Ich weiß, ich bin mächtig spät heute und Reviews hab ich auch nicht beantwortet. Aber ich hab eine gute Ausrede: Ich bin nicht zu Hause. Weil meiner einer hat endlich Urlaub und gurkt in der Weltgeschichte umher. Wie es mit dem Update nächste Woche aussieht, weiß ich auch noch nicht so recht. Ich kann erstmal nichts versprechen...
In diesem Sinne viel Spaß mit dem Anfang dessen, auf das ihr alle so lange warten musstet. ;)


Kapitel 1.12 – Hinter den Kulissen


Die ersten Minuten in Hermines Verstand fühlten sich an, als würde er ertrinken. Zusammenhanglose Erinnerungen rauschten an Severus vorbei und dass sie schlief, machte die ganze Sache nicht leichter.

Er sah Albus Dumbledore, sich die vier Elemente unterwerfend, die Kraft aus allem saugend, um Potter zu unterstützen und den Dunklen Lord zu töten.

Er sah beide, Potter und Voldemort, zu Boden gehen und wusste, dass sie tot waren, noch bevor ihre Körper den Schlamm in die Luft spritzten.

Er sah Remus Lupin nach Hermine greifen und sie davon abhalten, sich in das Energiefeld zu stürzen, das sich um die beiden Toten gebildet hatte.

Er sah Madam Pomfreys glückliches Gesicht, als sie erfuhr, dass Hermine eine Ausbildung zur Medimagierin machen würde.

Er sah Ronald Weasley, wie er vor Hermine in die Knie ging.

Hier endlich schaffte Severus es, den ersten Strang aus Erinnerungen zu überwinden und tiefer in Hermine Gedächtnis einzudringen. Hier und da richteten sich kleine Wände auf, doch sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Sie hatte in ihrem jetzigen Zustand keinerlei Chance, sich gegen ihn zu wehren.

Beinahe kam es ihm so vor, als würde er ihr Gewalt antun. Er hatte schon oft andere Menschen mit Legilimentik ausgehorcht, doch bei keinem hatte er sich so schäbig gefühlt wie bei ihr. Hermine Granger, Pardon, Weasley hatte genug durchgemacht, um zumindest diesen Teil ihres Selbst für sich haben zu dürfen.

Aber andererseits sah er sie jeden Tag leiden und stand dem machtlos gegenüber. Freiwillig würde sie ihm nie erzählen, was ihr so zusetzte. Und er wollte wenigstens verhindern, ständig in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten, von denen er nicht wusste, dass sie existierten.

Deswegen streifte er seine Bedenken ab und konzentrierte sich darauf, den Anfang dieses ganzen Chaos zu finden. Einen Teil der Dinge, die seit seinem erzwungenen Abwenden vom Orden geschehen waren, hatte er bereits hinter sich gelassen. Jetzt galt es, den roten Faden wieder zu finden.

Er sah Hermine in Zeitschriften für Brautmoden blättern und mit Ginny Weasley diskutieren.

Er sah sie an Harry Potters Grab, alleine. Sie legte Blumen nieder und bat um die Erlaubnis, an seinem Geburtstag zu heiraten.

Er sah sie zusammen mit ihrem Zukünftigen im Ministerium, um einen Termin für die Eheschließung auszumachen. Hermine kringelte mit einem wehmütigen Lächeln den 31. Juli in ihrem Terminplaner ein und Weasley griff nach ihrer freien Hand.

Nun, das erklärte zumindest schon mal etwas. Der 31. Juli war also auch ihr Hochzeitstag. Doch war das ein Grund, sich die Kante zu geben? Severus suchte weiter.

Molly Weasley mit wässrigen Augen, als sie Hermine eine altertümliche Perlenkette gab. Ein Erbstück der Familie – Informationen, die Severus nicht gebrauchen konnte.

Zwischendurch sah er immer wieder Momente im Kampf, in der Schule, auf der Krankenstation, bei Ordenstreffen, bei kleinen Feiern und das Glück zweier Menschen während dieser turbulenten Zeiten. Vor allem bei letzterem zog er sich immer wieder schnell zurück; es gab Dinge, die er nicht sehen wollte, und Weasley in diesen speziellen Momenten stand ziemlich weit oben auf seiner Liste.

Schließlich sah er Hermine im Brautkleid und bei dieser Erinnerung verweilte er. Die Räume des Zaubereiministeriums waren ihm generell bekannt, doch den Saal für Eheschließungen hatte er erst einmal betreten. Seit der Hochzeit von Lucius und Narcissa hatte sich dort kaum etwas verändert, wenn er auch dieses Detail nur nebenbei bemerkte.

Hermine trug ein weißes Kleid, das man so nie auf einer gewöhnlichen Muggelhochzeit finden würde. Es war vor ihrer Brust mit feinen Bändern geschnürt, hatte weite, sehr lange Ärmel und eine Kapuze, die sich auf ihren Schultern beutelte. In der Mitte des Kleides war ein zierlich bestickter Streifen cremfarbenen Stoffes eingenäht, der sich vom Dekolleté bis zum Saum zog und dabei breiter wurde. Ähnlicher Stoff fand sich auch in einem Dreieck ihrer Ärmel. Ihre Haare waren unter der Kapuze zu einem Knoten gebunden, aus dem sich viele kleine Strähnen um ihr Gesicht kräuselten. Sie trug die Kette, die Molly ihr gegeben hatte. Das Gesicht war dezent geschminkt und er hatte sie vorher noch nie so glücklich gesehen.

Rasch suchte Severus seine Selbstbeherrschung wieder zusammen und sprang zu der nächsten Erinnerung. Er fand nichts, was ihm bei seinen Fragen weiterhalf, bis er eine ganze Zeit später Hermine in Albus' Büro in Hogwarts sah. Hier vermutete er, dass es sich wieder lohnen würde, genauer aufzupassen.

Sie setzte sich mit einer Gelassenheit, die sie sich zweifellos im engeren Umgang mit Albus und Minerva, sowie den anderen Mitgliedern des Ordens angewöhnt hatte. Zu seiner Zeit war sie stets nervös und aufgeregt gewesen.

„Guten Abend, Hermine", grüßte der alte Mann freundlich und nickte ihr kurz zu, was sie erwiderte.

„Albus." Der Name klang ungewohnt aus ihrem Mund.

„Ich habe Sie hergebeten, weil eine meiner weniger angenehmen Befürchtungen eingetreten ist." Der Schulleiter spielte mit einer Schale, die ausnahmsweise einmal nicht mit Zitronenbonbons gefüllt war. Severus konnte allerdings auch nicht erkennen, was sie enthielt. Es war im Grunde auch unwichtig und das schien auch Albus zu bemerken, denn in diesem Moment schob er die Schale beiseite. „Severus hat sich seit geraumer Zeit nicht mehr bei mir gemeldet und ich habe Grund zur Annahme, dass seine Spionagetätigkeiten entdeckt wurden."

Hermine schwieg einen Moment. „Und was soll ich dabei tun?"

„Ich möchte Sie bitten, Nachforschungen anzustellen. Lucius Malfoy ist nicht der Typ Mensch, der Verräter einfach so umbringt. In dieser Beziehung ist er schlimmer als Lord Voldemort." Albus machte eine Pause und sah Hermine nachdrücklich an.

„Sie meinen, er ist in Gefangenschaft und wird gefoltert."

„Davon gehe ich aus. Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass wir das nicht hinnehmen können. Severus hat zu viele Dienste für den Orden getan, um ihn einfach aufzugeben."

„Das hat er allerdings", stimmte sie leise zu. „Aber ich habe doch bereits einen Auftrag."

Albus lehnte sich auf seinem Stuhl nach hinten. Das Holz gab ein lautes Knacken von sich, was Fawkes aus dem Schlaf riss. Der Phönix fiepte leise, sehr melodisch. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Hermine, aber ich wäre froh, Sie aus dem direkten Kampf abzuziehen. Sie sind eine gute Kämpferin und haben immer vortrefflich gehandelt, daran besteht kein Zweifel. Doch Ihre Fähigkeiten in der Medizin und Trankbrauerei sind zu wichtig, um sie leichtfertig zu riskieren. Es kann immer etwas schief gehen."

Severus sah Hermine langsam nicken. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll", sagte sie schließlich.

Diese Antwort überraschte Severus. Sie hatte sich bereits bis hier sehr verändert, denn Widerworte gegen Albus waren ein Thema, über das sie früher sicherlich niemals auch nur nachgedacht hatte. Selten zuvor hatte er die erwachsene Hermine Granger so deutlich gesehen wie in dieser Erinnerung.

„Ich habe einen festen Platz im Team. Ron und ich arbeiten gut zusammen, ich gebe ihm Deckung, er mir. Ich weiß nicht, ob es schlau ist, dies aufzugeben."

„Ronald ist ein fähiger Kämpfer, um ihn mache ich mir keine Sorgen. Und ich bin mir sicher, dass ihm der Gedanke, Sie nicht mehr mit an die Front zu schicken, sehr zusagen wird."

An Hermines Gesichtsausdruck konnte Severus sehen, dass Albus ins Schwarze getroffen hatte. Sie rümpfte verstimmt die Nase. „Ja, damit mögen Sie Recht haben."

„Also kann ich davon ausgehen, dass Sie den Auftrag annehmen?" Der Schulleiter lehnte sich mit ineinander verschränkten Händen auf seinen Schreibtisch.

„Das können Sie." Nun, da die Entscheidung gefallen war, stand die übliche Entschlossenheit in ihrer Stimme.

„Ich danke Ihnen, Hermine. Hier ist die letzte Nachricht, die ich von Severus erhielt. Sie stammt vom 28. März, ist also drei Tage alt." Er reichte ihr ein Pergament über den Tisch, das Hermine umsichtig entgegennahm. Ihre Augen flogen über die wenigen Zeilen und Severus las mit, was er Albus als letztes geschrieben hatte.

‚Alles unverändert, keine Auffälligkeiten. Planung noch nicht weiter fortgeschritten. Weitere Details folgen.'

Er hatte sich diesen Telegrammstil angewöhnt, seitdem eine Nachricht trotz sämtlicher Sicherheitsvorkehrungen beinahe von der falschen Person gelesen worden war. Er vermied Namen und Orte, nannte nur selten Details. Meistens hatte er sich persönlich mit Albus getroffen, wenn er wichtige Neuigkeiten zu überbringen hatte.

„Von welcher Planung berichtet er?", fragte Hermine in diesem Moment und senkte das Pergament.

„Wie es aussieht, plant Lucius Malfoy Muggel zu rekrutieren. Es sind viele Todesser im Kampf gegen Voldemort gefallen und neue, wirklich überzeugte Zauberer sind rar. Er schreckt anscheinend nicht vor den Methoden zurück, die der Dunkle Lord abzulehnen pflegte." Die Augen des alten Mannes blitzten und waren damit die einzige Äußerung der Aufgebrachtheit, die er empfand. Severus hatte es über die Jahre gelernt, diese kleinen Zeichen zu deuten.

„Verdammt", nuschelte Hermine und biss sich auf die Unterlippe, während sie die wenigen Worte erneut las. „Wissen Sie, wo Professor Snape sich aufhält? Oder bisher aufgehalten hat?"

Albus nickte und suchte sich Pergament und Feder. Dann schrieb er mit seiner üblichen geschwungenen Schrift eine Adresse auf und reichte auch diese an Hermine weiter. „Dieses Herrenhaus bewohnte er, seitdem er gezwungenermaßen die Räumlichkeiten hier in Hogwarts verlassen musste. Seien Sie vorsichtig, dass Sie niemand erkennt, wenn Sie sich dort umsehen."

„Natürlich. Ich werde mir etwas einfallen lassen." Hermine faltete beide Pergamente sauber zusammen und steckte sie in eine Tasche ihres Umhanges. „War das alles oder wollten Sie noch mehr besprechen?"

Albus schüttelte den Kopf. „Das wäre vorerst alles. Ich bitte Sie darum, Stillschweigen über Ihren Auftrag zu bewahren. Severus ist für die meisten – auch von unserer Seite – noch immer ein rotes Tuch und ich möchte nicht, dass sich daran vorzeitig etwas ändert. Möglicherweise irre ich mich mit meiner Vermutung und er sollte dann die bestmögliche Tarnung auch weiterhin bewahren können."

Hermine nickte. „Ich werde nicht einmal Ron sagen, was mein Auftrag ist. Er würde mich ohnehin für verrückt erklären."

„Möglicherweise", lächelte Albus.

Severus beobachtete, wie Hermine dem Schulleiter die Hand schüttelte und sich dann umwandte, um das Büro zu verlassen. Fawkes gab ein weiteres Fiepen von sich, als sie die Tür hinter sich zuzog.

Er forschte weiter, schien nun endlich eine Chronologie in den Erinnerungen zu erkennen. Normalerweise fand sich die Reihenfolge von ganz alleine, denn ob mit Einwilligung oder ohne, wenn er in den Verstand einer zurechnungsfähigen Person eindrang, sorgte diese dafür, dass Ordnung herrschte. Und wenn es nur dem Zweck diente, nicht verrückt zu werden.

Jedenfalls war die nächste Erinnerung eine mit Weasley. Es war nicht so, dass diese Erinnerung wichtig für das gewesen wäre, was er rauszufinden versuchte. Aber er war neugierig. Er wollte erfahren, was Hermine dazu bewogen hatte, diesen Mann (zumindest diese Bezeichnung musste er ihm inzwischen zugestehen) zu heiraten.

Ronald Weasley saß auf dem Ehebett und wälzte Bücher, während Hermine die Beine auf die Sitzfläche des Sessels gezogen hatte und ihn beobachtete. So vertieft, wie sein ehemaliger Schüler in die Lektüre war, bemerkte er nicht einmal die forschenden Blicke seiner Frau. Severus kam der Gedanke, dass er sicherlich bessere Leistungen in Zaubertränke erbracht hätte, wenn er sich die Lehrbücher auch nur ein einziges Mal so genau angesehen hätte.

„Ron?"

„Hm", brummte er, wobei eine der länger gewordenen roten Haarsträhnen vom Luftzug nach oben gewirbelt wurde, ehe sie sich langsam wieder nach unten senkte.

„Besteht eventuell die Möglichkeit, dass ich deine Aufmerksamkeit nicht mit einem Buch teilen muss, wenn ich mit dir rede?"

Dass der Rothaarige daraufhin prompt den Kopf hob und unverschämt breit grinste, ließ Severus vermuten, dass die letzten Worte Hermines keine neuen zwischen ihnen waren. Sie hatten eine Vergangenheit, Dinge, die sie verbanden. Vertrauen und Zuneigung, Wärme und Verständnis.

„Sicher. Was gibt es denn?" Er rutschte auf dem Bett nach vorne und stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab, während er Hermine fest in die Augen sah.

„Ich muss unsere Truppe verlassen", sagte sie leise und schlang die Arme noch fester um ihre Beine, als sie es zuvor schon getan hatte.

„Warum?" Ronald hatte die Stirn gerunzelt und stand nun auf, um zu seiner Frau zu gehen. Er hockte sich vor sie und griff nach ihren Händen.

„Albus hat mir einen neuen Auftrag gegeben. Und er meinte, er fühle sich wohler, wenn ich nicht in den direkten Kampf verwickelt wäre." Sie rollte mit den Augen. „Ist es dir auch lieber, wenn ich einen eigenen Auftrag erfülle?"

Nun seufzte er und lehnte sich nach vorne, bis seine Lippen ihre Hände berührten. Ohne sie wirklich zu küssen, sagte er schließlich: „Wenn ich ehrlich bin, ja."

Hermine nickte mit einer bitteren Miene.

„Nimm es mir nicht übel, Mine. Aber ich habe jedes Mal Angst um dich."

Severus beobachtete, wie er mit den Daumen über ihren Handrücken strich und wunderte sich über das seltsame Gefühl, das dieser Anblick in ihm auslöste. Er hatte noch niemals zuvor eine solche Vertrautheit zwischen zwei Menschen beobachtet. Es faszinierte ihn.

„Ich habe auch Angst um dich und trotzdem wirst du nicht aufhören", setzte sie in diesem Moment entgegen.

„Nun, es wäre dumm, wenn ich es tun würde. Dann kann ich es mir sparen, den ganzen Kram für das Fluchbrecher-Seminar zu lernen." Er nickte mit einem schelmischen Lächeln zum Bett hinüber.

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du freiwillig lernst", erwiderte sie leise, aber definitiv besänftigt.

„Ich bin immer für eine Überraschung gut."

„Allerdings." Sie löste ihre Hände aus seinem Griff und ließ die Beine zu Boden gleiten, während sie sich vor lehnte und ihn küsste.

„Worum geht es eigentlich bei diesem Auftrag?", fragte Weasley, während er sich mit knackenden Knien aufrichtete, nur um sich auf die Lehne des Sessels zu setzen.

„Geheimauftrag", nuschelte Hermine lediglich und legte ihren Kopf in seinen Schoß.

„Auch mir gegenüber?"

„Allen gegenüber, Ron!"

Der andere schmollte, was Hermine jedoch nicht sah. Nach wenigen Sekunden glätteten sich seine Gesichtszüge wieder und er strich seiner Frau ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren. „Meinst du, ich habe eine Chance, es aus dir herauszukitzeln?"

Sie grinste und biss sich auf die Unterlippe. „Auf keinen Fall."

„Hm, wir werden sehen…"

Severus verließ die Erinnerung, als das Ganze zu intime Richtungen annahm. Es gab Grenzen, die er unter keinen Umständen überschreiten würde und diese war die dickste.

Also suchte er weiter.

„Ron, ich brauche deine Hilfe!" Hermines Augen blitzten aufgeregt und es schien, als würde sie das bunte Treiben des Zaubereiministeriums um sich herum gar nicht bemerken.

Ronald Weasley musterte sie einen Moment lang verwirrt, dann stand er von seinem Schreibtisch im Aurorenbüro auf, ging an ihr vorbei, ohne den Blick von ihr zu nehmen, und schloss die Tür. „Worum geht es?", fragte er schließlich sehr viel kooperativer.

Severus war milde überrascht, wie gut der junge Mann gelernt hatte, seine Emotionen zu kontrollieren. Im Zaubertrankunterricht hatte er ihm jede noch so kleine Regung an der Nasenspitze ablesen können.

„Ich muss einen Blick auf die Kartei der magischen Haushaltshilfen werfen."

Erneut war Severus überrascht. Hermine ging schlau vor. Er hatte eine Haushaltshilfe beschäftigt, weil er es aus Hogwarts gewohnt gewesen war, dass die Hauselfen seine Räume sauber und ordentlich hielten. Nachdem er die Schule hatte verlassen müssen, hatte er nicht auf diesen Luxus verzichten wollen.

„Was willst du damit?" Noch während er diese Frage stellte, umrundete er seinen Schreibtisch und tippte auf einem in die Oberfläche eingelassenen Feld herum. Severus kannte diese Einrichtungen im Ministerium nur aus Berichten der dort angestellten Todesser. Es waren magische Netzwerke, die den Mitarbeitern Zugang zu gewissen Bereichen ermöglichten. Zweifellos würde die Kartei der magischen Haushaltshilfen einem Auror zugänglich sein.

Hermine folgte ihrem Mann und legte ihre Hände auf seine Schultern, während sie mit gerunzelter Stirn beobachtete, was er tat. „Hermine?"

„Hm?", machte sie abwesend.

„Ich hab dich was gefragt."

Sie wurde etwas rot. „Hat mit meinem Auftrag zu tun, also frag nicht", murmelte sie. Ron akzeptierte es mit einem Zucken seiner Augenbrauen.

„Ich hoffe, du wirst fündig", sagte er schließlich, stand auf und ging zu einem Schrank hinüber, hinter dessen Türen er alle Utensilien zum Kaffeekochen aufbewahrte.

Einige Augenblicke war es still im Büro, dann quietschte Hermine zufrieden. Ron warf ihr ein halbes Lächeln zu, goss zwei Tassen Kaffee ein und kehrte zu seiner Frau zurück, die sich gerade einige Notizen gemacht hatte. Dankend nahm sie ihm die eine Tasse ab, stand auf und küsste ihn auf die Wange.

Wiederum überließ Severus die beiden sich selbst, wenn auch nur in Hermines Erinnerung. Er fühlte sich zunehmend unwohl hier, doch er konnte jetzt nicht mehr zurück. Die Neugierde, was genau dafür gesorgt hatte, dass seine Befreiung so entsetzlich lange gedauert hatte, trieb ihn weiter voran.

In der nächsten Erinnerung sah er Hermine in einem Treppenhaus. Vor ihr hing eine Wand magischer Briefkästen und Severus spürte eine gewisse Vorfreude in sich aufsteigen. Er war gespannt, wie sie diese Dinger überlisten wollte, denn für gewöhnlich schnappten sie nach allem, das nicht als Postbote oder Besitzer zu identifizieren war. Manchmal gaben sie sogar ein mahnendes Knurren von sich.

Doch zu seiner Enttäuschung besah Hermine sich nur die Namensschilder und fand so heraus, wo genau im zweiten Stock des riesigen Häuserblocks seine Haushaltshilfe wohnte. Sie stieg die Treppen hinauf und klopfte sehr selbstsicher an.

Während der Schlüssel im Schloss gedreht wurde, zückte sie ihren Zauberstab und kaum war ein kleiner Spalt offen, murmelte sie ein leises „Petrificus totalus!". Ihrem raschen Zugreifen war es zu verdanken, dass die allmählich in die Jahre kommende Frau mit dem bunt gemusterten Tuch auf dem Kopf und einem auffälligen Altersfleck neben dem rechten Auge nicht zu Boden fiel. Hermine hielt sie aufrecht und sah zumindest verlegen aus.

„Es tut mir leid, Mrs Scorfington, ich hasse es, diese Dinge tun zu müssen. Aber alles andere würde zu lange dauern. Ich habe schon eine Woche verplempert, um eine Möglichkeit zu finden, unbemerkt in sein Haus gehen zu können. Jetzt muss es schnell gehen."

Seine Angestellte starrte Hermine aus weit aufgerissenen Augen an und schien überhaupt nicht zu verstehen, worum es eigentlich ging. Severus wunderte dies nicht. Vermutlich zog sie nicht mal die Verbindung zu ihm. Er war nie da, wenn sie putzen kam. Er hatte sie nur einmal gesehen, als er sie eingewiesen hatte. Danach hatte er lediglich regelmäßig überprüft, ob sie sich entsprechend verhielt und nicht in Dingen stöberte, die sie nichts angingen. Er hatte nie einen Anhaltspunkt dafür gefunden.

Mit ihrem Zauberstab schnitt Hermine der Frau einige wenige Haare ab und beförderte sie sorgfältig in eine kleine Phiole, die daraufhin flugs in ihrer Tasche verschwand. „Hören Sie, ich möchte Ihnen wirklich nichts tun, aber Sie können mir helfen. Professor Snape steckt in wirklich großen Schwierigkeiten und ich hoffe sehr, dass er Ihnen ein guter Chef gewesen ist. Wenn Sie ihm helfen wollen, kommen Sie diesen Donnerstag nicht zum Putzen. Es wird Ihnen nichts geschehen und das alles hier hat nichts mit Ihnen zu tun."

Der Ausdruck von absoluter Ehrlichkeit auf Hermines Gesicht traf Severus tief. Er hatte nicht erwartet, dass sie sich mit dieser Sache solche Mühe geben würde. Er hatte vielmehr erwartet, dass sie versuchen würde, den Auftrag so schnell wie möglich loszuwerden – vor allem wenn er daran dachte, wie sie ihn in der ersten Zeit in diesem Haus behandelt hatte.

„Versprechen Sie mir, dass Sie nicht schreien werden, wenn ich den Zauber aufhebe?" Mrs Scorfington blinzelte einmal. „Okay." Hermine tat es und trat einen Schritt zurück.

Einmal tief durchatmend, sackte die Ältere ein Stück in sich zusammen. „Das alles hätten Sie auch leichter haben können, junge Dame! Ich bin vielleicht alt, aber ich weiß, wann ich lieber nicht weiter nachfrage. Gehen Sie nur, gehen Sie nur! Ich werde am Donnerstag nicht zum Putzen kommen, solange Sie mich aus dieser Sache heraushalten."

Hermine lächelte erleichtert. „Das werde ich. Und entschuldigen Sie mein Verhalten. Ich konnte kein Risiko eingehen."

„Schon gut, schon gut. Machen Sie, dass Sie wegkommen. Und viel Erfolg bei dem Trank." Sie zwinkerte Hermine noch einmal zu, dann schloss sie die Tür und Severus hörte, wie der Schlüssel sich zweimal im Schloss drehte.

Hermine straffte ihre Haltung, dann wandte sie sich mit einem kühlen Ausdruck auf dem Gesicht um und lief die Treppen wieder hinunter.

Die Erinnerung, in der sie den Vielsafttrank braute, übersprang Severus. Er wusste, dass sie ihn beherrschte, schließlich hatte sie das bereits in ihrem zweiten Schuljahr recht eindrucksvoll bewiesen – zumindest an Potter und Weasley. Und Gelegenheiten, sie beim Tränkebrauen zu beobachten, würde er in Zukunft noch oft genug haben.

Stattdessen nahm er sich als nächstes die Erinnerung vor, in der Hermine sein Haus durchsuchte. Möglicherweise würde er hier erfahren, was ihre Meinung über ihn so drastisch verändert hatte, dass sie ihn vor ein paar Wochen am liebsten mit der Kneifzange angefasst hätte. Er bezweifelte, dass sie bereits hier so über ihn dachte. Sonst hätte sie es sich einfacher gemacht.

In der Gestalt von Mrs Scorfington betrat sie sein Haus und sah sich interessiert um. Die Räume des Herrenhauses aus der Sicht einer anderen Person – aus Hermines Sicht – zu sehen, war irgendwie befremdlich. Die hohen, hellen Wände standen im krassen Gegensatz zu den Kerkern in Hogwarts. Doch diese oberflächlich freundliche Atmosphäre beschränkte sich auf die Teile des Hauses, die über der Erde lagen. Im Keller hatte er sich ein professionelles Labor eingerichtet, das exakt so düster war wie das, das er in der Schule benutzt hatte.

Hermine sah sich einige Zeit um und als sie schließlich die Kellertür fand, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Severus beobachtete argwöhnisch, wie sie in dem alten Körper unbeholfen die Stufen hinabstieg. Doch ihre Hände waren nach wie vor so flink, wie er es von ihr kannte. Es dauerte nur wenige Minuten, ehe sie alle seiner laufenden Experimente identifiziert und beendet hatte.

„Das hätte explosiv werden können, Professor", nuschelte sie und Severus wusste, auf welchen Trank sie sich bezog. Er hatte mit dem Extrakt der Knallrümpfigen Kröter Versuche angestellt und ebenso wie sein Besitzer war auch dieser sehr leicht entzündlich. Aber da Hermine die Tränke entschärft hatte, konnte er vielleicht davon ausgehen, dass sein Haus noch stehen würde, wenn er hier wieder rauskam. Wenn er hier wieder rauskam.

Nachdem sie beinahe zehn Minuten lang interessiert seine Aufzeichnungen durchgesehen hatte, riss Hermine sich endlich vom Labor los und kehrte ins Erdgeschoss zurück. Ihr Weg führte sie hinauf in den ersten Stock, wo sie nach kurzer Zeit sein Arbeitszimmer fand. Wie ein Kind im Spielzeugladen ging sie von einer Seite zur anderen, sah Papiere und Schubladen durch, rümpfte hier und dort die Nase und setzte sich schließlich sogar an seinen Schreibtisch. Die Schubladen waren verschlossen, allerdings nur mit einem dürftigen Zauber geschützt. Niemand außer Severus selbst hatte dieses Zimmer je betreten, deswegen hatte er es nicht für nötig gehalten, stärkere Banne darauf zu legen. Außerdem war dies nicht der Ort, an dem er für Unbeteiligte (sprich Lucius und die anderen Todesser) auffällige Notizen verwahrte.

Dementsprechend schnell hatte sie die Schubladen geöffnet und sah auch hier die Papiere durch. Bei seinem schwarzen Notizbuch stoppte sie, blätterte es flüchtig durch. Das Lächeln, das sich danach auf ihrem Gesicht zeigte, faszinierte Severus. Sie steckte das Buch ein.

Danach nahm sie ein weiteres Buch zur Hand, welches er als das identifizierte, was für ihn eine Art Tagebuch geworden war. Er schrieb dort Gedanken auf, die er nicht los wurde. Es drehte sich dabei vor allem um Erinnerungen, die er vor seiner Rückkehr in den Dienst des Ordens gesammelt hatte. Danach hatte Albus ihm Mittel und Wege gezeigt, wie er seine Erfahrungen 'entschärfen' konnte. Das funktionierte gut, sofern sie nicht zu lange her waren. Es gab vieles, das ihn vermutlich immer mal wieder quälen würde.

Also hatte er aufgeschrieben, was ihn partout nicht in Ruhe gelassen hatte. Zusammenhanglose Sätze, manchmal nur einzelne Wörter. Hermine schien rasch zu erkennen, was sie in Händen hielt. Mit einem lauten Schlag klappte sie es zu und steckte es ebenfalls ein.

Dann stand sie auf und verließ das Zimmer. Flüchtig sah sie noch in die anderen Räume, schien aber nichts zu finden, das ihr interessant erschien.

Als sie die Treppe wieder hinabstieg, erschrak auch Severus über die Geräusche, die aus dem Erdgeschoss zu ihnen hoch klangen. Hermine blieb stehen und schielte über das Treppengeländer hinunter in den Flur. Niemand war zu sehen. Eilig überlegte sie, was sie tun könnte, dann öffnete sie leise einen Wandschrank und zog nach einigem Suchen einen uralten Staubwedel hervor. Zufrieden nickend ging sie die Stufen gänzlich hinab und schlich auf die Tür zum Wohnzimmer zu.

Nach und nach kam Draco Malfoy in ihr Sichtfeld. Er stand mit dem Rücken zu ihnen und besah sich offenbar nur mäßig interessiert die Bücherregale, die Severus dort stehen hatte.

Hermine wollte ihn gerade auf sich aufmerksam machen, als er zielstrebig nach einem recht abgegriffenen Buch langte. Auch dieses erkannte Severus sofort. Es war ein Gedichtband und zwischen zwei Seiten war dauerhaft ein Lesezeichen gelegt.

Zweifellos wusste Hermine nicht, was genau Draco dort tat. Doch Severus wusste plötzlich, wie der Junge auf das Motiv des Panthers gekommen war, das er ihm in den Fuß gebrannt hatte.

Nachdem Hermine erkannt hatte, dass sie nichts wichtiges mehr zu Gesicht bekommen würde, räusperte Hermine sich und die veränderte Stimme erinnerte Severus daran, welche Gestalt sie angenommen hatte. „Wie sind Sie hier reingekommen?", fragte sie fordernd.

Draco zog die Augenbrauen zusammen und stellte das Buch zurück. „Das geht Sie nichts an. Besser, Sie erinnern sich später nicht daran, mich hier gesehen zu haben." Bei diesen Worten zog er seinen Zauberstab.

Hermine tat es ihm gleich und auch ohne das Zusammenleben in den letzten Wochen hätte Severus den Zauberstab als ihren erkannt. Er wusste jedoch nicht, ob Draco genauso aufmerksam gewesen war. „Machen Sie, dass Sie rauskommen!"

Draco schwankte einen Moment und entschied sich dann dafür, dass es sich nicht lohnte, die Haushaltshilfe anzugreifen. Er ließ seinen Zauberstab sinken und ging. Severus würde vermutlich nie erfahren, was er hier gesucht hatte. Doch es war nun auch nicht mehr wichtig.

Hermine sah sich danach nicht mehr lange um (nahm allerdings ebenfalls das Buch zur Hand, das Draco sich angesehen hatte – mit demselben Ergebnis) und Severus vermutete auch, dass die Wirkzeit des Vielsafttrankes bald ablaufen würde. Schließlich legte sie den Staubwedel zur Seite und kehrte zur Haustür zurück. Mit einem letzten unzufriedenen Blick in den Flur zog sie diese hinter sich zu.

Severus verharrte zwischen ihren Erinnerungen. Er hatte keinen Anhalt dafür gefunden, dass sie irgendetwas erfahren hatte, was ihre Meinung ihm gegenüber verändert haben könnte. Doch wenn es nicht hier geschehen war, wo dann? Und vor allem warum?


TBC...