Ich komm mir langsam vor wie ein zerstreuter Professor ;). Ich hab euch sicher Kopfzerbrechen bereitet, aber jetzt ist alles gut, das kapitel macht Sinn, Rechtschreibung... naja *lol*.
Viel Spaß beim Lesen und danke für eure Kommentare!
Übrigens, Edwards kurzer unangebrachter gedanklicher Ausrutscher ist nur zustande gekommen, weil ich unter einem schlechten Einfluss leide... *drück dich* ...da ist das aber noch sehr, sehr harmlos...noch... *hust*
Disclaimer: Twilight will never ever be a property of mine.
Die Wahrheit
Es war früh am Morgen, sehr früh und ich war einfach nur todmüde. Dennoch, wie aus heiterem Himmel wurde ich vom Kater verschont. Nicht so wie mein Zwillingszwerg, der da zusammengekauert auf der Couch rumlag. Wir hatten es nicht mal bis in unsere Zimmer geschafft. Wann waren wir wieder zu Hause?
„Hey Alice, wie spät ist es eigentlich?", fragte ich sogleich. Mensch, mir ging es wirklich gut.
WUMM
Da hatte ich auf einmal ein Kissen im Gesicht.
„Alice, was zum…"
„Pscht. Mach hier nicht so einen Lärm. Ich glaube, mein Kopf zerspringt."
Darüber musste ich herzlichst lachen. War es nicht Alice, die einen Abend voller Alkohol vorgeschlagen hatte? Ganz sicher, es war diese kleine Hexe. Naja, irgendwie tat sie mir schon leid, aber auch nur irgendwie.
„Seid ihr endlich aufgewacht?"
Ich wandte mich zur Wohnzimmertür und erblickte einen äußerst belustigt dreinschauenden Jasper. Rosalie stand genau hinter ihrem Bruder und grinste mich an. Auch Emmett bahnte sich den Weg in die Stube, jedoch war seine Stimmung nicht annähernd so gut wie die der beiden anderen.
„Em, was ist mit dir…"
„Warum, verdammt noch mal, macht ihr so ne geile Sause und ich bin nicht eingeladen???"
Wieso musste mir eigentlich heute jeder ins Wort fallen?
WUMM
Diesmal hatte Emmett ein Kissen abbekommen. Ausgleichende Gerechtigkeit konnte ich dazu nur sagen oder besser denken.
Ich setzte noch einmal an, versuchte die Kommunikation durchzuführen, aber diesmal im Flüsterton: „Also, wie spät ist es nun eigentlich? Gab's schon Frühstück? Mir hängt der Magen nämlich in den Kniekehlen."
„Eddy, es ist schon kurz nach 12. Nix mehr mit Frühstück. Geht euch duschen und dann ab an den Mittagstisch", hallte Emmetts schallende Lache durchs Wohnzimmer.
„Verdammt, könnt ihr nicht einmal ruhig sein, einmal? Haltet doch endlich eure Klappen!!!", sagte der Zwerg, der sonst am lautesten und am längsten quasselte.
„Komm Schatz, ich schaff dich hoch ins Bad. Ich lass dir auch Wasser in die Wanne ein, da kannst du dich noch etwas entspannen", bot Jasper seiner Verlobten an, die ihren Kopf wieder unter den Sofakissen vergraben hatte. Ja, der Tag würde interessant werden, in vielerlei Hinsicht.
***
Nachdem Alice langsam wieder zu neuem Leben zurückgefunden hatte, begannen wir auch schon unser Frühstück, ähh Mittag.
Von der anfänglich fröhlichen Stimmung war leider nicht allzu viel zu spüren. Alles wirkte etwas angespannt. Irgendwie ahnte ich schon, dass es jetzt an der Zeit war, auch die anderen einzuweihen, wenn es nicht schon jemand anderes getan hatte. Kurz schaute ich mich zum. Nein, Carlisle war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich war er immer noch im Krankenhaus. Er musste dort geschlafen haben.
Doch um sicher zu gehen, fragte ich lieber nach: „Mom, ist Dad diese Nacht heimgekommen?"
„Nein, Edward. Er hatte nur kurz angerufen und gesagt, dass er besser in der Klinik bleibt, nur falls etwas ist", antwortete Esme mit einem kleinem Lächeln auf den Lippen.
Das dachte ich mir schon. Es war nun an mir, die Katze aus dem Sack zu lassen. Ich atmete tief durch und bereitete mich darauf vor, die Hiobsbotschaft zu verkünden. Eine zierliche Hand legte sich auf die meine. Ich sah auf den Tisch und dann zu meiner Rechten. Alice lächelte mich ermunternd an und drückte leicht meine Hand. Sie ahnte, was ich im Schilde führte und sie hielt es für das Richtige. Na bitte, das war die Bestätigung, die mir noch fehlte.
„Leute, ich muss euch was sagen", hauchte ich. Es fiel mir so schwer, frei und unbeschwert zu sprechen. Ich konnte schon förmlich den Kloß in meinem Hals spüren.
Alle Blicke waren auf mich gerichtet und ich hatte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Auch wenn das Emmett nicht daran hinderte, sich weiterhin sein Essen in den Mund zu schieben. Dafür erntete er einen Klatsch auf den Hinterkopf von Rosalie.
„Ist etwas mit Chris? Was Schlimmes?", war die erste Frage, die meine Mutter sofort einwarf.
Ich schüttelte den Kopf und versuchte ihr ein beruhigendes Lächeln zu schenken, doch ich war mir ziemlich sicher, dass es eher wie eine Grimasse aussah. Zum Glück half mir Alice aus. Perfektes Timing.
„Nein, nein, es geht ihm jetzt besser. Dad hat alles geregelt und Dank Edward wird er sicher bald wieder auf den Beinen sein."
Alle atmeten erleichtert auf. Nur Emmett fragte verdattert: „Was hat Eddy denn gemacht?"
„Edward, du Vollidiot!" Meine Beherrschung ging gerade flöten, deshalb reagierte ich etwas gereizt.
„Meinet wegen. Aber was hast du denn nun gemacht, Edward?"
„Edward hat ihm Blut gespendet", klinkte sich Alice spontan in unser Gespräch ein.
„Spitzen Leistung, aber das hätte doch jeder gekonnt. Versteh mich bitte nicht falsch, du weißt ja, ich hab's nicht so mit Nadeln, also Hut ab Alter. Aber warum denn gerade du?" Man konnte es kaum glauben, Emmett besaß einen Hochschulabschluss, hatte aber den Ausdruck eines Hauptschülers…
Es war mir so unangenehm. Ich wusste ja, was jetzt kommen würde, aber dennoch war es mir schleierhaft, wie man so viele doofe Fragen stellen und nicht die Antwort erahnen konnte. Doch Alice half wie immer aus.
„Weil die Blutgruppe von Chris äußerst selten ist. Daher ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Verwandte ersten Grades die gleiche Blutgruppe haben."
„Aha und Eddy hier ist Verwandter ersten Grades?"
In diesem Moment schliefen Jasper und Rosalie die Gesichtszüge ein. Sie gafften mit offenen Mündern vor sich hin und waren einfach nur geschockt. Esme hingegen hatte ihren Blick auf mich fixiert, runzelte die Stirn und sah mich einfach nur fragend an. Sie wollte etwas sagen, doch Emmett war schneller.
„Und was sind Verwandte ersten Grades?" Oh Emmett, wie blöd konnte man denn nur sein.
„Kinder und ihre Eltern sind Verwandte ersten Grades", erklärte Alice ruhig und gelassen. Doch das war nur die Fassade. Ich konnte deutlich sehen, dass sie auch mit ihrer Geduld am Ende war. Alle hatten es begriffen, keiner sagte etwas, außer diesem Riesenbaby.
„Also Mom und ich?", bedeutete Emmett von Esme auf sich.
„Ja", zischte ich durch die zusammengebissenen Zähne.
Nach einer Weile des Überlegens meldete sich Emmett dann doch noch einmal zu Wort: „Wartet mal, dann müsste ja Edward…" Und da sah ich, dass es nun auch endlich mein großer Bruder geschnallt hatte.
Rosalie strich ihm liebevoll über den Kopf und gab ihm zu verstehen, dass die anderen es schon zehn Minuten früher begriffen hatten.
„Wow", war alles, was meinem Brüderchen dazu noch einfiel. Ich musste zugeben, wow traf es ganz gut.
Wir schwiegen eine ganze Weile vor uns hin. Was sollte auch noch dazu gesagt werden, die Katze war ja schließlich aus dem Sack.
„Also bin ich quasi Onkel?", fragte Emmett aus heiterem Himmel heraus.
„Von der Seite habe ich das ja noch gar nicht betrachtet", sagte Alice nachdenklich. Plötzlich hellten sich ihre Gesichtszüge auf und sie platzte förmlich mit den nächsten Worten heraus: „Ich bin Tante! Tante, juhu!"
Wie ein Flummi sprang sie auf und ab. Das Kuriose daran war, dass Emmett ihrem Beispiel folgte und nun beide fröhlich durch die Küche hüpften. Das Mäuschen und der Elefant, ein Bild für die Götter. Eigentlich wartete ich nur darauf, dass etwas zu Bruch ging. Doch ich wurde prompt aus meiner kleinen, etwas fröhlicheren Welt herausgerissen.
„Und was heißt das jetzt, Edward?" Esme hatte ihre Worte an mich gerichtet. Alice und Emmett verstummten wie auf ein stilles Zeichen hin. Die unbeschwerte Stimmung war wieder gebrochen.
Ich wusste es nicht. „Ich weiß es nicht." Esme sah mich eindringlich an. Ich wurde aus ihrem Blick nicht schlau. Was wollte sie von mir? War sie wütend, verwirrt?
„Aber du musst zugeben, die Frage ist berechtigt", klinkte sich Emmett wieder bereitwillig ins Gespräch ein.
„Natürlich ist sie das", gab ich zu, „doch was soll ich denn machen? Ich wusste doch bis vor ein paar Stunden selbst noch nichts davon. In meinem Kopf schwirren tausend Fragen umher und ich habe nicht eine Antwort."
„Willst du es denn, Edward? Ein Kind bringt eine große Verantwortung mit sich, das darf man nicht unterschätzen", fuhr Esme fort. Wollte ich? Konnte ich? Durfte ich?
„Wollen schon… Ich weiß, es klingt vielleicht ziemlich naiv, nein, es ist naiv, aber ich glaube, das hab' ich mir schon immer gewünscht. Nicht so und definitiv nicht unter solchen Umständen. Ich hab' den Kleinen gern. Ihr habt ihn doch gesehen, den muss man einfach lieb haben. Gott, das klingt so kitschig."
„Nein, gar nicht", sagte Alice und wuschelte mir durch meine ohnehin schon zerzausten Haare. „Aber Edward, einen wichtigen Punkt hast du da noch ausgelassen." Ich blickte sie verwirrt an. „Die Mutter, Edward", fügte sie hinzu und zog dabei die Stirn in Falten.
Sie hatte ja Recht. Bis jetzt wusste noch keiner, wer Chris' Mutter war.
„Ja, genau, wer ist sie? Eddy, bist du dir sicher, dass das dein Kind ist? Nix für Ungut, aber ich dachte schon, du würdest nie Eine abkriegen. Ouch, Rosie!" da hatte Emmett mal wieder eine hinter die Ohren bekommen.
„Ja Schatz, das würde mich allerdings auch interessieren", sagte Esme und verschränkte fordernd die Hände vor der Brust. Hilflos blickte ich schon wieder flehend zu Alice. Diese wedelte mit der Hand, toll, diesmal musste ich reden.
„Ja also", fing ich an. Genau, so war es richtig, schwach anfangen und dann stark nachlassen. „Es ist Bella."
Ich kniff die Augen zu, ich wollte gar nicht sehen, was sich in dem Gesicht meiner Mutter abspielte. Ganz sicher, das musste ihr einfach den Rest geben. Erst erfuhr sie aus heiterem Himmel von ihrem Enkel, mit dem sie noch Stunden zuvor rumgealbert hat, ohne zu wissen, dass viel mehr hinter der Sache steckte, als ersichtlich und nun wurde ihr auch noch ins Gesicht geschleudert, dass ihr Sohn nicht nur unschuldige Doktorspiele mit seiner besten Freundin gespielt hatte. Panik war ja förmlich vorprogrammiert.
„Bella?", fragte Emmett ungläubig.
Rosalie und Jasper tuschelten leise. Doch da ich meine Augen immer noch auf Teufel komm raus zusammenkniff, waren meine anderen Sinne geschärft und ich hörte sie. „Wer ist Bella?" „Keine Ahnung, Rose. Frag doch mal Emmett."
„Bella war meine beste Freundin, als wir noch in Phoenix lebten. Eigentlich waren wir kein Paar. Das… naja, das war ein Ausrutscher. Ich konnte ja nicht ahnen, was das für Auswirkungen haben könnte", platzte ich heraus, noch bevor irgendjemand mir wieder ins Wort fallen konnte.
Ich blickte nun in die Runde und ließ meine Augen zu meiner Mutter wandern. „Mom? Sag was dazu, bitte."
Sie atmete schwer aus. „Das ist starker Tobak, Edward. Das erklärt vielleicht auch, warum sie sich nie mehr gemeldet hat…", fügte Esme gedankenverloren hinzu.
Ich entschloss mich, bevor noch weitere Fragen aufkamen, einfach zu erzählen, was im Krankenhaus vorgefallen war, wie ich im Supermarkt auf Bella traf und wie sie mich im Klinikgarten hat stehen lassen. Den Teil mit dem Brief erzählte ich auch, jedoch nur auf Alice' Drängen. Schließlich war die ganze Sache schon verquer genug, da musste sie nicht auch noch peinlich werden. Die sympathisierenden Blicke raubten mir auch beinahe den letzten Nerv. Ich wollte Hilfe, Unterstützung, kein Mitleid.
Wie auf den Punkt genau klingelte es an der Haustür, als ich gerade meinen letzten Satz zu Ende erzählt hatte. Es war sicher Carlisle. Vielleicht hatte er noch ein paar Antworten und ich… ich musste mich schließlich noch bei meinem Dad dafür entschuldigen, dass ich mich wie ein Riesenbaby aufgeführt hatte. Emmett ging an meiner statt zur Tür. Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, wenn Carlisle doch gerade erst von seiner Schicht nach Hause kam.
„Jetzt haben wir aber immer noch keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll. Du weißt von deinem Sohn, wir wissen es und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich Bella auch im Klaren darüber ist, dass du uns etwas erzählt hast." Esme hatte Recht. Da die Wahrheit endlich auf dem Tisch war, mussten wir eine Lösung finden. Ich musste eine Lösung finden.
„Ok, dann lasst uns mal einen Schlachtplan machen", schlug Alice gleich enthusiastisch vor. Selbst Jasper klinkte sich mit ins Gespräch ein und klopfte mir verbal auf die Schulter, dass wir uns da schon irgendetwas einfallen lassen würden. Rosalie, die sich sonst immer kühl zurückhielt warf ein, dass sie noch nie so schnell von jemandem angetan war wie von Chris. Und Esme? Sie beobachtete, wie die Kinder, also wir, unsere Köpfe zum Qualmen brachten, sagte aber nichts, lächelte nur ab und an in die Runde.
„Leute, Leute, beruhigt euch mal. Ich will ja was tun, ganz bestimmt sogar, aber ich weiß ja noch nicht mal, was Bella dazu zu sagen hat", gab ich zurück.
Emmett erschien wieder in der Küche mit einer Miene, die vor Bestimmtheit nur so strotzte. „Das fragst du sie am besten gleich selbst."
„Was?"
Emmett atmete tief durch und deutete mit seinem Daumen gen Haustür. „Sie ist draußen. Bella steht vor der Tür."
Das konnte doch gar nicht wahr sein. Ein Traum, klar, so wie früher. Eine andere Erklärung kam gar nicht in Frage. Was machte Bella denn an einem Sonntagnachmittag vor meiner Haustür? Oh klar, der Brief. Sicherlich hatte sie ihn gelesen. Was sie wohl dazu sagen würde?
Die anderen am Tisch oder auch mein Bruder im Kücheneingang interessierten mich nicht mehr, ich hatte ein anderes Ziel vor Augen. Ich war wie benebelt und in meinem Bauch tanzten die Schmetterlinge Tango. Wann war ich das letzte Mal so aufgeregt gewesen? Vor einer Prüfung? Nein. Irgendwann schon einmal? Nein, dieses Gefühl war unbeschreiblich, es war mir fremd. Doch es quälte mich dadurch nicht minder.
Die paar Meter bis zum Flur und schlussendlich zur Haustür kamen mir vor wie Stunden. Stunden, in denen ich mehrere Kilometer gelaufen war. Ich war so erschöpft und atmete so schwer, wie nach einem Marathon. Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass das Bella war, die mich auf der anderen Seite der Tür erwartete. Ich wollte so gern einen Blick von ihrem Gesicht erhaschen, durch die Scheibe, die in der Türe eingelassen war. Doch sie stand nicht genau vor mir. Ihre Haare wehten im Wind. Sie strich sich durch die lange Mähne. Oh wie gern wäre ich diese Hand gewesen…
Was war denn das bitte? Solche Gedanken? Ich? Seit wann? Diese Frau hatte definitiv einen schlechten Einfluss auf mich und auf meine Emotionen.
Ich atmete noch einmal tief durch und öffnete dann die Tür. Bella bemerkte es erst nicht. Als sie sich schließlich zu mir umwandte, blieb mein Herz stehen. Sie war so schön, so wunderschön und sie sah genauso aus, wie ich sie mir immer erträumt hatte. Doch der Grund ihres Erscheinens trieb mir Stiche in die Brust, denn ich wusste, das würde kein netter, kleiner Plausch werden.
„Hallo Bella", sagte ich leise, als ich mich auf sie zubewegte. Meine guten Manieren hatten sich daran erinnert, mir einen Stoß zu versetzen und so zumindest einmal eine Begrüßung einzuleiten.
„Hallo Edward", war ihre zaghafte Antwort, die mit einem fast unscheinbaren Lächeln begleitet war. Ihre Wangen waren rosig, sie war aufgeregt, keine Frage. Ihr ging es da wohl nicht anders als mir.
Doch wohin nun und wie beginnen?
„Em… du hast sicher Post bekommen", sagte ich kleinlaut und fuhr mir nervös durch die Haare. Sicher nicht das letzte Mal an diesem Tag.
Bella nickte und blickte mir in die Augen. Komm Edward, denk nach, lass dir was einfallen. Schließlich hast du ja die ganze Sache angezettelt, im wahrsten Sinne des Wortes, jetzt tu auch was.
„Wir können uns dort drüben auf die Bank setzen, wenn du möchtest. Ich würde gerne mit dir reden." Ich schaute sie an, sie scheute nicht zurück und ging geradewegs hinüber zur Parkbank, die am Rande unserer Wiese stand. Es war herrlich, die Luft war so rein, die Sonne schien und kalt war es auch nicht. Für Forks etwas ganz Besonderes. Und gerade jetzt musste ich hier sitzen und konnte den Tag nicht genießen. Mit ihr wäre das zwar möglich, doch nicht unter diesen Umständen.
„Edward", riss sie mich aus meinen Gedanken. Ich stand immer noch vor der Bank, hatte mich nicht getraut mich zu setzen. Bella zeigte mir, dass es in Ordnung war und bedeutete mit ihrer Hand auf den Platz rechts neben ihr.
„Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll, Bella", gab ich zu und starrte verlegen in die Luft, nur um nicht mit ihren großen braunen Augen konfrontiert zu werden.
„Dann fang ich einfach an."
Ich lauschte, doch ich hörte nichts, außer einem kleinen Kichern. Neugierig wandte ich mich zu ihr und sah ihre Hand, wie sie mir einen Umschlag entgegenstreckte. Verwundert schaute ich sie an, doch sie lächelte nur.
„Mach ihn auf, ich wollte dir richtig antworten und du hast ja schließlich damit angefangen", fügte sie fröhlich hinzu. Langsam, langsam kam die alte Bella zurück. Wir wurden lockerer miteinander, nicht ganz, aber das Eis begann zu tauen. Ich konnte es fühlen.
Ich öffnete das Kuvert und zog einen Brief heraus. Mit einem letzten Blick auf Bella, begann ich zu lesen.
Edward,
vielen Dank für deinen Brief.
Ich muss schon zugeben, es hat mich überrascht, von dir zu hören. Dennoch, irgendwie hatte ich insgeheim damit gerechnet. Schließlich warst du nie der Typ, der vor Problemen weggerannt war. Nein, du warst das nicht, dafür gab es ja mich.
Ich hätte mich gefreut, wenn du mit einem Witz begonnen hättest. Dabei wäre es mir ganz egal gewesen, welchen du dir herausgesucht hättest. Denn ich konnte mir schon denken, dass dieser Brief nicht rein der Höflichkeit wegen verfasst wurde. Mir waren deine Absichten bewusst. Daher wäre ein auflockernder Witz der richtige Aufhänger gewesen. Bitte entschuldige meinen geringfügigen Einfallsreichtum, denn auch mir ist kein gescheiter Witz eingefallen. Von daher sind wir in dieser Hinsicht wohl Quitt.
Edward, es gab einen Grund dafür, wieso ich auf keinen deiner Briefe geantwortet habe oder auch generell versuchte, den Kontakt mit dir zu unterbrechen. Heute, gerade jetzt, frage ich mich, ob es die richtige Entscheidung war. Zurückblickend denke ich ja, doch dein Brief hat mir gezeigt, dass dem wahrscheinlich nicht so ist.
Welche Nachrichten? Ich habe keine Nachrichten erhalten. Solltest du an meine Mutter geschrieben haben, dann wäre das eine Möglichkeit, wieso ich nichts bekommen habe. Denn du musst wissen, nicht nur ich habe den Kontakt zu dir versucht zu vermeiden, meine Mutter auch. Und dabei wusste sie nichts von uns, also von dir. Ich habe es ihr nie erzählt, doch das ist eine andere Geschichte.
Edward, unsere gemeinsame Nacht habe ich nicht vergessen. Ja, am darauffolgenden Morgen hatte ich ein Blackout, doch die Erinnerungen kamen wieder. Nicht zuletzt durch den Schwangerschaftstest, den ich in den Händen hielt. Ich war verwirrt, wahrscheinlich nicht weniger als du. Du glaubtest, ich hätte den Abschlussball vergessen, da ich dich danach fragte. Da du mir aber keine Antwort gegeben hattest, bin ich davon ausgegangen, dass du es nicht mehr wusstest.
Das war eigentlich der Hauptgrund, warum ich dir nicht einfach so sagen konnte, dass ich schwanger war und du der Vater meines Kindes. Wie sollte ich dir denn begreiflich machen, dass das unser Kind ist? Du hattest es doch vergessen. Ich kam mir so unwert vor, so als wolltest du nur schnellstmöglich vergessen, was geschehen war. Du weißt doch, ich war schon immer unsicher und der nächste Morgen…, dein zögerliches Verhalten hat mich nicht gerade in meinem Selbstbewusstsein bestärkt.
Edward, ich hatte Angst. Wir waren doch Freunde, nur Freunde. Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Das war so ein riesiger Schock für mich. Nie hätte ich auch nur im Entferntesten damit gerechnet, mit 17 schwanger zu werden. Ich hatte Angst, dass du mich zurückweisen würdest und dann noch die Sache mit meiner Mom. Ich hatte keine andere Wahl. Das wichtigste für mich war es, zuerst eine Lösung für mich und meine prekäre Situation zu finden.
Außerdem wollte ich dir keine Schwierigkeiten machen.
Wir waren beide nicht mit der Schule fertig, hatten beide keine Absicherung. So schön es auch ist, ein Kind zu haben, es schränkt dich ein. Ich wollte deine Zukunft nicht beschneiden, dich nicht an mich oder das Baby ketten. Du wolltest doch so gerne Arzt werden, wie dein Dad. Das hieß, dein Abschluss musste gut werden und du musstest hart für deine Ziele arbeiten. Da kam ein Baby nicht in Frage. Ich wollte dir deine Zukunft nicht zerstören. Du solltest mich nicht als das Mädchen in Erinnerung behalten, das für dein Scheitern verantwortlich war. Lieber wollte ich, dass du mich schnell vergisst und weiterleben kannst. Vielleicht so, als hätte ich nie existiert. Dass ich jeden Tag an dich gedacht hatte, war eine andere Geschichte. Jedesmal, wenn ich in die Augen meines Sohnes sah, sah ich dich.
Wegen Jacob: Jacob ist ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben, den ich nicht missen möchte und ohne den ich wahrscheinlich viele Probleme gehabt hätte. Wir sind sehr gute Freunde, doch das war es auch schon. Als wir uns damals kennenlernten war Chris schon auf der Welt und Jake hatte auch schon seine Freundin, Leah. Sie sind verlobt und wollen noch in diesem Jahr heiraten. Wir waren Kommilitonen, hatten daher viel miteinander zu tun. Doch wir waren niemals mehr als das und würden es auch nie sein. Jake ist ein paar Jahre jünger als ich, er ist wie ein kleiner Bruder für mich und wie ein Onkel für Chris. Das sollte ich dir nun aber auch nicht mehr vorenthalten; Jacob ist der Patenonkel von Christian. Es gab keinen Menschen, dem ich mehr vertraut hätte, als ihm. Er war immer für mich und den Kleinen da, wenn ich Hilfe brauchte und auch jetzt, da ich den Unfall hatte, waren er und Leah an meiner Seite. Ich schätze ihn sehr, das ist alles. Chris hat niemals Daddy zu ihm gesagt, denn er wusste, dass sein Daddy irgendwo da draußen ist. Wie nah konnte ja keiner ahnen.
Es tut mir leid, dass du so viel Kummer erlitten hast und dass dein Weg auch nicht gerade einfach war. Ich hatte mir immer nur das Beste für dich gewünscht. Doch glaub mir, für mich war es auch nicht so leicht, in eine Beziehung hineinzukommen. Schließlich lag die Messlatte recht hoch. Einen besten Freund konnte keiner so schnell ersetzen. Nicht nur das, auch Chris machte mir immer einen Strich durch die Rechnung. Er mochte keinen der Männer, die sich für mich interessierten. Im Gegenteil, er hat jeden rausgeekelt. Deshalb war ich eigentlich ganz schön erstaunt, als mir mein Dad erzählte, dass er dich sofort ins Herz geschlossen hatte. Seltsam, nicht? Hm, das Schicksal scheint einem gern einen Streich zu spielen.
Edward, keine Entschuldigung der Welt rechtfertigt, dass ich dir deinen Sohn fünf Jahre lang vorenthalten habe. Das weiß ich, daher werde ich es auch nicht tun. Jedoch möchte ich dir gerne noch mehr erklären. Ich will keine Geheimnisse mehr haben, nicht vor dir, vor Chris oder vor meinen Eltern oder wem auch immer. Es kommt ziemlich spät, aber falls du noch Interesse daran haben solltest, bin ich mehr als gewillt, dir jede deiner Fragen zu beantworten.
Danke für deine unendliche Geduld und deine Liebenswürdigkeit.
Bella
Ich spürte ihre Augen auf mir, doch es fiel mir schwer, mich von diesem Stückchen Bella loszureißen. Sie hat mir geantwortet, war bereit, mit mir zu kommunizieren.
„Ich denke, das beantwortet noch nicht alle Fragen, im Gegenteil, ich denke, ich habe dir noch weitere gegeben. Doch ich wollte dir das nicht einfach so in einem Brief schreiben, weißt du?"
Ich sah zu Bella und blickte in ihre ehrlichen Augen.
„Danke, für den Brief und dass du gekommen bist." Sie musste wissen, wie viel mir das bedeutete.
„Gern geschehen, schließlich war ich diejenige, die die ganzen Probleme heraufbeschworen hat, nicht?"
„Naja, nicht ganz allein." Meine Gedanken wanderten zurück zu dem Abschlussball. Nein, Bella war nicht allein daran schuld.
Sie grinste und lachte laut auf. Ein wunderbares Geräusch. „Stimmt, da hast du wohl Recht."
Wir beruhigten uns wieder und die Stimmung wurde geheimnisvoll. Es war alles noch ein wenig drückend und schwer zu begreifen. Aber es war ein Anfang, immerhin.
Bella erhob sich und ging ein kleines Stück von der Bank weg. Es war Zeit, wir sollten jetzt auseinander gehen, alles andere wäre sicher anstrengend gewesen.
„Ich will dich nicht überrumpeln, Bella. Aber wann wollen wir den Rest bereden?"
Sie drehte sich nicht zu mir sondern blickte gen Himmel. „Was machst du heute Abend?", konterte sie mit einer Gegenfrage.
Puh ja, was machte ich? „Nichts."
„Dann haben wir ein Date. Also, wenn dir das recht ist." Und ob mir das recht war? Natürlich!
„Dann hol ich dich um sieben ab?" Das war eine Frage, es sollte doch bestimmter klingen.
„Geht klar, ich freu mich. Bis dann", sagte sie und ging gen Tor.
„Bis heute Abend!" Auch ich wandte mich ab und begab mich zur Haustür.
„Übrigens, Edward"
Ich hielt inne. „Ja?"
„Weißt du, welche Stelle mir in deinem Brief besonders gut gefallen hat?"
„Nein", gab ich ehrlich zu. Ich hatte ihr einiges gesagt. Was genau ihr da ins Auge gestochen war, konnte ich nicht benennen.
„Ich war ein Frack, Bella. Die Stelle. Ich konnte mir schon denken, dass es nicht leicht für dich war, aber dass ich die Schuld an deiner Verwandlung in ein Kleidungsstück trug, das hätte ich nicht gedacht."
Bella grinste mich breit an. Ach du Heiland, ich meinte doch, ich war ein Wrack und kein Frack. Himmel Herr Gott noch mal, Hände weg vom Alkohol.
Verlegen fuhr ich mir mit der Hand durch die Haare, das hatte ich heute schon öfter getan. Verdammt war ich nervös. „Naja, ich war da gestern nicht in den besten Umständen, ja."
„Schon ok. Dein Brief hat mich traurig gemacht, doch da konnte ich lächeln. Ich glaube, das hat mir den Anstoß gegeben, heute hier bei dir vorbeizukommen. Ich dachte schon, du hast es mit Absicht gemacht. Du weißt schon, um eine Antwort zu bekommen. Ich war doch schon immer ein Freak, wenn es um Rechtschreibung ging." Sie lächelte. Sie lächelte mich an und ihre Augen strahlten dabei.
Nein Bella, du warst kein Freak, nicht für mich.
Endlich mal ein halbwegs vernünftiges Gespräch mit Bella. Haben wir nicht schon ewig darauf gewartet?
A/N: Danke fürs Lesen, Reviews wärmstens erwünscht.
