Kapitel 13

The challenger

Auf Zehenspitzen schlich Hermine durch die langen, verlassenen Gänge von Hogwarts. Die Schüler hatten offensichtlich andere Dinge zu tun, als hier herumzulungern. Sehr zu ihrem Vorteil, denn je weniger sie auffiel, umso besser.

Als sie schließlich dem Griffindor-Gemeinschaftsraum näher kam und mit dem ehemaligen Schüler Cormac McLaggen zusammen stieß, verließ sie jedoch das Glück.

Hermine war überrascht, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.

„Hallo Cormac!", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln auf den Lippen. „Was tust du hier?"

Seine Überheblichkeit strahlte wie immer weit über sein Gesicht hinaus. „Granger, richtig?", fragte er laut.

Ouch!

Ihr Lächeln verschwand genauso schnell, wie es aufgetaucht war. Es war klar, dass er ihren Namen vergessen hatte. „Für dich Hermine", schnappte sie zurück.

„Ja richtig. Ich bin geschäftlich für das Ministerium hier."

Natürlich ist er das, typisch für diesen Angeber.

„Das ist toll!", rief sie aus.

„Ich habe gehört, du hast geheiratet", bemerkte er neugierig.

Hermine stutzte. Kein Wunder, dass er Bescheid wusste, wenn er für das Ministerium tätig war. Sie nickte verlegen, ihr Kopf war schon wieder mal hochrot angelaufen.

„Und? Wie ist es so, mit einem alten Mann zusammen zu sein?", fragte er spitz und kam näher.

Au weh! Nicht schon wieder.

Sie bekam eine Gänsehaut, böse Erinnerungen wurden in ihr wach.

„Er ist nicht so alt", sagte sie kleinlaut und machte unsicher einen Schritt zurück, doch er folgte ihr.

„Siebenunddreißig, oder? Das ist beachtlich, findest du nicht?"

Jetzt stand er wirklich nah. Sie zuckte beunruhigt mit den Schultern und trat einen weiteren Schritt von ihm zurück. Er folgte ihr prompt.

„Und was machst du hier, so weit weg von den Kerkern?", fragte er eindringlich.

Hermine fühlte sich deutlich unwohl, doch das schien ihn nicht zu stören. Sie stolperte rückwärts und stieß gegen die Wand. Jetzt gab es kein Entkommen mehr. Er würde sie nicht eher in Ruhe lassen, bis er das bekommen hatte, was er wollte. Und sie wusste, was er wollte.

„Ich muss in den Gemeinschaftsraum und …" Sie hielt inne, er hörte ohnehin nicht zu.

„Du schuldest mir noch einen Kuss, Granger."

Da! Jetzt hat er es geschnallt.

Sie konnte seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren. Plötzlich fiel ihr wieder ein, warum sie ihn nie so richtig gemocht hatte. Er war einfach zu aufdringlich gewesen. Unangenehme Erinnerungen an die Weihnachtsparty in ihrem letzten Schuljahr blitzten vor ihrem inneren Auge auf.

„Ich heiße Hermine, Cormac", gab sie steif zurück. „Und ich sehe hier nirgendwo einen Mistelzweig, du vielleicht?"

„Das lässt sich ändern", grinste er selbstzufrieden.

Hermine hielt den Atem an. Sie steckte in einer Zwickmühle und fingerte vorsichtig nach dem Zauberstab, der in ihrer Hosentasche steckte.

„Aber eigentlich brauchen wir den gar nicht, oder Granger? Und deinen Zauberstab brauchst du auch nicht!" Schon hatte er ihn ihr aus der Hand geschnappt.

Oh, oh!

Sie rollte mit den Augen. „War nett, dich zu treffen, aber ich muss jetzt wirklich gehen, Cormac." Sie versuchte es auf die freundliche Art und lächelte verlegen. „Würdest du mir bitte meinen Zauberstab wieder geben?"

Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen. „Nicht so eilig, du schlüpfriges Biest. Du schuldest mir einen Kuss und den werde ich mir jetzt holen."

Ehe sie etwas unternehmen konnte, hatte er seine Arme um sie geschlungen und seine Lippen auf ihre gepresst.

Nicht gut!

Viel zu nass!

„Corm …", weiter kam sie nicht, seine Zunge steckte viel zu tief in ihrem Mund.

Oh nein! Wenn das der Professor erfährt!

Hermine hielt den Atem an. Er war eindeutig nicht ihr Typ, das stellte sie sofort fest. Er schmeckte irgendwie seltsam.

Verzweifelt versuchte sie, ihn von sich wegzudrücken. Vergeblich.

Endlich ließ er von ihr ab und sie rang nach Luft.

„Cormac!", brüllte sie außer sich. „Was sollte das?" Angewidert wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund.

Er grinste sie mit feuchten Lippen an. „Das war doch bestimmt besser als das, was dir dein Mann zu bieten hat", bemerkte er überheblich. „Ich wette, er wird nicht mal mehr hart …"

Er lachte höllisch auf. Hermine duckte sich und wollte unter ihm hindurch verschwinden, doch er hielt sie an den Armen fest.

„Habe ich recht, Granger?", setzte er nach.

So langsam aber sicher wurde sie richtig wütend. „Nein, Cormac, du irrst dich!", schimpfte sie. „Er ist hart wie ein Fels. Aber was verstehst du schon davon? Professor Snape ist wenigstens ein Mann, was man von dir nicht gerade behaupten kann. Und jetzt gib mir endlich meinen Zauberstab wieder, ich muss wirklich …" Sie verstummte und schlug die Hand vor den Mund. Plötzlich wurde sie kreidebleich.

„Was ist denn los, Granger?", fragte er überrascht. „Hat es dir bei unserem Kuss die Sprache verschlagen?"

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf, hob ihre Hand und deutete mit zittrigem Zeigefinger gerade aus. Er ließ seine Arme sinken und drehte sich um. Dann schluckte er gequält.

„Professor Snape …"

Snapes Brustkorb bebte vor Zorn, seine Augen glühten den jungen Mann an. „McLaggen, richtig?", fragte er mit öliger Stimme.

„Ja, Sir", antwortete Cormac kleinlaut. Plötzlich war er nicht mehr so überheblich. Auch sein Gesicht hatte deutlich an Farbe verloren.

Hermine schlug das Herz bis zum Hals.

Verdammt!

Wie viel, von dem was geschehen war, hatte er wohl gesehen?

Sie drückte sich an McLaggen vorbei und stellte sich verunsichert neben Snape. Seine Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie und ein eigenartiges Grinsen legte sich über sein Gesicht. Hermine hielt gespannt den Atem an.

„Wenn Sie uns entschuldigen, McLaggen, aber ich muss Ihnen leider meine Frau entführen", sagte er mit leiser aber eindringlicher Stimme.

Cormac nickte verdattert. „Ja, Sir."

Jetzt war auch der letzte Rest Farbe aus seinem Gesicht verschwunden.

Snape streckte seine Hand aus und murmelte leise vor sich hin. Im selben Moment schoss Hermines Zauberstab aus Cormacs Hand und sauste auf ihn zu.

Cormac riss die Augen auf, wagte es aber nicht, etwas zu unternehmen.

Snape fing geschickt den Zauberstab und steckte ihn in seinen Umhang.

Hermine sah beschämt zu ihrem Mann auf.

Vielleicht war es dieser Blick, der ihn alles vergessen ließ. Jedenfalls war es mit seiner Ruhe schlagartig vorbei.

Er stieß Hermine unsanft zur Seite und machte einen Satz auf McLaggen zu. Dann packte er ihn am Kragen und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Hermine stockte der Atem, als sie sah, wie viel Kraft wirklich in ihm steckte. Er sah aus wie ein wildes Tier und ließ Cormac keine Gelegenheit, sich zu wehren. Es musste ein Wunder sein, wenn der junge Mann mit blauen Flecken davon kommen würde.

„Ich rate Ihnen, bis in alle Ewigkeit einen Bogen um mich zu machen", knurrte Snape mit gefletschten Zähnen in Cormacs Ohr. „Es sei denn, Sie legen Wert darauf, Stück für Stück ins Ministerium zurück zu kehren."

Seine Worte waren so eindringlich, dass Hermine schauderte. Sie legte besorgt die Stirn in Falten. Er wusste also davon, dass Cormac für das Ministerium tätig war und sie hoffte inständig, dass er es nicht erst vorhin auf diesem Gang erfahren hatte…

Snape lockerte seinen Griff und ließ McLaggen los. Der rannte, so schnell er konnte, davon, ohne sich umzusehen. Dann packte Snape Hermine am Ellenbogen und schleifte sie wortlos hinter sich her in die Kerker.

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„Sind Sie jetzt total übergeschnappt?", spuckte er, als Hermine mit verschränkten Armen auf dem Bett saß. Er sah immer noch wild aus. Seine langen Haarsträhnen hingen ihm ungezähmt in die Augen. „Wir stehen beide unter Arrest! Die ganze Schule weiß, dass wir verheiratet sind und Sie schnappen sich den erstbesten Typen, der Ihnen über den Weg läuft und knutschen in aller Öffentlichkeit mit ihm herum."

„Wenn Sie die Öffentlichkeit meinen, reden Sie dann von sich selbst?", schnappte sie zurück.

„Das ist nicht komisch, Granger!"

„Entspannen Sie sich endlich! Niemand hat es gesehen. Sie sind ja nur sauer, weil Sie ihm keine Strafe aufbrummen konnten, aus dem einfachen Grund, dass wir unter Arrest stehen und jeder davon erfahren könnte, dass wir die Kerker verlassen haben!"

Er fletschte die Zähne. „Glauben Sie mir, ich hätte ihn mit dem größten Vergnügen drei Monate nachsitzen lassen, aber er arbeitet jetzt für das Ministerium, Granger!"

Sie zitterte bei der Art und Weise, wie er ihren Namen aussprach. „Ich weiß", antwortete sie leise.

„Tatsächlich?", fragte er zynisch. „Wissen Sie auch, wie ich dastehe, wenn das herauskommt, was da zwischen Ihnen geschehen ist? Haben Sie vielleicht auch nur eine winzig kleine Sekunde darüber nachgedacht, was das für ein Bild auf mich wirft? Nein! Natürlich nicht, denn Sie sind ja Miss Granger."

„Was soll das nun wieder heißen?", schnaubte sie. „Es war vollkommen harmlos, wirklich. Cormac ist so ein Idiot!" Sie plapperte munter drauf los. „Er war der Meinung, ich schulde ihm noch einen Kuss, seit ich einmal mit ihm ausgegangen bin und mich dann ständig davor gedrückt habe."

Snape hatte inzwischen steif die Arme verschränkt und rollte mit den Augen. Sein Gesicht sah seltsam verzerrt aus.

„Es ist nicht meine Schuld, Professor. Wirklich nicht!", beteuerte sie mit Tränen in den Augen. Sein Anblick jagte ihr Angst ein. „Er hat mich einfach geküsst." Sie schauderte. „Und es war widerlich! So ähnlich, als würde man von einem Hund abgeleckt." Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen, ohne etwas zu erwidern. „Außerdem haben Sie selbst gesagt, dass ich mir einen jugendlichen Liebhaber suchen soll, weil Sie ja kein Interesse an mir haben ..."

Er räusperte sich. „Sind Sie jetzt endlich fertig?"

Seine Augenbraue war bis zum Anschlag hochgezogen. Hermine starrte ihn fragend an und wartete darauf, was er sagen würde.

„Glauben Sie, es interessiert mich, mit wem Sie rumknutschen?", fragte er belustigt.

„Etwa nicht?"

„Nein!"

„Aber …" Sie war durcheinander. Warum veranstaltete er dann dieses Theater?

„Kein aber, Granger. Das nächste Mal verhalten Sie sich gefälligst unauffälliger, wenn Sie nicht entdeckt werden wollen!"

Es traf sie so hart wie eine Ohrfeige. Wenn das stimmte, was er gesagt hatte, war er wirklich nicht an ihr interessiert.

„Warum sagen Sie das?", fragte sie verletzt. „Und warum sind Sie mir überhaupt nachgegangen?"

Er lächelte steif. „Tut mir leid, Sie zu enttäuschen, Granger. Aber es gibt durchaus andere Dinge, die ich zu erledigen habe, als Ihnen nachzulaufen."

Sie sah beleidigt aus von seiner Antwort. „Die da wären?"

„Ich arbeite hier, falls Sie es nicht glauben."

„Aber Sie hatten Hausarrest!", schimpfte sie los.

„Genauso wie Sie." Er starrte sie streng an.

„Sie hätten mich aufhalten können!", schrie sie außer sich.

„Das wäre mir nie in den Sinn gekommen."

Hermine war am Rande eines Zusammenbruchs. Es war alles zu viel für sie. „Wieso nicht?", fragte sie verzweifelt. „Wieso können Sie nicht einfach von Ihrem hohen Ross runter kommen und versuchen ein Freund zu sein?"

Er fischte ihren Zauberstab aus seinem Umhang hervor und warf ihn neben sie auf das Bett. Seine Augen sahen sie eindringlich an. „Ich war immer Ihr Professor, Granger. Und ich werde nie etwas anderes sein." Nach diesen Worten wandte er sich von ihr ab und sank in seinem Sessel nieder.