Kapitel 13: Der Tod eines Verzweifelten
An diesem Morgen herrschte eine aufgeregte Stimmung in der Großen Halle. Der Grund dafür war, dass über den Magischen Rundfunk, MRF, und den Tagespropheten bekannt gegeben wurde, dass es in der Nacht von Halloween in den Bergen eine Schlacht zwischen den Partisanen des Phönixordens und den Todessern gegeben hatte. Über kaum etwas anderes wurde an diesem Tag so heftig debattiert. Nicht zuletzt, weil Dumbledore an diesem Morgen nicht zum Frühstück erschien. Das Regime gab nicht bekannt wie viele Männer auf beiden Seiten fielen, doch gab es Stimmen, die von einer Niederlage sprachen. Einige hingegen meinten, dass die Todesser ihren Sieg nur noch nicht bekannt geben wollten und andere, wie etwa Severus, enthielten sich völlig bei diesem Thema. Vor allem, weil er und Lucius das Gespräch zwischen Dumbledore und dem Fremden belauscht hatten. Was auch immer geschehen war, der Schulleiter hing bis über beide Ohren mit drin. Seine völlige Abwesendheit an diesem Morgen war Beweis genug.
Jason Murlahey, der zu Severus' Linken saß, schien ebenfalls nicht sehr interessiert zu sein, jedoch schien er sich insgeheim über die wilden Mutmaßungen seiner Mitschüler zu amüsieren.
„Es heißt, sie haben ganz in der Nähe gekämpft. Ob die Regierung jetzt Truppen hierher schickt?", mutmaßten einige Slytherins ganz in ihrer Nähe.
„Ja klar, die Todesser schauen morgen bei uns vorbei und bomben Dumbledore aus dem Schulleiterbüro.", witzelte Murlahey, doch Severus und Lucius war gar nicht zum Lachen zumute. Sie schwiegen sich so gut es ging über das Thema aus.
Als Schließlich die morgendliche Post eintraf erhielten viele Schüler besorgte Briefe von ihren Eltern. Auch Lucius. Es war selten, dass sein Vater Abraxas ihm schrieb.
„Und?", fragte Severus, der Hades gerade einen Brief von Jennifer aus dem Schnabel zog und diesen sofort unauffällig verschwinden ließ.
„Viele, herzliche Worte.", murrte Lucius. „Er meint ich solle mir keine Sorgen machen, da die Todesser schon wüssten, wie sie mit dem Pack umspringen müssen."
„Noch irgendwas?", fragte Severus, der nicht glauben wollte, dass das tatsächlich schon alles war. Lucius antwortete nicht sofort.
„Er sagt ich soll mich nicht falsch entscheiden."
Severus konnte sich schon denken was Abraxas meinte: Lucius sollte nicht in die Verlegenheit kommen sich von der Ideologie seiner Vorfahren abzuwenden. Dienen oder Tod. Das Schlimmste, was dem Hause Malfoy hätte passieren können, wäre ein Blutsverräter in ihren Reihen, der den Feind unterstützte. In diesem Fall hätte Abraxas Lucius wohl eigenhändig umgebracht.
Die Beiden erhoben sich, um zum Unterricht zu gehen. Während die Slytherins in das Zauberkunstzimmer strömten bemerkte Severus wie sich Murlahey in Luft auflöste. Er machte womöglich wieder einmal einen Abstecher nach irgendwohin.
Was er wohl jetzt wieder ausheckt?
Dir sollte es egal sein, Severus. Du hast schon genug Strafarbeiten auf dem Hals.
Er stimmte seiner inneren Stimme vollkommen zu und setzte sich auf seinen Stammplatz neben Lucius. Dieser tauschte gerade einen schüchternen Blick mit Narzissia aus.
Schließlich, nachdem sich alle gesetzt hatten, tippelte der kleinwüchsige Professor Flitwick in den Raum, der zudem der Hauslehrer von Ravenclaw war.
„Morgen.", rief er überschwänglich und stieg auf seinen allseits berühmten Bücherstapel, den er als Podest benutzt, um von jedem wahrgenommen zu werden.
„Morgen.", schallte es einwenig lustlos und monoton von der Klasse zurück.
„Aber, aber, wir haben doch gar keinen Grund so unmotiviert zu sein!", sagte Flitwick freudig und wollte gerade dazu ansetzen das heutige Stundenthema vorzustellen als seine Stimme von einem hysterischen Schrei übertönt wurde. Kurz darauf schwebte der Geist der Grauen Dame durch die Wand – und zu Severus' Pech mitten durch ihn hindurch, was bei ihm einen furchtbaren, frostigen Ekelreiz hervorrief.
„Meine Liebe, was haben Sie denn?", fragte Flitwick höflich.
„Da draußen … es ist furchtbar. Jemand hat etwas Furchtbares getan! Es ist …" Die Graue Dame hielt einen Moment inne und schauderte. „Blut! Jemand macht Witze über den Dunklen Lord – MIT – BLUUUUT!!!", kreischte sie hysterisch und schwebte davon.
Noch bevor der Geist seine letzten Worte ausgesprochen hatte stürmten die Schüler nach draußen, um das Ereignis zu sehen. Severus hingegen ließ sich eine menge Zeit dabei. Immerhin klang durch diese offensichtliche Schandtat – ja, diesen bösen, schlechten Witz – eine Ironie hindurch, wie sie nur Jason Murlahey aufweisen konnte.
Und als er es schließlich sah war er überzeugt; dies war das Werk von Jason Murlahey!
Die gegenüberliegende Flurwand war mit einer roten Flüssigkeit bespritzt, die man auf den ersten Blick für Blut hätte halten können, doch bei näherer Betrachtung wurde schnell klar, dass es sich nur um sehr viel, rote Farbe handelte. Zudem war damit eine bösartige Karikatur an die Mauer gepinselt worden. Ein Galgenmännchen, welches Lord Voldemort darstellte, über dem stand:
Wer hat Angst vorm schwarzen Voldemann?
Und unter dem blutigen Galgen folgte sogleich die Antwort.
NIEMAND!!!
Severus musste sich das Lachen verkneifen. In der Tat; ein sehr garstiger Witz, der sicher noch ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen würde.
Vielleicht treibt er es langsam wirklich zu weit?
Allerdings fragte er sich wie Murlahey es in den wenigen Minuten, die sie im Klassenzimmer waren geschafft hatte dieses Kunstwerk an die Wand zu pinseln. Höchstwahrscheinlich lag er auf der Lauer und hatte für die nötigen Beschwörungen nur wenige Augenblicke gebraucht. Mit dem Zauberstab war Murlahey ebenso flink und geschickt wie mit seinen Fäusten.
Schüler und Lehrer, die das Kreischen des Geistes ebenfalls vernommen hatten, eilten herbei und sondierten die Lage. Schockierte Blicke konkurrierten direkt mit aufgeregtem Getuschel und empörten Aufschreien.
Schließlich schafften es die Professoren ihre Schüler wieder halbwegs zu beruhigen und in die Klassenzimmer zurück zu schicken. Von Unterricht konnte nach diesem Ereignis natürlich nicht mehr die Rede sein. Alle redeten wirr durcheinander und tauschten ihre Theorien über den Übeltäter aus. Der kleine Professor Flitwick ging in diesem Chaos völlig unter und konnte sich erst durch einen roten Funkenregen wieder Gehör verschaffen.
„Ich bitte Sie, …", sagte Flitwick erschöpft. „… bewahren Sie die Ruhe. Ich bin mir sicher, dass man den Verantwortlichen finden und bestrafen wird." Doch dieser Standartsatz aller Pädagogen, die mit Ärger konfrontiert waren, bewirkte nur das Gegenteil.
„Was wenn es der Selbe war, der schon die Große Halle verzaubert hat?", rief ein Ravenclawmädchen aus der hinteren Reihe.
Worauf du Gift nehmen kannst! , dachte Severus vergnügt.
„Wer immer es war, meine Liebe, er wird für seinen Vandalismus zur Rechenschaft gezogen werden. Der Schulleiter duldet derlei Dinge nicht im Geringsten. Irgendwann wird man ihn erwischen und dann werden die Konsequenzen sehr ernst sein!", sagte Flitwick und fügte noch hinzu: „Und um Merlins Willen bete ich, dass es niemand aus meinem Haus ist." Er atmete tief durch und zog seinen Zauberstab. „Wenn wir nun unsere Gemüter beruhigen und mit dem Unterricht fortfahren könnten …"
Niemand erhob mehr das Wort, doch brach die Klasse des 6. Schuljahres 1978 den Rekord der 5. Klasse des Jahrgangs 1922 im „mies Zaubern", weil niemand wirklich beim Thema war und es sekündlich, aufgrund fehlgeschlagener Flüche, an allen Ecken und Enden krachte, explodierte und schepperte.
Als es schließlich zur Pause läutete verbreitete sich die Kunde von Murlaheys neuem Kunstwerk mit rasender Geschwindigkeit und kaum eine Stunde später wusste jeder im Schloss was vorgefallen war – auch wenn die Schilderung des Vorfalls von Mal zu Mal abenteuerlicher wurde.
Severus versuchte den gesamten Tag über mit Murlahey zu reden, doch er war wie vom Erdboden verschluckt. Erst spät Abends, als er zusammen mit Lucius von seiner täglichen Strafarbeit zurückkehrte – bei der sie Holkery helfen sollten das garstige Gemälde im Flur zu beseitigen, was natürlich völlig fehl schlug – war Murlahey anwesend. Er saß in einem der Sessel vor dem Kamin und las ein sehr alt wirkendes Buch.
Mit Schrecken sah Severus wie Lucius auf Murlahey zueilte, ihm das Buch entriss und ihm eine gehörige Ohrfeige verpasste.
„Du Arsch!", rief Lucius wütend. „Denkst du auch nur eine Sekunde nach bevor du irgendwas machst?!"
„Lucius, beruhige dich.", sagte Severus.
„Nein, werd ich nicht! Wegen diesem Wichser mussten wir uns für Holkery einen abschuften! Außerdem; wo warst du überhaupt?", wandte er sich an Murlahey. „Black war auch da, nur du nicht! Was ist? Hast du Schiss dein eigenes Geschmiere zu schrubben!?"
„Lucius!", versuchte Severus ihn erneut zu beruhigen, doch es klappte nicht.
„Nein, Sev! Dieser blöde Idiot sollte wenigstens den Mumm haben sich seinem eigenen Taten zu stellen."
„Oh, das sagt jetzt natürlich der Fachmann.", meldete sich Murlahey nun zu Wort. Seine Stimme war völlig ruhig. Lucius' Tirade schien ihm nicht im Geringsten zu interessieren. „Aber falls du es wirklich wissen willst, Malfoy; ich hatte ein Beratungsgespräch mit Professor Slughorn. Du kannst ihn danach fragen wenn du willst."
Eine peinliche Pause trat ein. Murlahey erhob sich, nahm Lucius sein Buch aus den Händen und verschwand in den Jungenschlafsaal.
„Toll gemacht.", gab Severus zu bedenken.
„Was denn?", fragte Lucius und setzte sich in den Sessel.
Severus wollte gerade etwas erwidern als ihn eine weibliche Stimme unterbrach.
„Lucius …" Es war Narzissa. „Hallo Severus.", begrüßte sie ihn knapp, aber freundlich. Lucius schien plötzlich anzuschwellen.
„Hallo.", sagte er. Die Beiden blickten sich an und Severus konnte in ihren Augen etwas ausmachen, das er zu gut von sich selbst kannte, wenn er mit Jennifer zusammen war.
„Nun, ich denke, ich lasse euch erstmal allein.", sagte Severus.
„Sev, du musst nicht …"
„Nein, nein, ist schon gut. Ich muss sowieso noch was Schulisches erledigen." Er zwinkerte Lucius verstohlen zu und verabschiedete sich von den Beiden. Severus ging in den Schlafsaal, wo er Jason Murlahey auf seinem Bett sitzend vorfand. Er saß da, völlig abwesend. Tränen liefen ihm über die Wangen und sein blondes, sonst so gepflegtes Haar, wirkte völlig wild und zerwühlt. Es erschütterte Severus seinen langjährigen Freund so zu sehen.
„Jason.", sagte er und Murlahey sah auf. Er rieb sich hastig mit den Händen über sein Gesicht, um die Tränen zu verbergen. Severus setzte sich auf das Bett ihm gegenüber. „Was ist …?"
„Glaubst du an Gott?", fragte Murlahey mit erstickter Stimme.
„Jason, was ist los?"
„Beantworte die Frage."
„Du weißt, dass ich Atheist bin."
Murlahey lachte hohl.
„Was ist los?", fragte Severus erneut. Er hatte Murlahey noch nie so zerrüttet erlebt.
„Ich werde abhauen. Noch vor Jahresende. Ich werde nicht zulassen, dass mich die Todesser holen und zu einen ihrer Sklaven machen." Er machte eine kurze Pause. „Ich werde mich nicht in die Dienste eines Wahnsinnigen stellen … und du solltest das auch nicht. Du kannst mich begleiten, wenn du willst."
„Jason …", sagte Severus schockiert. „Ich … Du weißt genau, dass ich das nicht kann."
„Hab erwartet, dass du das sagst. Denk aber immer daran, dass sie nicht ruhen werden bevor sie nicht das letzte, kleine Bisschen in dir zerstört haben."
„Ich werde es nicht zulassen.", sagte Severus. Er konnte Murlaheys Sorgen verstehen. Immerhin hatte er diese ebenfalls, aber er konnte sich den Todessern nicht entziehen und gleichzeitig am Leben bleiben. Murlahey hatte sich für den sicheren Tod entschieden und das erschütterte Severus zutiefst. Andererseits … Nichts war so sicher, wie der Tod.
„Was wollte Slughorn eigentlich von dir?"
„Hmpf, Der!", bemerkte Murlahey abfällig. „Na ja, nachdem es der Rekrutierungsoffizier in den Ferien es nicht geschafft hat mich für die Streitkräfte zu begeistern, hat das Regime offenbar Druck bei den Lehrern gemacht. Slughorn meinte ich solle nicht mein ganzes Leben wegwerfen und mich bei den Truppen melden. Dieser linientreue Heuchler!" Murlahey trat wütend gegen den Nachttisch. „Er ist so verbogen vor Angst, weil er denkt, dass die Todesser wegen seinen Beziehungen zum Phönixorden irgendwann vor seiner Tür auftauchen, dass er viele dazu drängt den Truppen beizutreten."
„Was?", fragte Severus ungläubig. „Slughorn ist nicht der Typ, der Stellung bezieht."
„Hat er aber. Als er den Slug-Club vor ein paar Wochen versammelte hat er allen Anwesenden geraten sich öffentlich für das Regime auszusprechen."
„Ich hab ja gar keine Einladung bekommen.", meinte Severus mit gespielter Trauer.
„Er ist nicht mehr so gut auf dich zu sprechen, Sev.", sagte Murlahey.
„Ach was? Das Zaubertrankgenie ist wohl nicht mehr so anziehend, seitdem es sich emotional nicht mehr unter Kontrolle hat?", sagte Severus mit unterschwelligem Sarkasmus.
„Du hast es erfasst."
„Wie tragisch."
Die Beiden prusteten los. In dem Moment als sie sich über Severus' Ungnade bei Slughorn amüsierten vergaßen sie ihre politischen Probleme vollkommen und genossen ihn – diesen kurzen, aber süßen Augenblick.
„Jaa.", machte Murlahey und wirkte nun fast wieder wie der Alte. „War 'ne tolle Zeit hier."
„Du willst also wirklich gehen?", fragte Severus ernst. Er hatte immer noch die geringe Hoffnung, dass es sich Murlahey noch einmal überlegen würde.
„Ja, ich denke es wird im Frühling oder Anfang Sommer geschehen. Ich muss noch ein paar Vorbereitungen treffen. Aber wie gesagt, Severus, du kannst mich begleiten."
Severus atmete schwer und bedrückt.
Warum gibt keine andere Möglichkeit, außer dienen oder sterben? Ich bin nicht bereit zum Sterben – noch nicht.
„Was wirst du dann tun? Willst du dem Widerstand beitreten?", fragte Severus.
„Mich unter die Fittiche von Dumbledore nehmen lassen? Nein, ganz sicher nicht. Wenn du mich fragst ist der Phönixorden nicht sehr viel besser als das Regime. Im Krieg ist niemand besser." Murlahey strich sich über sein stoppeliges Kinn.
„Willst du dich verstecken?", fragte Severus.
„So was in der Art.", meinte Murlahey. „Aber ich werde nicht untätig sein. Nein, das werde ich nicht, denn die Todesser kann man nicht aussitzen. Leider Gottes sind sie kein Unwetter, das vorbei geht, sondern vielmehr wie die Pest im Mittelalter. Und ich fürchte sie wird uns alle dahinraffen." Murlahey warf den Kopf nach hinten und lachte freundlos. „Na ja, es sei denn, du kennst eine Impfung gegen Todessertum."
Severus blickte seinen Freund nachdenklich an. Er hatte Recht. Es gab kein Gegenmittel, keine Heilung gegen den Wahnsinn den Voldemort verbreitete.
Dienen oder Tod. Das war die einzige Wahl, die es gab. Alles, was außerhalb davon lag war bedeutungslos. Liebe. Familie. Werte. Das alles spielte keine Rolle in Voldemorts Welt. In der Welt, die dieser Mann geschaffen hatte gab es nur zwei Dinge, die von Interesse waren: Blut und Loyalität. Konnte man eines von beiden nicht aufweißen hatte man sein Todesurteil unterzeichnet.
Und Severus … Wo stand er in dieser Welt? Irgendwo in der Nähe des Grabes, denn er war schlimmer als Schlammblüter und Verräter. Er war indifferent.
Ich bin ein Gedankenverbrecher.
So ist es!
Cain betrat zusammen mit dem Halbriesen Ragnar die Zelle, in die sie den Todesser gesperrt hatten. Dieser lag zusammengekrümmt auf dem Boden, an Händen und Füßen gefesselt wie ein Lamm, dass man zur Schlachtbank tragen wollte. Der Mann rührte sich nicht. Die Kälte und der Hunger hatten ihn gefügig gemacht. Dumbledore selbst war es gewesen, der ihnen befohlen hatte ihrem Gefangenen nichts zu Essen zu bringen.
Ragnar trat auf den Todesser zu. Er hielt einen Spaten in seinen gewaltigen Pranken und ließ diesen vor dem Mann auf den Boden fallen.
„Du wirst uns helfen einen Toten zu begraben.", sagte Ragnar und zog seinen Zauberstab. Er löste die Fesseln des Manns und zerrte ihn auf die Beine. Ohne Widerworte hob der Todesser den Spaten vom Boden auf. Cain verband ihm die Augen und führte ihn, zusammen mit Ragnar, bis zu einem der Tunnelausgänge, die tief im Wald lagen. Sie gingen bis zu einer kleinen Lichtung. Der Boden war aufgewühlt und zerfurcht; das Werk von Wildschweinen, die nach Würmern und Pilzen gesucht hatten.
Cain nahm dem Mann die Augenbinde ab. Der Todesser sah sich ängstlich um.
„Wen soll ich begraben?"
Cain antwortete nicht.
„Wie groß bist du?", fragte Ragnar, der sich an einen Baum lehnte und ein Päckchen Zigaretten aus seiner Manteltasche zog.
„1 Meter 80"
„Gut, dann machst du das Grab genauso lang und so breit wie du bist und gräbst 3 Meter tief."
Ihrem Gefangenen schien zu dämmern wer hier begraben werden sollte und schluckte heftig.
„Das könnt ihr nicht machen.", winselte er.
„Und ob wir können.", antwortete Ragnar, steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an. Cain sagte immer noch nichts.
„Ich bitte euch; habt Gnade."
„Gnade?", fragte Ragnar ungläubig. Er ging auf den Todesser zu, der nun auf die Knie sank. Er zitterte und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Hast du irgendjemanden Gnade gewährt? Hat irgendeiner deiner Todesserfreunde unseren Kameraden Gnade gewährt?"
„Ich bitte euch …", winselte der Mann. Ragnars riesige Faust knallte ihm unvermittelt ins Gesicht und er wurde von den Knien gerissen. Der Todesser fiel zur Seite auf den von Laub, Moos und Blättern übersäten Boden. Aus seiner Nase rann Blut.
„KEINER VON EUCH TODESSERSCHWEINEN HAT GNADE VERDIENT!", schrie Ragnar zornig und trat ihren am Boden liegenden Gefangenen in den Bauch. Der Mann krümmte sich unter dem wuchtigen Stiefeltritt des Halbriesen und gab einen erstickten Laut von sich.
„Ragnar!", rief Cain seinen Mitstreiter zur Ordnung. „Lass ihn."
Ragnar ließ von dem Todesser ab und spuckte angewidert aus.
„Jetzt grab!", sagte er in einem bedrohlichem Ton. Der Mann kroch wimmernd zum Spaten, der unweit von ihm lag, und rappelte sich auf die Beine. Zögernd und voller Furcht stieß er die Schaufel in den weichen Waldboden und begann sich sein eigenes Grab zu schaufeln.
Es dauerte Stunden bis der Todesser die Grube ausgehoben hatte. Sie hätten das Ganze mit Magie beschleunigen können, doch auch das war ein Befehl Dumbledores. Bevor er starb sollte dieser Mann noch die größte Demütigung erhalten, die es für einen Magier seines Schlags geben konnte: Die Arbeit mit den eigenen Händen. Arbeit, wie sie sonst nur Muggel verrichten mussten.
Jedoch merkte Cain schon nach wenigen Schaufelhieben des Manns, dass dieser im Umgang mit einem Spaten ungewöhnlich geübt war.
„Wie ist dein Blutstatus?", fragte Cain ihn.
„Ich bin Halbblüter.", antwortete der Todesser zögernd.
„Und wer war der Muggel in eurer Familie?"
„Mein Vater."
„Hat er dir den Umgang mit einer Schaufel beigebracht?"
Der Todesser antwortete nicht sofort, sondern stieß den Spaten hart in die Erde.
„Ja. Er … er war Landwirt und unsere Familie hat einen Hof. Ich … Ich musste ihm öfters auf dem Feld helfen."
„Sieh mal einer an.", höhnte Ragnar. „Ein dreckiger Muggelhasser, der selbst in der Erde gewühlt hat. Wie herzergreifend!"
Der Mann hielt inne und sah zu dem Halbriesen auf.
„Ich stehe nicht hinter der Ideologie des Schwarzen Lords."
„Tja, wenn ich an deiner Stelle wäre hätte ich das wohl auch gesagt.", machte sich Ragnar über den Todesser lustig.
„Es ist wahr. Ich bin nicht freiwillig in der Armee."
„Oh natürlich."
„Es ist so!", sagte der Todesser unsicher. „Ich wurde Zwangsrekrutiert."
„Und warum hast du die Streitkräfte nach der Grundausbildung nicht verlassen? Ich war auch in der Armee.", sagte Cain.
„Ich brauchte ein festes Auskommen. Es ist schwer außerhalb der Streitkräfte einen Job zu bekommen, wenn man nicht gut genug ist."
„Also dachtest du, dass es dir als Frontschwein besser geht?", fragte Cain. Der Todesser nickte. Sie schwiegen. Der Mann grub weiter. Als er schließlich die Grube tief genug ausgehoben hatte ging Ragnar um das Grab herum und zog seinen Zauberstab.
„Nein!", sagte der Todesser verzweifelt. „Nein. Nein, bitte tut das nicht. Ich flehe euch an! Ich … ich habe nichts Böses getan!"
Ragnar begann leise zu lachen.
„Es geht nicht darum, ob du etwas getan hast. Es geht darum, dass du zum Feind gehörst und Dinge gesehen und gehört hast, die wir leider nicht in der Weltgeschichte herumposaunen können."
„Ich habe Kinder."
„Na und? Was glaubst du, was unsere Kameraden hatten? Sie alle waren Väter, Söhne, Brüder und Freunde! Wer zum Teufel fragt nach ihnen?", rief Ragnar wütend.
„Das könnt ihr doch nicht tun!", winselte der Mann voller Verzweiflung. Er versuchte aus dem Grab zu klettern, doch Ragnar trat ihm mit dem Stiefel gegen den Kopf. Der Todesser landete unter einem Aufschrei auf dem Boden der Grube.
„Du bist jetzt genau dort wo du und deinesgleichen hingehört!" Ragnar hob den Zauberstab.
Cain hätte einschreiten können. Es verhindern können, doch er sah nur weg als sich der grüne Lichtblitz in den Leib dieses armseligen, verzweifelten Mannes bohrte. Der dumpfe Aufschlag des leblosen Körpers dieses Menschen war alles, was noch von seiner Existenz zeugte. Der Halbriese richtete den Zauberstab auf den Erdhaufen neben dem Grab und füllte die Grube, durch einen Schlenker seines Stabes, damit.
„Was ist?", fragte Ragnar schließlich.
„Hatten wir wirklich das Recht dazu?"
„Natürlich. Er war der Feind, Cain! Er hätte uns ebenso getötet." Ragnar klopfte ihm im Vorbeigehen herzhaft auf die Schulter. „Komm schon, vergiss ihn. War doch nur ein Todesser. Die sind weniger Wert als Küchenschaben. Hmm, ich bin gespannt was es zum Abendessen gibt? Was meinst du? Ob Marc es geschafft hat einen Hirsch zu erlegen? Wär doch mal was. Ich hab es satt von Gemüse und Brot leben zu müssen."
Cain sagte nichts darauf, doch er war sich sicher, dass ihm der Braten nicht schmecken würde. Er war bei solchen Sachen nicht so hart verpackt wie Ragnar. Der Halbriese konnte sein Gewissen und seine Emotionen sehr gut abschalten. Deshalb konnte er auch früh auf eine Hinrichtung gehen und sich gleich danach mit dem Henker im Pub gemütlich einen hinter die Binde kippen. Bei Cain war das genau umgekehrt. Ihn verfolgte jeder Tote bis tief in die Nacht und auch heute würde er sich mit Sicherheit unruhig im Schlaf herumwälzen.
Die nächsten Wochen vergingen für Severus Snape wie im Fluge – nicht zuletzt, weil es auf Weihnachten zuging und die Lehrer sie stärker forderten als sonst. Er steckte wahrlich bis zum Hals in Hausaufgaben. Da kamen ihm die Abende im Fight Club gerade recht. Jedoch wurde Jason Murlahey von Tag zu Tag schweigsamer und nachdenklicher. Zudem ließ er auf einem ihrer Treffen Ende November fallen, dass er bald einen Nachfolger bestimmen würde. Severus konnte sich schon vorstellen auf wen die Wahl fallen würde, doch er war sich nicht sicher, ob er diese Verantwortung tragen könne. Er würde niemals wie Murlahey werden. Er hatte immer zu ihm aufgeschaut und ihn bewundert für seine Standhaftigkeit und seine Überzeugungen. Würde Severus überhaupt in der Lage sein Ähnliches zu vollbringen? Würde er Murlaheys Traum, seine Vision, anderen Menschen vermitteln können? Er hatte noch nie irgendjemanden in etwas unterrichtet. Er wusste nicht, ob er sich durch Worte Respekt verschaffen konnte. Ehrlich gesagt, bezweifelte er stark, dass er zu so etwas in der Lage war.
Während er seine Zeit damit verbrachte darüber nachzugrübeln brach der Winter an. Anfang Dezember gab es den ersten Schnee und Hogwarts und seine Ländereien verschwanden in meterhohen Schneewehen.
Die Weihnachtsferien standen kurz vor der Tür und Professor Slughorn ließ im Gemeinschaftsraum der Slytherins eine Liste herumgehen in die sich alle Schüler einschreiben sollten, die über die Ferien in Hogwarts blieben. Severus ignorierte sie vollkommen. Tatsächlich freute er sich ein bisschen auf seine Heimkehr. Dann würde er Jennifer endlich wieder sehen. Dieser Umstand ließ ihn sogar vergessen, dass es das erste Weihnachten ohne seine Mutter sein würde und das er deshalb Tobias helfen musste wo er nur konnte. Zudem würden sie über die Feiertage zu ihren Verwandten nach Cardiff fahren – wie jedes Jahr. Severus grauste es zwar schon vor dem diesjährigen Zusammentreffen der Familien Prince und Snape – nicht zuletzt, weil beide Verwandtschaften sich nicht sonderlich gut leiden konnten –, doch die drei Tage würde er schon halbwegs überstehen.
Er saß im menschenleeren Schlafsaal und las Jennifers letzten Brief.
Hi Sev,
Sie waren inzwischen dazu übergegangen ihre Namen abzukürzen.
Es wäre wirklich toll, wenn du in den Ferien bei mir sein könntest. Weißt du schon, wann du aus Cardiff zurückkommst? Du kannst ja mal spontan vorbeikommen, wenn du wieder da bist. Meine Eltern würden sich freuen, wenn sie dich kennen lernen könnten. Ed hat es als Erster ausgeplappert indem er dich in Gegenwart von Dad als „unser mysteriöser Besucher" betitelte. Jetzt sind natürlich alle ganz wild darauf, dass ich dich vorstelle. Aber mach dir deswegen keine Sorgen. Bis es soweit ist werde ich Brain und Frank noch einwenig bearbeiten, damit sie sich nicht gar so militant aufführen.
Ich hoffe wirklich, dass wir uns bald wieder sehen.
In freudiger Erwartung,
Jan
Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen faltete er den Brief zusammen und verstaute ihn, wie all die anderen Briefe, in den untersten Winkeln seines Koffers.
So betrüblich die Situation in Hogwarts auch war, die Aussicht auf knapp elf Tage, die er, fernab der Zaubererschaften, mit Jennifer verbringen konnte hellte seine Stimmung ungemein auf. So sehr, dass ihm nicht einmal die Pöbeleien von Potters Clique die letzten Tage im Schloss vermiesen konnten.
