Leon S. Kennedy 1977: Über Fan- Gerede freue ich mich doch immer, vor allem von so einem treuen Fan, der immer Reviews dalässt! :)
Der alte Komplex des Pharmariesen war leichter zugänglich als das Dorf im Dschungel. Es gab eine Zufahrtsstraße und sie konnten den Großteil der Strecke mit dem Auto zurücklegen. Das Gebäude war mit Pflanzen zugewachsen. Überall hatten sich Sand und Staub abgelagert.
Die Anlage bestand aus einem Hauptgebäude, ein paar Büros und Wohnungen, wo wahrscheinlich die Forscher gelebt hatten, und einem riesigen Gewächshaus, wo man vermutlich die Bananenstauden gezüchtet hatte.
Chris und sein Team untersuchten erst die privaten Wohnungen der Forscher, die jedoch alle leergeräumt waren, dann das Gewächshaus. Etliche Fensterscheiben waren zerbrochen und Vögel hatten sich darin eingenistet. Sie sahen keine Bananenpflanzen mehr. Entweder hatte der Konzern sie mitgenommen oder noch vor Ort vernichtet, dafür hatte aber andere Vegetation um sich gegriffen und Boden und Wände bedeckt. Unter dem Glas staute sich die Hitze und Feuchtigkeit lag in der Luft.
Sie schreckten ein paar Wanderameisen auf, die eine Straße durch das Gewächshaus gebildet hatten, als sie an eine verbogene Tür kamen. Billy, Chris und Leon stemmten sie auf und sie gelangten ins Hauptgebäude.
Auf dem Boden befand sich das Logo von Pharmatech, der Name der Firma als Schriftzug mit einer Taube, die einen grünen Zweig im Schnabel hatte. Eine Treppe und eine Reihe Aufzüge führten nach unten. Ein Schild wie sie darauf hin, dass sich die Labors in den unteren Stockwerken befanden.
„Schauen wir mal runter", meinte Claire.
Die Aufzüge und das Licht funktionierten nicht mehr, weil die Anlage keinen Strom mehr hatte. Als sie vorsichtig nach unten gingen und sich umsahen, mussten sie ihre Taschenlampen anschalten.
Die Labors waren leer, weil man schon vor Ewigkeiten alle Utensilien ausgeräumt hatte. Sie fanden ein paar leere Aktenhüllen und vergessene Glasphiolen. In den Labors hatten sich Staub und Schmutz auf der Einrichtung abgelagert. Zahlreiche Insekten hatten die verlassenen Räume als neue Heimat entdeckt. In einem Versuchsraum war eine Wandseite eingebrochen und Erde hatte sich wie eine Lawine herein ergossen. Kaputte Rohre und Leitungen lugten zusammen mit den Wurzeln von Pflanzen aus den Wänden und irgendwelche Krabbeltiere hatten ihren Bau in dem lockeren Erdreich angelegt.
Es war nichts Interessantes zu finden. Chris hatte in seiner ganzen Arbeit bei der B.S.A.A. noch nie ein leeres und ausgestorbenes Labor gesehen. Sonst, wenn er und sein Team an einen solchen Ort kamen, wurden sie normalerweise von Zombies oder anderen Kreaturen begrüßt, doch diesmal war das einzige, das ihnen mit aller Gewalt entgegentrat eine gähnende Leere.
Rebecca nahm einen der Computer auseinander und schloss die Festplatte an ihren tragbaren kleinen Computer an. Sie schmunzelte und schüttelte den Kopf, weil sie nichts Brauchbares finden konnte.
Irgendwie war es auch klar gewesen, schoss es Chris durch den Kopf. Pharmatech würde mit Sicherheit keine Spuren ihrer Arbeit zurücklassen. Womöglich hatte man Millionen in die Forschung investiert und mit dem vorzeitigen Ende des Projektes genug Verlust gemacht, da wollte man niemandem die Möglichkeit geben, etwas davon im Nachhinein verwerten zu können.
Eigentlich wäre er am liebsten gegangen und hätte den Einsatz abgebrochen, aber Claire drängte darauf, auch noch die anderen Labors zu inspizieren. Sie durchsuchten vier Untergeschosse, aber überall dasselbe Bild. Entnervt und enttäusch kehrten sie an die Oberfläche zurück. Sie versammelten sich im Eingangsbereich des Hauptgebäudes.
Chris tigerte etwas ungeduldig auf und ab. Die anderen unterhielten sich. Rebecca versuchte es weiter, ob sie doch noch aus der Festplatte schlau wurde.
„Ach, verdammt!", fluchte Chris plötzlich laut und schlug mit der Faust an die Wand. Die anderen verstummten sofort und sahen in seine Richtung. „Das war völlig umsonst! Wir sind keinen Schritt weitergekommen. Was sollen wir denn jetzt machen? Das war eine Sackgasse!"
Die anderen wechselten einen Blick miteinander.
„Nein, Chris, das war es nicht", sagte Jill schließlich „Wir wissen jetzt, dass jemand oder eine Organisation vor vielen Jahren irgendeinen Plan gestartet hat, in den diese Pharmafirma involviert war. Und dass sie einen neuen Virus geschaffen haben, der jetzt sein Unwesen treibt. Wir haben zwar nicht viel, aber wenigstens haben wir ein paar Anhaltspunkte."
„Das hätten wir uns auch alles irgendwie zusammenreimen können", meinte Chris nur verärgert.
Claire sah nachdenklich drein. „Chris, mir kommt da so ein Gedanke." Sie schritt zum Fenster und sah hinaus in Richtung des dichten Regenwaldes.
„Was denkst du, Claire?", fragte Leon.
„Lass mich das mal kurz versuchen, in Worte zu fassen. Das kam mir vorhin, als wir durch die leeren Labors gegangen sind und ich mir alles, was Pascal uns an Hinweisen gegeben hat, durch den Kopf hab gehen lassen. Für die Öffentlichkeit wollte Pharmatech eine gesundheitlich bedenkliche Pflanze in die Umwelt ausbringen. Eine Umweltschutzgruppe hat das verhindert. Dabei wurde Billys Einheit benutzt, um die Drecksarbeit zu erledigen. Unsere Nachforschungen haben aber ergeben, dass der Konzern damit gar nichts zu tun hatte. Die Leute hier in den Dörfern wollten die Pflanze anbauen und gefährlich ist sie auch nicht, weil alle Studienergebnisse über die angebliche Gefährdung durch diese Banane ein Fake waren. Der Leiter von Billys Einheit war zudem noch Mitglied der Umweltschutzorganisation. Das lässt alles in einem anderen Licht erscheinen."
„Auf was willst du hinaus, Claire?"
„Ich verstehe", sagte Billy. „Du meinst, dass die Rechnung `böser Pharmakonzern´ diesmal nicht aufgeht."
„Genau und die Umweltschützer sind auch nicht die Guten hier", fügte Claire hinzu. „Aber wir nehmen es an. Wir hinterfragen nichts, weil wir davon ausgehen, dass der Pharmariese der Böse ist und die Umweltschützer sich natürlich für die Rechte der kleinen Leute einsetzen. Noch dazu wird gegen die GMOs seit Langem von Umweltaktivisten gekämpft und mit Propaganda gehetzt. Aber was, wenn es darum gar nicht geht?"
„Also Claire, ernsthaft, ich kann dir nicht folgen", sagte Chris ungeduldig.
„Es ist nur eine Idee, aber lasst mich den Gedanken mal zu Ende führen. Was wäre denn, wenn es weder um den Pharmakonzern, noch um die GMO- Pflanze ging? Wenn man das alles nur vorgeschoben und inszeniert hat, damit eine tolle Geschichte für die Presse daraus wird und jeder wieder zufrieden ist? Der schuldige ist der böse Pharmakonzern, aber die wirklichen Verantwortlichen treiben weiter ihr Unwesen. Und die wahre Geschichte ist nie ans Tageslicht gekommen."
„Was glaubst du, Claire?", wollte Leon wissen.
„Ganz einfach. Ich denke, dass es eine verdammt gute Organisation benötigt, um so eine Geschichte zu konstruieren. Man brauchte nur einen Aufhänger und da kam ihnen Pharmatech mit seiner umstrittenen Forschung an Genpflanzen genau richtig. Man schleuste jemanden in Billys Einheit ein, der sicherstellte, dass die Beseitigung der unliebsamen Dorfbewohner funktionierte und man schleuste jemanden bei Pharmatech ein, der dafür sorgte, dass den vermeintlichen Umweltschützern gefälschte Studien zugespielt wurden."
„Was sollte wer auch immer davon haben, Claire?", fragte Jill. „Sie haben nur Pharmatech das Geschäft in Afrika kaputt gemacht. Die Forschung an den Gen- Bananen wurde eingestellt."
„Nein, Jill, nicht nur das. Es ging nicht darum, dem Konzern zu schaden, zumindest nicht vordergründig. Ich glaube, dass man Pharmatech aus Afrika raus haben und ihre Forschungsarbeit hier kaputt machen wollte, weil man es selbst auf eben diese Forschung abgesehen hatte. Der, der im Konzern drin war, hat nicht nur dafür gesorgt, dass dieser sein Gentechnik- Projekt eingestellt hat, viel wahrscheinlicher ist, dass er es gleichzeitig auf andere Dinge abgesehen hatte. Solange Pharmatech hier aktiv war und an was auch immer geforscht, konnten sie nicht ran. Aber dann plötzlich war der Konzern weg und musste seine gesamte Forschung in Afrika komplett einstellen. Dieser Gelegenheit wird man beim Schopf gepackt haben."
„Du meinst, Pharmatech hatte noch irgendwas anderes am Laufen und auf das hatte man es in Wirklichkeit abgesehen?", schlussfolgerte Jill.
„Ganz genau. Alles andere war nur vorgeschoben, damit ihnen niemand auf die Schliche kommt. Und das hat ja auch sehr gut geklappt. Bis Pascal hierhergekommen ist. Er ist derselben Spur wie wir gefolgt, aber wahrscheinlich…"
„Hat er rausgefunden, was wirklich passiert ist, und ist damit ein paar Leuten unangenehm auf die Füße getreten."
„Ja, weil er die Dorfbewohner gefragt hat, die ihm die Wahrheit erzählt haben, da wird er misstrauisch geworden sein. Und als er dann weiter gegraben hat, da hat man ihn… entführt, verschleppt und irgendwohin gebracht. Das wissen wir ja nicht", sagte Claire. „Ich denke, warum auch immer man Pharmatech wirklich aus dem Weg schaffen wollte, hat mit Sicherheit mit dem neuen Virus zu tun."
„Das klingt alles sehr… konstruiert, Claire", warf Chris ein.
„Aber wenn wir dem eine Chance geben", meinte Barry. „Dann ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, diesen Pascal zu finden und ihn zu fragen. Er ist der einzige, der uns sagen kann, was passiert ist. Man wird ihn schließlich nicht umsonst entführt haben."
„Genau. Chris, wir müssen zurückfliegen", sagte Claire eindringlich. „Wir müssen ihn finden!"
Chris antwortete nicht gleich. Er schritt im Raum umher und atmete tief durch. „Wenn du Recht hast, Claire, dass jemand sich bei Pharmatech eingeschleust hat, um an irgendetwas heranzukommen, an was der Konzern geforscht hat, dann müsste uns doch eigentlich das alte Forscherteam darüber Auskunft geben können, oder?" Er wandte sich an Sheva. „Weißt du, ob jemand von hier daran beteiligt war?"
„Ich glaube nicht, Chris. Alle Forscher, die hier gearbeitet haben, waren aus Amerika, denn Pharmatech hat ja dort seinen Hauptsitz. Und die von der Universität, die mit ihnen zusammengearbeitet haben, waren auch nicht von hier. Als der Konzern ging, sind alle Mitarbeiter mit ihm gegangen", sagte Sheva.
„Pascal ist in den USA", sagte Helena. „Also vielleicht sitzt derjenige, auf den er es abgesehen hat, auch dort."
„Wartet mal", sagte Sheva und zog ihr Handy aus ihrer Tasche. „Unser Büro in Nairobi soll man jemanden zur Universität schicken und dort nachfragen. Vielleicht können wir so an ein paar Namen kommen."
„Wir müssen die Forscher ausfindig machen, die hier gearbeitet haben", sagte Chris entschieden. „Wenn du Recht haben solltest, Claire, dann kann uns nur einer von denen sagen, an was sie noch gearbeitet haben und eventuell wer von denen der Maulwurf war, wenn es ihn denn gab."
Jake leitete die Unterlagen des Maklers umgehend an Alex Wesker weiter. Alex füllte alles Notwendige aus und übersandte es der Immobilienfirma unterschrieben zurück. Schon am nächsten Tag hatte sie den Schlüssel für ihr Büro in ihrem Postfach. Sie musste ihn nur noch abholen.
Barry war noch nicht aus Afrika zurückgekehrt, sodass Alex und Kathy allein waren. Sie aßen zusammen zu Mittag und am Nachmittag wollte Alex in ihr Büro und anfangen zu arbeiten. Kathy sah besorgt aus, weil Barry sich noch nicht bei ihr gemeldet hatte. Alex kümmerte sich wenig darum. Sie war viel mehr daran interessiert, was die B.S.A.A. in Afrika entdeckt hatte. Sobald Barry und die anderen aus seinem Team zurück waren, wollte sie versuchen, etwas in Erfahrung zu bringen.
Als sie geendet hatten, half Alex Kathy beim Abwasch.
„Hast du heute etwas vor?", fragte Kathy, während Alex die Teller abtrocknete.
„Ich möchte in die Stadt fahren", sagte Alex.
„Schon wieder? Warst du nicht erst?"
„Schon, aber momentan fahre ich sehr gerne in die Stadt", erklärte Alex. „Ich habe einfach Lust, ein bisschen in die Geschäfte zu gehen."
„Verstehe."
„Du hast doch nichts dagegen, oder?"
„Nein, natürlich nicht", sagte Kathy und spülte die Salatschüssel ab. „Ich bin ja froh, dass du nicht mehr so viel in deinem Zimmer allein bist. Triffst du dich wieder mit ein paar Mädchen aus der Schule?"
„Ja", log Alex. Sie wusste, dass Kathy so etwas hören wollte.
„Das freut mich. Weißt du, du bist ein junges Mädchen, Natalia, du brauchst Kontakte. Es ist nicht gut, immer allein zu sein." Sie sah traurig aus, überspielte es aber mit einem Lächeln.
„Machst du dir Sorgen wegen Barry?", fragte Alex.
„Ja. Die Ungewissheit macht mich manchmal wahnsinnig", sagte Kathy ernst. „17 Jahre, seit dieser verhängnisvollen Nacht in Raccoon City, dauert der Kampf schon. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass er weg ist auf irgendeiner gefährlichen Mission, aber… Die Sorgen bleiben trotzdem, vor allem, wenn er sich nicht meldet. Wahrscheinlich bekämpfen sie wieder Monster und Viren und gefährliche Leute."
„Ja, das ist wohl ihre Lebensaufgabe", sagte Alex mit einem Grinsen.
„Vermutlich hast du Recht, ja."
Nachdem sie mit dem Abwasch fertig waren, packte Alex ihre Tasche mit ihrem Laptop und machte sich auf den Weg in die Stadt. Ihr erster Weg führte sie auf die Postfiliale, wo ihre Firma ein Postfach gemietet hatte. Die Frau hinter dem Schalter warf Natalia einen misstrauischen Blick zu, weil ein Kind das Fach eines Unternehmens leerte, sie sagte aber nichts. Natalia lächelte sie an und sagte, dass ihre Mutter sie geschickt hatte. Als sie die Filiale verließ, beschloss sie, der Sicherheit halber beim nächsten Mal Jake zu schicken. Unerwünschte Aufmerksamkeit konnte sie nicht gebrauchen.
Auf dem Weg zum Büro überflog sie kurz die Kopie des Vertrages, dann rief sie Jake an und fragte ihn, ob er ihr Gesellschaft leisten wollte.
„Du hast sehr gute Arbeit geleistet", sagte Alex anerkennend. „Ich habe dir ja versprochen, dir mehr über deinen Vater zu erzählen, also wenn du Lust hast, kannst du vorbeikommen und wir reden ein bisschen. Du kannst ja deine Tochter auch mitbringen."
Natürlich war das Büro völlig leer. Keine Möbel standen darin, aber Alex war schon immer pragmatisch gewesen. Sie schloss ihr Laptop an den Strom und die Telefondose an, damit sie Internet hatte und ließ sich auf einem Kissen auf dem Boden nieder. Für die wenigen Wochen, die sie hier verbringen würde, war es sinnlos, Möbel anzuschaffen.
Sie surfte bereits im Internet auf der Suche nach Ausstattung für ihr Labor, als Jake mit seiner Tochter hereinkam. Er grinste, als er Alex im Schneidersitz auf dem Boden sitzen sah.
„Du bist die reichste 13- Jährige der Welt, aber kannst dir nicht mal einen Stuhl leisten", scherzte er und lachte.
Alex warf ihm nur einen kurzen Blick zu, aber wandte sich sogleich wieder dem Bildschirm vor ihr zu. Sie hatte gerade eine Bestellung für eine neue Arbeitssoftware aufgegeben.
„Was machst du gerade?", fragte Jake und setzte das Tragekörbchen mit seiner Tochter vorsichtig auf dem Boden ab, um sich dann selbst gegenüber Alex niederzulassen.
„Ich kaufe ein", sagte Alex schlicht. „Ich brauche für mein Labor einiges an Ausstattung, wenn ich richtig arbeiten will."
Jake nahm seine Tochter auf den Schoß.
„Was macht Sherry?", wollte Alex wissen.
„Sie ist gerade mit ein paar Freundinnen unterwegs. Ich hab ihr gesagt, ich nehme die Kleine, damit sie mal Zeit für sich hat", sagte Jake. Rachel lachte als er sie auf seinem Knie wippen ließ. „Im Übrigen Danke für das Geld. Das haben wir echt gut gebrauchen können."
„Es war deine Bezahlung, Jake, die du dir verdient hast", sagte Alex. „Ich hatte dir ja ein Versprechen gegeben. Und Wesker halten ihre Versprechen."
„Das merk ich mir. Sherry und ich waren in einem Restaurant essen", sagte Jake. „Das war richtig toll. Und wir haben einiges davon auf die Seite gelegt. Wir konnten für Rachel einen College- Fond anlegen und für uns haben wir ein Sparbuch eröffnet. Ich muss dir wirklich danken. Das Geld hat uns echt geholfen."
„Das freut mich zu hören", sagte Alex mit einem Lächeln. „Bestimmt ergibt sich bald er nächste Auftrag für dich."
Nachdem sie ihre zweite Bestellung für einen Biofermenter aufgegeben hatte, schloss Alex das Internet und öffnete einen Ordner, den sie schon bald nach ihrer Ankunft bei den Burtons vor vier Jahren angelegt hatte. In dem Ordner hatte sie ein Programm gespeichert, das sie viele Jahre auf der Insel benutzt hatte, das sie aber wie alles andere verloren hatte. Sie hatte die letzten Jahre unermüdlich daran gearbeitet, es von Grund auf neu zu erstellen und glücklicherweise war es bald fertiggestellt.
„Was ist das?", fragte Jake, der einen Blick auf das Desktop warf.
„Das ist ein Programm, das Umbrella früher benutzt hat", erklärte Alex. „Es heißt Red Queen. Umbrella hat es geschaffen, um elektronische Daten zu verwalten und zu sichern. Vor sehr vielen Jahren habe ich mir davon eine Kopie gezogen und ein bisschen daran herumprogrammiert. Ich nenne es Red Queen Alpha. Wenn ich wieder in meinem Labor bin, dann werde ich hauptsächlich damit arbeiten. Sieh mal hier." Sie rief eine Funktion auf. „Darin kann ich meine Untersuchungen protokollieren und die Ergebnisse in Tabellen eintragen. Es ist dann rund um die Uhr vor Zugriffen geschützt und ich habe meine Ordnung. Manchmal mache ich damit auch Modellhochrechnungen, man kann es nämlich auch für Simulationen benutzen."
Die kleine Rachel wollte nicht länger im Schoß ihres Vaters bleiben und krabbelte langsam auf Alex zu. Sie lächelte Alex an und streckte einen Arm nach ihr aus.
Alex schrak zuerst etwas zurück. Sie hatte noch nie in ihrem Leben mit Kindern zu tun gehabt und war unsicher, wie sie sich verhalten sollte.
„Al-ex", sagte Rachel in Babysprache.
„Sie scheint dich zu mögen, eh?", meinte Jake und grinste. „Du darfst sie schon mal nehmen."
Rachel kroch auf Alex zu und in ihren Schoß. „Also gut", sagte diese dann und nahm das Baby vorsichtig in ihre Arme. Rachel schien das zu gefallen, denn sie lächelte Alex an. Alex jedoch hielt sie mit ausgestreckten Armen von sich weg, sodass sie das Kleinkind aus der Entfernung betrachten konnte.
Jake musste lachen. „Dein Gesicht müsstest du sehen, Alex! Das ist keine Granate, die jeden Moment hochgeht. Außerdem sie mag dich wohl echt. Sie war noch nie so fröhlich bei Fremden."
Alex wollte etwas erwidern, aber verkniff sich den Kommentar. Als sie sicherer geworden war, setzte sie Rachel vorsichtig in ihren Schoß, sodass sie mit auf das Laptop sehen konnte. Rachel deutete mit dem Finger auf die Symbole auf dem Bildschirm.
„Gefällt dir das? Das ist die Red Queen, mein Baby sozusagen", meinte Alex.
„Ich werde mal in diese Küche gucken", sagte Jake und stand vom Boden auf. „Vielleicht kann man da ja Kaffee oder so was kochen. Pass gut auf die Kleine auf."
Als er hinausging, blieb Alex mit dem Baby allein und sie hatte für einen Augenblick Zeit, sich Rachel genauer anzusehen. Das kleine Mädchen hatte bereits den Ansatz eines hellblonden Haares und ihre Augen hatten dasselbe eisblau, das auch ihr Vater hatte. Und Albert. Alex meinte, Albert in ihren Augen erkennen zu können und sie versuchte sich vorzustellen, was er wohl sagen oder wie er wohl reagieren würde, wenn er von seinem Sohn und seiner Enkelin wüsste.
Genau wie Alex war Albert nie ein Familienmensch gewesen und Spencer hatte ihnen immer eingebläut, dass die menschlichen Emotionen nur ein Hindernis waren. Ihre Erziehung hatte aus Strenge, Disziplin und Ordnung bestanden. So etwas wie elterliche Liebe hatten sie nie erfahren. Deshalb hatten Gefühle bei Alex nie einen Platz gehabt und an dieser Stelle in ihrem Inneren klaffte eine Lücke. Es war schon schwierig für sie, die Burtons verstehen zu können, und gegenüber dem Baby fiel es ihr nochmal schwerer, die gleiche Freude oder Verzückung zu empfinden wie alle anderen Menschen.
Wenn sie in Rachels blaue Augen sah, dann empfand sie vor allem Unsicherheit, ja sogar Angst. Das Baby ängstigte sie, weil sie nicht wusste, wie sie damit umzugehen hatte. Es war kein Computerprogramm und auch kein Virus, den sie unter dem Mikroskop untersuchen konnte. Und noch weniger war es ein Versuchsobjekt, das sie einer wissenschaftlichen Analyse unterziehen konnte. Es war ein Mensch, der hilfe- und schutzbedürftig war. Es brauchte Liebe und Zuneigung, damit er gut gedeihen konnte, nicht die passenden Gegebenheiten in einer Petrischale.
Alex hatte sich nie für Kinder erwärmen können. Sich selbst hatte sie auch nie als Mutter gesehen, nicht in ihrem alten Körper und sie bezweifelte, dass sich dieser Umstand in ihrem neuen Ich mit Natalia ändern könnte. Sie schmunzelte bei dem Gedanken, dass sie vermutlich völlig versagen würde, wenn man ihr ein Kind anvertraute.
Sie wusste nicht warum, aber ein seltsamer Gedanke schlich sich plötzlich in ihren Kopf. Sie selbst musste ja ebenfalls leibliche Eltern haben. Spencer hatte sie und Albert lediglich großgezogen, aber es bestand kein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen ihnen. Alex war heute 55 Jahre alt, es bestand also die Möglichkeit, dass ihre leibliche Mutter noch am Leben war. Spencer hatte zwar immer behauptet, ihre Familie sei tot, aber der alte Mann hatte viel erzählt. Vielleicht war sie irgendwo da draußen und vielleicht hatte sie Alex auch irgendwann einmal auf ihrem Schoß sitzen lassen…
Auf einmal verspürte sie den Drang, die Kleine weit von sich wegzuschieben. Dass Rachel sie anlächelte, machte die Sache nicht besser. Irgendetwas in ihr stimmte nicht. Der Gedanke an ihre Familie, an ihre Mutter, löste ein warmes Gefühl in ihrer Brust um ihr Herz aus, das nicht von ihr stammte.
Zum Glück kam Jake in diesem Moment zurück. „Ich hab leider nur Tee hingekriegt, aber… Was ist?!", fragte er alarmiert, als er Alex sah.
Diese fühlte sich mit dem Baby auf dem Schoß höchst unwohl und war erleichtert, als Jake hereinkam.
„Nimm sie bitte weg", sagte Alex.
Jake stellte seine Tasse ab und nahm seine Tochter in die Arme. Rachel schien ebenfalls zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war, denn als Alex sie ihrem Vater wieder überreichte, verzog sie plötzlich das Gesicht und begann zu quengeln. Kurz darauf weinte sie.
„Ist ja gut", sagte Jake und wiegte sie in seinen Armen.
Alex sprang auf und ging eilig zum Fenster hinüber. Sie brauchte dringend frische Luft. Sie spürte ein Stechen in der Brust und konnte kaum Atmen. Ihr brach kalter Schweiß aus und sie keuchte schwer, als wäre sie gerade eine weite Strecke gerannt. Sie fühlte sich, als stünde sie kurz vor einem Herzinfarkt. Das warme Gefühl in ihrer Brust wurde zu einem unerträglichen Brennen und Stimmen meldeten sich in ihrem Kopf. Da begriff sie, dass Natalias Geist in ihr erwacht war. Offenbar hatte die emotional aufwühlende Situation die eigentliche Besitzerin ihres Körpers wieder erweckt. Alex hatte eigentlich gedacht, dass sie nach vier Jahren auch den letzten Rest von Natalia aus sich verdrängt hatte. Dass das Mädchen doch noch so große Kraft besaß und derartigen Einfluss auf Alex´ Gefühlswelt und Gedanken nehmen konnte, schockierte sie.
„Verschwinde…", presste sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Sh, ist ja alles gut", sagte Jake und strich Rachel beruhigend über den Rücken. Das Baby wurde wieder still und er legte sie zurück in ihr Tragekörbchen. Dann kam er vorsichtig zu Alex, die sich mit einer Hand am Fensterbrett festkrallte und leicht nach vorne gebeugt dastand. „Alex, geht's dir gut? Was war denn eben los?"
„Nichts, schon gut", sagte Alex und fokussierte sich auf ihren Plan. Sie richtete ihre Gedanken weg von dem Baby und wieder auf ihre Arbeit. Es dauerte fünf Minuten, aber dann merkte sie, wie sie sich wieder beruhigte. Die Stimmen aus Natalias Gedanken verschwanden und die Schmerzen ließen nach.
„Wer soll verschwinden?", fragte Jake ernst. „Soll-soll ich gehen? Meinst du uns damit?"
„Nein, nein. Ich habe nicht euch gemeint, Jake. Schon gut, bleibt nur da. Ich muss nur… einfach weiterarbeiten."
Etwas wacklig auf den Beinen ging Alex zurück zu ihrem Computer und setzte ihre Arbeit fort. Jake spielte mit seiner Tochter, aber warf ihr immer mal wieder Blicke von der Seite zu.
„Ich wollte dir doch etwas über deinen Vater erzählen", sagte Alex, die eine Ablenkung gebrauchen konnte. „Was willst du wissen?"
„Ähm, ich… Ja! Natürlich! Du hast doch gesagt, dass ihr beide zusammen aufgewachsen seid. Was er für ein Mensch? Jeder erzählt mir nur, was er bei S.T.A.R.S. und danach gemacht hat, aber keiner kennt ihn aus seiner Kindheit, Jugend und sowas." Jake zuckte mit den Achseln. „Das würde ich gerne wissen."
„OK. Dein Vater und ich wuchsen wie ich dir schon bei unserem ersten Treffen gesagt habe bei Oswell E. Spencer auf. Wir waren seine beiden Lieblingskinder und wahrscheinlich sah er uns irgendwie tatsächlich als seine Kinder an. Wir studierten beide Biologie und promovierten mit 16 in Virologie."
„Mit 16?!", fragte Jake. „Wow, ich kann nicht mal mit einem Schulabschluss aufwarten."
„Weil du zu den Söldnern gegangen bist, oder? Ich kann mir vorstellen, dass da für Schule kein Platz war", meinte Alex.
„Ja. Da war ich 15. Ich habe die Schule geschmissen und ich hatte seitdem nie die Gelegenheit, es wieder nachzuholen. Mum war natürlich schwer begeistert, aber sie hat nichts gesagt. Sie hatte sogar noch ein schlechtes Gewissen, weil ich es wegen ihr gemacht habe." Er klang gleichgültig. „Ich mochte die Schule nie. Ich war auch immer einer der schlechtesten, weil ich… mich nie angestrengt habe. Ich habe schon in der fünften Klasse den Mathelehrern die Aufgaben erklären müssen. Da habe ich mich ziemlich unbeliebt gemacht. Sonst, ich musste fast nie lernen und ich habe mich gelangweilt, das war mein Problem. Es war alles zu einfach, es war nicht mein Niveau. Und da habe ich mich wahrscheinlich verweigert."
„Du bist ein sehr intelligenter, junger Mann, Jake", stellte Alex fest. „Noch bist du jung und es ist nichts verloren."
„Das habe ich von meinem Dad, oder? Ich meine, ich habe kein halbes Jahr gebraucht, um fließend Kantonesisch zu lernen. Und zwar nicht nur sprechen, sondern auch lesen. Und als Kind habe ich nur wenige Jahre gebraucht, um Klavier spielen zu lernen. Meine Mum hat es mir beigebracht. Ich war in allem immer sofort gut und der Beste."
„Dein Vater und ich waren genauso. Wir lernten auch alles sehr schnell. Egal, was es war, Sprachen, Musik, Naturwissenschaft, Kunst."
„Was konnte mein Dad denn alles so?", wollte Jake wissen.
„Lass mich von Anfang an erzählen. Als wir Kinder waren, lernten wir Klavier spielen. Ich selbst habe es aber später nicht weiter verfolgt. Was dein Vater gemacht hat, weiß ich nicht. Da wir beide Interesse in Biologie zeigten, förderte uns Spencer in diesem Bereich sehr stark. Natürlich mit der Absicht, dass wir beide für ihn an Viren forschen sollen. Das geschah auch. Dein Vater schrieb seine Doktorarbeit 1977 zu Ende und noch im selben Jahr schickte ihn Spencer in die Ausbildungsstelle für Praktikanten in den Arklay Mountains. Das ist nahe Raccoon City. Die Einrichtung wurde von Spencers Freund und Mitbegründer von Umbrella, Dr. James Marcus, geleitet. Dort traf Albert William Birkin, Sherrys Vater. Dieser war sogar zwei Jahre jünger als dein Vater. Er war direkt von der Universität rekrutiert worden."
„Wow", sagte Jake anerkennungsvoll, dann warf er Rachel einen Blick zu. „Na bei den Großvätern kann aus dir ja nur was Gutes werden."
„Da bin ich mir sicher", sagte Alex. „Sie macht einen sehr aufgeweckten Eindruck. Und sie versteht alles, was um sie herum passiert."
„Ja. Sie ist viel weiter als andere Kinder in ihrem Alter", sagte Jake mit Stolz, doch auch ein bisschen Sorge schwang in seiner Stimme mit. „Ich bin immer froh, dass wir nicht zu einem normalen Arzt mit ihr gehen müssen, sondern dass Rebecca Chambers von der B.S.A.A. sie untersucht. Sprechen will sie noch nicht viel, aber man merkt es immer, wenn man ihr beim Spielen zuschaut, dass sie ziemlich… klug ist. Sie ist erst ein Jahr alt, aber… Sie hat schon Spielsachen für 4- oder 5- Jährige. Vor allem Puzzle und irgendwelche Bauklötze in geometrischen Formen, das liebt sie."
„Du sagtest Jake, dass sie dieselbe Mutation wie Albert und du in sich trägt", fragte Alex. „Wie wurde das festgestellt?"
„Naja, nachdem ja bekannt ist, wie ich bin, also, was ich von meinem Vater geerbt habe, hat die B.S.A.A. die Kleine sofort untersucht nach der Geburt. Rebecca hat es rausgefunden, dass sie meinen Antikörper gegen Viren geerbt hat. Naja, und das mit den Heilkräften, das haben wir durch Zufall rausgefunden. Sie war, ich glaube ungefähr vier Monate alt. Sherry hat sie gewickelt und die Kleine ist vom Tisch runtergefallen, weil sie sich umgedreht hat. Wir waren völlig mit den Nerven runter, weil wir dachten, dass sie sich verletzt hat, aber… Kurze Zeit später war wieder alles in Ordnung. Keine blauen Flecke mehr, keine aufgeschlagene Stirn mehr. Rebecca hat ihr dann noch mal Blut abgenommen und siehe da, sie hat den G- Virus von ihrer Mutter geerbt, mit dem sie sich jetzt heilen kann."
„Wirklich beeindruckend", sagte Alex. Sie sehnte schon den Tag herbei, an dem sie die Gelegenheit hatte, Rachel eigenhändig zu untersuchen.
„Mein Dad und Sherrys Vater haben dann zusammengearbeitet, nicht wahr?", fragte Jake.
„Ja, allerdings in der Ausbildungsstätte nur ein Jahr, danach wurde sie geschlossen. Das war 1978. Die beiden kamen in ein anderes Labor, ebenfalls in den Arklay Mountains gelegen. Das Herrenhaus sollte ja später sehr berühmt werden."
„Ah, verstehe."
„Sie arbeiteten unter Dr. Marcus weiter am T- Virus. Sie experimentierten auch an Menschen. Vor allem Birkin war es, der die Arbeit voranbrachte. Er entwickelte den ersten Prototypen für den Hunter, das ist ein B.O.W., und entdeckte später in einer weiblichen Testperson namens Lisa Trevor den G- Virus. Albert und William unterstanden direkt Dr. Marcus und er vertraute ihnen. Dr. Marcus hat den T- Virus aus dem Progenitor- Virus entwickelt, indem er letzteren mit der DNS von Egeln kreuzte. Seine Egel waren zum Schluss sowas wie seine Kinder, denen er vertraute. Er witterte einen Komplett gegen sich."
Jake verzog angewidert das Gesicht.
„Spencer wollte mit dem T- Virus natürlich Geld verdienen, das war der Grund, warum er in die Erforschung biologischer Waffen einstieg. Marcus aber wehrte sich dagegen. Spencer ordnete an, Dr. Marcus zu töten. Dein Vater und William waren daran beteiligt. Man entsorgte die Leiche und erfand eine Geschichte, dass Marcus gekündigt hätte und danach bei einem Autounfall gestorben sei. Man kalkulierte falsch, wie sich herausstellte, denn… Die Egel hauchten Dr. Marcus durch den T- Virus neues Leben ein und zehn Jahre nach seinem Tod, 1998, als man gerade dabei war, die Ausbildungsstätte neu zu eröffnen, infizierten die Egel das Forschungszentrum, das Haus darüber, das Herrenhaus und den Ecliptic Express, Umbrellas privaten Zug. In Raccoon City häuften sich merkwürdige Todesfälle, worauf die S.T.A.R.S. unter Leitung deines Vaters aktiv wurden. Den Rest wirst du ja kennen."
Jake nickte. „Mein Dad konnte also Klavier spielen? Als er mit meiner Mum zusammen war, hat er ihr mal einen Notenbogen geschenkt. Von der Mondscheinsonate."
„Das war Spencers Lieblingsstück. Es war eines der ersten Lieder, die wir gelernt haben. Ab und zu mussten wir es ihm vorspielen", sagte Alex. Wenn sie heute daran dachte, kochte immer noch die Wut in ihr hoch.
„Was konnte mein Dad noch?"
„Anfang der 80er Jahre, als dein Vater und William im Labor arbeiteten, infizierte er sich mit einem multiresistenten Bakterienstamm. Der Antikörper schützt euch gegen Viren, aber nicht gegen Bakterien. Er bekam eine schwere Lungenentzündung und wäre beinahe gestorben. Ich weiß noch, dass ich ihn einmal besucht habe, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht habe. Danach hat er angefangen bei einem Meister Kampfsport zu trainieren. Er hat mich oft mitgenommen und hat mir vieles gezeigt, sodass ich auch darin ausgebildet wurde. So gut wie er war ich allerdings nie. 1991 zog er sich aus der Forschung zurück und wechselte in die Geheimdienstabteilung bei Umbrella. Er erhielt eine Agentenausbildung. Ich selbst kann mit Schusswaffen umgehen, aber… Ich fürchte, deinem Vater kann ich nicht das Wasser reichen. Von seinem Meister lernte er fließend Japanisch. Er sprach auch Spanisch. Ich lernte während eines Aufenthaltes in Frankreich Französisch und durch die Insel Russisch."
„Verstehe. Wir erziehen unsere Tochter mehrsprachig. Mum hat von Anfang an Englisch mit mir gesprochen, aber meine Muttersprache ist ja eigentlich Edonisch und in der Schule hatte ich Serbisch, weil das die Amtssprache von Edonien ist. Deswegen rede ich mit Rachel meistens gar nicht Englisch. Ich hab das Kämpfen bei den Söldnern gelernt", sagte Jake. Er holte eine Schachtel aus seiner Tasche und schüttete einen Haufen Puzzleteile auf den Boden. Rachel begann sofort eifrig, die Teile zu untersuchen. Sie ordnete die Farben einander zu. „Da gab es jemanden, den ich so ein bisschen… naja, wie einen Vater gesehen habe. Er hat mir alles beigebracht, Mixed Martial Arts und auch Kung Fu- Techniken und Umgang mit Schusswaffen. Dummerweise war er ein Verräter. Er hat mich und unser Team auffliegen lassen. Ich war der einzige Überlebende. Ich habe viele enge Freunde damals verloren."
„Das tut mir Leid für dich, Jake", sagte Alex. Ihr Blick ruhte einige Zeit auf Rachel, die sich ihre Puzzleteile zurechtlegte, dann wandte sich wieder der Red Queen zu. Für die kommenden Minuten war nur das Tippen auf der Tastatur zu hören.
„Dein Vater mochte Jazz- Musik", sagte Alex dann. „Eine Vorliebe, die ich mit ihm geteilt habe. Er hatte auch eine Schwäche für die italienische Küche."
Jake grinste. „Mum mochte auch italienisches Essen."
„Wir genossen es, ab und zu, wenn wir uns einmal getroffen haben, eine Flasche Rotwein zusammen zutrinken. Es gelüstet mich heute ab und zu danach, aber dann fällt mir immer ein, dass ich ja im Körper einer 13- Jährigen stecke und es vielleicht keine gute Idee wäre, in ihrer Entwicklungsphase Alkohol zuzuführen." Alex lachte leise auf. „Ich verkneife mir ja schon den Kaffee."
„Sag mal, Alex, du hast immer von irgendeinem Labor gesprochen. Du hast doch vor, von hier wegzugehen, oder?", fragte Jake.
„Ja, in der Tat. Warum fragst du?"
„Ich meine ja nur. Verschwindest du dann einfach oder sehe ich dich weiterhin?"
Sie stutzte einen Moment. „Natürlich kannst du mich weiterhin sehen, immerhin habe ich dich ja bei mir angestellt, aber du wirst dann eine längere Reise in Kauf nehmen müssen."
„Wo willst du denn hin?"
„Ich werde in das Haus unserer Kindheit zurückkehren", erklärte Alex. „Spencer besaß viele Anwesen hier in Amerika. Ich werde in das gehen, wo ich einen sehr großen Teil meines Lebens verbracht habe. Es ist im Norden des Bundesstaates Washington gelegen, nahe der Grenze zu Kanada."
„Das ist aber am ganz anderen Ende von Amerika", meinte Jake, verständlich, immerhin waren sie im Moment in New York. „Das heißt, du musst da rüber fliehen, oder? Mit deinen ganzen Sachen. Wie willst du das machen?"
„Dafür habe ich dich doch", meinte Alex. „Du musst mir dabei helfen, Jake. Es tut mir Leid, wenn ich so viel von dir verlangen muss, aber ich habe im Körper eines Kindes leider so meine Schwierigkeiten, wie du ja wissen wirst. Wenn alles geregelt ist, werde ich dich noch mal sehr großzügig entlohnen, versprochen."
Jake wirkte plötzlich nachdenklich. „Wenn du fortgehst, täuscht du dann deinen Tod vor oder verschwindest du einfach? Man wird dich suchen."
„Ich weiß, aber man wird mich nicht finden", sagte Alex bestimmt. „Sie schöpfen keinen Verdacht. Sie haben nicht die geringste Ahnung, dass ich nicht Natalia bin. Ich werde einfach eines Nachmittags nach der Schule verschwinden, so als hätte es mich nie gegeben."
„Das finde ich ein bisschen hart, ehrlich gesagt", entgegnete Jake. „Ich meine, du hast doch vier Jahre bei den Burtons gelebt, oder? Die haben dich als ihre Tochter aufgenommen und adoptiert und du willst sie einfach so sang- und klanglos verlassen? Das finde ich nicht gut."
Das Tippen erstarb. Alex musterte Jake. „Was soll ich denn sagen? Ich bin Alex Wesker, ich habe euch nur benutzt und an der Nase herumgeführt und ich verschwinde jetzt mal. Habt ein schönes Leben?"
„Nein, so meinte ich das nicht. Aber sie werden sich Sorgen um dich machen. Sie lieben dich doch wie eine Tochter. Sie werden dich auch suchen. Und ich weiß ja nicht, aber… Kannst du wirklich ausschließen, dass sie dir nicht auf die Schliche kommen? Und wenn sie es rausfinden, wird der Ärger erst richtig groß werden."
„Jake", sagte Alex streng. „Ich werde früher oder später gehen, wenn ich alles zusammenhabe. Du wirst an meiner Entscheidung nichts ändern und ich muss mich mit Sicherheit nicht rechtfertigen. Ich habe lange genug ausgeharrt. Du kannst den Weg mit mir weitergehen oder auch nicht, du hast die Wahl. Aber überlege dir die Konsequenzen deiner Wahl gut."
Er musterte sie verärgert. „Hey, reg dich mal ab. Ich hab doch nicht gesagt, dass ich dich verraten werde oder sonst was. Nur weißt du, ich musste damit leben, dass mein Vater uns einfach verlassen hat und ich weiß, was das für Spuren hinterlässt. Aber wem sage ich das? In der Beziehung scheint ihr Wesker ja alle gleich zu sein."
Alex gab keine Antwort. Sie rief ihre E- Mails auf und überflog die Bestellbestätigungen.
„Vielleicht sollte ich besser gehen", meinte Jake und begann, das Puzzle wieder in die Schachtel zu räumen. „Du hast ja meine Nummer. Wenn du was brauchst, dann melde dich."
Er legte Rachel zurück in den Tragekorb, packte seine Sachen zusammen und verließ das leere Büro. Alex klappte verärgert ihren Laptop zu. Es war schon halb fünf und sie musste noch mit dem Bus zurück nach Hause fahren. Sie ließ die Arbeit für heute ruhen und ging.
Der Jetlag machte Barry zu schaffen, sodass er völlig erschöpft zu Hause ankam. Es war Nachmittag. Kathy schloss ihn in die Arme und küsste ihn.
„Ich bin froh, dass du wieder da bist", sagte sie. „Euch ist doch nichts passiert, oder?"
„Nein, wir sind OK. Es ist alles gut gegangen", sagte Barry und legte seine Jacke ab.
„Und seid ihr weitergekommen?", wollte Kathy wissen, die ihrem Mann half, indem sie ihm seine Ausrüstung abnahm.
„Das ist eine gute Frage", meinte Barry mit einem Schmunzeln. „Das ganze wird mehr und mehr zu einem Krimi. Und wir müssen Detektiv spielen. Wir folgen nur irgendwelchen Spuren."
„Verstehe. Es gab aber keinen neuen Anschlag, oder?", fragte Kathy beunruhigt. „Die Nachrichten haben zwar nichts gesagt, aber…"
„Nein, zum Glück nicht. Wo ist Natalia?", sagte Barry. „Ist sie oben?"
„Nein", antwortete Kathy. „Du hast sie knapp verpasst. Sie ist vorhin losgegangen, weil sie in die Stadt fahren möchte. Da war sie in den letzten Tagen oft. Sie trifft sich mit Freundinnen aus der Schule."
„In die Stadt? Weißt du, wo sie hin will?"
„Nein, aber ich denke mal, dass sie in die Einkaufsstraße in die Geschäfte wollen. Sie muss die Buslinie fünf nehmen, glaube ich. Wieso fragst du?"
Barry antwortete nicht. Er fasste kurzerhand einen Entschluss. Er zog seine Jacke wieder an und nahm seine Autoschlüssel vom Schlüsselbrett.
„Wo willst du denn hin?", fragte Kathy entgeistert.
„Ich bin bald wieder da", sagte Barry nur, dann ließ er seine Frau ratlos im Flur zurück.
Barry benutzte nicht oft den Bus, aber er wusste zumindest wo die Haltestelle war. Er fuhr die Straße hinunter und kam gerade rechtzeitig an, als der Bus wegfuhr. In einigem Abstand folgte er dem Fahrzeug und hielt dabei Ausschau nach Natalia. An der Haltestelle, an der sie hätte eigentlich aussteigen sollen, wenn sie wirklich in die Stadt wollte, sah er sie aber nicht. Stattdessen verließ sie den Bus drei Straßen weiter in einer Gegend, wo nur Bürokomplexe standen. Wie er sich schon gedacht hatte, traf sie sich nicht mit ihren Schulfreundinnen. Sie hatte Kathy also angelogen.
Als er sie weiterverfolgte, sah er, dass sie ein Gebäude betrat. Es war genau die Adresse, die sie in der Zeitung angestrichen hatte. Er positionierte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, schaltete den Motor aus und wartete einige Zeit. Als Natalia nach einer halben Stunde nicht zurückgekehrt war, fuhr er wieder nach Hause.
Er erzählte Kathy nichts, denn er wollte seine Frau nicht beunruhigen. Für die nächste Zeit nahm er sich aber vor, dass er genauer verfolgen wollte, was Natalia wirklich tat.
