Kommentar: So, da bin ich mal wieder mit einem neuen Kapitel, in dem es hoffentlich spannend wird. Vielen Dank für die vielen Reviews, eine so treue Lesergemeinschaft hatte ich bislang noch nirgends. Es freut mich, dass der Auftritt des Professor gefallen hat. Ein oder zwei Kapitel bleibt euch der alte Mann auch noch erhalten, aber was ich dann mit ihm mache, kann ich noch nicht sagen. Erstmal wollen wir schauen, ob und wann Herbert wieder aufwacht und wie Alfred aus seinem zugenagelten Sarg wieder entkommt.

Viel Vergnügen beim Lesen, Kritik höre ich gerne, vor allem von meiner Beta, die immer am meisten und am besten kritisiert

He Ho, Professor...

Alfred wusste schon nicht mehr, zum wievielten Mal er mit dem Kopf gegen den Sargdeckel stieß, denn er hatte bei 17 aufgehört zu zählen. Wo auch immer der Professor ihn hinbrachte, der Weg dahin war sehr holprig, voller großer Steine und dauerte schon sehr lange. Er hatte nur gemerkt, dass sie den ganzen Tag gefahren waren, weil die Sonne den Deckel des Sarges gewärmt hatte. Doch sein Zeitgefühl war ihm in der Dunkelheit längst verloren gegangen. Dafür spürte er in der fest verschlossenen Holzkiste jedes einzelne Schlagloch, das unter dem Schnee verborgen war. Am liebsten wäre er jetzt wieder im Schloss, wo es warm und ruhig war, auch wenn er dafür ständig in Herberts Nähe sein musste. Warum nur hatte er sich auch überreden lassen, in seinem eigenen Sarg zu schlafen? Er war von Anfang an nicht begeistert gewesen von dieser Idee und der Gedanke, in einer dunklen, engen Kiste zu schlafen hatte ihm Angst gemacht. Aber Herbert hatte ihn natürlich dazu gebracht, sich doch in den Sarg zu legen, und nun? Was hatte er jetzt davon? Er war entführt worden und wusste nicht einmal warum oder wohin.

Was wollte der Professor überhaupt noch mit ihm? Wenn er ihn pfählen wollte, hätte er das doch längst tun können, aber weshalb hatte er seinen Sarg verschlossen und ihn mitgenommen? Alfred kam ein furchtbarer Gedanke. Der Professor hatte öfters davon gesprochen, wie wundervoll es wäre, ein untotes Forschungsobjekt zu haben. Eines, von dem man sicher sein konnte, dass es ungefährlich war. Gerade hatte Alfred sich ein wenig beruhigt, doch jetzt fühlte er erneut Panik in sich aufsteigen. Wenn der Professor nun in ihm ein Forschungsobjekt sah, an dem er Experimente durchführen konnte? Er wusste, dass der alte Mann nicht zimperlich war und sicher ihm gegenüber keine Ausnahme machen würde. Früher hatte er schließlich auch keine Rücksicht auf seine Ängste genommen, warum sollte er das jetzt tun, wo Alfred ein Vampir war? Genau aus diesem Grund hatte er ihn wohl auch nicht gepfählt, sondern ihn mitgenommen.

Wenn er doch nur den Deckel öffnen könnte! Doch es waren sehr viele Nägel und sie saßen zu fest, um den Deckel hochzustemmen. Alfred musste einsehen, dass er aus eigener Kraft hier nicht rauskommen würde. Erst, wenn der Professor den Sarg wieder öffnete, konnte er diese viel zu enge Holzkiste verlassen, doch dann würde es zu spät sein, um noch zu fliehen. Denn mit Sicherheit würde er ihn erst herauslassen, wenn sie an ihrem Ziel waren, vermutlich irgendein verstecktes Laboratorium, in dem er ungestört forschen konnte. Alfreds Panik wurde mehr und mehr zu blanker Verzweiflung, als er daran dachte, was der Professor alles mit ihm vorhaben könnte. Wie sollte er nur entkommen?

Zur gleichen Zeit wachte in der Gruft der von Krolocks Herbert nach einem ganzen Tag , den er bewusstlos gewesen war, wieder auf. Stöhnend setzte er sich in seinem Sarg auf und hielt sich den schmerzenden Kopf. Es dauerte ein paar Minuten, bis das dumpfe Pochen und die leichten Schwindelgefühle nachließen. Er konnte sich zu gut vorstellen, womit der alte Mann ihn außer Gefecht gesetzt hatte, denn es gab nur zwei Substanzen, auf die er so reagierte: Knoblauch und Weihwasser. Einen Moment brauchte er noch, um wieder ganz zur Besinnung zu kommen. Er ließ seinen Blick durch die Gruft wandern, als ihm auffiel, dass Alfreds Sarg fort war. Für einen kurzen Augenblick starrte er auf den leeren Platz, dann sprang er aus seinem eigenen Sarg auf den Boden und stürmte aus der Gruft, laut nach Koukol schreiend.

In seinem Kopf drehte sich noch alles, doch das war jetzt egal. Er musste wissen, wo Alfred war! Herbert rannte die Treppe hinauf und hätte oben fast den buckligen Diener umgerannt. Grob packte er Koukol an seiner zerschlissenen Kleidung und brüllte ihn an, wo Alfred sei. Doch er bekam keine brauchbare Antwort. Koukols Gegrummel konnte er nur entnehmen, dass der Schlitten mitsamt der Pferde fort war, aber gesehen hatte er niemanden. Herbert scheuchte Koukol fort mit der Aufforderung, sein Pferd zu satteln und ihm frisches Blut zu holen. Er konnte sich nur schwer vorstellen, dass Alfred freiwillig mitsamt seinem Sarg geflohen war. Vielmehr hatte er diesen alten, verrückten Mann im Verdacht, der ihn wahrscheinlich gezwungen hatte mitzukommen oder ihn sogar entführt hatte. Was genau geschehen war, konnte ihm auch herzlich egal sein. Wichtig war nur, dass er Alfred schnell fand. Zum Glück war die Sonne noch nicht lange untergegangen und der nächste Tag noch weit entfernt.

Er stürmte nach oben in sein Zimmer und zog sich eilig um, schließlich konnte er in diesen Klamotten nicht seinen Gefährten retten. Er tauschte die feinen Stoffe und Rüschen gegen praktische, gröbere Kleidung aus und warf sich dann seinen Umhang über. In wenigen Minuten war er wieder am Fuß der Treppe angelangt und hastete durch die große Eingangshalle ins Freie, wo Koukol bereits mit seinem Pferd, einem großen Schimmel, und einem Krug voll Blut auf ihn wartete. Wortlos griff Herbert den Krug und stürzte das Blut in einem Zug hinunter. Er wusste, dass er viel zu schnell getrunken hatte, er war wie berauscht und sein ganzer Körper begann zu kribbeln. Kurz wurde ihm wieder schwindelig und er fürchtete, nicht einmal in den Sattel des Pferdes zu kommen, geschweige denn, reiten zu können. Doch es musste gehen, er konnte keine Rücksicht auf seinen Körper nehmen. Alfred zu finden war das Wichtigste im Moment, alles andere war ihm gleichgültig.

Entschlossen zog er sich auf den Rücken des Tieres und nahm die Zügel auf. Zu seinem Glück hatte es den Tag über nicht geschneit und der Mond stand weiß leuchtend am Himmel. Wenn das Wetter nicht plötzlich umschlug, hatte er eine gute Chance, der Kutsche folgen zu können, mit der der Professor und Alfred unterwegs waren.

Kaum hatte Koukol das große Schlosstor geöffnet, trieb er sein Pferd an und jagte es durch den Schnee, den Kufenspuren folgend. Seine Umgebung nahm er dabei kaum wahr, verschneite Bäume und Sträucher rasten an ihm vorbei und er ritt immer schneller und schneller. Seine Gedanken galten nur noch Alfred, nichts und niemandem sonst. Er musste ihn finden, um jeden Preis, und ihn vor diesem verrückten Wissenschaftler retten. Wenn er nur nicht zu spät kam!

Ein lautes Poltern, gefolgt von einem Aufschrei weckte Professor Abronsius aus seinen Träumen vom Nobelpreis wieder auf. Als er sich umdrehte und nach hinten schaute, bemerkte er, dass der Sarg aus dem Schlitten gefallen war. Die Holzkiste mit seinem Assistenten lag einige Meter entfernt im Schnee. Abronsius brachte die Pferde mit einem beherzten Ruck an den Leinen zum Stehen und kletterte vom Schlitten. Vielleicht hätte er den Sarg doch besser festgebunden, aber wer konnte auch ahnen, dass das Gelände hier so unwegsam war? Der Schnee verbarg die meisten Steine und Löcher im Boden, sodass man den Eindruck hatte, auf ebener Strecke fahren zu können. Nun ja, dann musste er den Sarg eben wieder aufladen. Wenn es ihm schon gelungen war, das Ding aus dem Schloss zu schaffen und mit dem Schlitten so weit fortzubringen, konnte das auch kein großes Hindernis sein.

Zum Glück war außer diesem Lüstling, dem Sohn des Grafen, und dem merkwürdigen Krüppel niemand im Schloss gewesen. So hatte er nur den Vampir in dem Prunksarg betäuben müssen, um Alfred in Sicherheit bringen zu können. Bedauerlicherweise hatte er seinen letzten Pflock eingebüßt, als er sich gegen einige umherstreifende Vampire hatte zur Wehr setzen müssen. Darum hatte er kurzerhand Knoblauchöl und Weihwasser vermischt und auf ein Tuch gegeben, um diese Bestie außer Gefecht zu setzen. Leider hatte es nicht gereicht, um ihn zu eliminieren, aber er müsste lange genug bewusstlos sein, um ihnen nicht folgen zu können. Auf diese Weise hatten sie sicher schon einen großen Vorsprung erreicht.

Nun stapfte er in seiner grauen, biederen Kleidung durch den Schnee auf den hölzernen Sarg zu, in dem sein Assistent lag. Im hellen Mondlicht glitzerte der Schnee, heute Nacht war der Himmel sternenklar und entsprechend kalt war es auch. Um sie herum gab es nichts außer der transsilvanischen Einöde. In der Nähe konnte man ein Wäldchen erkennen und ganz entfernt auf einem kleinen Berg auch das Schloss der von Krolocks. Ein Teil des Gemäuers war eingestürzt in der Nacht des großen Balls, wie Abronsius jetzt mit Stolz feststellte. Wenigstens einen kleinen Schaden hatten sie diesen Untieren zufügen können. Wenn sie Glück hatten, waren auch ein paar der Vampire von den Trümmer erschlagen worden. Vielleicht hatte es sogar den Grafen getroffen, schließlich hatte er ihn nirgends entdecken können, als er die beiden Vampire in der Gruft beobachtet hatte. Allein bei dem Gedanken ging der alte Mann aufrechter und reckte den Kopf in die Höhe.

Mit einem Mal blieb er erschrocken stehen. Der Sarg war nicht einfach nur in den Schnee gefallen. Am oberen Ende war das Holz gesplittert und der Deckel ein Stück weit aufgebrochen. Vermutlich hatte einer der verdeckten Steine im Schnee die Kiste zertrümmert. Vorsichtig näherte Abronsius sich dem kaputten Sarg, doch als er sah, wie der Deckel nun von innen hochgestemmt wurde, blieb er wieder stehen. Zentimeter für Zentimeter hob sich das Brett, das er am letzten Morgen so sorgfältig festgenagelt hatte. Rasch drehte er sich um und watete durch den Schnee zurück, in dem er immerhin mit der halben Wade versank. Dort suchte er hastig nach seiner Tasche, vielleicht hatte er ja noch etwas, womit er Alfred zur Not betäuben konnte, sollte der Junge seine Pläne nicht befürworten und aggressiv werden. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sich die ersten Nägel lösten und der Sarg aufgebrochen wurde. Mit einem Holzkreuz und einem Rest Weihwasser bewaffnet ging er langsam wieder auf ihn zu.

Alfred war von dem Aufprall zunächst noch etwas benommen gewesen. Er war mit dem Kopf hart gegen das Holz des Sarges geschleudert worden, zum Glück hatte er sich nicht verletzt. Ein leichtes Pochen hinter der Stirn nahm er wahr, aber das war sofort vergessen, als er die kühle Nachtluft in den Sarg strömen spürte. Vorsichtig öffnete er die Augen, die er vor Schreck bei seinem Sturz fest zugekniffen hatte. Tatsächlich konnte er durch das gesplitterte Holz den Sternenhimmel sehen. Sein Durst machte sich bemerkbar und er wollte nichts mehr als aus dieser elendigen Holzkiste heraus. Er legte sich flach auf den Rücken und stemmte sich mit den Armen gegen den Deckel, der, als er etwas mehr Kraft aufwand, tatsächlich nachgab. Ganz langsam hob sich der Deckel, sodass er die Beine an den Körper ziehen und sich mit den Füßen dagegen stemmen konnte. Er konnte sehen, wie sich die Nägel aus dem Holz zogen und immer mehr von dem hellen Mondlicht den Weg in die ungemütliche Kiste fand. Dann, mit einem letzten, kräftigen Tritt, war er endlich wieder frei.

Herberts Blick war stur auf die Spur im Schnee gerichtet, die die Schlittenkufen hinterlassen hatte. Immer wieder trieb er seinem Pferd den Absatz seiner Stiefel in die Flanken und schlug ihm mit den Zügelenden auf den Hals, um es schneller laufen zu lassen. Nur mit größter Mühe konnte er den Gedanken, das Alfred vielleicht schon nicht mehr war, sondern der Professor ihn doch zu Staub verwandelt hatte, verdrängen. Allein die Vorstellung machte ihn wahnsinnig und rasend vor Wut und Angst. Hätte er Alfred doch nie dazu gebracht, in seinem eigenen Sarg zu schlafen! Er verfluchte sich selbst, dass er der Angst des Jungen nicht nachgegeben hatte, wie er es gerne getan hätte. Wenn er doch nur auf seine Gefühle gehört hätte, die ihm zuflüsterten, wie schön es wäre, mit Alfred in seinem großen Steinsarg zu schlafen.

Er war zu sehr in Selbstvorwürfe und Anschuldigungen vertieft, als dass er rechtzeitig gemerkt hätte, wie sein Pferd strauchelte und zu Fall kam. Unsanft wurde er selbst aus dem Sattel in den tiefen Schnee geschleudert, wo er einen Moment benommen liegen blieb. Sein Mantel und seine Kleidung darunter waren im Nu durchnässt, sogar in seinen Stiefel fühlte er die feuchte Kälte. Fluchend erhob er sich wieder und klopfte sich den Schnee ab, schüttelte seinen langen Haare aus. Sein Zopf hatte sich bei dem Sturz gelöst und die langen Strähnen hingen nun nass und glatt über seine Schultern und den Rücken. Zum Glück stand das Pferd schon wieder auf den Beinen. Herbert hoffte sehr, dass es sich nichts getan hatte und tastete die Beine des Tieres ab. Nichts war geschwollen, mit etwas Glück war das Tier nur auf die Seite gefallen und der Schnee hatte den Sturz abgefangen.

Nachdem er den Schimmel ein paar kleine Runden im Schritt und Trab durch den Schnee geführt hatte und es nicht lahmte, schwang er sich wieder aus dessen Rücken. Nicht mehr ganz so wild wie zuvor ritt er weiter. Er musste unbedingt vorsichtiger sein, denn wenn das Tier nocheinmal stürzte, könnte es sich ernsthaft verletzen und dann hätte er einen sehr treuen Freund verloren. Sein Vater hatte ihm dieses Pferd vor Jahren geschenkt und obwohl Herbert vorher nie viel fürs Reiten übrig gehabt hatte, hatte das Tier von Anfang an sein totes Herz erobert. Es war groß und kräftig, trotzdem wohl proportioniert und wirkte in all seinen Bewegungen edel und anmutig. Würde er es durch einen solch schweren Sturz töten, könnte Herbert sich das nie verzeihen. Davon abgesehen würde er zu Fuß in dieser Nacht nicht mehr weit kommen und Alfred niemals einholen können. Mit etwas Glück könnte er dann vielleicht noch eine Höhle oder einen Unterstand erreichen, doch nicht einmal das war sicher.

Als der Professor sah, wie sich Alfred aus dem nun offenen Sarg langsam erhob, streckte er ihm das schützende Kreuz entgegen und machte vorsichtig ein paar Schritte auf ihn zu. Er wollte den Jungen retten und eine Möglichkeit suchen, ihn zurückzuverwandeln, doch wenn er ihn anfallen sollte, musste er sich wohl oder übel zur Wehr setzen. Alfred zuckte beim Anblick des Kreuzes zusammen und hielt sich die Arme vors Gesicht, als wollte er so einen Angriff abwehren, den Kopf zur Seite gedreht und die Augen fest geschlossen. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Brust und lies ihn aufstöhnen. Er fühlte sich in seinem Verdacht, dass der Professor keine guten Absichten gehabt hatte, als er ihn entführt hatte, nur bestätigt. Warum sonst sollte er ihm auf diese Weise schaden wollen?

„Bleib nur wo du bist, Junge, dann geschieht dir auch nichts.", vernahm er die drohende Stimme des alten Mannes. Tatsächlich wagte er im Moment nicht, sich zu rühren, aber das lag vielmehr an der langsam in ihm aufsteigenden Übelkeit denn an der Drohung des Professors. Er hatte keine Ahnung gehabt, welche Wirkung Kreuze tatsächlich auf Vampire hatten, aber nun verstand er die Reaktion der Untoten, als sie die Kandelaber im Ballsall zu einem Kreuz aufgestellt hatten. Die Kopfschmerzen, die er nach seinem Sturz verspürt hatte, kehrten nun auch zurück, allerdings stärker als zuvor. Er fragte sich, ob sich wohl auch Vampire übergeben konnten, so elend war ihm mit einem Mal.

Mühsam kroch er aus dem Sarg, um sich dahinter zu verstecken in der Hoffnung, dass das Kreuz dann vielleicht keine so starke Wirkung mehr hatte. Er kletterte hinaus und fiel unsanft in den Schnee neben dem Sarg. Tatsächlich nahm die Übelkeit wieder ab und die Schmerzen ließen ein wenig nach. In seiner Verzweiflung formte er aus dem Schnee einen große Kugel und schleuderte sie, ohne hinzusehen, über den Sarg hinweg in Richtung des Professors. Dem erschrockenen „Oh!" entnahm er, dass er wohl getroffen hatte und im nächsten Moment verspürte er keinen Schmerz mehr. Vorsichtig richtete er sich hinter dem Sarg auf und schaute zum Professor herüber.

Abronsius hatte der Schneeball genau im Gesicht getroffen. Das Kreuz hatte er wohl fallen gelassen, zumindest hielt er es nicht mehr in der Hand, und auch seine Brille musste irgendwo im Schnee liegen. Gerade wischte er sich die Schneereste aus dem Gesicht und rappelte sich wieder hoch, um Kreuz und Brille zu suchen. Alfred nutzte den Moment, um ebenfalls auf die Beine zu kommen und die Flucht zu ergreifen. Er stolperte in die entgegengesetzte Richtung entlang der Kufenspuren des Schlittens davon.

„Alfred, komm zurück! Es ist doch nur zu deinem Besten!", rief ihm der Professor noch nach, doch das hörte Alfred nicht mehr. Er wollte weg, nur weg von hier, egal wohin. Einige Male fiel er in den Schnee und er fühlte sich an die Nacht erinnert, als Sarah ihn gebissen und er sie im Wald verloren hatte. Genau wie damals spürte er die Kälte des Windes, der ihm ins Gesicht bließ. Seine Kleider waren vom Schnee durchnässt und klamm. Die Kälte kroch ihm allmählich in die Knochen und seine Fingerspitzen fühlten sich leicht taub an, genau wie seine Zehen. Die Kleidung, die Herbert ihm gegeben hatte, war eben nicht für nächtliche Verfolgungsjagden im Schnee gemacht. Doch anders als damals war er nicht ganz so orientierungslos, denn er musste ja nur den Spuren des Schlittens zurück folgen.

Dieser Plan wurde zunichte gemacht, als er hinter sich das Schellen des Pferdegeschirrs hörte. Im Laufen drehte er sich um und sah zu seinem Schrecken, dass Abronsius sich wieder auf den Schlitten geschwungen hatte und ihm nun folgte. Panisch rannte er immer schneller durch den Schnee, doch gegen das Pferd, das der Professor mit der Peitsche immer weiter voran trieb, hatte er wenig Chancen. Er hatte keine andere Wahl, als in Richtung des nahen Waldstücks zu fliehen, wo der alte Mann ihm nur zu Fuß folgen konnte. Nur so konnte er ihm entkommen und sich in Sicherheit bringen. Also schlug er den Weg nach rechts ein und lief den Bäumen entgegen, die ihm hoffentlich Schutz boten. Hinter sich hörte er den Schlitten immer näher kommen...