland. Für einen Moment dachte ich-..."
Weiter kam er nicht. Der Russe packte seine Handgelenke und hielt sie gegen das große Bücherregal hinter ihnen. England keuchte erschrocken auf und zerrte an dem eisernen Griff der größeren Nation, doch Russland hielt ihn mühelos fest. Besagte Nation senkte sein Gesicht so weit herab, bis er mit England auf einer Augenhöhe war. Der Brite war geschockt von seinem Gesichtsausdruck; jegliche Unschuld oder Fröhlichkeit war verschwunden, zurück waren nur Kälte und noch etwas anderes. Er verliert die Kontrolle, dachte England schaudernd, wandte sich leicht ab und bemühte sich, so flach wie möglich zu atmen, um die russische Nation nicht unnötig zu provozieren. Ivan zischte ihm ins Ohr.
„Du siehst, meine... Beziehungen zu den anderen Ländern sind nicht immer so... einfach gewesen wie heutzutage. Du müsstest das doch sehr gut nachvollziehen können, da? Streit und Krieg und Mord", bei diesen Worten blitzten seine Augen gefährlich auf, „haben unsere Geschichte geprägt, und nicht jeder hatte die Welt so zu seinen Füßen liegen wie du einst. Damals, als alle Welt noch abhängig war von dem Bedürfnis, andere Nationen für ein höheres Ziel zu überwältigen, als die Menschheit noch nicht... geläutert war, da suchte ich den Beistand der dunklen Magie. Du hast keine Ahnung, wie viele Möglichkeiten es gibt, einem Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Ihn zu verfolgen, bis er sich in die Enge gedrängt fühlt, ihm unsichtbare Worte ins Ohr zu flüstern, bis er sich vor Angst windet wie der Wurm, der er in Wirklichkeit ist, ihn psychisch zu foltern, bis er vor Schmerzen schreit, bis er um sein Ende bettelt, bis er bereit ist, sich selbst das Messer in die Brust zu rammen..."
Er lehnte sich noch dichter an England heran (Der Brite zuckte zusammen, Wie war das möglich?), packte ihn bei den Haaren und zwang ihn, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. Er wollte die Angst seines Opfers sehen, sie genießen und sie noch steigern. Weit aufgerissene grüne Augen drifteten über jede Linie, über jeden Gesichtszug und suchten nach einem Anzeichen von Zurechnungsfähigkeit. Ohne Erfolg. Langsam, aber sicher, verfiel die einstige Sowjetunion zurück in ihre ehemaligen Angewohnheiten.
„Kolkolkol~"
Der Engländer wusste nicht mehr genau, was er fühlte. Schrecken, Angst, ja, aber da war noch etwas anderes. Er erschrak, als er feststellte, dass ein winziger Teil von ihm die Situation genoss. Diese Spannung hatte er seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten nicht mehr erlebt. Ein sehr nervöses England entschied, dass es an der Zeit war, einzugreifen, bevor die russische Nation sich noch mehr in die Sache hineinsteigern konnte. „Russland!"
„Hast du jemals erlebt, wie ein Mensch zugrunde gerichtet wird? Über Jahre hinweg gequält, Jahrzehnte, sein ganzes Leben lang gequält, gefoltert?"
„Bitte, hör mir zu!"
„Man beginnt langsam, schleichend, dringt in seinen Geist hinein, füllt ihn aus mit seinen Ängsten und Wünschen, macht sie sich zunutze, bis er dein willenloses Werkzeug ist, frisst ihn von innen auf, bis er eine leere Hülle ist..." Der Russe ging über zu russischem Kauderwelsch; England verstand ihn nicht mehr, und die größere Nation wurde immer lauter.
„Russland, hör auf!"
„KOLKOLKOL-"
„IVAN!"
Der Wortstrom stoppte, Russland starrte mit offenem Mund auf die andere Nation hinunter, die ihn ängstlich ansah. England hatte den Russen nicht beim Namen nennen wollen; niemand tat das, doch es war ihm herausgerutscht. Was, wenn er die größere Nation damit verärgert hatte? Er schauderte und wand sich unbewusst abermals im festen Griff Russlands, um so viel Abstand wie möglich zwischen sich und der mental instabilen Nation zu bringen.
Russland ließ Englands Handgelenke los, als hätte er sich verbrannt. Heftig atmend und mit wild klopfendem Herzen stand er da, erst jetzt begreifend, was er gerade getan hatte. Er hatte schon lange nicht mehr auf diese Art und Weise die Kontrolle verloren; warum war es gerade jetzt geschehen? Was würde England jetzt von ihm denken? Und warum kümmerte er sich überhaupt um das, was der Brite von ihm dachte? Was sollte er jetzt tun? Fragen wirbelten ihm im Kopf herum; er nahm seine Umgebung kaum noch wahr. Verzweifelt versuchte er, einen Weg zu finden, um das Ganze ungeschehen zu machen. Es gab keinen.
„я сожалею об этом!"
Der Russe drehte sich um und rannte aus dem Raum. Er würde nicht noch einmal riskieren, sich zu verlieren.
Anmerkungen des Autors: Sorry wegen des späten Updates D: Es hat soo lange gedauert, dieses Kapitel zu schreiben, aber ich habe ewig nach einer Möglichkeit gesucht, Russlands „dunkle" Hälfte auch einmal zum Vorschein zu bringen (meiner Meinung nach ist er bisher sehr harmlos, fast schon zu harmlos)... Außerdem konnte ich mich erst nicht entscheiden, ob die anderen Nationen England finden sollten oder nicht...
Danke an alle meine Leser und besonders an diejenigen, die sich Zeit nehmen, ihren Kommentar dazu abzugeben XD
Frohes neues Jahr!
Übersetzungen (Russisch):
привет - Hallo
я сожалею об этом – Es tut mir Leid
