Kapitel 13
Hermine lag noch lange wach. Sie wollte keinen Atemzug von ihm verpassen, denn sie ahnte, dass es am Morgen so sein würde, als habe es diese Küsse nie gegeben.
Wahrscheinlich war es besser so.
Es war ein schwacher Moment und er würde sich morgen dafür verachten, eine Schülerin geküsst zu haben.
Würde er sie verachten?
Plötzlich ängstlich geworden presste sie noch enger an ihn.
Dass er sie noch immer festhielt, beruhigte sie zutiefst und sie kämpfte mit aller Macht darum, nicht dem drängenden Bedürfnis nachzugeben, seine Haut wieder mit ihren Lippen zu berühren.
Dean!
Wie ein Schlag traf sie die Erinnerung an ihren Klassenkameraden.
Seine Liebkosungen waren um einiges stürmischer gewesen, als die scheuen, zaghaften Berührungen Snapes und hatten sie doch nicht annähernd so sehr bewegt. Es schien ihr unvorstellbar, dass sie noch vor zwei Tagen...
Nein! Jede Empfindung für ihn war wie weggewischt und Hermine wusste, dass sie ihn nie wieder würde berühren können. Die Erinnerung an diese Nacht würde sie wie einen kostbaren Schatz in sich bergen.
Als sie erwachte, war sie wieder allein.
Sie vergrub ihre Nase für einen Moment in Snapes leerem Schlafsack und seufzte, als sein Duft sie noch einmal umhüllte. Dann setzte sie sich auf, schlug mit einer energischen Geste ihren Schlafsack zurück und schlüpfte in ihre Kleidung, ehe sie aus dem Zelt trat.
Snape saß am Feuer, ihr den Rücken zugewandt.
Als er sie hörte, hielt er eine Tasse mit Kaffee hoch.
Mit einem gehauchten "Danke" nahm sie sie entgegen und setzte sich ihm gegenüber auf einen Stein.
Eine Zeitlang starrte sie ins Feuer und nippte erst einige Male an dem heißen Getränk, bevor sie aufsah.
Sein Blick ruhte ruhig und ernst auf ihr.
Dann erwiderte er für einen kurzen Moment ihr schüchternes Lächeln und stand dann auf um zu beginnen, ihre Sachen zu packen.
Hermine leerte rasch ihre Tasse und half ihm.
Die Rückreise verlief glatt und ohne Probleme. Sie sprachen nicht viel.
Snape wirkte still und in sich gekehrt, doch als sie sich in der Eingangshalle voneinander trennten.
Das Schloss war leer, da gerade ein Quidditch-Spiel lief, und Hermine machte sich daran nachzuholen, was sie am Freitag im Unterricht verpasst hatte. Als sie hörte, dass der Gemeinschaftsraum sich wieder füllte, legte sie seufzend ihre Feder beiseite und machte sich auf, um Dean zu suchen. Er kam ihr mit einem freudigen Aufblitzen in den Augen entgegen und Hermine hasste sich dafür, was sie ihm antun musste. Sie reichte ihm die Hände um ihn auf Abstand zu halten, doch er beugte sich vor und hatte ihr rasch einen Kuss auf die Lippen gedrückt. Die Erinnerung an andere, schmalere Lippen drängte sich ihr unweigerlich auf und leise sagte sie: „Komm... ich muss mit dir reden..."
Seine Hand umfassend zog sie ihn mit sich aus dem Gemeinschaftsraum und setzte sich schließlich mit ihm unter einen Baum am See.
So behutsam wie möglich erklärte sie ihm, dass es ihr Leid tue, aber dass sie sich im Moment keinen festen Freund wünsche. Deans fassungsloses und zorniges Gesicht versetzte ihr einen Stich. Lange schwieg er.
„Es ist wegen Professor Snape, stimmts?", brachte er dann wütend hervor.
Hermine verkrampfte sich und sah erschrocken auf. Dean starrte auf den See hinaus und riss mit fahrigen Bewegungen Blätter von einem Zweig.
„Du hast Angst, dass er Gryffindor noch mehr Punkte abziehen könnte... dieser Fiesling..."
Sie entspannte sich wieder. „Nein...", flüsterte sie.
„Nein... das ist es nicht... es war falsch von mir, dich zu küssen... bitte sei mir nicht böse... "
Dean stand auf.
„Da verlangst du ein bisschen viel von mir... meinst du nicht?"
Wütend funkelte er sie an und stapfte dann davon, den Zweig weit von sich schleudernd. Hermine barg das Gesicht in den Händen und blieb noch lange auf dem Baumstamm sitzen.
ooooooo
Forschen
Schrittes ging er um den See herum. Er hatte es nicht mehr
ausgehalten unten an seinem Schreibtisch zu sitzen und sich wie ein
Tier im Käfig vorzukommen. Kurz entschlossen hatte er seine
gewohnte Arbeitskleidung angezogen und war zu einem Spaziergang um
den See aufgebrochen.
Wenn jemand fragen würde, würde er
einfach sagen dass er Aufsicht hatte. Immerhin war das
Quidditch-Spiel gerade beendet und eine Menge Schüler würden
den lauen Abend nutzen um noch eine Runde im See zu schwimmen oder
sich mit ihren Freunden zu treffen.
‚Um
in dunklen Ecken herum zu knutschen!', dachte er
misslaunig.
Dieser Gedanke brachte ihn direkt zu Hermine und Dean
Thomas. Er hatte den Jungen noch nie sonderlich gemocht, aber dass er
ausgerechnet ein Auge auf Hermine geworfen hatte, schmälerte
seine Chancen die Prüfung in Zaubertränke zu bestehen,
gewaltig.
Damit besaß er nämlich etwas sehr Kostbares und wusste es mit Sicherheit nicht einmal zu schätzen.
Severus fuhr sich mit der Hand über seine Lippen. Er musste sichergehen das ihre nicht mehr darauf lagen, so deutlich konnte er sie noch immer spüren. Am liebsten hätte er gestern alle Vernunft über Bord geworfen und sie einfach geliebt. Ihre sanften Berührungen hatte er nicht nur auf seiner Haut gespürt. Sie hatten sein Innerstes erreicht und ein kleines schwaches Feuer darin entflammt, das ihn nun wärmte. Er hatte schon einige Beziehungen gehabt, aber keine Frau hatte er jemals bis so tief in sein Herz und seinen Verstand gespürt, wie sie gestern. Ihre Küsse waren wie Honig auf seiner Seele gewesen. ‚Was will sie denn mit einem Trottel wie Thomas?', dachte er gereizt als er plötzlich erregtes Stimmengewirr vernahm.
„...war
falsch von mir, dich zu küssen... bitte sei mir nicht böse..".,
sagte die junge Frau, deren Stimme er überall erkannt hätte,
gerade.
„Da verlangst du ein bisschen viel von mir.. meinst du
nicht?", erwiderte der Junge, mit dem sie sprach, zornig. Einen
Moment später sah er Dean Thomas mit wutverzerrtem Gesicht
weggehen. Hatte sie ihm gerade den Laufpass gegeben? Seinem Gesicht
nach zu urteilen war das wohl der Fall. Etwas langsamer setzte er
seinen Weg fort und fand sie wenig später, auf einem Baumstamm
sitzend und auf den See blickend.
Am liebsten hätte er sie
wieder in seine Arme gerissen und sie geküsst, denn ihre Lippen
fehlten ihm bereits, obwohl er sie erst einmal gespürt hatte.
Stattdessen näherte er sich ihr langsam und sprach sie
ungewöhnlich sanft an.
„Miss Granger?", fragte er. Sie
hob den Kopf und sah ihn mit traurigem Blick an.
„Gehen Sie
zurück ins Schloss...", sagte er und erwiderte ihren Blick.
„Bitte...", fügte er leise hinzu und schluckte hart.
Für
einen Moment trafen sich ihre Blicke und etwas schien sich verändert
zu haben. In diesem Augenblick war Hogwarts weit weg und die
restliche Welt einfach nicht existent.
Dann unterbrach er den
Blickkontakt, indem er seine Augen schloss und ausatmete. Mit einem
schmal zusammengekniffenen Mund drehte er sich ruckartig von ihr weg
und ging eiligen Schrittes davon.
ooooooo
Hermine kehrte tief in Gedanken versunken zum Schloss zurück, nachdem Snape sie gebeten hatte zu gehen.
Dieser Blick...
Sie hatte sich geirrt. Nichts war vergessen. Sie musste nur die Augen schließen und sah ihn wieder vor sich, spürte ihn wieder an sich, fühlte, wie seine Hand sie berührte, wie sein Mund ihre Lippen liebkoste.
Es kam ihr sehr gelegen, dass alle glaubten, sie sei Deans wegen so abwesend. Tatsächlich hatte sie keinen Gedanken für ihn übrig, den alles in ihrem Kopf kreiste nur noch um diese festen schmalen Lippen, die sie auf ihren gespürt hatte. Es war unvernünftig, dass war ihr klar. Nie würde mehr sein, zwischen ihr und... Severus. Sie konnte nicht anders als ihn in Gedanken beim Vornamen zu nennen. Snape war ein anderer.
Severus war es, der mit diesen wenigen, sanften Küssen ihr Herz berührt hatte.
Nein... vorher schon... sie dachte an das prickelnde Gefühl, das seine Nähe im Schrank bei ihr ausgelöst hatte... und diese Umarmung an den Klippen von Bunglass... und dieses behütete Gefühl, als er sie instinktiv vor der Fledermaus in der Krypta beschützt hatte...
Glücklich verbrachte sie die Abende bei ihm.
Sie sprachen nicht viel, berührten nur die Runen-Thematik, doch ihr wollte es scheinen, als hätte sie sich nie zufriedener gefühlt, als wenn sie in seinem Wohnzimmer vor dem Kamin saß und las. Einzig dieses unvernünftige Sehnen nach Berührungen schmerzte sie, doch es war vermessen zu glauben, dass er sich ihr je wieder so nähern würde.
‚Severus', dachte sie, wenn sie ihn beobachtete, wie er mit seiner Brille im Sessel saß und Texte studierte, so ruhig und konzentriert... und so unglaublich attraktiv, dass sie sich auf die Lippen beißen musste, um nicht aufzuspringen und sich an ihn zu schmiegen, um ihm auch körperlich nahe zu sein. Denn sie fühlte sich ihm nahe. Trotz all der Distanz, die er so peinlich genau wahrte, fühlte sie sich ihm verbunden. Sie konnte ihm inzwischen seine Stimmung vom Gesicht ablesen, ohne dass er sprach und war dankbar für die Blicke stummen Verständnisses, die sie manchmal wechselten.
Als sie sich für die Entschlüsselung von Ehwaz verabredeten, wurde Hermine bewusst, dass sie kaum daran dachte, was die Visionen ihnen zeigen würden. Sie freute sich einzig und allein darauf, ihn wieder berühren zu dürfen. Mit freudig klopfendem Herzen stand sie an diesem Abend vor seiner Tür und wartete darauf, das er sie herein bitten würde.
ooooooo
Heute
hatte er beinahe den ganzen Tag an nichts anderes denken können
als daran, das sie heute wieder den Abend mit ihm verbringen würde…
wenn auch unfreiwillig.
Er hatte diesmal den Schmerztrank schon
vorbereitet und auf den kleinen Tisch am Kamin gestellt. Sie bewegte
sich diesmal so selbstverständlich in seinen Räumen, dass
er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Mit schnellen
Handgriffen richtete sie die beiden Kissen auf dem Boden her und
setzte sich.
Severus tat es ihr gleich und setzte sich im Schneidersitz ihr gegenüber auf das Kissen das sie für ihn vorbereitet hatte. Nachdem er Ehwaz in der Hand hielt, schuf er wieder den magischen Kreis um sie beide der es ihnen ermöglichte sich von der restlichen Welt loszulösen und die Botschaft der Rune zu empfangen.
Hermines
Fingerspitze zeichnete das M auf seine Stirn und er hatte das Gefühl,
als wäre sie dabei heute besonders vorsichtig.
Sie berührten
sich an den Händen und nach wenigen Momenten erschien das M vor
seinem inneren Auge.
Es löste sich langsam auf und nahm die Gestalt einer Figur an, die Ähnlichkeit mit einer spiegelverkehrten Eins hatte. Dann spürte er das vertraute Gefühl unendlich zu fallen und sah karges, weites Land, felsige Regionen mit spärlicher Vegetation, eine herrliche Küste mit steil aufragenden Felsen und eine wunderschöne große Grotte mit vielen unterirdischen Seen. Erst die vielen Mühlen und die kleinen Gässchen mit den urigen Häusern aus grob behauenen Steinen brachten ihn auf die Idee, das er sich in Portugal befand... dort würden sie also die nächste Rune suchen müssen. Das langsame Ausblenden der Bilder war ihm nun schon genauso vertraut wie die tiefe Schwärze die darauf folgte.
Als er seine Augen öffnete galt sein erster Blick Hermine. Wie gehabt schien sie noch zu schlafen.
Die Kopfschmerzen schienen mit jeder Vision schwächer zu werden. Trotzdem war er dankbar für den Becher mit dem Schmerztrank, den er in einem Zug ausleerte. Diesmal kniete er sich neben Hermine auf den Boden und barg sie vorsichtig in seinen Armen. Ihre rosigen Wangen zeigten ihm, dass ihr die Visionen auch immer weniger auszumachen schienen. Er hob sie wieder hoch und sog ihren Duft ein, den er seit der Nacht in dem kleinen Zelt so vermisst hatte. Vorsichtig legte er sie dieses Mal auf dem großen Sofa im Wohnzimmer ab und deckte sie mit seiner Decke zu.
Gerade wollte er weggehen, als er in der Bewegung innehielt und sich zu ihr umdrehte. Er hockte sich neben sie und betrachtete ihren Schlaf. Mit dem Zeigefinger strich er ihr wieder diese widerspenstige Strähne aus der Stirn, die sich immer aus ihrem Zopf löste und wegen der er sie im Unterricht so angeblafft hatte. Sein Finger wanderte weiter zu ihren Wangenknochen und ihrem Kinn. Er zögerte einen Moment und fuhr dann sacht über ihre Lippen. Wie weich und voll sie waren. Wie gut sie sich angefühlt hatten...
Mit düsterem Blick schüttelte er den Kopf über sich selbst und stand auf, um in sein privates Labor hinüber zu gehen.
ooooooo
Hermine schloss die Augen, als er die Rune auf ihre Stirn zeichnete, und es brauchte ein wenig länger, bis sich die Vision einstellen wollte, da sie mit aller Macht noch seine kühlen Hände in ihren spüren wollte.
Doch schließlich gewann Ehwaz die Beherrschung über sie, und sie sah, wie Laguz sich bildete und sie nach Portugal schickte. Hermine kannte die Landschaft, die sich ihr zeigte, denn sie war einmal mit ihren Eltern im Urlaub dort gewesen. Sie hatte jedoch kaum Zeit sich über das angenehme nächste Reiseziel zu freuen, als die inzwischen bekannte Schwärze sie einhüllte, und sie zu Boden sank.
Als sie erwachte registrierte sie verwirrt, dass sie dieses Mal nicht in seinem Bett lag, sondern auf der Couch. Seine Bettdecke war jedoch über sie gebreitet und verstohlen sog sie den Sandelholzduft ein, der von ihr ausging.
Severus war nicht zu sehen, doch sie hörte Geräusche aus dem angrenzenden Raum, der, wie sie wusste, sein Labor beherbergte. Auf dem Tischchen neben dem Sofa stand der Schmerztrank, den er ihr vor der Entschlüsselung gezeigt hatte. Sie angelte danach und leerte den Becher in großen Zügen. Dann ließ sie sich noch einmal zurücksinken, doch als sie hörte, dass er sich näherte, setzte sie sich rasch auf.
„Portugal...", sagte sie, als er sie fragend musterte.
Er nickte und sie erklärte: „Ich kenne die Gegend... ich war schon einmal da..."
„Lassen Sie uns morgen darüber sprechen.", meinte er leise.
Hermine senkte den Blick, starrte einen Augenblick lang auf den Boden und erhob sich dann.
„Gut.", sagte sie knapp und leise.„Danke für die Decke."
„Morgen Nachmittag dann?", wandte sie sich an der Tür noch einmal zu ihm um.
Da war er wieder.
Dieser beinahe wilde Blick , mit dem er sie ansah und der ihr durch und durch ging.
Gebannt blieb Hermine stehen, bis er sich räusperte, den Blickkontakt unterbrach und stumm nickte.
Am nächsten Nachmittag besprachen sie die Einzelheiten der Reise. Sie vermuteten, dass die große Grotte, die ihnen beiden besonders aufgefallen war, das Versteck von Laguz sein würde. Laguz stand unter anderem für Intuition und Unterbewusstsein.
Hermine hatte das ungewisse Gefühl, dass sie ihr Unterbewusstsein lieber gar nicht genauer betrachten sollte.
Doch sie machte sich frohen Herzens an die Vorbereitungen, und saß am Freitagnachmittag wieder in einem Flugzeug, das sie diesmal nach Lissabon bringen sollte. Am Flughafen mieteten sie sich ein Auto und Hermine kutschierte sie sicher in das kleine Dorf Condeixa, in dem Hermine zwei Zimmer in einer Pension gebucht hatte. Der kleine weiße Bau lag in den Hügeln versteckt, etwas entfernt vom Dorf gelegen. Unauffällig bleiben hieß die Devise und Hermine zuckte nur kurz zusammen, als Severus sie als seine Nichte vorstellte. Er konnte ja nicht wissen, dass das bei einem Mann in Begleitung einer jüngeren Frau in Muggelkreisen so viel hieß, wie „das ist meine heimliche Geliebte".
Das Grinsen der Pensionsbesitzerin, die ihnen augenzwinkernd zwei Schlüssel von benachbarten Zimmern aushändigte, ignorierte sie und beeilte sich ihr Zimmer zu erreichen, bevor auch sie sich ein breites Grinsen gönnte.
‚Er hätte das halt vorher mit mir absprechen sollen.', dachte sie, und freute sich darauf, ihm seinen Fauxpas bei Gelegenheit unter die Nase zu reiben.
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