Show me your face

Kapitel 12

Confusion

Ich möchte schreien. Seit Monaten sind wir jetzt auf der Flucht. Und nun? … Alles geht viel zu schnell. Severus und ich, wir haben uns so gut zusammengerauft, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war. Wir sind weitaus mehr als Freunde, obwohl sich einiges verändert hat, denn seit er sich mir beinahe aufgezwungen hat, ist etwas in mir zerbrochen, das ich nicht einfach so kitten kann. Was wir haben ist komplizierter geworden, auch dann, wenn er nie wieder versucht hat, mich zu etwas Derartigem zu drängen. Offengestanden hat sein Schuldbewusstsein den größten Teil dazu beigetragen, dass ich mich weiterhin zu ihm hingezogen fühle, denn andernfalls wäre ich nicht bereit gewesen, ihm noch eine Chance zu geben.

Meine Befürchtungen, dass er es noch schwerer haben könnte, sobald er Dumbledores Wunsch ausgeführt hat, haben sich bewahrheitet. In der Welt der Zauberer hat der Tod unseres Schulleiters einen großen Schock ausgelöst. Alles andere folgte wie selbstverständlich aufeinander: Harrys Wut auf Severus steigerte sich in bodenlosen Hass, was nach sich gezogen hat, dass ich extrem vorsichtig sein musste, meine heimliche Verbindung zu meinem ehemaligen Professor nicht zu gefährden. Weder Harry noch Ron wissen also was ich mit Severus erlebt habe.

Für eine ganze Weile haben wir drei es geschafft, Voldemorts Gefolge auszutricksen. Wir hatten Glück und haben Freud und Leid miteinander geteilt. Sogar dass Ron eines Tages die Nerven verloren und uns im Stich gelassen hat, haben wir alle überstanden. Seither sind wir wieder vereint. An diesem Tag aber will uns das Glück nicht beistehen. Wir sind aufgeflogen und rennen wortwörtlich um unser Leben.

Es raschelt wie verrückt und die Geräusche um mich her werden beständig lauter. Mein Herz schlägt wild, mein Puls rast.

Ich renne, so schnell ich kann und kriege vor Panik kaum noch Luft. Ich stolpere über Büsche und Steine, sogar über meine eigenen Füße. Dann falle ich und liege mit dem Gesicht voraus im Matsch.

Meine Hände zittern. Es ist kalt und ich fühle mich zu erschöpft, um aufzustehen. Mein ganzer Körper ist so müde, dass ich denke, ich werde hier und jetzt einschlafen und nie wieder aufwachen.

Das Letzte, was ich mit meiner Kraft tun kann, ist es, Harry einen Zauber aufzuhalsen, damit ihn auf die Schnelle niemand identifizieren kann. Dann schließe ich meine Augen.

xxx

Die Geräusche um mich herum werden wieder lauter, als ich zu mir komme. Ich weiß nicht was es ist. Nicht wirklich jedenfalls. Vorsichtig öffne ich meine Augen, doch es ist alles dunkel.

Warum ist das so? Wo bin ich?

„Sie sind in Sicherheit", sagt eine Stimme; eine Stimme, die mir vertraut ist.

Aber woher kenne ich sie? Warum kann ich mich nicht daran erinnern?

Ich bin noch immer müde und schließe meine Augen. Es macht ohnehin keinen Unterschied, denn wenn ich mich an nichts erinnern kann, wird es auch nichts bringen, gegen diese Müdigkeit anzukämpfen.

Wieder höre ich Geräusche. Ist das alles ein Traum? Wenn dann, ein Albtraum. Aber es fühlt sich so real an! Irgendwo in meinem Körper spüre ich Schmerz. Warum habe ich das nicht zuvor schon gemerkt?

Ich möchte etwas sehen, doch noch immer ist alles um mich herum dunkel.

Ich blinzle, im selben Moment fühle ich die Gegenwart einer Person.

„Sind Sie jetzt wach?", fragt dieselbe Stimme wie zuvor.

Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich sagen?

„Ich musste Ihnen einen Schmerzstiller verpassen. Sie brauchten Ruhe."

Das klingt logisch bei all meiner Verwirrtheit und der Müdigkeit.

Er berührt meinen Hinterkopf und ein Stück Stoff fällt von meinen Augen. Dann blinzle ich zu ihm hoch.

Snape.

Mehr kann ich nicht sehen. Er steht so nah vor mir, dass es mir unmöglich ist, seine Anwesenheit zu ignorieren. Immerhin merke ich jetzt, dass ich auf einem Stuhl sitze und meine Hände daran gefesselt sind, denn es ist mir unmöglich, sie nach vorne zu nehmen.

„Was ist passiert?", frage ich vorsichtig.

Seine Mundwinkel rollen sich zurück und seine schwarzen Augen bohren sich tief in meine.

„Sie haben mich angegriffen."

Das verwirrt mich jetzt noch mehr.

„Und warum hätte ich das tun sollen, Professor?"

Er rollt mit den Augen. „Weil ich ein Todesser bin, Miss Granger."

An den Teil kann ich mich erinnern, doch an nichts anderes.

„Ha", stoße ich verwundert aus.

Er legt den Kopf schief und beäugt mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich nehme all meinen Mut zusammen, um seinem Blick standzuhalten, denn wenn wir in dem Tempo weitermachen, kommen wir nie voran.

„Was ist noch passiert, Professor?", frage ich leise.

Er schnaubt.

Warum er das tut, ist mir ein Rätsel, doch anscheinend macht es ihm Spaß, mich hinzuhalten.

„Ich kann mich an nichts erinnern", gestehe ich frei heraus. „Wo bin ich? Und wieso bin ich hier?"

„Ah", macht er sarkastisch. „Nun können wir endlich einen Fortschritt verzeichnen." Das sehe ich zwar anders, Snape aber fährt ungehalten fort. „Sie sind hier, weil Sie auf der Flucht gefangen genommen wurden."

Ich kann es nicht glauben, aber jetzt wo er es sagt, erinnere ich mich wieder.

„War ich allein?", bringe ich beunruhigt hervor.

Er schüttelt sanft den Kopf. Es kommt mir so vor, als wäre daran etwas falsch. Irgendetwas hat er zu verbergen, dessen bin ich mir ganz sicher. Um mich jedoch näher damit auseinander zu setzen, bräuchte ich einen klaren Verstand, da sich der aber offensichtlich verabschiedet hat, gibt es andere Dinge, die mir in den Kopf schießen, nämlich Harry und Ron.

Das kann nicht sein! Nein!

„Wo – wo sind die anderen?", frage ich mit zittriger Stimme.

Er schießt mir einen warnenden Blick zu. „Sie erinnern sich an gar nichts mehr?"

Ist das nicht offensichtlich?

„Wer hat mich gefunden?"

„Greifer."

„Und wer hat mich hierher gebracht?"

„Ich."