Nie wirklich frei
Der nächste Morgen bringt Regen. Die Wolken hängen tief über dem Koselbruch und kein Lüftchen regt sich. Die Burschen sind in gedämpfter Stimmung, als sie sich zum Frühstück einfinden. Stumm essen sie den dicken Haferbrei, als Jirko die Stimme erhebt: "Was spielt ihr hier für ein faules Spiel?"
Die Elf Gesellen starren ihn an. "Sei still und iss, Junge", sagt Staschko gutmütig und wendet sich wie die meisten wieder der Schüssel zu.
Doch Jirko gibt nicht auf: "Ihr verheimlicht etwas. Warum geht euch die Arbeit so viel leichter von der Hand? Warum seid ihr nach den Neumondnächten..."
"Sei still!", faucht nun Witko ihn an.
"Also hab' ich recht!", begehrt der Junge auf. "Sagt mir doch, was hier gespielt wird!"
Plötzlich springt Lyschko, der neben Jirko sitzt, auf und packt ihn beim Kragen, um ihm eine saftige Ohrfeige zu verpassen. Doch etwas hält ihn zurück. Angsterfüllt sieht er sein Handgelenk an, als würde er dort von etwas gepackt. Krabat, am anderen Ende des Tisches, ist aufgestanden und blickt Lyschko ruhig, aber streng an.
"Lasst gut sein, alle beide", sagt er. Dann verlässt er die Gesindestube und geht an die Arbeit.
Als hätte er sich verbrannt, lässt Lyschko den Jungen los und starrt Krabat hinterher. Betretenes Schweigen herrscht in der Stube. Man hört nur leise von draußen den Regen rauschen. Nun steht es für alle fest: Krabat muss sich mit dem Müller gegen sie verbrüdert haben. Sie beschließen, ihn später am Tag zur Rede zu stellen. Juro schweigt zu allem.
Es wird später Nachmittag, als sie ihren Plan in die Tat umsetzen und sich auf dem Getreideboden einfinden, wo Krabat gerade noch das Getreide umgeschaufelt hat. Sie stellen sich im Kreis um ihn, Krabat sieht einen nach dem anderen an, sagt aber nichts.
"Krabat", erhebt Hanzo das Wort. "Was führst du im Schilde?"
Krabats Gesicht bleibt ausdruckslos. Er hat damit gerechnet. "Nichts, Hanzo."
"Dennoch scheint es uns, als wärst du nicht länger einer von uns, so wie du dich verhältst. Du sprichst kaum mehr mit uns, dein Haar ist schneeweiß geworden, seit du um den Jahreswechsel verschwunden warst. Du bist mehr ein Fremder denn ein Freund."
Petar setzt Hanzos Rede fort: "Außerdem, Krabat, stand es bis jetzt für uns alle fest, dass wir uns nicht mit dem Meister verbrüdern. Wenn du auch nur einen von uns anschwärzt, dann wirst du das büßen."
Krabat schweigt und sieht sie ernst an, auf weitere Vorwürfe wartend. Da erhebt Lobosch seine Stimme: "Sag, Krabat, stimmt es dass deine Kräfte die des Meisters übersteigen?"
Kaum sichtbar lächelt Krabat. "Wer hat dir denn das geflüstert?"
Der Blick des jüngsten Gesellen fliegt fast unmerklich zu Juro und Jirko. Hauptsächlich zu Jirko. "Niemand..."
"Ihr müsst keine Angst vor mir haben", sagt Krabat mit fester Stimme, während er seinen Blick über die Burschen gleiten lässt. "Ich stelle mich weder gegen euch, noch habe ich mich mit dem Meister verbrüdert. Ich versuche auch nicht, mir einen Vorteil zu verschaffen, indem ich euch bei ihm ankreide. Hört mir zu, Brüder!" Er unterbricht sich für einen Moment, sieht kurz zu Boden. Als er sie wieder ansieht, ist ein unbestimmter Schmerz in seinen Blick getreten. "Was ich euch jetzt sage, sage ich nur einmal und nichts davon will ich in Zukunft hören."
Die Burschen sehen ihn erwartungsvoll an.
"Nicht Merten war es, der in der Neujahrsnacht hätte sterben sollen. Ich selbst bin am Tag zuvor auf den Wüsten Plan gegangen, um mein eigenes Grab zu schaufeln. Der Meister wusste, dass ich ein Mädchen hatte, er wusste, dass ich ihm mit meiner Bewandtnis in der Schwarzen Kunst gefährlich werden konnte, also wählte er mich aus. Ich hatte mit meinem Mädchen die Vereinbarung getroffen, dass sie mich am Altjahresabend beim Meister freibitten möge. Sie kam, doch der Meister kam ihr zuvor. Er stellte uns am Waldrand und forderte mich zum Duell. Ich besiegte ihn zwar, doch er rächte sich, indem er mein Mädchen tötete. Ich schwor ihm Rache, doch wie ihr wisst, scheiterte ich. Ich konnte ihn schwer verwunden, aber nicht töten. Der Zorn und die Trauer um mein Mädchen haben mich schier wahnsinnig gemacht."
Krabats Blick schweift ab und er schweigt für eine Weile. Wie entrückt ist seine Miene, als er weiterspricht: "Ich hab' mich an sein Lager gesetzt, mit dem Willen, ihn umzubringen. Ich wollte... Nicht nur einmal hab ich ihm das Messer an die Kehle gesetzt, doch nie fand ich die Kraft dazu. Ich verstand, dass es falsch ist, mir meine Freiheit auf diese Weise zurückholen zu wollen. Ich wäre nie frei gewesen von ihm. Nie wirklich frei..."
Er sieht wieder hoch, die Stimmung ist gespannt, die Burschen scheinen auf etwas zu warten. Schweigen liegt über der Runde. Schließlich ist es wieder Hanzo, der die Stimme erhebt: "Und jetzt, Krabat? Wie sieht es jetzt aus mit deiner Rache?"
"Rache?" Krabat sieht ihn dunkel an. "Ich will mich nicht rächen an ihm, Hanzo. Ich will Vergebung."
tbc
