Man sagt doch, beim Wandern oder Spazierengehen könne man in Ruhe nachdenken. Bei ihr ist das nicht so. Ihre Gedanken wandern im Kreis, sie kommt – jedenfalls gedanklich – keinen Schritt weiter. Der Wanderweg rund um die Hamburger Außenalster ist wunderschön bei einem sonnigen Tag Ende Januar. Leider wissen das auch tausende von anderen Leuten, die ebenfalls unterwegs sind. Es ist richtig voll, und Silja hat das Gefühl, Teil einer großen Völkerwanderung zu sein. Sie wäre im Moment lieber ein bisschen für sich, doch es ist bereits mitten am Nachmittag, und es wird bald dunkel. Keine Zeit mehr, um irgendwo an den Stadtrand zu fahren. Jetzt am Wochenende gehören die Spaziergänger zumindest nicht mehr zur Minderheit – unter der Woche sind es nämlich hauptsächlich Jogger und Nordic Walker, die sich den Weg teilen.

Silja hat seit über vier Wochen nichts mehr von Greg gehört, und sie kann nicht aufhören sich Sorgen zu machen. Jeden Tag sieht sie mindestens zweimal nach, ob er online ist. Die Ungewissheit ist das schlimmste. Sie hat keine Ahnung, wie es weitergegangen sein kann. Sitzt er womöglich schon im Gefängnis? Hat er eine Therapie angefangen? Wie geht es ihm? Macht er wieder irgendwelche Dummheiten weil ihn die Schmerzen fast umbringen?

Sie sieht hinauf zum Himmel wie unzählige ihrer Mitwanderer ebenfalls. Es hat sich bewölkt, und es sieht ein bisschen nach Schnee aus, obwohl der Wetterbericht ihn eigentlich erst für die kommende Nacht angesagt hatte. Ein paar hundert Meter weiter fallen tatsächlich ein paar kleine Flocken, aber vor allem wird es dunkel, und Silja erhöht ihr Schritttempo. Wie dumm von ihr, so spät loszugehen.

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Mitten im Treppenhaus fängt ihr Handy an zu klingeln. Ihre Wohnung liegt in einem alten Kontorhaus in der Altstadt, und die vier unteren der fünf Stockwerke werden als Büros genutzt. Das Treppenhaus ist riesig, die Stockwerke doppelt so hoch wie in modernen Häusern, und am Wochenende wird der Paternoster abgestellt, der ansonsten – ganz nostalgisch – als Transportmittel nach oben genutzt wird. Das Klingeln des Telefons hallt unheimlich, und Silja beeilt sich, es aus der Manteltasche zu holen. Sie erkennt eine Vorwahl aus New Jersey, aber es ist weder Gregs Handy noch sein Festnetzanschluss.

„Hallo?"

„Silja?"

„Greg! Endlich!", sie kann es kaum fassen, dass er sich tatsächlich endlich meldet.

„Du klingst komisch."

„Ich bin noch im Treppenhaus. Hier ähm…" Ihr fällt auf die Schnelle das englische Wort für ‚hallen' nicht ein. „Eine Sekunde, ich bin gleich in der Wohnung." Das Telefon krampfhaft ans Ohr gepresst voller Sorge, die Verbindung könnte unerwartet wieder abbrechen, eilt sie die letzten Treppenstufen nach oben, angelt den Wohnungsschlüssel aus der Manteltasche und schließt die Tür auf.

„Tut mir leid, ich…", Silja lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen und fummelt mit einer Hand an den Reißverschlüssen ihrer Stiefel. „Ich bin gleich soweit."

„Keine Panik, ich hab Zeit."

„Wo warst du so lange? Ich hab mir Sorgen gemacht." Ihre Stimme klingt nicht vorwurfsvoll, sondern ehrlich besorgt. House verdreht die Augen. Cameron hat doch eine Schwester in Europa.

„Ich hab's getan."

„Hast was getan?"

„Ich hab mit dem Entzug angefangen."

Silja kann die Erleichterung fast körperlich spüren. „Das ist … großartig. Seit wann …?"

„Heute ist der dritte Tag."

„Und wie geht's dir?"

„Das fragst du nicht im ernst."

„Okay – wie beschissen geht's dir?"

House schüttelt den Kopf. Manchmal erinnert Silja ihn an Wilson – zu früheren Zeiten jedenfalls. Und an Cameron. Und an Cuddy. Es war Cuddy, die der letzte Auslöser für seine Entscheidung war, tatsächlich den Entzug zu starten. Sie war verzweifelt gewesen, hatte ihn einen Idioten genannt und es bitter ernst gemeint. Als sie sich mit fast wörtlich denselben Argumenten für den freiwilligen Entzug ausgesprochen hatte, wie Silja, hatte er eingesehen, dass es vermutlich seine einzige Chance ist, vielleicht ein wenig besser aus der Sache herauszukommen. Was besser genau bedeutet, ist ihm allerdings nicht klar. Nur 5 Jahre statt 10? Er legt den Telefonhörer zur Seite und atmet durch eine Schmerzwelle. Die Medikamente, die sie ihm hier statt Vicodin geben, sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und zu den Schmerzen im Bein kommen noch die Entzugserscheinungen dazu, die nur mit leichten Medikamenten behandelt werden.

„Greg? Bist du noch da?"

„Ja, tschuldigung. Bin hier."

Sie sprechen kaum miteinander. House ist eigentlich nicht in der Verfassung, aber es tut ihm gut, dass da jemand ist, der ihm zuhört, falls er etwas sagt. Man hat ihm ein Telefonat am Tag zugestanden. Die ersten zwei Tage war ihm alles egal. Eigentlich wollte er nur sterben. Aber jetzt, wo er wieder einen einigermaßen klaren Gedanken fassen kann, ist Silja natürlich die erste Wahl gewesen. Seiner Mutter würde er nicht im Traum erzählen, wo er sich gerade befindet. Sie würde womöglich darauf bestehen ihn zu besuchen. Bei dem Gedanken wird ihm schlecht. Alle anderen besuchen ihn sowieso ständig. Wilson, Cuddy, die Kids. Er fängt an zu zittern und weiß, dass er sich gleich wieder übergeben muss.

„Ich ruf morgen wieder an.", schafft er noch zu sagen, bevor er den Hörer aufhängt und versucht ins Bad zu kommen. Er schafft es nicht ganz, und alles landet auf dem Fußboden neben der Badezimmertür. Geschieht euch ganz recht, denkt er. Wenn ihr es nicht schafft, die Medikamente so einzustellen, dass ich nicht nach jeder Mahlzeit alles wieder auskotze, könnt ihr die Bescherung auch aufwischen. Erschöpft lässt er sich an der Wand hinunter auf den Boden gleiten, wo ihm in halb sitzender Position die Augen zufallen.

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House hält Wort und ruft jeden Tag an. Die Zeiten variieren, aber Silja sorgt dafür, dass sie immer erreichbar ist. In den ersten Tagen sprechen sie kaum, und es wird mehr als deutlich, wie schlecht es ihm geht. Aber mit der Zeit wird es besser. Immer wieder berichtet er von dem Fall, an dem seine Mitarbeiter gerade tüfteln, und über den er sich den Kopf zerbricht. Eine angenehme Abwechslung neben den ganzen Gruppen- und Einzeltherapiesitzungen, die er so verabscheut. Obwohl Silja von der Medizin und den komplizierten Tests, von denen die Rede ist, nicht mal die Hälfte versteht, fängt es an, sie zu interessieren. Nicht so sehr die Medizin an sich, sondern eher die Vorgehensweise. Selbst jetzt, wo er in der geschlossenen Abteilung für Drogenentzug sitzt, kommen seine Kollegen und seine Chefin zu ihm, um seinen Rat einzuholen. Er muss wahrhaftig gut sein in seinem Job.

Vom eigentlichen Entzug erzählt er wenig. Es gibt da so einen Typ, den er Voldemort nennt, und der ständig ein Auge auf ihn hat, ihn an die Therapiestunden erinnert, ihm die wenigen erlaubten Medikamente zuteilt, und der darauf aufpasst, dass niemand verbotene Tabletten, Alkohol oder dergleichen zu den Entzugspatienten schmuggelt. Die eigentlichen Therapiesitzungen sind lächerlich, findet er. Gruppengespräche, Bastelgruppen, Einzelgespräche.

„Der Arsch war hier.", beginnt er das Gespräch an einem Abend.

„Tritter?"

„Ja. Genau der."

„Was wollte er?"

„Cuddy hat ihn so lange genervt, bis er hergekommen ist, um zu sehen, dass ich tatsächlich diesen Entzug durchziehe."

„Gut."

„Hab ich auch gedacht."

„Ja, wenn er sich selbst davon überzeugen konnte, dass …"

Er unterbricht sie. „Dieses miese Schwein! Süchtigen kann man nicht trauen, sagt er. Das ist seine Devise. Den Worten eines Drogensüchtigen kann man nicht trauen. Das hat er immer wieder deutlich gemacht. Jetzt, wo ich Ernst mache, weißt du, was er jetzt sagt? Weißt du, was er sagt?"

„Ich … hab keine Ahnung.", stottert Silja, überrascht von seiner plötzlich so aggressiven Haltung.

„Er sagt – sogar meine Taten lügen! Das bedeutet, alles war umsonst. Ich hab mir die Seele aus dem Leib gekotzt, habe fast 10 Kilo abgenommen, bin vor Schmerzen fast die Wände hoch geklettert, konnte nie länger als 3 Stunden am Stück schlafen und bin hier fast vor die Hunde gegangen. Und er sagt, meine Taten lügen. Was denkt der sich eigentlich, wer er ist? Oder besser gesagt – was für ein Idiot bin ich eigentlich gewesen? Ich hab mir ernsthaft eingebildet, es wäre eine gute Idee, diesen Entzug zu starten. Was für ein Blödsinn! Ich bin süchtig, das ist wahr. Aber ich habe einen handfesten Grund dazu. Vicodin ist das einzige Medikament, das mir etwas bringt, das mir hilft, die Tage durchzustehen und sogar zu arbeiten. Ich muss vollkommen verrückt gewesen sein, dass ich mich freiwillig auf diesen Entzug eingelassen habe."

„Aber du, du brichst doch nicht ab! Greg? Du brichst den Entzug aber jetzt nicht ab, nur weil so ein Idiot …"

„Dieser Idiot hat mein Leben in seiner Hand."

„Er hat …"

„Er ist der einzige gewesen, der das Urteil des Gerichts noch in irgendeiner Form abmildern könnte."

„Greg, dass du diesen Entzug freiwillig auf dich genommen hast, wird irgendeinen Eindruck auf das Gericht machen. Egal, was Tritter dazu sagt. Wenn er wirklich ein solches Arschloch ist, wird das auch dem Gericht nicht verborgen bleiben. Und dass du diesen Entzug durchziehst, obwohl es Tritter nicht dazu bewegt, irgendwelche Anschuldigungen zurückzunehmen, zeigt, dass es dir Ernst ist. Und das muss nur das Gericht glauben. Tritter wahrhaftig nicht. Natürlich wäre es ideal gewesen, wenn er aufgrund dieser Aktion seine Anschuldigungen zurückgenommen hätte, aber selbst so …"

„Selbst meine Taten lügen.", murmelt House.

„Lass diesen Idioten nicht an dich heran. Das ist er überhaupt nicht wert."

„Er hat mich am Arsch. Ob er es nun wert ist oder nicht. Ich bin geliefert."

Silja lässt ihm noch ein wenig Zeit, sich verbal auszukotzen und überlegt dabei fieberhaft, wie sie es schaffen kann, ihn wieder aufzubauen. In der jetzigen Situation würde es sie nicht wundern, wenn er den Entzug abbrechen und einfach freiwillig ins Gefängnis gehen würde. Aber er darf jetzt nicht aufgeben.

„Weißt du, was ein großer Pluspunkt ist?"

„Ein Pluspunkt? Wo sollte ich noch einen Pluspunkt haben?"

„Deine Freunde."

„Ich habe keine Freunde."

„Ja, das wirst du ja nicht müde, immer wieder zu betonen. Aber ich glaube, ich kenn dich inzwischen ein bisschen besser als vorher, und wenn Wilson kein wirklicher Freund ist, dann weiß ich nicht, wer es sonst sein könnte."

„Wilson hat mich verraten."

„Weil er darin die einzige Möglichkeit gesehen hat, dir zu helfen und dich zu beschützen. Ich kenne Wilson nur von deinen Erzählungen, aber für mich klingt es, als würde er alles für dich tun. Für ihn ist die ganze Situation mit Sicherheit nicht viel einfacher als für dich. Du bist sein bester Freund, und er macht sich Sorgen. Er macht sich Vorwürfe. Er sieht, wie sehr du ihn inzwischen hasst."

„Ich hasse ihn nicht."

„Das klang neulich aber noch ganz danach."

„Ich hab ihn gehasst."

„Eben."

„Aber jetzt nicht mehr."

„Sag ihm das."

„Keine Chance."

„Wieso nicht?"

„Wie soll ich ihm das sagen?"

„Es wird dir schon was Passendes einfallen. Du sagst doch, er besucht dich nach wie vor jeden Tag. Bedank dich einfach dafür. Das reicht schon fürs erste."

„Er wird mich in die Klappsmühle einweisen."

„Hey, du bist doch schon in der Klappsmühle."

„Du bist herzlos."

„Tja, so bin ich. Kalt, berechnend, herzlos. Aber im Ernst. Außer Wilson hast du noch Cuddy und die Kids."

„Die finden mich erbärmlich."

„Wenn sie dich wirklich so erbärmlich fänden, wären sie dann die ganze Zeit immer wieder zu dir gekommen, um dich im aktuellen Fall um Rat zu fragen? Sie halten große Stücke auf dich, das ist doch nicht zu übersehen!"

„Cameron ist regelrecht sauer auf mich."

„Sie ist doch ständig sauer auf dich."

„Ja, aber das war immer mehr so eine prinzipielle Haltung von ihr. Sie muss sauer auf mich sein weil ich gegen ihre Moralvorstellungen verstoße. Gleichzeitig hat sie mich aber von Anfang an bemitleidet, auch wenn sie es nicht zugeben würde. Beides – die Wut und das Mitleid – haben sich gegenseitig neutralisiert, und es war gut mit ihr zu arbeiten. Sie ist eine gute Ärztin. Das Mitleid ist vollkommen verschwunden. Sie verachtet mich. Sie ist nicht nur wütend auf mich, sondern sie verachtet mich abgrundtief."

Silja kennt Cameron nicht gut genug, um dazu etwas sagen zu können, obwohl sie vermutet, dass es Camerons Selbstschutzinstinkt ist, der diese Haltung bei ihr hervorruft. Nach dem, was House bisher von ihr erzählt hat, mag sie ihn sehr. Vielleicht mehr als gut für sie ist.

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Am nächsten Tag kommen die drei Kids vorbei, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen. Es geht ihm heute ein wenig besser. Er hat einen Deal mit Voldemort ausgeheckt und hat von ihm zwei Vicodin bekommen. Eine halbe hat er am Morgen geschluckt, und aufgrund der langen Entzugsphase hat selbst diese geringe Menge einigermaßen angeschlagen, was bedeutet, dass er mehrere Minuten am Stück an andere Dinge als an die Schmerzen denken kann. Diese Freiheit ist unbeschreiblich, und er fragt sich schon wieder, wie dämlich er eigentlich gewesen ist, als er freiwillig in diesen Entzug gegangen ist. Dem Patienten geht es nach der Schocktherapie den Umständen entsprechend. Die beiden Jungs versprechen, am nächsten Tag zur Anhörung zu kommen, doch Cameron bleibt hart. Sie will im Krankenhaus bleiben, um ein Auge auf Derek, den Patienten zu haben. Ihr Blick spricht Bände: Du hast den Karren selbst in den Dreck gefahren. Ich hab damit nichts zu tun.

Dann kommt Wilson. Die Kids verschwinden, und House ist allein mit ihm – wenn man von Voldemort absieht, der den Schein wahren muss, und zumindest so tut, als wäre er der pflichtbewusste Aufpasser, der er eigentlich sein sollte. Aber 200 $ pro Tablette – so einer Versuchung konnte er dann doch nicht widerstehen.

Wilson bringt eine Tüte mit und hält sie ihm hin. „Ich hab dir was mitgebracht."

House greift hinein und holt einen nagelneuen weinroten Schlips heraus. „Nett."

Er zeigt Voldemort die leere Tüte. Keine Tabletten.

„Ich dachte, das könnte helfen, vor Gericht einen guten Eindruck zu machen.", erklärt Wilson sein Geschenk und setzt sich aufs Sofa.

„So nett auch wieder nicht." House überlegt, denkt an Siljas Worte vom gestrigen Abend, hält den Schlips in den Händen und streicht mit dem Daumen über den glatten Seidenstoff. „Ich hatte kein Recht, dich für das hier zu beschuldigen. Ich weiß, dass du nur versucht hast mir zu helfen, mich zu beschützen. Dazu sind Freunde da."

Wilson hat es für einen Moment die Sprache verschlagen. „Ist das … eine Entschuldigung?"

„Gehört zum Programm.", lügt House, um die Situation zu entschärfen. „Wenn's dir nicht gefällt, kann ich aufhören."

„Überhaupt nicht. Es … ist nur so … ungewohnt. Bitte – mach weiter."

House lächelt. Das erste Mal seit Wochen.