Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 13: Triage

Nach der blendenden Helligkeit der Gaslaternen war die Schwärze der Nacht vollkommen. Blind stürmte Rogue in die gähnende Finsternis hinaus.

Seine kräftigen Hinterläufe beschleunigten ihn aus der Tür heraus und stießen so fest in den ausgedörrten Boden, dass er kleine Staubwolken hinter sich zurückließ. Seine Augen brauchten etwas, um sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen und so hoffte er, betete er, dass der Weg frei war, als er mit aller Kraft los rannte.

Er kam genau fünf Meter weit.

Der Aufprall schleuderte ihn zur Seite und riss ihm die Hufe unter dem Körper weg. Sein Kopf schlug so hart auf dem trockenen Boden auf, dass seine Zähne klapperten. Ein schmerzhaftes Bellen neben ihm war das einzige, was darauf hinwies, dass es seinen unsichtbaren Gegner ebenso hart erwischt hatte, wie ihn selbst.

Von nacktem Entsetzten getrieben schlug Rogue noch am Boden nach dem Geräusch aus und seine Hufe trafen auf etwas weiches, nachgiebiges. Von der der Kraft seines eigenen Schlages getrieben, rollte er herum und schaffte es irgendwie zurück auf seine Beine. Hinter ihm schlug die Tür zum Spritzenhaus mit einem lauten Schlag zu und löschte das letzte Licht in seiner Welt aus.

Rogue wirbelte herum und versuchte mit heftigem Blinzeln seine Augen an die Finsternis anzupassen, während er so schnell er konnte zurückwich. Vielstimmiges Knurren erhob sich scheinbar überall um ihn herum.

Etwas streifte seine Flanke von hinten. Er wirbelte herum, sprang mit dem Oberkörper hoch und stieß fest mit den Vorderhufen zu.

Seine Vorderläufe trafen auf etwas, das ein hölzernes Geräusch von sich gab, dann presste sich etwas hartes schmerzhaft in seinen Bauch. Er verlor das Gleichgewicht und viel der Schnauze nach über das Hindernis. Er schluckte einen hufvoll Dreck und kämpfte sich zurück auf die Beine. Etwas schnappte aus der Dunkelheit nach ihm und er zuckte erschreckt zurück, während eine Wolke eisiger Luft über ihn rollte. Langsam nahm die Welt um ihn herum wieder erkennbare Züge an. Es blieben noch Silhouetten und Schatten von unterschiedlicher Tiefe, aber es war genug um sich zu orientieren. Er lag in einem Blumenbeet und kaum eine Ponylänge entfernt versuchte sich etwas zwischen den Bohlen des Gartenzauns hindurch zu pressen, über den er gefallen war. Die schattenhafte Gestalt war entweder zu dumm oder zu gierig, um einfach darüber zu klettern.

Rogue warf sich herum, als links neben ihm ein Schemen über das niedrige Hindernis hinweg setzte und ohne jedes Geräusch auf der weichen Erde landete.

Im Laufen trat er scheppernd eine Gießkanne um und konnte sich gerade noch aufrecht halten, als sein Hinterlauf gegen ein in der Dunkelheit unsichtbares Hindernis stieß. Er strauchelte für einen Moment und konnte eben noch rechtzeitig seine Hufe wieder zurecht sortieren, um der Hecke direkt vor ihm auszuweichen. Endlich ließ er den Garten hinter sich und kam auf die breite, verlassene Straße von Ponyville. Entschlossen senkte er seinen Kopf und beschleunigte. Er wagte es nicht einen Blick hinter sich zu werfen, war ihm doch das gierige Lechzen und Geifern seiner Verfolger noch immer dicht auf den Fersen.

Jeder Muskel seines Körpers pumpte mit der Kraft des reinen Adrenalins. Jede Minute Training, jeder Tropfen Schweiß im Fitnessstudio oder auf der Laufstrecke zahlten sich nun aus. Seine Hufe verschwommen unter ihm, als er schneller und schneller wurde. Er konnte hinter den strohgedeckten Häusern den bunten Schein der Partylampen erahnen. Das Wummern der Musik hatte gestoppt, aber er hatte dennoch ein klares Ziel.

Du führst sie direkt zu ihnen.

Dieser eine, klare Gedanke, der sich aus dem diffusen Nebel seiner Panik erhob, ließ ihn straucheln. Von eiskalten Entsetzen gepackt, versuchte Rogue seine Richtung zu ändern, aber seine eigenen Hufe waren ihm im Weg. Er stolperte, verlor den Bodenkontakt und ging hart zu Boden. Sein eigenes Bewegungsmoment war so groß, dass er sich im Fallen mehrmals überschlug. Benommen blieb er in einer Staubwolke liegen.

Keuchend und hustend stemmte er sich hoch. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seiner Flanke aus, wo sein Oberschenkelmuskel die volle Wucht des Sturzes abgefangen hatte. Lauf! Lauf! Lauf! schrie ihm sein Verstand immer wieder zu, aber die Welt drehte sich um ihn wie ein wildes Karussell. Unsicher machte er eine Schritt nach vorne. Seine Augen tränten noch vom Sturz und er hatte Schwierigkeiten etwas vor sich zu erkennen.

Ein Knurren, tief und kehlig, erklang direkt vor ihm.

Er versuchte noch, sich zur Seite zu werfen, aber da war es schon über ihm. Es warf sich gegen ihn, verkrallte sich in ihm, stieß und kratzte ihn. Durch den Schleier vor seinen Augen sah er das fahle Blitzen der Sterne auf dem Weiß von scharfen Zähnen. Reflexartig stießen seine Hufe in diese Richtung, aber sie glitten auf dem dunklen, geschmeidigen Fell ab. Er krümmte seinen Körper zusammen, versuchte seine Hinterläufe zwischen sich und seinen Angreifer zu bringen, um ihn wegzustoßen. Starke Kiefer durchtrennten die Luft dort, wo noch eben sein Gesicht gewesen war. Rogue bockte wild, aber die Gestalt auf ihm ließ sich nicht abschütteln. Sie zog ihren spitzen Kopf zurück, bereit ihre Fänge in ihr hilfloses Opfer zu graben. Er konnte nicht mehr ausweichen.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.

Er schloss die Augen und wartete auf den fatalen Biss. Es tut mir leid, AJ. Ich war nicht gut genug...

Das schreckliche Gewicht seines Gegners auf ihm wurde fortgerissen. Die scharfen Krallen kratzten durch sein Fell, versuchten ihn zu halten. Er wurde ein weiteres Mal herumgewirbelt und scharfer Schmerz durchzuckte ihn, wo die Klauen in sein Fleisch schnitten. Er spürte den metallenen Geschmack seines eigenen Blutes im Mund, als er sich auf die Zunge biss. Dann war er frei. Für einen Moment blieb er auf der Seite liegen, unfähig zu begreifen, das er immer noch atmete, sein Herz immer noch schlug und er dem Tod so knapp entronnen war.

Steh auf!

Er kämpfte sich auf seine vier Hufe, zerschunden und zerschlagen, vor Anstrengung japsend. Sein Blick klärte sich. Er stand auf einer Kreuzung der Straßen von Ponyville. Vor den Silhouetten der hell gestrichenen Häuser konnte er gut ein halbes Dutzend dunkler Schatten rings um sich ausmachen, deren Umrisse seltsam verschwammen. Es sah aus, als wollen sie mit ihrer Umgebung verschmelzen, einzig ihre etwas dunklere Färbung hob sie vom Hintergrund ab. Es waren im wahrsten Sinne des Wortes Schatten, mitten in der Nacht.

Zwischen ihnen und Rogue stand ein azurblauer Pegasus, die Vorderläufe angriffsbereit gesenkt, die Flügel weit von sich gespreizt. Die regenbogenfarbenen Mähne sah noch etwas zerzauster aus als sonst und der Staub der Straße dämpfte etwas den Glanz ihrer bunten Strähnen.

„Bist du okay?", rief ihm Rainbow Dash über die Schulter zu, ohne die schemenhaften Gestalten vor sich aus den Augen zu lassen.

Er schüttelte sich die Benommenheit aus dem Kopf und antwortete schnell: „Alles in Ordnung!" Es war reine Übertreibung. Er lahmte etwas auf dem linken Hinterbein, war bis auf die Knochen durchgeschüttelt worden und spürte Blut seine Seite hinuntertropfen. Aber er stand aufrecht.

„Sei vorsichtig, Rainbow! Ihr Atem ist so kalt, dass er... Achtung!"

Einer der Schatten hatte sich an dem Pegasus vorbeigeschlichen und sprang sie überraschend von der Seite an. Die junge Stute stieß sich ab, ihre Flügel schlugen kräftig aus, um sie in die Luft zu heben. Plötzlich ließ sie ihren linken Flügel abklappen und wirbelte ihren Körper herum. Ihre Bewegung verschwamm, als sie ihren Angreifer aus der Drehung mit beiden Hinterläufen vor den Körper trat. Es gab ein dumpfes Krachen, dann wurde die Gestalt beiseite geschleudert und blieb reglos im Vorgarten eines der Häuser liegen.

Rainbow landete wieder auf ihren Hufen und blitzte die verbleibende Meute entschlossen an. Das Schattenrudel schien zu zögern, spitze Köpfe neigten sich fragend einander zu. Einen Moment lang sah es so aus, als wollten sie den Rückzug antreten. Dann trat die größte der dunklen Gestalten vor und knurrte herausfordernd.

Das Pegasuspony ging wieder in Angriffshaltung.

„Warn´ die anderen! Sie sind auf dem Weg hierher!", rief sie Rogue zu, während sie und ihr neuer Gegner sich langsam umkreisten.

„Ja... ja, sofort!" Der Hengst wirbelt herum und rannte so schnell er konnte die Straße entlang, während er versuchte die Schmerzen in seinem Oberschenkel zu ignorieren. Hinter sich hörte er ein aggressive Knurren und das wilde Schlagen von Flügeln, aber er drehte sich nicht um.

Er war unendlich dankbar, dass Rainbow Dash genau im richtigen Moment aufgetaucht war. Nicht nur, um sein Leben zu retten, sondern auch um ihm endlich zu sagen, was bei Celestia er nun tun sollte.

Rogue war immer stolz darauf gewesen, in hitzigen, unüberschaubaren Situationen einen kühlen Kopf bewahren zu können. Im Einsatz war er klar, fokussiert und konnte sich ganz auf seine Aufgaben konzentrieren. Und je hektischer es um ihn herum zuging, umso ruhiger wurde er selbst. Es war, als würde er einen Schritt aus sich herausgehen, um sich selbst von außen zu betrachten, während seine Hufe weiter die so wohl bekannten Tätigkeiten verrichteten. Dies gab ihm den nötigen Abstand, die Situation zu überschauen, sie durchzudenken und die besten Entscheidungen dafür zu treffen.

Doch jetzt war alles, woran er denken konnte, die knurrenden, alptraumhaften Schatten und ihre lange, scharfen Zähne, die sich in sein Fleisch graben wollten. Er nahm die Welt um sich herum durch einen Schleier der Panik wahr, ein Nebel aus Entsetzen, der ihn davon abhielt nachzudenken, zu planen oder auch nur einfach wieder zu Sinnen zu kommen.

Er biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten, als er sich zwang trotz der Schmerzen in seinem Hinterbein noch schneller zu laufen. Rainbow lenkte sie ab. Er musste die anderen finden und warnen!

Aus dem Schatten beobachteten ihn hungrige Augen. Ein Pony war eine verlockende Beute, aber ein Pony, das offensichtlich verletzt war...


„Na los, wer zuletzt am Spritzenhaus ist, muss später die Getränke ausgeben!" Pinkie Pie lachte fröhlich und setzte sich an die Spitze der Gruppe von Ponys, die die breite Hauptstraße von Ponyville hinunter galoppierten. Die meisten waren Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, aber es waren auch einige andere Ponys mitgekommen, hauptsächlich um zu sehen, was passiert war. Applejack und Twilight waren an ihrer Seite, Rarity hatte Spike auf ihren Rücken genommen und folgte ihnen dicht auf. Die Einhörner hatte ihre Magie gewirkt und leuchteten den anderen mit dem Licht ihrer Hörner. Fluttershy flog über dem Pulk und warf immer wieder besorgte Blicke nach links und rechts in die Nacht hinaus, während Rainbow bereits weit voraus außer Sicht war.. Keines der Ponys konnte irgendwo Feuerschein sehen, ein Fakt, der Pinkie Pie eigentlich etwas beruhigen sollte. Durch die langanhaltende Dürre war die Vegetation ausgedörrt und trocken und ein Feuer würde schnell um sich greifen und außer Kontrolle geraten. Sie hatte ihr möglichstes getan, die Einwohner von Ponyville und der Umgebung auf die Gefahr hinzuweisen und zur Vorsicht mit offenem Feuer gemahnt. Sie hatte überall im Dorf Zettel verteilt mit ihrem ´ernsten´ Gesicht und einem Huf, der auf den Leser deutete. Es geht uns alle an!, war darunter gedruckt worden. Und auf der Rückseite waren Zehn einfache Regeln zu finden, wie man Brände vermeiden konnte. Bis jetzt war alles gut gegangen.

Dennoch war Pinkie besorgt. Ihr Schweif wackelte wie ein Metronom, sie hatte das wobbeln bekommen und am schlimmsten von allem: ihre Nase juckte wie verrückt. Das hatte sie noch nie getan. Irgendetwas ging hier vor und sie wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass es schlimm werden würde. Sehr schlimm. Sie legte noch einen Zahn zu.

„Na los, zeigt mir, was ihr drauf habt!", rief sie ihren Kameradinnen zu und lächelte aufmunternd. Aber tief in ihrer Brust machte sich ein kaltes Gefühl der Angst breit.


Er hörte das Trommeln der vielen Hufe auf dem festgebackenen Boden näher kommen. Farbige Lichter kamen ihm entgegengeeilt, die er als das Glühen von Magie erkannte. Fast da, fast da!

„Applejack! Pinkie Pie!", rief er laut aus und versuchte noch einmal zu beschleunigen. Sein Hinterlauf und die Kratzer an seiner Seite brannten wie Feuer, aber die nackte Angst trieb ihn weiter. Er konnte die Blicke der gierigen Augen fast spüren, die ihn aus der Finsternis verfolgten und meinte das Geifern und Leftzen von Verfolgern zu hören. Aber immer wenn er hinter sich sah, war dort nur die dunkle Straße.

„Haltet... haltet an!" Rogue stemmt sich in den Boden und kam schlitternd zum Halt.

„STOP!", brüllte er so laut er konnte, als die Gruppe von Ponys auf ihn zu rannte.

Es kam zu einem kurzen Durcheinander, als die Spitze der Ponys langsamer wurde, ohne dass die hinteren Ränge wussten wieso. Flanken stießen gegeneinander, Hufe stolperten und mehr als ein Pony ging zu Boden, aber letztlich kam die Herde in einer großen Staubwolke vor ihm zum Stehen.

Pinkie Pie schob Colgate von sich herunter und hüpfte auf. „Was ist los, Rogue? Warum wurde die Glocke geläutet? Was ist passiert?"

Rarity trat vor und der blaue Schein ihres Horns fiel auf Rogue.

„Celestia! Rogue, was is´ mit dir passiert?" Applejack eilte zu ihm, um nach ihm zu sehen. Er war staubbedeckt und Blut sickerte aus den Schnittwunden an seinen Seiten. Keuchend schob er seine Cousine beiseite und rief laut: „Ich bin angegriffen worden! Irgendetwas ist in Ponyville und es macht Jagd auf uns!"

Die Menge atmete erschrocken ein und sah sich furchtsam auf der dunklen Straße um. Twilight trat näher und sah ihn überrascht an. „Was macht Jagd auf uns? Wer greift uns an?"

Rogue schüttelte ungeduldig den Kopf. „Keine Zeit. Rainbow hat sie aufgehalten. Wir müssen ihr unbedingt helfen!"

Applejack nickte heftig. „Zeich´ uns den Wech! Den Rest kannste´ uns unterwegs erzähl´n!" Sie wandte sich bereits wieder um, als ein Schrei durch das nächtliche Ponyville erklang.

Es war der furchtsame, panische Laut eines Ponys, der über die strohbedeckten Dächer des kleinen Dorfes hallte, so laut und so durchdringend, dass es allen durch Mark und Bein ging. Alle Ponys auf der Straße blickten unwillkürlich auf, während der Schrei von den dunklen Häuserwänden zurückgeworfen wurde.

Und dann wurde er plötzlich abgeschnitten.

Die Gruppe rückte unwillkürlich enger zusammen. Das Licht der Einhörner gab nur einen fahlen Glanz von sich, nicht genug, um die tiefen Schatten zwischen den Häusern, Bäumen und Büschen des sonst so friedlichen Dorfes zu vertreiben. Rogues Warnung mochte sie alle alarmiert haben, aber es war dieser Schrei, der es für alle Ponys erst zur Realität werden ließ. Ihre vertraute, sichere Umgebung verwandelte sich auf einen Schlag in etwas gefährliches, fremdes, in dem hinter jedem Schatten ein unbekanntes Grauen lauern konnte.

Das Rettungspony stand mit vor Furcht weit aufgerissenen Augen da. „Es ...es müssen mehr sein, als ich gedacht habe. Celestia und Luna, sie können bereits überall im Dorf sein! Wir müssen..."

Er kam nicht weiter. Etwas sprang aus dem Schatten zwischen zwei Häusern.

Eine dunkelgrüne Stute war ängstlich ein paar Schritt zurückgewichen und hatte sich damit von der Gruppe entfernt. Ihr Angreifer aus dem Dunkeln ließ ihr keine Chance zu reagieren. Er sprang sie von hinten an und grub seine Fänge tief in ihren Rücken. Sie ging unter dem Gewicht zu Boden und schrie vor Schmerz und Angst laut auf.

Sofort spritzten die Ponys in ihrer Nähe auseinander.

Dann begann der eigentliche Angriff.

Aus den Schatten hetzten die dunklen Gestalten heran, warfen sich mit gefletschten Zähnen und scharfen Klauen auf ihre Opfer. Sie suchten sich einzeln stehende Ponys aus, rissen sie um und bissen zu. Sofort brach das blanke Chaos aus.

„Bleibt zusamm´! Verdammt, formt nen´ Kreis!", schrie Applejack. Sie stürmte los, zu einem der Ponys, das sich am Boden verzweifelt gegen seinen Angreifer zur Wehr setzte. Sie wirbelte herum und verpasste der dunklen, wild schnappenden Gestalt einen kräftigen Stoß mit ihren Hinterläufen. Mit einem gepeinigten Laut wurde sie in die Finsternis hinaus geschleudert.

„Rogue, hilf ihr!" die orangene Erdstute sprang über das verletzte Pony hinweg und kam der nächsten Stute zu Hilfe, die verzweifelt von dem Schatten über sich weg kriechen wollte.

Der junge Hengst war im Begriff gerade in ihre Richtung losstürmen, als direkt neben ihm ein lila Pony zu Boden gerissen wurde. Der dunkle Schemen zögerte nicht und versenkte seine scharfen Zähne in das weiche Fleisch ihres Halses. Die Stute bockte wild unter ihm und gab einen schrecklichen, gurgelnden Laut von sich, als ihr die Luftröhre zugedrückt wurde.

Rogue zuckte zurück. Er sah in jeder, schrecklich klaren Einzelheit, wie sich die Fänge des Untiers durch das Fell der Stute gruben, die weißen Zähne vom Blut rot färbten. Ihre großen Augen in Todesangst weit aufgerissen, starrten ihn das Pony an, während die Reißzähne immer tiefer in sie getrieben wurden.

Hilf mir!, flehten ihre Augen.

Halt mich fest!, schrie Pear.

Rogue kämpfte verzweifelt gegen die lähmende Angst an, die von ihm Besitz ergriff. Er durfte nicht erstarren, durfte nicht davonlaufen. Er musste seine Gedanken beieinander halten und nicht in Schock verfallen! Und er musste helfen!

I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

Er griff nach der einzigen Waffe, die ihm einfiel: Die Sanitätstasche auf seinem Rücken. Er nahm den Riemen zwischen seine Zähne und wirbelte den schweren Tornister daran herum. Dann ließ er ihn so fest er konnte auf den Kopf der schattenhaften Gestalt krachen, als diese ihn kurz anhob, um ihr Opfer noch einmal zu beißen.

Der Schlag stieß den Angreifer von der Stute herunter, die sofort keuchend um Luft rang. Der Schatten rollte sich über seinen Rücken ab und stand sofort wieder auf. Benommen schüttelte er seinen dunklen, spitzen Kopf, dann fixierte er mit einem tiefen Knurren das Pony, das ihn um seine Beute gebracht hatte.

Rogue hatte sich schützend über die verletzte Stute gestellt, die Sanitätstasche baumelte immer noch am Riemen aus seinem Mund. Kampfbereit senkte er seinen Kopf.

Der dunkle Schemen öffnete sein Maul und entblößte lange Reihen weißer, scharfer Zähne, über die der Geifer auf den Boden tropfte. Er macht sich bereit zum Sprung.

Dann zuckte er erschreckt zurück, als sich aus dem Nichts eine blau schimmernde Bahn Stoff um seine Schnauze wickelte und so fest zuzog, dass die Zähne mit einem hörbaren klick aufeinander schlugen.

Das schattenhafte Ding versuchte noch zu entkommen, aber weitere Lagen des magisch bewegten Stoffes wickelten sich flink um seinen Beine. Im Hufumdrehen lag der Schemen auf seinem Rücken am Boden, das Maul verschnürt und die Beine in der Höhe zusammengebunden. Eine kleine, violette Schleife zierte den Knoten.

„Ich habe ihn, Darling! Kümmere dich um die Verletzten!", rief Rarity Rogue zu und galoppierte weiter, während eine Stoffrolle hinter ihr her schwebte.

Das Rettungspony zögerte nicht länger und sah sich die verletzte Stute zu seinen Hufen genauer an. In dem fahlen Licht der Sterne und dem Chaos aus plötzlich aufflammender, vielfarbiger Magie um ihn herum war es unmöglich etwas genaueres zu erkennen, bis auf das feuchte Glitzern des Blutes, das mittlerweile ihre ganze Brust bedeckte.

„Licht! Ich brauche hier Licht!", schrie Rogue über das Schlachtfeld, zu dem sich die Straße von Ponyville mittlerweile entwickelt hatte. Noch immer rannten die Ponys durcheinander, aber sie hatten sich wenigstens zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen und versuchten ihr möglichstes, um die Schatten abzuwehren. Flucht war keine Option, in jedem Schatten des dunklen Dorfes schien ein grauenvoller Gegner zu lauern und nur die Nähe zu den anderen Ponys konnten so etwas wie Sicherheit bieten.

Applejack war in einen heftigen Kampf mit gleich zwei der Gestalten verstrickt, Pinkie schoss gerade einen Partypopper in ein dunkles, spitzes Gesicht und schickte dann einen kräftigen Hufschwinger hinterher. Fluttershy zog ein verletztes Pony vom Rand der Straße in die relative Sicherheit zwischen den anderen Ponys und Twilight warf Strahlen violetter Magie aus ihrem Horn, wo immer sie freie Schussbahn hatte. Mehrere Ponys lagen bereits am Boden und schienen von selbst nicht mehr auf die Beine zu kommen.

Eine mintgrüne Einhornstute hielt neben dem Rettungpony an und tänzelte aufgeregt vor ihm auf der Stelle. „Rogue! Kommen Sie schnell, Bon Bon ist verletzt!"

Der junge Hengst erkannte die Stute als eines der Feuerwehrponys von der Erste-Hilfe-Übung.

„Lyra! Schnell, leuchte mir!" Das Einhorn wollte sich bereits wieder umdrehen, ließ dann aber ihr Horn in grünem Ton erstrahlen und beugte ihren Kopf zu der verletzten Stute hinunter. Sie zuckte zurück, als sie das viele Blut sah, das über das lilane Fell lief.

Rogue wühlte derweil in der Sanitätstasche und zog so viele Kompressen heraus, wie er finden konnte. Die Stute keuchte nur noch flach und unregelmäßig und blutiger Schaum begann aus ihrem Maul zu tropfen.

„Verdammt, ihre Luftröhre ist punktiert worden. Sie erstickt an ihrem eigenen Blut! Ich muss sie intubieren!"

Verzweifelt kramte er im Sanitätsmaterial. Aber die Tasche aus dem Feuerwehrhaus war für die Benutzung durch Laienhelfer vorgesehen. Weder ein Laryngoskop noch ein Tubus waren darin zu finden. Statt dessen zog er den Beatmungsbeutel hervor, steckte ihn zusammen und warf ihn Lyra zu.

„Beatme sie, wenn sie zu schnaufen aufhört! Ich muss versuchen die Blutung unter Kontrolle zu bringen!"

Hektisch wischte Rogue über die Brust der verletzten Stute. Im hellgrünen Licht von Lyras Horn wirkte das Blut so schwarz wie Teer. Es war zu einem Großteil bereits geronnen und fühlte sich klebrig und zäh unter seinen Hufen an. Unter dieser Schicht fand er schließlich die schreckliche Wunde an ihrem Hals. Er drückte die Kompressen auf die Verletzung, darauf bedacht, ihr nicht erneut die Luft abzuschnüren. Die Verbände waren fast sofort durchgeblutet. Er schmiss die tropfenden Kompressen beiseite und kramte in der Sanitätstasche nach mehr.

Die Stute gab einen letzten, gequälten Atemzug von sich, dann lag sie still. Lyra zögerte kurz, dann stülpte sie die längliche Atemmaske über die Schnauze der Stute und begann sanft und gleichmäßig auf den Blasebalg zu drücken, genauso, wie sie es von Rogue gelernt hatte.

Das Rettungspony stand neben ihr und blickte auf die leblose Stute am Boden. Er wischte sich mit einem zitternden Huf über das Gesicht. Er bemerkte nicht einmal das erkaltende Blut daran.

„Lass es gut sein, Lyra. Es ist vorbei." Wie oft hatte Trotter diesen Satz schon zu ihm gesagt? Ihn jetzt selbst auszusprechen brachte seine Herz zum erkalten.

Er blickte sich um. Die Ponys waren auf der Mitte der Straße um sie herum zusammengerückt. Einige von ihnen waren verletzt und bluteten, mehrere lagen zwischen ihnen am Boden und krümmten sich vor Schmerzen. Das Rudel der Schatten umkreiste sie, wartete auf eine Gelegenheit zum Zuschlagen. Aber es hielt Abstand.

Eine Lücke tat sich zwischen den Ponys um Rogue, Lyra und der toten Stute am Boden herum auf. Da sah der junge Hengst etwas, dass sich so fest in seinen Geist einbrannte, dass er es den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen sollte.

Zwei der dunklen Gestalten hatten sich in das Fleisch einer dunkelgrünen Stute verbissen, das erste Opfer des plötzlichen Angriffs. Sie zerrten an ihr, zogen sie über den Staub der Straße in den Schatten zwischen den Häusern. Zwei weitere Schatten deckten ihren Rückzug und gingen selbst langsam rückwärts.

Der Kopf der Stute zuckte schwach. Dann verschwand er in der Dunkelheit.

Rogue stand da wie vom Donner gerührt. Das Keuchen und Weinen der Ponys um ihn herum verblasste, wurde so dumpf und schwach wie das Schreien und Wimmern der Verletzten. Er konnte nichts anderes tun, als dort zu stehen, auf diesen dunklen Schatten zwischen den Hauswänden zu starren und sich immer wieder und wieder vorzustellen...

Das Gefühl, wenn das eigene Fleisch reißt. Das brutale Zerren an den Gliedern, die scharfen Zähne, die sich wieder und wieder in einen gruben. Man wird über den Boden geschleift, hilflos, zu schwach um sich noch zu wehren. Hinaus aus dem Kreis des schwachen Lichts in die Dunkelheit. Wo die gierigen Mäuler warteten...

„Rogue... bitte helfen Sie uns..." Er schreckte zurück, als Lyra ihn an der Schulter berührte und ihn aus dem Alptraum riss.

„Helfen?", fragte er schwach, immer noch erstarrt. Langsam, fast zögernd, streckte sein Unterbewusstsein seine langen Fühler aus, umschlang die grässliche Szene vor seinem geistigen Auge und sog sie hinab in ihre dunklen Tiefen. Es war keine Lösung, aber ein Aufschub. Ein Aufschub, den er dringend brauchte.

Er sah zu den verletzten Ponys, die am Boden lagen. Es waren zu viele. Er brauchte... brauchte...

Rogue gab einen grollenden Laut der Frustration von sich. Er konnte einfach nicht Denken! In seinem Kopf herrschte das reinste Chaos! Er war hier der einzige Sanitäter, Er hatte die Verantwortung, aber er konnte seinen verdammten Verstand nicht zum funktionieren bringen! Wenn er sich nur kurz sammeln könnte, würde ihm vielleicht endlich ein Licht... Licht!

„Twilight!" Rogue drängte sich durch die Menge und suchte nach dem charakteristischen violetten Leuchten der Magie der Stute. Er fand sie am Rande der Gruppe, wo sie Blumentöpfe wie Geschosse auf die Angreifer niederprasseln ließ, die mit unheimlicher Flinkheit auswichen. Dennoch wurde sie immer wieder mit einem schmerzhaften, bellenden Laut belohnt, wenn ihre Attacken ins Ziel gingen.

„Twilight!" Das Einhorn setzte einer der Gestalten einen Blecheimer auf den Kopf und ließ sofort einen Blumenkübel nachfolgen. Es gab eine dumpfes Geräusch, wie von einer Glocke, dann ging der Schatten zu Boden. Sie schwitzte bereits stark, die hektische Magie begann ihr zuzusetzten. Sie nagelte mit einer Gartenschere den Schweif eines des Schemen an den Boden, der gerade zum Sprung angesetzt hatte und wendete Rogue ihre Aufmerksamkeit zu. „Sie lassen einfach nicht locker! Was ist, Rogue?"

„Licht, Twilight! Ich glaube, sie haben Angst vor hellem Licht!"

Die Stute stutzte kurz, dann schloss sie die Augen und konzentrierte sich.

Das violette Flimmern ihres Horns flammte plötzlich auf, wie ein Feuer, in das Öl gegossen wurde. Twilight stemmte ihre vier Hufe in den Boden und biss die Zähne zusammen, als sie damit begann immer mehr und mehr Magie zu kanalisieren. Die violette Flamme wuchs, wurde heller und heller. Dünne Strahlen purer Magie sprangen daraus hervor und tanzten über Fassaden der Häuser. Dann explodierte der Zauber geradezu und aus dem violetten Glühen wurde ein blendendes Leuchtfeuer über ihrer Stirn, das den ganzen Straßenabschnitt in funkelnde Helligkeit tauchte.

Ein gepeinigtes, ängstliches Heulen aus vielen Kehlen erklang. Als sich die Augen der Ponys wieder an das Licht gewöhnt hatten, war von den Angreifern auf der Straße keine Spur mehr zu sehen.

Ein kollektiver, erleichterter Seufzer erhob sich aus der Gruppe der Ponys. Dann erklangen wieder die schmerzerfüllten, klagenden Laute der Verletzten.

Twilights Zauber verlor an Intensität und erstarb schließlich. Doch die Lichter der anderen Einhörner flammten auf und vertrieben die vorrückende Dunkelheit wieder. Die lavendelfarbene Stute keuchte heftig und schüttelte ihre schweißnasse Mähne aus.

„Sind... sind sie fort?", fragte sie erschöpft.

Applejack drängte sich durch die Ponys und trat neben sie. Sie legte beruhigend einen Huf auf die Schulter ihrer Freundin. „Se sin´ abgehau´n. Gut gemacht, Twilight." Sie blickte sich kurz um. Rarity war neben ihnen und zeriss den Stoff ihrer Schneiderrolle in schmale Verbandsstreifen. Pinkie organisierte ihre Truppe und sorgte dafür, das sich die Feuerwehrponys zusammen mit Fluttershy um die Verletzten kümmerten. Die Ponys im Zentrum der Gruppe wichen zur Seite, als Rainbow Dash zur Landung ansetzte. Das Pegasus war staubbedeckt und hatte ein paar blutige Schrammen, schien aber ansonsten unverletzt. „Ich hab´ ihren Chef in die Flucht geschlagen!", meldete sie mit einem grimmigen Lächeln. Sie sah sich um und ihr Gesicht wurde wieder ernst. „Was machen wir jetzt?"

Rogue konnte das Stöhnen der verwundeten Ponys um sich herum hören. Er schmeckte den Staub des Kampfes in seinem Mund. Er roch das widerliche, metallene Aroma frischen Blutes in der Luft. Rainbow´s Frage war in die Runde gestellt worden, aber sie betraf ihn unmittelbar. Es wurde Zeit. Zeit, über den eigenen Schatten zu springen und verdammt noch mal zu funktionieren. Er konnte es sich nicht mehr leisten in diesem Zustand der stumpfen Panik zu verharren. Es lag vielleicht die schlimmste Nacht seines Lebens hinter ihm und sie war bei weitem noch nicht vorbei, aber damit konnte er später klarkommen. Er hatte keine Zeit sich zusammen zu rollen und selbst zu bemitleiden. Er wurde gebraucht. Hier. Jetzt.

In einem Akt reiner Willenskraft zwang er die Räder in seinem Kopf, sich zu drehen. Er schob das Grauen beiseite, die furchtbaren Bilder, seine eigene Panik, drängte sie in eine entfernte Ecke seines Verstandes und verschloss sie dort. Er zog eine Mauer aus Pflicht und Verantwortung um sein Herz, hoch und fest. Das kalte Gefühl in seiner Brust breitete sich aus, als seine aufgewühlten Emotionen rebellierten, aufschäumten und in seinen Verstand drängen wollten. Sie wogten gegen das feste Bollwerk seines Willens, fraßen sich hinein, drängten dagegen. Aber sie brachen daran. Die Mauer hielt. Er wusste, tief in sich drin, dass er einen Preis dafür zahlen würde, irgendwann. Und Celestia gebe, dass er nicht zu hoch ausfallen würde. Aber jetzt und hier lichtete sich der Schleier um seinen Geist.

Er atmete tief durch.

„Ich brauche einen sicheren Ort, wo wir die verletzten Ponys hinbringen können. Das Krankenhaus liegt auf der anderen Seite des Dorfes, es ist zu weit entfernt. Wir brauchen einen zentralen Ort, mit viel Licht und Platz, der gut erreichbar ist, wo wir die Verletztensammelstelle aufbauen können. Ich brauche das Sanitätsmaterial aus dem Spritzenhaus, meine Ausrüstung auf der Farm und jedes Pony, das einen Verband wickeln oder Verletzte betreuen kann."

Die Freundinnen sahen sich gegenseitig an. Dann blickten sie wie auf ein geheimes Zeichen zu Twilight.

Die lavendelfarbene Stute wich einen Schritt zurück, die Augen entsetzt aufgerissen. Sie schüttelte schnell den Kopf.

Applejack warf einen kurzen, unsicheren Blick in die Runde, dann wandte sie sich an das Einhorn.

„Twilight, Rogue hat recht, wir könn´ die Pony´s nich´ hier lass´n. Vielleicht schleich´n immer noch n´ paar von den Dinger´n hier rum..." Wie als Bestätigung ihrer Vermutung erklang ein tiefes, hungriges Heulen in der Dunkelheit des nächtlichen Ponyvilles. Applejack kniff die Augen zusammen und duckte sich etwas, bis der beängstigende Laut endete. Dann fuhr sie fort. „Wir brauch´n n´ Plan. Un´ da bist du die beste drin, Twi´."

Die Einhornstute stand im Kreis ihrer Freunde, die sie voll Hoffnung betrachteten und trug einen inneren Kampf mit sich selbst aus. Ihre Knie zittern und sie schlug ihre wundervollen, großen Augen nieder, als die Tränen in ihren Augenwinkeln zu glitzern begannen. Als ihre Beine nachgeben wollten, war Fluttershy wie eine gelber Blitz bei ihr, führte sie sanft zu Boden und breitete ihren Flügel über ihr aus, als die Stute in sich zusammensackte. Sie bemerkte die Hilfe ihrer Freundin kaum, als ihr Geist zurückkehrte, an den Turm in Canterlot, vor kaum einer Woche...


Die Linien auf dem Boden waren komplizierter und verschlungener als jedes Spinnennetz, dass je in Equestria gesponnen worden war. Jeder einzelne der mehr als hundert Kreidestriche war nach den peniblen Berechnungen der fähigsten Einhörner der Royal University in Canterlot gezeichnet worden. Endlose Statistiken, Formel und Berechnung, basierend auf den mächtigsten Folianten in der unerschöpflichen Bibliothek magischer Studien, waren erstellt, diskutiert, verworfen, verfeinert und schließlich zur Anwendung gekommen. Sigillen purer, arkaner Macht erfüllten die Luft mit thaumaturgischer Elektrizität, die das Fell und die Mähne jedes Ponys auflud und in unmöglichen Winkeln abstehen ließ. Dreizehn Einhörner, zwölf Professoren und eine Studentin traten in den verwinkelten Kreis sich überlappender Zeichen und nahmen ihre Positionen ein. Starry Wisdom, der alte, eisblaue Studienleiter der Universität, nickte dem Tutor zu, der vor dem doppelflügligen Portal wartete. Das schwere, eisenbeschlagene Tor schloss sich mit einem dumpfen Krachen. Dann erglühte es in sanften, goldenem Schimmer, als die besten Studenten der Akademie einen mächtigen Schildzauber über dem Kuppelbau des Ritualplatzes errichteten.

Wisdom schritt langsam die Reihen seiner Untergebenen ab und inspizierte ein letztes Mal ihre Position und die von ihnen vorbereiteten Ley-Linien, die die magische Energie kanalisieren sollten. Zuletzt wandte er sich der Stute in der Mitte der thaumaturgischen Konstruktion aus Schutz- Bann- und Hervorrufungszaubern zu. Vorsichtig setzte er seine Hufe über die sorgsam gezogenen Linien und Zeichen auf dem Boden hinweg, bis er vor Twilight Sparkle selbst stand, der auserwählten Studentin ihrer Majestät, Prinzessin Celestias höchst selbst.

Bist du bereit, Twilight?", fragte er in vertraulichem Tonfall.

Die Stute zögerte einen Augenblick, dann straffte sie ihre Gestalt entschlossen. „Ja, Meister Wisdom. Ich bin bereit."

Der ältere Hengst wartete einen Moment lang und lehnte sich dann näher zu dem lavendelfarbenen Einhorn. „Wenn du Zweifel daran hast... noch ist Zeit. Wir können einen Ersatz für dich finden. Oder die ganze Sache noch einmal durchgehen, bevor wir beginnen."

Twilight blickte sich in dem runden Turmzimmer um. Sie alle hatten die letzten zwei Wochen praktisch Tag und Nacht auf diesen einen Moment hin gearbeitet. Unzählige Stunden waren in die Vorbereitung geflossen, angefüllt von Diskussionen über das Für und Wider, über die Machbarkeit und das Prozedere, die Ausführung und Zusammenstellung der magischen Formeln. Sie hatte sich mehr als geehrt gefühlt in den Kreis dieser Fakultäten der magischen Studien aufgenommen zu werden, um mit ihnen auf der höchsten Ebene der thaumaturgischen Wissenschaften zu referieren. Sie hatte zuerst darum kämpfen müssen, dass diese gelehrten, weisen Ponys, die sie zunächst als einen Emporkömmling unter königlicher Schirmherrschaft betrachteten, ihren Sachverstand und ihre hart erworbene Kenntnisse über Magie akzeptierten. Doch als Starry Wisdom sich für sie erwärmt hatte und zunehmend für ihre Meinungen und Ausführungen eintrat, fühlte sie sich zunehmend bestätigt. Sie hatte mit den besten Köpfen von Canterlot auf Augenhöhe diskutiert, gearbeitet und geforscht. Und sie war schließlich auserwählt worden, das zentrale Element zu sein, der Fokus, durch den die Energien kanalisiert werden sollten. Alle verließen sich auf sie. Sie konnte keinen Rückzieher machen.

Nein, Meister Wisdom. Ihr hattet Recht. Die Prinzessinnen sind zu sehr damit beschäftigt, die Einflussnahme der Gestirne zu erforschen. Das ist etwas, womit wir ihnen die Last von den Schultern nehmen können."

Der alte Hengst nickte zufrieden und legte ihr einen Huf unter das Kinn. „Deine Zustimmung bedeutet mir viel, Twilight. Prinzessin Celestia hat dich zu ihrem besonderen Studenten berufen... Deine Begabung hat mich die letzten Tage ahnen lassen warum. Aber deine Entschlossenheit hier und heute beweist es mir. Ich bin sehr stolz auf dich."

Sie konnte nicht verhehlen, dass ihr bei diesen Worten ein warmes Gefühl durch den Körper ging. Die besondere Aufmerksamkeit von Prinzessin Celestia war ihr in den Jahren ihrer Studien so wichtig geworden wie die Luft zum Atmen. Doch so sehr sie die Tutorenschaft ihrer Majestät und die mäzenenhafte Beziehung ihrer ausgesuchten Studentin gegenüber schätzte (sie wagte es nicht von einer ´Freundschaft´ gegenüber der Prinzessin zu denken), schien dort doch immer eine Kluft zu sein, die sie von ihrer Mentorin trennte. Twilight wusste um die vielfältigen Verpflichtungen, die Prinzessin Celestia tagtäglich zu bewältigen hatte und sie wusste jeden Augenblick in Ehren zu halten, die sich die Regentin aus ihrem vollgepackten Zeitplan für sie abtrotzte.

Doch die Momente der privaten Zweisamkeit waren selten und oft von dem gehetzten Unterton des Zeitdrucks zwischen den Terminen durchdrungen, so dass sich eine entspannte Atmosphäre oder ein ausführlicher wissenschaftlicher Disput nicht entwickeln mochte. Selbst als sich Twilight als eines der Elemente der Harmonie entpuppte, blieb ihre Konversation hauptsächlich auf den Briefverkehr beschränkt.

Das Arbeiten mit Starry Wisdom und der Professoren-Loge der Canterlot-University war dagegen eine gänzlich andere Erfahrung. Die ausführlichen, täglichen Treffen und Diskussionen mit den anderen Einhörnern hatten ihr eine neue Sichtweise auf ihr besonderes Talent, die Magie, eröffnet, wie sie es vorher nur erahnt hatte. Obwohl ihr Herz bei ihren Freunden im fernen Ponyville blieb, genoss sie doch die Zeit zwischen Disput und Diskurs hier ungemein. Trotz, oder gerade weil, es um ein so dringendes Thema ging.

Ich danke Ihnen. Ich bin bereit."

Starry Wisdom nickte und trat aus den magischen Kreisen heraus, um seinen Platz im Zirkel der Einhörner einzunehmen.

Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, was heute auf dem Spiel steht.", wandte sich der Studienleiter an die Anwesenden. „Ich erwarte von ihnen allen höchste Konzentration. Was wir heute zu tun gedenken, wurde noch nie versucht. Mögen die Prinzessinnen über uns wachen. Beginnen wir."

Nach und Nach erglühten die Hörner der Professoren im vielfarbigen Schimmer der Magie. Die Linien zu ihren Hufen erwachten, sogen die Magie auf, zunächst in der Farbe der jeweiligen Magie der Ponys, doch als sich die Ley-Linien vereinigten und das zentrale Muster speisten, erglühten die Kreidelinien in einem einheitlichen, weißen Ton. Wie ein wilder Strom floss die Energie die vorgefertigten Kanäle entlang, erfüllte sie mit dem Glanz und Leuchten der Zauberei. Jede Bahn und jede Linie erstrahlte, jedes Zeichen leuchtete der Reihe nach auf und webte den komplexen Zauber, der von den Einhörnern angelegt worden war.

Die letzten Verbindungen wurden geschlossen. Der fast lebendige Strom der Magie vereinigte sich und floss in den zentralen Kreis. Die Kreidestriche erglühten um Twilight wie ein Fanal, tauchten sie in den unwirklichen Glanz wilder Thaumaturgie. Ihr Horn blitzte auf, als die Energien um sie herum anwuchsen. Sie stemmte sich in den harten Marmorboden und fokussierte den Fluss.

Es war wie eine Sturmflut. Zwölf erfahrene Einhörner speisten den Fluss, gestärkt durch das Muster der Beschwörung. Eine Welle purer, roher Macht prallte gegen sie, wuchs aus dem mit Sigillen bemalten Boden durch ihre Hufe und sammelte sich in ihrem Körper. Sie spürte, wie die Energien sich in ihr vereinigten, sich anstauten und danach schrien, entlassen zu werden. Mit all ihrer Willenskraft stemmte sie sich gegen das natürliche Bedürfnis ihres Körpers, loszulassen und ließ die thaumaturgische Gewalt sich in ihr potenzieren. Ihr Fell stand ihr in allen Richtungen ab, als die Energien in ihr stetig zunahmen.

Das Gefühl der rohen Magie an sich war berauschend. Jeder ihrer Muskeln war bis zum zerreißen angespannt, erfüllt von unheimlicher Kraft. Sie spürte das Fließen der Macht in sich, so intensiv und direkt, wie nie zuvor. Twilight hatte auch schon zuvor erhebliche Mengen an Magie kanalisiert. Ihre bisher größte magische Leistung bestand darin, einen Wassertank durch einen Kuhstall zu levitieren und ihn gleichzeitig mit Milch zu füllen. Die diffizile Arbeit, mehr als fünfzig Kühe mit Hilfe von Magie zu melken und das in einen Tank, der allein gut ein- bis zwei Tonnen wog, hatte sie an die absolute Grenze ihrer Fähigkeiten gebracht. Die Anstrengung war damals herkulisch gewesen, aber die größte Schwierigkeit hatte an diesem Tag daraus bestanden, genug Energie für ihren Zauber zu sammeln. Jetzt überflutete sie die Kraft geradezu.

Das Gefühl war überwältigend. Reine Magie floss durch ihre Adern und kitzelte jeden ihrer Sinne. Sie bemerkte kaum, wie die Energie sie vom Boden abhoben und sie einen Hufbreit über dem Ritualkreis schweben ließen. Sie wollte sich verlieren in dem bloßen Gefühl der Macht, der reinen Möglichkeit alles, wirklich alles, zu tun, was ihr in den Sinn kam. Sie konnte es in ihren Hufen spüren, das zerbrechliche Gespinst der Wirklichkeit, das vor der reinen Gewalt ihrer Magie erzitterte.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz: Sie konnte mit einem einzigen Wink ihres Hufes alles richten. Sie konnte die Wolken zurückbringen. Sie konnte es überall in Equestria regnen lassen. Sie konnte dem Mond befehlen unter zu gehen, oder der Sonne sich über den Horizont zu erheben. Sie konnte den Herbst bringen, oder den Frühling, den Winter und den Sommer.

Und dann, für einen flüchtigen, unendlich wertvollen Moment, verstand sie alles: Das, was immer sie in ihrer schier unermesslichen Macht sie tat, es immer unausweichliche Konsequenzen gab. Das jeder Stoß, jede Einmischung zu ungezählten Auswirkungen führen würde, zum Guten, wie zum Schlechten. Was immer sie tat, würde vielleicht das Ende der Krise bedeuten – oder den Anfang einer neuen, noch schlimmeren. Es konnte einem Tyrannen zum Aufstieg verhelfen. Oder einem Helden zum Sieg. Würde Frieden bringen, oder Krieg. Würde das Reich erblühen lassen... oder es dem Untergang weihen. Das Gewebe aus Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft war so fein, so kompliziert, so unglaublich fragil, dass ein einziger Atemzug es durcheinander wirbeln konnte. Und niemand vermochte mit Bestimmung zu sagen, worin es enden mochte.

Das war es, was die Prinzessinnen jeden Augenblick in ihrem Leben erfahren müssen: Die Macht, alles zu ändern, ohne zu wissen, wohin es führte. Voll von Angst einen Schritt zu tun, denn es könnte der falsche sein.

Twilights Verstand zuckte zurück vor der Endgültigkeit ihrer eigenen Kraft. In der Erkenntnis der in ihr wohnenden Macht schwand ihre Entschlossenheit und verlor sich in Zweifeln. Sie fühlte, wie die magischen Energien in ihr aus der Bahn gerieten, als ihr Wille bröckelte. Wilde Thaumaturgie wogte wie ein unaufhaltsamer Sturm durch ihren Verstand. Sie klammerte sich verzweifelt an ihrem Selbst fest, als die rohen Kräfte sie davon zu spülen drohten. Es blieb ihr nur ein Ausweg:

Sie schrie ihre Unsicherheit, ihre Verzweiflung, ihren drohenden Untergang hinaus in in das Loch, welches das Ritual gerissen hatte. Der Ruf drang durch die Ebenen der Existenz, tiefer und tiefer. Es durchstieß die Schleier zwischen den Welten.

Tief unten, am Grund des Tartarus, regten sich unbestimmte Gestalten. Aus dem festen Gestein des unentrinnbaren Gefängnisses geformt, erhob sich ein gesichtsloser Kopf.

Wer stört die ewige Wacht der Ming?" Seine Stimme war wie das Poltern von Felsbrocken, eine aus vielen.

Twilights Mund formten die Worte nach, ihr Körper nicht mehr als ein Medium.

Starry Wisdom trat aus dem Kreis der Einhörner hervor. „Ehrenwerte Ming. Vor ungezählten Zeiten verspracht ihr unseren Herrscherinnen ewige Wacht über die schlimmsten Übel unserer Welt. Wir achten euren Verdienste und eure Aufopferung, der wir so viele Jahre in Frieden verdanken. Doch eine neue Bedrohung hat sich über Equestria erhoben. Es heißt, das ihr die Vergangenheit und die Zukunft sehen könnt, als währe sie eins. Wir bitten euch, teilt euer Wissen mit uns, auf das wir wissen, was der rechte Pfad ist."

Der Flux zerrte an Twilight wie an einer Boje in stürmischer See. Unablässig rissen die chaotischen Strömungen an der zerbrechlichen Verbindung in ihrem Verstand. Füllten ihn mit schrecklichen Visionen der Pein und des Versagens. Im Ansturm der Gefühle schrumpfte ihre Wahrnehmung zusammen, verengte sich zu einem Tunnel. Etwas versuchte sich von außen in ihr Denken zu drängen, kalt, brutal und rücksichtslos.

Sie versuchte sich abzuschirmen, mit den Gedanken an ihre Freunde, an Rarity, Rainbow, Pinkie Pie, Fluttershy, Applejack...

Es war nicht genug. Ihre Konzentration bröckelte unter dem Ansturm der wilden Energien, die noch immer durch ihren Körper flossen. Die fremde Entität bemerkte ihre Schwäche und verdoppelte ihre Bemühen, die Mauern um Twilights Verstand zu durchbrechen.

Sie spürte, wie die Ming aus der Tiefe des Tarterus antworteten.

Dann brach ihre Abwehr zusammen. Die Welt explodierte.


„Ich... ich kann nicht." stieß Twilight hervor. Sie schluchzte leise unter Fluttershys beruhigender Umarmung auf und lehnte sich Halt suchend gegen die gelbe Stute.

Der kanariengelbe Pegasus schlang seine Vorderhufe um ihren Hals und wiegte ihre Freundin langsam in ihren Hufen. „Schsch, alles gut. Es ist schon in Ordnung, Twilight. Wir sind für dich da. Wir sind hier." Ihr Stimme war nur ein Flüstern, kaum hörbar über den Aufruhr um sie herum.

Twilights Tränen liefen ihr über die Schnauze und tropften in den staubigen Boden, um sich dort mit dem frisch vergossenen Blut der Ponys zu vermengen. Die lavendelfarbene Stute erschauderte unter dem Ansturm ihrer Gefühle und schmiegte sich in das weiche Fell ihrer Freundin, suchte Trost in der engen Umarmung. „Es ist meine Schuld... meine. Ganz allein meine. Ich war nicht stark genug. Ich habe alles versucht, aber... es... ich war einfach nicht gut genug."

Fluttershy rieb ihr beruhigend über den Rücken und sah sich hilfesuchend zu ihren Freundinnen um, die betreten daneben standen. Zögernd zuerst, doch dann umso entschlossener, trat eine nach der anderen vor und schloss sich der tröstenden Umarmung an, bis Twilight vollends umschlossen war von einem Kreis des Mitgefühls, des Vertrauens und der Freundschaft. Es war, für einen kurzen Moment, eine Oase der Wärme und Geborgenheit, in einer dunklen, fremd gewordenen Welt. Die sechs Freundinnen standen zusammen, gaben sich gegenseitig Halt und schöpften Mut, den sie alle so dringend brauchten. Für einen kurzen, flüchtigen Augenblick war es so, als würden sie selbst ein Licht ausstrahlen, ein Leuchten, das weit darüber hinaus ging nur die Finsternis der Nacht zu vertreiben. Es war so sanft und doch so hell, dass es in die Ponys um sie herum drang und die Schatten in ihren Herzen verdrängte.

Selbst Rogue spürte es. Seine Angst, zurückgedrängt, aber immer noch präsent und die Schmerzen seiner Wunden, bisher ignoriert und doch sein ständiger Begleiter, verblassten in diesem Licht. Der ungelöste Knoten in seiner Brust verging und ließ ihn wieder - zum ersten Mal seit wie langem? - frei atmen. Es war, als wäre eine kühle, erfrischende Brise über ihn hinweg geweht, die seine Müdigkeit und Erschöpfung mit sich davongetragen hatte.

„Danke." Twilight Stimme war noch immer vom Weinen brüchig, aber es fehlte der Unterton von Verzweiflung, der sie vorher vergiftet hatte. „Ich danke euch. Ich... ich wüsste nicht, was ich ohne euch tun würde." Sie wischte sich die letzten Tränen mit dem Huf aus ihrem Gesicht. Langsam löste sie sich von ihren Freundinnen.

Ein Huf berührte Rogue an seiner Schulter und riss ihn von dem rührenden Anblick los. Es war Lyra, die ihn besorgt ansah. „Wir haben Probleme mit Bon Bon. Wir wissen nicht was ihr fehlt. Können Sie vielleicht einen kurzen Blick auf sie werfen?"

Das Rettungspony sah sie einen Moment lang regungslos an, dann nickte er langsam. So schön der Moment auch war, dem er gerade beiwohnen durfte, es änderte nichts an ihren derzeitigen Problemen. Er musste seine Arbeit tun. „Ich komme sofort.", sagt er zu dem mintgrünen Einhorn. Lyra nickte und kehrte wieder zu den Verletzten zurück.

Rogue schluckte schwer. Er sah zu Applejack, Rarity, Rainbow, Pinkie und Fluttershy und schließlich zu Twilight. Er spürte es in seine Hufen: die lavendelfarbene Stute war die Anführerin dieser so kleinen, aber wichtigen Runde. Sie war das zentrale Element, das wichtigste Puzzleteil, das alle anderen zu mehr als der Summe ihrer Teile machte. Er zweifelte nicht daran, dass sie furchtbares durchgemacht hatte. Von ihrer Sicherheit, als sie mit purer Magie die Angreifer in die Flucht geschlagen hatte, war nichts geblieben. Sie hatte Mut geschöpft, stand wieder aufrecht, aber war weit davon entfernt ihrer Rolle gerecht zu werden. Er musste sie zum Funktionieren bringen.

Er hasste sich für diesen Gedanken. Er war so kalt, so berechnend, so unponyhaft, dass er vor sich selbst zurückschreckte. Aber als er das Blut auf der Straße roch und das Wimmern der Verletzten hörte, wusste er, dass ihm keine andere Wahl blieb. Es musste getan werden. Er musste jetzt grausam und herzlos sein. Er wappnete sich, legte eine weitere, kalte Schicht auf die Mauer um sein Herz und trat vor. Celestia sei dank, dass keine ihrer Freundinnen dies tun muss, dachte er zu sich im Stillen. Und gebe Luna, dass ich die richtigen Worte finde.

„Twilight. Ich brauche dich jetzt. Ein Ort, geschützt, zentral und erleuchtet. Sanitätsmaterial. Die Klinik. Ich brauche es sofort. Oder eine Menge Ponys werden sterben. Ich kann das nicht organisieren. Mach es, oder jemand anderes muss es übernehmen." Er zögerte einen Moment. Ach, Buck it!, was hatte er schon zu verlieren?

„´I am the Master of my Fate, I am the Captain of my Soul´, Twilight. Wir können fehlen, stolpern, sogar zu Boden gehen. Aber solange wir nicht brechen, gibt es für uns einen Weg aus dem Loch. Wir müssen nur den Kopf heben und die Sonne sehen. Wir müssen es wollen. Hilf mir. Bitte."

Twilight hob ihren Kopf und blickte ihn aus großen, überraschten Augen an.

„Du... du... das Buch... ich...", stotterte sie ungläubig.

Rogue nickte mit ernstem Gesicht. Was hast du schon zu verlieren? „Ja. Ich habe dir das Buch untergeschoben." Sein Herz, so kalt. Es zerriss ihn im Inneren, als wäre ein Teil von ihm festgefroren und er müsste sich mit Gewalt davon losreißen . „Ich brauche dich.", bat er noch einmal. „Ich... wir können es nicht ohne dich."

Die Stute schloss ihre Augen und wankte einen Augenblick, als sie einen inneren Kampf mit sich ausfocht, den Rogue nur all zu gut kannte.

Dann öffneten sie sie wieder. Ihre violette Iris blitzte auf.

Sie alle bemerkten die Veränderung in der Stute. Ihre Gestalt straffte sich, ihre Hufe traten fest in den Boden. Von einem Moment zum anderen strahlte Twilight eine Entschlossenheit aus, wie Rogue sie noch nicht an ihr erlebte hatte. Und wie ihre Freundinnen sie so schmerzlich vermisst hatten.

„Pinkie!" Twilights Ton ließ ihre pinkfarbene Freundin einen Satz machen, der sie direkt neben der lilanen Stute landen ließ. „Sammel die Einhörner deiner Feuerwehr um dich und versuch zum Feuerwehrhaus vorzudringen. Versucht diese... Dinger mit Licht zu vertreiben. Packt an Verbandsmaterial und Tragen zusammen, was ihr auf den Wagen bekommt und kehrt hierhin zurück. Macht soviel Krach und Licht wie ihr könnt, das hält sie vielleicht fern."

„Okay-Dokey!"

„Rainbow!"

Dash hob den Blick und setzte eine entschlossene Miene auf.

„Organisiere die Pegasie in der Gruppe. Ihr seid die einzigen, die sich derzeit anscheinend ungeschoren in Ponyville bewegen können. Das Krankenhaus muss informiert werden, dass viele Verletzte hereinkommen. Sie sollen aber die Türen zuschließen und warten, bis die Gefahr vorüber ist. Wir versuchen die kritischen Fälle so schnell wie möglich zu ihnen zu verlegen. Sie sollen in der Canterlot University um Hilfe bitten, Ärzte, Schwestern, Material, alles. Außerdem muss jemand die Ponys des Dorfes warnen. Wer unterwegs ist, soll sofort ins nächste Haus gehen und die Türen und Fenster verschließen. Wer Zuhause ist, soll ähnlich verfahren, aber Ponys in Not helfen. Und schick jemanden nach Sweet Apple Acres um Rogues Ausrüstung zu holen. Und die umliegenden Gehöfte müssen gewarnt werden. Der zentrale Sammelpunkt ist die Dorfhalle, dort richten wir die Verletztensammelstelle ein. Wer angegriffen worden ist, soll sich dort melden, sobald alles sicher ist. Gib das durch!"

Sie wandte sich Rogue zu. „Habe ich etwas vergessen?"

Das Rettungspony sah sie mit großen Augen an. Der plötzliche Wandel von Twilight hatte ihn vollständig überrascht. Die Stute war von Null auf Hundertachtzig gegangen, ohne auch nur einmal zu schalten. „Ähm,... Ich... also, wer vom Krankenhauspersonal abkömmlich oder gerade außer Dienst ist, sollte sich in der Dorfhalle sammeln. Wir werden jeden Huf gut gebrauchen können. Sofern es nicht gefährlich für sie wird. Ich meine, diese Dinger schleichen dort draußen noch immer herum."

Twilight nickte entschlossen. „Rainbow, kümmere dich darum, Pinkie kann dir sicherlich sagen, wo das medizinische Personal wohnt. Rarity, ich möchte, dass du dich zusammen mit Fluttershy unter der Anleitung von Rogue um die Verletzten kümmerst. Applejack? Weißt du, wer im Dorf noch einen Wagen besitzt? Wir werden jedes Fuhrwerk brauchen, das wir kriegen können." Sie dachte einen Moment lang nach. „Und warnt die Ponys, die noch auf der Party geblieben sind. Sie können in der Bibliothek Zuflucht suchen. Die Lampen haben ihnen hoffentlich etwas Schutz geboten." Twilight atmete tief durch. „Ich treffe euch alle in der Dorfhalle, sobald ich kann." Sie hob ihren Blick zu dem dunklen Nachthimmel und der schmalen Mondsichel, die ihren fahlen Schein auf das Land warf. „Komm, Spike, spring auf. Ich muss einen Brief schreiben."


Bon Bon lag am Boden, den Blick stur geradeaus gerichtet. Ihre Glieder waren wie im Laufen erstarrt, streckten sich vom Rumpf wie in der Zeit festgefroren. Rogue beugte sich über sie und hielt sein Ohr vor ihre Nüstern. Lyra war neben ihm und leuchtete ihm mit der Magie ihres Hornes. Sie hatte sich strikt geweigert mit Pinkie und den anderen Einhörnern zum Spritzenhaus zu laufen. Also hatte Rogue sie als seine Assistentin verpflichtet.

Für einen unendlichen, schrecklichen Moment glaubte das Rettungspony, dass die cremefarbene Stute unter ihm nicht mehr atmete. Dann spürte er den sanften Luftzug des langsamen Schnaufens von Bon Bon. Sie war am Leben. „Stethoskop.", verlangte Rogue sachlich und ließ sich von Lyra in die Ohrstöpsel helfen. Er horchte auf das Herz, das langsam, aber gleichmäßig schlug und kontrollierte die Lunge. Als sein Huf zufällig das Fell der regungslosen Stute streifte, bemerkte er, wie kalt sie war. Er schlang das Stethoskop um seinen Hals und wandte sich an Tropical Spring, die ihnen auf dem Huf folgte. „Deckt sie warm zu. Bewegt sie nicht, soweit es geht. Gebt ihr eine Zwei"

Rogue atmete tief durch. So begann es. Er wusste, was er zu tun hatte. Aber das machte es um kein Gramm leichter. Bon Bon war seine erste Patientin, nachdem sich der Staub gelegt hatte. Die erste die er ´einschätzen´ musste. Die erste seiner Entscheidungen über Tod oder Leben.

´Triage´. Es waren vielleicht ein- zwei Stunden gewesen, die sich mit diesem Thema in seiner Ausbildung befasst hatten. Was wenn? Was wenn es so viele Verletzte gab, dass die Kräfte nicht ausreichten, um sie alle gleichzeitig zu versorgen? Was, wenn es so viele waren, dass auch keine Verstärkungen in zeitlich abzusehendem Rahmen verfügbar waren? Was, wenn man gezwungen war, zu entscheiden, zwischen denen, die es schaffen konnten... und denen, die es wahrscheinlich nicht schaffen würden? Was würde man tun?

Wer konnte es entscheiden? Dieses Pony stirbt. Dieses Pony kann leben. Hier helfe ich. Dort kann ich nicht mehr helfen. Nicht einmal mit tröstenden Worten, oder einem haltenden Huf. Diese Wahl sollte den Ärzten überlassen sein, deren schwere Entscheidung durch ihr Studium gefestigt worden war. Die sich aufgrund ihres fundierten Wissens eine eindeutige Meinung bilden konnten. Nicht einem jungen Rettungspony, dem gerade die völlige Hilflosigkeit seiner Situation offenbar wurde.

Bon Bon war offensichtlich paralysiert und stark unterkühlt, Celestia wusste warum. Vielleicht hatte es mit dem kalten Atem der Schatten zu tun, aber das war nur eine Vermutung. Sie brauchte vorgewärmte Infusionen und eine warme Decke, aber weder das eine noch das andere war verfügbar. ´Zwei´, betreuen und so bald wie möglich ins Krankenhaus. Es war wie ein frommer Wunsch.

Ein Erdhengst drückte verzweifelt Gazebinden auf die klaffende Bauchwunde einer Stute. Etwas hatte einen guten Teil ihres Unterbauches herausgerissen. Der Verband war durch und durch rot vom Blut. Die Stute keuchte schwer vom Schock.

„Schmerzmittel, sobald wir welche welche haben. Drei."

´Drei´. Totgeweiht. Lyra kritzelte etwas auf einen Zettel, den sie irgend woher hervorgezaubert hatte und reichte ihm dem verzweifelten Hengst. Er nahm ihn in den Mund und drückte weiter auf die schreckliche Wunde.

Schweig still, mein Herz.

Der nächste Patient. Gebrochener Vorderlauf. Aus der furchtbaren Bisswunde ragten weiß und unschuldig die Knochensplitter. Der Hengst lag zusammengesunken auf dem Boden. Er keuchte heftig, gab aber ansonsten keinen Laut von sich. Rogue war dankbar dafür. Er fühlte mit seinem Huf den aufgeregten, aber kräftigen Puls. „Eins." Nicht direkt lebensbedrohlich. „Schient das Bein und deckt die Wunde steril ab. Schmerzmittel sobald wir sie haben."

Eine Stute am Boden. Mechanisch hob Rogue seinen Huf und versuchte einen Puls zu finden. Er wusste, dass es vergeblich war. Kein lebendiges Pony hatte einen solch unnatürlichen Knick im Hals. „Sie wird wieder, oder?", fragte die weiße Stute, die daneben stand. „Sie hat sich gerade noch bewegt. Ich habe es genau gesehen!" Rogue hob seinen Kopf und starrte das Pony ausdruckslos an. Die Stute mit der blonden Mähne ließ sich davon nicht beeindrucken. „Snow White schläft nur! Sie ist... sehr müde. Haben sie ein Pflaster für ihren Hals? Sehen sie, es hat schon zu bluten aufgehört! So schlimm kann es also gar nicht sein!" Ihre Stimme war so voll von Hoffnung, dass es fast in Verzweiflung umschlug. Sie senkte ihren Kopf und streichelte den Nacken der Toten mit ihren Nüstern. „Snow.", flüsterte sie sanft. „Snow, wach auf. Der Arzt ist da." Ein Tropfen Rot fiel auf das weiße Fell. Ein Tropfen aus der Ruine, das einmal das linke Auge der trauernde Stute gewesen war.

Rogue schluckte. „Ein..." Er brachte es nicht über die Lippen. „Zwei." Er deutete auf das Pony, das immer noch versuchte, seine tote Freundin zu wecken.

Celestia, gib mir Kraft.

So ging es weiter. Und während er die Macht eines Gottes ausführte, starb Rogue, Zettel um Zettel. Nummer um Nummer. Zahl um Zahl.


Rainbow brachte ihm irgendwann seine Taschen. Er ließ sie links liegen, behielt die mannigfaltigen Möglichkeit, die sie boten, lediglich im Hinterkopf. Sie wurden im Angesicht seiner Aufgaben bedeutungslos. Er wies Lyra an, hier eine Infusion vorzubereiten und dort Schmerzmittel zu verabreichen, wo er es für absolut notwendig befand. Sein kleiner Vorrat an Medikamenten war schnell aufgebraucht. Selbst seine professionelle Ausrüstung war bedeutungslos bei der schieren Anzahl der verletzten Ponys. Er konnte niemanden mehr als die absolute Grundbehandlung angedeihen lassen. Es erschütterte ihn bis in sein Grundfesten. Er wusste, was diese Ponys brauchten, aber ihm fehlte schlicht die Zeit und die Mittel ihnen zu helfen.

Als Lyra ihn schließlich an der Schulter rüttelte, war es, als würde er aus einem furchtbaren Albtraum erwachen. Sie sah ihn besorgt an und wartete, bis seine müden Augen sich auf sie fixiert hatten. Dann wies sie mit einem Huf auf den nächtlichen Himmel.

„Rogue, sehen Sie! Twilight hat es geschafft!"

Langsam hob der junge Hengst seinen Kopf zum sternenbeschienenen Firmament. Der Mond, diese schmale, silberne Sichel, drehte sich unendlich langsam, aber merkbar, am dunklen Himmel. Langsam wuchs die schimmernde Scheibe, verbreiterte sich und tauchte das Land unter sich in einen zunehmend helleren Schein. Das Licht von Lyras Horn erstarb, als der nun volle Mond wie eine Laterne am Himmel stand und die Schatten der Nacht vertrieb. Ein letztes, enttäuschtes Heulen war in der Ferne zu vernehmen, dann lag Ponyville still.

Rogue sah auf seine Vorderläufe hinab. Seine Hufe waren im silbernen Licht schwarz. Dunkle Flecken zogen sich seine Vorderbeine hinauf bis zu den Knien. Dann endlich schimmerte etwas seines grauen Felles hindurch.

Es war Blut. So viel Blut.

Ein blendender Schein fiel auf die Kreuzung. Rogue bedeckte schützend seine Augen und blinzelte in der Helligkeit. Jenseits des Lichtes rief ihm die bekannte Stimme von Pinkie Pie zu. „Wir haben Verletzte!"

Er zögerte nicht und galoppierte zu dem haltenden Spritzenwagen. Funkelnde Lichter tanzten vor seinen Augen, als er aus dem Scheinwerferlicht trat. Das erste, was er klar sah, war Pinkie Pie, die ihm in voller Feuerwehrmontur aufgeregt winkte.

„Es hat Willow erwischt. Hat einen Biss in den Hinterlauf bekommen. Und wir haben Ol´ Junk auf dem Weg hierher aufgelesen. Er lag mitten auf der Straße, ich weiß nicht, was mit ihm ist."

Die beiden Patienten waren auf Klapptragen gebettet, die über den offenen Mannschaftsraum gelegt worden waren. Willow, eine erdfarbene Einhornstute, hatte einen üblen Biss in die Flanke bekommen. Die Verbände waren bereits durchgeblutet und glänzten feucht im mittlerweile hellen Licht des Mondes. Rogue kletterte auf den Wagen und fühlte schnell ihren Puls, der unruhig und schwach ging. Sie war offensichtlich im Schock. „Wir haben hier eine Zwei! Ich brauche einen Zugang!" Während Lyra in seinen Sanitätstaschen nach dem Notwendigen kramte, warf Rogue einen Blick auf den alten Hengst, der neben der Stute lag. Es war lediglich sein Pflichtbewusstsein, der ihn einen Huf an die Halsschlagader legen ließ. Er hatte keinerlei sichtbaren Verletzungen, aber der wächserne Gesichtsausdruck des Ponys war ihm eigentlich schon Hinweis genug. Er bohrt seine empfindliche Hufspitze in das weiche Gewebe neben dem Adamsapfel, tastete zuerst links, dann rechts. Zuletzt, um ganz sicher zu gehen, hob er sein Ohr an die Schnauze des alten Ponys.

Lyra klopfte ihm von hinten auf die Flanke und hielt die vorbereitete Infusion in ihrem Mund, während sie die Kanüle neben sich schweben ließ. Rogue band den Vorderlauf von Willow ab, so dass sich ihre Venen besser abzeichneten. Er nickt in Richtung von Ol´ Junk.

„Ladet ihn ab und macht die Trage frei." Er schnappte sich die vor ihm schwebende Kanüle aus der sterilen Verpackung, visierte kurz und versenkte sie zielsicher in einem Blutgefäß. Diesmal funktionierte es ohne jedes Nachdenken.

„Wo sollen wir ihn hinlegen?" Colgate hatte die Trage, auf der das alte Pony lag, zusammen mit einer Kameradin vom Spritzenwagen gehoben. Sie stand neben der Bahre und blicke hilfesuchend zu Rogue auf. Das Retttungspony schloss die Infusion an und kontrollierte den Durchfluss. Dann widmete er sich der Wunde an der Flanke der Stute. „Kippt ihn einfach ab. Wir brauchen die Trage."

Colgate warf ihrer Kameradin einen betretenen Blick zu. Schließlich senkten sie die Trage und ließen den stillen Körper des alten Hengstes sanft auf den Wegesrand gleiten.

Was soll das? Was hast du gerade gesagt?, fragte Rogue eine leise Stimme in seinem Hinterkopf. Halt die Klappe. Ich brauche die Tragen für die Lebenden. Das brachte die Stimme zum Verstummen. Das war alles, was zählte.


Als Rogue mit dem letzten Krankentransport von der Straße im Gemeindehaus des Dorfes ankam, fand er sich im Vorort der Hölle wieder.

Twilight hatte den Ort gut ausgewählt. In der Mitte von Ponyville gelegen, bot die Dorfhalle ausreichend Platz, um alle Ponys hier zu versammeln. Die improvisierten Ambulanzen aus Gemüse- Obst- und Abfallkarren hatten genug Platz um vorzufahren und ihre bemitleidenswerte Fracht aus schreienden, blutenden Ponys abzuladen. Die schattenhaften Angreifer, die so unvermittelt in das Dorf eingedrungen waren, hatten unter den unbedarften Ponys einen hohen Blutzoll gefordert. Der Feuerwehrwagen von Pinkies Brigade war unablässig damit beschäftigt die schlimmsten Fälle ins Krankenhaus von Ponyville zu bringen. Derweil fuhren die von Applejack organisierten Karren durch das Dorf und holten die Verletzten ab, die sich in die Häuser geflüchtet hatten. So schnell sie auch arbeiteten, fanden sich die Chirurgen des kleinen Klinikums bis zu den Fesseln im Blut wieder, während ein dringender Notfall nach dem anderen zu ihnen gebracht wurde.

Während das Hospital an der Grenze seiner Belastbarkeit arbeite, war die Lage im Lazarett der Dorfhalle umso verzweifelter. Nichts und niemand hatte jemals mit einer so massiven Anzahl von Verletzten in der ländlichen Gegend gerechnet. Selbst die so berüchtigte ´Muffin-Pest´ vor knapp zwei Jahren reichte nicht einmal annähernd an diese zivile Katastrophe heran.

Die Schwestern und Ärzte, sofern sie nicht unentbehrlich für den Betrieb des Krankenhauses waren, hatten sich pflichtbewusst an der Verletztensammelstelle eingefunden und halfen, wo sie nur konnten. Die Hilfe aus Canterlot sickerte nur langsam durch den Flaschenhals der magischen Teleportation des Royal College. Ein Sanitätszug aus Stalliongrad war für den Transport der Schwerverletzten auf den Schienen unterwegs nach Ponyville, aber es würde noch Stunden dauern, bis er eintraf.

Derweil hetzten die überforderten Helfer in der Versammlungshalle von Pony zu Pony und wuschen, verbanden, oder schenkten Trost und das süße Vergessen der Schmerzmittel aus. Die unerkannten Angreifer waren mit dem Licht des sich wandelnden Mondes verschwunden, als Luna auf den verzweifelten Hilferuf von Twilight reagierte und ihr Gestirn voll erglühen ließ. Als ein Dutzend ihrer geflügelten Nachtwachen eintraf, konnten sie kaum mehr tun, als das Krankenhaus und die Dorfhalle zu sichern und zwei der kritischen Patienten im Himmelswagen der Nachtprinzessin nach Canterlot zu fliegen.

Rogue half aus, wo er nur konnte. Die Versammlungshalle, dieser helle, hohe Raum, war zu einem Pfuhl aus Blut, Schmerzen und Verzweiflung verkommen. Dicht an dicht lagen die Patienten hier, so dass er aufpassen musste, wohin er seine Hufe setzte. Er war überwältigt von der schieren Anzahl der Notfälle, die bei ihnen aufliefen. Der Kampf auf der Straße von Ponyville schien nur die Spitze des Eisberges zu sein. Viele Partygäste waren Hals über Kopf geflohen, als sie von der Bedrohung erfuhren und nicht wenige waren leichte Opfer der lauernden Schatten geworden. Andere waren vom Aufruhr auf den Straßen neugierig geworden und direkt in ihr Verderben gelaufen.

Er verband Wunden und wechselte Verbände. Er sprach den Opfern gut zu und beruhigte sie. Er drückte Patienten nieder, die außer sich vor Schmerz und Angst wild bockten und sich gegen jede Behandlung wehrten. Er half bei kleineren Eingriffen. Er verteilte Medikamente, manchmal mehr als er sollte, wenn er es für angebracht hielt. Er packte zusammen mit einem stillen Erdpony, dessen Namen er nie erfahren sollte, die stummen, leblosen Körper in die Säcke aus schwarzer, gummierter Jute. Sie reihten sie auf, draußen, neben einer hohen Hecke, wo sie hoffentlich niemand so leicht entdeckte. Weniger als er befürchtet hatte. Mehr als es hätten sein dürfen.

Irgendwo dazwischen, als die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schicke, während er träge einen Verband um einen Vorderlauf wickelte, nickte er ein.


Die Berührung war so unendlich sanft, dass sie ihn kaum weckte. Das wilde Schlagen seines Herzens in der Brust und der kalte Schweiß auf seinem Fell verrieten ihn, dass es keine angenehme Träume gewesen waren, aus denen er geweckt worden war, auch wenn die Bilder des Albdruckes seinem wachen Verstand flohen.

Jeder seiner Muskeln schmerzte und die Kratzer an seiner Seite stimmten in dieses klagende Lied mit ein. Doch schlimmer als alles andere war die Erschöpfung. Er fühlte sich innerlich leer, wie ausgehöhlt. Und kalt. Er spürte die hellen Strahlen der Sonne auf sich, aber die Kälte kroch dennoch aus ihm selbst hervor. Es fühlte sich an, als würde ihm nie wieder warm werden. Ihm fehlte sogar die Kraft zum Weinen.

Er lag auf weichen, sauber duftenden Laken. Es war still um ihn herum. Er war dankbar dafür. Das Stöhnen und Wimmern der Ponys, das ihn die letzten Stunden verfolgt hatte, war zu viel gewesen, um es zu ertragen. Er wünschte nur, er könnte einfach weiterschlafen, das dunkle Vergessen umschließen, es nie wieder los lassen. Die Finsternis hinter seinen Augenlidern verhieß das sanfte, süße Vergessen, nach dem er sich so sehr sehnte. ´Drei´, dachte er. ´Gebt mir eine Drei.´

Etwas – Jemand – strich sanft mit etwas kühlem über die Wunden an seiner Seite. Rogue wimmerte leicht und zuckte zurück, als es einen Moment lang brannte. Dann entspannte er sich, als der Schmerz verflog und einer angenehmen Taubheit platz machte. Die fremden Hufe glitten an seinen Rippen entlang, brachten die erlösende Anästhesie und spülten den Schmerz und das Unbehagen hinweg. Als er wieder zurück in die unruhige Umarmung seiner Träume glitt, war das letzte, was er hörte, die leise Stimme eines Ponys, das für ihn sang.

Hush now, quiet now

It´s time to lay your sleepy head

Hush now, quiet now

It´s time to go to bed.