Dieses Kapitel kommt deutlich zu spät und das tut mir Leid, aber ich kränkele ein wenig und habe es erst jetzt geschafft es zu überarbeiten. Das aktuelle Update wird es aber heute auch noch geben! Dieses Kapitel ist zum einen all den Menschen gewidmet, die einmal einen Menschen verloren haben und zum anderen denen, die alles auch mal gerne von einer anderen Seite sehen und sich nicht nur mit einer einseitigen Sicht der Dinge zufriedengeben
Donnerstag, 13. Dezember 1984, 16.32 Uhr
"Harry! Ich warne dich, ich rufe nicht noch einmal!" Erschrocken zuckte der Vierjährige zusammen, rannte zur Zimmertür und steckte den Kopf hinaus. "Ich komme gleich, Mummy, wirklich! Ich brauche nur noch zweieinhalb Minuten!" Die Rothaarige hob eine Augenbraue und schmunzelte leicht. "Das kannst du so genau sagen?" "Ja?" Damit zog er seinen Kopf zurück, schlug die Tür wieder zu und rannte zu seinem Platz zurück. Das Knarren der Treppe ließ ihn noch schneller werden und so huschte der dicke, grüne Stift mit einer Geschwindigkeit über das Papier, dass einem beim Zuschauen wirklich schwindelig werden konnte. Langsam schob Lily die Tür auf, blieb im Rahmen stehen und beobachtete ihren Sohn mit einem sanften Lächeln. "Was machst du denn noch hier, Harry? Wir wollen doch Grandma und Grandpa besuchen. Daddy wartet schon!" Der Kleine nickte, stand aber nicht auf, sondern griff einfach nach einem anderen Stift. "Harry!", seufzte sie. "Was soll denn das? Hör zu, ich kann ja verstehen, dass du da nicht so gerne hingehst, aber..." "Aber ich muss doch Grandma was mitbringen", unterbrach er sie unwirsch und bedachte sie mit einem vorwurfsvollen Blick. "Weil es ist ihr Geburtstag und draußen sind gar keine Blumen mehr, die ich pflücken kann." Lily trat näher und kniete sich neben ihm nieder. "Und deswegen malst du ihr ein paar? Das ist aber wirklich süß von dir, mein Schatz!" Er nickte bestätigend und zeichnete dann konzentriert an dem bunten Strauß weiter.
Lily dagegen stand wieder auf, beseitigte Papierschnipsel und Buntstiftspäne, lehnte sich an eine Wand an und sah sich in dem Raum um. Zweimal in der Woche räumten Lily und Harry zusammen sein Zimmer auf und auch an das Putzen hatte sie ihn von Anfang an spielerisch herangeführt und so sah sein Kinderzimmer eigentlich immer ganz ordentlich aus. Na ja, so ordentlich wie man es von einem Kind erwarten konnte, aber alles andere wäre Lily auch nicht recht gewesen, denn ihr Kleiner sollte schließlich unbekümmert spielen können, ohne sich Gedanken machen zu müssen, dass er sofort wieder alles aufräumen musste, denn darum ging es nicht, es sollte nur kein Sau... keine Hundehütte werden, wie James es gerne scherzhaft bezeichnete. Lily gluckste und ließ ihre Augen dann über die Wandbemalung des Zimmers wandern. Es war ein riesiges Schloss mit vielen Türmen. Zwischen den Zinnen steckten Kinder und Tiere ihre Köpfe hindurch, aus den Türmen winkten Prinzen und Prinzessinnen in teuren Gewändern heraus, Ritter fochten auf einer der Brücken einen Schwertkampf aus und am Himmel konnte man mehrere herumfliegende Drachen erkennen. Lily hatte Stunden, Wochen, ja vielleicht sogar Monate in diesem Zimmer verbracht und jeden Zentimeter in liebevoller Kleinarbeit bemalt, für ihr Baby hatte alles perfekt sein sollen und davon abgesehen war es auch so ziemlich das einzige gewesen, was ihr Mann sie hatte tun lassen und sie war froh gewesen, auch etwas Sinnvolles machen zu können.
Ihr Blick glitt über die mit herumfliegenden Besen bedruckten Gardinen, den alten Eichenschrank, das von einem Baldachin umgebene Bett, die Truhe, in der ihr Sohn sein Spielzeug aufbewahrte, den kleinen Tisch mit den winzigen Stühlen, das große Bücherregal und blieb dann an dem großen, weißen Einhorn hängen, das mit einem pinken Pullover bekleidet in der Ecke des Zimmers stand und Harrys ganzer Stolz war. Es war Petunia gewesen, die Lily das Kuscheltier zu ihrem zehnten Geburtstag von ihrem ersten selbstverdienten Geld gekauft hatte und eines der wenigen Dinge, die Lily aus ihrem Elternhaus gerettet hatte.
"Mummy?", riss sie in diesem Moment eine unsicher klingende Stimme aus den Gedanken und sie blinzelte hastig und sah ihren Sohn dann fragend an. "Was ist denn, Schatz? Ist das Bild fertig?" Er nickte zögernd, ließ sie aber nach wie vor nicht aus den Augen. "Bist du traurig, Mummy?" Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihn gespielt fröhlich an. "Nein, ich habe nur etwas ins Auge bekommen." "In beide?", fragte er misstrauisch und sie hob die Schultern. "Du kennst doch mein Glück. Wir alle springen durch Pfützen, aber meine ist die einzig wirklich tiefe und prompt stehe ich bis zu den Knien im Dreck. Und wer schlägt sich dauernd den Kopf an, bekleckert seine Lieblingsjeans und wirft Gegenstände herunter? Ich! Ich sags dir, wenn ich keine Hexe wäre, hätte ich ständig Beulen und vor allem ver... äh... echt schlechte Laune!" "Ah", machte Harry und gluckste, offenbar seine vorherigen Zweifel längst vergessen habend. "Ich bin fertig, Mummy, wir können los!" "Okay", sagte sie und nahm seine Hand. "Dann sagen wir mal Daddy Bescheid, der sitzt nämlich unten und starrt den Kamin an."
Harry nickte und ging dann still mit ihr die Treppe herunter. Im Flur riss er sich von seiner Mutter los und lief ins Wohnzimmer, wo er die Arme um den Hals seines am Boden sitzenden Vaters schlang und seinen Kopf gegen den seines Ebenbilds lehnte. James lächelte und strich mit der Hand abwesend durch das Haar seines Kindes. Dann stand er auf, hob Harry in seine Arme und ging mit ihm in den Flur. "Sirius kommt später", sagte er. "Er hat meinen Papierkram übernommen, damit ich eher nach Hause konnte." "Okay", sagte Lily und griff nach Harrys Jacke. "Na los, Schatz, wir sind schon fertig, zieh dich schnell an, dann können wir los." Der Kleine nickte und sah seinen Vater auffordernd an, aber dieser schüttelte den Kopf, setzte sich auf den Boden, griff nach den Schuhen seines Sohnes und zog sie ihm an. Lily hob eine Augenbraue, sagte aber nichts und reichte ihm stattdessen die Jacke und den mit Löwen bestickten Schal, den sie ihrem Sohn gestern geschenkt hatte und sah schweigend zu, wie ihr Mann den Vierjährigen anzog und dann aufstand und ihn auch weiterhin fest an sich gepresst hielt.
"Nähe, hmm?", machte sie wissend und James lächelte zustimmend. "Lasst uns gehen", sagte Lily leise, schloss die Tür auf und trat ins Freie. Die beiden Schwarzhaarigen folgten ihr und sie verließen gemeinsam das Grundstück und liefen schweigend die Straße entlang, bis sie vor einer kleinen Kirche ankamen. Sie gingen um das alte Gemäuer herum, bis sie zu einem kleinen Schwingtor kamen, das ein leises Quietschen von sich gab, als sich Lily, James und Harry hindurchquetschten. Selbst der sonst so mitteilungsbedürftige Vierjährige schwieg, als sie den Friedhof durchschritten und in den nächsten Minuten hörte man nichts außer dem leisen Knirschen des Schnees unter ihren Schuhen, bis James schließlich vor einem großen Grabstein aus Marmor Halt machte. Mit einem leisen Seufzen ließ er seinen Sohn auf den Boden herab und kniete sich hin, die Kälte und Nässe nicht einmal wahrnehmend. Vorsichtig, fast schon zärtlich strich er den Schnee von dem Grabstein und legte so die Inschrift frei.
Wir versuchen nicht so sehr zu trauern,
weil wir euch verloren haben.
Wir denken dankbar an die Zeit, in der ihr bei uns wart.
"Hallo Grandma", sagte Harry. "Happy birthday! Ich hab dir einen Blumenstrauß gemalt!" Damit legte er das Blatt Papier vor den Grabstein, küsste seine Finger und drückte sie auf die Inschrift. "Ich hab dich lieb, Grandma. Und dich auch Grandpa." Er winkte mit der Hand und lief dann ganz schnell wieder zu seiner Mutter zurück, um sich hochnehmen zu lassen. Er mochte Friedhöfe nicht, die waren gruselig, da gab es Vampire und Monster, die sich von den Eingeweiden kleiner Kinder ernährten, das sagten Fred und George zumindest. Aber glücklicherweise kamen sie nur dreimal im Jahr her, der Friedhof lag zwar in der Nähe, aber sein Daddy sagte immer, dass er sonst zu traurig werden würde. "Wir können gehen", sagte James und stand auf. "Sollen wir noch...?", fragte Lily leise und er zuckte mit den Schultern. "Wenn wir schon mal da sind, sicher, warum nicht?" Damit nahm er der Rothaarigen ihr gemeinsames Kind aus den Armen und stapfte voraus, während Lily noch kurz stehen blieb, einen Strauß Lilien heraufbeschwor und sie auf das Grab legte. "Er vermisst euch", sagte sie leise und folgte ihrem Mann dann.
Er stand etwas abseits des Weges vor einem kleinen, etwas verkommenen Grab. "Es ist lange keiner mehr hier gewesen", stellte er emotionslos fest und betrachtete den grauen, mit Moos überwucherten Stein mit zusammengekniffenen Augen. Lily schwang den Zauberstab und murmelte eine lautlose Formel. "Das hat niemand verdient", erklärte sie auf seinen Blick hin und er zuckte mit den Schultern. "Wir alle treffen manchmal falsche Entscheidungen, James", sagte sie leise. "Es kommt dann darauf an, was wir daraus machen. Er hat eure Freundschaft verraten, ja, aber er hat versucht es wieder gutzumachen. Deinen Hass hat er nicht verdient, er war kein schlechter Mensch, er war schwach, aber im richtigen Moment war er dann stark und ist für seine Fehler geradegestanden. Und dieser Zorn in deinem Herzen... James, du bestrafst damit nicht ihn, du verletzt dich nur selbst! Hass bringt niemandem etwas, er tut nur weh und zerfrisst dich ganz langsam von innen."
James starrte sie an, schüttelte den Kopf, sah wieder auf den Grabstein und runzelte dann die Stirn. "Was ist das denn?", murmelte er und kniete sich hin. "Da steht ja noch etwas unter dem Spruch seiner Mutter... Unvergesslich unsere leuchtenden Tage... Warst du das?" Lily hob einen Mundwinkel und nickte. "Aber du mochtest ihn nie!" "Na ja", sie wurde etwas rot. "Ich mochte das Bild, das ich von ihm hatte nicht, das ist richtig. Ich meine, er hat ständig wiederholt was ihr gesagt habt, ist euch hinterhergelaufen, hat fast schon gesabbert... Das ist nicht die Art Mensch, die ich mag. Aber... Sieh mal, James, ohne ihn wären wir ganz sicher nicht mehr mit unserem Baby zusammen und das ist das größte Geschenk, das er uns machen konnte. Er hat für seine Schuld gebüßt." "Ach komm", fauchte James und blitzte sie böse an. "Ohne ihn wäre es doch gar nicht so weit gekommen, ohne ihn wären wir nie in Gefahr gewesen!" "Jetzt redest du Unsinn und das weißt du auch. Wir sind Voldemort schon vor seiner Geburt dreimal entkommen." Sie nickte in Richtung Harry. "Sagen wir, Peter wäre kein Todesser gewesen. Früher oder später wären sie drauf gekommen, dass er unser Geheimniswahrer war und dann? Denkst du ehrlich, dass er einer Folter standgehalten hätte? Wohl kaum... Oder wenn wir Sirius genommen hätten... Natürlich, er wäre eher gestorben als uns zu verraten, aber wer sagt uns denn, dass ein so mächtiger Zauberer wie Voldemort ihn nicht mit dem Imperius dazu hätte bringen können, unseren Aufenthaltsort zu verraten? Oder wenn er ihn getötet hätte? Wir hätten uns unser Leben lang Vorwürfe gemacht. Und selbst wenn nicht... Wie lange hätten wir uns noch verstecken müssen? Jahre? Jahrzehnte? Was wäre das für ein Leben gewesen, James? Nein, es ist alles gut so, wie es gekommen ist, denn so konnten wir alles im Voraus planen und Voldemort eine Falle stellen."
James nickte schließlich, legte ihr einen Arm um die Schultern, drückte Harry fester an sich und drehte dem Grabstein den Rücken zu. "Wer hätte gedacht, dass du Peter mal verteidigen würdest?" Lily lachte. "Er hat mir ein Leben mit meiner Familie geschenkt und ich habe ihm verziehen, so wie auch Remus euch verziehen hat, dass ihr ihn für den Verräter gehalten habt." "Jaja, reib mir nur immer wieder unter die Nase, dass du es die ganze Zeit nicht für möglich gehalten hast. Das ging doch nicht gegen ihn, es war nur... bei Sirius war es klar, dass er uns nie verraten würde und Peter hatte nicht mal besondere Fähigkeiten, wieso also hätte er für Voldemort interessant sein sollen? Und Remus... Remus hat sich sein Leben lang nach Anerkennung gesehnt, er wurde von der Gesellschaft konsequent ausgeschlossen und hatte keine wirkliche Zukunftsperspektive. Er schien halt am anfälligsten..." "Ich weiß", murmelte Lily. "Wie gesagt, er hat euch und auch Peter verziehen. Wir waren bei seinem letzten Geburtstag gemeinsam hier, du wolltest ja nicht. Hat Sirius eigentlich mittlerwei..." "Nein." James schüttelte den Kopf. "Er will von dem Thema nichts wissen, er wird nur jedes Mal sauer und fängt an zu loszubrüllen. Er ist da ziemlich empfindlich, ich glaube nicht, dass er sein Grab jemals besuchen wird. Nach dem Tod meiner, unserer Eltern waren wir die einzige Familie die er noch hatte und er kann und will Peter nicht verzeihen, dass er uns in Gefahr gebracht hat. Glaub mir, gäbe es dich nicht würde ich genauso denken, vielleicht solltest du in einem ruhigen Moment auch mal mit ihm reden. Wobei ich mir nicht so sicher wäre, dass er deinen Argumenten so erlegen ist wie ich, ihn kannst du immerhin nicht auf die Couch verbannen..." Seine Lippen zuckten.
Lily schwieg eine Weile und als sie den Friedhof verlassen und das quietschende Tor wieder hinter sich geschlossen hatten, lächelte sie plötzlich. "Vielleicht sollten wir Harry auf ihn ansetzen. Ein paar gut platzierte Sabberküsse und er ist Wachs in seinen Händen." James lachte. "Ja, da könntest du recht haben, so haben wir ihn ja immerhin auch dazu gebracht, beim letzten Kindergartenfest Plätzchen zu verkaufen." "Jaaa", machte Lily und blickte träumerisch in die Luft. "Er sah so niedlich aus mit seiner pinken Schürze, den großen Topflappen und der Schmolllippe. Göttlich und einfach zum Abknutschen." " Göttlich und zum Abknutschen? Na, wer redet da von mir?", ertönte in diesem Moment eine belustigte Stimme und als Lily und James sich umdrehten, blickten sie mitten in die schelmisch blitzenden Augen ihres besten Freundes. Harry quietschte begeistert auf und fing in den Armen seines Vaters an zu zappeln. Sirius grinste und schnappte sich seinen Patensohn, nur um ihn dann auf den Kopf zu drehen und mit der freien Hand durchzukitzeln. Harry schrie vor Freude und James und Lily warfen sich einen kurzen, wissenden Blick zu und verdrehten gleichzeitig die Augen. "Hallo Sirius", begrüßten sie ihn wie aus einem Mund und der Schwarzhaarige winkte kurz, nur um sich dann wieder seinem Patensohn zuzuwenden, der mittlerweile einen puterroten Kopf hatte, was ihn aber nicht davon abhielt auch weiterhin fröhlich zu quietschen.
"Du meine Güte, Harry, du siehst ja aus wie Mummys lebendig gewordener Lippenstift", spöttelte James, woraufhin er sich einen Seitenhieb von seiner Frau und einen beleidigten Blick von seinem Sohn eintrug. Er konnte allerdings auch Zahnschmerzen haben, so genau war das in dieser Position nicht zu erkennen. "Sirius, dreh ihn wieder um, sonst sterben ihm noch ein paar wichtige Körperteile ab", fügte er noch hinzu, woraufhin sich der Kleine tatsächlich innerhalb von einer Sekunde wieder in einer gesünderen Position befand. James grinste, kannte er seinen besten Freund doch so gut, dass er genau wusste, womit er ihn kriegen konnte und für den Verlust der Männlichkeit seines heißgeliebten Patenkindes verantwortlich zu sein... nun, das stand auf seiner to do Liste nicht gerade ganz oben.
Bevor er allerdings noch einen passenden Spruch ablassen konnte, riss seine Frau neben ihm die Augen auf und zeigte auf das pottersche Dach. "Was zum... James! Das war da gestern aber noch nicht drauf!" "Gefällts dir?", grinste der Schwarzhaarige und auch Sirius' Brust schien vor lauter Stolz anzuschwellen. "Unser Meisterwerk", schniefte er und wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. "Okay, Leute, ich hatte euch gebeten, die Lichter auf dem Dach anzubringen und ich habe euch auch wie jedes Jahr freie Hand gelassen, weil ich genau weiß, dass ihr immer die besten Ideen habt, aber das geht jetzt wirklich zu weit! Was bei Salazar ist bitte lustig an einem Bier trinkenden Weihnachtsmann und einem torkelnden Rentier? Wie habt ihr das eigentlich hingekriegt? Okay, Frage zurückgezogen. Aber das ist jawohl... Oh mein... FÄNGT DER JETZT AN ZU STRIPPEN?" Schockiert schnappte sie nach Luft. "Okay, das wars! Das ist das letzte Mal gewesen, dass ich euch an der Dekoration mitwirken lassen habe, dass das klar ist! Und wenn ich das ganze Jahr üben muss wie man aus stinknormalen Lichterketten per Zauberhand Leuchtfiguren formt, das ist das letzte Mal, dass ich mich wegen euch schämen muss!" Sie schnappte erneut nach Luft, stutzte dann und legte den Kopf schief. "Was macht der denn... OH MEIN... BESPRINGT ER GERADE DAS RENTIER?" Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung und erst jetzt fiel ihr Blick auf ihren Sohn, der die Szene mit großen, interessierten Augen beobachtete.
Mit einem empörten Schrei riss sie ihren Sohn an sich und hielt ihm die Augen zu. "Ihr... ihr könnt doch nicht... das... das ist jawohl... wenn die Muggel das sehen!" James hob eine Augenbraue und warf Sirius einen kurzen Blick zu. "Willst du oder soll ich?" "Du!", antwortete sein bester Freund und machte eine gebieterische Geste, woraufhin James salutierte, lachte und sich dann wieder zu seiner Frau herumdrehte. "Erstens: In dieser Gegend leben mittlerweile hauptsächlich Zauberer, das weißt du genau. Zweitens: Auf dem Haus liegt schon seit Ewigkeiten ein Zauber, der die Muggel nichts Magisches sehen lässt, auch das weißt du, ansonsten würdest du nicht einfach aus dem Vorgarten heraus apparieren oder uns im Garten herumfliegen lassen. Und selbst wenn, dann würden sie es vermutlich für irgendeine neumodische Erfindung halten. Ich meine, es gibt jetzt bei den Muggeln sogar Toilettenwärmer, Toilettenwärmer, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!" "Hätte meine Idee sein können", warf Sirius ein und Lily hob eine Augenbraue. "Das glaub ich dir sogar." Sie wandte sich an ihren Mann, wirkte aber um einiges ruhiger als noch Sekunden zuvor. "Hier laufen Kinder rum, James, wenigstens von dir hätte ich ein wenig mehr Verantwortungsbewusstsein erwartet! Meinetwegen lasst ihn Bier trinken und einen Rülpswettbewerb veranstalten -denk nicht mal dran, Sirius, ihr werdet so etwas nicht in unserem Haus veranstalten, es sei denn, du hast Lust demnächst mal mit pinken Strähnchen rumzulaufen-, aber macht das Ganze wenigstens einigermaßen jugendfrei, ich habe nämlich echt keine Lust von den Müttern hier abschätzig angeguckt zu werden und ich bin auch nicht gerade scharf darauf, meinem Sohn zu erklären, warum dem Weihnachtsmann so warm ist, dass er sich ausziehen muss und ihm Fragen zu beantworten wie... wie... ob er und Onkel Rentier demnächst heiraten! Nein, danke! Es ist eure Sache, wenn ihr den Jungen unbedingt verderben wollt, aber dann beschwert euch nicht, wenn er ihn zehn Jahren in einem Tutu durch die Gegend läuft und alles aufreißt, was weniger als fünf Beine hat!"
Ihre absichtlich übertriebene Zukunftsprognose ließ ihre beiden Männer schlagartig erbleichen und während sie sich innerlich die Hände rieb und um ein imaginäres Feuer herumtanzte, zog sich der Weihnachtsmann auf dem Dach wieder seinen Mantel und die Schuhe an, setzte sich in seinen Schlitten und paffte genüsslich eine Zigarre. "Mummy?", riss sie in dem Moment die weinerliche Stimme ihres Sohnes aus den Gedanken und als sie ihn daraufhin ansah, fiel es ihr wirklich schwer sich das Lachen zu verkneifen. Von dem Gesicht ihres Kindes war nur der unglücklich verzogene Mund zu sehen, die obere Hälfte verdeckten immer noch ihre Finger. "Tschuldigung", gluckste sie und zog ihre Hand zurück, woraufhin ihr Sohn ihr einen beleidigten Blick zuwarf und sich dann so gut es eben möglich war von ihr wegdrehte. "Ähm", machte Lily und überlegte angestrengt, wie sie ihr Baby wieder versöhnen konnte. Dann fiel ihr Blick auf den vorderen Teil des potterschen Anwesen und ein sanftes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. "Oh mein..." Sie machte ein paar schnelle Schritte auf das Gartentor zu, schob sich hindurch und lief dann -wissend dass ihre beiden Jungs ihr folgen würden- auf die große Eiche zu, vor der das Ergebnis stundenlanger, teilweise sehr detaillierter Arbeit stand.
"Das ist ja genial! Habt ihr die gebaut?" Mit großen Augen ging sie auf die Schneefiguren zu und betrachtete staunend den lebensgroßen Hirsch. Sein Geweih bestand aus zwei langen Stöcken, seine Nase glänzte und sein aus kleinen Steinen geformter Mund hatte sich zu einem leicht dümmlichen Grinsen verzogen. Zufall oder nicht, sein Kopf war leicht gedreht und er schien nur Augen für die Schneefrau neben ihm zu haben. Lily hob belustigt eine Augenbraue und warf ihrem Mann einen kurzen Seitenblick zu. "Lass mich raten... die ist von dir?" Er klimperte unschuldig mit den Wimpern. "Wieso?" "Oh, keine Ahnung", sagte Lily und verlagerte Harrys Gewicht in ihren Armen. "Vielleicht weil sie meinen Bikini trägt und ihr die Dinger überall rausquillen?" "Das ist ein Indiz, kein Beweis", entgegnete er gespielt trotzig und verschränkte mit vor Freude blitzenden Augen die Arme vor der Brust. "Und wie erklärst du dir dann die Tatsache, dass er sabbert?", fragte sie und zeigte auf die kleine Pfütze, die sich unter der Schnauze des Tieres gebildet hatte. "Er sabbert nicht", entgegnete James beleidigt. "Er schmilzt." "Schicksal", machte Lily und betrachtete dann den erstaunlich gut getroffenen Werwolf, was aber schnell uninteressant wurde und so wandte sie sich wieder dem Hirsch zu. Es gab doch bestimmt noch irgendetwas, womit sie ihn ärgern konnte...
"Lily? Was machst du denn da?" Stirnrunzelnd beobachtete James seine Frau, die in die Knie gegangen war und gerade eingehend den Unterleib des Tieres zu begutachten schien. "Also entweder brauche ich eine Lupe oder das da ist ein Weibchen", stellte sie trocken fest und als ihr Mann daraufhin einen hochroten Kopf bekam und fast schon krampfhaft nach Luft schnappte, fügte sie besänftigend hinzu: "Also kannst du es natürlich nicht sein, denn du bist ja... ähm... ja... Wie komm ich da jetzt wieder raus? Sirius? Hilfe, bitte!" "Ich... ich brauchte noch Schnee für meine Ohren", sprang er tatsächlich für sie in die Bresche und zog damit die Wut seines besten Freundes auf sich. Mit zu Schlitzen verengten Augen sah Harrys Vater dessen Paten an und zischte dann mit leiser, gefährlicher Stimme: "Versuchst du mir gerade durch die Blume zu sagen, dass irgendetwas an mir nicht ganz ausgereift ist und nur für Hundeohren reicht? Pass bloß auf, du Zwergpinscher!" "Boah", machte Sirius. "Das war gemein! Die Viecher sind hässlich und klein und... bah!" Er griff sie theatralisch an die Brust. "Das tut so weh, das tut so unwahrscheinlich weh!" "Dein Herz ist auf der anderen Seite", antwortete James trocken, Sirius erstarrte und stampfte dann frustriert mit dem Fuß auf. "Verdammt, warum passiert das immer mir?" "Hrm hrm", machte Lily und entschloss sich, den Gefallen zurückzugeben und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
"Also du hast die Ohren gemacht, ja? Und der Werwolf ist ganz eindeutig von Remus, das sieht man, die Schneefrau von James- Hey, guck mal, Baby, da hinter mir stehst ja du, spielst du etwa Verstecken?- und der Hund und der Hirsch sind jawohl ganz eindeutig von Harry. Klar, die Formen sind etwas unscharf und demoliert, aber man kann erkennen, was es ursprünglich werden sollte. Was habe ich für ein talentiertes Baby!" Stille. Irritiert blickte Lily von ihrem Sohn, der mit einem verträumten Gesichtsausdruck an ihren Haaren herumnestelte zu ihren beiden Männern. Sirius schmollte sie pikiert an, während James sich nicht ganz sicher zu sein schien, ob er jetzt lachen oder weinen sollte und sich so für die goldene Mitte entschied, was ihn wie einen von Blähungen geplagten Frosch aussehen ließ. "Oh", machte Lily und versuchte krampfhaft das Lachen zu unterdrücken. "Ihr ähm... ihr habt Hirsch und Hund ganz alleine gebaut, richtig? Das äh... das habt ihr gut gemacht, sieht wirklich naturgetreu aus, ganz toll." "Sagst du mir gerade, dass ich aussehe wie eine runde Kugel mit nem Quaffel auf den Schultern und nem Stock im Arsch?", fauchte Sirius und Lily klappte die Kinnlade herunter. In ihrem Schock vergaß sie ganz, ihren besten Freund für seine Ausdrucksweise in der Nähe seines Patenkindes zu maßregeln und schien absolut sprachlos zu sein. "Harry muss aufs Klo", murmelte sie schließlich. "Und ich muss die Küche putzen, weil äh... ich... ich sie vorhin angemalt habe?" Damit flüchtete sie mit dem wild protestierenden Harry ins Haus und ließ zwei breit grinsende Schwarzhaarige zurück. "Tja", sagte der Hundeanimagus. "Lily dreihundertvierundneunzig, Sirius eins." Und er wirkte dabei so unglaublich selbstzufrieden und stolz, dass James es einfach nicht übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass das kein besonders guter Schnitt war. "Ich... ähm... ich geh Lily helfen. Ich glaube, ich... äh... habe die Lappen im Klo vergessen, ja genau! Und wie soll sie denn sonst putzen?" Damit drehte er sich um und folgte seiner Frau so schnell wie möglich, wobei er überlegte, des Effekts wegen durch das Wohnzimmerfenster zu springen, sich dann aber doch dagegen entschied, wollte er doch sein wunderschönes, einmaliges und einfach umwerfendes Gesicht nicht in Gefahr bringen. Zurück blieb ein breit grinsender Sirius, der über seinen ausgestreckten Zeigefinger pustete, ihn in die Hosentasche steckte und sich selbstzufrieden eine Strähne aus der Stirn pustete. "James einhundertsiebenundneunzig, Sirius einhundertachtundneunzig. Oh ja!" Damit küsste er seine Finger, drückte sie auf sein Hinterteil, gab ein lautes "Zschschsch" von sich und folgte seinen Freunden dann hüftwackelnd, um seiner Bestimmung nachzukommen und ihnen den letzten Nerv zu rauben. Alles andere konnte warten.
