Provoziert. Verdammt. Unwiderstehlich.
Kapitel 12
Drunter und „drüber"
Hermine spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren zusammen krampfte, nachdem er Anstalten machte, aufzustehen.
Sie konnte es nicht zulassen. Nicht jetzt, nachdem das geschehen war.
Für einen winzigen Moment hatte sie sich gefühlt, als würde sie am Gipfel eines Berges stehen und all das Land, das sich zu ihren Füßen bis hin zum Horizont erstreckte, ihr gehören.
Warum wusste sie selbst nicht.
Warum hatte er das nur getan? Was war das überhaupt gewesen, diese Berührung? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Und es schien auch gleichgültig zu sein. Doch irgendetwas war in diesem Moment geschehen.
„Professor?"
Er erstarrte vor ihren Augen, als er sie hörte, fast so, als würde er realisieren, dass er eine Grenze überschritten oder etwas strikt Verbotenes getan hatte.
„Professor! Warten Sie."
Sie griff nach seiner Hand, die auf seinem Schoß lag, deren Berührung einen warmen, wohligen Schauder durch ihren Körper gejagt hatte. Jener Hand, die so zärtlich zu ihr gewesen war.
„Ich möchte jetzt darüber reden. Bitte."
Er sah aus, als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht damit.
Hermine aber nutzte die Stille und fuhr fort. „Wa-was war das eben?", fragte sie verwirrt.
Wieder sah er sie an, mit jenen feurigen schwarzen Augen, die das Gefühl in ihr auslösten, die ganze Welt um sie herum würde in Flammen aufgehen.
Er verkrampfte seine Finger, die sie mit ihren berührte und schien zu überlegen. Doch nur für einen winzigen Augenblick lang, dann war es wieder vorbei.
Er schluckte hart und sein Kehlkopf vibrierte dabei. Langsam senkte er den Kopf, sodass ihm die Haare ins Gesicht fielen und sie seinen Ausdruck nicht länger sehen konnte. Dennoch wusste sie, dass er wie gebannt auf ihre Hand starrte.
„Ich – ich sollte jetzt gehen. Es ist besser so", murmelte er verhalten, fast ohne seine Lippen zu bewegen.
Sie blinzelte ihn mit ihren großen unschuldigen Augen an, in denen sich all die Fragen widerspiegelten, die sie auf der Seele liegen hatte.
„Verzeihen Sie, Miss Granger. Es war nicht meine Absicht, Ihnen zu nahe zu treten."
Sie schüttelte den Kopf und ihre wirre Mähne bäumte sich auf. „Das – das haben Sie nicht getan ..." Enttäuscht suchte sie nach den richtigen Worten, ohne sie zu finden. Wie albern sie sich dabei vorkam!
„Bitte entschuldigen Sie mich."
Lautlos erhob er sich. Und mit ihm seine Hand.
Kälte war alles, was ihr blieb. Dazu Verwirrung.
Dann machte er eine leichte Verbeugung mit dem Kopf. Sie aber starrte ihn reglos an.
Was war geschehen? Würde sie es je begreifen?
„Bis morgen, Professor. Bis morgen ..."
Snape hatte sich beim Verlassen ihres Zimmers sichtlich unwohl gefühlt, was eigentlich kein Wunder war, wenn man bedachte, in was für einer heiklen Situation er sich befand.
Hermine war durchaus nicht entgangen, dass er es durch seine herabhängenden Strähnen vor ihr verbergen wollte. Nach allem, was sie mit ihm erlebt hatte, war sie mehr als irgendjemand sonst in der Lage, sein Verhalten zu deuten.
Zugegeben, es war ungewöhnlich gewesen, dass er sich von so einer emotionalen Seite gezeigt hatte. Etwas, womit niemand rechnen konnte. Weder er, noch sie.
Wie jedoch sollte sie damit umgehen?
Es war einfach passiert. Und das ausgerechnet ihm.
So sehr sie sich auch den Kopf darüber zerbrach, konnte sie es nicht begreifen.
Doch einschlafen konnte sie auch nicht mehr.
Sie war so hilflos gewesen, so verletzlich.
Was war nur geschehen?
Noch immer fühlte sie seine warme Hand auf ihrer Haut und konnte den eigentümlichen und zugleich verstörenden Duft von ihm riechen, der im gesamten Raum verströmt zu sein schien, obwohl er schon seit Stunden nicht mehr hier war.
Ihr ganzes Leben hatte eine schicksalhafte Wendung genommen, in dem Moment, in dem er sie gefunden hatte. Sie fühlte sich sicher in seiner Nähe. Sie fühlte sich wohl dort.
Aber was wäre passiert, wenn das nicht der Fall gewesen wäre? Wäre sie dann überhaupt noch am Leben?
Sie hatte ihm so viel zu verdanken und war zugleich so unsagbar dumm gewesen, zu glauben, sie könne ihre Probleme im Laufe der Zeit einfach hinter sich lassen. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr musste sie sich eingestehen, dass das keine Lösung war.
Sie begriff nicht, was mit ihr geschah und fühlte sich gleichzeitig elend, weil sie nicht auf ihn gehört hatte. Und das nach allem, was er für sie getan hatte.
Nie wieder würde sie so sein, wie früher. Snapes Verhalten machte es ihr dabei auch nicht leichter, mit allem klar zu kommen. Im Gegenteil - sie musste erkennen, dass tatsächlich so viel Fürsorge dahinter steckte, wie sie vermutet hatte.
Aber warum nur?
Wie konnte es sein, dass jemand wie er, der so kalt und unbarmherzig erschien, zu so etwas fähig war?
War nicht er es gewesen, der ihr in Hogwarts das Leben zur Hölle gemacht hatte?
Ein eiskalter Schauder streifte sie. Es schien so lange her zu sein, dass es kaum noch real sein konnte.
Sie war hier, mit ihm in seinem Haus. Und noch immer hatte er sie nicht fortgeschickt.
xxx
Das Leben in Spinner's End ging weiter. Auch mit Hermine, obwohl Snape ihr seit dem Vorfall in ihrem Zimmer aus dem Weg zu gehen schien, wann immer er konnte. Wie gewöhnlich war er morgens vor ihr wach und ging abends nach ihr ins Bett, falls er überhaupt zu Bett ging, denn so ganz war sie ihm noch nicht auf die Schliche gekommen.
Hermine hatte dieses Verhalten von ihm niemals zuvor als unangenehm empfunden. Doch jetzt, nachdem das geschehen war, nachdem er sie an der Wange berührt hatte, was nur zu deutlich zwischen ihnen stand, da keiner von ihnen darüber reden wollte oder gar konnte, fühlte sie sich allein gelassen und verloren.
Die Dinge, die sich nach dem Schwur zwischen ihnen ereignet hatten, hatten beide ziemlich aus der Bahn geworfen, auch dann, wenn keiner es zugeben wollte. Snape am allerwenigsten.
Hermine gab sich zwar Mühe, ihm nicht mehr als nötig zur Last zu fallen, wenigstens das war sie ihm schuldig, dennoch hatte sie eine Vielzahl an Fragen im Kopf, die sie beschäftigten.
Doch was sollte sie tun?
Es hatte sich nicht falsch angefühlt, als er ihr so nahe gekommen war, zumindest nicht unter den gegebenen Umständen. Er hatte sie schließlich schon in ganz anderen Situationen erlebt. Entblößt, verwirrt und am Ende ihrer Kräfte. Eine Berührung, die sich so aufrichtig und zärtlich angefühlt hatte, war dagegen ihr geringstes Problem. Selbst dann, wenn sie von ihm stammte.
Wieso aber ging es ihr dann nicht mehr aus dem Kopf?
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„Professor?"
Verlegen machte sie eine Pause, um seine Reaktion abzuwarten, doch nichts geschah. Er saß nach wie vor stocksteif und mit ausdruckslosem Gesicht auf seinem Sessel. Die Zeitung in der Hand haltend sah er sie durch den schwarzen Vorhang seiner Haare hindurch an.
„Wir müssen reden."
Daraufhin hob er seine Braue.
„Ich habe ein Problem", gestand sie nervös.
„Ja?"
Sie konnte sehen, dass er sich versteifte, ganz so, wie er es in ihrer Gegenwart immer tat, wenn er damit rechnete, dass es unangenehm werden könnte. Langsam legte er seine Zeitung auf den Schoß und schob seine Hände durch die Haare.
Er wirkte so unglaublich angespannt, dass sie schon fast einen Rückzieher machen wollte, doch das drückende Gefühl in ihrer Brust sorgte letztendlich dafür, dass sie nicht locker ließ.
Sie schluckte.
„Ich möchte nicht, dass das eine moralische Unterhaltung wird, Professor, aber ich bin … drüber."
Er sah plötzlich ganz grün im Gesicht aus und es dauerte einige Sekunden, ehe er zähneknirschend antwortete.
„Und?"
Hermine wagte kaum zu atmen. Vielleicht hatte er sie ja falsch verstanden?
„Ich weiß, dass das nicht Ihr Problem ist, aber ich dachte, nun ja, Sie sind mein Professor und können mir vielleicht helfen. Ich weiß einfach nicht weiter ... Aber ich muss sicher sein, dass ich durch diesen … Übergriff nicht schwanger geworden bin. Und ich möchte nicht damit warten, bis ich wieder in Hogwarts bin."
Snape wirkte, als hätte er vergessen Luft zu holen und Hermine wusste nicht so recht, was sie tun sollte, also plapperte sie einfach weiter.
„Die Männer sind tot. Mehr gibt es im Moment nicht dazu zu sagen. Aber ich brauche Gewissheit ..."
Er hob die Hand und sie verstummt augenblicklich. „Den Teil habe ich verstanden, Granger, es gibt keinen Grund, sich zu wiederholen."
Betreten nickte sie und für einige Sekunden geschah gar nichts, bis er sich räusperte.
„Und welche Rolle spiele ich dabei?"
Es klang weder verletzend, auf die Art, wie er es sagte, noch unfreundlich. Das allein war schon ein Wunder an sich. Hermine fühlte trotzdem, dass ihre Kehle ganz trocken war und Snape sah aus, als hätte er dasselbe Problem.
„Sagen Sie mir, was ich tun soll. Bitte."
Erst nach einer Weile reagierte er, indem er laut hörbar schluckte. „Sie sollten einen Test machen."
Erleichtert atmete sie auf. „Das habe ich mir auch schon gedacht."
„Und?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Nun ja, ich wusste nicht, wo ich ihn herbekommen soll."
Er nickte und erhob sich zerstreut, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. „Schön. Wenn Sie es wünschen, werde ich mich darum kümmern."
Ganz plötzlich schien er es sehr eilig zu haben, das Wohnzimmer zu verlassen, denn schon war er auf dem Weg zum Flur.
Hermine aber folgte ihm aufgeregt und kam hinter ihm zum Stehen.
„Wirklich?"
Blitzschnell fuhr er herum und funkelte sie an. „Haben Sie vielleicht einen besseren Vorschlag?"
Doch es war offensichtlich, dass sie den nicht hatte und so schüttelte sie energisch den Kopf.
„Gut. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen ..."
Damit war er auch schon zur Tür hinaus.
