Kapitel 12:
(Iroh, Zuko/Wohnung/ Ba Sing Se)
Klick.
„Hm."
Das Rascheln von Faden und Stoff wisperte durch den Raum. Ein weiteres sanftes, fast unhörbares Klick. „Onkel", sagte Zuko nachdenklich, „ihr solltet euch das vielleicht ansehen."
Seinen Abendtee in der Hand haltend, schaute Iroh nach, was sein Neffe tat, während er im Schneidersitz auf dem Boden saß, mit einer Schere und einer Schüssel und... seiner neuen grünen Robe, von welcher er vorsichtig die Ärmelsäume aufgetrennt hatte. Oh je.
Klick.
Mit einem Stirnrunzeln ging Iroh bei der Schüssel in die Hocke. Er drückte eine Fingerspitze hinein, um eine der winzigen Steinperlen zu nehmen. Sie war grau, größtenteils aus Quarz und nicht größer als ein Hirsekorn... und nur eine von vielen, die Zuko aus dem inneren Ärmelsaum der Robe zupfte. „Und dies wurde dir von einem Dai Li gegeben."
„Ich kann mir vieles vorstellen, dass sie jemanden antun könnten, der sie trägt und mir gefällt nichts davon", sagte Zuko düster, als er eine weitere Perle herauslöste. Klick.
„Interessant", murmelte Iroh, während er die potentiellen Beweggründe hinter einem so gefährlichen Geschenk überdachte. Schwerer Schaden erschien möglich, jedoch unwahrscheinlich. Die Steinmenge war klein und selbst einem Erdbändiger, der wusste, dass sie da waren, würde es schwer fallen, sie schnell genug zusammen zu ziehen, um eine blutende Wunde zu verursachen. Sie konnten behindern und verwickeln, einen arglosen Träger aufhalten, doch die Falle war nicht so tödlich, wie sie auf den ersten Blick erschien –
Irohs Augenbrauen hoben sich überrascht, als ihm eine unwahrscheinliche Möglichkeit in den Sinn kam. „Wir müssen diese heute Nacht wieder flicken, nachdem ihr fertig seid", sagte der pensionierte General nachdenklich. „Ihr solltet sie tragen, wenn ihr für die Nachbehandlung des Bären gerufen werdet."
Zuko runzelte die Stirn, zupfte noch mehr Stein heraus. „Sie werden nach Amaya verlangen."
„Ich glaube, dass sie nach euch verlangen werden."
Zuko starrte die Perle in seiner Hand an, dann seinen Onkel. „Das ist eine Art Test?"
„Es ist möglich."
„Ich habe mich an unsere Geschichte gehalten", flüsterte Zuko, mit aschgrauem Gesicht.
„Es gibt manche Dinge, die ihr nicht verbergen könnt. Und sie haben nichts mit dieser Narbe zu tun", fügte Iroh scharf hinzu, als die Hand seines Neffen zu seinem Gesicht kroch. Geister, wie drücke ich das aus? Mein Bruder hat euch für nutzlos erklärt und ihr habt keine Ahnung wie falsch er lag. „Ihr habt eine gewohnheitsmäßige Vorsicht, die den meisten in eurem Alter fehlt. Ihr bewegt euch in einer ausgewogenen Haltung. Ihr erfasst wo in einem Raum ihr euch befindet und wie ihr diesen am Besten verlasst, sollte ein Kampf ausbrechen. Und obwohl die Meisten innerhalb dieser Mauern Zivilisten sind, die nicht wissen was es ist, das sie sehen – "
„Die Dai Li sind nicht die Meisten." Zuko schluckte und ließ die Perle in seiner Hand bewusst in die Schüssel fallen. „Es würde schlechter aussehen, wenn ich auftauche und die immer noch darin sind, oder nicht?"
„Für jemanden, von dem sie glauben, dass er als Krieger ausgebildet wurde? Ja. Das würde es."
„Jet", schnarrte Zuko und verwandelte den Namen fast in einen Fluch.
„Es ist wahrscheinlich, dass dieser Kampf jemandem aufgefallen ist." Iroh strich nachdenklich durch seinen Bart. „Haltet euch an unsere Geschichte. Eure Mutter stammte aus dem Nebelsumpf und wir waren seit Jahren auf der Reise, zumeist an der Westküste. Wenn dieser Shirong schon bemerkt hat, dass ihr als einer von der Feuernation durchgehen könnt, mag er seine eigenen Schlüsse ziehen."
Zukos Gesicht wandelte sich von blass zu rot, vor Wut zitternd. „Meine Eltern waren verheiratet!"
„Und es gibt keinen Grund, etwas anderes zu behaupten", sagte Iroh ruhig. „Sozins Truppen waren schon Dekaden vor meiner Geburt im Erdkönigreich. Wenn wir gedrängt werden, wenn es keine Möglichkeit gibt, ohne Erklärung zu entkommen – dann gesteht, dass ihr den Verdacht hegt, dass einer eurer Großeltern ein Kolonist war. Doch besteht darauf, dass die Familie niemals von solchen Dingen gesprochen hat. Was eine Tatsache ist und helfen wird eure Erzählung wahr erscheinen zu lassen."
Sein Neffe schaute zu Boden und sein Zorn verebbte. „Ich hatte nicht vor uns in Schwierigkeiten zu bringen."
Iroh lächelte und legte eine Hand auf seine Schulter. „Ihr seid wer ihr seid, Prinz Zuko. Ich glaube nicht, dass sie euch für einen Feind halten."
„Dann, warum –?"
„Das weiß ich noch nicht", sagte Iroh offen. Doch er hatte gewisse Ahnungen. Jedoch ergab keine davon so recht Sinn, bedachte er, dass der Dai Li wusste, dass sein Neffe kein Erdbändiger war. „Stützt euch auf Lee. Seid misstrauisch, aber ruhig, wenn sie mit euch sprechen. Ihr habt nichts falsches getan." Er nahm auf dem Boden Platz und beäugte den aufgetrennten Ärmelsaum. „Sehen wir, wie schnell wir diese Falle entschärfen können."
(Zuko/ Wohnung/ Ba Sing Se)
Zusammenholen und werfen.
Wasser schnappte um die Kerze, umschloss sie und fing die flackernde Flamme in einer Luftblase. Zuko hielt den wabernden Strang des Wassernetzes in seiner rechten Hand und stieß langsam den Atem aus. Vorsichtig, konzentriert brachte er den Hauptstrang von seiner linken Hand herüber und ließ ihn langsam herabgleiten. Und versuchte, ein weiteres Mal, das Unmögliche zu vollbringen.
Wasser gibt nach und verändert sich. Du musst einen leichten Griff nutzen. Gleichmäßig...
Seine linke, wasserfreie Hand hebend, suchte er wilde Entschlossenheit. Und drückte – langsam – nach unten.
In der von Rauch verdunkelten Blase sank die Flamme in ein Glimmen um den Docht herum zusammen. Anspannung zog sich durch seine Muskeln.
Zwei verschiedene Energien. Autsch, mein Kopf schmerzt.
Nein. Er würde noch nicht aufgeben. Noch nicht.
Zuko holte das Netz ein und setzte die Kerze vor sich auf dem Boden. Das hier war es, wo es ein Dutzend Mal zuvor schief gelaufen war...
Sanfte Bewegungen. Als ob man Feuerlilien streichelte.
Wasser kräuselte sich zurück wie Blütenblätter, gaben den rotglühenden Docht frei. Er hielt ihn auf diesen Glühen, trotz der frischen Luft, die heranströmte. Drei, zwei, eins...
Und ließ ihn fahren.
Die Kerze flackerte wieder auf, warf einen goldenen Schein über das Wasser, das noch immer um das Wachs geballt war.
...Ich habe es geschafft.
Wasser zitterte, drohte zu fallen.
Nicht erschrecken! Es ist kein Feuer. Gleichmäßige Bewegungen. Rufe es zu dir.
Er krümmte seine Finger und Wasser zog sich zu einer Kugel in seiner Handfläche zusammen. Zuko lächelte dünn und gab es in den Krug zurück.
Dann ließ er sich nach hinten fallen, auf den Boden seines Zimmers und unterdrückte ein müdes Kichern. Ich habe es geschafft!
Zugegeben, wenn er es mit dem verglich, was er am Nordpol gesehen hatte, war es so eindrucksvoll wie eine Wunderkerze in der Mitte eines Feuerwerkes. Aber es hatte geklappt.
Onkel sagt immer, wenn man nicht weiß, was man tut, fängt man klein an.
Ich wünschte ich könnte es ihm sagen.
Den Kopf gegen den Boden klopfend, fuhr Zuko zusammen. Er musste es Iroh sagen. Zugegeben, sie arbeiteten gemeinsam an dem Evakuationsplan, doch er wäre überrascht, wenn der alte General nicht ein halbes Dutzend Punkte bedacht hatte, die ihm noch nicht in den Sinn gekommen waren. Pläne, die sich auf die Tatsache stützten, dass sie Feuerbändiger von Sozins Blutlinie waren.
Ich muss es ihm sagen. Es ist nur – ich kann nicht. Noch nicht.
… ich schäme mich.
Scham. Er war innerlich aufgewühlt. Ein Teil dessen, von dem Onkel glaubte, dass es ihn von der Ruhe abhielt, die für Blitzbändigen benötigt wurde.
Ich schäme mich, ein Wasserbändiger zu sein.
Warum schäme ich mich? Ich habe nicht darum gebeten! Ich wollte es nicht! Die Geister haben einfach beschlossen an mir herum zu spielen, wie sie es mein ganzes Leben –
Weil wir Sozins Erben sind.
Sozin der Held. Sozin der Eroberer. Sozin, der ein blutiges Massaker ausgelöst hatte, dessen Ausmaße Zuko übel werden ließ. Es war eine Sache, den Westlichen Lufttempel zu betreten, einhundert Jahre nachdem das Blutvergießen geendet hatte. Doch es war etwas anderes, Aang getroffen, ihn über die Welt gejagt zu haben, und langsam zu erkennen, dass es einst Tausende von Luftbändigern genau wie ihn gegeben hatte, die zwischen den vier Ecken der Welt flogen.
Wie konnte er das tun? Wie konnte irgendwer das tun?
Zuko schauderte und setzte sich auf. Er fühlte sich etwas flau im Magen. Nur darüber nachzudenken, wie sie gestorben waren – Männer, Frauen und Kinder – es … beschämte ihn.
Ich schäme mich dafür, Sozins Erbe zu sein. Ich schäme mich dafür, nicht der Erbe zu sein.
Ich bin verwirrt.
Es schmerzt.
Es schmerzte in ihm, als ob er ohne Luft unter Eis gefangen wäre. Seine Gedanken wirbelten wie Federn im Wind, er wusste nicht, was er tun sollte, es war nicht fair –
„Prinz Zuko." Irohs Stimme, aus einer lang vergangenen Lektion. „Wenn ihr in der Wildnis verirrt seid, ist das erste, was ihr tun müsst euch zu setzen."
Hinsetzen. Sich beruhigen. Atmen.
Die Kerzenflamme atmete mit ihm.
„Was habt ihr und was braucht ihr?"
Was er hatte? War etwas unmögliches –
Konzentriere dich, verdammt!
Was er hatte war sich selbst und Onkel und eine bislang ungewisse mögliche Hilfe vom Rest des verborgenen Volkes in Ba Sing Se. Was er brauchte –
Ich werde mein Volk retten.
Das war ein nettes Ziel. Sehr hübsch. Genau das, was der Avatar unterstützen würde, wenn es nicht die Feuernation wäre.
Aang ist ein idealistischer Idiot. Was brauchst du, das du auch schaffen kannst? Überleben. Konzentriere dich auf die Grundlagen.
Atme. Fühle den Herzschlag der Flamme...
Ich brauche einen Ort, an dem mein Volk überleben kann.
Na schön. Wenn er annahm, dass er und Onkel ein Wunder vollbringen und die Geister lange genug austricksen konnten um es hin zu biegen, würden ein paar überleben. Doch es würde nicht die Feuernation sein, in der er aufgewachsen war.
In der Feuernation könnte Jinhai mit dreizehn zu einem Agni Kai gefordert werden. Ich will nicht, dass so etwas geschieht. Das wäre... falsch.
Denke nicht darüber nach.
Also. Eine kleine Bande von Exilanten, um das Feuer am brennen zu halten. Was würde Erde und Wasser davon abhalten sie einfach zu überrollen?
Wir brauchen Befestigungsanlagen. Und wir müssen sie klug anlegen. Metall, wenn wir es bekommen können. Holz, wenn nicht. Erschütterungssensoren, um Erdbändiger aufzuspüren, die Tunnel bauen. Wenn wir andere Elemente auf unserer Seite hätten, würde es helfen, sehr viel sogar. Wenn die Wen-Familie mitkommt – mit Erdbändigern könnten wir mehrere Verteidigungslinien schaffen. Wir könnten sogar Mauern bauen, die fallen sollen.
Sein Atem und die Flamme waren gleichmäßig. Gut.
Also. Wie beeinflusst es den Plan, ein Wasserbändiger zu sein?
Wenn er annahm, dass die Leute, denen er helfen wollte, nichts gegen Wasserbändiger hatten... Sie kannten Amaya. Es sollte kein Problem sein. Wenn er ausgebildet wäre, wenn er den Mut hatte es Amaya zu sagen und sie um Hilfe zu bitten, könnte es sogar ein Vorteil sein. Wasser abzulenken machte vieles leichter. Heilung konnte Leben retten.
Erstes Problem abgehakt. Zuko sah kurz zur Kerze, stellte sicher, dass nichts Brennbares in ein paar Metern Umkreis war. Jetzt. Denke nach. Spielt es irgendeine Rolle, dass du von Sozins Linie bist? Beeinflusst es den Plan?
Die Flamme schoss einen halben Meter auf, bevor er sie wieder unterdrücken konnte. Es schmerzte.
Seine Knie packend, rang Zuko die Wut, die Trauer und die Verwirrung nieder. Ob er es ihm gefiel oder nicht, er und Iroh waren zu Verrätern am Drachenthron erklärt worden. Es spielte keine Rolle, wer sie waren. Nicht mehr.
Und wer mit uns kommt, wird das tun, weil er es will. Nicht weil sie uns loyal sind.
Und das würde auch für alle gelten, die später auftauchten. Und Onkel schien überzeugt zu sein dass Leute auftauchen würden.
Denke darüber nach. Zuko runzelte die Stirn. Das verborgene Volk hier – sie sind geflohen. Und sie haben es geschafft. Aber sie verstecken sich.
Wir würden uns nicht verstecken. Wir werden kein Feuerwerk hoch schicken, doch wir werden uns nicht verstecken.
Wenn die Leute wüssten, dass es einen anderen Ort gibt, an den sie gehen könnten, wenn sie darauf kommen würden, dass es möglich ist einen solchen Ort zu erschaffen...
Was würde geschehen, wenn Ozai stürbe und ein paar der Großen Namen ihre Loyalität Azula einfach nicht geben würden?
Man muss Mut haben, um es zu vollbringen. Man muss Macht haben und eine befestigte Domäne und loyale Untertanen.
Solche Orte gab es in der Feuernation. Ein paar der kleineren, abgelegeneren Inseln, die Waffen und Männer für den Krieg beisteuerten, sich aber sonst größtenteils zurückzogen. Genau die Art von Orten, die die Vergeltung einer wütenden Welt am wahrscheinlichsten überleben konnten.
Wenn wir das hinkriegen, dann werden wir nicht allein sein.
Nichts davon hing davon ab, dass er Prinz Zuko, Sohn von Ozai, Enkel von Azulon war. Sie hatten einen Plan. Jene, die sie zu retten versuchten, würden denken, dass es eine gute Idee war, oder auch nicht. Das war alles.
Er hing den Kopf zwischen die Knie und atmete tief durch. Der Raum drehte sich immer noch.
Es spielt keine Rolle wer ich bin. Wenn der Plan gut ist, dann ist es egal, ob ich der Kronprinz bin, oder einfach... nur Lee, der Vertriebene.
Nur war es doch wichtig. Und nicht nur für ihn selbst.
Ich bin nicht Lee. Ich wünschte ich wäre es. Lee hat keine Befehle.
Und doch. Der Avatar war nicht hier.
Und wenn er schlau ist, wird er nie herkommen. Die Armee greift diesen Ort ständig an. Er wäre ein Idiot, hierher zu kommen, wenn er noch nicht alle vier Elemente gemeistert hat...
Oh. Warte mal.
Zuko seufzte, drückte gegen die Nasenwurzel. Er ist ein Idiot, doch Katara hat etwas Verstand. Und Toph erscheint mir recht solide, nach dem was Onkel sagte. Er wird nicht hierher kommen.
Und wenn man bedachte, dass der Versuch es mit drei Meister-Bändigern im Alleingang aufzunehmen – plus einem Idioten mit Bumerang – ein schneller Weg war zu einem blutigen Fleischhaufen verarbeitet zu werden... und wenn er bedachte, dass Azula wahrscheinlich dem ganzen idealistischen Haufen wie eine Geier-Wespe einem Leichengeruch folgen würde... nein.
Er war loyal. Das war er. Aber Azula wollte ihn tot sehen und er würde sich nicht wie auf dem Silbertablett präsentieren.
Also. Es war einfach genug. So lange er in Ba Sing Se war, würde er tun was er konnte für sein Volk. Der Avatar würde einfach warten müssen.
Ich habe seit drei Jahren Geister gejagt. Wenigstens weiß ich jetzt, dass er echt ist.
Und das verursachte ihm wirklich Kopfschmerzen. Doch darüber würde er diese Nacht nicht mehr nachdenken. Er musste am nächsten Morgen arbeiten.
Vielleicht vergessen sie ja das mit dem Bären...
(Zuko, Shirong/ Palast des Erdkönigs/ Ba Sing Se)
Die Morgensonne sang durch seine Adern, als er vor dem luxuriösen Zwinger stand. Zuko beäugte den Bären in der lächerlichen Jacke und Hut.
Bosco beäugte ihn. Er bewegte sich unruhig, Schnauze kräuselte sich in dem Anfang eines Knurren –
„Platz!"
„Grumm?" Unschuldig blinzelnd setzte sich Bosco, als ob es von Anfang an seine Idee gewesen wäre.
Heißes Wasser um seine Hände gewickelt rann Zuko seine Finger über braunen Pelz, besonders auf den gut ausgebildeten Bauch. Bis jetzt schien alles in Ordnung zu sein. Ein paar Knoten zwickten, erinnerten an andere unratsame Mahlzeiten. Er schmolz diese, soweit sie ihn ließen.
Mach es gründlich. Vielleicht brauchst du nicht wieder zu kommen.
„Es ist erstaunlich, wie er auf dich hört", sagte der Erdkönig fröhlich. „Nicht ein verspieltes kleines Zwicken!"
Braune Bärenaugen spähten in Zukos Richtung, die Zunge schlurfte wie in der Vorfreude auf einen eben solchen Zwicken.
Zuko blitze ihn an.
Die Zunge glitt zurück, als ob sie durch einen Strohhalm gesogen worden wäre.
Genau. Benimm dich. Oder sonst. „Ihr solltet ihn wirklich nicht Leute beißen lassen."
„Ich soll seine natürlichen Instinkte unterdrücken?", sagte der König, entgeistert. „Er ist mein Freund!"
Euer Freund hat genug Zähne und Klauen, dass selbst der Unagi es sich noch einmal überlegen würde. Irgendwann dieser Tage wird das jemand bereuen. Zuko unterdrückte ein Seufzen. „Wenn wir zuließen, dass Straußen-Pferde ihren natürlichen Instinkten folgen ließen, würden sie jedes Mal wegrennen, wenn ein Komodo-Rhino auftauchte."
„Warum sollte das je ein Problem sein?", fragte der Erdkönig verwirrt. „Komodo-Rhinos leben in der Feuernation."
„Das stimmt schon", sagte Zuko zögernd, sich der lauschenden Ohren wohl bewusst. „Aber was, wenn – " Verdammt, was soll ich sagen? Azula würde wissen was sie sagen sollte, sie hat Ty Lee dazu gebracht, ihr zu glauben – oh. „Was ist mit reisenden Zirkussen?", stieß er hervor.
„Reisezirkusse?", sagte der Erdkönig skeptisch.
„Nun, sie haben Tiervorführungen und..." Während braune Augenbrauen immer höher stiegen, seufzte Zuko. „Vergesst es. Es geht ihm gut. Nur lasst nicht zu, dass er wieder etwas frisst, das kein Futter ist."
„Tiervorstellungen." Der Erdkönig schmunzelte. „Du bist ein seltsamer junger Mann."
Ihr habt ja nicht die geringste Ahnung.
„Nun gut, du darfst gehen."
„Euer Majestät", brachte Zuko steif heraus, sich hinkniend. Dann zog er sich so schnell zurück wie es die Höflichkeit erlaubte.
Ich hasse das. Ich hasse es. Ich hoffe, dass ich so was nie wieder machen muss –
Eine in eine grüne Uniform gekleidete Gestalt fiel lautlos neben ihm mit in den Schritt. „Zirkusse?", sagte Shirong, amüsiert.
„Es könnte passieren", verteidigte sich Zuko. Er stützte sich auf Lee und versuchte wie ein typischer Vertriebener zu handeln und zu denken.
Ein Vertriebener, von dem sie wissen, dass er das Dao führen kann. Oh, das wird wirklich lustig werden.
Shirong ging neben dem jungen Mann her, genoss die unerwartete Stille. Lee versuchte nicht zu erklären oder sich zu verteidigen. Er hatte nur eine mögliche, wenn auch nicht sehr wahrscheinliche Erklärung gegeben – und es dabei belassen.
Ein interessanter junger Mann.
Zur Hälfte vom Nebelsumpf, wenn man nach dem Bericht über der Rauferei im Teeladen ging. Doch das war nicht in seinen offiziellen Papieren. Doch dann schien es wahrscheinlich, dass es da so einiges an Lee und seinem Onkel gab, dass nicht in ihren Papieren stand.
Ursprüngliches Heimatdorf wird als Taku angegeben. Na klar doch.
Taku gab es nicht mehr. Dort gab es nichts mehr, außer einer halb verrückten Kräuterkundigen und diesem verdammten Feste Pohuai mit den drei mal verfluchten Yu Yan. Und das machte es zu dem perfekten Ort, um Papiere für Leute zu schaffen, die etwas zu verstecken suchten... nun, vielleicht sogar noch schlimmere Verwandte als nur aus dem Nebelsumpf.
Er sieht wirklich wie sie aus. Armer Junge.
Das könnte jedoch nützlich sein. Genau wie das Wasserbändigen. Ganz besonders mit der besonderen Situation, die sie im Oberen Ring hatten.
Avatar Kyoshi hat uns darauf vorbereitet mit jedem Element zurecht zu kommen. Doch das ist nicht das gleiche, als jemanden zu haben, der es spüren kann.
Zugegeben, die Situation war im Moment unter Kontrolle. Doch man konnte nie vorhersagen, was Kinder in diesem Alter tun würden. Und der Gedanke an eine vierzehn Jahre alte Meisterin des Wasserbändigens, die in seiner Stadt außer Rand und Band geriet ließ Shirong erschaudern.
Trotzdem. Lee ist kein Erdbändiger. Wenn wir eine Ausnahme machen, dann muss er es auch wert sein.
Nun gut. Es war an der Zeit, herauszufinden, wie Lee auf Fallen reagierte. Shirong hob mit Stein behandschuhte Finger etwas, machte eine Geste –
Ein kleiner Tuchbeutel glitt aus Lees linkem Ärmel. Der Jugendliche fing ihn automatisch auf, hielt an und drehte sich um, um diesen ihm mit einer leichten Verbeugung hinzuhalten. „Ich habe keine zerbrochen. Sie sahen so aus, als ob es zeitaufwändig ist sie herzustellen."
Überrascht nahm Shirong den Beutel und machte offen eine Geste. So winzig wie sie waren, sollte jede einzelne Perle reagieren.
Nichts. Nicht ein Hauch von Erde kam von Kragen oder Ärmel. „Du hast sie gefunden."
Lees einzelne Augenbraue hob sich. „Sollte ich das nicht?"
Shirong wog den jungen Mann mit einem Blick ab und lächelte schief. „Komm mit."
Er führte sie durch Mauern und Korridore in eine der kleinen steinernen Räume, die die anderen Agenten für private Gespräche benutzten. Er legte den Beutel auf einen niedrigen Tisch auf dem schon eine längliche Tasche lag. „Wie hast du sie gefunden?"
„Ich habe die Farbe gesehen." Lees Gesicht war ernst, doch stiller Stolz kämpfte mit Misstrauen in seinem Blick. „Dann spürte ich etwas im Ärmel. Also habe ich nachgeschaut als ich nach Hause kam." Er rieb den Stoff zwischen seinen Fingern. „Wasser... man muss fühlen, was man macht. Ich habe noch nicht viel Übung, aber so viel weiß ich schon."
Und doch fragst du nicht warum, bemerkte Shirong. Du willst es wissen. Ich kann sehen wie sehr du es wissen willst. Doch du weißt genug um uns nicht zu vertrauen. Also wartest du, egal wie schwer es dir fällt.
Er war misstrauisch, aber er hatte keine Angst. „Ich bin überrascht, dass jemand mit deinem Talent als Schwertkämpfer ein Heiler sein will."
„Meister Amaya ist eine gute Lehrerin", sagte Lee gleichmäßig. „Ich kann Wasser bändigen. Davor kann ich nicht weglaufen. Ich muss lernen wie ich es kontrolliere." Ein sardonisches Schnauben. „Oder jeder einzelne Teeladen in Ba Sing Se wird mir Hausverbot erteilen. Und mein Onkel liebt Tee."
Er ist aufmerksam, hat gute Kampftalente und sarkastische Untertreibung. Na, na. „Ich habe mir sagen lassen, dass die Frauen vom Nördlichen Wasserstamm nicht als Kämpfer ausgebildet werden", sagte Shirong ruhig, während er einen blau verschlossenen Rollenbehälter aus der Tasche nahm. „Das kommt mir wie Verschwendung vor."
Lee stand still wie Eis. Nur seine Augen brannten wie grüne Flammen in einem blassen Gesicht.
Das dachte ich mir. Du bist ein Kämpfer. Du weißt was das ist. Und du willst es haben. Shirong hielt mit seinem Blick den des Jugendlichen. Du willst es, doch du weißt, dass es nur zu einem Preis ist. Und mancher Preis ist zu hoch. Du wirst dich nicht auf diese Art fangen lassen, oder? Wenn ich zu viel verlange, wenn du glaubst, dass es zu mehr führen wird, als deine Seele tragen kann – dann gehst du direkt durch diese Tür.
Gut. Gut. Willensschwache Bändiger hatten keinen Platz im Dai Li. Sie waren vielleicht gut genug um auf der Äußeren Mauer zu kämpfen, wo sie nur menschlichen Gegnern gegenüber traten. Innerhalb der Mauern, wo Widersprüchlichkeiten und ruhelose Geister umher gingen... man konnte keinen Mann der von seinen Leidenschaften beherrscht wurde gegen einen Kamuiy schicken. Es wäre ein Schlachtfest. „Magst du diese Stadt, Lee?"
„Ich bin erst seit ein paar Tagen hier", sagte der Jugendliche leise. Er schaute immer noch Shirong an, und nicht die Schriftrolle.
„Aber es gibt Leute hier, die dir am Herzen liegen", sagte Shirong sanft. „Leute, die du beschützen willst." Er hob eine Hand für Geduld, als der Junge einen gefährlichen Schritt zurück tat. „Das ist keine Drohung. Ich weiß nicht wer in der Vergangenheit versucht hat, dich umzubringen, von dem jungen Idioten Jet abgesehen. Aber ich würde nie deinen Onkel bedrohen. Familie ist wichtig. Warum sonst sollten wir kämpfen? Für Ehre? Für Stolz?" Der Agent schüttelte den Kopf. „Überlass das jungen Narren, die es nicht besser wissen. Du weißt was wichtig ist. Du hast deine Familie geschützt und einen jungen Idioten am Leben gelassen, dass er aus seinen Fehlern lernen kann." Er schmunzelte. „Nicht nur das, du hast es so unübersehbar offensichtlich gemacht, dass er falsch lag, dass er sich sogar beruhigen und ein anständiger Bürger werden könnte. Und das wäre am Besten für alle Beteiligten."
Lee stieß einen langsamen Atem aus, noch immer misstrauisch, wie ein verwilderter Pygmäen-Puma. „Was wollen sie?"
„Was ich will? Ich will, dass die, die die Macht haben, um diese Stadt zu schützen, auch die Fähigkeiten haben, die sie brauchen." Shirong hielt ihm die Schriftrolle hin. „Das ist eine Leihgabe, kein Geschenk. Ich werde sie wieder zurück brauchen."
Lees Hand schloss sich darum, fest aber nicht zu fest. „Ich werde sie Meister Amaya zeigen und fragen ob es etwas Angemessenes zu lernen ist." Er steckte die Rolle in seine Ausrüstung und verbeugte sich formell.
„Mache das", sagte Shirong mit leichtem Ton, die Verbeugung erwidernd. Er eskortierte den jungen Mann zu den Hauptkorridoren zurück und platzierte sich lautlos auf einer passenden Mauer um zuzusehen, wie er den Palast verließ.
Nicht lange danach hielten leise Füße unter ihm an. „Nun?", sagte Long Feng trocken.
Schief grinsend, ließ Shirong den Beutel mit Perlen in seine Hände fallen.
Long Feng wog das raschelnde Tuch, verwirrt. Er hob es zu seinem Ohr, schüttelte es und riss den Kopf hoch, um Shirong erstaunt anzustarren.
„Jede. Einzelne. Perle," sagte Shirong mit großer Zufriedenheit.
Sein Anführer runzelte die Stirn. „Selbst ein fähiger Erdbändiger – "
„Könnte offensichtlich noch etwas von paranoiden Fingern lernen." Shirong hob die Schultern.
„Hmm." Der Großsekretär nickte. „Was haben sie ihm versprochen?"
„Nichts."
Long Feng hob eine Augenbraue.
„Der Junge hatte schon mit Manipulatoren zu tun. Und zwar mit gefährlichen. Bei dem geringsten Anzeichen einer Falle ist er weg."
„Er befindet sich innerhalb der Uneinnehmbaren", sagte Long Feng trocken. „Wo sollte er schon hin gehen?"
„Er würde sich was ausdenken." Shirong veränderte seine Position auf der Mauer, nachdenklich. „Man gibt einem streunenden Pygmäen-Puma keine Versprechen, Sir. Man stellt Futter hin und man lässt das Fenster offen. Und dann wartet man."
„Es gibt Dutzende eifriger Kandidaten", sagte Long Feng gemessen. „Warum sollten wir auf diesen warten?"
„Von den Gründen abgesehen, die sie schon dargelegt haben, Sir?" Wasserbändiger. Einwohner des Erdkönigreichs. Schon dazu trainiert gefährlich zu sein. Bekannte Familie hier, also ist es in seinem Interesse zu kooperieren. „Er ist nicht eifrig. Und das heißt, dass, wenn er überzeugt ist, er es auch bleibt. Er ist einfallsreich, ausdauernd und sorgfältig. Und er weiß wie er sich selbst beherrscht. Selbst wenn es um etwas geht, dass er unbedingt haben will."
Long Feng stand still, Augen halb geschlossen, als er das überdachte. Er nickte ein mal. „Ich nehme an mit warten meinen sie, dass ihre Bemühungen mit ihm ihren anderen Pflichten nicht im Wege stehen werden?"
„Das ist äußerst unwahrscheinlich." Shirong blickte nach unten. „Ist ein Bericht gekommen, von dem ich wissen sollte?"
„Nein." Long Feng runzelte immer noch die Stirn. „Sie behaupten seit einiger Zeit auf Reisen gewesen zu sein. Wenn dieser Junge von der Qualität ist, die wir brauchen – warum hat ihn die Armee nicht schon vorher gefunden?"
„Sein Onkel", sagte Shirong gemessen. „Wer sonst kümmert sich um einen alten Mann ohne Familie? Ich bezweifle, dass Jet er erste ist, der sie angegriffen hat."
„Hmm." Der Großsekretär nickte. „Machen sie weiter."
(Zuko, Jet/ Mittlerer Ring/ Ba Sing Se)
Die Dai Li versuchen mich zu rekrutieren. Während er am frühen Nachmittag durch die belebten Straßen des Mittleren Ringes zu Jinhais erster Trainingsstunde eilte, versuchte Zuko – wieder – die Situation zu verstehen. Er hatte so lange er alt genug war um sich daran zu erinnern gesehen wie Politik und Verhandlungen abliefen. Shirong war subtil, er ähnelte viel eher Leutnant Jee oder gar Onkel statt einer aufgeblasenen Wiesel-Schlange wie Zhao. Doch er war nicht subtil genug. Er wusste was da gerade passiert war.
Nur ergab es keinen Sinn.
Die Dai Li versuchen... oh zur Hölle. Sag es Onkel – sag es Amaya! – und versuche nicht darüber nachzudenken. Ein Vertriebener würde nicht wissen, was gerade geschehen ist. Oder?
Er wusste es nicht. Und das war ernüchternd und beängstigend zugleich. Wie konnten die Leute ihr ganzes Leben zubringen, ohne den tödlichen Tanz von Lords und dem Hof zu kennen?
Wie kann ich als normal durchgehen, wenn ich noch nicht einmal weiß, was das ist?
Zumindest gab es bei dem ganzen Schlamassel ein was Gutes. Onkel hatte Recht. Sie glaubten nicht, dass er Feuernation war. Shirong hätte diese Schriftrolle nie einem Feind angeboten...
Ich werde verfolgt.
Zuko war in Städten groß geworden, ehe er in die Wildnis der Welt vertrieben worden war. Er kannte dieses Spiel.
Zuerst, passe dich der Bewegung der Menge an.
Manchmal war das genug, um einen unfähigen Verfolger abzuschütteln. Sich an Dutzende anderer Leute anzupassen verwandelte ein klares Ziel in ein Biest in einer Komodo-Rhino-Stampede. Wenn sein Verfolger sich aber genau ihn herausgepickt hatte –
Das hat er. Zuko spähte vorsichtig zurück um die Störung in der Menge zu sehen, als jemand grob seinen Weg um einen Knoten fröhlich tratschender Ehefrauen auf dem Markt herum bahnte. Die Leute zwischen ihnen verbargen, nach wem er Ausschau hielt, doch ihrer Missbilligung und überraschten Furcht nach...
Männlich. Er ist wahrscheinlich jünger als sie. Wahrscheinlich bewaffnet.
… Oh, Hölle.
Vor ihm fiel Zuko das merkwürdige Flattern des Vorhangs eines Nudel-Ladens in die Augen. Niemand war gerade hindurch getreten und die Brise von der Straße sollte es nicht in diese Richtung blasen, was bedeutete, dass der Luftzug von anderswo kommen musste – ja!
Sich beeilend lächelte Zuko und hielt sich an einer anderen Gruppe von Frauen, die darauf aus waren Nudeln für das heutige Abendessen zu besorgen. Höflich bahnte er seinen Weg am Rand der farbigen Kleider entlang, als sie für eine letzte Diskussion über Nördlichen Winterweizen und Südlichen Sommerweizen anhielten. Er hielt auf der anderen Seite einer gesetzten Matrone an, Kopf geneigt, als ob er nicht einmal daran denken würde, sich an den älteren Leuten vorbei zu drängen.
Und verschwand die winzige Gasse direkt neben dem Laden hinab.
Beeile dich. Jeden Moment wird er merken, dass du nicht bei ihnen bist...
Die Gasse war fast eng genug, dass er sie wie einen Felsenkamin erklimmen könnte. Doch da er nicht sicher war, wie widerstandsfähig sein Wasserschlauch war, widerstand Zuko der Versuchung, stattdessen suchte er mit Fingern und Stiefeln Halt an der steinernen Mauer des Ladens. Ein Stock, zwei, drei – er war auf dem Dach!
Er schwang sich auf ockerfarbene Tonziegeln, lautlos und vorsichtig keine wegzutreten, die vielleicht nicht richtig befestigt waren. Er schlich in den besten Schatten, den er finden konnte, der ihn verborgen halten und spähen lassen würde.
Selbst von oben waren die Zwillingshakenschwerter unverkennbar.
...Verdammt noch mal!
Es wäre ihm lieber gewesen von Dai Li verfolgt zu werden.
Nicht dass Zuko von irgendwem verfolgt werden wollte. Doch die Dai Li kannten Amaya. Sie wussten wahrscheinlich auch, dass die Familie Wen seit langem ihre Patienten waren. Wenn ihr Lehrling zu Besuch kam – nun, was war daran so merkwürdig?
Doch falls Jet Meixiang oder Jinhai sehen sollte...
Er hat auf einer geheimen Fähre nach Leuten von der Feuernation Ausschau gehalten. Warum sollte er das hier nicht tun?
Jinhai hatte gerade erst mit dem Bändigen angefangen. Wenn Jet ihm Angst einjagte – es würde Funken geben, darauf konnte er sich verlassen.
Das lasse ich nicht zu.
Genau. Er musste einfach nur wegschleichen, ausweichen und Jet vor Frust schäumend in der Straße stehen lassen.
Nein.
Das war nicht nur sein eigener Jähzorn. Lee war aufgebracht, wie ein Stachelschwein-Eber.
Ich bin Amayas Lehrling. Ich habe jedes Recht durch diese Straßen zu gehen. Er ist derjenige, der im Schatten schleichen sollte, nicht ich.
Das war nicht die vorsichtigste Reaktion. Doch manchmal war der vorsichtige Plan nicht der schlauste.
Ich bin Amayas Lehrling. Ein Wasserbändiger des Erdkönigreiches. Und ich habe nichts Falsches gemacht.
So muss ich mich auch verhalten.
Na gut. Verhalte dich wie ein aufgebrachter unschuldiger Jugendlicher. Aber Jet war bewaffnet.
Er hat nie in einer Stadt gelebt, dachte Zuko. Wenn man nicht ein Großer Name war, dann geht man nicht bewaffnet auf die Straße, außer man sucht Schwierigkeiten –
Wasser gluckerte, als er sich in den Schatten zurück lehnte und Zuko erstarrte. Ich bin bewaffnet.
Du musst es durchdenken. Wenn du das Wasser erhitzt kannst du damit Feuerbändigen, aber wenn er immer noch glaubt, dass du Feuernation bist, ist das keine gute Idee. Das heißt, dass du nur etwas zur Verfügung hast, dass du kaum nutzen kannst – er kommt!
Auch wenn er auf dem Land aufgewachsen war, sah es so aus, als ob Jet die Gasse endlich entdeckt hatte. Mit geballten Fäusten stapfte er hinein.
Er löste den Stöpsel seines Wasserschlauches und Zuko lockte Kühle um seine Hände. Für einen Moment glaubte er, dass der zornige Jugendliche vorbei gehen würde. Doch wo auch immer er her kam, Jet musste etwas Erfahrung im Spurenlesen haben. Der Freiheitskämpfer blickte kurz zur Mauer und erstarrte –
Wirf!
Wasser schnappte haargenau um sein Ziel. Zuko riss zurück, und Leder zerriss.
Er packte die Hakenschwerter mit Scheide und allem und Zuko starrte zu Jet hinunter. „Warum verfolgst du mich?"
Jet starrte zurück, wieder auf einem Grashalm herumkauend. „Vielleicht hast du es nicht bemerkt, aber das ist eine freie Stadt."
Das? Das ist so was von falsch. „Na schön." Zuko ließ das Wasser zurück in den Schlauch fließen und schüttelte die Schwerter. „Viel Glück dabei, die hier jemals wieder zu finden."
„Ja klar, warum auch nicht?", sagte Jet düster. „Ihr tötet und brennt und mordet, warum sollt ihr nicht auch stehlen?"
„Du glaubst immer noch – " Zuko fluchte unterdrückt, rang mit der Versuchung Funken zu spucken. Schlechte Idee. „Bist du blind? Ich bin ein Wasserbändiger!"
„Dein Onkel aber nicht." Braune Augen verengten sich. „Ich weiß genau was er ist."
Ich darf den Idioten nicht umbringen. „Ich habe es dir doch schon gesagt – "
„Dass deine Mutter aus dem Nebelsumpf stammt?", sagte Jet verächtlich. „Die Ehefrau seines Bruders? Wenn er überhaupt dein Onkel ist. Doch ich schätzte dass das zumindest keine Lüge ist. Auf keinen Fall würde ein Feuerbändiger eine Waise aufnehmen, die so aussieht als ob sie ein Feuerduell verloren hat..."
Werde. Ihn. Nicht. Umbringen. Die Welt schimmerte in einem roten Schleier. Er wollte etwas zerstören. Viel. Vorzugsweise Jets Knochen –
Ein gemeines Grinsen zupfte an Jets Mund, als er subtil die Haltung veränderte.
Er wartet darauf das ich da hinunter komme.
Das denke ich nicht.
Die Wut verebbte nicht. Wenn überhaupt brannte sie noch heißer. Doch er war ein Feuerbändiger. Er konnte Feuer mit seinen bloßen Händen halten, wenn er es wollte. Und er konnte seinen Jähzorn halten. Jetzt. „Du machst mich krank."
Jets Grinsen fiel.
„Ein Neuanfang hast du gesagt. Eine zweite Chance. Und du drangsalierst einen alten Mann der in einem Teeladen arbeitet?" Zukos Augen verengten sich. „Was für eine Art Freiheitskämpfer schikaniert Zivilisten? Da draußen ist eine ganze Mauer, die Leute braucht, die sie bemannen! Um die unschuldigen Leute hier beschützen, die hier zu überleben versuchen! Du willst die Feuernation bekämpfen?" Er stach einen Finger in Richtung der Äußeren Mauer, die weit in der Ferne thronte. „Geh, kämpfe da draußen!"
„Und ich soll zulassen, wie die glückliche Familie eines Verräters davonkommt?", höhnte Jet, die Muskeln anspannend, um an die Mauer zu springen und sie zu erklettern. „Das glaube ich nicht – "
„Nenne meinen Onkel nie wieder einen Verräter!"
Mit plötzlich vorsichtigen Augen trat Jet einen Schritt zurück und stieß fast an die gegenüber liegende Mauer.
Zuko zwang sich dazu durchzuatmen, während Wasser um seine Hände kräuselte wie Tentakeln. Ich habe es nicht gerufen... egal. Nutze den Zorn. Lass dich nicht vom Zorn kontrollieren. „Darum geht es also, was? Ich habe noch eine Familie. Aber du nicht. Du Bastard."
„Was willst du schon davon wissen?", warf ihm Jet entgegen. „Du hast nie was an die Feuernation verloren – "
„Warum zur Hölle glaubst du das?" Bring ihn nicht um. Amaya wäre sehr enttäuscht, wenn du ihn tötest. „Ich habe meine Eltern verloren!" Mutter war verschwunden. Ein Vater der ihn nur entehrt oder tot sehen wollte. „Ich habe meine Schwester verloren!" Vielleicht war Azula nie etwas anderes als bösartig gewesen, er wusste es nicht. Doch Mutter zu verlieren hatte sie in Ozais Zustimmung fallen lassen und es gab nichts, das er tun konnte um es aufzuhalten. „Ich habe alles verloren, das ich hatte!" Meine Ehre. Mein Land. Meinen Thron.
Atme. Bewege das Wasser. Bring es nicht zum Kochen.
„Ich habe alles verloren", sagte Zuko leiser. „Alles außer meinem Onkel. Und du willst ihm auch weh tun?" Er starrte hinab, nagelte den braunen Blick mit dem seinen fest. „Ich will dir was vom Wasserstamm sagen, Jet. Das Allerwichtigste, das es gibt ist die Familie. Und Onkel ist meine Familie."
Jets Augen gingen zu tanzendem Wasser. „Na klar, bändige deinen Weg aus Schwierigkeiten. Du kannst es mit mir nicht in einem fairen Kampf aufnehmen. Und du weißt das auch."
Zuko erlaubte sich zu grinsen, Feuer brannte immer noch in seinen Adern. „Das bringt nichts", sagte er beinahe freundlich. „Ich sagte es doch. Familie. Das heißt, ich muss nicht fair kämpfen." Sein Grinsen wurde breiter, Zähne blitzten auf. „Ich muss überhaupt nicht kämpfen."
Jet war gegen die gegenüberliegende Mauer gedrückt, langsam erblassend, als seine Schultern gegen Stein pressten.
„Halt dich von mir fern", sagte Zuko, mit tödlich ruhiger Stimme. „Halte dich von meinem Onkel fern." Wasser floss in den Schlauch zurück und er drehte sich um, überquerte das Dach, die Schwerter hinter sich lassend.
„Oder was?", warf Jet ihm trotzig nach.
Schnaubend trat Zuko in einen verdeckten Winkel zwischen einer flatternden Wäscheleine und einem Schornstein und verschwand. Du bist nicht blöd, du kommst darauf.
Doch er war sich bei dem nicht blöd nicht sicher. Für jemandem der glaubte, dass sie mörderischer Abschaum der Feuernation waren, schien Jet ziemlich viel auf die Annahme zu riskieren, dass sie sich wie zivilisierte Leute verhalten würden.
Vielleicht überlegt er es sich noch mal. Vielleicht.
Für den Moment hatte er den wütenden Jugendlichen abgeschüttelt. Es war Zeit das zu nutzen.
(Suyin, Zuko/ Haus der Wens/ Ba Sing Se)
Ein Feuerbändiger. Während sie innerhalb der Haustür wartete, zupfte Suyin nervös an ihren Ärmeln. Lee ist ein echter Feuerbändiger. Und er will uns helfen.
Sie war nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte. Zum einen war ihre Erleichterung riesengroß. Sie musste nicht mehr allein versuchen, Feuer vom Auflodern abzuhalten und Funken davon zu sprühen. Nicht dass sie ganz alleine gewesen war, aber Jia hatte ständig mit ihrem Unterricht und ihren Freunden und ihrem Bändigen zu tun... und damit Min davon abzuhalten seine Nase hinein zu stecken. Und das war eine große Hilfe gewesen. Wirklich.
Zum anderen würde ein Junge, den sie nicht kannte ihren kleinen Bruder unterrichten. Sicher, Amaya bürgte für ihn und er verhielt sich um einiges weniger wie ein Blaunasenaffe 'uugh, uugh, uugh', wie Min, aber was wusste sie wirklich von ihm. Außer, dass er ein Feuerbändiger war... und er sie auch unterrichten wollte.
Ich kann noch nicht mal bändigen!
Keiner von ihnen hatte gehört, was Mama und Papa besprochen hatten, nachdem 'Professor' Papa von Amayas Klinik nach Hause gekommen war. Aber man hatte die Stimmen gehört. Manches war wütend, und manches überrascht und dann war dieses merkwürdige Plumps in der Mitte des ganzen gewesen.
Und ihr Papa war aus dem Schlafzimmer gekommen, seinen Kopf reibend und sehr nachdenklich aussehend. Nachdenklich wie 'ein Fundstück aus der falschen Periode in einer Ausgrabung'. Und Mama war kurz nach ihm herausgekommen und hatte merkwürdig verlegen und gleichzeitig amüsiert gewirkt. Und ihre Kleider waren etwas durcheinander. Aber nicht auf die Art.
Und danach hatte ihr Papa sie gefragt, sehr ernsthaft, ob sie mit Jinhai an der ersten Unterrichtsstunde teilnehmen würde. Nur um zu sehen, was sie davon hielt.
Nun. Eines wusste sie. Min war beinahe explodiert, als er herausfand, dass Jinhais erste Stunde stattfinden würde, während er an der Uni war. Als ob Papa und Mama nicht mit einem Jugendlichen fertig werden würden, egal ob er ein Feuerbändiger war oder nicht.
Zumindest Jia war vernünftig gewesen und hatte Suyin gefragt ihr alle Kleinigkeiten zu erzählen, die sie verpassen würde, währen sie beim Poesie-Unterricht war.
Allerdings weiß ich nicht, ob ich alles herausfinden kann, was sie wissen will, dachte Suyin zweifelnd. Ich kann nach seiner Familie fragen, sicher und wie es ist für Amaya zu arbeiten, aber das andere Zeug –
Es klopfte an der Tür. Suyin spähte durch den Türspion, während ihr Herz bis in den Hals klopfte.
Grüne Robe. Gruseliges Grün, fast schon wie vom Dai Li, aber ich sehe keinen Hut –
Lee schaute auf und Erleichterung durchströmte sie. Und sie versuchte, nicht die Narbe anzustarren.
„Kann ich reinkommen?"
„J-ja, einen Moment..." Sie fummelte die Tür auf, ihre Nerven hinunterschluckend. Sie schloss sie wieder, als er lautlos hereingekommen war. „Ähm, wir dachten – im Keller?" Sie holte tief Luft und rief die Treppe hinauf. „Mama, Papa! Lee ist da!"
Suyin schaute wieder zu ihm und bemerkte, wie Lee die Hände von den Ohren nahm. „Bei den Atemübungen wirst du dich gut schlagen", sagte er trocken.
„Danke?" War das ein Kompliment? So hörte es sich nicht an, aber es kam ihr auch nicht gemein vor. Komisch.
Ihre Eltern kamen herunter, mit Jinhai zwischen ihnen und Suyin sah den Moment, als Jinhai Lee sah. Ihr kleiner Bruder strahlte plötzlich, Augen weit und hell und hoffnungsvoll, als ob Mama gerade von einem langen Tag mit den Frauen der anderen Professoren Heim gekommen wäre.
Lee fing den heran fliegenden Jungen auf, als dieser ihn umarmte und wirkte so verblüfft, als ob ihm gerade einer eine verpasst hätte. „Stimmt etwas nicht?"
„Du bist da! Du bist wirklich da!" Jinhai rückte etwas ab um hoch zu schauen, mit Zweifel in den hellen, grünen Augen und biss sich auf die Lippen. „Ich dachte fast, du wärst ein Geister-Märchen. Ich wusste nicht ob du wirklich echt bist."
„Ich bin echt", sagte Lee leise. Er schaute zu ihren Eltern. „Professor. Madame."
„Es wäre klug, wenn wir hinunter gehen", sagte ihr Vater schlicht. „Wollen wir?"
Suyin zog nach ihnen die neue Kellertür zu und fragte sich wie lange diese wohl halten würde. Und auch was genau Lee getan hatte um Stein so zu zerschmettern wie es nur ein Erdbändiger tun konnte. Das wäre echt cool...
Träum weiter. Du bist keine Bändigerin, schon vergessen? Suyin setzte sich bei dem alten Futon, den ihre Mutter in den Keller gebracht hatte. Hör einfach nur zu und pass gut auf. Es ist ja nicht so, als ob dir das was bringt, außer einer Möglichkeit Jinhai zu helfen...
„Das erste, was ihr wissen müsst", unterbrach Lee ihre Gedanken, als er einen Halbkreis von fünf nicht brennenden Kerzen vor ihm aufstellte, „ist, dass jeder Chi hat und jeder lernen kann, es zu bewegen."
Warte. Was?
„Chi nimmt Amaya um Leute gesund zu machen, oder?" Jinhai konnte kaum still halten, als Lee ihn hinsetzte.
„Ja." Lee nickte. „Das ist es, womit Bändiger ihr Element beeinflussen. Und Kämpfer benutzen es auch. Allerdings glaube ich, dass nicht viele hier wissen was sie da machen. Ein Krieger der es weiß ist ein unglaublicher Kämpfer. Vor Jahren zog sich Meister Piandao von Shu Jing von der Armee zurück und ging in den Ruhestand. Jemand beschloss, dass er wieder zurück kommen sollte und schickte einhundert Soldaten um ihn zu überzeugen. Er hat sie alle besiegt." Ein kleines, schiefes Lächeln lag auf Lees Gesicht, während er zu ihren Eltern sah. „Er ist ein Schwertkämpfer, kein Bändiger."
„Und du bist dieser Legende wirklich begegnet?", sagte ihr Vater zweifelnd.
„Das bin ich", bestätigte Lee. „Vor langer Zeit." Der Jugendliche senkte mit einem reuigen Lächeln den Kopf. „Irgendwie hoffe ich, dass er sich nicht mehr daran erinnert. Ich war ein kleiner Bengel gewesen." Er stupste Jinhai sanft in die Schulter. „Sogar noch jünger als du."
Jinhai beäugte ihn. „Ich bin kein Bengel!"
„Sicher? Ich war es, in deinem Alter." Lee hob die Schultern. „Du sollst nur wissen, dass jeder Chi hat. Leute, die nicht Bändigen können, müssen sich sehr bemühen um zu lernen es zu bewegen, aber es ist machbar. Und so lernt man wie – " Lee warf ihren Eltern einen Blick zu und errötete etwas. „Es tut mir Leid, ich dachte, die Tür wäre stabiler als das."
„Wow!", hauchte Jinhai.
Suyin machte ihren Mund zu. „Ich kann echt lernen – so was zu machen?"
„Wenn du trainierst." Lee nickte. „Es dauert Jahre um es zu lernen. Ich habe mit vier Jahren angefangen."
„Vier Jahre? Wir beginnen mit Selbstverteidigung in der Schule erst mit – " Meixiang erstarrte plötzlich und ihre Augen weiteten sich. „... Mein Lord."
„Nein!" Lees gutes Auge war fast ebenso weit und er erbleichte. „Nein, bitte. Ich bin niemandes Lord." Er schaute zu Boden, dunkle Haare nicht lang genug um den Schmerz zu verbergen. „Nicht mehr."
Lord? dachte Suyin verblüfft. Lee ist ein Adeliger? Er war überhaupt nicht so wie die hochnäsigen Gören aus dem Oberen Ring. Und sie hatte genug von ihnen getroffen, um es zu wissen.
„Mami?" Jinhai schaute unsicher zwischen ihnen hin und her.
„Es ist kompliziert, mein Liebling." Meixiang lächelte ihn an. „Aber wenn du in Schwierigkeiten bist und du uns nicht finden kannst – geh zu Lee. Er wird auf dich aufpassen. Das machen Familien wie seine."
Lee schluckte trocken. „Ihr Vertrauen ehrt mich."
„Ich muss mit Huojin reden", sagte Meixiang unwillig amüsiert. „Er ist wahrscheinlich so schreckhaft wie ein Kaninguru ohne zu wissen warum."
„Hä?", sagte Lee verwirrt.
„Später", sagte sie fest und machte eine auffordernde Handbewegung. „Mach weiter."
„Na gut", sagte Lee argwöhnisch. Er schaute zu Suyin und Jinhai und zog sie in seinen Blick. „Meditation lehrt Konzentration und Fokus. Und im Feuerbändigen kommt das Chi vom Atem. Also fangen wir mit einer Atemmeditation an."
„Wir sollen atmen?", sagte Jinhai bestürzt. „Das mache ich doch die ganze Zeit!"
„Ach, wirklich?" Lee blinzelte ihm zu und kniff einen Kerzendocht –
Eine Flamme flackerte auf.
Suyins Mund klappte diesmal nicht auf und Lee kniff die übrigen Kerzen an. Es waren kleine Flammen. Gewöhnlich, verglichen mit den geflüsterten Horrorgeschichten von Feuerbällen, die einem Mann das Gesicht wegreißen konnten, von Flammendolchen, die Rüstung und Herz in Asche verbrannten. Doch so beiläufig wie er das gerade gemacht hatte...
Wie Papa, wenn er gerade genug Dreck zur Seite wischt, um eine neue Lage in einer Ausgrabung frei zu legen. Einfach – präzise.
Lee setzte sich gerade hin, in einer formellen meditativen Pose. Es war nicht viel anders, wie die, die sie ihren Vater hatte einnehmen sehen, doch Lees Hände waren auf seinen Knien, und nicht vor ihm verschränkt. „Kannst du so atmen?" Langsam und Gleichmäßig atmete Lee durch die Nase ein und durch den Mund aus. Leise, beinahe geräuschlos.
Und die Flammen atmeten mit ihm.
„Also... wo ist meine Kerze?", fragte Jinhai.
Wenn sie nicht aufs Atmen konzentriert wäre hätte sich Suyin gegen die Stirn geschlagen.
„Du bekommst eine, wenn deine Eltern und ich sagen, dass du soweit bist", sagte Lee direkt. „Atme. Nein, setz dich noch weiter auf, mit geradem Rücken. Dein Kopf ist ständig beschäftigt und das macht dich nervöser und das ist nicht gut für Feuer. Wir versuchen alles zu beruhigen. Durch die Nase einatmen und durch den Mund ausatmen..."
Es waren die anstrengendsten fünfzehn Minuten, die Suyin je geatmet hatte. Sie wusste nicht was sie mehr beeindruckte. Dass Lee Jinhai ständig zur Übung zurück brachte ohne auch nur einmal die Beherrschung zu verlieren –
Oder dass die Kerzenflammen nie zitterten und Lees Rhythmus beibehielten.
„Das ist schwer", beschwerte sich Jinhai, völlig atemlos.
„Das ist es." Ein schnelles Ausatmen und die Kerzen erloschen. „Frage deinen Vater wie lange es dauert, um im Erdbändigen so gut zu werden wie er. Das ist schwer. Und es dauert." Lee stand auf und streckte sich, dann ging er wieder in eine Hocke und schaute Jinhai in die Augen. „Aber du willst doch sicher sein, dass sich keiner mehr verbrennt, oder?"
„... Ja." Jinhai streckte die Beine aus und stahl einen Blick in Lees Gesicht, neugierig und ein bisschen verängstigt. „Ist dir das passiert?"
Für einen Moment erstarrte Lee. Dann stieß er einen langsamen, kontrollierten Atem aus. „Das ist... kompliziert. Was für Erwachsene." Er starrte in die Ferne, als ob er einen anderen Ort sähe. „Feuerbändiger können sich so sehr auf ein Ziel konzentrieren, dass sie es nicht durchdenken. Manchmal ist das was Gutes. Oft aber bringt das einen in riesige Schwierigkeiten." Lee lächelte schief. „Das ist ein Grund warum wir meditieren. Damit man den Lärm aus dem Kopf bekommt und nachdenkt. Weil Feuer nicht denken will. Es greift an, es brennt, es ist niemals geduldig. Also muss man doppelt so hart nachdenken, um sich aus Schwierigkeiten herauszuhalten." Er lächelte sanft. „Das ist ein Grund, warum wir unsere Eltern so sehr lieb haben. Wenn das Feuer zu heiß wird, packen sie und am Kragen und zerren uns zurück."
„Weil Feuerbändiger böse sind", flüsterte Jinhai mit gesenkten Augen.
„Wer hat dir das – ?" Lees Augen wurden für einen Moment hart. Er schüttelte es ab und wechselte einen Blick mit Suyins Eltern, die beide zornig und wie vom Blitz getroffen. Meixiang hatte eine Hand auf den Mund gepresst.
„Du bist nicht böse", sagte Suyin fest. „Du bist mein kleiner Bruder. Du weißt einfach noch nicht was du machst. Weißt du noch wie Mama immer erzählt wie Min auf dem Dach war als er klein war? Er ist da rauf gegangen und hat die Ziegeln überall hin gebändigt. Papa hat ewig gebraucht, um das alles wieder in Ordnung zu bringen."
„Aber er hatte Angst vor mir." Jinhais Augen waren feucht und sie sah wie er ein Schniefen zurückhielt.
„Ich mag es auch nicht, wenn Felsen in meine Richtung fliegen", sagte Lee trocken. „Er wird schon lernen damit zu leben."
Jetzt schniefte Jinhai wirklich und Suyin unterdrückte ein Seufzen. Sicher sie konnte es ihrem Bruder nicht verübeln, wenn er verletzt war, aber Heulen brachte nichts!
„Willst du was Tolles sehen?", bot Lee an, während er eine Kerze wieder ankniff. „Weißt du, es gibt einen Grund, warum Amaya mich unterrichtet."
Halbwegs in Tränen, schaute Jinhai argwöhnisch auf. Und blinzelte und stieß fast mit Suyin zusammen, als er zurückwich, während Lees kreisende Hände die Kerzenflamme zu Gold und Grün lodern ließ und seine Finger umflorten wie –
Wie Amayas Wasser, erkannte Suyin verblüfft.
„Ihr könnt es anfassen", sagte Lee leise, ihnen beiden einen Blick zuwerfend. „Es tut nicht weh."
Wie verzaubert berührte sie es, genau wie Jinhai.
Das Feuer war warm.
Es kitzelte ein bisschen, wie Amayas Wasser, das sie an stupste, prüfte ob etwas nicht in Ordnung war. Und es fühlte sich so an, als ob sie sich an einem kalten Morgen in eine Decke kuschelte. Einfach nur – warm. „Du bist ein Heiler", stieß Suyin heraus. „Wie? Ich hab' nie gehört – " Sie unterbrach sich, wollte Jinhais Ohren nicht mit dem füllen, was sie gehört hatte.
„Meine Mutter hatte ein Geheimnis", gab Lee zu. „Ich kam erst vor ein paar Wochen darauf." Er ließ das Feuer zur Kerze zurück flackern und zu seinem gewöhnlichen, heißen Gelb wandeln. „Feuer ist nicht böse, Jinhai. Es kommt darauf an, was man damit macht." Er stand auf und winkte sie beide auch aufzustehen. „Jetzt zeige ich euch, wie man richtig fällt."
Professor Tingzhe hustete diskret. „Ich dachte du behandelst wie man Feuer löscht?"
„Das tue ich", erklärte Lee. „Es ist miteinander verbunden. Man bewegt den Fall, damit man nicht verletzt wird. Und das ist ein Teil dessen, wie man die Energie einer Flamme bewegt, damit sie ausgeht."
„Das ist etwas ungewöhnlich für mich", überlegte Tingzhe. „Ich bin daran gewöhnt, dass Aufprall etwas zerbricht... doch ich schätze, das würde bedeuten die Energien eines Feuers zu brechen." Er neigte den Kopf.
Lee nickte zurück und schaute zu den zwei Kindern. „Schaut her. So geht es." Und damit ließ er sich rücklings auf den Futon fallen, wo er mit einem weichen Plumps landete, ehe er wieder auf die Füße rollte, so leichtfüßig wie eine Katzen-Eule. „Seht ihr?"
Jinhai glotzte. „Äh?", brachte Suyin heraus.
„Keine Sorge. Ich fange euch auf."
Wieder und wieder ließen sie sich fallen, bis Suyin dachte, dass sie zu atemlos war um sich zu bewegen. Doch sie war es nicht ganz und Lee ließ sie noch zwei mal fallen, ehe er sie mit einem Nicken vom Futon schickte. Dann setzte er Jinhai bei der Kerze hin. „Jetzt kommt der schwierige Teil. Atme. Fühle deinen Herzschlag." Er wartete auf das scheue Nicken ihres Bruders. „Greife danach. Nicht mit den Händen, sondern mit deinen Gefühlen. Fühle die Flamme. Sie ist wie ein kleiner Herzschlag. Kannst du es spüren?"
„Wow", hauchte Jinhai.
Das kann ich nicht machen, dachte Suyin sehnsüchtig, während sie zusah. Hatte die Flamme gerade geflackert, als Jinhai sich darauf konzentriert hatte? Sie war sich nicht sicher.
„Tu, was ich tue." Lee hob eine Hand, hielt sie flach und gerade. Jinhai tat es ihm nach, einen Blick in Lees ruhiges Gesicht werfend. „Jetzt", sagte Lee leise. „Drücke nach unten. So wie du den Fall in den Futon drückst, damit es nicht weh tut. Drücken und aus."
„Aber sie lebt!" Jinhai ließ entsetzt die Hand fallen. „Nein! Ich tue ihr nicht weh – "
„Jinhai!" Lees Stimme schnappte nicht, doch sie schnitt durch die Panik wie ein Messer. „Du kannst immer ein neues Feuer anzünden."
„A-aber – "
„Feuer ist überall. Lampen. Kerzen. Öfen. Überall. Es gibt viele Feuer. Aber du hast nur eine Mama. Einen Papa. Jia, Min, Suyin – sie können kein Feuer aufhalten, wenn es außer Kontrolle gerät! Du schon. Du musst." Lee starrte ihren kleinen Bruder an, todernst. „Ich weiß dass es weh tut. Ich weiß dass du es nicht tun willst. Aber das bedeutet es verantwortungsvoll zu sein. Manchmal müssen wir etwas tun was wir nicht wollen, weil unsere Familie uns braucht." Er legte eine Hand auf Jinhais Schulter. „Verstehst du das?"
„... ich denke schon", flüsterte Jinhai.
„Gut. Jetzt folge mir." Er hob wieder die Hand hoch. „Drücken... und aus."
Die Flamme flackerte. Spuckte. Erlosch und etwas grauer Rauch kräuselte sich nach oben.
Jinhai brach in Tränen aus.
„Gut", sagte Lee fest. Er blickte auf und winkte Meixiang besorgt herüber. „Das war gut, Jinhai. Genau das musst du machen." Er wich zurück und ließ eine besorgte Mutter ihren Sohn in die Arme nehmen und ihm sagen wie tapfer und schlau er war. Er lehnte sich gegen eine Kellerwand und fuhr mit einer zitternden Hand durch feuchte schwarze Haare. „Oh, bin ich froh, dass das vorbei ist..."
Suyin packte Lee nicht am Hals, aber sie starrte ihn hart genug an, um ihm verstehen zu geben, dass sie es wollte. 'Professor' Papa ragte drohend hinter ihr auf und das war genug um jeden Jugendlichen der etwas Verstand besaß Angst einzujagen. „Warum weint mein Bruder?"
„Es tut weh ein Feuer auszumachen." Lee schaute zwischen ihnen beiden hin und her, müde und ernst. „Ein Teil ist das Bändigen. Die eigene Energie ist in der Flamme und wenn man anfängt, kann man sie nicht schnell genug zurückziehen, dass es nicht weh tut. Aber ein anderer Teil... Geister. Wir lieben Feuer, Suyin. Es zu töten ist – als ob man sich selbst schneidet. Es fühlt sich falsch an." Er atmete tief durch. „Aber wir alle lernen Feuer auszumachen. Wir müssen."
Tingzhe betrachtete ihn einen langen Moment und nickte dann. „Kannst du morgen wiederkommen?"
„Ich habe Meister Amaya schon gefragt", sagte Lee. „Ja."
„Und es ist körperlicher Schmerz?" Tingzhe hob eine graue Augenbraue.
Lee fuhr zusammen und schnappte eine Kerze vom Boden. „Tut mir Leid... Ich bin nicht daran gewöhnt helfen zu können – hältst du das?"
Überrascht hielt Suyin die wieder entzündete Kerze und brachte sie herüber, während Lee dieses seltsame Feuer über Jinhai strich und sein Schluchzen in leiser Hickser abebbten. „Weißt du, was wirklich hilft?", sagte Lee, während das Feuer davon flackerte. „Wir sollten etwas Sonne tanken."
Übersetzer-Notizen: Eine kurze Auflistung der Charaktere, die Vathara für Ba Sing Se eingeführt hat (ohne die Kanon-Charaktere):
Amaya (Wasserheilerin, versteckt Flüchtlinge der Feuernation)
Huojin (Stadtwache, ehem. Flüchtling, Feuernation)
- Familie: Luli (Jadeschnitzerin, Ehefrau), Lim, Daiyu (Töchter)
Familie Wen:
Tingzhe Wen (Professor, Erdbändiger, Vater)
Meixiang (Flüchtling, Feuernation, Mutter)
Min (Erdbändiger, ältester Sohn, will Dai Li werden)
Jia (Erdbändigerin, älteste Tochter, nimmt Poesie-Unterricht)
Suyin (jüngste Tochter, keine Bändigerin, lernt Kämpfen)
Jinhai (jüngster Sohn, Feuerbändiger)
Dai Li:
Shirong (will Zuko rekrutieren)
Quan (Long Fengs Stellvertreter)
(Yunxu (Vorliebe für Gedankenbändigen))
(Bon )
die letzten beiden sind übrigens noch nicht eingeführt.
