DREIZEHN

Sie standen viel zu dicht unter dem Tarnumhang. Und gleichzeitig nicht dicht genug.

„Du bist so still heute?"

„Mmh", machte Tonks und wich seinem Blick aus.

„Was ist los?", fragte Remus besorgt und seine Stimme klang so sanft und verständnisvoll als könnte sie ihm alles erzählen.

Tonks zögerte. Alles? Die Stimmen kämpften in ihrem Kopf. Die grausame gewann und sie schwieg. Remus verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und ein warmer Schauer lief über Tonks' Rücken als er dabei unbewusst ihre Seite berührte. Er schien es nicht einmal bemerkt zu haben. Sie musste etwas tun! Sie würde sonst verrückt werden!

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Remus sah sie mit fragend erhobenen Brauen an.

„Willst du Wahrheit oder Pflicht spielen?" fragte Tonks schwach. Was für eine bescheuerte Frage. Warum war ihr nichts Besseres eingefallen? Irgendwas.

Remus grinste belustigt. „Wir stehen unter einem Tarnumhang und dürften uns eigentlich nicht mal unterhalten?", sagte er leise, „aber ich weiß schon, was du sagen wirst."

Tonks sah ihn erschrocken an. Remus lächelte mit funkelnden Augen.

„Dass ich dann einfach immer Wahrheit nehmen muss, nicht wahr? Sehr clever, Mademoiselle!"

Tonks starrte ihn weiter an. Je länger sie schwieg, desto steiler wurde die Falte auf Remus Stirn.

„Ja", sagte sie schließlich mit brüchiger Stimme, „ja genau das. Hast mich durchschaut, Wölfchen!"

Ein finsterer Ausdruck verdunkelte auf einmal Remus' Gesicht und Tonks erstarrte erneut. Sie hatte sich mit dem Wölfchen nur für seine Mademoiselle rächen wollen. Sie wollte doch keinen Streit vom Zaun brechen. Remus kam so dicht an sie heran, dass sie den Luftstrom seines Atems in ihrem Gesicht fühlen konnte. Er sah zu ihr hinab und ein nicht zu deutendes Zucken umspielte seine Mundwinkel.

„Wenn du dieses Wort noch einmal benutzt", er betonte jede einzelne Silbe sehr deutlich, doch von so Nahem bemerkte Tonks, dass seine Entrüstung nur gespielt war. Trotzdem zog sich der Knoten in ihrer Kehle nur noch stärker zu. Remus war ihr so nahe. Sie spürte, dass seine Lippen zum Sprechen ansetzten, bevor sie es sah. „… werde ich anfangen dich Morphi zu nennen!"

Tonks schrie vor Lachen nahezu auf. Konnte es einfach nicht zurückhalten. Es brach aus ihr heraus und alles was sie tun konnte, war sich die Faust in den Mund zu stecken um die Geräusche ein wenig zu dämpfen. Remus blickte sich nervös um und zischte sie verzweifelt an, konnte aber gleichzeitig nur knapp einen eigenen Lachanfall zurückhalten. Tonks ganzer Körper bebte unter der Anstrengung des inzwischen stillen Lachkrampfes.

Als ihre Knie nachzugeben drohten, griff sie instinktiv nach allem was ihr Halt geben konnte. Ihre Hand landete in Remus' Hemd. Ihre Brust bebte immer noch schwach unter ihren verklungenen Lachsalven. Ihr fiel plötzlich auf, dass ihre Hand flach an seiner Brust lag, dass ihre Stirn sanft an seinem Schlüsselbein ruhte und sein Oberkörper sich mit jedem Atemzug ihr wenige Millimeter entgegenstreckte und sich ihr dann wieder entzog. Plötzlich spürte sie seinen warmen Atem an ihrem Scheitel als hätte er leicht den Kopf gesenkt. Sie konnte jeden seiner Herzschläge unter dem dünnen Stoff seines Hemdes spüren. Ihre Hand schien ihr nicht mehr zu gehorchen. Langsam schob sie sich Zentimeter für Zentimeter vor, reckte sich sehnsüchtig der Wärme zwischen seinem Umhang und seinem Körper entgegen.

Jäh stoppten ihre Finger, blieben an dem Saum der Innentasche seines Umhangs hängen. Ihr Mund war auf einmal trocken und ihr Herz schlug fast schmerzhaft in ihrer Brust.

„Alles ok bei dir?" Sein Flüstern klang steif. Sie wusste es nicht zu deuten. Konnte nicht antworten, weil der Kloß in ihrer Kehle wieder da war. Panik stieg in ihr auf. Was tat sie hier? Sie blinzelte schnell und sah etwas Glitzerndes direkt vor sich. Die Rettung der Situation in der Gestalt von blauem Papier.

Ihre Hand schnellte vor und zog sich fast im selben Moment schon wieder aus seiner Tasche zurück. Sie trat den halben unter dem Tarnumhang möglichen Schritt zurück und setzte ein möglichst überzeugendes Grinsen auf ohne Remus anzusehen. Mit klammen Händen wickelte sie den Schokodrops aus und steckte ihn in den Mund.

„Ich wusste es!", sagte sie möglichst unbeschwert. Sie richtete ihren Blick wieder auf das Haus in der Ferne und kaute. Die Schokolade schmeckte unangemessen süß und klebte unangenehm an ihrem Gaumen.

Remus sagte nichts. Warum sagte er nichts? Sie konnte seine Anwesenheit neben sich spüren. Mit jedem Atemzug roch sie seinen Duft, den sie vor wenigen Sekunden noch von so Nahem erfahren hatte. Sie hatte das Gefühl, dass sein Blick noch immer kritisch auf ihr ruhte und ein unangenehmes Prickeln breitete sich in ihrem Nacken aus. Und immer noch sagte er nichts.

Endlich, ob nach Sekunden oder Stunden konnte sie nicht sagen, spürte sie, wie sein Kopf sich wieder in Richtung des Hauses drehte. Sie sah auf die Uhr. Noch zweieinhalb Stunden. Das schaffst du, Tonks. Nur zweieinhalb Stunden.

Die Zeit verging. Wenn auch langsam. Sie standen schweigend nebeneinander.

„Willst du Wahrheit oder Pflicht spielen?" Seine Stimme klang so zaghaft, als würde sie in der Dunkelheit tastend den einzigen sicheren Weg über einen zugefrorenen Teich suchen, als könnte jeden Moment die Eisschicht unter ihnen nachgeben und sie beide in die feuchte Kälte hinabstürzten lassen.

„Ähm…" Sie sah weiter zu dem Haus in der Ferne. Sie wollte nicht diejenige sein, die das Eis zum Einstürzen brachte. „Wann hast du Geburtstag?"

„10. März", sagte er flüsternd und wieder wurde es still.

„Kannst du Verletzungen mit deiner Metamorphmagie verschwinden lassen?"

Tonks blickte verwirrt auf. Niemand hatte sie das je zuvor gefragt. Nicht mal sie selbst.

„Ich weiß nicht", sagte sie völlig verdutzt. Für einen Moment sahen sie sich an und die Wärme, die sein Blick üblicherweise in ihrem Körper auslöste, war wieder da.

„Ich hab es irgendwie nie probiert… Also Narben und schorfige Knie schon, aber richtige Wunden..."

Die Frage, erinnerte sie an etwas. Etwas dass sie sich schon länger wirklich fragte. Sie sah in seine freundlichen Augen und fasste sich das Herz, was neuerdings in seiner Anwesenheit immer so unstetig und erbarmungslos fest in ihrer Brust schlug.

„Remus… hast du…" sie brach ab doch seine grauen Augen strahlten so viel Wärme aus. Er würde es nicht falsch verstehen. „…hast du… schon mal jemanden gebissen… oder verletzt?"

Er wich ihrem Blick nicht aus, doch das Lächeln auf seinem Gesicht war etwas anderem gewichen. War es Verlegenheit? Oder nur Verwunderung über die Frage? Nach einer Weile zuckte ein Lächeln über sein Gesicht und er antwortete fast unbeschwert.

„Sirius! Im fünften Schuljahr hatte er sein Verwandlungsbuch verloren und sich ungefragt meins ausgeliehen. Ich stand wegen den ZAGs so unter Stress, dass ich es ihm noch in der Stunde aus der Hand gerissen und ihm damit eins über den Kopf gezogen habe. McGonagall war ziemlich sauer."

Tonks starrte ihn für einen Moment sprachlos an. Als sie still blieb fügte er mit einem Zwinkern hinzu, „Man sieht heute noch die Narbe über seinem rechten Auge."

Immer noch entgeistert sagte sie, „Ich meinte nicht als Mensch, ich meinte als…"

„Hast du aber nicht gesagt", unterbrach er sie freundlich aber bestimmt.

Sie verfielen wieder in Schweigen. Remus schien keine weitere Frage stellen zu wollen und da Tonks inzwischen fürchtete, dass die Fortführung des Spiels die Situation nur zum Eskalieren bringen würde, blieb auch sie stumm.

Die Langeweile kam und da sie diesmal auf so unangenehmes Schweigen traf, machte sie Tonks nur noch hibbeliger als sonst. In einen letzten verzweifelten Versuch biss sie sich auf die Lippe und sah grinsend zu Remus auf.

„Ich wette, er war dir dankbar."

Remus guckte irritiert.

„Sirius!", sagte Tonks zur Erklärung, „Nach dem ersten Schock, meine ich. Mädels stehen doch auf Typen mit Narben."

Remus sah sie nur mit kritischen Gesichtsausdruck an und so sprach sie weiter in der Hoffnung, wenigstens zu einem oberflächlichen aber dafür unverfänglichen Gesprächsthema zurück zu finden.

„Ich meine, er ist jetzt immer noch attraktiv, sogar nach Azkaban. Dann muss er mit 16 eine wahre Augenweide gewesen sein."

Remus schnaubte überraschend laut auf und sie bemerkte verdutzt seinen mit einem Mal verärgerten Ausdruck.

„Das ist so typisch! Du hast dich verliebt! Klar, er hat immer schon die Frauen abbekommen!"

Seine aufgebrachten Worte trafen Tonks als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen. Sie stand mit offenem Mund da und betrachtete völlig perplex die Verbitterung die auf einmal aus seinem Augen sprach. Als sie nicht antwortete fügte er noch ein zorniges „Nicht wahr?!" hinzu und blickte danach wieder demonstrativ zu dem Haus hinüber.

Tonks stand fassungslos da. Konnte für einen Moment nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. Und dann kochte die Wut in ihr hoch. Die Wut der vergangenen Nächte, die sie wegen ihm schlaflos verbracht hatte. Die Wut darüber, dass sie wegen ihm verzweifelt wie ein Teenager in ihr Kissen geschluchzt hatte, stieg in ihr hoch und wollte aus ihr herausbrechen, wollte, dass sie ihn anschrie bis er sich fühlte wie sie sich in den vergangen Tagen wegen ihm gefühlt hatte.

Sie konzentrierte sich auf ihren Atem, versuchte sich zu beruhigen, denn sie standen immer noch hier auf diesem Feld, im Auftrag des Ordens unter einem engen Tarnumhang mit nichts als einem einfachen Muffliato-Zauber als Schutz. Doch in diesem Moment schnaubte Remus noch einmal wütend auf und es brach aus ihr heraus.

„DU WÜRDEST GANZ GENAU WISSEN, IN WEN ICH MICH VERLIEBT HABE, WENN DU NICHT ZU SEHR DAMIT BESCHÄFTIGT WÄRST, DICH SELBST ZU BEMITLEIDEN!"

Ein Vogel in ihrer Nähe flatterte erschrocken auf. Doch Tonks war es egal. Egal wie seine verständnislos aufgerissenen Augen und sein leicht geöffneter Mund. Egal wie die Tatsache dass sie noch zwei Stunden Dienst für den Orden vor sich hatte. Alles was noch Bedeutung hatte, war ihre Wut und der Nachhall seiner Worte in ihrem Kopf. Sie drehte sich energisch auf dem Absatz, stieß dabei Remus in den Schnee und verschwand. Sie flog durch die Dunkelheit des Nichts. Weg von dem Feld. Weg von Remus und seinem dummen, perplexen Gesichtsausdruck.