AN: Ich hoffe, ihr hattet einen guten Rutsch ins neue Jahr. Silvester war ich leider verhindert, sodass ich erst heute ein neues Kapitel hochladen konnte. Ich wünsche euch alles Gute und ganz viel Erfolg und Gesundheit etc. im Jahr 2007!!


Kapitel 12

Lizzy war fast den ganzen Tag unauffindbar. Zunächst dachten sich die anderen nichts dabei, da ja auch Will durch Abwesenheit glänzte und die beiden vielleicht zusammen etwas unternahmen, aber er tauchte im Laufe des Vormittags wieder auf – allein. Irgendwie geistesabwesend trat er in den Raum, in dem Georgiana und Jane gerade Stoffproben für die Kleider der Brautjungfern sichteten.

„Will", begrüßte Georgiana ihn, als er von der Terrasse in das Zimmer trat. „Wo ist Lizzy?", fragte sie, als diese Will nicht wie erwartet folgte. „Wir hätten sie auch gern beim Aussuchen dabei."

„Lizzy?", fragte Will, „keine Ahnung, wo sie steckt. Ich habe sie heute noch nicht gesehen." – nur gehört, dachte er.

Georgiana fand den Tonfall ihre Bruders irgendwie komisch, er klang so abwesend, in sich gekehrt. „Was hast du gemacht?", fragte sie neugierig.

„Ach, ich bin ein bisschen im Park spazieren gegangen, nichts Weltbewegendes", lautete die Antwort.

Georgiana musterte ihn eingehend, irgendetwas war anders…

„Na dann… ich störe hier ja nur, Ladies", sagte Will schließlich. „Ich werde gehen und ein paar Telefonate führen, langsam muss ich mich auch wieder an die Arbeit machen."

Nachdem er gegangen war, sahen sich Jane und Georgiana fragend an. „Was ist denn mit dem los?", fragte Jane schließlich.

„Ich habe keine Ahnung. Und wo ist Lizzy eigentlich? Wenn sie nicht mit Will zusammen ist, wo versteckt sie sich dann? Wir haben sie heute Morgen ja nirgendwo finden können."

Jane zuckte nur ahnungslos mit den Schultern und klingelte dann nach einem Diener. „Jonson, könnten Sie bitte Ihre Majestät hierher bringen? Wir benötigen hier ihre Hilfe", lautete die Anweisung.

15 Minuten später kam er wieder. „Mylady, es tut mir Leid, aber die Königin befindet sich nicht im Haus. Sie ist heute Morgen frühzeitig aufgebrochen, über den Ort oder die Länge ihrer Abwesenheit hat sie keine Angaben gemacht, sie befindet sich aber nicht auf dem Schlossgelände. Soll man sie über ihren Begleiter ausfindig machen lassen?"

„Nein, ich denke, die Königin wird ihre Gründe dafür haben. So wichtig ist es nun auch wieder nicht. Vielen Dank." Der Diener verließ den Raum.

„Das ist ja echt seltsam", sagte Jane dann nachdenklich zu Georgiana. „Das Verhalten passt einfach gar nicht zu Lizzy – auf unbestimmte Weise einfach so zu verschwinden, sonst hat sie uns doch auch immer Bescheid gesagt. Und Will benimmt sich auch noch so komisch. Glaubst du, sie haben sich gestritten?"

Georgiana überlegte einen Moment. „Nein, ich glaube nicht", antwortete sie, „dann hätte Will sich noch anders verhalten. Was auch immer ihn dazu gebracht hat, es war eine positive Sache, die sehr wichtig für ihn zu sein schien. Außerdem hat er ja gesagt, er habe Lizzy heute noch gar nicht gesehen, er wird wohl kaum gelogen haben. Ihr Verhalten ist bestimmt nicht auf eine Begegnung mit dem jeweils anderen zurückzuführen. Aber wir sollten jetzt nicht so spekulieren, es wird sich schon alles klären. Lizzy ist ja auch schon früher mal so aus dem Stadtschloss abgehauen, ganz ohne Begleitung. Ich bin ihr ja so auf einem ihrer Inkognito-Trips begegnet. Es ist kein Grund zur Sorge, sie sind ja beide erwachsene Menschen."

„Nun ja, dem jeweils anderen gegenüber verhalten sie sich aber manchmal wie Teenager", bemerkte Jane noch, ließ das Thema dann aber fallen.


Es war tatsächlich etwas Positives und wichtiges, das Wills Stimmung beeinflusst hatte. In seinem Zimmer machte er sich dann auch nicht wie angekündigt an die Arbeit, sondern er legte sich auf sein Bett und starrte die Decke an. Auch wenn es sein Verhalten nicht verriet, aber Will war glücklich, überglücklich um genau zu sein. Die vergangenen Stunden hatte er damit verbracht, über sich und Lizzy nachzudenken. Unglaublich, dass sie ihn noch liebte, unglaublich, dass es jetzt schon 2 Jahre her war. Wie viel Zeit sie verplempert hatten! Er war immer davon ausgegangen, dass sie ihn bloß als Freund sah, dass sie einfach nicht mehr wollte…

Aber was jetzt tun? Zu ihr gehen und ihr einfach so seine unsterbliche Liebe gestehen? Immerhin hatte er ihr Gespräch belauscht, das war ja nicht wirklich die feine englische Art… Zugeben wollte er es nicht. Aber er würde etwas tun, wenn er richtig vermutete, dann hatten sie einfach schon zu viel Zeit verschwendet.

Lizzy blieb den ganzen Tag über weg, was sie tat, das vermochte niemand zu sagen. Schließlich begannen sich die anderen Sorgen zu machen und spielten schon mit dem Gedanken, sie doch ausfindig machen zu lassen, als Lizzy in den Salon trat, in dem sich Charles, Jane und Georgiana aufhielten. Will war verschwunden, der hatte sich aber auch den ganzen Tag ähnlich benommen. Wenn er denn mal da gewesen war, war er schweigsam und verschlossen gewesen und hatte meist Löcher in die Luft gestarrt. Nach dem gemeinsamen Abendessen hatte er sich entschuldigt und war Gott weiß wohin gegangen.

„Lizzy!", rief Jane, als diese den Raum betrat. „Wir haben uns Sorgen gemacht. Wo warst du?"

„Och, hier und dort", antwortete diese vage. „Ich musste raus und nachdenken."

„Hat es was mit Will zu tun?", fragte Georgiana einfach. „Der hatte heute nämlich auch nicht seinen allerbesten Tag."

„Mit Will? Nö, den habe ich heute noch gar nicht gesehen. Nein, ich sah mich heute Morgen gezwungen, Lady Catherine zu entlassen."

Die anderen staunten. „Wie kommt das denn jetzt so plötzlich?", fragte Jane.

„Nun ja, ich habe ja schon länger mit dem Gedanken gespielt, mich aber noch nicht ganz durchringen können. Aber heute Morgen nach dem Frühstück bin ich wegen einer Sache ganz schön mit ihr aneinander geraten und die Trennung war sehr unschön – ich möchte mich jetzt nicht weiter darüber auslassen, aber glaubt mir, sie weiter zu beschäftigen wäre einfach nicht möglich gewesen." Sie zuckte mit den Schultern. „Na ja, und nach der Szene musste ich einfach raus, ich habe mir nen Bodyguard geschnappt und bin abgehauen, ich habe einfach nur nachgedacht." Worüber, das verriet sie nicht.

„Na, das ist ja was", kommentierte Georgiana das Geschehene. „Jetzt ist Lady Catherine also weg… Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich das bedaure. Brauchst du jetzt eine neue Hofdame oder denkst du, das du es vielleicht doch alleine schaffst?"

„Ich denke, es wird mir wohl aufs dringendste geraten werden, doch eine einzustellen. Aber dann suche ich sie auch selber aus, so eine wie Lady Catherine will ich nicht noch mal!"

Die anderen schwiegen, auch sie hatten Lady Catherine nicht gemocht, aber was das wohl gewesen sein musste, das die Königin zu so einem Schritt veranlasst hatte. Die Baronin musste die sonst immer gefasste Elizabeth doch ziemlich in Rage versetzt haben. Wie war das denn möglich gewesen? In solch professionellen Dingen war sie doch immer die Ruhe selbst.

„Und, was habt ihr gemacht?", fragte Lizzy.

„Ach ja, wir haben, also Georgiana und ich, wir haben uns weiter mit der Hochzeit beschäftigt. „Wir müssen uns noch für eine Farbe entscheiden, die dann überall, bei den Kleidern der Brautjungfern, dem Kummerbund der Herren, im Blumenschmuck und so weiter vorkommt. Dazu hätten wir gerne noch deine Meinung. Charles interessiert sich ja herzlich wenig dafür." Sie boxte ihm liebvoll in die Seite. „Er und Will haben auch den ganzen Tag gearbeitet."

„Das werde ich demnächst auch wohl wieder müssen", sagte Lizzy. „In den nächsten Tagen werde ich gebrieft, was mich denn dann so erwartet, wenn ich wieder meiner normalen Beschäftigung nachgehe. Aber noch habe ich Zeit." Sie schaute auf die Uhr. „Ihr entschuldigt mich, ich bin ziemlich fertig, ich geh jetzt ins Bett, glaube ich", sagte sie und ging aus dem Zimmer.

„Siehste", sagte Georgiana zu Jane, nachdem Lizzy die Tür hinter sich geschlossen hatte, „es hatte gar nichts mit meinem Bruder zu tun, es war etwas ganz anderes."

Da mischte sich Charles ein. „Aber bei Lizzy könnte es doch indirekt mit Will zu tun haben. Was hat sie so wütend gemacht, dass Lizzy die Baronin fristlos entlassen hat? Vielleicht hat sie Lizzy ja in irgendeiner Weise auf Will angesprochen. Ihr habt doch auch gemerkt, dass sie irgendetwas gegen ihn hatte. Das wäre doch ein möglicher Grund für Lizzys heftige Reaktion. Okay, aus Will wird man jetzt wirklich nicht ganz schlau…"

„Hhmm", überlegte Jane, „vielleicht hast du Recht. Ach verdammt! Wieso müssen wir bei den beiden immer so spekulieren. Als ob beide mit ihrer Freundschaft zufrieden sind, die sie immer so betonen. Mensch, und in den letzten Wochen sind sie sich auch nicht viel näher gekommen, obwohl sie so oft zu zweit waren! Wenigstens einer sollte mal Vernunft annehmen und auf seine Gefühle hören! Da ist doch was zwischen ihnen, das sieht doch ein Blinder, nur bei den beiden anscheinend der jeweils andere nicht! Also irgendwann sperr ich die zwei noch mal in einen Raum und sie kommen erst wieder raus, wenn alles zwischen den beiden zufrieden stellend geklärt ist."

„Aber vielleicht kann man die beiden auch nicht zu ihrem Glück zwingen", gab Georgiana zu bedenken. „Rom ist fast auf den Tag genau 2 Jahre her, rechnet man die 10 Monate ab, dann hatten sie über ein Jahr Zeit, zueinander zu finden, aber vielleicht soll es einfach nicht sein."

„Die beiden sind füreinander bestimmt, so schnulzig das auch klingen mag", beharrte Jane. „Aber wenn die beiden so blöd sind, dass nicht zu erkennen, dann sollten wir es vielleicht lassen uns weiter einzumischen. Sollen sie doch sehen, wo sie bleiben!"


Obwohl Lizzy sich schon so früh verabschiedet hatte, konnte sie nicht einschlafen. Unruhig wälzte sie sich im Bett hin und her und dachte nach. Als ob sie das heute nicht schon genug gemacht hätte! Aber das Gespräch mit Lady Catherine ging ihr nicht aus dem Kopf, den ganzen Tag hatte sie darüber gebrütet, es beeinflusste sie doch mehr als ihr lieb war. In einigen Teilen hatte die Baronin doch Recht gehabt. Es war wirklich so, dass sie, wo sie ständig in seiner Gesellschaft war, keine anderen Männer auch nur in Betracht zog. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, mit jemand anderem zusammen zu sein, wo sie doch nur den einen wollte. Und auch das, was sie Lady Catherine noch nachgerufen hatte (Was hatte sie da eigentlich geritten!? Gerade der so etwas zu sagen!), das war doch die bittere Wahrheit. Sie hatte in Rom alles verspielt, sich weiter Hoffnungen zu machen, das war doch lächerlich…

Schließlich beschloss Lizzy aufzustehen, vielleicht würde ihr ein warmer Kakao helfen, besser einzuschlafen. Sie ging in die Küche und setzte Milch auf, in diesem Moment trat Will ein.

„Lizzy!", sagte er überrascht.

„Will!", sagte Lizzy gleichfalls erstaunt.

„Was machst du denn hier?", fragten beide gleichzeitig.

„Ich konnte nicht schlafen", sagte Will.

„Jep, ich auch nicht. Willst du auch einen Kakao? Das hilft bestimmt." Lizzy versuchte zwanghaft, den Blick von Will abzuwenden, der anscheinend nur in Boxershorts schlief und sonst vollkommen unbekleidet, barfuss und mit verstrubbelten Haaren in der Küche stand und wandte sich der kochenden Milch zu. Es gibt nichts, was du bei ihm nicht schon gesehen hättest!, redete sie sich ein. Aber trotzdem, er sah einfach nur gut aus…

„In dieser Küche weiß ich auch nicht, wo alles steht", plapperte sie so einfach drauf los. „Und hier muss man bestimmt länger suchen. Du kannst ja schon mal nach Tassen Ausschau halten."

Sie befanden sich in der Großküche des Schlosses, Lizzy hatte einfach eine der zahlreichen Herdplatten angestellt, Töpfe befanden sich ja immer in unmittelbarer Nähe zum Herd, Milch und Kakaopulver gab es im Lager bzw. im Kühlhaus. Will begann, alle möglichen Schränke aufzuschieben. Es dauerte eine Weile bis er den richtigen Schrank gefunden hatte, aber schließlich brachte er zwei Tassen und sogar eine Kanne zum Vorschein.

Während Lizzy den Herd abstellte, die Milch in die Kanne füllte und sie mit dem Kakaopulver versetzte, merkte sie, dass Will sie beobachtete. Sie kam aber nicht auf den Gedanken, dass es an ihrem ebenfalls recht knappen Outfit liegen könnte (sie trug nur ein Spaghetti-Top und Panties), sondern sagte: „Du musst dir keine Sorgen machen, dass ich jetzt wieder in meine alten Gewohnheiten ‚wenig Schlaf – viel Arbeit' zurückfalle, das ist das erste Mal seit Wochen, dass ich zu dieser Zeit noch auf bin. Du hast bestimmt mitgekriegt, dass ich heute Morgen mit Lady Catherine aneinander geraten bin?"

„Jo, hab's gehört."

„Nun ja, ich bin noch ein wenig aufgekratzt deswegen, so ein Gespräch hat man nicht alle Tage."

„Das kann ich mir vorstellen, ich wollte dich auch nicht zurechtweisen, ehrlich nicht."

„Schon okay, komm, wir setzen uns da an den Tisch, da sitzen immer die Angestellten."

Sie setzten sich gegenüber und Lizzy füllte sie beiden Tassen mit heißem Kakao. „Und, was führt dich hierher, warum kannst du nicht schlafen?", fragte sie Will.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe im Moment auch so einiges im Kopf, na ja, da dachte ich mir, ich geh mal hier runter und gucke, ob ich den Kühlschrank leer räumen kann. Ich war überrascht, als ich noch Licht sah. Zunächst dachte ich, du lässt deine Angestellten Tag und Nacht für dich schuften, aber dann stand doch die Königin höchstpersönlich an den Töpfen."

„Kühlschrank ausrauben? Klingt nach ner guten Idee. Als ich das letzte Mal nachts in der Küche Gesellschaft hatte, habe ich mit Jane eine 2-Liter-Dose Schokoladeneis leer gemacht. Wenn der Kakao nicht hilft, dann können wir ja mal gucken, Joaquin hatte immer irgendetwas Süßes für mich, aber bei dem Koch hier weiß ich nicht ob und wo."

„Ach stimmt, wir haben ja beide einen ziemlich süßen Gaumen."

Sie schwiegen und schlürften den Kakao, beide suchten nach einem Gesprächsthema. Lizzy fasste sich schließlich ein Herz. Früher oder später würde das Thema eh zur Sprache kommen: „Weißt du eigentlich, welchen Jahrestag wir demnächst haben?", fragte sie.

„Zwei Jahre Rom", sagte Will nur.

„Denkst du manchmal noch daran zurück?"

„Ja, sehr häufig sogar…… weißt du noch, wo wir uns das erste Mal gesehen haben? Das war in dem Kino. Na ja, angesehen habe ich dich nicht wirklich, du bist nach dem Film an mir vorbeigegangen, aber Charles scheint Jane ja wohl genauer in Augenschein genommen zu haben."

„Ich habe auch genauer geguckt", sagte Lizzy. „Weißt du noch, Charles sagte, er versteht bestimmt nichts und da habe ich später mal nach hinten geguckt, weil ich vermutete, er sei eingeschlafen, war er aber nicht. Dabei habe ich auch dich beobachtet – so gut es im dunklen Kino denn ging."

„Ach ja, Charles wollte das mit dem Kino ja gar nicht!", fiel es Will wieder ein. „Tja, er sollte mir bis an sein Lebensende dankbar sein, vieles wäre anders gewesen…"

„Eigentlich hätte ich auch nicht da sein dürfen. Jane und ich, wir sind aus der Botschaft abgehauen, um ein bisschen Spaß zu haben. Ich habe sie überredet, sie war mir hinterher sehr dankbar – jedenfalls die ersten zwei Tage. Aber Rom war echt schön, hast du noch mehr davon gesehen?"

„Nein, ich bin auch kurze Zeit später in die Heimat geflogen und habe meine Wunden geleckt."

„Und dann treffen wir uns 10 Monate später unter solchen Umständen wieder", setzte Lizzy fort. Wills letzte Bemerkung ignorierte sie. „Meine Güte, hast du mich auf dem Ball zur Schnecke gemacht! Aber ich hatte es ja auch verdient, ich habe mir ja auch selbst Vorwürfe gemacht. Du musst mich gehasst haben, zu jenem Zeitpunkt."

„Nein, gehasst habe ich dich nie", widersprach Will. „Ich war einfach nur verletzt und verbittert und ich habe mich in Rage geredet. Ich war vielleicht eine kurze Zeit wütend, aber hassen konnte ich dich nie. Weißt du, nachdem ich wusste, wer du warst, habe ich dich erst einmal gegoogelt und ziemlich viel über dich herausgefunden. Ich habe dich wirklich nicht gekannt, du und deinen Vater hatte ich bis zu dem Ball noch nie gesehen, die Erkenntnis und der Schock haben bestimmt auch noch ein wenig zu der Heftigkeit meiner Aussagen beigetragen."

„Ja, unsere Königsfamilie war sehr unbehelligt, klein, keine Skandale, nichts, worüber es sich sonderlich lohnte zu schreiben in den letzten Jahren. Dazu das Steuerparadies hier und viele Reiche und Schöne, die sich hier aufhalten, über die konnte man immer mehr schreiben. Das hat sich ja dann zwei Monate später ganz schnell verändert, mit dem Tod meines Vaters ist alles anders geworden." Lizzy stockte und schluckte, ihr stiegen Tränen in die Augen, Will ließ ihr Zeit. „Tja", setzte Lizzy fort, „auf einmal war alles durcheinander. Auf einmal war ich Königin, so war das nie geplant gewesen, mein Vater wollte mir noch mindestens 10 Jahre Zeit geben und dann stand ich da, allein. Bis heute wünsche ich, es wäre nicht so gewesen, das wünsche ich mir bei so vielen Sachen. Du wirst mich vielleicht für bescheuert halten, aber manchmal frage ich mich auch, was wohl geschehen wäre, wenn ich nicht einfach so aus Rom verschwunden wäre, wenn wir gemeinsam aufgewacht wären."

„Ich halte dich nicht für dumm", sagte Will leise, „das dachte ich auch manchmal. Warum bist du abgehauen, Lizzy? Bitte, sag es mir."

„Will, bitte nicht…"

„Warum nicht? Auf diese Frage konnte ich keine Antwort finden."

„Will, ich will unsere Freundschaft nicht kaputt machen und das könnte so leicht passieren, wenn ich dir alles sagen würde."

„Lizzy, warum pochst du immer auf Freundschaft? Denkst du nicht manchmal auch, dass es mehr zwischen uns geben könnte?", fragte Will sie. „Weißt du, mir ist es jetzt egal, das war es mir auch vor gut 2 Jahren, damals in Rom, ich hätte nicht mit dir geschlafen, wenn ich nicht ehrliche Gefühle für dich gehegt hätte. Während der 2 Tage hatte ich mich wirklich in dich verliebt, mir dir wollte ich den Rest meines Lebens verbringen. Und dann warst du weg, ich war verletzt. Ich habe deinen Brief übrigens nicht weggeworfen, ich habe ihn noch immer. 10 Monate lang war ich komplett in Selbstmitleid versunken, ich habe mich komplett zurückgezogen und so – du kannst Georgiana fragen, wie ich mich verhalten habe. Und dann sehe ich dich so unvorbereitet wieder, ja, ich habe dich ziemlich zur Sau gemacht, aber irgendwie haben mich die 10 Monate auch verbittert, es gab nur eine für mich – dich, und dich konnte ich nicht haben, das war bitter. Ich denke, ich wollte dich auch Schmerz und Bitterkeit spüren lassen, wo du mir das doch angetan hattest. Nach dem Ball war ich entschlossen, dich zu vergessen, aber das konnte ich nicht. Wegen dir bin ich nach Caras Galad gezogen, auch wenn ich dachte, dass ich dich nie wieder sehen würde. Und dann ist dein Vater gestorben, dadurch dass du Königin geworden bist, warst du noch weiter von mir entfernt, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich je wieder treffen würde. An Jane und Charles habe ich gar nicht gedacht. Weißt du, ich habe mich in das Kondolenzbuch eingetragen – lächerlich nicht wahr – aber ich dachte einfach, dass ich dich nie wieder sehen würde und danach ging es mir besser, auch wenn ich doch fast täglich mit Gesprächen über dich konfrontiert war.
Und dann stehst du plötzlich in meinem Wohnzimmer und bist mit meiner Schwester befreundet. Es war einfach nur schön, dich sehen zu können, mit dir reden zu können, ich hätte nur den Arm ausstrecken müssen und ich hätte dich berühren können. Aber dann ging alles so schnell, die Bilder von uns beiden… der Hype darum und du hast auf einmal von Freundschaft geredet. Da habe ich gedacht, ich könnte mich damit zufrieden geben."

Lizzy hatte zunächst nur zugehört und auf die Tasse in ihrer Hand gestarrt, schließlich aber blickte sie auf und sah Will an.

„Weißt du, Lizzy", fuhr Will fort, „das ist vielleicht nicht die richtige Zeit und der richtige Ort, aber mir ist es gleich, wie auch immer du reagieren wirst, ich war ehrlich: Ich komme einfach nicht von dir weg. Ich habe eine halbe Ewigkeit versucht, dich zu vergessen, ohne Erfolg, meine Gefühle sind noch genauso stark wir vor 2 Jahren, wenn nicht sogar stärker. Wenn du nur Freundschaft willst, dann soll es so sein, aber von mir hast du jetzt die Wahrheit erfahren. So steht es um meine Gefühle."

Die beiden schwiegen einen Moment, schließlich durchbrach Lizzy die Stille: „Verdammt, was für Idioten wir waren!", sagte sie laut. „Ich dachte immer, du wolltest nur Freundschaft, mehr könne ich von dir nicht erwarten, weil ich alles verspielt hatte. Und da wollte ich das nicht gefährden, indem ich auf mehr bestand. Wie blind wir waren! Das heißt ja, wir könnten schon ewig zusammen sein, wenn einer von uns mal eher den Kopf unter den Arm genommen hätte!"

„Das macht mir nichts aus, ich bereue nur wenig. Ich liebe dich Lizzy, ich liebe dich schon seit 727 Tagen."

„Ich liebe dich auch."

Will beugte sich über den Tisch und küsste Lizzy. Der Kuss dauerte lange, als wollten sie die vergangenen Monate nachholen. „Das wollte ich schon eine Ewigkeit machen", sagte Will, nachdem sie ihre Lippen voneinander gelöst hatten.

„Du hättest mich damals im Teich schon küssen sollen", sagte Lizzy.

„Wollte ich ja, aber dann sind wir ja leider gestört worden."

„Tja, ich glaube, jetzt sind wir ziemlich vor Störungen geschützt", sagte Lizzy. „Es ist 3 Uhr nachts und wir sitzen in Unterwäsche in der Küche. Damit hätte ich gestern Morgen noch nicht gerechnet. Könntest du mich noch einmal küssen, damit ich es auch wirklich glaube?"

Das tat Will gerne. „Wir haben definitiv noch Nachholbedarf", kommentierte er.

Schließlich konnte Lizzy aber ein Gähnen nicht unterdrücken.

„Na, da sind wir gerade erst ein paar Minuten zusammen und schon fängst du an zu gähnen. Ist meine Gesellschaft denn so langweilig?", witzelte er.

„Tja, die Natur fordert ihren Tribut, wir sollten vielleicht doch ins Bett gehen. Komm."

Gemeinsam beseitigten sie alle Spuren, räumten die Tassen, die Kanne und den Topf weg und machten sich gemeinsam (Händchen haltend) durch das abgedunkelte Schloss auf den Weg nach oben. Vor Lizzys Zimmertür blieben sie stehen.

„Willst du mit hinein kommen?", fragte sie Will.

Die Fragte überraschte ihn: „Lizzy, denkst du wirklich-", aber Lizzy unterbrach ihn und legte ihm ihre Finger auf seine Lippen.

„Will, ich will jetzt nicht sofort mit dir schlafen", sagte sie. „Aber ich denke auch hier haben wir etwas nachzuholen. Ich wüsste gerne, wie es ist, mit dir aufzuwachen, in Rom habe ich das ja leider nicht zugelassen. Also…?"

Da konnte auch Will nicht widerstehen, gemeinsam gingen sie hinein.