Dankeschön und einen großen Knuddler samt warmen Tee und einer Decke für alle, die uns gerade auf der verschneiten Straße begleiten wollen :)


Türchen 13


Der Sturm hatte sich zu einem weißen Treiben gelegt, das den Tag verdunkelte, aber der reißende Wind war zu einer Brise geworden. Fröstelnd stapfte ich um den Impala herum und beobachtete skeptisch, wie Sam in seiner langen Gestalt die Scheiben vom Frost und Schnee befreite.

Cameron und ich hatten zuvor die Räder freigeschaufelt und mit Mühen den Wagen zurück auf die geräumte Straße gebracht. Hoch lebe Telefon und Winterdienst. Eines musste man ihnen lassen, sie waren auf Zack.

Die Stimmung war gespannt, jeder von uns erwartete den nächsten Ausbruch aus irgendeiner Richtung und ich hatte keinen Bock, mich damit anzufreunden, noch öfter mit einer Waffe bedroht zu werden. Zweimal an einem Tag war genug.

Nicht, dass ich es Cameron verübeln konnte. Er beschützte seine Familie und wir waren eine potenzielle Gefahr. Noch größer in seinen Augen, seit er wusste, dass wir Jäger waren, mit denen sie schon mehr als einen unschönen Zusammenstoß hatten. Warum ich dann schlussendlich immer die Waffe auf mich zielen hatte – keine Ahnung. Langsam interessierte es mich auch nicht mehr. Mir war es lieber, wenn wir unsere halb gefrorenen Ärsche in den Impala schwingen konnten und wieder alleine waren. Es war keine gute Idee, von Himmel und Hölle zu reden, solange jemand zuhörte.

Sam klopfte gerade noch den Kratzer ab, steckte ihn zurück in ein Seitenfach und stand dann unschlüssig herum.

„Wollt ihr noch einen Moment mit hineinkommen, bevor ihr losfahrt?", fragte Maggie, die dick eingemummelt die Straße bis hierher heruntergeeilt war, einen riesigen Korb in der einen und eine Decke in der anderen Hand.

Der Blick, den ich zu Sam warf, war einseitig und er machte keine Anstalten, zu antworten. Also übernahm ich diesen Part. „Danke, Maggie, aber ich denke, es ist das Beste, wenn wir gehen."

Ich konnte ihren Gesichtsausdruck nicht sehen, weil ich in genau dieser Sekunde die Handschuhe von meinen Fingern zog und ins Innere des Wagens warf. Hoffentlich sah Cameron nicht durch die Scheiben, dort drinnen fanden sich unzählige McDonalds-Tüten, Becher, Alufolie und sonstiger Mist.

„Dann nehmt wenigstens die Sachen hier mit. Heißer Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zu essen. Und eure Decke. Sie ist wieder trocken."

Langsam kam ich Maggie entgegen. Mein Verhältnis zu ihr war lange nicht so intensiv wie das von Sam. Merkwürdig. Selbst jetzt, mit seinem unmöglichen Auftreten, scharten sich die Leute eher um ihn. Ein typischer Anführer. Ich? Ich war hier nur der große Bruder. Der Aufpasser.

„Danke", hörte ich ihn leise sagen, als er ihr den Korb abnahm. Er hielt Distanz, überwand den letzten Meter nicht. Schon seitdem er aufgewacht war, zog er sich zurück so weit er konnte, mied jeden näheren Kontakt. Er kratzte an seiner Haut, verzog immer wieder das Gesicht.

Ich schob es auf die Nachwirkungen von heute Nacht – wahrscheinlich würde er mit seinem alten Selbst noch eine ganze Weile kämpfen. Wie er gesagt hatte, es war einfacher ohne Seele.

Leider Gottes glaubte ich ihm das sogar. Wenn ich die Wahl hätte … vermutlich wäre ich meiner Seele eher davongelaufen. Schwarz und Weiß zu sehen, Entscheidungen zu treffen, ohne dabei etwas zu fühlen, machte die Arbeit einfacher. Effizienter. Wer wollte sich schon die Nächte mit Alpträumen um die Ohren schlagen und schweißgebadet aufwachen? Wer wollte in seinen Träumen schreien, sich schlecht fühlen, immer und immer wieder Erlebnisse durchkauen und eigene Handlungen auf die Richtigkeit hin prüfen?

Ich nicht.

Trotzdem hatte ich Sam fast dazu gezwungen, sich diese Bürde wieder aufzuerlegen, weil es menschlich gesehen unglaublich ermüdend und nervig war, mit einem Roboter das Motelzimmer zu teilen. Weil es nicht in meinen Kopf ging, dass es meinen Bruder nicht mehr geben sollte.

Die letzten Stunden hatten viel Zeit zum Denken gelassen. Das hier war auch nicht mein Bruder. Nicht so richtig. Niemand konnte mir erzählen, dass ich vergessen hatte, wie er war, in diesem einem Jahr.

Maggie hob den Blick und sah über Sams Schulter hinweg zu mir. Ich hob die Hand zum Gruß und nickte, kam aber nicht näher. Stattdessen ging ich zur Wagentür, neben der Cameron stand.

Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. „Entschuldige."

Cameron senkte den Kopf und ich glaubte fast, er würde sich wortlos abwenden, dann aber hob er ihn wieder. „Ich wünsche euch alles Gute. Ihr könnt es gebrauchen."

Ich weigerte mich, zu fragen, welche Hintergedanken in seinem Kopf herumschwirrten und stieg ein. Weg. Zurück auf die Straße, das einzige Zuhause, das ich noch kannte. Zum nächsten, schäbigen Motel. Kein Wunder, dass ich mich in großen Räumen mit Kaminen nicht wohl fühlte. Das war nicht meine Welt.

Vorsichtig trat ich auf das Gaspedal, löste die Handbremse und lenkte den Wagen in die Fahrtrichtung. Sinnigerweise kam ich genau neben Sam zum Stehen, lehnte mich hinüber und stieß seine Tür auf.

„Steig ein", forderte ich ihn auf.

Wir hatten Fort Benton hinter uns gelassen und nur zum Tanken angehalten. Es war zum Kotzen. Wären nicht die Kassetten gewesen, hätten wir die ganze Zeit im Stillen dort gesessen. Jeder in seinen Gedanken, die Umwelt ausgeblendet, so weit wie möglich.

Aber man konnte nicht ignorieren, dass eine Person neben einem saß, die so mit sich selbst beschäftigt war, dass man den Selbsthass regelrecht spüren konnte. Wo waren um Himmels Willen die anderen Emotionen? Sam hasste, Sam verabscheute, er war wütend und hatte Angst.

Warum konnte nicht eine Sekunde lang ein Lächeln auftauchen? Für eine winzige Sekunde?

Selbst allmählich ärgerlich krallte ich meine Finger fester um das Lenkrad und stierte hinaus in die Schneelandschaft. Wenn wir noch eine einzige Meile länger fuhren, ohne ein Wort zu sagen, würde ich … -

„… Dean?"

Autsch. Gerade noch so eben hielt ich das Lenkrad gerade, denn mein Körper machte ohne meine Erlaubnis einen Satz in die Höhe. Gott sei Dank war bei diesem Mistwetter sowieso keiner unterwegs.

„Ja?", fragte ich zurück, brachte all meine Emotionen zurück unter Kontrolle und schielte aus den Augenwinkeln zu einem Sam, wie ich ihn selten sah. Er knibbelte an den Fingern, hatte die Stirn kraus gezogen. Mann, sein Verhalten machte mich wahnsinnig – und nicht, weil es total un-Sammy-artig war, sondern weil ich hilflos daneben saß. „Was ist los?"

Ich verschluckte die flapsige Bemerkung, ob er schon aufs Klo müsste. Irgendetwas sagte mir, dass gerade ein wenig Ernsthaftigkeit besser war, bevor ich ihn wieder verschreckte. Schlimm genug, dass er bei jeder meiner Bewegungen unruhiger wurde.

Bevor er auch nur ein Wort sagen konnte – und das wollte er, sein Mund war schließlich schon offen – blickte ich in den Rückspiegel.

Mein Fuß fand die Bremse und trat sie bis zum Boden durch. Mir war egal, dass wir schlingerten, der Schock war größer.

„Scheiße noch mal! Was ist das mit euch Idioten, dieses Auftauchen und keinen Ton sagen? Ist das so eine Himmel und Hölle Sache?", fluchte ich, stoppte den Impala endgültig und drehte mich auf meinem Sitz herum.

Crowley saß dort hinten wie auf einem Thron. Fehlten nur noch die Krone und sein Zepter, das hätte das Bild perfekt gemacht. Wie schaffte man es, dort auch noch die Beine zu überschlagen? Es war ja kaum Platz, die Knie unterzubringen.

Er schaute sich um. Bewusst langsam.

Nahm der Typ Schauspielunterricht? Langsam aber sicher ärgerte es mich, dass wir immer fahren mussten – nichts gegen mein Baby – und andere schnippten mit dem Finger und waren unbemerkt genau dort, wo sie sein mussten. Alarmanlagen, pah!

„Dean, Dean, Dean." Crowley schüttelte den Kopf, als würde er nachsichtig mit einem kleinen Kind sprechen. Ja, klar, Kind der Hölle – wie konnte ich das nur vergessen. „Weißt du, eigentlich hatte ich auf einen etwas netteren Empfang gehofft. Ihr hättet zumindest den Wagen saubermachen können."

Das war die Sekunde, in der ich explodierte. Er besaß die Unverschämtheit, enttäuscht und tadelnd zu klingen!

„Fick dich, Crowley", knurrte ich und egal, wer etwas dazu sagen wollte, ich war zu Recht angepisst.

„Dafür gibt es andere."

Diese Art … mir fielen Flüche ein, die nur mit mehrmaligem Durchatmen nicht aus meinem Mund schossen. In vierzig Jahren Hölle lernte man, dass es besser war, Dämonen nicht bis zur Weißglut zu reizen, obwohl alles in mir danach schrie, genau das zu tun. „Was willst du?"

„Eigentlich dachte ich, ihr wolltet noch etwas."

„Was sollten wir …?" Ich stockte und musterte Sam, anschließend wieder Crowley. Also hatte ich doch Recht gehabt.

„Ich sehe, du verstehst." Crowley lehnte sich nach vorne, die Ellenbogen auf der Rücklehne des Vordersitzes. Angewidert rutschte ich weg. „Wisst ihr, ich konnte ja nicht sicher sein, was das alles werden würde. Sam mit seiner Seele, die Winchester-Brüder wieder vereint …" Crowleys ausholende Geste endete vor meiner Nase und ich schlug sie nun doch beiseite.

Wieso in drei Teufels Namen kannten weder Dämonen noch Engel persönliche Grenzen?

„Vielleicht wärt ihr direkt losgezogen, einen neuen Weg zu finden, mich zu töten? Gerade jetzt, wo der Papierkram in der Hölle mir die Zeit gibt, mich schöneren Aktivitäten zu widmen."

„Ich nehme also an, deine Machtübernahme klappt wunderbar?", spottete ich.

„Neun Kreise der Hölle sind unter Kontrolle – was will man mehr?"

Stille schwappte über das Wageninnere und presste mir fast das Trommelfell aus den Ohren. Die Kassette war zu Ende und Crowley grinste so selbstzufrieden, dass mir schlecht wurde. Rhetorik war echt sein Ding.

"Bist du also hier, um ein Schwätzchen zu halten, von Ex-Höllenbewohner zu aktuellem Obervermieter?"

"Nur keine Ungeduld."

"Im Gegensatz zu dir ist unser Leben auf ein paar Jahrzehnte beschränkt."

"Und wenn es danach ginge, müsstest du ein alter, gebrochener Mann sein, Dean", schleuderte Crowley lässig zurück und ließ all die Anspielungen im Raum stehen, während er die Hand zu Sam ausstreckte.

Alles in mir schrie danach, ihm die Finger abzuhacken, aber etwas hielt mich zurück. Selbstbeherrschung? Wohl kaum. Eher eine dumpfe Ahnung.

"Halt still, sonst kann es passieren, dass einige Stückchen deiner Seele nicht dort landen, wo du sie gerne haben würdest. Unangenehme Sache, sie von dort wieder zu entfernen, glaub mir", flüsterte Crowley warnend in Sams Ohr und fuhr mit der Hand zu dessen Stirn.

Sam zuckte zurück und rutschte tiefer in den Sitz, um dem Griff zu entkommen. "Na, wer wird denn gleich? So schreckhaft hatte ich dich gar nicht in Erinnerung, Sammy - in der Hölle hast du doch jedem die Stirn geboten, sofern du konntest. Hast du deinen Kampfgeist etwa dort verloren?"

"Crowley", knurrte ich in einer Mischung aus Ärger und Angst, damit er endlich zum Thema kam.

Er zog Sams Kopf nach hinten, bis sein Nacken an der Rückenlehne war und er geradewegs ans Autodach sehen konnte. Wie ein paralysiertes Kaninchen hing Sam in den Seilen, die Crowley als der Marionettenspieler zog.

Mein Herz sprang heftig gegen meine Rippen, dann wie an einem Gummiseil gezogen in meinen Hals, bevor es in einen unsteten Rhythmus verfiel.

"Vielleicht solltest du ihn festhalten, nachdem er weiß, was ihm dieses Mal blüht, könnte es sein, dass er keine Lust mehr darauf verspürt, kooperativ zu sein."

Ich schluckte. Meinte er das ernst?