A/N: Okay, ich weiß, es hat ne Weile gedauert, aber dieses Kapitel hat sich nicht ohne Grund wie eine 15 Stunden Geburt angefühlt, aber es musste geschrieben werden;)
Dieses Kapitel ist anders, als der Rest, einfach weil es aus Charlottes Perspektive geschrieben ist. Das war aber irgendwo notwendig, damit ich genug Mitgefühl für Charlotte entwickele, um sie NICHT irgendeine Klippe herunterzuschubsen (sie ging mir immer mehr auf die Nerven). Ah und ihr trefft jemanden... ;)
Nächstes Kapitel sollte leichter, lustiger und mehr Lizzie/Darcy werden, wir nähern uns einer Art Netherfield Ball;) ohne Ball allerdings;) und da ich momentan viel Zeit mit der deutschen Bahn verbringe, sollte es hoffentlich schneller gehen;)
Danke an alle Reviews und an eure lieben Worte, ich verspreche, ich werde in Zukunft keine mehr erpressen;) an Kristin: Danke für die Kritik, ich versuch besser zu werden;)
Soundtrack: Eet - Regina Spektor
Disclaimer: Ich bezweifle dass Austen Sci-Fi Romane geschrieben hat, somit sind es ihre Charaktere und Story, nichts bis auf ein paar Plotlines und Charaktere ist meins;)
Kapitel 11: Stille... oder der Tag an dem Lizzie aufhörte zu sprechen.
Lizzie Bennet starrte auf den kleinen Zettel an der Wand mit einer solchen Intensität und einem so unergründlichen Ausdruck auf dem Gesicht, dass Charlotte, als sie ihre Mitbewohnerin in der Küche vor dem Kalender fand, in lautes Gelächter ausbrach.
Lizzie sah nicht auf.
„Willst du das arme Ding etwa in die Wand starren?", spottete Charlotte und sah grinsend von Lizzie zu dem Abreißkalender, doch Lizzie zuckte noch nicht einmal mit der Wimper.
Das Lächeln auf dem Gesicht des spanischen Mädchens verblasste und ihre Augen wurden groß.
„Heute ist der Tag, oder?", fragte sie, ihre Stimme kaum mehr ein Wispern, doch auch diesmal zeigte Lizzie keine Reaktion außer, dass die Muskeln in ihrem Nacken und Kiefer noch stärker hervortraten.
Charlotte setzte an etwas zu sagen, während sie nervös ihre Finger wrang, doch Lizzie drehte sich abrupt um und stürmte aus der Küche in ihr Zimmer, ließ die Blätter des Kalenders hochfliegen, wie Herbstblätter im Wind und als der Sturm sich legte, flog ihr ein einzelnes Blatt vor die Füße.
Dienstag, 15. Oktober.
Charlotte starrte ein paar Augenblicke auf das Blättchen und dann auf Lizzies zugeschlagene Zimmertür mit all den gesammelten Postkarten und Fotos aus Kenia, die sie dort hin geklebt hatte und die das Wort „Lizzi" in pinken Buchstaben einrahmten (das „e" war schon vor einer ganzen Weile verschwunden).
Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor sie hinüber zu Craigs Wohnungstür marschierte und laut dagegen hämmerte.
Es dauerte eine Weile, doch schließlich riss Craig die Tür mit einem genervten „Was willst du?" und ein paar unverständlichen Flüchen auf.
Charlotte sagte nichts, sondern hielt Craig einfach das Kalenderblatt unter die Nase.
Die Reaktion war unmittelbar, die verärgerte Miene des Informatikstudenten verschwand und seine Augen wurden ebenso groß wie Charlottes.
„Das ist heute?", rief er aus, seine Stimme ein wenig erstickt. Er kratzte sich am Kopf. „Spricht sie?"
Charlotte schüttelte den Kopf. „Was denkst du denn?"
„Ist sie in ihrem Zimmer?"
Das Mädchen mit den wilden Haaren nickte. „Sie kommt nicht raus."
„Okay, du versuchst sie da rauszukriegen, packst ihre Sachen und pass auf, dass sie was isst." Er fuhr sich mit der Hand durch die wirren blonden Locken. „Ich bring euch zur Uni und hol euch ab, okay? Wir überlegen uns dann was wegen heute Abend."
Charlotte nickte, Adrenalin flutete durch ihre Venen und nun da sie einen Plan hatten, löste sich der Kloß in ihrem Hals auf.
Sie kannte Lizzie seit vier Jahren, praktisch seit der ersten Medizinvorlesung, die sie besucht hatten und beide waren auf der Suche nach einem Mitbewohner gewesen. Lizzie hatte damals mit Anne zusammen gewohnt, aber das war nie eine dauerhafte Lösung gewesen und Charlotte war einfach nur froh gewesen jemand halbwegs normalen gefunden zu haben (so normal wie Lizzie eben war), um den beengten Verhältnissen des Vorstadthauses ihres Cousins zu entkommen.
Charlotte wusste, dass Lizzies und Annes Beziehung etwas war, was sie nie mit Lizzie teilen würde und dass es Dinge gab, die ihre Mitbewohnerin ihr nicht erzählte, Dinge über sich und warum sie so war, wie sie war und auch wenn sie sich manchmal wie ein Eindringling vorkam, nahm sie es den beiden kaum übel.
Craig sah den Ausdruck in Charlottes Augen und nahm sie kurz in den Arm. „Wir kriegen das hin", wisperte er. „Wir haben es letztes Jahr geschafft und wir schaffen es dieses Jahr, okay? Ruf Anne an, obwohl ich glaube, sie weiß schon Bescheid."
Charlotte nickte erneut. Wenn Lizzie und Anne eine spezielle Beziehung hatten, dann hatte sie und Craig die auch, wenn auch leiser und nicht so auffällig.
Beide waren sich sehr ähnlich in ihrer Art die Welt zu sehen und sie verstanden sich auf eine Weise, die Lizzies eher idealistische Weltsicht einfach nicht zuließ. Was nicht hieß, dass sie Lizzie nicht liebten, aber sie war die Mama in ihrer Gruppe, die, die auf alle aufpasste und dafür sorgte, dass sie alle ihre Vitamine nahmen und sie schalt, wenn sie Mist bauten. Das war etwas, das weder Craig noch Charlotte taten und manchmal tat es einfach gut zu wissen, dass der Andere einen nicht verurteilte für das, was man tief unten war. Für die kleinen Selbstsüchte und Egoismen, die Eskapaden und die Sucht danach von jemandem geliebt zu werden. Dinge, die sie sich Lizzie gegenüber selten eingestand.
Charlotte löste sich aus Craigs Umarmung und wies ihn an sich umzuziehen, denn er trug immer noch bloß seine Boxershorts (gelb mit kleinen Batman-Logos drauf) und ein altes Rolling-Stones-T-Shirt.
Zurück in der Wohnung klopfte sie an Lizzies Tür, doch niemand reagierte. Sie klopfte erneut und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten (sie hatten die Schlüssel vor langer Zeit weggeschmissen, nach ein paar Vorfällen, an die sich Charlotte keinesfalls erinnern wollte).
Lizzies Zimmer war kleiner als Charlottes und quadratischer, aber Lizzie hatte sich nie darüber beschwert. Die Wände waren weiß, aber nahezu vollständig mit Fotos, Postkarten, Drucken und Postern bedeckt, die alle eine einzige, riesige Collage kreierten, die ihr gesamtes Zimmer überzog.
Es gab nicht viele Möbel in dem Raum. Ein Schrank und ein Schreibtisch, der von Papieren und Büchern überwuchert war, eine einzelne Topfpflanze bahnte sich ihren Weg durch das Chaos und in der Mitte des Zimmers stand Lizzies Doppelbett mit den schmiedeisernen Pfosten und dem weißen Himmel mit dem Moskitonetz.
Lizzie lag in dessen Mitte, komplett angezogen in schwarzen Jeans und einem übergroßen Band-T-Shirt. Sie hatte Kopfhörer in den Ohren und starrte an die Decke, ihr Gesicht eine ausdruckslose Maske, die sich noch nicht einmal bewegte, als Charlotte näher trat.
Sie hatte sich an die -Tage gewöhnt, die Tage an denen Lizzie nicht sprach, auch wenn es sie das erste Mal völlig durcheinander gebracht hatte – es war der einzige Tag im Jahr, an dem Lizzie andere Menschen brauchte, um zu überleben. Es war seltsam plötzlich vom Kind zur Mutter zu werden, aber sie hatten mit den Jahren eine Strategie entwickelt, nur heute, heute hatte es sie völlig unvorbereitet getroffen.
Sie setzte sich auf die Kante und tippte mit dem Finger gegen den Bildschirm des iPods, der wie weggeworfen neben Lizzies Kopf lag, LaDispute's Album Wildlife erschien und Charlotte seufzte.
„Lizzie?" Sie rüttelte an der Schulter ihrer Freundin, doch die reagierte nicht. „Komm schon, Lizzie. Steh auf!"
Sie zog an den Kopfhörern, die mit einem leisen Plop aus ihren Ohren fielen. Das Hämmern von Bässen und das Schreien einer Männerstimme drang verhalten aus den Lautsprechern, doch Lizzie zuckte noch nicht einmal mit der Wimper.
Es gab Augenblicke, da beneidete Charlotte Lizzie. Um ihre grünen Augen, ihre Persönlichkeit, die nur so durch sie durch zu scheinen und sich in den feinen, katzehaften Zügen zu manifestieren schien und wie um es noch zu toppen erinnerte sie zu Zeiten an ein zerbrochenes Porzellangefäß, das jemand notdürftig zusammengeklebt hatte – es gab wenig, was die Leute faszinierender fanden als kaputte Menschen.
„Komm schon", rief sie aus und rüttelte sie, doch Lizzies Kopf schwankte bloß von Seite zur Seite, wie der einer leblosen Puppe.
„Lizzie, du kennst das Prozedere doch schon, wenn du jetzt nicht aufstehst, trägt Craig dich runter zum Auto, also mach es doch für alle einfacher und beweg deinen Hintern aus dem Bett."
Lizzie sagte nichts, aber Charlotte sah, wie sie leicht die Stirn runzelte.
„Nein, ich werd dich nicht den ganzen Tag im Bett verbringen lassen", erwiderte sie und stemmte die Hände in die Hüften. „Du magst zwar deine Sprache verloren haben, aber dass ist keine Entschuldigung dafür, dich unter deiner Bettdecke zu verstecken."
Sie legte den Kopf schräg und tappte leicht mit dem Fuß auf. „Lizzie!"
Das Runzeln auf Lizzies Stirn wurde tiefer und Charlotte wusste, dass sie sie trotz allem verstand.
„Lizzie, es reicht, komm aus dem Bett!"
Lizzies Blick huschte hinüber zu Charlotte, doch die widersetzte sich dem Anflug von Mitgefühl, das sie überkam, als sie die grünen Augen auf sich spürte. Sie waren dunkel ohne das übliche Funkeln darin.
„Nein, versuch es noch nicht mal!", erwiderte Charlotte ein wenig indigniert. „Du wirst aufstehen und zur Uni gehen und – Nein, ich werde Anne nicht sagen, dass es dir gut geht!" Sie runzelte die Stirn. „Was denkst du denn, wer ich bin? Gewinnerin in der Kategorie balkenbrechende Lügnerin? Hast du schon mal versucht Anne anzulügen? Das ist praktisch unmöglich, estúpido!"
Sie sah, wie Lizzie leicht die Augen verdrehte und nach der Decke griff, um sich darunter zu verstecken.
„Oh, Nein, du wagst es nicht-", rief sie aus und machte Anstalten die Decke wegzureißen, doch Craigs Hand um ihren Oberarm hielt sie zurück.
„Lass mich das machen", wisperte er und küsste sie leicht auf die Schläfe. Charlotte seufzte, schluckte all diese egoistischen Erwiderung, darüber, dass sie sehr wohl in der Lage war ihre beste Freundin aus dem Bett zu bekommen, herunter, weil sie wusste, dass sie sich kindisch verhielt.
Craig drückte ihre Hand, bevor er sich neben Lizzie auf's Bett setzte und sanft an der Decke zupfte, bis ein Fetzen ihres Gesichtes sichtbar wurde. Sie hatte die Augen geschlossen und die dichten dunklen Wimpern hoben sich deutlich von der leicht gebräunten Haut ab.
„Lizzie...", wisperte er und zupfte an der Decke. „Lizzie, komm..." Seine Stimme war sanft, lockend, als spräche er zu einem kleinen Kind, das sich unter dem Bett versteckt hatte.
„Lizzie... Ich weiß, dass das schwierig für dich ist, aber du kannst dich hier nicht verstecken. Lizzie..."
Charlotte sah das Zucken, das Flattern der Lider und wie sie aufgeschlagen wurden. Es hatte etwas leichtes, etwas herzzerreißendes an sich in der Art, wie sie zu ihm aufblickte und sie begriff, was die Leute meinten, wenn sie Augen als Tore zur Seele bezeichneten.
Lizzie Bennet war zwar eine verdammt gute Lügnerin, aber ihre Augen verrieten sie, wie die zitternden Hände eines Alkoholikers.
„Komm, du kleiner Dickkopf, ich fahre euch zur Uni und wir halten unterwegs bei Prêt-a-manger an, damit du was zu essen bekommst, ist das ein Deal?"
Lizzie sagte nichts und selbst aus der Entfernung sah Charlotte den Zweifel in ihren Augen, doch Craig wollte nichts davon hören und griff nach ihrem Arm.
„Komm schon...", murmelte er auffordernd und zog sie hoch in eine sitzende Position bevor er ihre Arme um seinen Hals schlang und sie halb über seine Schulter, halb über seinen Rücken legte. Lizzie Bennet war ein Fliegengewicht.
„Nimm ihre Tasche mit", forderte Craig Charlotte auf, bevor er leicht schwankend mit Lizzie auf dem Rücken, den Raum verließ, ihre langen Haare ergossen sich über seine Schulter.
Charlotte hatte keine Ahnung wie es war schön zu sein oder auch nur bloß besonders. Sie war immer bloß unscheinbar gewesen, der Schatten, das Anhängsel, keine Person aus eigenem Recht.
Seufzend stopfte sie eine Reihe von Sachen in Lizzies quietschgrüne Tasche und schickte Nachrichten an Anne, Hetty und Lou, bevor sie den Anderen nach unten zu Craigs Auto folgte.
Lizzie saß bereits auf dem Rücksitz, den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt, Sonnenbrille auf der Nase und Kopfhörer in den Ohren. Sie sah blass aus vor dem Hintergrund der zerfledderten rotorangen Polsterung. Bleich geradezu.
Das erste Mal, als es passierte, waren Lizzie und Charlotte gerade zusammengezogen. Sie hatten Craig getroffen und sie waren ein lachender Haufen ignoranter Besserwisser gewesen bis, tja bis zu dem Tag, an dem Lizzie sich weigerte zu sprechen.
Charlotte erinnerte sich noch an die anfängliche Verwirrung, die zunehmende Gereiztheit und dann die stille, leise Panik, die sich breitmachte, als Lizzie immer noch nicht reagierte. Sie hatte Anne angerufen, hastig gezischte Worte, die ihrer Angst entsprachen und dann Annes Seufzer.
Es ist dieser Tag, hatte sie erklärt. Es ist ihre Art Kontrolle zu behalten, Charlotte. Sie ist hilflos. Lass sie einfach schweigen, aber lass sie nicht irgendwo im Bett rumlungern. Sprich mit ihr, nimm sie mit zur Uni, zeig ihr, dass sie nicht allein ist. Tu so, als sei es völlig normal. Sie wird morgen aufstehen und so tun, als sei nichts passiert. Lass ihr den Tag der Schwäche und sei für sie da.
Und so war es seitdem jedes Jahr gelaufen, der Schock und die Resignation, dann das Bespaßungsprogramm, um sie bei Laune zu halten und Charlotte gestand sich nur ungern die Erleichterung ein, die sie verspürte wenn Anne oder Craig oder Lou oder Hetty kamen und ihr die Verantwortung für ihre stumme Freundin abnahmen.
Meine Freundin, dachte Charlotte und beobachtete Lizzie im Rückspiegel. Meine Freundin hinter der Glasscheibe, das Mädchen, das so weit weg ist. Die zu ertrinken scheint und der niemand helfen kann.
Am allerwenigsten Ich.
Sie war nichts besonderes, sie war nicht hübsch, nicht schön, nicht charismatisch, unterschied sich nicht von den Anderen bis auf die langen Reihen von Buchstaben, Wörtern, Sätzen und Bildern in ihrem Kopf, die immer länger wurden und nie aufzuhören schienen. Eine Fülle nutzloser Daten, die nie die Leere füllten.
Sie war eine Kuriosität, ein Ausstellungsstück in der letzten Reihe eines Museums, da, um die Menschen zu amüsieren mit ihrer Fähigkeit sich jede klitzekleine Einzelheit merken zu können.
Sie war eine Freakshow, hörte das Oh und Ah der Menge ohne je ihre Bewunderung zu spüren, nur das Unverständnis ihrer Mutter und das Desinteresse ihres Vaters, der über sie nicht mehr als ihr Geschlecht und ihre Haarfarbe wusste. An guten Tagen vielleicht noch ihr Studienfach, aber gemeinhin hieß es bei ihm nur „diese Geldverschwendung da".
Dabei war das früher nicht wichtig gewesen.
Wie in Trance beobachtete sie Craig durch das Fenster seines Schrottautos, wie er die Prêt-a-manger-Filiale betrat und eine Auswahl an Plastikdosen mit frischem Obst, Sandwiches und Kokosnussstückchen kaufte, Zeug, das man Lizzie in den Mund schieben und zwingen konnte zu essen.
Er lud seine Einkäufe auf Charlottes Schoß ab, ihre Augen trafen sich. Er sah müde aber wach aus und Charlotte bekam einen Kloß in ihrem Hals als sie die Sorge in dem Braun-Grün sah.
Ob sich jemand auch so um mich kümmert, wenn ich aufhöre zu sprechen?, fragte sie sich, bevor sie den Gedanken gleich wieder verdrängte. Sie war nicht Lizzie, sie war nicht besonders, nicht kaputt. Sie hatte keine Entschuldigung einfach mit dem Sprechen aufzuhören.
Charlotte kletterte zu Lizzie auf den Rücksitz und schaffte es mit Kitzelattacken, Drohungen und stumpfer Gewalt Lizzie dazu zu bewegen drei Melonenstückchen zu essen.
Sie kam sich vor wie Mutter Teresa, auf eine Arnold-Schwarzenegger Art und Weise.
Als sie klein war, hatte es ihr nichts ausgemacht unscheinbar zu sein, das kleine Mädchen mit dem Wust an schwarzen Haaren und dem Gehirn zu sein, das alles aufnahm, denn sie hatte James.
James war ihr großer Bruder. Groß, gut aussehend, charmant... liebevoll. Er war das ganze Paket und alle Leute, die ihn trafen musste ihn auch lieben. Er war alles und er war ihre Welt. Wenn James da war, dann liebten sie die Leute, dann wurde ihre kleine, kuriose Fähigkeit zu einem bewundernswerten Attribut und James, strahlender, wunderbarer James bewunderte sie am meisten und selbst ihre Eltern liebten sie, liebten sie, weil James sie liebte.
Sie hatten beide englische Namen. Das Überbleibsel einer entfernten Verwandten und der Schwärmerei ihrer Mutter für Rosamunde-Pilcher-Filme und während ihrer Kindheit war England ein entfernter Traum gewesen bis James mit 21 einen Job in London annahm.
Ab dann hatte sie für die Ferien gelebt. Für seine Urlaubstage, wenn er nach Spanien kam und sie der Mittelpunkt seiner Welt war, für die langen Sommerferien, wenn ihre gesamte Familie London besuchte und in dem überfüllten Haus ihres Cousins in einem Vorort Londons unterkam.
Doch dann passierte der Unfall und Charlotte erinnerte sich an das Geheule ihrer Mutter und an das aschfahle Gesicht ihres Vaters als der Anruf kam.
Das war der Tag, an dem sie unsichtbar wurde. Der Tag, an dem James starb, zwischen den Metallteilen eines silbernen Mercedes und den Überbleibseln eines Wagenrennens, 2,5 Promille im Blut und ein Päckchen Kokain auf dem Beifahrersitz.
Das Knallen einer Autotür zwang sie zurück in die Gegenwart. Sie sah auf.
„Ich hol euch nach der Uni ab, okay? Ich hab Vorlesungen bis um eins, aber das müsste ich schaffen", sagte Craig, während er Lizzie aus dem Wagen hievte und sie auf dem Gehweg abstellte.
„Okay", meinte Charlotte und sah auf ihr Handy. „Anne müsste gleich hier sein und Lou und Hetty kommen heute Abend vorbei." Sie runzelte die Stirn. „Mus kommt eventuell auch noch. Hab ich was vergessen?"
„Hast du ihr Handy ausgestellt? Für den Fall, dass ihre Mutter anruft, meine ich."
Charlotte hob das rote Mobilfunkgerät hoch. „Ist konfisziert."
„Was ist mit Jane?"
Charlotte schüttelte den Kopf. „Bleibt besser unwissend. Lizzie sagt, sie verkraftet das nicht."
„Sie ist ihre Schwester."
Das schwarzhaarige Mädchen zuckte mit den Schultern und blickte hinüber zu Lizze, die hinter ihrer Sonnenbrille blinzelnd in die blasse Sonne sah.
„Sie braucht eine Jacke", erklärte Charlotte und stieg aus dem Auto. Craig reichte ihr sein Sweatshirt. „Reicht das?"
„Wird gehen", erwiderte Charlotte und drapierte das Sweatshirt um Lizzies Schultern. Sie konnte den lauten Bass selbst durch die Kopfhörer hören.
„Okay", sagte Craig und trat zu Lizzie. „Pass auf dich auf, okay, Kleine? Lass dich nicht unterkriegen und komm bald wieder." Er küsste sie auf die Stirn, dann sah er Charlotte an.
„Pass auf, dass sie was ist, okay?", mahnte er. Kein Kuss, kein Zeichen von Affektion diesmal. Craig und Charlotte verstanden sich auch so und als sie ernst nickte, wussten beide, dass die Botschaft angekommen war.
Charlotte nahm Lizzie am Arm, dirigierte sie durch die Ströme von Menschen, über die Straße und hin zum Unigebäude, vor dessen Stufen Anne auf und ab lief.
Sie sah die Erleichterung in Annes Blick, als sie sie näherkommen sah und sie wusste, dass auch Lizzie sie erspäht hatte, denn sie hörte dieses leichte Klickgeräusch, das Gefühl als hätte man zwei Puzzelteile richtig verbunden. Es war hart sich nicht ausgeschlossen zu fühlen, aber es war ein Gefühl, das Charlotte bestens bekannt war und eines, an das sie sich über die Jahre gewöhnt hatte.
„Na endlich", seufzte Anne und trat zu ihnen, doch anstatt sie zu umarmen oder auch nur Charlotte zu begrüßen, hob sie Lizzies Kinn an und zwang sie, ihr in die Augen zu blicken, eine Geste die sich ein wenig merkwürdig ausnahm, wenn man den Größenunterschied in Betracht zog (Anne war einen ganzen Kopf kleiner als Lizzie).
„Na, na, na", machte Anne und runzelte die Stirn. „Hast dich wieder eingeschlossen, was? Dummes Kind." Sie schüttelte den Kopf. „Das ist dein eigener Käfig, Schätzchen, anstatt dich da raus zu bewegen, schließt du dich Jahr für Jahr von neuem ein." Wieder das Kopfschütteln, begleitet von einem Seufzen. „Aber du hörst mich ja eh nicht, was?" Mit einer gewissen Abneigung betrachtete sie die summenden Kopfhörer. „Kindchen, es hat noch niemand geschafft seine Gedanken zu ertränken, weder in Alkohol noch in Musik. Du kämpfst gegen Windmühlen, Süße..."
Dann wandte sie sich wieder Charlotte zu, die goldenen Augen schimmernd im Sonnenlicht und Charlotte hatte wie immer das unangenehme Gefühl, dass Anne Elliot sie komplett durchschaute und sie wartete schon seit Jahren auf den Tag, an dem sie es herausschrie, an dem sie allen erzählte, was für eine unsichere, neidische, egoistische Person Charlotte Lucas war.
Doch das tat sie nicht.
„Hat sie gegessen?", fragte Anne und wenn es nicht dieser Tag und wenn es nicht diese Situation gewesen wäre, dann hätte Charlotte wahrscheinlich laut über diese Absurdität gelacht.
„3 Melonenstückchen", sagte sie stattdessen und hielt die Plastikboxen hoch. „Und auch nur unter Zwang." Sie runzelte die Stirn. „Ist es nicht irgendwie seltsam, dass wir die ganze Zeit ihre Nahrungsaufnahme diskutieren?"
Anne legte den Kopf schräg. „Es ist ja nicht so, als hätte sie viele Reserven aus denen sie schöpfen könnte." Sie blickte hinüber zu Lizzie, die stumm geradeaus starrte. „Das Kind ist bloß Haut und Knochen."
Haut und Knochen... Wenn es doch bloß so einfach wäre. Wenn Menschen bloß Haut und Knochen und das bisschen Fleisch dazwischen wären. Dann gäbe es nicht so viele Fragen, nicht so viel Unsicherheit, nicht so viel Verlangen.
Sie verabschiedeten sich von Anne am Eingang, als das Mädchen mit den goldenen Augen sich auf den Weg zu den Social Sciences Gebäuden machte und Charlotte Lizzie in den Vorlesungssaal zerrte.
Lizzies Bewegungen waren die einer Marionette, ihre Pupillen huschten über die Gesichter der anwesenden Studenten ohne einen Funken Wiedererkennung. Sie reagierte nicht auf die Grüße, auf das Nicken und Lächeln und Charlotte war dankbar für Lizzies Sonnenbrille, die die Leblosigkeit ihrer Augen verbarg. So dachten sie nur, sie sei bloß zugedröhnt.
Sie stellte die halbvolle Box mit den Obststückchen vor Lizzie ab und zog einen der Stöpsel aus ihren Ohren.
„Aufessen", zischte sie Lizzie über das Scheppern, das aus den Kopfhörern drang, zu, wissend, dass Lizzie sie trotz ihrer Reglosigkeit verstand. „Sonst zwing ich dich vor Darcy den Mund aufzumachen und die paar Teile zu schlucken, verstanden?"
Sie nahm die minimale Regung war, das Zucken der Lider und der Muskeln im Nacken, diese Mikrobewegung, als sie sich zu ihr drehte und einmal blinzelte.
Charlotte spürte wieder der Kloß im Hals, schluckte ihn runter mitsamt ihrem Mitgefühl für das Mädchen hinter der Glasscheibe herunter und ihre Hilflosigkeit gleich hinterher.
„Ich hab da keine Skrupel, Lizzie. Guck mich nicht so an und iss!"
Sie schaffte es Lizzie fünfzehn Sekunden in die Augen zu sehen, bevor sie nicht mehr konnte und sich mit einem Stöhnen hinter ihrem Anatomieskript vergrub, um die Wort- und Bilderschlange, die sich durch ihr Gehirn wand, noch weiter zu verlängern.
Darcy kündete sich mit einem Knallen an, das ihr Skriptbuch auf das Pult fallen ließ, und es war nur ein kurzer Moment der Überraschung, der sie überkam, als sein Blick sich praktisch automatisch auf Lizzie einpendelte.
Sie hatte es kommen sehen, unausweichlich, zwei bescheuerte Magnete, die nicht anders konnten, als aufeinander zu treffen, gegeneinander zu prallen und alles in ihrem Umfeld zu zerstören, das ihnen in den Weg kamen - Körperliche Anziehung war eine witzige Sache.
Nicht dass sie damit viel Erfahrung hätte, oder dass Lizzie auch nur im Mindesten bereit war sich diese Attraktion einzugestehen, die so ungefähr die Diskretion einer Atombombe hatte.
Die Vorlesung begann und Darcys Blick irrte wie eine Kompassnadel auf der Suche nach Norden immer wieder zu Lizzie zurück.
„Miss Bennet", rief er auf, zum dritten Mal an diesem Tag und wie bei den anderen Malen zuvor, zuckte Lizzie hinter ihrer Brille noch nicht einmal mit der Wimper.
„Miss Bennet, ihre Meinung zu dem Thema bitte", forderte er das stumme Mädchen auf und Charlotte begann ihr Hirn, ihre Wortschlangen zu durchforsten nach einer Antwort, mit der sie ihn wie zuvor ablenken konnte, doch der Professor hob die Hand, als sie den Mund aufmachte, gebot ihr zu schweigen, während sein Blick auf Lizzie verharrte. Er hätte ebenso gut ein Gartenzwerg sein können, dem Grad der Aufmerksamkeit nach zu schließen, den sie ihm zukommen ließ.
„Miss Bennet!", donnerte Darcy wieder und Charlotte fand, dass seine Faszination mit Lizzie, wie auch immer unbewusst sie war, ein wenig Überhand nahm.
Ihre Hände begannen zu schwitzen, Konfrontationen mit Autoritätsfiguren versahen sie nicht mit dem Adrenalinkick, den Lizzie dabei genoss, sondern mit Nervosität, Unsicherheit – Sie musste etwas tun, bevor es eskalierte.
Denk nach, beschwor sie sich, was würde Lizzie an deiner Stelle tun? Was würde Lizzie, wunderbare, furchtlose, verlorene Lizzie tun?
Sie schloss die Augen, ignorierte die mahnende Hand des Professors und entlud die längste Wortschlange aus Verben und Fremdworten, Prädikaten und Präpositionen und hastig gebauten Semantiken, die sie aus dem Philosophiebuch zur Aufklärung gestohlen hatte, auf den unwissenden Professor und sie sah, wie er blinzelte in Erstaunen, als sie wieder die Augen öffnete.
„Ist das richtig?", fragte sie ihn, lehnte sich nach vorne, versuchte unbewusst ihre Freundin zu beschützen, obwohl Charlotte sich selber diese selbstlose Geste wohl nie eingestehen würde.
Darcy nickte bloß und Charlotte spürte, wie sie den Atem losließ, den sie bis dahin angehalten hatte.
Schwach, ich bin schwach...
Der Rest der Vorlesung verlief in relativer Ruhe, er sprach Lizzie nicht noch einmal an und Charlotte, halb hinter ihrem Buch versteckt, ihre Wangen immer noch puterrot, zwang Lizzie mit ein paar subtilen Drohungen, die hauptsächlich Darcy, ein öffentliches Spektakel oder einen Anruf bei ihrer Mutter beinhalteten, die restlichen Obststückchen aufzuessen, was Lizzie in soweit wieder in die Realität zurück verfrachtete, dass sie anschließend in der Lage war alleine die Stufen zum Ausgang hinunter zu laufen.
„Miss Bennet!" Sie stöhnte, als sie die Stimme erkannte. Bewunderung und Anbetung hin oder her, aber konnte der Typ sie nicht einfach in Ruhe lassen?
„Miss Bennet!", rief Darcy erneut, unbewusst der Imitation eines Papageis, die er dabei bot. Lizzie wäre wohl an ihm vorbei gelaufen, nicht sehend, nicht hörend, nicht Teil dieser Welt und seiner Bewohner.
„Elizabeth." Charlotte spürte die Gänsehaut ihren Rücken herunterlaufen, als er sie mit Vornamen ansprach. Aus den kryptischen Gesprächsfetzen, Darcy betreffend, die sie mitbekommen hatte, hatte sie sich Lizzies Bemühungen um Distanz und ihr generelles Widerstreben zusammengereimt. Dass er sie jetzt „Elizabeth" nannte, ein Name, den sie sonst nur ihre Mutter benutzen hörte, ließ das ganze Konzept körperlicher Anziehung im Vergleich dazu lächerlich wirken.
Lizzie erstarrte. Charlotte sah wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten, wie sich sämtliche Muskeln anspannten, wie eine Katze in der Falle und Charlotte starrte auf die Hand des Professors, wo sie Lizzies Handgelenk umfasste, ziemlich sicher, dass, wenn Lizzie nicht gerade in einem Trance-artigem Zustand gefangen wäre, Darcy diesen Tag nicht überleben würde.
Ohne darüber nachzudenken räusperte sie sich – heute war sie anscheinend wirklich ein wenig suizidal – und der Professor sah kurz auf, erkannte ihre Anwesenheit und vergaß sie sogleich wieder, als er sich erneut Lizzie zuwandte.
„Miss Bennet?", fragte er diesmal, als sei er sich seines Fehlers bewusst geworden, die Hand um ihr Gelenk hatte sich gelöst, hielt sie nun an der Schulter fest. Seine besorgte Miene spiegelte sich in den Gläsern ihrer Sonnenbrille wieder. Der Professor beugte sich leicht hinab, ging auf Augenhöhe mit ihr, doch Lizzie, Lizzie-hinter-dem-Glas, das halb ertrunkene, stoische Mädchen mit den Händen wie Krallen reagierte nicht.
„Miss Bennet", wiederholte er, wohl zum fünften Mal an diesem Tage, als sei es das Einzige, was er in ihrer Gegenwart sagen konnte und nahm ihr langsam die Brille ab, entblößte das Grün und die Pupillen, die zusammenzuckten, als er sie mit der Taschenlampe beleuchtete. Der Typ hatte eine verdammte Taschenlampe in seiner Jacketttasche. Musste da noch mehr gesagt werden?
Charlotte sah wie seine Hand zitterte, sie sah den Funken, das Begehren, das alles konsumierende Verlangen sie zu berühren.
Es war immer dasselbe. Menschen, die sich überschlugen, um sie zu berühren, ihr nahe zu sein, sie zu besitzen.
Und Lizzie wollte nichts davon haben, sie warf sie weg, die Bewunderung, die Anbetung, wie eine Haufen stinkender Klamotten und Charlotte beneidete und hasste diese Einstellung, diese Sorglosigkeit, diese absolute Sicherheit immer geliebt zu werden.
„Was hat sie genommen?", fragte Darcy, der besorgt das matte Grün in Augenschein nahm, die starren Gesichtszüge und ihre Reglosigkeit. Eine Hand gegen ihre Stirn gelehnt, legte er ihren Kopf ein wenig schräg in das Licht, das durch das Fenster hineinströmte, während er mit der anderen Hand ihren Puls maß.
„Sie hat nichts genommen", verteidigte Charlotte ihre Freundin, während ihr Blick von Lizzie zu Darcy huschte.
„Miss Lucas, Sie können mir sagen, was es gewesen ist, ich hab vor ein Tagen schon ihren anderen Freund aufgelesen. Also schießen Sie los!"
„Sie hat nichts genommen!", erwiderte Charlotte harscher als beabsichtigt, mit genau der Art von Indignation, die sie sooft bei Lizzie wahrgenommen hatte, wenn sie ihre Freunde verteidigte.
„Was ist dann mit ihr los?", fragte Darcy stirnrunzelnd, während er versuchte Lizzies Blick zu erhaschen, doch ihre Freundin starrte bloß in die Leere. „Miss Bennet?"
„Sie hört Sie nicht", erklärte Charlotte knapp. „Sehen Sie?" Sie deutete auf die Kopfhörer. „Heute Morgen war es LaDispute, mittlerweile vielleicht schon RiseAgainst, ich kenne mich da nicht so aus."
„Aber warum?" Er sah irritiert von Charlotte zu Lizzie, bevor er vorsichtig einen der Ohrstöpsel aus ihren Ohren zog. Lauter Bass und Stimmen, die schrien ertönten, die musikalische Illustration von Lizzies Innenleben in diesem Moment.
Als hätte der plötzliche Verlust dieses einen Kopfhörers sie ein wenig aufgeweckt, blinzelte Lizzie auf einmal, bevor sie die Lippen zusammenpresste und aus der Tür stolzierte.
Charlotte sah ihr nach. „Es ist dieser Tag", sagte sie dann zu Darcy, der Lizzie erstaunt nachblickte. „Sie redet nicht."
„Sie redet nicht?" Nun war das Erstaunen in Entsetzen umgeschlagen und zum ersten Mal hatte sie seine ungeschlagenen Aufmerksamkeit.
„Nein."
„Aber wieso nicht?"
„Ich weiß es nicht", gab Charlotte zu. „Außer Anne hat sie es keinem erzählt. Ich weiß nur, dass es dieses Datum ist, 15. Oktober, sie schweigt und wir versuchen sie zum Essen zu zwingen."
„Was ist mit Therapie-"
„Drogen, Medikamente?" Sie klang zynischer, als sie beabsichtigte, aber diese überfürsorgliche Art des Professors ging ihr ein wenig auf die Nerven. Gut er bewunderte sie, aber damit war er nicht alleine, also sollte er bloß aufhören so zu tun, als sei er der Einzige, der sich um sie sorgte. „Haben Sie schon mal versucht Lizzie zu etwas zu zwingen, das sie nicht will."
„Es scheint mit dem Essen zu klappen."
Sie gab ihm die Charlotte-Lucas-Version eines Todesblickes, sehr viel weniger beeindruckend als das Lizzie-Bennet-Äquivalent, aber trotzdem.
„Was ist mit ihren Eltern, ihrer Familie... Kümmern die sich nicht?"
„Sie wissen nichts davon." Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn direkt an. „Und das muss auch so bleiben."
„Miss Lucas..." Das der Typ Emotionen zeigen konnte, war mehr als erstaunlich und Charlotte war kurz versucht davon ein Foto zu machen und es Lizzie als Beweisstück unterzuschieben.
„Nein." Sie blieb hart. Blinzelte. „Es geht Sie nichts an."
Und dann ging sie.
Sie fand Lizzie auf den Treppenstufen, die zum Innenhof führten. Rücken gerade, Blick starr gerade aus, schien sie von einem dürren, kleinen Mann mit dünnem blondem Haar praktisch umtanzt zu werden.
„...Miss Bennet, was für eine Ehre Sie kennen zu lernen. Meine Chefin, Lady DeBourgh, war ganz begeistert von ihrem Resümee und ich muss Ihnen einfach sagen, dass RosingsHospital-" Die Stimme des Typen überschlug sich geradezu vor Begeisterung und er wedelte mit einer Mappe vor ihrer Nase herum, das scharfe Rascheln der Blätter so nah an ihrem Gesicht, dass das Papier sie beinahe schnitt – Lizzie zuckte noch nicht einmal mit der Wimper.
„-Wir wollen Sie einfach unbedingt für die Dauer ihres Praktikums bei uns haben! Lady DeBourgh sagt, es ist wichtig Angestellte schon früh emotional an ihre Arbeitsstelle zu binden, um größere Effizienz zu garantieren und ich muss sagen ihr Resümee hat mich überwältigt, schlichtweg überwältigt!"
Es hatte etwas witziges, ihm dabei zuzusehen wie er Lizzie umtanzte wie das verdammte Rumpelstilzchen sein Lagerfeuer, wie er redete und redete und Lizzie ihn mit keinem Wort verstand, denn sie hatte noch immer nicht die Kopfhörer abgenommen.
„Jahrgangsbeste, soziale Engagements, mehr Leistungspunkte als jeder andere in ihrem Semester..."
Es war immer nett, dass so runtergebetet zu bekommen, praktisch noch mal auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen, dass man trotz seiner kleinen Eigenheit nicht mit der puren Brillanz eines Genies konkurrieren konnte.
Charlotte räusperte sich und der Mann mit den aschblonden Haaren sah auf und hielt in seinem Monolog inne. Sein Gesicht war rot angelaufen und ein wenig verschwitzt, die Blätter raschelten noch und als Charlotte das wässrige Blau seiner Augen sah, überkam sie einen Moment lang Panik, als sie ihn wiedererkannte.
Doch die typische ungemütliche Stille, die auftritt nachdem einen die beste Freundin beim letzten Aufeinandertreffen praktisch von den Lippen des Typen gerissen hat (und sie war sich nicht sicher, ob sie ihm dabei nicht aus Versehen auf die Zunge gebissen hatte), passierte nicht, denn er sah sie bloß kurz an, bevor sich sein Blick wieder auf Lizzie richtete.
Charlotte hätte schreien können. Sie sah die Bewunderung, die Anbetung, die Verehrung auf seinem Gesicht und vielleicht war es der Alkoholnebel gewesen, aber sie war sich sicher, dass er sie in dieser Nacht genauso angesehen hatte.
Mierda. Jetzt hatte er Lizzie getroffen und Charlotte spürte die altbekannte Eifersucht in sich aufsteigen. Verdammt, das Mädel saß da bloß und war geistig noch nicht einmal anwesend, wie kann es da sein, dass da schon wieder einer zu ihren Füßen lag?
„Mr -?" Sie trat näher. Menschlicher Schutzschild, das war sie heute.
„Oh!" Der Blonde sah aus, auf einmal eifrig sich vorzustellen. „Collins", sagte er und verbeugte sich. „Mr Collins, um genau zu sein. Ich arbeite für Lady DeBourgh von RosingsHospital und wir sind sehr begierig Miss Bennet bei uns einzustellen."
„Ist das nicht Teil ihres Stipendiums?", fragte Charlotte, weil sie so ziemlich jede Einzelheit von Lizzie's Vollstipendium kannte. „Das Praktikums meine ich."
„Natürlich", beeilt sich Collins zu sagen und die Blätter in seiner Hand fangen wieder an zu flattern. „Aber hier geht es nicht bloß um ein Stipendium. Wir bieten Miss Bennet eine parallele Ausbildung mit Jobbildung an und ich und auch Lady DeBourgh hoffen, dass das Praktikum im Januar bloß der Anfang ist. Es ist eine wunderbare Möglichkeit und auch Miss Bennet muss einsehen, dass es eine einzigartige Perspektive für sie ist. Denken Sie nicht auch so, Miss Bennet." Mit eifrigen Welpenaugen blickte er hinüber zu Lizzie und nickte, als sie nicht reagierte. „Ganz so wie ich dachte, Sie sind ebenso überwältigt von der Güte Lady DeBourghs wie ich."
Charlotte unterdrückte ein Kichern. Es war auf eine eigenartige Weise niedlich, wie er nickte und wippte und seine wässrigen, kleinen, blauen Augen über Lizzies Gesicht huschten und es versetzte ihr einen Stich irgendwo in der Brust, weil er sie mit so offener Anbetung ansah, unterwürfiger als das Verlangen in Darcys, weniger körperlich, aber dennoch es war Bewunderung.
Und sie wollte einen Teil davon.
Charlotte setzte sich neben Lizzie auf die Treppenstufen und öffnete den Becher mit dem Joghurt und den Granatapfelkernen, tippte mit dem weißen Plastiklöffel gegen Lizzies Knie. Anne hatte Recht, wenn sie sagte, dass Kind hätte nicht viele Reserven.
„Und als was arbeiten Sie, Mr Collins?", fragte sie und die plötzliche Formalität nachdem sie in der Nacht von ihrer und Lizzies Wiedersehensfeier buchstäblich an seinen Lippen gehangen hatte, amüsierte und stichelte sie zugleich.
Der kleine Mann mit den blonden Haaren hüpfte beinahe auf und ab. „Ich bin im Personalwesen, Miss. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Talenten für unsere Klinik und für Lady DeBourgh, um RosingsHospital in eine der besten Kliniken dieses Landes zu verwandeln."
RosingsHospital, sie hatte davon gehört. Es war eine der teuersten Privatkliniken Londons, spezialisierte sich jedoch nicht wie andere bloß auf Schönheitschirurgie wie andere, sondern zeichnete sich dadurch aus in allen Bereichen mehr als herausragend ausgestattet zu sein. Verdammt das Krankenhaus hatte immer noch eine gut gehende Notaufnahme und das hieß schon was. Mal ganz davon abgesehen, dass Rosings berühmt dafür war, seinen Angestellten ein mehr als großzügiges Gehalt zu zahlen.
Rosings Hospital war schon immer Charlottes Ziel gewesen.
Sie nahm einen Löffel voll Joghurt und presste ihn gegen Lizzies geschlossenen Lippen. „Iss", murmelte sie, wie zu sich selber, weil Lizzie sie selbst dann nicht gehört hätte, wenn sie geschrien hätte und so beschränkte sich Charlotte auf einen dezenten Stoß mit dem Ellbogen, der Lizzies Mund leicht aufklappen ließ und bevor sie sich versah, hatte sie den Löffel versenkte.
Fantástico! Jetzt musste sie nur noch schlucken.
„Das hört sich interessant an", erwiderte sie, um das Gespräch am Laufen zu halten und Lizzies deutliche Abwesenheit in genannter Konversation zu überdecken, während sie Granatapfel in den Mund des kleinen Zombies schob.
„Oh das ist es, das ist es!", versicherte Collins eifrig ohne den Blick von Lizzies starrer Miene zu heben.
„Sie machen das also häufiger, Leute anwerben, meine ich?", fragte Charlotte mit einem Lächeln. Collins war in seinem Eifer und seiner Nervosität fast süß..
„Anwerben?", fragte er erstaunt. „Nein, ich stelle sie ein! Ich habe noch nie jemanden getroffen, der ein Angebot für Lady DeBourgh zu arbeiten ablehnen würde!"
Na das würde sich bald ändern. So weit wie sie Lizzies Zukunftspläne kannte, beinhalteten sie eher Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen, als eine Anstellung in einer Privatklinik.
„Das kann ich mir vorstellen", sagte sie sanft, während sie mit minimalem Gewaltaufwand Lizzie zu einem weiteren Löffel überredete.
Collins nickte eifrig und zupfte an den Ärmeln seines dunklen Mantels. „Obwohl mir Miss Bennet noch keine positive Antwort gegeben hat", gab er plötzlich zu und sah aus wie ein kleiner Schuljunge, dem man den Schokokeks weggenommen hatte.
„Das wird sie noch", versicherte Charlotte und versuchte ihr schlechte Gewissen zu verdrängen. Lizzie würde ihm einen Antwort geben, sobald sie wieder aus Zombieland wieder da war und ihr tat der arme, kleine Mann schon leid, dessen Träume in ein paar wenigen Stunden drauf und dran waren wie Seifenblasen zu zerplatzen.
„Sie scheint heute nicht ganz sie selbst zu sein", bemerkte er und sein Blick flackerte von Lizzie zu Charlotte.
„Es ist dieser Tag", seufzte Charlotte. „Sie wird morgen wieder sie selbst sein."
„Oh!", machte Collins und sein Gesicht hellte sich auf. „Aber natürlich! Lady DeBourgh persönlich hat mich schon mehrfach darauf hingewiesen, dass Timing alles ist und dass ich das meine perfektionieren muss, um Erfolg zu erzielen." Er strahlte. „Vielen Dank, Miss. Das wird es sein."
Charlotte lächelte sanft und belustigt zur selben Zeit. „Keine Ursache, Mr Collins."
Wieder nickte der kleine Mann und seine dünnen blonden Haare wippten im Takt. „Dann werde ich mich morgen bei Miss Bennet melden. Ich bin ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Miss -" Er sah sie ein wenig peinlich berührt an, als er merkte, dass er ihren Namen gar nicht kannte.
„Lucas", half sie ihm auf die Sprünge und versuchte den kleinen Stich in ihrer Brust zu unterdrücken. „Charlotte Lucas."
Er strahlte. „Vielen Dank, Miss Lucas." Er neigte den Kopf. „Charlotte Lucas." Er
sah sie mit solcher Dankbarkeit an, dass ihr ganz warm wurde. Anerkennung, Dankbarkeit, auch wenn die Farbe der Augen eine andere war, erinnerte sie der Ausdruck an James. Guter, wunderbarer James.
„Kein Problem, Mr Collins." Sie schob Lizzie einen weiteren Löffel in den Mund. „Ich hoffe ich konnte Ihnen helfen."
„Auf jeden Fall." Er lächelte. „Miss Lucas. Charlotte Lucas."
Sie schaffen es Lizzie nach Hause zu bekommen. Craig trug sie Huckepack zum Auto und Charlotte sah aus dem Augenwinkel, dass Professor Darcy sie beobachtete. Sie schüttelte den Kopf und versuchte nicht weiter darüber nachzudenken.
Anne wartete an der Ecke zum Social Sciences Gebäude und Charlotte gab den Platz auf der Rückbank auf, damit Anne zu Lizzie klettern konnte und sie versuchte die leisen Worte, die Anne wie ein Mantra wiederholte auszublenden und sich auf die bescheuerte Musik zu konzentrieren, die aus den Lautsprechern plärrte. Craig fing ihren Blick auf, als sie an der Kreuzung standen und zwinkerte. „Krieg dich ein, Char."
Charlotte schnaubte bloß.
Als sie dann schließlich zu Hause ankamen, begann eine regelrechte Party. Erst kamen Lou und Hetty mit der Nachricht, dass ihre Eltern und ihre Brüder später kommen würden, dann schloss Marley ihre Kneipe und saß kettenrauchend auf dem Balkon, während Anne und Hetty den Tisch deckten und Lizzie, Craig und Lou sich alte „DieNanny"-Folgen ansahen. Oder eher, Craig und Lou sahen sich die Sitcom an, mit Lizzie in der Mitte, stumm auf den Bildschirm starrend, während sich ihre Sitznachbarn vor Lachen gar nicht mehr einkriegten.
Charlotte saß mit Marley auf dem Balkon, atmete den Zigarettenrauch ein und versuchte sich nicht ganz so ausgeschlossen zu fühlen.
„Na, Kindchen", sagte Marley nach einer Weile auf ihre typisch trockene Art. Sie nannte Charlotte aus unerfindlichen Gründen „Kindchen", während sie für Lizzie eine ganz andere Reihe von Kosenamen hatte. Naja, jeder hatte einen Schwäche für Lizzie. Das war ein Naturgesetz. „Wie geht's?"
„Gut",, antwortete Charlotte, während sie Lizzie's starre Miene durchs Fenster beobachtete. „Könnte nicht besser sein."
Marley war ein paar Züge lang still. Charlotte schloss die Augen, Passivrauchen war eines ihrer Laster.
„Sie hat es nicht einfach, weißt du?", sagte Marley schließlich und nickte hinüber zu Lizzie. „Hat 'n schweres Paket zu tragen, die kleine Biene."
Charlotte schnaubte. „Haben wir das nicht alle?"
Sie spürte Marleys Blick auf sich und sah nicht auf, selbst dann nicht als die ältere Frau aufstand und ihre Kippe im Blumenkasten mit den Geranien ausdrückte. „Ja", sagte sie dann schließlich. „Und du tätest gut daran, dich daran zu erinnern."
Dann fiel die Balkontür zu und Charlotte war alleine auf dem Balkon.
Gegen fünf kamen Mus und Sophie mit den zwei Wilden aka Liam und Henry, die sogleich das kleine Appartement eroberten und synchron auf Lizzies Schoß sprangen, wo sie zusammen mit den anderen beiden, die klebrigen Hände in Lizzies Haaren vergraben, Fernsehen guckten, bis ihre Mutter sie ins ins Bad scheuchte bevor das Essen begann.
Anne und Hetty hatten den Tisch und alle möglichen Stühle aus Craigs Wohnung geholt und zusammen mit dem Tisch und den Sitzgelegenheiten aus Lizzies und Charlottes Wohnung eine Art Esstisch gebaut, trotzdem saßen die Groveland-Brüder wie zwei grinsende kleine Kobolde auf dem mit Laken abgedeckten Sessel, den Lizzie von einem Flohmarkt in Südlondon geholt hatte.
Sophie hatte eine wahres Bataillon an Essen herangeschafft und das Lachen und Scherzen und die kleinen Albernheiten der Groveland-Brüder, die Plastikspinnen in der Salatschüssel versteckt hatten, übertünchten Lizzies hilflose Schweigen und Annes Versuche sie mit Essen zuzustopfen.
Es erinnerte Charlotte an zu Hause. Das vor dem Unfall. Mit James und ihren Eltern, die so glücklich waren einen solchen Sohn zu haben, einen, der es erträglich machte eine Tochter zu haben, die so unscheinbar und unnormal zur selben Zeit war und Charlotte kam sich vor, als sei sie das Mädchen hinter der Glasscheibe, abgeschnitten vom Rest.
Sie blieb in der Küche, lange nachdem der Abwasch fertig war und Sophie und Anne, fröhlich vor sich hin schnatternd hinter Liam und Henry hergelaufen waren.
Nachdem James gestorben war, hatte sie sich oft gefragt, ob um sie auch so viele Menschen trauern würden, ob ihre Mutter sie auch so sehr vermissen würde, wie sie ihren Erstgeborenen vermisste. Es war ein überflüssiger Gedanke, doch seit sie in London war, seit sie Lizzie und ihre stummen Tage kannte, fragte sie sich, ob andere Menschen sie eigentlich auch so sehr lieben konnten, wie sie anscheinend Lizzie liebten.
Charlotte blieb im Türrahmen stehen, beobachtete die Szene vor sich. Lou und Hetty, die zu Lizzies Füßen saßen, die roten und blonden Haare flossen über ihre Knie, Liam und Henry, die sich vollgestopft mit Essen zu ihren Seiten eingekuschelt hatten, Anne, Craig und Sophie, die auf den Sesseln und Stühlen sitzend sich angeregt unterhielten, Marley, die im Türrahmen zum Balkon stand und alles beobachtete, eine weitere Zigarette in der Hand und Mus, der Lizzie gegenüber hockte und angeregt auf sie einredete. Sie sah aus wie ein halbertrunkener Welpe, den man an Land gezogen hatte und der allmählich wieder lebendig wurde. Aufgewärmt.
Charlotte fühlte sich einsam, wollte Teil dieser chaotischen, unkonventionellen Patchworkfamilie sein, die sich so nah zu sein schien. Doch sie war Charlotte. Charlotte Lucas, wie Collins immer wiederholt hatte. Unscheinbare, nicht besondere, Charlotte Lucas mit dem fotografischen Gedächtnis.
Und sie stand da, kurz davor die Wohnung zu verlassen und sich in Craigs Bett zu verstecken, als Lizzie, stumme, ertrunkene Zombie-Lizzie, den Kopf drehte und Charlotte ansah.
Sie lächelte. Ein zögerliches, schwaches, kleines Lächeln, das kaum ihre Mundwinkel hob und doch ein Lächeln.
Komm her, sagte sie und das Lächeln war wie eine ausgestreckte Hand.
A/N: Okay, also was denkt ihr? Charlotte? Collins? Ich weiß, er ist eher zahm, aber es gibt noch genug Arschlöcher in dieser Geschichte, da ist ein leicht verpeilter Collins-Welpe besser als irgendein Perversling (und er wird noch witziger, wenn er auf die wache Lizzie trifft;)
Wie auch immer, Reviews appreciated, ich versuch mehr Tempo in die nächsten Kapitel reinzukriegen, ich meine dieses Story ist mittlerweile in der 6. Klasse und wir sind immer noch am Anfang...
